Das Haus der Perlen – Glanz des Glücks - Charlotte Jacobi - E-Book
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Das Haus der Perlen – Glanz des Glücks E-Book

Charlotte Jacobi

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Beschreibung

Eine schicksalsvolle Familiensaga im München des 19. und 20. Jahrhunderts von SPIEGEL-Bestsellerautorin Charlotte Jacobi Eine glanzvolle Ära bricht an München, 1888: Seit vier Jahrzehnten führt die Familie Thomass das renommierte Juweliergeschäft am Marienplatz, auch die 19-jährige Henya berät seit Kurzem die Kundschaft. Das »Haus der Perlen« ist die erste Adresse für hochwertiges Geschmeide, sogar Erzherzogin Marie Therese kauft dort ein. Als Henya auf Hinweise zu einem alten Familiengeheimnis stößt, muss sie feststellen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Auch der angehende Goldschmied Jakob, der Henya nicht mehr aus dem Kopf geht, ist an der Lösung des Rätsels interessiert. Die Spur führt ihn bis an die ferne Perlenküste Australiens. Gelingt es den beiden, das Geheimnis zu lüften und die Zukunft des Unternehmens zu sichern? Perlen für den bayerischen Königshof  Erzählt nach der Geschichte des Juweliers vom Münchner Marienplatz: Das Geschäft mit der Aufschrift »Carl Thomass – Hofjuwelier und Goldschmiede« im Herzen der Stadt lockt nach wie vor Münchner Bürger:innen und Tourist:innen aus aller Welt an. Sogar Gäste aus Australien, Amerika, Asien oder dem arabischen Raum wollen edelste Tradition mit nach Hause nehmen (weitere Informationen finden Sie unter www.juwelier-carlthomass.de). Wie das Juweliergeschäft zum Lieferanten für den Königshof wurde und dass es in Deutschland Perlenfischer gab, erzählt Erfolgsautorin Charlotte Jacobi in ihrer Perlen-Saga. Nach den Erfolgen »Die Villa am Elbstrand«, »Die Douglas-Schwestern« und »Die Patisserie am Münsterplatz« erzählt die SPIEGEL-Bestsellerautorin Charlotte Jacobi nun die bewegte Geschichte eines Münchner Juweliergeschäfts in drei Generationen und öffnet ein Panorama über zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte. Die Bände der Reihe:  Band 1: Das Haus der Perlen – Schimmern der Hoffnung Band 2: Das Haus der Perlen – Glanz des Glücks Band 3: Das Haus der Perlen – Strahlen der Liebe

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© Piper Verlag GmbH, München 2023

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Literaturagentur Lesen & Hören, Anna Mechler.

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

Covergestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign

Covermotiv: Johannes Wiebel unter Verwendung von Motiven von AdobeStock und Richard Jenkins Photography

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence, München mit abavo vlow, Buchloe

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Teil 1

Juli 1888 bis März 1889

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil 2

September bis November 1889

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Figurenübersicht

Familie Schmerler

Familie Joas

Familie Thomass

In München

In Broome, Australien

In Frankfurt am Main

An Bord der Elberfeld

Danksagung

Literatur und Quellen

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Teil 1

Juli 1888 bis März 1889

Kapitel 1

Der anmutige Schimmer der kostbaren Perlen und der Glanz des Goldes in den ersten Strahlen der Morgensonne zogen die junge Frau wie magisch an. Die siebzehnjährige Henriette Julia Schmerler, die von allen nur »Henya« genannt wurde, war am letzten Montag im Juli des Jahres 1888 in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um beim Bäcker Brötchen für sich und ihren Vater zu kaufen. Frankfurt am Main war gerade erst dabei, zu erwachen, die Straßen stellenweise menschenleer, und der bekannte Juwelier Robert Koch hatte noch geschlossen. Henya stand vor seinem Schaufenster und blickte wie schon so oft verträumt auf den bezaubernden Perlenschmuck dahinter. Dabei riss sie ein Stückchen aus einem der noch warmen Brötchen und schob es sich in den Mund. In der Spiegelung sah sie ihr eigenes, recht fraulich gewordenes Gesicht, das von goldenen Locken umrahmt wurde. Wie sie wohl mit solch schönem Perlengeschmeide am Hals aussehen würde?

Vom Besitzer des Uhrmacher- und Juweliergeschäfts hieß es, er sei der »Cartier Deutschlands, der Königs- und Fürstenhäusern Diademe anmisst«. Bereits dreimal hatte sich Henya wegen ihrer Leidenschaft für Perlen bei Herrn Koch als Verkäuferin beworben, doch bisher war leider nie eine Stelle für sie frei gewesen.

Stattdessen erledigte sie seit dem Ende ihrer Schulzeit Büroarbeiten für ihren Vater Valentin, der Rechtsanwalt war. Diese Tätigkeit war natürlich sehr weit entfernt von ihrem Traum, mit Perlen zu arbeiten.

Deren zauberhafter Glanz und innerer Schein wirkten auf Henya stets elegant und geheimnisvoll zugleich. Ihre Faszination dafür war familiär bedingt: Ihr Großvater, Opa Cornelius, stammte aus einer Familie von Flussperlenfischern im Auftrag des sächsischen Landesfürsten. Damals zu ihrer Einschulung hatte er ihr einen wunderschönen Armreif aus den schimmernden Kugeln geschenkt, den sie immer noch wie ihren Augapfel hütete.

»Ich selbst war nie gut im Perlenfischen«, hatte der Großvater ihr damals erzählt – deshalb war er wohl Rechtsanwalt geworden. »Dafür aber mein jüngerer Bruder. Dein Großonkel Moritz ist inzwischen in Australien durch Perlmutt reich geworden.«

»Kommt er uns mal besuchen?«, hatte Henya damals gefragt.

Mit etwas traurigem Gesichtsausdruck hatte Cornelius den Kopf geschüttelt. »Weißt du, Australien ist weit fort, auf der anderen Seite der Erdkugel.«

Dann war er Henyas entrücktem Blick auf die Perlen des Armbands gefolgt, und sie erinnerte sich noch heute, über ein Jahrzehnt später, an Cornelius Schmerlers Worte: »Perlen sind ein faszinierendes Geschenk der Natur, man hat sie quer durch die Jahrhunderte geschätzt, als Schmuckstücke und Zeichen von hohem Ansehen. Das war schon vor viertausend Jahren in China so, bei den alten Ägyptern in den Tagen von Kleopatra, im antiken Griechenland und auch im Römischen Reich. Angeblich haben britische Perlen Julius Cäsar zum Englandfeldzug bewogen. Im Mittelalter waren die kostbaren Kügelchen ein Symbol der Liebe zu Gott, sie werden ja auch im Neuen Testament erwähnt: ›Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, je eines der Tore war aus einer Perle, und die Straße der Stadt reines Gold wie durchsichtiges Glas.‹ So heißt es in der Offenbarung des Johannes. Christliche Herrscher haben Perlen deshalb als Zeichen für ihre Macht eingesetzt.«

»Ich habe gehört, dass auch Napoleon die Perlen geliebt hat«, war Henya eingefallen, und der Großvater hatte anerkennend genickt.

»Das ist richtig. Nach der Geburt seines Sohnes schenkte der Feindeskaiser seiner zweiten Frau Marie-Louise von Österreich eine exklusive Perle. Sie hieß La Regente. Vor Kurzem wurde der französische Kronschatz veräußert, da hat sie der berühmte Juwelier Fabergé ersteigert. Inzwischen soll sie ihm die Perlensammlerin Fürstin Jussupowa abgekauft haben. Sicher für eine Menge Geld! La Regente ist nämlich eine der größten Perlen der Welt. In Napoleons Besitz befand sich auch ein weiteres, sehr berühmtes Exemplar: La Peregrina, die hat man vor zweihundert Jahren in Panama gefunden. Zuerst gehörte sie der spanischen Krone, dann schenkte Prinz Philipp II. sie Maria Tudor, der damaligen Königin von England. Von Napoleon ging sie wohl an Queen Victoria.«

»Ich werde meine Perlen nie hergeben, Opa Cornelius«, hatte Henya versprochen, und bisher war sie dem Gelöbnis treu geblieben.

»Na, Henya, planst du einen Überfall?«, riss eine Männerstimme sie aus ihren Erinnerungen, und sie fuhr erschrocken herum.

»Carli«, rief sie erfreut, als sie den sehr hochgewachsenen, braunhaarigen Endzwanziger in eleganter Kleidung mit Zylinder auf dem Kopf erkannt hatte.

Sie gönnte sich eine herzliche Umarmung, es gab ja keine Zeugen, und außerdem war Carl Thomass junior für sie wie ein großer Bruder.

»Du bist ja noch mehr in die Höhe geschossen«, meinte sie – dabei war davon auszugehen, dass er bei ihrem letzten Treffen vor gut vier Jahren bereits ausgewachsen gewesen sein musste. Damals war Henya aus Anlass des sechzigsten Geburtstages von Carlis Vater bei der Familie in München zu Besuch gewesen. Kommerzienrat Georg Carl Thomass, ein alter Freund ihres Großvaters, war in der Bayernmetropole nicht nur ein stadtbekannter Juwelier, sondern auch ein politischer Kopf: Er saß als Abgeordneter der linksliberalen Fortschrittspartei im Landtag und wirkte im Münchener Magistrat mit. Zudem gehörte er zu den Mitbegründern der dortigen Trambahngesellschaft und der Dampfschifffahrtsgesellschaft Würmsee in Starnberg.

In Carl Thomass’ Haus am Marienplatz hatte Henya als Kind so manche Ferien verbringen dürfen. Dabei war ihr von den vier Juweliersöhnen der älteste – und schüchternste –, der nun hier vor ihr stand, am meisten ans Herz gewachsen. Carl Otto August Thomass war von jeher Carli genannt worden, um seinen Vornamen von dem des Vaters unterscheiden zu können.

»Und du wirst immer schöner«, sagte er etwas verlegen.

Mit Schmeicheleien konnte Henya nicht gut umgehen, daher fragte sie ablenkend: »Was führt dich nach Frankfurt?«

»Du«, entgegnete Carli zu ihrem Erstaunen. »Ich war schon bei euch, euer Hausdiener sagte, du bist beim Bäcker, da dachte ich, ich geh dir ein wenig entgegen. Irgendwie muss das erst noch einsickern, dass du jetzt alt genug bist, allein durch die Stadt zu gehen.«

»Das ist lieb«, fand Henya, und sie machten sich auf den Weg zum Haus ihres Vaters.

»Hast du wieder ein bisschen von Perlen geträumt?«, erriet Carli und deutete über die Schulter zurück auf Kochs Juweliergeschäft.

»Ertappt«, gab Henya zu. »Wie waren denn deine drei Wanderjahre?«

»Aufregend. Ich habe so viel gesehen und erlebt, das müssen wir alles mal in Ruhe besprechen«, schlug er vor. »Aber ich bin endlich Meister.«

»Und jetzt möchtest du in Wien eine eigene Goldschmiede eröffnen?«, vergewisserte sich Henya. »Das hattest du doch vor.«

Ihr Freund seit Kindertagen schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Vater möchte spätestens nächstes Jahr in den Ruhestand gehen. Meine Brüder haben mich angefleht, in München zu bleiben und seine Nachfolge als Juwelier anzutreten. Die wollen das nämlich auf gar keinen Fall tun. Keiner von den dreien!«

Darüber war Henya ein wenig erstaunt. »Es muss doch traumhaft sein, ein solch wunderbares Geschäft übernehmen zu dürfen!«

Der frischgebackene Goldschmiedemeister schüttelte den Kopf. »Eugen und Ludwig haben mit der Juwelierskunst herzlich wenig am Hut. Die sind inzwischen Braumeister, haben ihr Handwerk in Pilsen gelernt. Mein dritter Bruder Fritz hat zwar auch die Ausbildung zum Goldarbeiter durchlaufen, aber er ist viel zu unstet – also bleibe nur noch ich als Geschäftsnachfolger. Deshalb habe ich eine Bitte an dich.«

Henya sah erstaunt zu ihm auf. »An mich?«

»Ich weiß, dass du davon träumst, mit Schmuck zu arbeiten. Vaters bisherige Verkäuferin Elise Kolb will sich ebenfalls aufs Altenteil zurückziehen. Mit Mitte sechzig hat sie das ja wirklich verdient. Wir finden beide, dass du eine geeignete Nachfolgerin wärst.«

Henya sah ihn verblüfft an.

»Natürlich würdest du ein eigenes Zimmer mit Ankleidekammer bei uns im zweiten Stock bekommen«, fügte er rasch hinzu.

»Wie wunderbar!«, stieß Henya hervor.

Was für ein Angebot! Sie konnte ihr Glück kaum fassen, auch wenn die Fußstapfen des Verkaufsgenies Elise Kolb sehr groß waren. Und dann gab es da ja leider ein noch viel schwerwiegenderes Problem.

»Es wird bestimmt nicht einfach werden, meinen Vater zu überzeugen, mich gehen zu lassen.«

***

»Ausgerechnet in diesen unruhigen Zeiten!«

Der dreiundvierzigjährige Rechtsanwalt Valentin Schmerler furchte die Stirn, als seine Tochter Henya ihm am Frühstückstisch im Beisein von Carli Thomass ihren Wunsch mitteilte. Sie wusste, dass der politisch interessierte Rechtsanwalt sich derzeit ohnehin oft Sorgen machte, denn für das Deutsche Reich war es bisher ein turbulentes Jahr gewesen. Am 9. März hatte Kaiser Wilhelm I. im Alter von fast einundneunzig Jahren in Berlin sein Leben ausgehaucht. Dessen ältester Sohn, Kronprinz Friedrich Wilhelm, war sein Nachfolger geworden – selbst jedoch schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt und unfähig zu sprechen. Nach nur neunundneunzig Tagen hatte der Tod am 15. Juni auch den erst Sechsundfünfzigjährigen ereilt. Dessen Sohn Wilhelm II. war daraufhin mit neununddreißig der dritte Kaiser des Jahres 1888 geworden. Das Gefühl der Unsicherheit hatte das Reich aber noch nicht verlassen. Allenthalben schwelten Unruhen. Kein Wunder also, dass Valentin Schmerler seine Tochter am liebsten in seiner Nähe wusste.

»Mein Vater, meine vier Brüder und ich werden alle auf Henriette achtgeben«, versuchte Carli, den Anwalt zu beruhigen.

Der legte sein Marmeladenbrötchen ab und sah seiner Tochter seufzend in die Augen. »Ich wusste ja im Grunde, dass der Tag irgendwann kommen würde. Aber ich hatte insgeheim gehofft, du heiratest einen schmucken Frankfurter und bleibst in der Nähe. Dich jetzt nur noch ganz selten zu sehen, das wird ungewohnt sein. Und für mein Büro muss ich natürlich auch eine Nachfolgerin finden.«

Valentin Schmerlers Gattin war bereits 1872, im Alter von nur zweiunddreißig Jahren, an der Cholera gestorben. Damals war Henya erst ein Jahr alt gewesen, daher besaß sie keine eigenen Erinnerungen an ihre Mutter. Eine neue Frau hatte der Vater bisher nicht gefunden, er würde seine Tochter also gewiss sehr vermissen, denn bis auf den Hausdiener und die Köchin wäre er nach Henyas Fortgang allein im Haus. Das bereitete ihr zwar ein schlechtes Gewissen, aber vielleicht würde diese Einsamkeit Valentin Schmerler ja auch dazu bewegen, mit mehr Eifer nach einer neuen Lebensgefährtin zu suchen.

»Du hast schon recht, dir deinen Traum zu erfüllen«, räumte er nun zu Henyas Erleichterung ein. »Mein Adoptivvater hat früher auch hart dafür kämpfen müssen, Jura studieren zu dürfen. Die Familientradition hätte es eigentlich verlangt, dass er als Erstgeborener Perlenfischer wird.«

»Dann darf ich gehen?«, fragte Henya vorsichtig, so als könnte ihr Vater es sich anders überlegen, wenn sie ihre Stimme zu sehr erhob.

»Du darfst«, entgegnete er mit einem milden Lächeln.

Und als sie ihm vor Freude um den Hals gefallen war, wischte sich Valentin Schmerler verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Henya sah strahlend zu Carli, der ebenfalls sehr erleichtert dreinblickte. Nun würden sie bald gemeinsam in München für die Weiterführung des bekannten Juweliergeschäfts verantwortlich sein. Was für eine wunderbare Herausforderung!

***

Schon am übernächsten Tag näherte sich der Zug mit Carli Thomass und Henya Schmerler an Bord München. Nach dem Abschied am Bahnsteig waren die Augen der jungen Frau zunächst ganz verweint gewesen. Es war ihr sehr schwergefallen, ihren Vater, den Hausdiener und die einstige Amme, die inzwischen Köchin im Hause Schmerler war, hinter sich zu lassen. Doch sie freute sich trotz der Wehmut auf ihr verändertes Leben in der Bayernmetropole.

»Schade, dass der neue Frankfurter Bahnhof erst im August fertig wird«, meinte Carli bedauernd. »Der Baustelle nach zu urteilen, muss er ja geradezu gigantisch werden.«

Das hatte Henya auch gehört. Durch das stark erhöhte Aufkommen an Reisenden in den letzten Jahren war die Kapazität der drei Westbahnhöfe Frankfurts, von denen aus sie heute noch abgereist waren, zunehmend unzureichend geworden. Wann immer Henya mit ihrem Vater verreist war, hatte ein furchtbares Gedränge geherrscht. Die benötigte neue Zentralstation auf dem ehemaligen Galgenfeld war in fünfjähriger Bauzeit als Kopfbahnhof verwirklicht worden und sollte am 18. August eröffnet werden.

»Das stimmt, er wird wohl der größte Europas sein«, sagte Henya, »aber schon jetzt ist klar, dass selbst seine Größe nicht ausreichen wird.«

»Woher weißt du das?«, wunderte sich Carli.

»Der Berliner Architekt Schwedler ist ein Mandant meines Vaters«, erklärte sie. »Den Architekturwettbewerb vor sieben Jahren hat Herr Schwedler zwar nicht gewonnen, sein Entwurf wurde aber immerhin Zweiter von über fünfzig.«

»Und wer war der Sieger?«

»Ach, so ein Universitätsbaumeister aus Straßburg im Elsass. Den hat man dann auch mit der Planung und Baudurchführung des Empfangsgebäudes beauftragt. Aber Herr Schwedler durfte als Stahlbaufachmann die drei Bahnhofshallen konstruieren. Die Einweihung wird sicher sehr feierlich. Da wäre ich wirklich gern dabei gewesen.«

»Na, feierlich wird es in München auch bei unserer Ankunft«, tröstete sie Carli. »Seit vorgestern findet dort eine Feier zum hundertsten Geburtstag von König Ludwig I. statt. Eigentlich hätten die Münchner das Fest schon vor zwei Jahren veranstalten wollen, Ludwig I. wurde ja 1786 geboren. Aber 1886 war ans Feiern natürlich nicht zu denken.«

»Weil damals König Ludwig II. im Starnberger See umgekommen ist?«, mutmaßte Henya.

Carli nickte. »Genau, deshalb wurde die Feier verschoben. Dafür wird es jetzt umso aufwendiger werden. Den Höhepunkt soll heute ein Festzug bilden.«

Henya spürte ein Kribbeln im Bauch. München würde sich bei ihrer Ankunft also von seiner aufregendsten Seite zeigen.

***

Carli hatte nicht zu viel versprochen. Es wimmelte nur so von Passanten in Festtagslaune, als er und Henya zu Fuß vom Münchner Bahnhof auf den knapp anderthalb Kilometer langen Weg zum Wohnsitz seiner Familie am Marienplatz waren.

Eine viertel Million Menschen lebten mittlerweile in der »Schönen an der Isar«, hatte Henya gelesen. Und Tausende hatten sich heute zu dem drei Kilometer langen Festzug mit Ziel Odeonsplatz formiert. Es ging zu wie beim Fasching: Schauspieler und Studenten waren in historische Kostüme geschlüpft, Reiter saßen auf Kamelen, Vereine und Gewerbetreibende präsentierten Themenwagen, die Spirituosenhersteller hatten eine riesige dampfende Punschschüssel gefüllt.

Und plötzlich hörte Henya ein animalisches Trompeten, das sie zunächst sehr erschreckte. Sie folgte dem exotischen Klang mit dem Blick und sah zum ersten Mal in ihrem Leben leibhaftige Elefanten! Beim Festumzug präsentierte sich die Gruppe der Kauf- und Handelsleute mit einem Wagen, zu dem acht jener Großtiere gehörten. Den Anfang machte ein Elefantenbulle, auf dessen Rücken eine Kunstreiterin saß.

»Das sind indische, erkennt man an den kleineren Ohren«, erklärte Carli. »Sie sind eine Leihgabe von Carl Hagenbecks Zirkus.«

Schließlich defilierten die Tiere in der Ludwigstraße vor einem mit vielen Orden behangenen Mittsechziger mit Vollbart, der wohlwollend über die Tiere schmunzelte.

»Ist das Prinzregent Luitpold?«, vergewisserte sich Henya.

Carli nickte. »Ja, er herrscht zwar erst seit zwei Jahren, aber man merkt bereits, dass er nicht nur an wirtschaftlichem Aufschwung interessiert ist. Ihm ist auch die Kultur wichtig.«

Henya wusste, dass Prinz Luitpold Bayern regierte, da der eigentliche Thronfolger des vor zwei Jahren verstorbenen König Ludwig II., dessen Bruder Otto, schon seit seiner Jugend geisteskrank und damit regierungsunfähig war.

Vor dem Siegestor kreuzte eine als Drache dekorierte Straßenlokomotive den Tross.

Carli schüttelte grinsend den Kopf. »Das Ding gehört der Münchner Eisenindustrie, soll angeblich ein Symbol dafür sein, dass der Mensch die Naturgewalten im Griff hat.«

»Wie viel Mühe man sich damit gegeben hat«, staunte Henya.

Als »der Drache« nun Feuer spie, sprich Dampf abließ, scheuten jedoch die Elefanten. Trompetend richteten sich die erschrockenen Riesen auf. Instinktiv griff Henya nach Carlis Arm, und es beunruhigte sie, dass er ebenfalls Angst im Blick hatte. Das Verhalten der Elefanten ließ auch viele andere Zuschauer in Panik geraten, Schreie ertönten. Durch diese Unruhe wurden die Tiere jedoch noch aufgeregter. Sie waren an den Vorderbeinen mit Ketten gebändigt, doch die zerrissen nun, und die Elefanten liefen wild trompetend durch die Ludwigstraße. Im Nu waren zahllose Zuschauer am Boden, über diese stürzten die übrigen Fliehenden. Und dann raste einer der Elefanten direkt auf Carli und Henya zu, die von der panischen Menschenmasse eingekeilt waren. Das konnte doch unmöglich Gottes Plan sein, dachte sie verzweifelt, dass er erst vorgab, ihr den Traum von der Arbeit mit Perlen zu erfüllen, nur um sie dann von einem wild gewordenen Tier aus dem fernen Indien tottrampeln zu lassen!

Kapitel 2

»Mein Gott, diese Perlen erinnern ja an die Farbe von schmackhaftem Kakao.«

Als Alice Joas, geborene Derbishire, diesen Satz auf Englisch hervorstieß, klang sie begeistert. Mit liebevollem Blick sah ihr neunzehnjähriger Sohn Jakob zu, wie seine Mutter fasziniert ein Paar Ohrringe mit zwei matt schimmernden, schokoladenfarbenen Perlen betrachtete, die unter je einer hübschen, mit Gold veredelten Diamantblume angebracht waren. »Das hast du ganz wundervoll gestaltet, Darling.«

»Die Perlen sind aus Tahiti, das Gelbgold hat vierzehn Karat«, antwortete der Goldarbeiterlehrling ebenfalls auf Englisch.

Die inzwischen Achtundvierzigjährige stammte aus Eccles in der englischen Grafschaft Lancashire und hatte ihren einzigen Sohn zweisprachig aufgezogen.

»Da wird sich die Frau deines Meisters aber freuen, dass du ihr so etwas Schönes zum Abschied schenkst«, meinte sie und gab Jakob die von ihm gefertigten Ohrringe zurück.

»Die Materialien hat der Seniorchef mir natürlich zur Verfügung gestellt«, erläuterte er. »Aber ich habe die Erlaubnis, es ihr zu geben, nachdem sein jüngster Sohn eine Fotografie davon angefertigt hat. Ein Dankeschön hat sie ja wirklich verdient, schließlich hat sie ihn vor drei Jahren überredet, mich als Lehrling in der Goldschmiede aufzunehmen.«

»Sonst wäre ich ihr auch böse gewesen«, scherzte Alice Joas, »immerhin ist Ursel meine beste Freundin.«

Da hörten sie einen Schlüssel in der Tür, und Mutter und Sohn zuckten gleichermaßen erschrocken zusammen.

»Ist das Daddy?«, flüsterte Jakob alarmiert.

Eigentlich hätte er eines Tages den Stoffhandel seines Vaters Martin Joas übernehmen sollen. Doch seit seiner Jugend war es sein Traum gewesen, Goldschmied zu werden. Eine Tante hatte ihm noch kurz vor deren plötzlichem Tod alles über Schmuck im Allgemeinen und Perlen im Besonderen erzählt. Dass Jakob vor drei Jahren auch noch ausgerechnet bei der Familie Thomass seine Ausbildung begonnen hatte, war seinem Vater Martin erst recht ein Dorn im Auge gewesen. »Ich hasse die Sippschaft, die haben meinem seligen Bruder das Leben ruiniert«, hatte er gebrüllt. »Wenn du bei denen anfängst, brauchst du dich hier gar nicht mehr blicken zu lassen.«

Wegen dieses Hausverbots suchte Jakob seine Mutter nur noch heimlich in der Mittagspause auf, wenn sie davon ausgehen konnten, dass ihr Mann geschäftlich zu tun hatte. Doch heute schien er unerwartet mitten am Tag nach Hause gekommen zu sein.

»Bist du das, Martin?«, rief Alice aufgeregt.

»Ja, ich habe meinen Lagerschlüssel vergessen«, hörten sie die sich nähernde Stimme des Stoffhändlers.

Seine Mutter hatte Jakob Würstchen gebraten und zum Glück befanden sie sich deshalb noch in der Küche. Diese lag im Parterre, und daher konnte er nun durch das Fenster fliehen. Dabei kam ihm seine Sportlichkeit zugute, im Sommer trainierte er in einem Ruderverein, im Winter frönte er dem Eislauf.

Er landete auf dem Gehsteig der Landwehrstraße und hastete außer Sichtweite – da stand plötzlich ein zitternder Elefant vor ihm!

***

Henya und Carli atmeten erleichtert auf. Im letzten Augenblick war der rasende Dickhäuter von einem der prächtig gekleideten Reiter des königlichen Chevaulegers-Regiments mit blankem Säbel zurückgetrieben worden. Pferdewiehern mischte sich mit aufgeregtem Trompeten – den anderen Elefanten widerfuhr durch weitere Chevaulegers Ähnliches, weshalb die aufgescheuchten Großtiere in zwei Gruppen auseinanderstoben und in die Seitenstraßen rasten.

»Lass uns hier verschwinden«, keuchte Carli. »Wir nehmen einen Umweg zum Marienplatz.«

Henya folgte ihm mit weichen Knien. Bei ihrem Versuch, in ein Seitengässchen zu gelangen, wurden sie mehrmals von Menschen in Todesangst angerempelt, sodass Carli schließlich schützend den linken Arm um Henya legte, mit dem rechten trug er ihren Koffer und seine eigene Reisetasche.

Die Panik musste sich ausgeweitet haben, denn selbst in den kleinen Gassen waren die Schreie noch zu hören. Immer wieder begegneten ihnen aufgeregt fliehende Menschen, einmal galoppierte ein herrenloses Pferd mit Schaum vor dem Mund an ihnen vorbei, weshalb sie sich ängstlich in einen Hauseingang pressen mussten.

Und schließlich sahen sie einen schönen blonden Mann, der einen der Elefanten an einem Seil durch eine leere Gasse führte. Dieser trottete brav neben dem Jüngling her. Zur Belohnung reichte er dem Tier eine Nuss, nach der es mit seinem Rüssel griff, um sie sich ins Maul zu schieben.

»Jakob«, rief Carli nun, der den Tierführer zu kennen schien.

»Willkommen zurück«, antwortete ihm der Blondschopf von der anderen Straßenseite aus. »Könntest du deinem Vater und Frau Kolb ausrichten, dass ich mich etwas verspäte? Das verirrte Kerlchen hier muss zurück in seinen Stall auf der Theresienwiese.«

»Das mache ich«, stimmte Carli zu. »Pass gut auf den Elefanten auf, die Leute sind ziemlich hysterisch gerade.«

»Danke, hast was gut bei mir.« Der junge Mann verneigte sich leicht und lächelte Henya freundlich zu, bevor er mit dem friedlichen Elefanten an der Leine weiterging.

»War das ein Zirkuswärter?«, fragte sie neugierig, während sie Carli weiter in Richtung Marienplatz folgte, nicht ohne sich noch einmal nach dem blonden Mann umzudrehen. Er tat dasselbe und schmunzelte, als ihre Blicke sich trafen.

Carli lachte auf. »Nein, Jakob Joas ist seit drei Jahren Lehrling bei Vater. Er hat mich in der Goldschmiede vertreten, solange ich auf der Walz war.«

»Und wie kommt es dann, dass er einen Elefanten bändigen kann?«

»Er ist der tierliebste Mensch der Welt. Besonders die exotischen haben es ihm angetan, seit seiner Jugend liebt er deshalb Zoos und den Zirkus, ist oft dorthin ausgebüxt«, erzählte Carli. »Er ist einfach ein Abenteurer und viel mutiger als ich. Wenn er Anfang nächstes Jahr dran ist, seine Wanderjahre anzutreten, will er ferne Lande besuchen. Seine Mutter kommt aus England, deshalb spricht er die Sprache absolut fehlerfrei, das wird es ihm natürlich einfacher machen.«

In diesem Augenblick hörten sie in der Ferne einen Schuss und sahen sich erschrocken an.

Carli wirkte äußerst besorgt. »War das bei Jakob Joas?«

Henya schüttelte hastig den Kopf. »Das kam aus einer anderen Richtung.« Sie hoffte inständig, dass nur in die Luft geschossen worden war.

Als sie endlich den Marienplatz erreichten, der bis vor fünfunddreißig Jahren Schrannenplatz geheißen hatte, herrschten dort ebenfalls große Aufregung und Furcht. Auch hier liefen herrenlose Pferde umher. Doch der vertraute Anblick des imposanten Wohnsitzes der Juwelierdynastie Thomass beruhigte Henya ein wenig. Das fünfstöckige Haus mit der Nummer eins, so hatte Carlis Vater ihr einmal erzählt, war früher die Alte Hauptwache gewesen. Inzwischen nannten es die Münchner das Thomass-Gebäude oder »Haus der Perlen«. Mit jedem Schritt, den sie darauf zugingen, fiel die Aufregung ein wenig mehr von Henya ab.

Carli wandte sich an einen Gendarm, der an ihrem Haus vorbeiging: »Grüß Gott, Herr Lehner, wissen Sie, was aus den Elefanten geworden ist?«

»Sie haben Menschenwälle in der Brienner Straße und auf dem Odeonsplatz durchbrochen, am Residenzplatz wurden Passanten an die Wand getrieben, die haben in ihrer Verzweiflung mit Regenschirmen auf die Elefanten eingeschlagen – dadurch wurde deren Wildheit natürlich noch vermehrt. Alles ist schreiend geflüchtet – in rasender Eile«, berichtete der Schutzmann. »Selbst meine Kollegen und das Militär konnten dem nicht mehr standhalten. Die Tiere sind über den Max-Joseph-Platz geflohen – bis zum Hofgraben. Drei Elefanten haben das Haupttor der Königlichen Münze durchbrochen und sind in das Gebäude eingedrungen. Einer soll ins Hofbräuhaus gerannt sein, andere sind in ein Häuschen an der Baumstraße eingebrochen, wo sie eine Wohnung verwüstet haben. Über den Alten Hof und den Viktualienmarkt rannten sie dann zum Gärtnerplatz. Erst in der Auenstraße konnten die Tiere am Ende wieder eingefangen werden – durch die Feuerwehr und eine Abteilung der Kavallerie. Mindestens ein Elefant wurde aber erschossen.«

Henya seufzte mitleidsvoll auf. Das war wohl der Schuss gewesen, den sie vorhin gehört hatten. Das arme Tier! »Gab es auch menschliche Todesopfer?«, fragte sie.

Der Polizist schüttelte zu ihrer Erleichterung den Kopf. »Bisher nicht, aber zahlreiche Beinbrüche sind vorgekommen. Ich muss mal weiter, bis bald, die Herrschaften.«

»Das war Polizeioffiziant Hannibal Lehner«, erklärte Carli. »Meine Tante hat ihm hier nebenan eine Wohnung im fünften Stock vermietet.«

Henya wusste von früheren Besuchen, dass die Familie Thomass mittlerweile auch das Haus mit der Nummer zwei gekauft hatte. Einst hatte sich im Erdgeschoss das bekannte Gasthaus Zum Goldenen Lamm befunden, heute verkaufte dort Otto Hierneis, der Mann von Carl Thomass seniors jüngster Schwester, Damen- und Herrenwäsche, Krawatten und Handschuhe. Teilweise bewohnten zwar auch Verwandtschaft und Personal der Familie Thomass die zahlreichen Wohnungen der zwei fünfstöckigen Gebäude hier im Herzen Münchens, doch Carl senior und seine jüngste Schwester Anna hatten etliche Mieter untergebracht, die ihnen monatlich gewiss erkleckliche Summen zahlten.

Da kam aus dem ersten Haus aufgeregt ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann in Livree gestürmt, in dem Henya den dunkel gelockten Hausdiener Sebastian Heiland erkannte.

»Herr Thomass, wir haben uns schon Sorgen gemacht«, rief er und nahm Carli augenblicklich dessen Reisetasche und Henyas Koffer ab. »Was war ich erleichtert, als ich Sie durch das Fenster gesehen habe. Und das Fräulein Schmerler ist auch wohlauf. Seien Sie herzlich willkommen!«

»Danke, Herr Heiland«, strahlte Henya.

Sie mochte den Hausdiener, der ihr bei ihren Ferienbesuchen öfter ein Gutsel zugesteckt hatte.

»Ist mein Vater in der Werkstatt?«, erkundigte sich Carli.

»Ich glaube, ja. Darf ich Ihr Gepäck schon hinaufbringen?«, bot Herr Heiland beflissen an.

»Ja, vielen Dank«, erwiderte Carli und wandte sich an Henya. »Sollen wir gleich Vater aufsuchen?«

»Sehr gern.«

Als sie das Geschäft betraten, war Henya einmal mehr überwältigt von dem dortigen Sortiment: Edelsteine von leuchtend Rot über geheimnisvoll Grün bis zu Nachtblau funkelten verlockend, Perlen schimmerten, umrahmt von glänzendem Platin, Gold und Silber – das alles in Verbindung gebracht durch feinste Juwelierskunst.

Sie wusste von Carli bereits, dass das Ladengeschäft in den letzten Jahren noch ausgebaut worden war. Neben dem selbst gefertigten Schmuck bot Patriarch Thomass auch zugekaufte Galanteriewaren an. Dabei handelte es sich um kleinere modische Gebrauchsgegenstände wie Parfümflakons, an Kettchen getragene Riechfläschchen, Puderdosen, auffällige Knöpfe, Armbänder, Schnallen, Tücher, Schals und Fächer.

Des Weiteren befanden sich nun sogenannte Bijouteriewaren im Sortiment: Glasschmuck, Dosen, Leuchter und Uhrgehäuse.

Viel Zeit, all das zu bewundern, hatte Henya nicht, denn nun wurden sie sogleich freudig erregt von einer äußerst gepflegten Mittsechzigerin begrüßt: Elise Kolb. Bei ihren Ferienbesuchen hatte die Verkäuferin der neugierigen Anwaltstochter aus Frankfurt erzählt, wie man die verschiedensten Kundentypen beriet: wohlhabende Damen, die sich anziehend machen wollten für Bewunderer oder sich einfach selbst etwas Schönes gönnten, Herren, die auf der Suche nach beschwichtigendem Schmuck für ihre Ehegattin waren – oder nach etwas Betörendem für eine heimliche Geliebte. Und die erfüllendsten Gespräche drehten sich laut Frau Kolb um die Ringe für jene, die sich auf den hoffentlich glücklichsten Tag in ihrem Leben vorbereiteten.

»Es ist so schön, dass du es bist, die mich ersetzen wird«, betonte sie nach der herzlichen Begrüßung. »Du liebst den Schmuck und hast ein Gespür dafür, was zu wem passt.«

»Oh, ich kann Sie keinesfalls ersetzen, Ihnen höchstens nachfolgen«, beeilte sich Henya zu sagen. »Ich muss noch so viel lernen.«

»Keine Angst, im Notfall steh ich dir auch nach dem ersten September noch für Fragen zur Verfügung«, versprach Elise Kolb. »Ich wohne ja gleich nebenan im zweiten Haus des Seniorchefs. Außerdem war ich anfangs genauso unsicher wie du. Mir war bang, ich werde das nie so gut können wie meine Vorgängerin Marie Joas, Gott hab sie selig.«

Bei der Erwähnung jenes Namens verdunkelte sich sowohl der Gesichtsausdruck der Verkäuferin als auch der Carlis. Die verstorbene ältere Schwester des Seniorchefs musste etwas ganz Besonderes gewesen sein. Obwohl Henya selbst damals erst drei Jahre alt gewesen war, erinnerte sie sich vage an die große Trauer, die Maries Tod Anfang 1874 auch bei ihrem Vater und Opa Cornelius ausgelöst hatte. Von der Köchin der Familie hatte Henya einst erfahren, dass Carl Thomass das Zimmer seiner Schwester nach deren Ableben hatte verriegeln lassen und seit fast anderthalb Jahrzehnten nichts daran geändert worden war. »Als ob er auf ihre Rückkehr wartet – oder auf ihren Geist«, hatte die Köchin mit gesenkter Stimme erzählt. Henya erinnerte sich daran, dass es ihr in der Folge stets mulmig gewesen war, an dem verschlossenen Zimmer der verstorbenen Marie vorbeizugehen.

Verkäuferin Elise Kolb meinte nun: »Marie war der gütigste Mensch der Welt, hat mir seinerzeit jede Angst genommen und mir vor ihrer Hochzeit mit Tuchhändler Joas noch alle Kniffe des Schmuckverkaufs beigebracht.« Dann versicherte sie Henya: »Wir beide haben ja über einen Monat lang Zeit, dass ich dasselbe für dich tun kann.«

»Ist mein Vater in der Werkstatt?«, fragte Carli.

Doch Frau Kolb schüttelte den Kopf. »Er ist vorhin rausgegangen, um zu schauen, was das da für ein Tumult auf dem Marienplatz ist.«

Wie aufs Stichwort bimmelte in diesem Augenblick das Glöckchen über der Ladentür, und Kommerzienrat Thomass senior kehrte in sein Geschäft zurück. Trotz seines gediegenen Alters von vierundsechzig Jahren, edlem Anzug und Zylinder hatte er noch etwas Schelmisch-Jungenhaftes im Gesicht, wenn er lächelte.

»Was für eine Tragödie da draußen, die armen Elefanten. Ich bin froh, dass dir und meinem Erstgeborenen nichts passiert ist, Henriette«, meinte er nach der freundlichen Begrüßung. »Schön, dass du Carli hilfst. Meine übrigen drei Söhne wollen ja in Bier machen. Sie haben wohl einfach zu viel von meiner lieben Frau Ursel. Tja, so ist das eben, wenn man die Tochter eines Schäfflers heiratet.«

Henya wusste, dass Ursula Thomass’ wohlhabende Eltern zu Lebzeiten Holzfässer hergestellt hatten und mit sämtlichen Bierfabrikanten bekannt gewesen waren. Ursel pflegte jene Verbindungen immer noch. Ihre Liebe zur Welt der Bierherstellung schien auf ihre Söhne Eugen und Ludwig abgefärbt zu haben. Aber auch Juwelier Carl senior mischte dort mit. Auf Anraten seiner Frau hatte er sich schon vor über anderthalb Jahrzehnten an der Umwandlung der Firma Löwenbräu zur Aktiengesellschaft beteiligt, wie Henya in einem Brief von Carli berichtet worden war.

Der wandte sich mit einem Augenzwinkern an seinen Vater: »Na ja, beschweren kannst du dich ja wirklich nicht über Mutter, du verdankst ihr doch im Grunde all das hier, oder? Die Ablösesumme von viertausendfünfhundert Gulden für den florierenden Betrieb deines Lehrmeisters hättest du dir vor vierzig Jahren nie leisten können – ohne Mutters Mitgift. Gerade mal vierundzwanzig Jahre alt und von den Wanderjahren zurück.«

Carl Thomass senior legte scherzhaft einen Finger auf den Mund. »Pst, erinnere deine Mutter bloß nicht daran. Das steigt ihr noch zu Kopf. Da wir gerade von ihr sprechen, sie wartet bestimmt schon ungeduldig darauf, dir dein Zimmer zu zeigen, Henriette.«

Kurz darauf folgte Henya Carli durch das Treppenhaus auf den nach Bohnerwachs duftenden Holzstufen nach oben. Die zwei privat genutzten Wohnungen der Familie Thomass befanden sich nicht im ersten Stock, obwohl andere Hausbesitzer meist jene Etage als eigene Residenz wählten. Aber Carlis sparsamer Vater hatte die sogenannte Beletage für gutes Geld an einen Kaufmann vermietet und residierte selbst im Stockwerk darüber.

Die linke Wohnung enthielt Küche, Bad, Bibliothek, Salon und zwei Schlafzimmer. In der rechten befanden sich drei weitere Schlaf- sowie ein Studierzimmer und zwei zusätzliche Bäder.

Kaum hatte Carli die Tür zur linken Wohnung in der zweiten Etage geöffnet und Henya in den hohen, mit kostbaren Perserteppichen ausgelegten Wohnungsflur geführt, kam seine Mutter Ursula Thomass, geborene Holzapfel, aus der Bibliothek und eilte ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Die Neunundfünfzigjährige trug ein Trachtenkleid und hatte das weizenblonde Haar zu einem Knoten zusammengebunden. Liebevoll drückte sie Henya an ihre stattliche Brust.

»Ja, Madl, mei, dass du endlich da bist! Komm mit, ich zeig dir dein Zimmer. Mein Mann hat es zum ersten Mal seit Jahren geöffnet und zur Verfügung gestellt, es gehörte mal seiner Schwester Marie.«

Henya erschauderte ein wenig bei der Vorstellung, in das Zimmer einer Frau zu ziehen, das seit deren Tod unverändert geblieben war.

Kapitel 3

Über dem Bett aus Kirschholz war ein rockförmiger Himmel aus gerafftem weißem Stoff angebracht. Ein schmales Bücherregal, Frisiertisch, Hocker und Standspiegel wiesen für das Zeitalter des Empire typische Dekorationselemente auf – vergoldete Löwentatzen, an Ägypten erinnernde Kapitelle, Schalen, Rosetten und Lotosblüten. An der seidig glänzenden hellblauen Tapete mit Blumenornamenten hing ein Gemälde, das ein Häuschen an einem Bach zeigte.

»Gönn dir ein wenig Ruhe nach der langen Fahrt«, hatte Ursel Thomass vorhin gesagt. »Das Nachtessen wird hier erst um sieben Uhr abends serviert, daran erinnerst du dich ja bestimmt noch.«

Henyas Koffer stand bereits auf dem Bett, doch statt sofort auszupacken, wollte sie sich zunächst weiter in ihrem neuen Zuhause umsehen.

Im schmalen Regal neben dem Fenster begutachtete sie die Titel der Bücher: Antonius und Kleopatra von William Shakespeare, Robinson Crusoe von Daniel Defoe sowie Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper. Von Alexandre Dumas befanden sich die Werke Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo in der Sammlung, von Jules Verne 20 000 Meilen unter dem Meer,In 80 Tagen um die Welt und Der Kurier des Zaren. Erstaunt stellte Henya fest, dass Marie fast denselben Büchergeschmack gehabt zu haben schien wie sie selbst. Besonders verblüffte sie, dass die einstige Verkäuferin ebenfalls die Tagebücher des berühmten Schmuckhändlers Jean-Baptiste Tavernier besaß – mit abenteuerlichen Reiseberichten über die Herkunftsorte wertvollen Schmucks in aller Welt. Als Henya diese vor fünf Jahren von ihrem Vater zum zwölften Geburtstag bekommen hatte, war sie gar nicht mehr davon losgekommen. Der Goldkäfer von Edgar Allan Poe und Moby Dick von Herman Melville waren die einzigen Bücher in Marie Joas’ Sammlung, die Henya noch nicht gelesen hatte. Sie beschloss, dies bald nachzuholen.

Auf dem Sekretär stand eine Fotografie. Sie zeigte eine hübsche Mittzwanzigerin und einen etwa gleichaltrigen Mann, der seine dunklen Locken mit Pomade gebändigt hatte. In der Frau erkannte Henya die junge Marie Joas, von ihr stand auch ein Lichtbild – allerdings späteren Datums – im Arbeitszimmer ihres Vaters in Frankfurt. Der Mann an ihrer Seite war vermutlich ihr Ehegatte, ein Stoffhändler namens Georg Joas. Henya hob das Bild an und entdeckte auf der Rückseite des Rahmens einen handgeschriebenen Kommentar: »1849, vor der großen Lüge«.

Was mochte damit gemeint sein? In diesem Augenblick klopfte es an der Tür, und Henya erschrak dermaßen, dass ihr um ein Haar der Rahmen aus den Händen gefallen wäre. Hastig stellte sie das Bild wieder ab und rief: »Ja bitte!«

Die Tür wurde aufgerissen, und ein junger Mann, der nur so groß wie Henya war, steckte den Kopf herein.

»Eugen«, erkannte sie erfreut Carlis jüngsten, erst achtzehnjährigen Bruder.

Wie so oft fiel ihm eine braune Haarsträhne ins Gesicht. Er starrte sie verblüfft an. »Mit dreizehn sahst du irgendwie anders aus. Da traut man sich ja kaum, seine Spielkameradin aus Kindertagen zu umarmen.«

»Nicht?« Henya fand, dass Eugen immer noch etwas Kindliches hatte. Zumal er jetzt losfeixte, um sie dann knurrend so fest an sich zu drücken, dass ihr fast die Luft wegblieb.

Als er sie losgelassen hatte, musterte er sie erneut. »Meine Schulferien-Zusatzschwester ist erwachsen geworden, sieh an, sieh an. Ich muss dich unbedingt bald fotografieren. Du weißt doch, dass ich schöne Frauen sammle.«

Sie kicherte. »Ihre Abbilder meinst du.«

»Ja, du hast recht, die wirkliche Frau für mein Leben wäre natürlich ein Einzelstück, ein echtes Original. Aber die habe ich bisher noch nicht gefunden«, bestätigte Eugen.

Henya wusste, dass er nicht nur Fotografien sammelte, sondern auch andere Dinge: Briefmarken, Schmetterlinge, Schnupftabakdosen … Er war jemand, der Originale liebte – und daher bei der Suche nach einer Gefährtin gewiss sehr wählerisch. Dafür, so konnte Henya sich vorstellen, wäre er nach einer einmal getroffenen Entscheidung gewiss sehr treu. Sie selbst war zwar von einigen Jungen angehimmelt worden, aber auch sie war bisher für niemand in Leidenschaft entflammt. Vielleicht lag es ja daran, dass sie wie die Vorbesitzerin ihres Zimmers eher spannende Abenteuergeschichten mochte als dramatische Liebesromane.

»Kommen deine älteren Brüder nachher auch zum Abendessen?«, erkundigte sie sich bei Eugen.

»Carli natürlich schon. Bei Fritz weiß man es nie so genau. Der ist gestern Abend mal wieder mit seinen Kumpanen ausgegangen und bisher nicht heimgekommen. So was ist bei ihm an der Tagesordnung. Ludwig kommt keinesfalls. Der arbeitet als Betriebsassistent bei der Dampfschifffahrtsgesellschaft auf dem Würmsee. An der ist unser Vater Teilhaber. An Wochentagen schläft Ludwig deshalb in Starnberg draußen. Aber wir haben uns gedacht, wir fahren Freitag dorthin und laden dich zu einer Fahrt mit dem Schaufelraddampfer ein, dann kannst du ihn auch begrüßen.«

»Das wäre schön«, freute sich Henya. »Aber muss ich Freitag nicht arbeiten?«

»Nein, Vater will, dass du es langsam angehst. Morgen wird dir Frau Kolb alles erklären, das wird wohl für den Anfang anstrengend genug«, erläuterte der jüngste der Thomass-Söhne.

In diesem Augenblick klopfte es an der Wohnungstür.

»Ah, das wird Herr Aumüller aus dem Stockwerk über uns sein«, meinte Eugen. »Er ist Maler und hat da oben auch sein Atelier. Mit dem Einkaufen bekommt er es offenbar nicht so gut hin wie mit seiner Kunst, er stapft alle Nase lang herunter und will sich bei uns Eier, Zucker oder dergleichen leihen. Ist ein ulkiger Vogel, komm, ich stell ihn dir vor.«

Henya war durch den Elefantentumult etwas erschöpft und fand, dass sie für heute eigentlich genug Menschen kennengelernt und wiedergetroffen hatte, aber neugierig war sie doch.

So folgte sie Eugen in den Flur, wo er die Wohnungstür öffnete.

Bei dem davor wartenden Mann handelte sich jedoch nicht um den Kunstmaler, sondern um jenen schlanken Goldarbeiterlehrling, der am Nachmittag den Elefanten an der Leine geführt hatte.

»Jakob, zum Glück, ich dachte schon, der Aumüller will uns wieder die Speisekammer leer räubern«, freute sich Eugen. »Komm rein!«

»Grüß dich! Ist deine Mutter zu sprechen?«, fragte der Blondschopf, und Henya bemerkte erstmals, dass er leuchtend blaue Augen und eine gerade Nase wie eine griechische Statue hatte. Außerdem war er wirklich sehr hochgewachsen, das war ihr neben dem Elefanten gar nicht aufgefallen. Nun erblickte Jakob sie ebenfalls und lächelte ihr etwas scheu zu.

»Guten Tag, Sie müssen Fräulein Schmerler sein. Der Seniorchef hat mir gerade erzählt, dass Sie vorhin in der Gasse die Frau an Carlis Seite waren. Es tut mir leid, dass ich Sie da nicht gebührend begrüßen konnte, aber der Elefant musste nach Hause.« Nun verbeugte er sich galant und stellte sich vor: »Mein Name ist Jakob Joas, ich bin der Lehrling. Schön, dass Sie uns künftig unterstützen.«

»Sehr erfreut«, erwiderte Henya und wagte es, die Frage zu stellen, die ihr auf den Lippen brannte: »Joas? Sind Sie mit Marie Joas verwandt, deren Zimmer ich freundlicherweise nutzen darf?«

»Ja, sie war meine Tante«, bestätigte er. »Eine liebenswerte Frau.«

Sein Gesicht bekam einen solch wehmütigen Zug, dass Henya ihre Frage bereute. Rasch versuchte sie, ihn abzulenken: »Haben Sie Ihren Elefanten denn heil zur Theresienwiese bekommen?«

Sie hoffte, dass nicht ausgerechnet der Dickhäuter erschossen worden war, den Jakob Joas geführt hatte – dann hätte sie ja erneut Salz in Wunden gestreut.

Zu ihrer Erleichterung nickte Jakob jedoch. »Ich habe dort noch mit Zirkusdirektor Hagenbeck gesprochen. Er ist überzeugt, dass vor allem die unverhältnismäßige Hysterie der Menschen schuld an der Katastrophe sei. Es ist ihm wohl auch mehrmals gelungen, die armen Tiere zu beruhigen und zum Stehen zu bringen. Aber nachströmende Menschen haben sie immer wieder aufgestachelt – durch Geschrei und Schläge mit Stöcken und Schirmen.«

»Wie hat man es denn geschafft, die anderen Elefanten am Ende doch wieder einzufangen?«, hakte Henya nach.

»Der Oberwärter des Zirkus konnte sie durch gutes Zureden beruhigen«, antwortete Jakob. »So, wie ich es mit meinem Kerlchen auch getan habe. Sie wurden ebenfalls angebunden, gingen dann aber genauso friedlich wie meiner zurück in ihren Stall. Carl Hagenbeck meint, von allen Beteiligten hätten sich die Elefanten eigentlich am vernünftigsten benommen.«

»Mutter, der Jakob wollte dich sprechen«, rief in diesem Augenblick Eugen, der Ursel Thomass aus der Bibliothek kommen sah.

»Ja?«, fragte sie lächelnd.

Etwas verlegen zückte Jakob Joas daraufhin eine kleine Samtschatulle und trat auf die Frau seines Arbeitgebers zu. »Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben sich vor drei Jahren so nett dafür eingesetzt, dass ich den Carli in der Goldschmiede vertreten darf, solange er auf der Walz ist.«

Ursel nahm das Kästchen gerührt entgegen. »Das ist ja lieb.«

»Ich habe den Schmuck nur entworfen und geschmiedet«, beeilte sich der Lehrling klarzustellen, während Ursel Thomass behutsam den Deckel aufklappte. »Das Material hat freundlicherweise Ihr Gatte gespendet. Er meinte, so fließt auch seine Liebe mit in mein Geschenk ein.«

»Ja mei«, rief sie entzückt und verfiel, wie immer, wenn sie aufgeregt war, in den bayerischen Dialekt. »De san ja so schee. Des ham S’ fei narrisch guad hikriagt.«

Auch Henya erhaschte einen bewundernden Blick auf die Ohrringe. Sie wandte sich begeistert an Jakob: »Die dunkle Farbe der Perlen ist eine raffinierte Wahl. Tahiti?«

Er nickte. »Weiß wäre zwar naheliegend gewesen, weil es die beliebteste Perlenfarbe ist und zu allen Kleidungsstücken passt. Aber auch die faszinierende Farbe der dunklen Südseeperlen lässt sich sehr vielseitig tragen. Ich finde, Schmuck mit schwarzen Perlen strahlt eine verführerische Eleganz aus und bildet gerade auch zu helleren Hauttönen einen wunderschönen Kontrast. Daher dachte ich, sie passen gut zu Frau Thomass mit ihrer zarten, alabasterfarbenen Haut.«

»Dank Eahna recht schee«, sagte Ursel geschmeichelt. »Mögn S’ heid mid uns z’ Omd essn?«

»Oh, a-aber nur, wenn es keine Umstände macht«, stammelte Jakob.

»Ach wos«, entgegnete Ursel Thomass abwinkend, »de Frau Hölzlmaier soi oafach a Gdeck mehra auflegn. Sie san herzlich wuikomma. Und nochmoi herzlichn Dank. I werd de Goldbleamen mit dene Kakao-Perlen gleich heid Omd trogn. Um hoibe siebne geht’s los.«

Während Jakob sich für die Einladung bedankte, dachte Henya an Franzi Hölzlmaier, die sie schon seit Kindertagen sehr mochte. Sie beschloss, die Köchin nach dem Auspacken in der Küche zu besuchen und zu begrüßen.

***

Wie früher in der Sommerfrische durfte Henya ein wenig naschen, während Köchin Franzi letzte Hand an das Abendessen der Familie legte. Die mittlerweile Dreiundsechzigjährige war schon gleich nach der Übernahme des Juweliergeschäfts durch Carl Thomass senior in dessen Dienste getreten. Bereits Franzis Mutter war hier einst Köchin gewesen, dann aber mit der Familie des aus Gesundheitsgründen pensionierten Lehrmeisters Jeremias Neustätter umgezogen. Vierzig Jahre war das nun her. Heute hatte Franzi Hölzlmaier mehrfach betont, wie froh sie sei, dass es nun wieder ein »Madl« im Hause Thomass gab. »Die Erstgeborene vom Chef, die Anna, ist ja jetzt auch schon neununddreißig. Die wohnt zwar drüben in der Nummer zwei, aber sie führt mit ihrem Mann, dem Maxl Weishaupt, ihr eigenes Leben, die kommt kaum herüber«, berichtete die Köchin bedauernd. »Der Weishaupt hat in der Dienerstraße ja auch seine eigene Silberschmiede und durfte sogar schon den König beliefern.«

»Und Herrn Thomass’ zweite Tochter, die Pauline, muss inzwischen einunddreißig sein«, hatte Henya nachgerechnet.

Die Köchin nickte. »Ja, sie lebt mit ihrem Mann, dem Kaufmann Obletter, noch weiter weg. Na, jetzt habe ich ja dich als Rückendeckung bei den vier Lausbuam. Das ist mir gleich, dass die inzwischen alle um die zwanzge sind, für mich sind das immer noch Lausbuam. Besonders der Fritz mit seiner Kartenspielerei dauernd, mit dem nimmt’s noch mal ein böses Ende.«

Ihrer Gutmütigkeit zum Trotz neigte die abergläubische Franzi zum Fatalismus, seit vor zwanzig Jahren ihr Mann, ein Küchenmeister, an einem Freitag, dem Dreizehnten, tödlich verunglückt war.

Beide Frauen zuckten erschrocken zusammen, als plötzlich eine tiefe Männerstimme aus Richtung der Küchentür ertönte, die ohne Anklopfen aufgerissen worden war. »Mit wem wird es ein böses Ende nehmen, Frau Hölzlmaier?«

Henya fuhr herum – sie erblickte einen jungen Herrn mit Oberlippenbart und erkannte, dass es sich um ebenjenen Friedrich Gottlob »Fritz« Thomass handelte, dem die Köchin soeben ein »böses Ende« prophezeit hatte. Der Dreiundzwanzigjährige war zwar adrett gekleidet, doch seine Bartstoppeln sowie der leichte Geruch nach Zigaretten und Alkohol ließen erahnen, dass er nicht heimgekehrt war, seit er sich gestern mit seinen Kumpanen ins Nachtleben gestürzt hatte. Derart unstet war der zweitjüngste Sohn des Patriarchen schon bei Henyas letztem Besuch vor vier Jahren gewesen. Laut Eugen war Fritz auch alles andere als wählerisch bei der Auswahl seiner Bettgenossinnen. Als versierter Verführer hatte der galante Schönling mit der dunklen Stimme sich schon öfter in Teufels Küche gebracht. »Eines Tages stand ein eifersüchtiger Ehemann mit seinem Jagdgewehr bei uns in der Tür«, hatte Eugen Henya 1884 anvertraut. »Mutter musste mit Engelszungen auf den Kerl einreden, bis er sich endlich beruhigt hat.«

»Servus, Henya, du bist ja eine richtig schöne Frau geworden«, beschied sie der Schwerenöter mit dem Blick eines Raubtiers und hauchte ihr einen galanten Kuss auf die Hand, »bringst bei einem Mann wirklich das Blut in Wallung.«

»Grüß Gott, Fritz«, entgegnete sie einsilbig.

Er schnupperte daraufhin mit einem schwärmerischen Laut. »Hm, das duftet ja mal wieder köstlich, Franzi, zum Glück gibt es gleich Abendessen, mein Magen hängt in den Kniekehlen.«

»Fünf Minuten haben Sie noch. Vielleicht mögen Sie die ja zum Rasieren nutzen. Ihr Herr Vater weiß es gewiss zu schätzen«, entgegnete Franzi Hölzlmaier mit strengem Blick.

Offenbar gehorchten die Thomass-Söhne der Köchin noch wie vor Jahr und Tag, denn Fritz machte sich augenblicklich auf den Weg in das Badezimmer.

Und wie in alten Zeiten durfte Henya selbst der Köchin und dem Diener Herrn Heiland beim Decken des Tisches helfen.

 

Beim Abendessen war neben den beiden Thomass-Söhnen wie angekündigt auch Lehrling Jakob Joas anwesend, der laut Carli in einer Dachkammer hier im Haus der Perlen wohnte.

»Er und sein Vater sind sich mittlerweile wohl spinnefeind«, hatte er erklärt. »Der wollte Jakob verbieten, bei uns zu arbeiten. Martin Joas hasst Vater aus irgendeinem Grund. Der hat Jakob dann kostenfrei die Dachkammer hier angeboten.«

Henya fragte sich, aus welchem Grund man Carl Thomass hassen könnte, doch ihr fiel keiner ein.

Während des Essens waren alle bester Laune. Franzi Hölzlmaier hatte sich selbst übertroffen. Es gab Roastbeef mit frischen Gemüsen garniert sowie Kalbsbries-Ragout mit frischen Champignon-Trüffeln und gefüllten Morcheln.

»Es ist wirklich köstlich«, sagte Jakob ehrlich, nachdem Ursel sich erkundigt hatte, ob es ihm munde. Dann schob sie die Frage hinterher: »Freuen Sie sich schon auf Ihre Wanderjahre?«

Jakob wollte antworten, doch der schwatzhafte Fritz fiel ihm ins Wort: »Und wie der sich freut, der scharrt schon mit den Hufen. Musste ja lang genug auf Carlis Rückkehr warten, der Ärmste.«

Ursel warf ihrem Sohn einen rügenden Blick zu. »Vielleicht möchte der Herr Joas ja selbst antworten.« Sie wandte sich wieder an Jakob. »Wo soll es denn hingehen?«

»Erst wollte ich mit dem Schiff nach Tahiti. Es war immer mein Traum, das Perlenparadies mit eigenen Augen zu sehen. Aber jetzt ist dort alles leer gefischt. Ich musste mir etwas Neues über…«

In diesem Augenblick war aus Richtung der Zimmerdecke ein Poltern zu hören.

»Herrn Aumüller ist wohl mal wieder die Staffelei umgekippt«, kommentierte Patriarch Carl senior schmunzelnd. »Er ist etwas zerstreut und tollpatschig.«

»Wohnt Ihre jüngste Schwester immer noch im fünften Stock, Herr Thomass?«, erkundigte sich Henya, während Diener Sebastian Heiland Gebäck zum Nachtisch servierte. Sie erinnerte sich, dass sie Anna hieß und nach der gemeinsamen Mutter benannt war, die jung gestorben war. Auch seiner ersten Tochter hatte Carl Thomass deshalb diesen Namen gegeben.

»Nein, die Wohnung ist für sie und ihren Mann zu klein geworden. Deshalb hat mittlerweile Annas zweiter Sohn sie übernommen«, erläuterte Carl senior und fügte schmunzelnd hinzu: »Sie hat darauf bestanden, den Buben auch Karl zu taufen.«

»Wir nennen unseren werten Cousin deshalb Carlos«, erzählte Fritz grinsend. »Passt ihm zwar nicht, aber wie soll sich irgendwer bei drei Karls noch zurechtfinden, was, Vater?«

»Und wo wohnt Ihre Schwester jetzt?«, hakte Henya nach.

Carl senior stellte sein Weinglas ab. »Sie hat eine größere Wohnung in der Nummer zwei bezogen. Da konnte sie sich die schönste aussuchen, ihr gehört inzwischen nämlich das ganze Haus. Annas Mann Otto Hierneis ist Hoflieferant für Bekleidung, zusammen mit dem Sohn Karl. Sein Geschäft befindet sich ja im Erdgeschoss. Das ist ganz praktisch. Für passenden Schmuck schickt mein Schwager Otto seine Kunden nämlich zu mir herüber. Und umgekehrt ist das natürlich auch der Fall. Goldene Krawattennadel bei mir – dann empfiehlt unsere Frau Kolb dazu gleich eine neue Krawatte, zu erstehen drüben beim Hierneis.«

»Hoflieferant«, kam es verblüfft von Henya, »das wusste ich gar nicht.«

»Onkel Ottos und Tante Annas erstgeborener Sohn Theodor arbeitet sogar direkt am Hof, die Familie hat wirklich das große Los gezogen«, kommentierte Fritz, und sein älterer Bruder Carli ergänzte: »Theo ist schon vor sechs Jahren in den Hofstaat von König Ludwig II. eingetreten. Mein Vetterchen war damals erst vierzehn und fing dort seine Lehre als Küchenjunge an. Von 1884 an hat er dann als Hofkoch gearbeitet und auch das Tagesmenü für König Ludwig geschrieben. Du kannst dir ja vorstellen, wie stolz unsere Franzi Hölzlmaier war, sie hat Theos Leidenschaft fürs Kochen ja überhaupt erst geweckt – und ihm alles beigebracht. Heute ist Theo Hofkoch von Prinzregent Luitpold. Du lernst ihn am Freitag kennen, er begleitet uns auf unserer Dampferfahrt.«

»Gleich zwei Hoflieferanten in der Familie«, staunte Henya.

Plötzlich schlug sich Fritz mit der flachen Hand an die Stirn. »Da fällt mir ein, dass Carlos mich gestern im Hofbräuhaus gebeten hat, euch was auszurichten. Er will morgen mit der Schwiegertochter des Prinzregenten vorbeikommen. Diese Marie Therese. Sie will sich was Hübsches für eine Feier aussuchen.«