Das hölzerne Sonnengelb - Maik Jungfleisch - E-Book

Das hölzerne Sonnengelb E-Book

Maik Jungfleisch

0,0

Beschreibung

Kurz nach Auroras Geburt stirbt ihre Mutter. Ihr Vater zieht sie daraufhin allein groß. Aufgrund eines düsteren Geheimnisses - der Vater ließ einen Menschen ertrinken - wird er im Dorf gemieden, und Aurora muss ganz allein, ohne Freunde aufwachsen. Irgendwann lernt das mittlerweile heranwachsende Mädchen Håkon kennen. Es scheint, als würde sich das Blatt wenden. Doch dann geschieht etwas Entsetzliches: Ihr neuer Freund rächt die Tat ihres Vaters an ihr. Die längsten und schrecklichsten zwei Nächte beginnen - für Vater Henrik und Aurora.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 107

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Gewidmet – in Erinnerung –

der Prinzessin und dem Märchenprinzen.

Für das Helle und die Kraft.

Und die Liebe, mit Dank.

Ein einfacher Fischfänger war Henrik. Auf seinem selbstgebauten Boot, das dreihundert Kilo wog, ging er auf Fang. Wochen war er unterwegs, manche Male gar Monate, auf hoher See, um seine Familie zu ernähren. Er kam herum und sah so manches Gewässer auf Erden. Auf dem Wasser und in der Natur fühlte er sich wohl. Sieben Jahre machte er das bereits, segelte über ferne Meere. Weit weg und fern von seinen Liebsten.

Es war nicht nur eine einfache Tätigkeit, mit der er seine Liebenden versorgen musste, es war seine Leidenschaft. So wie die Bäume zum Wald gehörten, so gehörte das Fangen der Fische zu Henrik. Das Boot war für ihn sein Tempel der Ruhe.

Eines Tages ging er wieder an Land. Die lange Reise noch in den Knochen wartete er darauf, dass ihm seine Frau Hedda voller Freudentränen entgegengelaufen kam. Sie war einfühlend, so wie immer, und hatte jeden Tag an ihn gedacht. Er konnte ihre kraftvolle Umarmung kaum erwarten. Doch dieses Mal wartete er vergebens. Er machte sich allein auf den Heimweg.

In seinem Haus war es ruhig. Zu ruhig. Er stand im großzügigen Wohnzimmer und sah Mathilde; sie hatte ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht, half jedem und sorgte alleweil dafür, dass alles seine Ordnung hatte. Sie war die gute Seele des Dorfes.

Ihr ernsthafter Blick ruhte auf dem liebevoll errichteten Kinderbett, das Henriks Vater einst eigens erbaut hatte, Henrik selbst hatte die ersten Monate seines Lebens als Kind darin verbringen dürfen.

»Sie ist jetzt schon sechs Monate alt«, sagte Mathilde zaghaft, »die Kleine ist ganz schön groß geworden. Und schwer vor allem. Das ist ein gutes Zeichen.«

Fassungslos ging Henrik zu Boden, seine Knie gaben nach. Sein Gesicht sprach Bände. Er saß auf dem alten Dielenboden, schaute nach links. Und nach rechts. Er schaute durch den Raum, als würde er ihn nicht wiedererkennen.

Bestürzt fragte er, wann Hedda gestorben sei.

Sie atmete tief ein, streichelte währenddessen die rehbraunäugige Kleine und erzählte ruhig und mit Bedacht von Heddas traurigem Schicksal.

Henrik verzog keine Miene, er saß noch immer auf dem bräunlichen Holzboden.

»Ich muss die Dielen ölen«, sagte er und wirkte wie gelähmt.

Nach Minuten der Ruhe kullerte eine Träne nach der anderen auf das Holz.

»Wissen Sie, Mathilde, was ich dafür tun würde, ihr noch einmal sagen zu können, wie ich empfinde? Wissen Sie, was ich dafür tun würde, mit meiner Familie noch einmal die Sterne und den Sonnenaufgang sehen zu können?«

Mathilde ging an ihren Korb, nahm einen Brief heraus, den sie vor Heddas Ableben von ihr bekommen hatte und legte ihn auf den Tisch. Sie senkte den Kopf,

Henrik hockte noch immer auf dem Boden und versuchte, die Tränen zu verwischen.

Vor knapp sieben Monaten war der Zustand Heddas kritisch geworden. Das Geld, das er durch den Fischfang einnahm, sparte und der Familie zurückließ, war schneller aufgebraucht als gedacht. Schließlich musste die dringend benötigte medizinische Versorgung sichergestellt sein. Der Landarzt allein nahm mehr als die Hälfte des Geldes, der Rest war ebenso schnell verbraucht. Die Kleine musste versorgt werden, das war klar. Den Rest, den die beiden zum Leben brauchten, wollte sie sich bei Teodor borgen, Henriks altem Schulfreund. Sie standen sich nahe und halfen sich gegenseitig. Außerdem war er durch seine guten Geschäfte betucht. Zumindest sagte man sich das, denn so lebte er auch.

***

Am frühen Abend machte sich Hedda auf den Weg zu einem Bekannten. Das Brot ging aus, die Getränke waren aufgebraucht. Mathilde umsorgte das Kind währenddessen.

Sie benötigte dringend Kleinigkeiten, um zumindest das Neugeborene zu versorgen. Keine anderthalb Stunden später kam sie an einer betagten Frau vorbei, die aus der anderen Richtung kam.

Heddas Augen waren feucht. Die fremde Frau hielt Hedda an und wollte besorgt wissen, ob alles in Ordnung sei.

Mit zitternder Stimme erzählte Hedda, dass sie schnellstens nach Mjøndalen müsse, um dort die alte Brosche ihrer Großmutter zu verkaufen. »Ein Bekannter«, so fuhr Hedda fort, »will mir das wertvolle Erbstück zu einem guten Preis abnehmen.«

Hedda schluckte, bevor sie weitersprach. »Zunächst wollte Teodor, ein Freund meines Mannes, mir das nötige Geld leihen, jedoch mit einer Bedingung, die ich niemals erfüllen würde. Meine Selbstachtung, verstehen Sie? Er wollte, dass ich fortan ihm gehorche. Um dies zu untermauern, verlangte er, dass ich mich ihm vollends unterwerfe. Ich bekam keine einzige Krone von ihm, denn auf seine Bedingung bin ich nicht eingegangen.«

Mit besorgter Stimme stotterte sie, dass sie nicht mal sauberes Wasser habe, geschweige denn Milch oder eine Scheibe Brot.

»Ich muss los, gnädige Frau, mein Bekannter wartet sicherlich schon, ich muss mich beeilen.«

Für die sorgenbeladene Stimmung war auch das Wetter verantwortlich. Kalter Wind wehte ununterbrochen, der Regen glänzte mit Präsenz, das Wetter blieb beständig unbeständig.

Die ältere Frau versuchte mehrfach, Hedda umzustimmen und ihr klarzumachen, dass dieser Gang in die Stadt anstrengend und unzumutbar sei, doch ohne Erfolg.

»Ich kann nicht länger auf das Nachsehen anderer hoffen. Alle, die mir bisher ausgeholfen haben, haben selbst vermutlich nicht genug zu essen und zu trinken. Es gibt leider keine andere Möglichkeit. Ich hoffe, dass Großmutter nicht enttäuscht sein wird. Ihre Brosche muss leider daran glauben«, sagte Hedda in sich gekehrt.

Sie machte sich wieder auf den Weg, kam rechtzeitig an, überließ dem Bekannten den Brustschmuck, nahm das Geld und begab sich wieder auf den Weg nach Hause.

Der nächste Morgen sollte kein guter werden. Durchgehend musste sie stark husten, hatte nicht auszuhaltende Schmerzen im Brustbereich und das Fieberthermometer stieg auf über 41° Celsius. Auch nach etlichen Tagen ging es ihr nicht besser, die Erkältung erwies sich als hartnäckig. Schon Wochen vorher hatte sie über Schmerzen geklagt und gehustet.

Hedda bat Mathilde, die nahe wohnte, den Landarzt zu rufen.

Nach eingehender Untersuchung bestimmte er wenige Tage später eine ernstzunehmende Krankheit. Meningitis, ausgelöst durch Bakterien.

Mathilde sorgte sich mütterlich um das Kind und blieb im Haus, was ihr nichts ausmachte. Im Gegenteil. Sie mochte Kinder. Gerade seit dem tödlichen Arbeitsunfall ihres Mannes, den sie vor zwei Jahren verloren hatte, war sie ungern allein.

***

Henrik fuhr in die Stadt; ohne zu zögern, legte er seine Arbeit nieder und bedankte sich für die jahrelange Kameradschaft.

Der Abschied fiel ihm schwer, wenngleich dieser unumgänglich war. Schließlich wollte er bei seiner kleinen Tochter Aurora sein und sich um sie kümmern.

Im Laufe der Monate konnte Aurora recht sicher stehen, sie stampfte vom Kinderbett bis hin zum Kamin, das waren immerhin vier Meter.

Henrik entschied sich, die Kleine nun allein großzuziehen. Dankend verabschiedete er sich von Mathilde und überreichte der Witwe einen Korb voller Brot.

»Die kleine Süße hat dafür gesorgt, dass ich mich wieder gebraucht fühle«, sagte sie letztlich noch.

Begreiflicherweise drehte sich von jetzt an alles um das Töchterchen. All seine Gedanken kreisten um sie. Sieben Jahre Fischerei hatten ihm keinen Reichtum beschert. Gewiss nicht. Irgendwie musste zukünftig der Lebensunterhalt verdient werden. Heimarbeit war die einzig tragbare Lösung. Er hatte eine Verpflichtung. Eine, die gerne lachte, immer besser laufen konnte und ernährt werden musste.

Henrik schnitzte schon als Kind gerne Holz, sein Vater hatte ihm zu seiner Einschulung Schnitzwerkzeug geschenkt. Ständig, wenn er nach den Hausaufgaben noch Zeit hatte, war er hinausgegangen vor das Haus und hatte sich gegen die große Linde gelehnt. Er hatte stundenlang dort gesessen und geschnitzt.

Nun begann er, mit dem Schnitzen den Lebensunterhalt für sich und die Kleine zu verdienen.

Im städtischen Laden bot er seine Arbeiten zum Verkauf an. Gerade als Fischer schnitzte er gerne Boote, Krabbenkutter und Kreuzer. Kleine Modelle natürlich.

Er blühte auf, die Arbeit lenkte ihn vom Alltag ab und ließ den Kummer zumindest kurzweilig verschwinden. Als Fischer hatte er einiges gesehen und die Schnitzarbeit erinnerte ihn jedes Mal an das Treiben auf See.

Mit dem Verkauf seiner Holzarbeiten verdiente er reichlich Geld. Sorgen, das junge Kind nicht ernähren und großziehen zu können, waren nicht mehr vonnöten.

Henrik kümmerte sich um das Haus und war überglücklich, Aurora zu haben.

Er lachte viel und erfreute sich daran, dass die Kleine allerlei erkundete. Sie befühlte stets den Schiebergriff, um das Geheimnis des Reißverschlusses an seiner Jacke zu entdecken. Erfolglos. Beide sangen viel, sie tanzte gerne dabei. Die quicklebendige Aurora hielt Henrik auf Trab.

Dder Frühling brach an, so wie man ihn in Hokksund kannte. Launisch. Und bitterkalt. Der Wind tobte sich aus, die Menschen verkrochen sich in ihren Häusern. Wochen dauerte das feuchte Wetter an.

Die Boote waren an Land gezogen worden, niemand wagte bei solch einem Unwetter, sich mit den Booten aufzumachen. Zu riskant war der unberechenbare Wind.

Das Dorf wirkte verlassen. Die Menschen heizten die Kamine an und warteten darauf, dass der Aufruhr der Elemente schleunigst das Weite suchte.

Henrik mochte das Wetter. Auf See ging er auch an solch stürmischen Tagen, er war der Meinung, dass einem echten Fischer dieses Wetter nichts anhaben konnte.

Eines Abends bat er Mathilde, auf die Kleine aufzupassen. Henrik machte sich auf zur alten Pfahlbrücke, die in unmittelbarer Nähe der Brandungsfelsen lag. Auch dort hatte er als Kind oft gesessen, wenn er mal nicht geschnitzt oder der Mutter hatte helfen müssen. Seit dem Tod seiner Frau war er dort wieder öfter. Er lenkte sich ab.

Am Ende der Brücke blieb er stehen und starrte in die Ferne. Regungslos stand er da. Er rauchte seine Zigarre, die er bei sich trug, für gewöhnlich eine Alec Bradley Prensado Churchill. Er genoss regelrecht das tobende Wasser. Kummer und Leid verschwanden zumindest für diesen Moment. Er fühlte sich frei und gedankenlos.

Kurze Zeit später bemerkte er, dass auf dem Fels ein Mann hockte. Nach nochmaligem Hinschauen bemerkte er, dass es Teodor war. Henrik schenkte ihm keine weitere Beachtung und widmete sich dem Wasser, dem Toben und der inneren Ruhe.

Der Sturm wurde stärker. Henrik stand angestrengt auf beiden Beinen. Für einen kurzen Augenblick schaute er wieder zu den Felsen.

Noch immer saß Teodor auf dem Stein, er schien ebenfalls die Ruhe gesucht zu haben. Er bemerkte Henrik und schaute ruckartig weg.

Teodor machte sich vorsichtig auf den Weg, Schritt für Schritt ging er voran.

Schlagartig legte der Wind noch eine Schippe drauf und blies Teodor die Füße unter dem Körper weg. Er versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Abrupt stürzte er ins Wasser, ohne den Hauch einer Chance. Blitzartig krallte er sich mit einer Hand am Stein fest, stand bis zur Taille im Wasser und hoffte auf Rettung.

Seine einzige Hoffnung war Henrik, immerhin hingen Rettungsring und Seil am Pfosten hinter ihm, und die beiden Männer trennten nur wenige Meter.

Henrik hatte das Unheil kommen sehen, rauchte aber seine Zigarre weiter. Genüsslich, wie es schien.

Der Wind blies ununterbrochen.

Mit angsterfüllter Stimme, seinem Schicksal ausgeliefert, rief Teodor gegen den Wind: »Heeeeenrik!«

Henrik stand noch immer rauchend am Steg.

»Wieso hilfst du mir nicht?«, schrie Teodor.

Wie ein Klotz stand Henrik auf der Holzbrücke. Er verzog keine Miene. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Teodor rief und rief, ohne dass Henrik ihn beachtete.

»Hilf mir! Ich werde umkommen, wenn du mir nicht hilfst!«, brüllte Teodor.

Und wieder ignorierte Henrik die Hilferufe. Er nahm die Zigarre aus dem Mund, ging einen kleinen Schritt nach vorne und wollte laut ins Weite rufen. Dann schloss er wieder den Mund und blickte in die Ferne.

Das wimmernde Brüllen Teodors verstummte. Die Kraft ließ nach, das Ende war nur noch eine Frage der Zeit. Wenig später trieb er hinaus.

Henrik verließ die Brücke und ging heim. Ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Aurora lag im warmen Bett, ummantelt von einer Wolldecke. Sie wachte auf und sah ihren Vater auf dem Lesestuhl in der Ecke sitzen. Die Kerze brannte und schenkte dem Raum wärmendes Licht. Die Flamme beruhigte.

»Wieso schläfst du nicht, Vater?«, fragte sie und rief ihn zu sich.

»Ich habe geschnitzt, Liebes. Komm, schlaf.«

Im Dorf machte das Verschwinden Teodors schnell die Runde. Sieben Tage später tauchte er in einem Nachbarort auf und berichtete über sein mysteriöses Verschwinden. Auch das verbreitete sich wieder schnell.

Nach dem Sturz war Teodor ins Meer gespült worden, glücklicherweise konnte er von einem Schiff namens Atara gerettet werden. Völlig durchnässt, frierend und dem Tode nahe, wurde er aus dem Wasser gezogen.

Allerdings war die Anstrengung zu viel. Elf Tage nach der Rettung starb er.

Zuvor berichtete er von der versagten Rettung. Er berichtete, dass Henrik regungslos zugeschaut habe. Er berichtete, dass er auf keine Hilferufe reagiert habe. Und er berichtete, dass Henrik einen genüsslichen Eindruck dabei gemacht habe, wie Teodor dem Tod immer näher gekommen ist.

Die Dorfbewohner waren fassungslos. Eine derartige Handlungsweise hielt in ihren Reihen niemand für möglich. Hier, wo jeder jeden kannte und jedem half. Zwar wussten die meisten, was zwischen Teodor und Henrik vorgefallen war, Hokksund stand dennoch kopf.

Eine solche Tat war für die Mitmenschen verwerflich. Henrik wurde im Dorf mehr denn je gemieden. Zuvor hatte er sich schon abgekapselt und war scheu geworden.

***