Fatal Mistake - Maik Jungfleisch - E-Book
Beschreibung

Die fast 30-jährige Nele macht sich nach dem Sport allein auf den Heimweg. An diesem kalten Wintertag nimmt sie nicht den gewohnten Weg. Fatal, wie sie schnell erfahren muss. Ein irrer Psychopath wird seit geraumer Zeit gesucht und gerade dieser lauert ihr auf. Wegrennen? Zwecklos. Gefangengehalten wird sie zu grotesken Spielchen gezwungen, die ihr irreal erscheinen.

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Gewidmet

– in bekannter Erinnerung –

dem über uns Wachenden.

Gott wacht über dich. Er wacht über uns.

Vergeben. Nicht vergessen.

Und der Liebe, mit Dank.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

KAPITEL 1

Der kalte Winter meldete sich langsam, aber sicher. Dezember 2015. Die fast dreißigjährige Nele nahm ihren Rucksack, packte ihre Sachen ein, schwang ihn sich auf den Rücken und verließ den Umkleideraum. Während sie Handschuhe und Schal anzog, warf sie einen letzten Blick auf die übrigen Frauen, die im Gegensatz zu ihr noch nicht fertig angezogen waren und sich amüsant miteinander unterhielten. Wie immer eigentlich.

»Also, dann macht's gut und genießt den Rest des Abends noch.«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von den anderen, davor machten die Mädels noch schnell ein Gruppenselfie, das auf Instagram für diejenigen sichtbar war, die #sportjunkies folgten.

»Nele, dir auch noch einen schönen Abend«, erwiderte Wibke, während sie ihre Schuhe anzog und einen Blick zu der Jüngeren herüberwarf.

»Wieso hast du es eigentlich so eilig, gehst du denn nicht mehr mit auf einen Absacker?«

Gespannt wartete sie auf eine Antwort.

»Ach, lass mal, heute nicht«, seufzte Nele und legte ihre rechte Hand auf den Türgriff. »Ich habe den ganzen Tag einen brummenden Schädel und will einfach nur noch nach Hause.«

Sie winkte den anderen noch kurz zu, bevor sie die Schwimmhalle verließ.

Draußen zog Nele den Reißverschluss ihrer gut gefütterten Daunenjacke bis oben hin zu und setze sich eine gelbe Mütze auf die langen schwarzen Haare, um sich nach dem Schwimmen nicht schon wieder eine Erkältung einzufangen. Erst vor sechs Wochen lag sie anderthalb Wochen im Bett. Für Erkältungen war sie sehr anfällig.

Die Kirchenuhr schlug soeben sieben Mal. Ein Zeichen dafür, dass der Bus gerade abgefahren war und der nächste erst in mehr als zwanzig Minuten kommen würde. Es ärgerte sie dennoch ein wenig, eben unnötigerweise Gas gegeben zu haben, zumal der Bus sonst auch nie pünktlich gewesen ist.

Okay, dann gehe ich eben zu Fuß. Die frische Luft wird mir sicherlich guttun. Vielleicht verschwinden dabei ja auch die nervigen Kopfschmerzen von ganz allein. Auf Tabletten habe ich gar keinen Bock.

Bis nach Hause auf den Weiherberg würde die zierliche Nele etwa eine halbe Stunde benötigen. Durch den Park hingegen ließen sich um die zehn Minuten einsparen. Sie überlegte, welchen Weg sie wählen sollte, den weiten entlang der stark frequentierten Victor-Hugo-Straße oder den direkten durch den Stadtpark führenden. Mehrere vorbeifahrende Autos nahmen ihr die Entscheidung ab und ließen sie auf den Park zusteuern.

Oh nein, bloß nicht die ganze Zeit über diesem grässlichen Straßenlärm ausgesetzt sein müssen, das würde meine Kopfschmerzen nur noch verstärken. Ich bin echt froh, gleich endlich nach Hause zu kommen. Nicht auszudenken, wenn ich mit diesem Schädelbrummen heute Nachtdienst hätte.

Der Kiosk kurz vor dem Eingang in die Grünanlage hatte noch geöffnet und im schummrigen Licht der letzten Straßenlaterne sah sie ein paar Gestalten vor der Verkaufsluke stehen.

Beim langsamen Näherkommen erkannte die Krankenschwester ihren Arbeitskollegen Benjamin, der, genau wie sie, im Städtischen Krankenhaus arbeitete.

Seit einigen Monaten war Benjamin der neue Hausmeister und hatte den Posten von seinem Vorgänger Dominik übernommen, der diesen Job wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr ausüben konnte. Zusammen mit seinem besten Kumpel Jan, der als Vizehauswart fungierte, bildeten die beiden Männer ein perfektes Team.

Benjamin war ein hilfsbereiter Mann und sich für keine Tätigkeit zu schade, auch wenn diese außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches lag.

Ungefähr im gleichen Alter wie Nele, verfügte er über einen schlanken, durchtrainierten Körper. Die kurzen mittelblonden Haare erinnerten an die eines Lausbuben, allerdings bei einem Gardemaß von einem Meter vierundachtzig. Seine eher genierliche Art gefiel der Neunundzwanzigjährigen und erinnerte sie an ihre eigene Schüchternheit.

Bei dem Gedanken an ihn huschte ein Lächeln über ihr schmales, blasses Gesicht. Sie wusste, dass auch er Single war, denn sein Freund und Kollege Jan hatte ihr vor wenigen Tagen scheinbar nebensächlich einiges über ihn erzählt.

Er ahnte wohl, dass die beiden Alleinstehenden mehr als nur Kameradschaft miteinander verband und spielte sich als Kai Pflaume in besten Zeiten auf.

Im Schein der matten Kioskbeleuchtung erkannte sie jetzt auch den zweiten Mann, bei dem es sich tatsächlich um Jan handelte.

Im Gegensatz zu Benjamin trug er seine dunkelblonden Haare etwas glatter am Kopf anliegend, was aber auch an der Kappe liegen konnte, die er des Öfteren aufhatte. Auch er wirkte attraktiv, obwohl sein Körperbau eher als kräftig zu bezeichnen war. Ein wenig kleiner als Benjamin, dafür aber wesentlich aufgeschlossener im Wesen, entsprach er allerdings nicht wirklich Neles Typ.

Den dritten im Bunde sah die junge Frau heute zum ersten Mal, er schien dem Kiosk anzugehören. Drei Augenpaare blickten ihr neugierig entgegen.

»Hey, Nele! Was machst du denn um diese Zeit noch hier?«, rief Jan ihr entgegen. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er direkt fort: »Magst du ein Bier mit uns trinken? Komm her, ich gebe eins aus.«

Er vollführte eine einladende Handbewegung.

Nachdem Nele den Kiosk erreicht hatte, blieb sie kurz stehen und nickte den Männern der Reihe nach freundlich zu.

»Hallo, allerseits.«

»Hi, Nele.« Benjamin hob die Hand zum Gruß und lächelte, während der Fremde ihr mit seiner Bierflasche wortlos zuprostete und sie eingehend betrachtete.

»Das ist wirklich lieb von dir, Jan. Aber mir ist heute ausnahmsweise einmal nicht nach Alkohol zumute«, erwiderte Nele mit einem gequälten Grienen und deutete mit der Hand auf ihren brummenden Kopf. »Ich habe höllische Kopfschmerzen und will nur noch so schnell wie möglich nach Hause. Vielleicht ein andermal, wenn es mir wieder besser geht.«

Sie wippte auf den Zehenspitzen vor und zurück.

»Außerdem ist es auch viel zu kalt für ein Bier, ein warmer Kakao oder Glühwein wäre sicherlich angebrachter«, versuchte sie zu witzeln.

»Damit können wir leider nicht dienen«, konterte Jan und grinste sie an. »Wir stehen mehr auf Erfrischungen und das zu jeder Jahreszeit.«

»Dann lasst es euch mal noch schmecken«, erwiderte Nele und klopfte zum Abschied mit den Fingerknöcheln auf den Stehbiertisch. »Ich werde mir daheim einen schönen warmen Tee genehmigen und danach ins Bett gehen, das ist bekanntlich ja die beste Medizin. Also, macht es gut.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich die junge Frau von dem Dreiergestirn.

»Mach du es besser«, beeilte sich Jan zu sagen.

Mit schmachtendem Blick starrte er ihr nach.

»Tschüss Nele«, kam es über Benjamins Lippen, während der Unbekannte nur wortlos nickte.

»Definitiv nicht schlecht die Kleine, was?«, grinste Jan. »Die würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen, aber ich glaube, die steht mehr auf durchtrainierte Typen.«

Augenzwinkernd blickte er zuerst Benjamin und dann den muskulösen Manfred an, der sich äußerlich gesehen nur unwesentlich in Größe und Haarfarbe von den beiden anderen unterschied.

Während Benjamin desinteressiert mit den Schultern zuckte, antwortete Manfred ihm: »Wirklich nicht übel das Mädel, sieht ganz nett aus, ist aber nichts für mich. Seit meiner gescheiterten Verehelichung bin ich überzeugter Single und gönne mir lediglich ab und zu eine wilde Nacht.«

Ruckartig griff er nach seiner Bierflasche und umfasste den Flaschenhals derart fest, dass seine Handknöchel weiß hervortraten. Hastig trank er den Inhalt in einem Zug aus und stellte die leere Pulle lautstark zurück auf den Tisch. Rülpsend wischte er sich mit dem Handrücken den Mund ab.

»Ist wesentlich unkomplizierter, das sag ich euch.«

»Jedem das Seine«, konterte Benjamin und klopfte mit der flachen Hand auf die Tischplatte. »Um fünf Uhr ist die Nacht vorbei und ich bin hundemüde. Wird Zeit, dass ich ins Bett komme.«

»Ja, wie spät ist es denn schon?«, fragte Jan sichtlich irritiert und warf einen Blick auf seine Uhr. »Oh je, schon einundzwanzig Uhr durch. Jetzt aber nichts wie los, ich muss noch mit dem Hund raus.«

Er schien es plötzlich eilig zu haben. »Kümmerst du dich um die leeren Flaschen oder soll ich sie zurück in die Kiste stellen?«

Erwartungsvoll sah er zu Manfred rüber.

»Nein, lass mal gut sein, das erledige ich selbst«, antwortete er und schnappte sich das Leergut, um es auf die Verkaufsluke zu bugsieren. »Das ist mein Job, den kriege ich bezahlt. Ich mach den Laden jetzt dicht, bevor noch einer kommt und was kaufen will.«

»Also Leute, dann bis morgen.«

Benjamin holte sein Bike hinter einem Baum hervor und war im Begriff loszufahren, als Jan das Wort an ihn richtete.

»Alter, das wär doch eben die beste Gelegenheit gewesen, die Kleine einfach mal anzusprechen und zum Essen oder so einzuladen. Wieso hast du die Chance denn nicht genutzt? Ich weiß doch, dass du auf sie stehst.«

Die Hände in den Hosentaschen vergraben, stand er breitbeinig vor Benjamin und grinste ihn unverschämt an: »Lass mal gut sein, das ist nicht mein Ding so im Vorbeigehen. Irgendwann wird sich schon noch eine entsprechende Gelegenheit ergeben, aber dann ganz bestimmt nicht, wenn ihr dabei seid. Also, macht es gut und bis morgen.«

Sichtlich ungehalten trat Benjamin in die Pedale.

Nele ärgerte sich schon jetzt über ihr törichtes Verhalten, den anderen Weg genommen zu haben. Viel zu weit standen die Laternen auseinander, die mit ihrer dürftigen Beleuchtung lediglich einen schwachen Lichtkegel rund um die Lampe erzeugten, nicht aber in der Lage waren den Weg zu erhellen.

Mittlerweile wurde ihr recht mulmig bei dem Gedanken allein durch den finsteren Park zu laufen. Doch jetzt noch einmal umzudrehen war ihr einfach zu blöd und kam keinesfalls infrage.

Möglicherweise standen die drei Männer noch immer am Kiosk und würden sie wegen ihrer Ängstlichkeit nur auslachen. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken an diese Peinlichkeit. Ihr Stolz war stärker als die Furcht und ließ sie zügig voranschreiten.

Noch nie hatte sie in der Vergangenheit das Rascheln der Bäume und die nächtlichen Geräusche so intensiv wahrgenommen wie heute. Das jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

***

Es war nicht der erste Abend, an dem Nele von einem Mann beobachtet wurde. Seit Wochen schon verfolgte er sie, ohne dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung verspürte.

Die stille Nele gefiel ihm vom ersten Augenblick an und er spürte ein immer größer werdendes Verlangen sie in seinen Besitz zu bekommen.

Er wollte ihre langen schwarzen Haare und ihren wohlgeformten Körper berühren, ihn streicheln und den Duft ihrer Haut in sich aufsaugen. Doch bis es soweit war, musste er sich noch ein wenig in Geduld üben, durfte nichts überstürzen und sich vor allem keinen Fehler erlauben.

Seinen Recherchen zufolge wusste er, dass sie zurückgezogen lebte, neunundzwanzig Jahre alt und Alleinstehende war. Der Rest ihrer Verwandtschaft wohnte in Süddeutschland und sie fuhr ab und an mit dem Zug dorthin, um den Kontakt zu pflegen.

Ein Auto besaß sie nicht, erledigte all ihre Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad. In einem kleinen Heft, rot, notierte er sich akribisch die wichtigsten Ereignisse, ihre Gepflogenheiten und somit auch die damit verbundenen Örtlichkeiten und Zeiten.

Den Dienstplan sämtlicher Krankenschwester kannte er mittlerweile auswendig. Er grinste bei der Vorstellung sie mit zu sich nach Hause zu nehmen.

Warte nur ab, Süße. Bald gehörst du mir. Nur noch wenige Minuten trennen uns voneinander, dann hab ich dich. Das Schöne daran ist, du weißt es nur noch nicht. Und das fühlt sich richtig gut an.

In weiser Vorfreude rieb er sich die Hände und gluckste vergnügt vor sich hin.

***

Mittlerweile war Nele an der unübersichtlichsten Stelle des Parks angekommen.

Zu ihrer Linken befand sich ein langgezogener Teich, der mit seinem dicht bepflanzten Ufer nur indirekte Sicht auf das Gewässer zuließ.

Auf der rechten Seite säumten ebenfalls eng nebeneinander stehende Bäume und Sträucher den ehemals breiten Weg, der mittlerweile zugewachsen nur noch als Trampelpfad zu bezeichnen war.

Dahinter befand sich eine etwa zwölf Meter hohe Böschung, auf deren höchster Stelle sich ein weiterer Weg erstreckte. Kein einziger Lichtstrahl fiel auf diesen stillen und friedlich anmutenden Ort unterhalb des Walls, den Nele entlanglief.

Plötzlich blieb sie mit dem rechten Fuß an Wurzelwerk oder etwas Ähnlichem hängen und stürzte mit einem spitzen Aufschrei zu Boden.

Oh nein, nicht auch das noch, so ein verdammter Mist. Wäre ich doch bloß nicht auf diese bekloppte Idee gekommen, im Dunklen allein durch den Park zu laufen.

Fluchend erhob sich die junge Frau, um sogleich wieder in die Knie zu gehen. Beim Versuch aufzutreten durchflutete plötzlich ein heftiger Schmerz den Außenknöchel ihres rechten Fußes.

»Autsch, autsch, au, au, au!«, schrie sie auf und tastete ihren Knöchel nach Verletzungen ab.

»So eine verdammte Scheiße«, fluchte sie.

Hoffentlich ist er nicht verstaucht.

Zu allem Überfluss rutschte ihr bei dieser Aktion der Rucksack von hinten über den Kopf nach vorn und sorgte für zusätzlichen Unmut.

Ich krieg gleich echt die Krise. Hat sich denn heute alles gegen mich verschworen? Jammern hilft jetzt auch nicht, davon wird’s nicht besser. Ich muss einfach die Zähne zusammenbeißen und an etwas Schönes denken, dann wird’s schon gehen. Irgendwie.

Beunruhigt warf Nele einen Blick über die Schulter, um sich neu zu orientieren.

Jetzt bloß nicht versehentlich in die falsche Richtung laufen, das wäre die Krönung des Abends, wo ich einen Großteil der Strecke bereits hinter mir gelassen habe. Irgendwann muss dieser dämliche Weg ja mal ein Ende haben, so lang ist er mir tagsüber jedenfalls noch nie vorgekommen.

***

Der Beobachter hatte seinen alten Kombi am entgegengesetzten Ende des Parks in einer kleinen Gasse abgestellt, um Nele zu Fuß entgegenzugehen. Es sollte eine Überraschung werden.

Im Gegensatz zu ihr benutzte er aber nicht den unteren Trampelpfad, sondern den darüber liegenden breiten Weg, der nicht gänzlich in der Dunkelheit lag.

Eine entfernt stehende Laterne sandte letzte Ausläufer ihrer Strahlen dorthin. Seiner Einschätzung nach zufolge mussten sie sich etwa auf gleicher Höhe befinden, denn er konnte sie schimpfen hören.

Nach wenigen Metern würde von seiner Strecke aus ein schmaler Verbindungspfad nach unten führen. Mit etwas Beeilung könnte er vor Nele die Unterführung erreicht haben, wo beide Wege sich miteinander vereinten.

Des Beobachters Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt, weil er ständig übte, ohne Beleuchtung zurechtzukommen. Bei der Arbeit hatte er das Licht in den dunklen Gängen oftmals bewusst ausgelassen, um seinen Orientierungssinn zu schärfen, das sollte heute sein Vorteil sein.

Grinsend kniff er die Augen zusammen und schob den Unterkiefer nach vorn, um seiner wilden Entschlossenheit Ausdruck zu verleihen.

Die Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis trieb ihm den Schweiß aus den Poren, seine Hände wurden feucht und ein wohliges Kribbeln breitete sich in der Magengegend aus.

Sein Jagdinstinkt war geweckt und ließ ihn begierig auf die Beute warten. Heute sollte sich zeigen, ob seine Observationen von Erfolg gekrönt sein würden, wenn das Netz sich allmählich immer enger zusammenzog und er seine Fühler nach ihr ausstrecken konnte.

***

Von Schmerzen geplagt erreichte Nele humpelnd endlich das Ende des schmalen Pfades.

Doch bevor sie erleichtert aufatmen konnte, sorgte unmittelbar vor ihr ein huschendes Wesen für eine Schrecksekunde.

Irgendetwas Kleines kreuzte ihren Weg, vermutlich ein nicht allzu großes Tier, das aufgrund seiner Flinkheit und der Finsternis nicht zu identifizieren war.

Sie erschrak fürchterlich und schrie kurz auf, bevor sie für einen Moment die Luft anhielt und in die Dunkelheit hinein lauschte. Ihr Herz schlug wie wild und sie konnte ihren eigenen keuchenden Atem wahrnehmen. Kleine Wolken stoben aus ihrem Mund hektisch gen Himmel und verflüchtigten sich innerhalb weniger Augenblicke.

Ich höre mich nicht nur wie ein gehetztes Tier an, sondern ich fühle mich auch so. Lachhaft. Als wenn hier um diese Zeit jemand aus Laune durch die Gegend poltert, nur um mir Angst einzujagen. Ich sollte nicht so viele Krimis sehen, dann hätte ich jetzt nicht die Hosen voll. Da huscht eine Maus von einer Seite auf die andere und ich gebärde mich, als würde es sich um ein Ungeheuer handeln. Das kommt davon, wenn man Abkürzungen wählt, weil man zu faul ist, zehn Minuten länger als nötig zu laufen.

Sich selbst Mut machend, umfasste sie forsch die Riemen ihres Rucksacks und atmete mehrmals hintereinander geräuschvoll ein und aus, bevor sie von Schmerzen gepeinigt weiterhastete.

Oh, jetzt bloß keine Panik kriegen, Nele. Nur noch fünf Minuten und du bist raus aus diesem Scheißpark.

Nicht nach rechts oder links schauend zwang sich die junge Frau ihren Blick ausschließlich nach vorn zu richten, wo in der Ferne die notdürftig beleuchtete Fußgängerunterführung ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelte.

Endlich wieder ein Funken Licht.

Sie schnaufte erleichtert und beschleunigte ihren Schritt, obwohl der verletzte Fuß dermaßen brannte.

Trotz ihres keuchenden Atems glaubte sie plötzlich in unmittelbarer Nähe ein seltsames Geräusch zu vernehmen und verlangsamte daher automatisch das Tempo, um lauschen zu können.

Nachdem sie zum Stehen gekommen war und die mysteriösen Laute auch noch ein zweites und gar drittes Mal gehört hatte, beschlich die junge Frau ein beklemmendes Gefühl, welches zu Besorgnis führte.

Sie glaubte einer Sinnestäuschung zu unterliegen und schob das vermeintliche Säuseln ihren überstrapazierten Nerven in die Schuhe.

Doch im Unterbewusstsein ahnte sie bereits, dass die zu vernehmenden Laute nicht ihrer Einbildung entsprangen, sondern der bitteren Wahrheit.

Das gedämpfte Flüstern oder Rufen erinnerte an einen Psychothriller, den Nele vor Kurzem im Kino mit einer Kollegin gesehen hatte. Wie gebannt horchte sie in das Dunkel der Nacht, vermochte aber nicht zu sagen, woher der Ton kam oder wer ihn von sich gegeben haben könnte.

Sie erschauerte bei der Vorstellung, dass es eine menschliche Stimme war, die zu ihr sprach. Panische Angst breitete sich in ihrem tieferen Inneren aus und drang mit ungeahnter Schnelligkeit an die Oberfläche.

Innerhalb weniger Sekunden wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein war. Um gegen einen möglichen Angriff gewappnet zu sein, zog sie rein mechanisch den Kopf ein.

Wie aus dem Nichts tauchte vor ihr der Umriss einer riesigen Gestalt auf.

»Hallo meine Süße, ich hab schon auf dich gewartet.«

Begleitet von einem grunzenden Lachen bewegte sich die scheinbar männliche Person wie in Zeitlupe auf sie zu. Der zu ihm gehörige, gewaltige Schatten unterstrich seine Bedrohlichkeit.

»Kommen Sie mir bloß nicht näher, sonst schreie ich«, krächzte Nele mit weit von sich gestreckten Armen, während sie jede seiner Bewegungen furchtsam beobachtete.

Doch anstatt ihrem Wunsch zu entsprechen, lachte er heiser und bewegte sich in aller Seelenruhe weiter auf die verstört wirkende Frau zu.

Kies knirschte unter seinen Schuhen und vermittelte Nele das unangenehme Gefühl von zermalmendem Getier.

Trotz ihrer prekären Situation konnte sie nicht verhindern darüber nachzudenken, wie es wäre von diesen Sohlen wie ein Käfer zertreten zu werden. Instinktiv ballte sie die Hände zu Fäusten, um sich notfalls gegen den Unbekannten zur Wehr setzen zu können.

Schweiß brach aus all ihren Poren und sorgte für ein unangenehmes Kribbeln entlang der Wirbelsäule. Ihre schlotternden Beine bewegten sich im Zeitlupentempo automatisch rückwärts und in ihren Ohren begann es heftig zu rauschen, gefolgt von dem sehnsüchtigen Gedanken einer Flucht.

Je mehr sie sich bemühte von der Stelle zu kommen, desto weniger gelang es ihr. Schwer wie Blei klebten die Füße am Boden und hinderten sie am Weglaufen.

Angstvoll blickte sie dem sich Nähernden entgegen und öffnete den Mund zu einem Schrei.

Doch bevor sie dazu in der Lage schien, war er mit einem Satz bei ihr und packte die vor Schreck wie gelähmte Frau brutal an den Armen. Einem klatschenden Geräusch folgte ein brennender Schmerz, der sie entsetzt aufschreien ließ.

Einem Instinkt zufolge trat sie mit den Stiefeln nach ihrem Gegenüber, um sich aus dessen stählernem Griff zu befreien. Gleichzeitig versuchte sie verzweifelt ihm in die Hände zu beißen, doch er war wesentlich stärker als sie und riss Nele mit einem Ruck zu sich heran.

Fest presste er seinen nach Schweiß stinkenden Körper gegen den der jungen Frau, die wie von Sinnen auf ihn einschlug und sich ihm vergeblich zu entziehen versuchte.

Je mehr die Krankenschwester tobte, desto heftiger wurde seine Reaktion. Ihr Verhalten schien ihn gleichermaßen wütend zu machen und anzuheizen.

Gern hätte der Beobachter dieses Spielchen noch ein Weilchen fortgesetzt, doch um zu verhindern, dass seine Beute mit ihrem Gezeter unwillkommene Zuschauer anlockte, beendete er diese Angelegenheit durch einen derben Stoß vor die Brust.

Wie vom Blitz getroffen stürzte Nele mit einem erstickten Schrei zu Boden.

»Hilfe, Hiiiiiiilfe«, schrie sie und versuchte, sich rückwärts auf dem Hosenboden rutschend aus der Gefahrenzone zu bringen.

Ein Tritt ins Gesicht ließ sie schlagartig verstummen.

»Du kleines Miststück, halt bloß deine dämliche Fresse, sonst wirst du mich richtig kennenlernen.«

Wieder trat er sie, diesmal in den Unterleib.

»Dir werde ich schon noch zeigen, wo es langgeht. Steh auf, du Schlampe, damit wir endlich von hier wegkommen. Hab schon genug Zeit mit Warterei vertrödelt.«

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, beugte er sich zu ihr runter und riss an ihren langen Haaren. Als sie sich nicht rührte, baute er sich drohend vor ihr auf und stemmte die Hände in seine Hüften.

»Steh endlich auf, hab ich gesagt, sonst mach ich dir ganz schnell Beine.«

Ohne jegliche Regung ihrerseits, zerrte er sie an der Kapuze hoch. Der bis obenhin zugezogene Reißverschluss der Jacke schnürte Nele die Kehle zu und hinderte sie am Luftholen. Reflexartig zerrte sie mit den Händen an ihrem Kragen, bis der Reißverschluss ein wenig nachgab und sich selbstständig öffnete.

Obwohl ihr ganzer Körper schmerzte und die Beine zitterten, versuchte sie an ihm vorbeizukommen. Er versperrte ihr nicht nur den Weg, sondern verabreichte ihr ohne jegliches Mitgefühl einen weiteren Schlag ins Gesicht.

»So nicht, du elende Hure. Immer schön hiergeblieben, sonst muss ich böse werden.«

Brutal packte er sie bei den Haaren und riss ihren Kopf nach hinten in den Nacken.

»Versuch nicht noch einmal mich zu linken oder du bist schneller tot, als du glaubst.«

Blitzartig hatte er ihre Hände auf dem Rücken mit einem Kabelbinder zusammengebunden und rammte ihr sein Knie in den Rücken. Der heftige Schmerz ließ Nele bewusstlos zu Boden stürzen.

Schnell drehte er sie auf den Rücken um, holte aus der Tasche seines Parkas eine Rolle Klebeband, riss ein Stück davon ab und klebte es seinem Opfer auf den Mund.

Hastig schleifte er die Wehrlose hinter einen Busch, zerrte ihr die Hose herunter und verging sich an der Hilflosen. Dabei machte er mit seinem Smartphone etliche Bilder, auf einem posierte er mit seinem Penis auf der Stirn Neles. Danach trug er sie die letzten Meter bis zum Auto über der Schulter, nicht ohne sich zuvor in alle vier Himmelsrichtungen von seinem Alleinsein überzeugt zu haben.

Kaum zu glauben wie empfindlich die Kleine ist. Die dünnen Dinger können heutzutage auch gar nichts mehr ab. Ein bisschen schubsen und schon fallen sie erst hin und dann auch noch in Ohnmacht. Dabei bin ich doch noch ziemlich nett gewesen, aber das hat man von seiner Gutmütigkeit, die auch ein Stück Dummheit ist. Welch ein Glück, dass sie nicht wirklich zum Schreien gekommen ist.

Er kicherte bei der Vorstellung, welch großes Vergnügen alle Beteiligten in den nächsten Tagen erwartete. Rechts und links der Wegstrecke war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Abseits der wenigen Häuser hatte er den Kombi rückwärts direkt am Eingang geparkt. Im Sommer herrschte hier abends immer Trubel, wenn die Grillsaison nach Würstchen und Bier schrie. Aber jetzt im Dezember hatten die Besitzer ihre Gärten und Lauben winterfest gestaltet und schauten nur hin und wieder nach dem Rechten. Nach dem Öffnen der Kofferraumklappe ließ er Nele wie einen nassen Sack auf die ausgebreitete Decke fallen.

»Meine Süße, jetzt fahren wir in dein neues Zuhause.«

Noch ein letzter zufriedener Blick auf sein Opfer und er konnte die Abdeckung zuziehen und die Klappe zuschlagen, als die Uhr der Kirche zehn Mal schlug.

Ein mulmiges Gefühl ergriff plötzlich Besitz von dem lang aufgeschossenen Mann, als er an seine Mutter und die Verspätung dachte. Sie würde ihn wieder verbal attackieren und zur Strafe ohne Essen ins Bett schicken. Vielleicht aber auch nicht, wenn sie sah, was er ihr mitgebracht hatte.

Siegessicher nahm er hinter dem Lenkrad Platz und warf sich eine Handvoll Erdnüsse ein.

Beim Starten des Motors erwachte Nele aus ihrer Bewusstlosigkeit. Dunkelheit umgab sie ebenso wie beängstigende Enge. Es roch nach Benzin und Abgasen. Sie fühlte, wie sie durchgeschüttelt wurde.

Auf der Seite liegend versuchte sie sich zu orientieren und lauschte dem Motorengeräusch.

Ich liege in einem Kofferraum, dieses verdammte Schwein will mich entführen.

Panisch versuchte sie sich aufzurichten, zerrte an den Fesseln und bemerkte entsetzt den Klebestreifen auf ihrem Mund.

Heftige Schmerzen durchströmten ihren geschundenen Körper. Nicht nur ihr Herz klopfte wie wild, sondern auch im Kopf hämmerte es ununterbrochen.

Ihre Gedanken überschlugen sich bei der Feststellung, dass die Hose nicht richtig hochgezogen war. Eine abscheuliche Erkenntnis ließ sie erschauern und innerlich aufschreien.

Nach wenigen Kilometern verlangsamte der Fahrer des Kombi das Tempo und bog von der Preußenstraße auf den Waldweg ab, welcher ihn zu seinem Anwesen führte. Vorsichtig die Schlaglöcher umfahrend, steuerte er nach dem Passieren des alten Hoftores auf direktem Weg die Scheune an.

Eine Laterne spendete spärliches Licht, das für seine Zwecke völlig ausreichte. Unmittelbar hinter dem Scheunentor brachte er den Wagen zum Stehen und schaltete den Motor aus.

Dem Handschuhfach entnahm er einen Mundschutz und band ihn sich um. Dann öffnete er die Tür und stieg aus dem Fahrzeug, um seine Beute zu begutachten.

Bevor er sich zum Kofferraum begab, warf er noch einen argwöhnischen Blick auf den Hof, ehe er das Scheunentor von innen sorgfältig verschloss.

Bedächtig öffnete er die Heckklappe und schob die Abdeckung nach hinten. Nele hatte sich, soweit es ging, von der Klappe zurückgezogen und den Kopf seitlich an den Radkasten gelehnt.

Mit angezogenen Beinen starrte sie ihren Peiniger im Dämmerlicht an, bereit, sich zu wehren. Angst schnürte ihr die Kehle zu, als seine klobigen Hände brutal nach ihr griffen und er sie mit einem Ruck zu sich heranzog.

Obwohl sie strampelte und sich nach Leibeskräften wehrte, steckten ihre Füße wie in einer Schraubzwinge. Der verletzte Knöchel machte sich zusätzlich bemerkbar und ließ Nele aufstöhnen. Trotz der Schmerzen kämpfte sie weiter gegen den Mann, der sie jetzt aus dem Kofferraum herauszerrte und zu Boden stieß.

»Du kleines Luder, dir werde ich schon noch zeigen, wer hier der Boss ist.«

So sehr Nele sich auch bemühte, schnell wieder auf die Beine zu kommen, gelang es ihr nicht einmal ansatzweise. Die halb heruntergezogene Hose und ihre gefesselten Hände hinderten sie daran.

Bitte, lieber Gott. Hilf mir.

So rasch wie möglich drehte sie sich auf den Rücken und versuchte ihm durch Rutschen auf dem Hintern zu entkommen.

Ich muss aus diesem Albtraum erwachen, bevor das Schwein mich kriegt.

»Hey, hey, hey!«, rief er ungehalten. »Wer will denn da die Biege machen? Du wirst doch wohl nicht abhauen wollen, du elendes Stück Scheiße. Wir sind doch gerade erst angekommen. Verhält man sich so seinem Gastgeber gegenüber?«

Breitbeinig stand er über ihr, öffnete seine Hose und urinierte auf die unter ihm liegende Nele.

Angewidert drehte Nele den Kopf zur Seite und versuchte sich wegzurollen, doch ein Tritt in die Seite ließ sie in ihrer Bewegung verharren. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie glaubte, erneut ohnmächtig zu werden. Doch bevor erlösende Dunkelheit sie umgeben konnte, schmiss er sich mit seinem massigen Balg auf sie und riss ihr das Klebeband vom Mund.

Ein Schrei des Entsetzens entrang Neles Kehle und ihr geschundener Körper bäumte sich auf. Sein Gesicht ganz dicht über ihrem, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Wenn du brav bist und mir versprichst nicht abzuhauen, löse ich die Fesseln.«

Verunsichert und ängstlich hielt Nele die Augen geschlossen und atmete nur flach, bevor sie leicht mit dem Kopf nickte.

Seinen widerlichen Atem riechend und seine fordernden Hände spürend, gedachte sie sich einen Augenblick lang in ihr Schicksal zu ergeben. Doch stattdessen hörte sie sich zu ihrer eigenen Verwunderung laut um Hilfe schreien.

»Hilfe! Lass mich los, du Schwein!«, kreischte die junge Frau und begann heftigen Widerstand zu leisten.