Das Haus Zamis 143 - Simon Borner - E-Book

Das Haus Zamis 143 E-Book

Simon Borner

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Beschreibung

Während Coco Wien entflieht und nicht ahnt, dass man ihr bereits hinterherjagt, bahnt sich in der Domstadt selbst neues Unheil an. Monsignore Tatkammer gefällt es ausgesprochen gut in dieser Metropole, die man als die Weltstadt des Neids bezeichnet - weshalb auch Invidia dort nach wie vor ihren Platz beansprucht. Indessen kommen Georg und Juna an einem Ort heraus, der ihnen völlig fremd ist. Ein blutrünstiges Wesen ist dort unterwegs auf der Jagd nach Dämonenherzen, um die Orgelpfeifen in der Kathedrale von Notre-Dame für seine teuflischen Zwecke zu missbrauchen ...

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Was bisher geschah

DAS PHANTOM VON NOTRE DAME

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

mystery-press

Vorschau

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Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Coco Zamis ist das jüngste von insgesamt sieben Kindern der Eltern Michael und Thekla Zamis, die in einer Villa im mondänen Wiener Stadtteil Hietzing leben. Schon früh spürt Coco, dass dem Einfluss und der hohen gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie ein dunkles Geheimnis zugrundeliegt.

Die Zamis sind Teil der Schwarzen Familie, eines Zusammenschlusses von Vampiren, Werwölfen, Ghoulen und anderen unheimlichen Geschöpfen, die zumeist in Tarngestalt unter den Menschen leben. Die grausamen Rituale der Dämonen verabscheuend, versucht Coco den Menschen, die in die Fänge der Schwarzen Familie geraten, zu helfen. Ihr Vater sieht mit Entsetzen, wie sie den Ruf der Zamis-Sippe zu ruinieren droht. So lernt sie während der Ausbildung auf dem Schloss ihres Patenonkels ihre erste große Liebe Rupert Schwinger kennen. Auf einem Sabbat soll Coco zur echten Hexe geweiht werden. Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie der Dämonen, hält um Cocos Hand an, doch sie lehnt ab. Asmodi kocht vor Wut und verwandelt Rupert Schwinger in ein Ungeheuer.

In den folgenden Jahren lässt das Oberhaupt keine Gelegenheit aus, gegen die Zamis-Sippe zu intrigieren. So verlangt Asmodi von Coco, einen gewissen Dorian Hunter für ihn töten. Es gelingt Coco, Dorian zu becircen – doch anstatt den Auftrag sofort auszuführen, verliebt sie sich in ihn. Zur Strafe verwandelt Asmodi Dorian Hunter in einen seelenlosen Zombie, der zunächst als Hüter des Hauses in der Villa Zamis sein Dasein fristet.

In Wien übernimmt Coco ein geheimnisvolles Café. Sie beschließt, es als neutralen Ort für Menschen und Dämonen zu etablieren. Zugleich stellt sie fest, dass sie von Dorian Hunter schwanger ist. Coco, Michael und Toth bitten Asmodi um Hilfe gegen die Todesboten, müssen dafür jedoch jeweils ein wertvolles Pfand hinterlegen. Coco gelingt es, das Ungeborene im Totenreich zu verstecken.

Indessen ist Michaels Großtante Fürstin Bredica verstorben. Bei der Testamentsvollstreckung trifft Michael seine uneheliche Tochter Juna wieder. Die versammelten Erben bekämpfen sich gegenseitig. Am Schluss überleben außer Skarabäus Toth nur Michael, Thekla, Coco und Juna.

Zurück in Wien, gelingt es den Zamis mit Hilfe der Neiddämonin Invidia, den Dämon Baalthasar Zebub zu vernichten. Michael Zamis übernimmt wieder das Zepter. Die Neiddämonin ist eine der sieben Todsünden aus dem bislang verborgenen Gemälde im Café Zamis. Asmodi verlangt von Michael Zamis, Coco endlich zu einer schwarzen Hexe werden zu lassen. Dies gelingt. Eifersüchtig auf ihre Schwester Juna, versetzt Coco sie mithilfe des Zwerges Ficzkó in die Vergangenheit – in die Dienste der Blutgräfin. Doch Juna taucht in der Gegenwart wieder auf, als Puppe! Georg versteckt sich mit ihr im Haus der Callas. Von dort verschwinden sie zusammen mit Ficzkó durch einen Schrank, der sich als Dimensionstor entpuppt. Unterdessen betritt in Wien ein neuer dämonischer Gegner die Bühne: Monsignore Tatkammer ...

DAS PHANTOM VON NOTRE DAME

von Simon Borner

Der Abend war stürmisch und kalt. Ein scharfer Wind pfiff um die Ecken der alten Kathedrale, und der Regen prasselte gegen die gläsernen Fenster wie Hagel.

Estelle Dutroux schlug den Mantelkragen höher und vertiefte sich noch mehr ins Gebet. Hier im Inneren von Notre Dame konnte das Unwetter ihr zwar nichts anhaben, doch Estelle fühlte sich trotzdem so, als kröchen die Kälte und der Regen auch ihr sekündlich mehr in die Knochen. Am liebsten wäre sie zu Hause geblieben. »Aber ich kann nicht anders«, murmelte sie, hob den Blick und schaute zu dem Kreuz über dem Altar. »Ich muss zu dir. Nur du kannst uns noch helfen.«

Der Heiland schwieg, doch Estelle spürte, dass er sie hörte. Seit Tagen schon lag Henri, ihr Mann seit mehr als vierzig Jahren, krank im Bett. Die Ärzte und sogar die Nachbarn warteten eigentlich nur noch darauf, dass er starb. Niemand, so sagten sie, könne dermaßen viel Blut aushusten und eine so ungesunde Gesichtsfarbe bekommen, ohne daran zu sterben. Doch Estelle Dutroux scherte sich nicht viel um die Meinung anderer. Sie hatte ihren Herrn. Wer brauchte da schon Medizin?

1. Kapitel

»Du warst immer bei mir«, sagte sie dem Mann dort vorn am Kreuz nun. »Sei es auch jetzt. Hilf uns. Mach meinen Henri wieder gesund.«

Kerzenschein flackerte und spiegelte sich auf dem Kreuz. Er warf Schatten an die dunklen Wände von Notre Dame und tauchte das Innere der großen Kirche in ein gelbliches Dämmerlicht – helle Inseln in einem Meer, das ansonsten nur Schwärze bot.

Außer Estelle war zu dieser späten Stunde keine Menschenseele mehr in der Kirche. Das Wetter hielt selbst die Verzweifeltsten davon ab, vor die Tür zu treten. Niemand wollte sich den Tod holen. Nur Estelle ließ sich von Wind, Regen und Dunkelheit nicht davon abhalten, ihren Heiland um Unterstützung zu bitten. Persönlich und aus nächster Nähe.

»Du bist mein Hirte«, sagte sie, sehnsuchtsvoll und leise wie ein Hauch. »Behüte mich. Behüte Henri.«

In diesem Moment hallte ein ohrenbetäubender Knall durch das leere Kircheninnere. Estelle zuckte zusammen und drehte sich erschrocken um. Der Knall war von der Tür gekommen, hinten am anderen Ende des Innenraums. Doch da war nichts.

Ein Ast, ahnte sie. Der Sturm hat bestimmt einen Ast von einem Baum gerissen und gegen das Holz der Tür geblasen.

Die Annahme ergab Sinn. Es standen Bäume vor dem Eingang der Kirche. Die Verwaltung hatte sie erst vor fünf Jahren dort pflanzen lassen, im Sommer 1883. Gut möglich, dass das Wetter dieser Nacht auch ihnen zu schaffen machte.

Dennoch zog ein eisiger Schauer über Estelles Rücken. Denn sie wusste, dass nicht nur das Wetter daran schuld war, dass die Menschen Notre Dame mieden.

Meine Nachbarn würden jetzt sagen, ich hätte das Phantom gehört. Die alte Pariserin schüttelte den Kopf. Was sind das bloß für abergläubische Narren.

Die Geschichten von dem Phantom von Notre Dame kursierten bereits seit Wochen durch das Viertel und vermutlich sogar durch den Rest der Stadt. Es hieß, der Teufel selbst habe die Kirche bezogen und treibe in ihrem Inneren nun sein unheiliges Unwesen. Madame Curdin von gegenüber schwor sogar Stein und Bein, den Satan mit eigenen Augen gesehen zu haben! Er sei klein gewesen, verhutzelt wie ein böser Gnom. Und in seinen hasserfüllten Augen habe das Feuer der ewigen Verdammnis gebrannt.

Das war natürlich Unfug. Estelle wusste es genau. Es gab keine dämonischen Gnome, erst recht nicht in der Kirche des Herrn.

Trotzdem: Sie fröstelte. Und das nicht allein wegen der Kälte. Nein, nicht einmal ansatzweise deswegen.

Wieder ein Knall, lauter als zuvor und ... näher!

Estelle stand auf. Sie hatte vor dem Altar gekniet, nun drehte sie sich um und spähte unsicher in die Dunkelheit jenseits der Inseln aus Kerzenlicht.

»Hallo?«, flüsterte sie. »I... Ist da jemand?«

Irgendetwas raschelte, oder bildete sie sich das ein? Flackerten da nur die Kerzen oder bewegte sich tatsächlich eine bizarre Gestalt durch die Schatten? Ein Wesen, klein wie ein Zwerg und seltsam missgebildet?

Das Phantom! Die alte Pariserin keuchte innerlich. Ihr Herz schlug schneller, und ihr Mund wurde ganz trocken. Es ... Es ist wirklich hier!

»Unsinn«, flüsterte sie und tadelte sich selbst für ihre Leichtgläubigkeit. »Du hörst nur den Sturm vor den Mauern von Notre Dame. Nichts Böses kann über diese Schwelle kommen. Du bist beim Herrn, Estelle. Niemand kann dir hier etwas anhaben. Das weißt du genau.«

Einen Herzschlag später preschte die Gestalt vor. Sie war tatsächlich so klein wie ein Kind, hatte aber immens breite Schultern und muskulöse Oberarme. Ein gewaltiger Buckel verunstaltete ihren Rücken, und die bizarre Kleidung, die diese Kreatur trug, schien zu einem Wanderzirkus zu gehören ... oder zum Kostümfundus einer Irrenanstalt.

Estelle kam nicht dazu, all diese Gedanken zu beenden. Ehrlich gesagt, kam sie kaum dazu, sie zu formulieren. Denn binnen eines einzigen Sekundenbruchteils war die Kreatur aus den Schatten direkt neben ihr am Altar – und reckte den mitgebrachten Dolch in die Höhe. Die Klinge der Waffe war scharf und lang.

Ein lauter Schrei hallte durch das Innere von Notre Dame de Paris. Und nicht Henri war es, der in dieser von allen guten Geistern verlassenen Nacht starb. Seine gottesfürchtige Frau kam ihm um wenige Stunden zuvor.

Ficzkó stöhnte, als er sich aufrichtete. Blut klebte an seiner Kleidung, und Blut troff von seinen kräftigen Fingern. Fast schon triumphal hob er die Hände in die Höhe und präsentierte dem Mann am Kreuz seinen Lohn.

Das Herz der alten Vettel war noch warm. Ficzkó hatte einige Mühe gehabt, es aus ihrem Brustkorb zu reißen. Anfangs hatte sich die Alte noch nach Kräften gewehrt, doch zwei gezielte Schnitte durch die Kehle hatten ihrem Widerstand ein schnelles Ende bereitet. Danach waren nur noch die Rippenknochen im Weg gewesen. Und mit denen kannte sich Ficzkó inzwischen bestens aus. Sein Werk kostete Mühe, aber es war ganz und gar nicht unmöglich.

Wieder eins, dachte der Zwerg zufrieden. Schweiß prangte auf seiner Stirn, und er spürte das Schlagen des eigenen Herzens deutlicher als seit Tagen. Er spürte endlich wieder, wie sehr er lebte. Siehst du, du ach so heiliger Mann? Ich habe wieder eins. Direkt vor deinen Augen habe ich es mir genommen, hier in deinem eigenen Haus. Denn du kannst mir nichts. Du bist so unnütz wie die Gegenwehr dieser alten Vettel. Du bist Geschichte ... und ich bin jetzt hier.

Eine Turmuhr schlug zur Mitternacht. Bis zum Sonnenaufgang blieben noch gute fünf Stunden. Mehr als genug Zeit also, um die Leiche zu entsorgen – schließlich waren es bis zur Seine nur eine Handvoll Schritte. Ficzkó mochte kein Riese sein, aber stark genug, um den Körper einer Toten ans Flussufer zu zerren, war er allemal. Und bei diesem Wetter würde ihn auch nichts und niemand dabei beobachten.

Er packte seine Trophäe sicher beiseite. Dann griff er nach den Fußgelenken der Alten und begann sein Werk. Nach wenigen Schritten hielt er inne und sah hinter sich.

Ob er das Blut vom Altarboden wischen sollte? Spur war Spur, oder etwa nicht? Selbst wenn die Leiche fort war und nie gefunden werden würde – das Blut dort auf dem Boden sprach eine deutliche Sprache.

Ficzkó lächelte grimmig. »Sollen sie es ruhig finden«, murmelte er, und seine böse Stimme wehte wie ein dämonischer Odem durch das menschenleere Innere der alten Kathedrale. »Sie denken ja sowieso schon, ein böses Phantom sei in ihre Kirche eingezogen. Da schadet es nicht, ihren Glauben zu unterstützen.«

Er lachte leise, als er erneut nach den Fußgelenken seines Opfers griff. Und die Seine verschluckte die Alte so dankbar wie der unendliche Ozean.

Zuvor

Georg Zamis erwachte keuchend. Ruckartig richtete er sich auf, schnappte nach Luft. Seine Muskeln zuckten wie nach langer Anstrengung, und sein Schädel dröhnte wie nie zuvor.

»Wo ... Wo bin ich?«

Das Sprechen fiel ihm schwer. Seine Stimme klang, als würde sie über Schmirgelpapier gezogen und gleichzeitig mit einer Käsereibe traktiert. Auch hatte er Schwierigkeiten, Worte zu finden.

Nein, begriff er dann. Nicht nur Worte.

Eisiger Schrecken ergriff ihn, als ihm klar wurde, dass er einen Blackout hatte. Da klafften Lücken in seiner Erinnerung! Wo befand er sich? Was war geschehen?

Georg hatte auf kaltem Kopfsteinpflaster gelegen. Nun erhob er sich endgültig von den nackten Steinen. Seine Knie wackelten, als er aufstand und sich fragend umsah. Sein Blick fiel auf Häuserfassaden, keine höher als drei Stockwerke. Die gepflasterte Straße war schmutzig und ziemlich abschüssig. Die Luft war klar und abendlich kühl, roch aber nach einem satten Sommer. Von irgendwo her erklang leise Musik.

»Wo bin ich?«, murmelte er erneut.

Vorsichtig machte er ein paar Schritte, sah sich abermals um. Niemand begegnete ihm. Etwas weiter hinter sich konnte er die steinernen Stufen einer langen Treppe erkennen. Das gelblich-trübe Licht einer altmodischen Straßenlaterne erhellte sie. Und als er den Blick hob, um den Stufen nach oben zu folgen, stutzte er.

Da stand ein Gebäude am oberen Ende der Treppe. Georg sah nur schattenhafte Umrisse vor einem sternenklaren Nachthimmel, aber er erkannte es trotzdem. Die runden Kuppeln, die spitzen Türmchen ...

»Montmartre?«, wunderte er sich. »Was mache ich denn bei Montmartre?«

Wieder suchte er in seinen Erinnerungen nach Erklärungen, die nicht da waren. Stattdessen fand er bloß weitere Fragen. Zum Beispiel: Warum kam ihm diese Nacht so eigenartig still vor? Wenn er in Paris war – wie und warum auch immer –, wo war dann der allgegenwärtige Autolärm? Warum stank es hier nicht nach Abgasen? Und warum verunstaltete nicht ein einziges Flugzeug diesen stattlichen Sternenhimmel mit seiner Präsenz?

Er wusste es nicht. In diesem eigenartigen Augenblick wusste Georg Zamis gar nichts mehr.

Deshalb zog er los, hilf- und ratlos wie ein kleines Kind. Die Musik spielte nach wie vor – flotter, melodischer Geigenklang wie von einem Zigeuner –, und Georg ging ihr entgegen.

Die melodische Spur führte die Stufen hinauf. Auf halbem Weg gelangte er an einen kleinen Platz – weiße Steinklötze, grünes Gras –, auf dem ein Mensch stand.

Der Mann war Anfang zwanzig und hatte rötliches Haar. Seine Kleidung sah aus wie aus einem Theaterfundus und wirkte zerschlissen. Die schmalen Wangen und die knochigen Arme ließen darauf schließen, dass auch seine Vorratskammer nicht gerade im Überfluss lebte. Der Mann hielt eine hölzerne Geige und spielte sie mit geschlossenen Augen und einer Innbrunst, als hinge sein Leben von den nächtlichen Tönen ab.

Als er Georg bemerkte, hielt er inne und ließ das Instrument sinken.

»Nein, bitte«, sagte Georg. »Lassen Sie sich nicht stören. Ich wollte nur ...«

Der Mann lächelte wissend. »Du wolltest nur die Musik der Nacht genießen. Ja, das kenne ich. Mir geht es da ganz genauso.« Ohne Vorwarnung streckte er die Hand aus. »Marius. Marius Jarvert. Freut mich, dich kennenzulernen.«

»G... Georg«, erwiderte er völlig überrumpelt und war gerade noch geistesgegenwärtig genug, die französische Aussprache gleich hintendranzuhängen. »Georges.«

»Also dann, Georg Georges«, lachte sein Gegenüber. »Willkommen bei meinem Konzert. Ich spiele jeden Abend hier oben ein paar Stücke. Für die Stadt. Für die Nacht. Und, na klar, auch für mich. Danach ziehe ich weiter. Und du? Was führt dich zu dieser späten Stunde noch auf die Straßen von Montmartre?«

Georg wusste nicht, was er antworten sollte. Die Situation war zu eigenartig, zu fremd. Irgendwie wurde er diese elende Orientierungslosigkeit nicht los. Schnell wechselte er das Thema. »Du ziehst weiter? Wohin denn?«

Jarvert lächelte. »Ein Mann, der Anschluss sucht. Das kann ich gut verstehen.« Er klemmte sich die Geige unter den Arm. »Und ich fühle da mit dir, nein, wirklich. Auch ich könnte langsam einen Wein vertragen. Was sagst du, mein Freund? Lassen wir den Konzertsaal Konzertsaal sein und gehen zum gemütlichen Teil der Nacht über? Montmartres Gaststätten erwarten uns.«

Gaststätten? Zamis zögerte nicht lange. Wo Gaststätten waren, waren auch weitere Menschen. Und er brauchte dringend mehr Informationen, um das Chaos hinter seiner Stirn zu ordnen. »Das fände ich schön.«

Jarvert legte ihm den Arm um die Schultern, als wären sie alte Freunde. Seite an Seite gingen sie die Treppe hinunter und näherten sich den Straßen des Pariser Viertels, die so eigenartig still und leer schienen.

Nach wenigen Minuten erreichten sie das erste Lokal. Warmes Licht fiel durch die Fenster, die Butzenscheiben hatten, und die Luft roch nach Tabak und Schweiß. Georg trat über die Schwelle. Der Schankraum war klein, hölzerne Tische vor einem hölzernen Tresen. Hinter der Theke stand ein Schrank von einem Kerl und schenkte Gläser voll. Überall sonst standen und saßen fröhliche Zecher. Ein großes Hallo brandete auf, als Jarvert eintrat, und gleich mehrere Männer und Frauen kamen herüber, um den Geiger zu begrüßen. Auch Georg wurde sofort in ihre Gruppe aufgenommen – ohne Fragen, ohne Skepsis.

Schweigend verfolgte er das Geschehen. Die Bekannten seines Begleiters wirkten ähnlich ärmlich wie Jarvert selbst. Doch ihr mageres Portemonnaie schien sie kein bisschen zu stören. Im Gegenteil: Sie genossen ihr Leben – und sie genossen den Absinth, der in dieser schummrigen Spelunke so selbstverständlich floss wie Regenwasser.

»Marius«, grüßte eine blonde Frau von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Sie trug weite, abgewetzte Kleidung. Farbflecken prangten an ihren Ärmeln. »Wen bringst du uns heute Nacht? Frischfleisch für die Szene?«

Jarvert klopfte Georg auf die Schulter. »Das ist Georg Georges, ein guter alter Freund von mir. Er wird uns heute ein wenig Gesellschaft leisten.«

»Aber nur, wenn er trinkt!«, rief jemand an einem der vollbesetzten Tische. Der Mann stand auf und drückte Georg ein Glas in die Hand. »Na los. Nur keine Scheu. Das ist Gottes Wasser, Georges. Und du willst den Herrn, deinen Gott, doch wohl nicht beleidigen, indem du es verschmähst.«

»N... Nein?«, antwortete Zamis, und es klang wie eine Frage. Doch er leerte das Glas in einem Zug, und die Menge quittierte es mit anerkennendem Jubel.

»Du und deine blumige Sprache, Gaston«, sagte Jarvert. »Gottes Wasser? Ernsthaft?«