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Biagio Martini ist ein erfolgreicher Anwalt, hat aber Angst vor Gewittern, und die Erinnerung an das, was im alten Haus am Fluss geschah, als er ein Kind war, zerfrisst ihn. Agata Rubino dagegen ist eine furchtlose, mutige Frau. Sie hat vor nichts Angst, während sie auf denjenigen Jagd macht, der ihr Leben zerstört hat. Biagio und Agata kennen sich nicht, sind sich niemals begegnet und wissen nicht, dass ihre Schicksale unweigerlich miteinander verknüpft sind.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gianluca Arrighi
Das Haus Am Fluss
Copyright 2025 - Edizioni MEA
Übersetzt von Ulrike Sengfelder
Veröffentlicht von Tektime
www.tektime.it
Dem großartigen Rechtsanwalt Leonardo Casu,
einem treuen und mutigen Freund
Biagio Martini saß unter dem Pavillon des großen Gartens seiner Drei-Millionen-Euro-Villa. Er war ein etablierter Anwalt für Zivilrecht, hatte viele Neider, war seit fünfzehn Jahren mit derselben Frau verheiratet und hatte zwei intelligente, gut geratene Töchter. Seine Kanzlei lief so gut, dass er in jenem Halbjahr zwei weitere Anwälte hatte einstellen müssen, sodass es jetzt insgesamt fünf waren. Er saß da auf seinem Anwesen, in der Hand ein Glas Yamazaki, ein raffinierter japanischer Whisky, sein Lieblingstropfen. Seine Frau war neben ihm, die Mädchen spielten auf der Wiese.
Im Alter von fünfundvierzig Jahren war Biagio Martini ein rundum verwirklichter Mann.
Das war jedoch nur das Bild, das er nach außen zeigte. Nur wenige kannten die Wahrheit: Emma, seine Frau, zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt; Delia – aber vielleicht akzeptierte sogar sie ihren Bruder so wie die Leute ihn sahen – und natürlich er selbst. Darum hatte Biagio Martini bereits eine halbe Flasche Yamazaki intus und verspürte den drängenden Wunsch, sich auch die andere Hälfte einzuverleiben. Darum hatte er schreckliche Angst vor Gewittern und litt zeitweise an Depressionen und Panikattacken. Darum erwachte er manchmal nach starker Migräne aus seinen immer wiederkehrenden Albträumen und hatte kurze Gedächtnisaussetzer. Darum hatte er fünfunddreißig Jahre lang auf den Sofas von Kinderpsychologen, Psychotherapeuten und Spezialisten für geistige Störungen verbracht. Darum hatte er – wie an jenem Abend – das Gefühl, dass er früher oder später platzen würde, wenn er nicht aufpasste.
Alles hing mit Maurizio Martini zusammen. Auch mit Elisabetta Bacco Martini, sicher. Aber seine Mutter war nur eine Komparse, nicht die Hauptdarstellerin der Tragödie. Tja, sein guter alter Vater, der ihn ohne irgendeine Geste der Zuneigung erzogen hatte.
Biagio fragte sich, ob er wegen seiner selbst traurig war. Selbstmitleid gehörte im Allgemeinen nicht zu den Gefühlen, die er sich erlaubte. Nein, es tat ihm um seine Familie leid. Vor allem um Emma. Die Mädchen waren jung und stark, und er hatte sie seit ihrer Geburt beschützt. Sie wussten nichts über die Vergangenheit ihres Vaters.
Das einzige Versprechen, das er sich abgenommen hatte und das er größtenteils hatte halten können, war, dass seine Töchter nicht in einer familiären Umgebung aufwachsen sollten wie der, in der er und Delia als Kinder hatten leben müssen. Die Mädchen aber waren scharfsinnig und hatten zwangsläufig erahnt, dass ihr Vater Probleme hatte, und einige der Effekte wahrgenommen. Sie hätten einen besseren Vater verdient als ihn. Biagio verabscheute sich dafür.
Auch Emma hätte einen viel besseren Ehemann verdient. Wie sie in den letzten sechzehn Jahren die Neurosen ihres Ehemanns über sich hatte ergehen lassen können, stets im Versuch, ihm zu helfen und sich zuversichtlich zu zeigen, verstand er nicht. Sie war eine handfeste Frau: Sie kuschelte mit ihm, wenn er das brauchte, sie schimpfte hart mit ihm, wenn es nötig war, sie nahm die richtige Aufgabe zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Weise wahr oder zumindest versuchte sie es. Sie war Geliebte, Freundin und Vertraute. Sie stellte das Bindeglied dar, das ihn zusammenhielt und verhinderte, dass er platzte. Und solange er auf Emma und die Mädchen zählen konnte, hatte er das Gefühl, die Dämonen, die ihn quälten, besiegen zu können und seine Feldschlacht zu gewinnen, wie Dottoressa Pasotti, die Psychotherapeutin, ihm stets versicherte.
Das hatte jedoch einen hohen Preis von Emma gefordert. Sie war nicht mehr so fröhlich und unbeschwert wie einst oder so glücklich wie es ihr Recht gewesen wäre. Durch ihr aschblondes Haar hatten sich frühzeitig graue Strähnen gezogen. Auf ihrem feinzügigen Gesicht waren einige Falten erschienen, und im Lauf der Jahre hatte sie eine Abhängigkeit von Haschisch entwickelt, wobei es ihr nur mit enormer Willensanstrengung gelungen war, diese zu kontrollieren und zu überwinden.
Biagio hasste sich für das, was er ihr angetan hatte. Er hatte gekämpft, damit es nicht geschah, er hatte mit allen Kräften versucht, seine dunkle Seite unter Kontrolle zu halten, was ihm fast immer misslungen war. Seine größte Befürchtung, hinsichtlich derer er sich häufig das Hirn zermarterte, war, dass er eines Tages an einem Punkt ohne Wiederkehr anlangte, und dass Emma ihn dann verlassen und Greta und Vittoria mitnehmen würde. Und wenn ihm dann nichts mehr geblieben war, würden seine Dämonen dafür sorgen, ihm den Rest zu geben.
Biagio drehte sich zu seiner Frau um. An jenem Abend war Emma gelassen. Sie lächelte, wie immer wenn sie den Mädchen beim Spielen zusah. Sie war noch genauso schön wie am Tag, an dem er sie kennengelernt hatte, bei einem von gemeinsamen Freunden organisierten Essen. Die attraktivste Frau, die er jemals getroffen hatte. Sie hatten sich sofort ineinander verliebt und nach einem Jahr geheiratet. Der Schmerz fraß sich in sein Inneres, als er sie liebevoll, sehnsüchtig, mitfühlend, schuldvoll und traurig sowie fast etwas ehrfürchtig betrachtete.
Emma bemerkte, dass sie beobachtet wurde, drehte sich zu ihm um und warf ihm einen rätselhaften Blick zu.
»Ist was?«
»Nein, ich habe dich nur angeschaut.«
»Und was hast du dabei gedacht?«
»Dass ich dich so sehr liebe.«
»Ich liebe dich auch, ganz arg.« Aber dann fügte sie hinzu: »Ach!«
»Was Ach?«
»Ich glaube, ich weiß, was dir durch den Kopf geht.« Das Lächeln seiner Frau wurde herausfordernd, aber ihr Blick war immer noch sanft. »Das muss der Yamazaki sein.«
»Ich glaube nicht, dass ich so viel getrunken habe. In jedem Fall erregst du dich bei Whisky.«
»Schschsch ... sprich leise.«
Er lächelte, fügte jedoch ernst hinzu: »Du bist eine wundervolle Frau, Emma.«
»Ich weiß«, erwiderte sie kokett und ließ ihre Finger über die Sehnen am Handgelenk ihres Mannes gleiten.
Ein Schrei von der Wiese unterbrach diese innige Geste.
Greta und Vittoria hatten angefangen, aufeinander rumzuhacken.
»Mama, Vittoria verarscht mich!«, rief Greta.
»Das stimmt nicht!«, erwiderte Vittoria.
»Doch. Sie hat mich ausrutschen lassen. Schau, mein Ellenbogen blutet!«
»Er blutet gar nicht, du Heulsuse.«
»Doch, und du hast ihn bluten lassen.«
»Ich gehe besser nachsehen«, sagte Emma. »Die Rabauken sollten schon längst im Bett sein.«
Er nickte und beobachtete, wie elegant sie sich auf dem gepflasterten Weg bewegte. Dann leerte er das letzte Drittel seines Glases in einem Zug. In wenigen Sekunden stellte Emma den Frieden zwischen den Mädchen wieder her, die sich dann sofort verbündeten, um ihre Mutter zu überreden, sie noch nicht ins Bett zu schicken, was jeden Abend der Fall war.
»Keine Ausflüchte«, befahl Emma und bugsierte sie ins Haus. »In zehn Minuten habt ihr die Zähne geputzt und seid mit ausgeschaltetem Licht im Bett.«
Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie autoritär und hatte keine Schwierigkeiten, die Ordnung wiederherzustellen und dafür zu sorgen, dass ihre Töchter ihr gehorchten. Mit Biagio machten die Mädchen dagegen, was sie wollten. Er war zu freizügig, zu weich, zu sehr von seiner Rolle als sanftem, liebevollem Vater eingenommen. Einmal hatte dies zu einem leichten Zwist zwischen ihm und Emma geführt. Aber jetzt griff sie ein, wenn es nötig war, ohne sich zu viele Probleme zu machen.
Während sie sich neben ihren Mann setzte, betrachtete sie Biagios Glas, das wieder voll war. Sie sagte nichts, aber er las eine deutliche Missbilligung in ihrem Blick. Sie wollte nicht, dass er zu viel trank.
»Alles gut, Schatz?«, fragte Emma.
»Warum fragst du?«
»Weiß nicht, du scheinst verstört zu sein.«
»Mit den neuen Anwälten in der Kanzlei arbeiten wir gerade an der Anfechtung einiger Urteile. Es sind äußerst heikle Prozesse.«
Lügner. Er hatte überhaupt nicht an die Arbeit gedacht, und Emma konnte ihm nicht helfen. Nicht dabei. Sie war die letzte Person, der er sein Herz ausschütten würde.
»Möchtest du darüber sprechen?«
»Nein, Schatz. Ich habe keine Lust.«
Biagio trank noch einen Schluck Yamazaki. Plötzlich schmeckte der Whisky sauer. Er setzte das Glas ab und schob es weg.
»Warum gehen wir nicht ins Bett?«
»Aber es ist doch erst neun Uhr.«
»Bett ... Bett«, wiederholte er und lächelte verschmitzt.
»Ach so, ich verstehe.« Sie erwiderte sein Lächeln und wuselte mit beiden Händen durch ihr dichtes Haar, hob einige Strähnen an und ließ sie wieder fallen. »Einverstanden, aber warten wir, bis die Kinder eingeschlafen sind.«
Emma ging zuerst ins Haus. Biagio betrachtete das großzügige Hinterteil seiner Frau, das in einer engen, weißen Hose steckte. Er begehrte sie wie immer. Seine Erregung war ein deutlicher Beweis dafür. Er wollte sie, er liebte sie, er brauchte sie. Nichts hatte sich geändert. Sechszehn Jahre absolute Treue. Dann, auf einmal, genau in jenem Augenblick ... eine düstere Sehnsucht. Ein Teil von ihm, der böse und ruchlos war, wollte nicht mehr mit seiner Frau schlafen, sondern nur mit der Anwältin Fiamma Lorenzi ins Bett.
Dunkelheit.
Dann Schmerz. Benebelung.
Manchmal werden die Geräusche schwächer wie auch der Schmerz, und dann bleibt nur Verwirrung.
Vor der Verwirrung Finsternis: völlige Finsternis.
In jenen Momenten weiß ich weder, wer ich bin, noch, wo ich mich befinde.
Zuckende Träume, Bilder und Erinnerungen, die aus einem anderen Gedächtnis zu stammen scheinen.
Lebende Gespenster schweben in der Finsternis, mit leeren, furchtsamen Augen.
Die Welt ist ein feiger Ort, ein Ort voller Ruß, Asche und Blut. Ein Ort, an dem sich die Menschen vor den Augen ihrer Kinder verbergen und für ein Leben unerbittlichen Schmerzes auf ihre Würde verzichten.
Frauen und Männer zücken Messer, Pistolen und Knüppel, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.
In der Seele gibt es immer einen krankhaften Konflikt, einen Kampf zwischen Abscheu und Bedürfnis, zwischen Sonne und Finsternis.
Ich lasse die Augen geschlossen und lasse die Gedanken wandern, auf der Suche nach etwas, das sich in meinem Gehirn verbirgt und vom Leiden erdrückt wird.
Vielleicht möchte ich sterben, im durch Schmerz geprägten Chaos, das mir den Kopf wie eine Gewitterwolke füllt.
Wenn ich dann wieder zu mir komme, erinnere ich mich, dass die Schmerzperioden zyklisch sind und dass es bald wieder Licht geben wird.
Wie ein Mantra sage ich mir vor, dass die Dunkelheit des Geistes häufig finstere Wege nimmt, aber dass es nichts gibt, wovor man Angst haben muss.
An jedem grässlichen Ort gedeiht irgendwann etwas Schönes.
Diese Erkenntnis ist manchmal mit Erleichterung vergleichbar.
Agata Rubino liebte die lauwarmen, sonnigen Oktobertage, die für lange Reisen wie geschaffen sind. Der röhrende Motor, das heruntergelassene Fenster, das Murmeln der Reifen, die alten Songs im Radio.
Sie spürte, dass sie diesmal ihrem Ziel nah war. Ihr schien, sie würde ihm jeden Augenblick näherkommen. Sie musste konzentriert bleiben, die Verfolgung weiterführen und die Hoffnung nicht aufgeben. Sie fuhr nach Hause, Kilometer um Kilometer, Tag um Tag, nachdem sie einen unendlich weiten Weg zurückgelegt hatte.
Während sie fuhr, erschien ihr das Gesicht ihres Mannes. Genau dort, reflektiert auf der von der Sonne beleuchteten Windschutzscheibe. Danilo ... bronzefarbene Haut, tiefblaue Augen, seidenweiches hellbraunes Haar. Sie überkam eine verzehrende Wehmut. Sie packte kraftvoll das Lenkrad und biss die Zähne zusammen, bis das Gefühl wegging.
Danilo fehlte ihr wahnsinnig. In jenen Augenblicken, in denen Liebe, Entfernung und Verlangen gleichzeitig aufloderten, hätte sie am liebsten den kürzesten Weg genommen, um nach Rom zurückzukehren. Um ihn nur einige Minuten zu sehen, ihm die Hand zu halten, ihm sanfte Worte zuzuflüstern und ihm zu versichern, dass alles wie früher werden würde, dass sie die Situation lösen würde. Mehr als einmal war sie in Richtung Zuhause gefahren, hatte aber nach ein paar Stunden Fahrt einen anderen Weg gewählt. Andere Male hatte sie Gabriele und Valeria, Danilos Eltern, angerufen, um sich über den Gesundheitszustand ihres Sohns zu informieren. Im Krankenhaus hatte sie nie angerufen, denn die Ärzte sagten ihr nichts am Telefon. Besser war es, regelmäßig zu schreiben, was sie auch tat, oder ab und zu ihre Schwiegereltern kontaktieren. Besser war es, in zu Bewegung bleiben und die Jagd fortzusetzen.
Sie schrieb ihm Briefe, drei oder vier pro Monat, wobei sie wusste, dass viel Zeit vergehen würde, bevor er imstande war, sie zu lesen. Aber sie musste das tun. Wenn es Danilo besser ginge und er diese Briefe lesen würde, würde er alles über die Orte erfahren, an denen sie gesucht hatte, über das, was sie geleistet hatte. Er wäre glücklich zu wissen, dass sie niemals aufgehört hatte, an ihn zu denken, nicht für einen Augenblick. So schrieb sie ihm weiterhin und schickte die Briefe an Gabriele und Valeria, damit sie nicht verlorengingen. Auf jeden Umschlag schrieb sie ›vertraulich und persönlich‹, auch wenn ihre Schwiegereltern versprochen hatten, die Briefe nicht zu öffnen, und sie war sicher, sie würden ihr Versprechen halten. Gabriele und Valeria waren gute Menschen. Es konnte ja nicht anders sein, weil sie Danilos Eltern waren.
Sie näherte sich einer Tankstelle. Sie sah das Schild vor sich und einige Lkws, die auf dem Platz neben den Zapfsäulen parkten. Sie hatte nur noch wenig Kraftstoff. Auch der Hunger machte sich bemerkbar. Seit sieben Uhr früh hatte sie nur ein paar Nüsse gegessen.
An der Ausfahrt nahm sie die Abzweigung zur Tankstelle, tankte und parkte: Es war der Zeitpunkt gekommen, weiterzusuchen.
Sie ging in die Raststätte. An der Theke und an den Tischen sah sie zumeist Lkw-Fahrer. Wie sie. Kurze oder lange Strecken, große oder kleine Lkws ... sie war nunmehr eine Veteranin. Lange Zeit galt der Job als Lkw-Fahrer als reiner Männerberuf, aber jene ›Diskriminierung‹ gehörte der Vergangenheit an und immer häufiger traf man Lkw-Fahrerinnen an. Es war eine schwierige Arbeit und im Allgemeinen eine nicht einfache Entscheidung. Ein Knochenjob mit einer unmöglichen Arbeitszeit. Der Wecker klingelte, wenn die Nacht noch nicht in den Tag übergegangen war. Zurückzulegende Kilometer, rechtzeitig zu liefernde Waren, nicht immer optimale Dienstleistungen und die Schwierigkeiten eines von der Krise betroffenen Sektors mit tausenden von Güterverkehrsunternehmen, die in den letzten Jahren ihre Tätigkeit hatten einstellen müssen. Trotz allem machte die rosa Welle, die die italienischen Straßen und Autobahnen überrollt hatte, nicht halt. Die Frauen, die sich ans Steuer setzten, bildeten ein bunt gemischtes Universum und hatten unterschiedliche Geschichten, Vorstellungen und Meinungen, selbst was die Arbeit betraf. Eine privilegierte Beobachtungsstelle dieser Welt war ›Buona Strada Lady Truck Driver Team‹, eine Gruppe ›für alle, die am Steuer saßen, am Steuer sitzen und davon träumen, es zu tun‹. Ein harter Kern, der ungefähr einhundertzwanzig Fahrerinnen umfasste, zu denen sich Freunde und Sympathisanten gesellten, die sich rund um einen Blog vereinten, in dem sie Eindrücke über das Leben und ihren Beruf austauschten.
Alle wussten, wie man ein Lenkrad hält, aber um einen Lkw zu lenken, musste man viele Dinge können. Man musste die Verkehrsschilder gut kennen, imstande sein, die Fahrt zu planen, kleine Wartungsarbeiten erledigen, das Auf- und Abladen koordinieren und etwaige Schäden an der Ware bewerten. Die Arbeitszeiten ließen sich darüber hinaus schlecht mit familiären Bedürfnissen vereinbaren. Aber sie hatte Glück gehabt. Sie hatte Danilo getroffen, einen außergewöhnlichen Mann, der sie verstand und der ihr Tag für Tag die Kraft gab, weiterzumachen.
Die Raststättenbesucher waren vor allem Lkw-Fahrer, unermüdliche Autobahnnutzer, die kilometerlange Strecken ohne irgendwelche Probleme, ja fast mit Freude, meisterten. Sobald sie endgültig heimgekehrt war, würde sie diesen Beruf stabil wieder aufnehmen. Ihr ehemaliger Arbeitgeber, der Inhaber des Unternehmens Europa Trasporti & Logistica, würde sie wieder einstellen, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie bereit war, wieder zurückzukehren.
Sie näherte sich dem Tresen, und ein geschäftiger Kellner tauchte vor ihr auf: Sie bestellte ein Schinken-Käse-Brötchen, ein Glas Mineralwasser und einen Kaffee. Dann nahm sie das Smartphone aus der Gürteltasche, öffnete die Fotogalerie und zeigte ihm einen Screenshot. Es war das Standbild des Videos einer Überwachungskamera, auf dem das Gesicht eines Mannes zu sehen war. Der Kellner betrachtete das Bild, schüttelte den Kopf und ging weg, um andere Gäste zu bedienen.
Die Frau rechts neben ihr war eine Lkw-Fahrerin mit einem runden, sympathischen Gesicht und einem riesigen Schlangentattoo am Hals. Agata kreuzte ihren Blick.
»Wie geht‘s?«, fragte sie, bevor sie dann über Belangloses zu plaudern begann. Dann zeigte sie auch ihr das Bild. »Hast du jemals diesen Mann gesehen?«, fragte sie. »Irgendwo, irgendwann?«
Die Lkw-Fahrerin blinzelte, betrachtete das Bild am Handy-Display und blinzelte erneut. »Scheint nicht sehr deutlich zu sein.«
»Doch. Die Auflösung wurde sogar mit einer im forensischen Bereich genutzten Software optimiert.«
»Ach, wie in den Krimis.«
»Genau. Also, kennst du ihn?«
»Ich glaube nicht. Ist das ein Freund von dir?«
»Nein.«
»Ein Verwandter?«
»Nein, nur einer, den ich suche.«
»Warum?«
Agata antwortete nicht und ließ das Handy wieder in die Gürteltasche gleiten, die sie sich um die Hüfte gebunden hatte.
»Warum suchst du den Mann auf dem Standbild?«, fragte die mit den Schlangen am Hals tätowierte Lkw-Fahrerin erneut.
Die Antwort lag Agata auf der Zunge, warm und bitter wie der Kaffee, den der Kellner gerade vor ihr abgestellt hatte. Sie musste die Lippen zusammenkneifen und wandte den Blick ab, um zu verhindern, dass die Worte aus ihr heraussprudelten. Nie würde sie jemals jemandem etwas verraten. Die einzige Person, der sie es sagen müsste, war das Arschloch auf dem Bild.
Sie kehrte zum Auto zurück und setzte ihre Reise fort.
Auto wie Lkw waren die einzigen Orte, an denen sie sich geborgen und wohl fühlte.
Zum ersten Mal hatte sie dieses beruhigende Gefühl verspürt, als ihr Vater ihr erlaubte, den alten Fiat Ducato auf dem Platz in der Nähe ihres Hauses zu fahren ... wie alt war sie damals? Dreizehn ... vierzehn? Seither waren fast zwanzig Jahre vergangen, und mit der Zeit hatte sie gute Fahrzeuge und Schrottkarren gefahren. Der Peugeot 106 von 1995 beispielsweise hatte so stark geflattert, dass sie es niemals gewagt hatte, die 90 km/h zu überschreiten. Dann war der Lancia Y von 1998 gekommen, eine alte, auberginenfarbene Kiste mit verbogener Achswelle, weswegen das Auto in der Kurve fast nicht zu halten war. Dann gab es noch vier oder fünf jüngere Modelle bis zum Alfa Romeo Giulia von 2020, der sie wie ein Kokon aus Leder und Metall einhüllte. Sie liebte dieses Auto: Es war komfortabel, hatte eine gute Straßenlage und hatte ihr niemals Probleme bereitet, jedenfalls bis jetzt.
›Straßenamazonen‹, so nannten die Lkw-Fahrer Frauen wie sie. Profifahrerinnen, die am besten funktionierten, wenn sie sich an Bord ihrer Fahrzeuge befanden. Von einer Lkw-Fahrer-Kollegin hatte sie zum ersten Mal diesen merkwürdigen Namen vernommen. Agata, die diesen Begriff nicht kannte, hatte ihn gegoogelt und einige Artikel gefunden. Ein Psychologenteam vertrat die Meinung, dass Straßenamazonen ihr Fahrzeug nutzen wie andere Personen ins Kino gehen, lesen, ihrem Lieblingshobby nachgehen, und somit, um dem Stress und Druck des Alltags zu entfliehen. Indem sie sich in ihren Fahrzeugen isolieren, schaffen sie eine Illusion der Unverletzlichkeit, die ihnen für kurze Zeit ermöglicht, ihre Probleme in Schach zu halten und ihr Leben und ihr Schicksal ebenso wie ihre Fahrzeuge zu lenken. Das waren genau die Worte, die in diesem Psychologieartikel gestanden hatten. Nach all diesen Jahren erinnerte sich Agata genau.
Und dieses Psychologenteam hatte genau ins Schwarze getroffen. Ein Fahrzeug lenken gab ihr das Gefühl, unbesiegbar zu sein und alle Hindernisse überwinden zu können. Und es hatte verhindert, dass sie nach dem, was mit Danilo geschehen war, zusammenbrach.
Worüber der Artikel jedoch nicht sprach, war der authentische und absolute körperliche Genuss beim Lenken eines Lkw. An bestimmten heißen, duftenden Abenden erregte sie das Fahren sogar so sehr, dass ihr Höschen nass wurde. Ob breite Autobahnen oder schmale Landstraßen, das spielte keine Rolle: Wichtig war nur die Tatsache, dass sie sich beim Lenken so fühlte, als sei sie Teil eines seltsamen Getriebes, das Wohlbefinden erzeugt.
Bei ihrem ersten Date mit Danilo hatte sie versucht, ihm einige dieser Gefühle zu erklären, auch wenn sie natürlich nicht ins Detail gegangen war. Sie hatte ihn kennengelernt, als sie nach der Lieferung einer Sendung für die Europa Trasporti & Logistica aus Mailand nach Rom zurückgekehrt und in Gabrieles und Valerias Elektrowarengeschäft gegangen war, um eine neue Taschenlampe zu kaufen, weil die, die sie im Lkw mitführte, Probleme machte. Danilo arbeitete bei seinen Eltern, und der Familienbetrieb lief gut: Die Leute verzichteten auf viele Dinge, aber nicht auf einen Computer oder ein Smartphone der jüngsten Generation. Sie hatten sofort Gefallen aneinander gefunden. Nachdem Danilo ihr eine hochwertige LED-Taschenlampe verkauft hatte, hatte er ihr einen Automatenkaffee spendiert und schließlich hatte er sie überredet, mit ihm auszugehen. Beim ersten Mal war er mit ihr in Fregene in ein Restaurant gegangen, das er kannte. Er hatte gelacht, als sie ihm von den Straßenamazonen erzählte. Aber das hatte sie nicht gestört. Kein bisschen. Als er so ansteckend gelacht hatte, den Kopf dabei leicht nach hinten geneigt, wusste sie, dass sie ihn liebte. Genau in diesem Augenblick.
Also hatte sie sich vorgenommen, es ihm zu beweisen, und genau das hatte sie getan. Kurze Zeit später war er nicht nur davon überzeugt, sondern war ihr auch auf ihr eigenes Terrain gefolgt. Vor und nach der Hochzeit fuhren sie manchmal gemeinsam und wechselten sich am Steuer ab. Oft liebten sie sich im Auto oder im rückwärtigen Lkw-Abteil, wobei sie sich wie zwei Heranwachsende erregten und Spaß hatten. Aber das war nur eins der Dinge, die sie so sehr an Danilo liebte. Er war immer für neue Erfahrungen aufgeschlossen, er akzeptierte sie so, wie sie war, und unternahm keine unnötigen Versuche, sie zu ändern.
Danilo ... die Reifen murmelten seinen Namen ... Danilo ... einige Tränen traten ihr in die Augen. Und mit den Tränen kamen die Erinnerungen. Sie wünschte sich so sehr, bei ihm zu sein, dass sie die Einsamkeit fast nicht mehr ertrug. Eines Tages werden wir wieder vereint sein, dachte sie. Eines Tages!, wiederholte sie mit einem unterdrückten Schrei.
Emma schlang ihre Beine um seine Hüfte und flüsterte ihm ins Ohr: »Adagio, Biagio ...«
Im Halbschatten ihres Schlafzimmers spürte Biagio, wie seine Rückenmuskeln sich versteiften. Das waren die einzige Worte, die sie jemals aussprach, wenn sie sich liebten. Emma war nicht gesprächig im Bett. Weder liebevolle noch schmutzige oder überhaupt irgendwelche Worte kamen ihr über die Lippen. Nicht einmal den Namen ihres Mannes sprach sie aus, außer bei dieser Art von Ermahnung: Adagio, Biagio.
Als sie ihm diese Worte zum ersten Mal zugeflüstert hatte, irgendwann zwischen ihrem ersten Sex und der Hochzeit, die ungefähr ein Jahr später stattfand, hatte er nicht weiter darauf geachtet. Während der letzten sechzehn Jahre war diese Mahnung zu einer Art Signal geworden, das Emma aussandte, wenn er zu erregt war oder zu zerstreut, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen und auf ihren Rhythmus zu achten. Langsamer, Biagio, nicht so schnell. Noch ein bisschen so, dann wird es für beide schöner. Aber das hatte sie nie ausgesprochen. Sie brachte all das mit der Aussage ›Adagio, Biagio ...‹ auf den Punkt.
An jenem Abend drang das Signal wie eine Giftschlange in Biagios Genuss ein und machte diesen langsam zunichte. Er fühlte sich bei diesen Worten nicht wie ein Ehemann oder Liebhaber, sondern wie jemand, der einen unpersönlichen Dienst erbringt, eine Art Fernsehtechniker, ein Staubsaugerverkäufer oder ein Klempner, der dringend herbeigerufen wurde, um ein Wasserleck zu beseitigen.
Wieder kam ihm Fiamma Lorenzi in den Sinn. Nackt, provozierend, sinnlich. Anstatt langsamer zu machen, löste er sich von seiner Frau, packte sie und zwang sie in den Vierfüßlerstand. Dann drang er erneut in sie ein, fast gewaltsam, und hielt sie dabei fest an der Hüfte. Er steigerte den Rhythmus und gelangte fast sofort zum Orgasmus. Emma ließ ein protestierendes, aber leises Wimmern zum Zeichen ihrer Verärgerung vernehmen.
In der Regel hielt er seine Frau ein paar Sekunden lang umschlungen, nachdem er den Höhepunkt erreicht hatte. Diesmal nicht. Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern und streckte sich aus. Sie blieb stumm. Sie hatte ihm nichts zu sagen und wartete bloß darauf, dass er sich für den üblen Scherz entschuldigte.
Biagio lag auf dem Rücken und stierte an die Decke. Während sein Atem sich beruhigte, wurden auch seine Gedanken ruhiger. Er schämte sich, er hatte sich wirklich idiotisch benommen. Emma traf keine Schuld. Es war grausam, sie zur Verantwortung zu ziehen. Seine böse Seite hatte die Oberhand gewonnen und hatte ihn daran erinnert, was er wirklich wollte: mit Fiamma Lorenzi ins Bett.
Er näherte sich seiner Frau, griff ihre Hand und murmelte: »Tut mir leid, Schatz. Ich weiß nicht, was mit mir los war.«
»Alles gut«, sagte sie. Aber ihr Tonfall ließ erkennen, dass sie beleidigt war. Und das zurecht. Eine weitere Verletzung, wieder leere Worte der Entschuldigung. »Lass uns nicht mehr darüber sprechen, okay? Lass uns jetzt schlafen«, fügte sie hinzu und rollte sich auf die andere Seite des Betts. Biagio blieb an seinem Platz, weit weg von Emma, und versuchte, den Wirbelstrom an Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, zu ersticken. Es war, als ob irgendein Krebsgeschwür ihn von innen auffraß, ein Geschwür der Seele. Die Krankheit seines guten alten Vaters, Maurizio Martini. Er hatte versucht, sie fünfunddreißig Jahre lang zu ignorieren. Noch eine seiner pathetischen Bemühungen. Und während der ganzen Zeit hatte der Krebs überall Metastasen gebildet, sodass er ihn jetzt genau erkennen konnte. Was man mit eigenen Augen sehen kann, kann man nicht leugnen: Biagio Martini war der Sohn seines Vaters.
Nachdem Agata von der Autobahn in Richtung Parma heruntergefahren war und mehrere Kreisel hinter sich gelassen hatte, folgte sie auf der Landstraße den Schildern nach Brescello. War sie jemals vorher dort gewesen? Es gab nicht viele Orte in der Emilia Romagna, an denen sie noch nicht gewesen war, außer vielleicht einige Regionen im Apennin, wo nur wenige Menschen lebten. Aber irgendwann würde sie auch dorthin gelangen. Auf einmal fiel ihr ein, warum die Ortschaft Brescello ihr so bekannt vorkam: Jenes Dorf in der Poebene bei Reggio Emilia war für die Filme von Don Camillo und Peppone bekannt, die nach Guareschis Romanen eben genau dort, in Brescello, gedreht worden waren. Danilo hatte diese Uraltkomödien in Schwarzweiß, die eine unvergängliche Faszination ausstrahlten, geliebt.
Wie spät war es wohl? Etwa sieben Uhr abends. Das erkannte sie an der Farbe des Abendhimmels. Da sie wochenlang Tag und Nacht pausenlos gefahren war, brauchte sie nicht mehr auf die Uhr zu sehen, um zu wissen, wie spät es war, wenn sie auf der Straße war. Ein weiterer Vorteil, eine Straßenamazone zu sein.
Brescello war ein entzückendes Dorf bei Reggio Emilia am rechten Poufer an der Grenze zur Lombardei. Wenn sie dort bleiben wollte, musste sie sich eine Unterkunft suchen. Der Job, den sie in den vier Wochen zuvor übernommen hatte, also Waren für ein Lebensmittelunternehmen aus L‘Aquila zu befördern, war rentabel gewesen. Deswegen hatte sie genug Geld in der Tasche, um sich ein schönes Zimmer in der Ortsmitte zu mieten. Ihr Abstecher in die Hauptstadt der Abruzzen hatte zu nichts geführt. Die Hälfte der Leute, denen sie das Bild mit dem Gesicht des Mannes gezeigt hatte, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, es genauer zu betrachten. In den größeren Städten war es immer so. Niemand schien ihr helfen zu wollen. Alle hatten schon genug mit ihren eigenen Problemen zu tun.
Außer an die Don-Camillo-Filme konnte sie sich an nichts von Brescello erinnern. Vielleicht war sie wirklich noch nicht dort gewesen. Es gab so viele Städte, sie konnte nicht alle abgrasen. Am Anfang war es einfacher. Da hatte sie sich auf Rom und sein Hinterland beschränkt. Aber je weiter sie vordrang, desto schwieriger wurde ihr Vorhaben. Es war sogar schwierig, sich an alle Städte zu erinnern, die sie beim letzten Mal im Latium, in Umbrien, in den Abruzzen und in der Emilia Romagna besucht hatte. Manchmal erschien es ihr, in jeder einzelnen Gemeinde dieser Regionen gewesen zu sein, aber sie wusste, dass das nicht sein konnte. Vielleicht hatte sie die Hälfte besucht, vielleicht nicht einmal das. Viele dieser Städte hatten die gleichen oder ähnliche Namen. Wie sollte sie sich an alle erinnern?
Sie war müde, vielleicht sollte sie sich ausruhen.
Sie musste einen Park, eine ländliche Straße oder einen großen Parkplatz finden. Einen ruhigen Ort, an dem sie ihr Fahrzeug ein paar Stunden abstellen konnte, ohne gestört zu werden. Dann würde sie sich überlegen, was sie am nächsten Tag tun würde, einem weiteren Tag auf der Jagd.
Der erste Anruf, den Biagio am Donnerstagmorgen in der Kanzlei entgegennahm, kam von Fiamma Lorenzi.
Als er ihre Stimme hörte, versuchte er, sich einzureden, es sei nur der Anruf einer Kollegin. »Guten Morgen, Fiamma. Wie läuft‘s in der hochkarätigen Kanzlei Fabris & Lorenzi?«, fragte er scheinbar unbeschwert, ließ jedoch in seiner Stimme eine leichte Befangenheit durchsickern.
»Gut, danke. Du hörst dich unentspannt an, Biagio. Stimmt irgendwas nicht?«
»Nein«, log er. »Was kann ich für dich tun?«
»Mehreres«, antwortete sie. Die Zweideutigkeit ihrer Antwort war deutlich und sicherlich beabsichtigt. Fiamma war eine herausragende Strafverteidigerin, gestählt und selbstbewusst. Die Kanzlei in Reggio Emilia, die sie mit ihrem Partner Italo Fabris führte, beschäftigte sich vorwiegend mit Steuervergehen, und bei Zivilsachen wandten sie sich an Biagios Kanzlei und seine Fähigkeiten. Sie hatte niemals ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie ihn attraktiv fand und nichts gegen eine Affäre hätte. Fiamma war eben so. Sie hielt nichts von Taktik oder Vorspiegelung. Biagio wartete ab und sagte nichts. Schließlich fügte sie hinzu: »Im Moment reicht mir ein Update zur De-Santis-Berufung.«
»Bis heute Abend müssten wir mit der Anfechtungsklage fertig sein, aber ich frage mal Enrica.«
»Soll ich am Apparat bleiben?«
»Nein, ich rufe dich in Kürze zurück.«
»Gut. Heute Vormittag muss ich nicht zu Gericht und bleibe in der Kanzlei. Lass aber bitte nicht zu lang auf dich warten.«
Biagio legte auf, verließ das Zimmer und betrat Enrica Tofanis Büro am Ende des Gangs. Enrica war eine fähige zweiundvierzigjährige Rechtsanwältin, sowohl eine Freundin als auch seine rechte Hand. Sie war vor zehn Jahren die erste Person gewesen, die er eingestellt hatte, nachdem er sich selbstständig gemacht hatte. Jetzt beaufsichtigte sie die meisten Fälle der Kanzlei, erstellte und prüfte die Schriftsätze, kümmerte sich um die Ausbildung der von Biagio neu eingestellten Anwälte und nahm an zahlreichen Verhandlungen teil. Dank Enricas Arbeit konnte sich Biagio auf die wichtigsten Prozesse konzentrieren und neue, zahlungskräftige Kunden gewinnen.
Die De-Santis-Anfechtungsklage war fertig. Enrica wollte eine Kopie des Schriftsatzes im Lauf des Tags per E-Mail an Fiamma schicken. »Warum hat sie nicht direkt mich angerufen? Hattet ihr etwa noch andere Dinge zu bereden?«
»Nein, sie hat mich nur danach gefragt.«
»Sonst nichts?«
»Äh, nein ... was willst du damit sagen?«
»Muss ich dir das wirklich erklären?«
»Nein, aber du könntest mir sagen, warum du Fiamma nicht magst.«
»Sie ist eine Männerfresserin der übelsten Sorte. Gib ihr nur eine halbe Chance, dann zerfleischt sie dich zuerst und schnurrt dann«, erwiderte Enrica.
»Das ist nicht wahr.«
»Bist du sicher?«
»Natürlich. Aber auf jeden Fall habe ich nicht die Absicht, sie nahe genug herankommen zu lassen, um es auszuprobieren.«
Enrica warf ihm über ihre Brillengläser einen schiefen Blick zu. »Das hoffe ich«, sagte sie.
Biagio spürte jenen leichten Druck gegen die Schläfe, der darauf hinwies, das Kopfschmerzen im Anmarsch waren. Er ging ins Bad, wusch sich das Gesicht und nahm zwei Ibuprofen. Dann ging er wieder in sein Büro, setzte sich an den Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. So offensichtlich ist das?, dachte er. Fiamma war in diesem Monat mindestens viermal vorbeigekommen. Dann waren da das Mittagessen letzte Woche und eine Reihe langer Telefongespräche. Das deutete alles auf eine Affäre hin, zumindest für jemanden, der so scharfsinnig war wie Enrica. Aber seine Mitarbeiterin kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er seine Frau liebte, dass er kein Casanova und der Faszination Fiammas noch nicht vollständig erlegen war. Darum hatte sie ihn gewarnt.
Trotzdem fragte er sich, ob Enrica etwas über die verführerische Lorenzi wusste, was er nicht wusste. Fiamma lebte in Reggio Emilia und verkehrte dort in den obersten Kreisen. Schließlich bewegte aber auch er sich in diesem Milieu. Die Zusammenarbeit der beiden Kanzleien war in finanzieller Hinsicht für beide Parteien äußerst vorteilhaft, und er konnte es sich nicht leisten, darauf zu verzichten, auch wenn er gewollt hätte. Darüber hinaus hatte er niemals etwas besonders Negatives über Fiamma gehört, obwohl Gerede und Klatsch in Anwaltskreisen an der Tagesordnung standen. Ihr gefielen Männer, und es ging das Gerücht, dass sie mehrere Affären hatte, auch eine mit dem Richter Franco Piermattei, dem vermutlichen zukünftigen Präsidenten des Landgerichts Reggio Emilia. Biagio spielte einmal die Woche Tennis mit Franco, und wenn es irgendetwas Übles über Fiammas Charakter zu sagen gäbe, wüsste er es. Richter Piermattei war alles andere als schweigsam, wenn es um seine Eroberungen ging.
Zum Teufel mit dieser Story, dachte Biagio. Das Problem waren nicht Enrica oder Fiamma. Das Problem war er.
Er überlegte, ob er sich vielleicht bei Elena Pasotti, der bekanntesten Seelenklempnerin Reggio Emilias, wieder einen Termin geben lassen sollte. Seit der letzten Sitzung waren zehn Monate vergangen, aber auch vorher waren seine Visiten ein Jahr lang eher sporadisch gewesen. Er hatte keine Zeit: Das war der offizielle Vorwand. Die Wahrheit war jedoch, dass Dottoressa Pasotti ihn nicht auf dem richtigen Fuß erwischt hatte. Sie war stets kühl, reserviert und machte sich wichtig. Sie hatte ihm eine Zeitlang etwas geholfen, vielleicht könnte sie ja jetzt wieder nützlich sein. Mit wem sollte er über Fiamma sprechen, wenn nicht mit seiner Psychotherapeutin?
Im Grunde genommen wollte er einfach weg: weg von der Arbeit, weg von den Versuchungen, weg von allem und jedem, außer von Emma und den Mädchen. Ein Freund der Familie vermietete Boote im Hafen von Marinara. Vielleicht sollten sie eine kurze Kreuzfahrt unternehmen. Nur sie vier. Auf dem Meer, ohne Druck, ohne äußere Einflüsse gab es etwas, was ihn mit Frieden und Wohlbefinden erfüllte. Dort verfolgten ihn die Albträume und Erinnerungen nicht. Sein Vater und seine anderen Dämonen konnten ihm auf dem Meer nichts anhaben.
Eine Bootsfahrt kam jedoch im Moment nicht infrage. Es war die falsche Jahreszeit, und laut Wettervorhersage sollte es gewittern. Allein der Gedanke an Regen, Donner und Blitz beschleunigte seine Herzfrequenz. Mit zwei oder drei Alprazolam-Pillen gelang es ihm im Allgemeinen, seine Phobie unter Kontrolle zu halten. Aber an solchen Tagen fühlte er sich gestresst und durfte den Bogen nicht überspannen. Die Tätigkeit der Kanzlei vereinnahmte ihn darüber hinaus in hohem Maß. Gerichtstermine, das Verfassen von Schriftsätzen, Fristen und Gespräche mit den Mandanten waren ein Vollzeitjob. Emma war im Übrigen ehrenamtlich im Seniorenheim tätig, und Greta und Vittoria durften nicht in der Schule fehlen. Solange das Wetter mitspielte, musste sich Biagio mit ruhigen Abenden im Garten seiner Villa oder Ausflügen ins Hinterland von Reggio Emilia begnügen.
Der Winter stand vor der Tür, und er hatte diese Jahreszeit schon immer gehasst, auch vor der Tragödie im Haus am Fluss. Es wurde bald dunkel. Die Tage waren düster, die Nächte lang. Seine Neurosen und Depressionen verschlimmerten sich stets in dieser Zeit.
Schlagartig wandte er dem Fenster den Rücken zu. Er dachte noch an den Winter, als er den Telefonhörer hob, um die Kanzlei Fabris & Lorenzi anzurufen.
Fiammas Stimme drang an sein Ohr. Er informierte sie über die De-Santis-Berufung und fragte dann: »Brauchst du sonst noch was, Fiamma?« Bis er den Satz ausgesprochen hatte, war er sich dessen Implikationen nicht bewusst. Aber vielleicht hatte seine dunkle und perverse Seite, die in ihm wohnte, genau das beabsichtigt.
»Ehrlich gesagt, ja. Ich möchte, dass du mir einen Drink ausgibst.«
»Heute kann ich nicht, ich habe ein Geschäftsessen.«
»Ich dachte nicht ans Mittagessen. Eher an einen Drink nach der Arbeit.«
»Ich weiß nicht so recht, Fiamma ...«
»Heute Abend hier in Reggio Emilia, am Domplatz, um ... sieben Uhr? Wir können ins Caffè Latino gehen.«
Er zögerte. Du willst das nicht, sag nein.
»In Ordnung«, antwortete er. »Um sieben im Caffè Latino.«
Es war neun Uhr morgens, als Agata auf dem Parkplatz eines Supermarkts in Brescello aufwachte. Zuerst machte sie sich auf die Suche nach einem Waschsalon. Ihre Kleider waren schmutzig und rochen schon. Es war an der Zeit, sie zu wechseln, egal, ob sie nun an diesem Tag eine Arbeit suchen würde oder nicht. Sie war eine hübsche Frau, aber die Leute zogen sich instinktiv zurück, wenn jemand übel roch.
