Das helle Kind - Band 1: Krönungssteine - Katharina von Pannwitz - E-Book

Das helle Kind - Band 1: Krönungssteine E-Book

Katharina von Pannwitz

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Beschreibung

Eine junge Heldin. Eine uralte Prophezeiung. Ein Wettlauf mit der Zeit. An ihrem 13. Geburtstag erfährt Niam, welches Schicksal ihr vorherbestimmt ist: Sie ist auserwählt, die Königreiche der neuen Welt vor den Heeren des finsteren Lord Balzôrc zu retten. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Lord Balzôrc überfällt bereits erste Provinzen. Doch die alten Prophezeiungen deuten darauf hin, dass noch viel Schrecklicheres auf das Reich wartet … Das grandiose Fantasy-Epos, das die sagenhafte Welt der keltischen Mythologie lebendig werden lässt! "Dieser Roman wird jeden Freund der klassischen Fantasy begeistern." www.bibliotheka-fantastika.de Jetzt als eBook: „Das helle Kind I - Krönungssteine“ von Katharina von Pannwitz. Wer liest, hat mehr vom Leben: jumpbooks – der eBook-Verlag für junge Leser.

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Seitenzahl: 160

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Über dieses Buch:

An ihrem 13. Geburtstag erfährt Niam, welches Schicksal ihr vorherbestimmt ist: Sie ist auserwählt, die Königreiche der neuen Welt vor den Heeren des finsteren Lord Balzôrc zu retten. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Lord Balzôrc überfällt bereits erste Provinzen. Doch die alten Prophezeiungen deuten darauf hin, dass noch viel Schrecklicheres auf das Reich wartet …

Das grandiose Fantasy-Epos, das die sagenhafte Welt der keltischen Mythologie lebendig werden lässt!

„Dieser Roman wird jeden Freund der klassischen Fantasy begeistern.“ www.bibliotheka-fantastika.de

Über die Autorin:

Katharina v. Pannwitz wurde 1964 geboren. Nach einer Ausbildung zur Industrie- und Verlagskauffrau studierte sie Kommunikations- und Theaterwissenschaften. Später entschied sie sich, in der Filmindustrie zu arbeiten. Heute lebt Katharina von Pannwitz gemeinsam mit ihrem Mann in München und ist dort als Autorin tätig. »Das helle Kind« ist ihre erste Fantasy-Trilogie.

***

eBook-Neuausgabe April 2016

Dieses Buch erschien bereits 2004 als Teil eines Romans unter dem Titel Die Macht der magischen Steine bei Beltz & Gelberg

Copyright © der Originalausgabe 2004 Beltz & Gelberg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2013 dotbooks GmbH, München

Copyright © 2016 jumpbooks Verlag. jumpbooks ist ein Imprint der dotbooks GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH

ISBN 978-3-96053-158-6

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Katharina v. Pannwitz

Das helle Kind I

Krönungssteine

jumpbooks

Erstes Buch

Krönungssteine

Aus der Prophezeiung vom Hellen Kind

Westen

Wenn einst vorbei die Freudentage, hör zu, oh Menschenkind, von großem Leid erzählt die Sage, der große Krieg beginnt. Kein Stamm, der diesem Fluch entgeht, kein Landstrich ohne Glut, und auf den leeren Feldern steht der letzten Krieger Blut.

Das alte Leben untergeht. Es ist der große Krieg. Der letzte, den das Land erlebt. Den Andren ist der Sieg. Der Untergang ist Sicherheit, leb wohl, mein Heimatland, denn damit stirbt in Ewigkeit, was ›Neue Welt‹ genannt.«

Hab' Acht, oh Volk, denn dann beginnt der letzte Menschenkrieg, drum findet nun das helle Kind, die letzte Chance zum Sieg. Im Augenblick der höchsten Not, wenn alles liegt in Ketten, wenn alles schon zu scheitern droht, wird dieses Kind euch retten.

Die Würfel rollen, der Drache erwacht, die Zeiten fordern die ewige Nacht. Zur Gegenwehr war stets gedacht das Sonnenkind mit seiner Macht. Behütet, leitet und beschützt dies edle helle Kind, denn ohne dies kein Zauber nützt, die Mühen sinnlos sind

Norden

Die Heldin schenkt das Licht geschwind, kurz vor der großen Schlacht, gar mächtig, doch, wie jedes Kind, aus Fleisch und Blut gemacht. Doch schon der Auftakt dieses Wahn zerstört der Heldin Macht. Die Mutter fällt, es stirbt der Schwan, es folgt die lange Nacht.

Geboren zum Zeitpunkt der Ewigkeit, kein Sonn- noch Mondenschein, wohl unterm freien Himmel, so weit, und ebenso daheim. Ein heißer Blitz und Donnerknall, am hellen Tag und Nacht, erlöst die Welt vom Niederfall, war nur dafür gedacht.

Der dunkle Bote wird gesandt von Mutters hellem Sohn, das reine Herz, das Gütepfand, erhält nun seinen Lohn. Geweiht mit magisch-hellem Ton von göttlich reiner Macht; seit frühster Kindheit immer schon als hohes Gut bewacht.

Osten

Die Auserwählten hören sie, dreimal der Mutter Klage, warnt vor dem Sieg schwarzer Magie; vorbei die Friedenstage. Dies sichtbar Zeichen hören nur all die, die wissend sind: die Eingeweihten durch den Schwur und auch das helle Kind.

Erneut gebor'n durch Mutters Ruf, aus tiefster Zauberwelt, ein Bild, das einst die Göttin schuf, und nun das Kind erhellt. Und sieht‘s im Leben und im Traum auf altem toten Grund, die alte Weisheit steht im Raum aus guter Mutter Mund.

In diesem Kind verbinden sich das Alte und das Neue,

1. Kapitel: Der Ruf

Silbern lag der junge Mond über dem See. Die Nacht war lau und das Sternenlicht tanzte einen stillen Tanz auf dem Wasser. Eine sprudelnde Quelle speiste den See, leise ihr ewiges Lied murmelnd. Langsam verdichteten sich die Töne, und weiter entfernt entwickelte sich eine Melodie daraus. Aus den Tiefen der Quelle blickte ein Auge empor, riesenhaft und doch vertraut, machtvoll und gütig zugleich. Ruhig beobachtete es die wundersamen Töne, die leise in die aufsteigenden Nebelschwaden entschwebten.

In diese Stille wehte der sehnsüchtige Schrei einer Eule. Laut schallte ihr Ruf über den friedlichen See und sie folgte ihm auf weiten Schwingen. Gemächlich zog sie ihre majestätischen Bahnen über das Wasser. Der Nachhall ihres Schreies verband sich in Harmonie mit der immer noch die Luft erfüllenden Melodie.

Leise sagte eine warme Frauenstimme: »Wenn du des Nachts den Ruf der Eule dreimal hörst …«

Beim zweiten Ruf der Eule erwachte Niam.

Während sie, noch benommen vom tiefen Schlaf, ihre Augen rieb, ertönte der Ruf der Eule ein drittes Mal. Schlagartig war Niam hellwach. Mit schnellen Schritten lief sie zum Fenster. Der Mond hatte seine nächtliche Runde bereits beendet, und ein zartes Rosa am östlichen Himmel kündigte den neuen Tag an. Über dem kleinen Bach, der am Haus vorbeifloß, flog eine Eule in den aufsteigenden Morgennebel. Leise überquerte sie die Lichtung und verschwand im Schutz des dunklen Waldes.

Niam sah ihr lange nach. Dann schlüpfte sie in ihr Kleid und lief in die Küche, dem wichtigste Raum des großen Gehöfts, in dem sie mit ihrer Tante lebte. Der Backofen war noch warm vom Vortag, und es duftete nach frischem Brot. Hier saß bereits Auriel, Niams Tante. Sie war eine stattliche Erscheinung, hoch gewachsen und gerade. Das lange Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Ihre Augen blitzten hell und einzig die tiefen Lachfalten verrieten ihr Alter. Heute aber sah sie müde aus.

»Guten Morgen, Tante Auriel«, sprudelte es aus Niam heraus. »Stell dir vor, ich habe gerade eine Eule über unseren Wald fliegen sehen.«

Auriel sah sie kurz an, dann schüttelte sie den Kopf. »Du weißt doch, daß es bei uns keine Eulen gibt. Sicher hast du wieder einmal geträumt.«

»Aber es war eine Eule!«, beharrte Niam.

Nachsichtig lächelnd beschwichtigte die alte Dame. »Da hat deine Fantasie dir sicher einen Streich gespielt. Das kennen wir doch, oder?«

»Tante Auriel! Warum glaubst du mir denn nie?« Niam war enttäuscht und äußerte laut ihren Unmut. »Ich bin doch keine Lügnerin!«

»Ich weiß. Es ist nur so, daß wir hier schon lange keine Eulen mehr haben …« Dunkle Erinnerungen verdüsterten ihre Stirn. »Andererseits … diese Nacht war schon merkwürdig genug.«

In diesem Augenblick klopfte es. Auriel zuckte zusammen. Ihr Hof lag tief im Wald verborgen. Noch nie hatte jemand zufällig den Weg hierher gefunden. Vorsichtig öffnete Auriel die Tür. Draußen stand ein Mann. Seine große Gestalt war von einem Umhang umhüllt, und die Kapuze verdunkelte sein Gesicht. Er stützte sich auf einen mächtigen Stab, und der Staub einer langen Reise lag auf seinen Stiefeln. Dann schlug die Kapuze nach hinten und Auriel sah in zwei bernsteinfarbene Augen.

»Gwydón! Gwydón, mein Lieber, was für eine Überraschung.«

»Seid mir gegrüßt, Auriel, Tochter von Anándes.« Der Landessitte gemäß neigte der Fremde das Haupt vor ihr. »Caldur schickt mich.«

Schnell bat Auriel ihren Gast in die Küche, die von der frühen Morgensonne in zartgoldenes Licht getaucht war. »Niam, ich möchte dir einen Freund von mir vorstellen. Das ist Gwydón, Meisterschüler in der Druidenschule Môn und der künftige Oberdruide unserer Heimat Brigant.«

Misstrauisch beäugte Niam den Fremden im Sonnenlicht. Fremde waren ihr meist unheimlich. Aber dieser hier war ihr auf den ersten Blick sympathisch. Er war nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt wie Tante Auriel. Niam schätzte ihn auf mindestens dreißig. Seine Haut war sonnengebräunt, und seine Augen strahlten wie gelber Bernstein. Er hatte lange, helle Haare und ein edles Gesicht. Seine Kleidung war schlicht, aber von erlesenem Stoff. Zum Zeichen seines hohen Ranges zierte das fürstliche Wappen seine Mantelspange.

Niam überwand ihre Zurückhaltung. »Ich grüße Euch, Gwydón.«

»Ich danke dir und entbiete auch dir meinen Gruß, Niam, Alanias Tochter. Ich freue mich, dich so gesund und blühend wiederzusehen.«

Niam sah ihre Tante fragend an.

»Ja, Gwydón ist ein alter Bekannter von dir. Als Baby warst du ganz vernarrt in ihn.«

»Habt Ihr auch meine Eltern gekannt?«

»Deine Mutter schon. Jeder am Hofe des Fürsten Enatos kannte Alania.«

»Könnt Ihr mir etwas von ihr erzählen?«, fragte Niam scheu.

»Später gerne. Aber jetzt muss ich etwas Wichtiges mit deiner Tante besprechen.«

Auriel nickte und erhob sich. Ohne ein weiteres Wort führte sie Gwydón in ihre geheime Kammer.

Niam sah ihnen neugierig hinterher. Die Kammer der Tante war für sie ein verbotener Bezirk. Niam durfte diesen Bereich des Hauses nicht betreten, und Tante Auriel vermied es, ihn in Niams Gegenwart auch nur zu erwähnen. Jedes Mal, wenn Auriel sich in dieses Zimmer verzog, regte sich Niams Fantasie. Viele Geschichten hatte sie sich im Laufe der Jahre um diesen Raum geträumt, magische Erlebnisse und Abenteuer. Doch bevor Niams Gedanken jetzt abschweifen konnten, hörte sie lautes Wiehern. Sie sprang auf und lief hinaus in den warmen Sommertag. Die Julisonne hatte die Morgennebel bereits zerstreut - es war ein herrlicher Tag. Schnell lief Niam zur Scheune. Dort wurde sie bereits von Nimus, dem Hengst der Tante, erwartet.

Niam öffnete seine Box und kraulte sein seidiges Fell. »Guten Morgen, Nimus.«

Das große Pferd hob seinen Kopf und rieb die warmen Nüstern an ihrem Gesicht. Dann wand er sich wieder dem frischen Hafer zu. Niam setzte sich ins Heu und betrachtete ihn liebevoll.

Das war wirklich ein aufregender Morgen. Da war zuerst dieser Fremde, Gwydón, und der kannte auch noch ihre Mutter. Niam wusste nicht viel über ihre Mutter, nur, daß sie kurz nach ihrer Geburt gestorben war. Tante Auriel redete nicht viel über die Vergangenheit. Aber jetzt war Gwydón da. Niam nahm sich vor, ihn später ausfragen. Sie lehnte den Kopf an die Stallwand und Schloß die Augen. Durch die Ritzen der Holzwand fielen ein paar Sonnenstrahlen und wärmten ihr Gesicht. Niam seufzte. Diese Jahreszeit liebte sie besonders. Alles stand in Blüte, und die Luft war voller Düfte. Der Sommer des Jahres 234{*}{i}bewegte sich auf seinen Höhepunkt zu, das große Fest Lugnasa, und außerdem Niams kam Geburtstag. Dieses Mal war es ein ganz besonderer Geburtstag: ihr dreizehnter. Natürlich wusste Niam schon lange, daß sie kein Kind mehr war, aber mit dreizehn würde auch Tante Auriel einsehen, daß sie nun erwachsen war. Dann würde sie Niam endlich ernst nehmen müssen. Tante Auriel verstand sie einfach nicht mehr. Sie wollte nicht akzeptieren, daß Niam lieber ihren eigenen Gedanken nachhing. Alles war anders geworden in den letzten Monaten, nichts war mehr so wie früher. Niams Träume hatten sich verändert, und nicht nur das. Auch ihr Körper hatte neue Formen bekommen. Nichts passte mehr richtig, und ihre Hemden spannten. Vielleicht würde sie ja ein neues Kleid zum Geburtstag bekommen. Immerhin war es ja der dreizehnte! Niam konnte es kaum noch erwarten. Bald, nur noch drei Nächte …

Auriel Schloß die Tür ihrer Kammer hinter Gwydón, dann wandte sie sich ernst an ihren Gast: »Gwydón, was machst du hier? Warum bist du nicht in Môn?«

»Caldur ließ mich zu sich rufen.«

»Und was ist mit deiner Ausbildung?«

»Die werde ich später beenden. Jetzt aber schickt mich Caldur mit einer wichtigen Botschaft zu dir. Er bittet dich, nach Amarango zu kommen. Die Wolken verdunkeln sich, eine böse Zeit zieht heran.« Gwydón sah Auriel fest in die Augen. »Doch lass mich am Anfang beginnen: Vor einigen Tagen erhielt ich in Môn eine Nachricht von Caldur. Ich meditierte gerade über meine letzte Prüfung, dem ›Dwyffyddiaeth‹ und saß in Abgeschiedenheit und innerer Einkehr. Doch Caldur ließ meine Sammlung unterbrechen und rief mich nach Amarango. Dort erwartete er mich schon ungeduldig und sagte mit sorgenvollem Gesicht: ›Der Drache ist erwacht. Im Norden wächst sie wieder, die böse Macht. Ynis Mâcha erhebt sich erneut und sammelt seine schwarzen Gesellen. Noch ist vieles im Dunkeln, aber es gibt zahlreiche Hinweise. Seit Jahren mehren sich die Gerüchte, und meine Sorgen wachsen. Die Zeit der Entscheidung rückt näher. Ich habe eine wichtige Aufgabe für dich. Sie mag dir anfangs klein und unwichtig erscheinen, doch am Ende ist sie deine schwerste und wichtigste Prüfung!‹ Dann begleitete ich ihn auf einer Geistesreise. Unsere Geister verbanden sich, und so sah ich Teile seiner Vision. Dort war ein junges Mädchen. Jetzt weiß ich, daß das Niam war.«

Auriel nickte und murmelte leise. »Das habe ich irgendwie erwartet.«

Gwydón fuhr fort: »Als Caldur aus seinem Traum erwachte, bat er mich, dich und Niam schnellstmöglich nach Amarango zu bringen. Er gab mir folgende Nachricht für dich mit:

›Die Würfel rollen, der Drache erwacht, die Zeiten fordern die ewige Nacht.

Zur Gegenwehr war stets gedacht das Sonnenkind mit seiner Macht.

Die Geister rufen, der Sturm beginnt, nun findet und schützt das helle Kind. Damit das Warten beendet sei, Das Leben im Dunkeln ist nun vorbei.‹

Es ist an dir, den wahren Inhalt dieses Textes zum jetzigen Zeitpunkt zu deuten.«

»Leider.« Auriel nickte bekümmert. »Der große Krieg rückt näher. Aber eigentlich bin ich nicht überrascht, daß du gerade jetzt kommst. Hast du heute Nacht ebenfalls den Ruf gehört?«

Gwydón nickte. »Ja, auch ich habe die dunkle Botschaft vernommen.«

Am nächsten Tag brachen sie noch vor Tagesanbruch auf. Tante Auriel hatte Niam nicht viel erklärt, nur, daß sie nach Amarango zum Hof des Fürsten eingeladen seien, um dort Lughnasa zu feiern. Nimus wurde vor die Kutsche gespannt, und es ging los. Durch den hohen Wald folgten sie dem Bach in Richtung Norden. Später würde sich dieser mit dem mächtigen Fluss Coinée verbinden, doch hier war er nur ein kleines Rinnsal, das leise auf die Ebene zufloss. Mühsam folgten sie seiner Spur durch den dichten Wald. Dunkle Moose und hohes Farnkraut bedeckten den schattigen Boden. Aber Gwydón kannte den Weg und lenkte die Kutsche sicher durch das wuchernde Gestrüpp.

Niam saß die ganze Zeit still in ihrer Ecke. Gedankenverloren ließ sie die vertrauten Wälder und Wiesen ihrer Kindheit an sich vorüberziehen. Auch die fremde Umgebung des dichten Waldes vermochte es nicht, sie aus ihren Träumen zu holen. Sie dachte an Shidrén und ihren gestrigen Abschied. Shidrén, die kleine Hausfee, war ihre beste Freundin und lebte mit ihrer Familie unter Auriels Türschwelle. Solange Niam zurückdenken konnte, waren sie und Shidrén unzertrennlich gewesen. Bis gestern. Denn Shidrén wollte Niam nicht begleiten. Ihr als Angehörige des stillen Volkes war Amarango zu laut. Also hatten sich die Freundinnen zum ersten Mal in ihrem Leben getrennt. Niam war traurig. Sie sah es vor sich, das kleine, zarte Wesen, nur ein paar Zoll hoch, mit seiner grünen Jacke und dem roten Wollrock, umgeben von einem hellen Licht. Wenn Shidrén sprach, klang es, als würde ein Tropfen auf einem Stein zerspringen. Niam erinnerte sich all der Dinge, die sie mit Shidrén erlebt hatte, und schon jetzt vermisste sie schmerzlich die Freundin ihrer Kindheit.

Die Sonne stand bereits im Westen, als Auriel, Gwydón und Niam endlich den Waldsaum erreichten. Jäh gaben die Bäume den Blick auf die große Ebene von Ystrâd frei. Hier war das Land lieblich, reich und fruchtbar. Dinkel- und Gerstenfelder standen neben Lein- und Schlafmohnwiesen. Im Westen floss ruhig der Coinée. Vor den Reisenden lagen die Reste einer alten Straße. Vereinzelte Wegstücke zeugten noch von der ehemaligen Pracht. Das Straßenpflaster war immer noch befahrbar. Nun kam die Kutsche schneller voran. Bald sahen sie in der Ferne die Umrisse eines Hauses. Das war ihre Tagesetappe, denn dieses Gehöft war das einzige Gasthaus an der alten Straße.

Der dämmrige Schankraum war von lautem Stimmengewirr erfüllt. Viele Menschen trafen sich hier, Handelsreisende und fahrendes Volk, Abenteurer und düstere Gestalten. Gwydón fand einen freien Tisch und führte seine Begleiterinnen dorthin. Mit müden Gliedern ließen sie sich nieder und aßen die erste Mahlzeit des Tages.

Plötzlich wurde die Tür zur Schankstube mit Schwung geöffnet, und ein Krieger trat ein. Mit lauter Stimme rief er: »Wirt, schnell, ich bekomme eine kräftige Mahlzeit und ein Bier!« Die Stimme ließ erahnen, daß sie keinen Widerspruch gewohnt war.

Bei ihrem Klang blickte Gwydón auf. Wortlos erhob er sich und trat zu dem Fremden.

Die beiden Männer redeten kurz miteinander, dann brachte Gwydón ihn an ihren Tisch: »Erlaubt mir, daß ich euch Conall von Sîón vorstelle, der oberste Heerführer des Königreiches Sîl und der Bote von König Líath. Er ist wie wir auf dem Weg nach Amarango. Ich habe ihm angeboten, mit uns zu reisen.«

Der hoch gewachsene Krieger verbeugte sich. Viele Kämpfe hatten ihre Spuren in seinem vernarbten Gesicht hinterlassen, doch er war gesund und kräftig. Sein Bart schimmerte golden, und freundliche Augen lachten aus dem wettergegerbten Gesicht. An seiner Seite hing das große Schwert des Kriegers. »Ich grüße dich, Auriel aus Anándes‘ Haus. Es ist mir eine große Freude, daß sich unsere Wege nach so vielen Jahren wieder treffen.«

Auch Auriel freute sich über das Wiedersehen. Für eine kurze Zeit versanken sie in gemeinsamen Erinnerungen, aber die aktuellen Ereignisse holten sie bald zurück. Conall berichtete erschreckende Dinge aus seiner westlichen Heimat. Doch vorher schickte Auriel Niam hinaus. Sie wollte nicht, daß das Kind diese ganzen Geschichten über Krieg und Verwüstung hörte, und so bat sie Niam, nach Nimus zu sehen.

Draußen war mittlerweile die Nacht aufgezogen. Tausende von Sternen blitzten am Firmament, und der Mond war aufgegangen. Noch hatte er seine ganze Fülle nicht erreicht, aber sein Licht war hell und tauchte alles in einen silbrigen Schein. Es war eine laue Sommernacht, und die Grillen zirpten ihr ewiges Lied. Niam setzte sich neben den Stall und Schloß die Augen. Tief atmete sie die Düfte der Jahreszeit ein und lauschte verzückt dem Liebeszauber des Sommers.

Plötzlich hörte Niam ein lautes Zischen. Instinktiv folgte sie dem unheimlichen Geräusch in ein nahes Wäldchen. Eng standen hier die Bäume und Niam kämpfte sich durch das dichte Gestrüpp. Immer lauter hörte sie das Zischen. Endlich wurde der Wald weniger dicht, und Niam erreichte eine Lichtung mit einem kleinen See. Dort bot sich ihr ein grausames Bild. Ein schwarzer Rabe lieferte sich einen heftigen Kampf mit einem drachenähnlichen Tier mit schuppiger Haut, einem stacheligen Schwanz und einem Maul voll furchterregender Zähne. Das Untier hatte das Nest des Vogels geplündert. Vergeblich versuchte die Rabenmutter, ihre Nachkommen zu schützen. Die zerrissenen Leiber kleiner Vögel zeigten das deutlich. Nun stürzte sich der Rabe in seinen letzten Todeskampf. Der Vogel hatte gegen die Urkraft seines Gegners keine Chance. Zu scharf waren dessen Zähne und zu kräftig sein Biss.

Im Bruchteil dieses Augenblicks traf Niam eine Entscheidung. »Lass den Raben los, du scheußliches Vieh!« Mit einem Stein vertrieb sie das Reptil und lief zu dem Vogel.