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Ist es möglich, die so umfangreich analysierten letzten zweieinhalbtausend Jahre unter einem ganz neuen Blickwinkel zu betrachten? Der Autor versteht diese metaphysische Zeit als eine kurze Übergangsphase der abendländischen Kultur, die in ihrer Verrücktheit etwas Unwahrscheinliches hervorgebracht hat: das freie Ich. Die eingebildeten Götter und sonstigen Menschengespenster dienten zuletzt nur der - zunächst stillen, seit dem 19. Jahrhundert offenen – Selbsterhöhung des Menschen: der Mensch, das übernatürliche Wesen. Das eingebildete freie Ich ist die Krönung dieser Selbstüberschätzung. Diese Eitelkeit haben wir teuer durch Vernichtungsorgien bezahlt: zuletzt jeder gegen jeden und im Zweifelsfalle gegen die Natur. Die Jenseitsprojektionen haben die Herausbildung einer Hierarchie ermöglicht, die nicht nur den Mächtigen über die Untertanen setzte, sondern auch den Vater über die Familie und die Mutter über die Kinder. Doch die schlimmste und folgenreichste hierarchische Abspaltung ist die eingebildete Herrschaft des Ichs über den Körper. Jeder Einzelne trägt den Wahnsinn dieser Diesseits-Jenseits-Spaltung in sich. Die Spaltung des Individuums ist der Urgrund des Problems, doch darin liegt auch eine Chance: Jeder Einzelne kann durch die Arbeit an sich selbst zur Überwindung des metaphysischen Phänomens beitragen. Die Wege und Mittel, die der Autor vorschlägt, sind individuelle Weltbildtheorie und Meditation. Während ein gutes, selbstgemachtes Weltbild das eigene Ich als Einbildung sichtbar macht, kann die Meditation unser Selbstwertgefühl stärken, damit wir - fest eingebettet in eine Ichkultur - den Blick auf die Wirklichkeit des Ichs überhaupt aushalten können.
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Seitenzahl: 658
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort
I. Ein Überblick: Das verrückte Zeitalter, das Ich und die Wirklichkeit
1. Das aktuelle Zeitalter als Psychokrise
1.1 Ein Bild und seine Wirklichkeit
1.2 Die metaphysische Krise
2. Die geniale Erfindung des Ichs
3. Die evolutionären Effekte der metaphysischen Krise
3.1 Vom magisch-animistischen zum metaphysischen Zeitalter
3.2 Vom metaphysischen zum gewusst projizierten Ich
3.3 Das durchaus beachtenswerte Zwischenergebnis: die Aussicht auf das Ende
4. Der metaphysische Problemhorizont
5. Der Einzelne und die Welt der Dinge
6. Das Problem: Die Icheitelkeit des Einzelnen als handfester Teil der Wirklichkeit
7. Ein Beispiel: Zum Verhältnis von „Basis“ und „Überbau“ bei Karl Marx
8. Der eine Geist und das Eigentum
8.1 Kopplung von Geist und Eigentum
8.2 Landeigentum (Land als Produktivkraft)
8.3 Eigentum an sich selbst
8.4 Schon immer der Zweck: das eingebildete und gut getarnte Auffüllen von Ich und Eigentum mit eingebildeter Substanz
9. Die wichtigste Übung: Den Blick auf die Wirklichkeit halten
9.1 Vom Ich zur Wirklichkeit
9.2 Das Basiswerkzeug: Meditation in vielen Formen
9.3 Der Blick auf sich und die Welt formuliert als Theorie
9.4 Kombinierte Wirkung von Meditation und Theorie: Stärkung des Ichs, Erfahrung tatsächlichen Verbundenseins mit anderen, psychopolitische Durchsetzungskraft
9.5 Individuelle Weltbildtheorie und Meditation finden zusammen in der Intimität des intelligenten Gesprächs
10. Keine Wahl für Autor und Leser
11. Das Resonanzmodell und das Ich
12. Zusammenfassung: Sich der Wirklichkeit stellen mit Meditation und selbstgemachter Theorie
12.1 Was kommt nach der Krise?
12.2 Die paradoxe Aufgabe: Stärkung des Ichs
13. Aus aktuellem Anlass eine kleine Leseübung mit einem Artikel aus
Der Spiegel 24/2014
II. Ein Blick in meinen Theoriebaukasten
1. Das Resonanzmodell
1.1 Einleitung
1.2 Was ist Resonanz?
1.3 Neuronale Resonanz
1.4 Verständigung durch Resonanz
1.5 Projektion von Bedeutung und Wirklichkeit
1.6 Resonanz, Ich, Theoriebildung und Meditation
2. Das wirkliche Ich als Resonanz
2.1 Übersicht
2.2 Das Ich als Schnittstelle
2.3 Das Ich als soziale Institution
2.4 Die lebendige Resonanz zwischen den vielen Gehirnen und der Welt ist die tragende Wirklichkeit der Ichs
2.5 Das wirkliche Ich als Resonanz, eine Zusammenfassung
2.6 Das unverzichtbare Ich, ob wirklich oder eingebildet
2.7 Das missverstandene Individuum und die neue Bedeutung des Einzelnen
3. Die Wirklichkeit und der Innen-Außen-Dualismus
4. Das Unerkennbare aushalten, ein Gedankenexperiment gegen die Überheblichkeit jeder Geistprojektion
III. Aus meiner Sicht: Der aktuelle Stand meiner Weltbildtheorieübungen
1. Das metaphysische Ich und seine Wirklichkeitsdefizite
1.1 Das Ich und das Missverständnis von der menschlichen Intelligenz
1.2 Das Ich ist nicht das Bewusstsein
1.3 Das Ich ist nicht die Individualität
1.4 Das Ich und der freie Wille
1.5 Das Ich und die Freiheit
1.6 Das Ich und die Geschichte
1.7 Das Ich und die Macht
1.8 Das Ich und die Liebe
1.9 Das Ich der metaphysischen Kultur und die Wirklichkeit: eine Geschichte aus Vor- und Nachteilen
2. Das Ich als Eigentümer
2.1 Die Projektion von Eigentum
2.2 Geist-Eigentum-Projektionen und Grundkonflikte
3.
Der Einzige und sein Eigentum
, Ich und Eigentum bei Max Stirner
3.1 Die historische Bedeutung von Max Stirner
3.2 Einleitung:
Ich hab mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt
3.3 Kurzer Einstieg in die beiden Hauptteile (Abteilungen) des Stirner-Buches
4. Ichentstehung beim Einzelnen: Zur traumatischen Implementierung des Ichkerns durch die Mutter
4.1 Vorbemerkung: von der Kultur zum Einzelnen
4.2 Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern: Modelle aus meiner Geschichte
4.3 Mein Erklärungsmodell des frühkindlichen Traumas auf der Basis von Ich und Eigentum
4.4 Der traumatische Ichkern als Chance
5. Schwächende und stärkende Kräfte für das Ich aus der Umwelt
5.1 Das Ich und seine Widersacher: die Wirklichkeit und die Ichs der Anderen mit ihrem Eigentum
5.2 Abwehrversuche der Wirklichkeitsdefizit-Bedrohung
5.3 Das Ich und seine Verbündeten: Körper und Theorie als Vermittler von Wirklichkeit
6. Das Ich und die Vernunft
6.1 Vorbemerkung
6.2 Unzertrennbar: Theorie und Vernunft
6.3 Ein neues Ichverständnis analog zur neu verstandenen Vernunft
6.4 Rationalisierung: eine enge Verbindung zwischen Vernunft und Ich
6.5 Der Einzelne als Forscher seiner selbst
7.
Persönliche
Auswege:
Mein Ich
stärken und schwächen
7.1 Vorbemerkungen
7.2 Angst überwinden
7.3 Die Königswege: Meditation und Theorie
7.4 Ich muss mein Leben ändern
7.5 Der Umgang mit der Eitelkeit
8. Nochmal von vorne: Fokus Wirklichkeit
8.1 Worum geht’s? Die Wirklichkeit!
8.2 Das Problem mit der Wirklichkeit
8.3 Unsere Wirklichkeit will erklärt werden
9. Ein Rückblick
9.1 Am Ende: Sie und ich und unsere Motive
9.2 Mein tiefster Punkt
IV. Leseübungen mit Jürgen Habermas, Thomas Metzinger und Peter Sloterdijk
1. Jürgen Habermas:
Freiheit und Determinismus
2
. Thomas Metzinger:
Der Ego-Tunnel
3. Peter Sloterdijk:
Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
3.1 Was will Peter Sloterdijk?
3.2 Was konnte ich von Peter Sloterdijk übernehmen?
3.3 Der konservative Künstlerbürger
3.4 Sloterdijks Von-oben-Philosophie
4. Texte der Leseübungen als Steinbruch und Werkzeuglieferant meines Theoriebaukastens
V. Weitere Einblicke in den verworfenen Band 2
1. Alte Vorbilder
2. Leseübungen
3. Theoriebaukasten
4. Nachbürgerliche Aussichten
5. Ichübungen und Ichtherapie
Meine Perspektive
Sind wir denn alle verrückt? Ja, sind wir. Allerdings möchte ich Sie nicht von dieser meiner Einsicht überzeugen. Es hat sich bei der theoretischen Durchdringung und Formulierung meiner Sicht auf meine Wirklichkeit herausgestellt, dass unsere Kultur uns alle - jeden einzelnen - dazu verurteilt, an ein freies Ich zu glauben, das den vorläufigen Höhepunkt des metaphysischen1 Zeitalters darstellt. Daran ändert auch die theoretische Einsicht oder ein tief gefühltes Wissen nichts. Wir sind fest eingewoben in eine Tiefe Grundveranlagung unserer Kultur (die nicht einmal als Religion gewusst ist), die uns wie ein Prägestock zu einem Ich macht, das fest daran glaubt, den Körper zu besitzen und zu regieren. Durch schwierige Lernprozesse, die man von Lebenserfahrungen nicht unterscheiden kann, reifte in mir die Überzeugung, dass eine Entwicklung der gesamten Kultur diese geistig-metaphysische Pest nur abschütteln kann, wenn die Mehrheit der Einzelnen in die Lage versetzt wird, sich ein ganz eigenes Weltbild aufzubauen mit einem Theoriegebäude als tragendes Gerüst. Diese Weltbildautarkie wird Ihnen als Leser natürlich nicht nahegelegt, wenn ich Ihnen mein Weltbild zur Übernahme empfehlen würde. Alles hängt an der Logik des Ichproblems. Das Ich kann sich selbst ernsthaft nur in Frage stellen, wenn es - als Ich! - die Einsichten selber gemacht hat und sein Selbstbewusstsein an das Theoriegebäude anlehnen kann. Dieses seltsame Erkenntnisparadox wurde von Friedrich Nitzsche entdeckt und er kam auch zu der Schlussfolgerung, dass eine in das Leben eingewobene Perspektive, aus der heraus man den Blick auf diese Verrücktheit aushält, nur von einem Individuum (einem Körper mit seinem Gehirn) getragen werden kann, wenn es täglich die psychische und körperliche Nahrung bekommt, die ihm die entsprechende Kraft dazu verleiht. Der Einzelne muss diesen Kraftfluss kontinuierlich dem Wahnsinn in seinem Inneren entgegenhalten.
Alltagstaugliche Meditation
Meine Erfahrung hat mich allerdings gelehrt, dass richtige Ernährung, körperliche Ertüchtigung und eine gut fundierte Theorie, die das Ich als pure Einbildung entlarvt, nicht ausreichen, um eine Perspektive auf sich selbst auszuhalten, aus der heraus man sich täglich als manifest wahnsinnig erfährt: Ich bin gespalten, weil Ich als göttlichüberirdische Instanz meinen Körper besitze und dann das Zwitterwesen aus Körper und Geist (Einbildung) auch noch als ein Individuum missverstehe. Das ist nicht leicht zu halten. Ich musste in meinem Leben durch lange Jahre der klassischen Meditationspraxis (zuletzt begleitet von Psychotherapie) noch die Fähigkeit entwickeln, die Stille und Stärke der meditativen Körperzentrierung unbemerkt in meinen Alltag zu integrieren (mit kleinen Techniktricks, von denen ich berichte). Erst dieses Kräftegemisch hat mich in die Lage versetzt, überfallartigen Schüben von stark veränderten Körper- und Selbstgefühlen so viel Haltekraft entgegenstellen, dass ich den inneren Kampf an der Diesseits-Jenseits-Bruchlinie - fast - vollständig vor den Mitmenschen verbergen kann. Offensichtlich bleibt eine fühlbare stabile Mitte übrig: der ungeteilte Körper. Diese Körpereinheit lässt mich erfahren: Als Körper mit all seinen Gehirnzellen bist du eine Einheit und die Abspaltung des Ichs bildest du dir nur ein. Es gibt kein Ich! Aber es gibt diesen wunderbar intelligent fühlenden Körper mit seiner ihn abschließenden Haut und seinen phantastischen Wahrnehmungsorganen angeschlossen an das Wunderwerk Gehirn. Welche Erleichterung und Kraftquelle.
Mein Weltbildgebäude nur als Muster
Doch all das ist meine Sache, mein Weg, mein Leben. Wie wenig kann ich davon in diesem Buch vermitteln. Eigentlich nur das Theoriegebäude und meine Versicherung, dass es mir geholfen hat, mich vom herrschenden Ichwahnsinn nicht irre machen zu lassen. Doch auch ich habe mich bei der Konstruktion meines Weltbildes auf die Theorien anderer stützen können, von den Aufklärern über Nietzsche bis zu den aktuellen neurologischen Einsichten in die Natur des Gehirns (nicht zuletzt mit Hilfe der Computer). Doch ich musste alles zu meinem eigenen theoriebasierten Bild zusammentragen und zuletzt ist der Grund für die nötige Weltbildautarkie ganz einfach: Wir machen uns sowieso ein Bild von der Welt, immer und alle, von Jugend an. Doch dieses Bild entwickelt sich aus verrückten Ideologien und wird aus zufälligen Erfahrungen zusammengewürfelt, was sogar einer stillen Absicht der Mächtigen entspricht, die uns schwach und obrigkeitsbedürftig halten wollen. Ich lade Sie als Leser also dazu ein, mein Buch als Muster und Theoriebaukasten zu verwenden, um sich selbst ein autarkes Weltbildtheoriegebäude aufzubauen. Wir werden uns später mit der Frage beschäftigen, warum der Selbstbau einer Weltbildtheorie nicht im Widerspruch steht zu der Forderung, dass die Theoriebausteine hohen Ansprüchen an Allgemeingültigkeit genügen. Vorerst mag der Vergleich mit dem Hausbau genügen: Jedes Haus kann anders sein, dennoch beachten die Architekten und Bauingenieure bei den Bauelementen und Konstruktionsweisen zu allgemeingültigen Regeln verdichtete Einsichten.
Gute Theorie eröffnet Wirklichkeit
Schlechte Theorie macht schwach, weil unser Durchgriff auf die Wirklichkeit davon behindert wird. Gute Theorie über die Welt verschafft einen direkteren, brauchbareren, stärkeren Durchgriff auf die Wirklichkeit, was natürlich immer nur aus der Sicht der Einzelnen bewertet werden kann, denn es ist seine Theorie zu seiner Wirklichkeit. Nur der Einzelne kann beurteilen, ob eine bessere Theorie ihm bei der erfolgreicheren Bewältigung von Wirklichkeit geholfen hat. Ich versuche also folgende Frage zu beantworten: Welche Sichten auf Strukturen unserer allgemeinen oder meiner individuellen Wirklichkeit ergeben sich von meiner Aussichtsplattform? Ich habe dabei keinen Anspruch auf „Wahrheit“, ich will nicht einmal als inhaltliches Vorbild dienen, sondern nur Beispiele oder Muster liefern, wohin sich Weltbilder entwickeln können, wenn sie in ein stabiles Theoriegebäude eingebettet werden, an dessen Architektur lange und intensiv gearbeitet wurde unter Beachtung einer langen Ahnenreihe von Konstrukteuren. Vielleicht wird auch sichtbar, warum dieses Theoriegebäude mir in meinem Leben dienlich war. Es stellt sich jedenfalls heraus, dass ich darauf vertraue, mit dem eingebildeten Ich eine Formel gefunden zu haben, mit der ich den Phänomenen der letzten zweieinhalbtausend Jahre, dem metaphysischen Zeitalter, neue, zusammenhängende, tiefer in die Wirklichkeit reichende Erklärungen geben kann. Gleichzeitig hat mich diese Formel durch ihren persönlichen Inhalt auch zu der Einsicht gebracht, dass jeder einzelne Mensch sich mit der Arbeit der Welterklärung beschäftigen muss, denn mit dem eingebildeten Ich reicht das Problem hinein bis in jedes Individuum.
Weltbilder: Wenn wir genauer verstehen, wie unser Gehirn die Welt verarbeitet, kann man zwei Bedeutungen des Begriffs Weltbild unterscheiden: Das eine wäre das Bild, das das Gehirn sich in direkter Resonanz mit der Welt (siehe Teil II, Theoriebaukasten) macht (sich vorstellt), das andere Weltbild wäre eine Erklärung der Welt, die, explizit oder nicht, eine Form von Theorie darstellt, meistens eingebettet in eine herrschende Ideologie. Da einerseits die Ideologie/Theorie bei den meisten Menschen die größere Rolle spielt und ich andererseits für die innere Vorstellung den Begriff Simulation verwenden werde, benutze ich das Wort Weltbild im Sinne von theoriebasierter Erklärung.
Formel: Die menschlichen Kulturen haben nur selten griffige Formeln hervorgebracht, die unsere Perspektiven drastisch verschoben haben. Man kann Darwins Evolutionstheorie nennen oder Einsteins e=mc². Im philosophischen Bereich ist vielleicht Nietzsches Verschiebung der Perspektive Jenseits von Gut und Böse der bekannteste Fall. Wie jeder Forscher bemühe ich mich natürlich auch darum, solche wirksamen Formeln zu finden. Wie weit ich damit gekommen bin, können nur Sie als Leser entscheiden.
Struktur des Buches und meine Intentionen
Es geht in diesem Buch nicht darum, einen inhaltlich runden Text zu liefern, sondern um seine Wirkung beim Schreiben und Lesen. Ich versuche also schon beim Schreiben dazu zu stehen, dass es bei Ihnen als Leser unvermeidbar eine Wirkung auslöst (und hoffe auf entsprechende Kommentare auf meiner Webseite2). Das Buch ist so aufgebaut, dass Sie als Leser sich nicht Seite für Seite von vorne nach hinten durcharbeiten müssen3, sondern von einem Teil in einen anderen springen können, so dass Sie sich Ihren eigenen Leseweg bahnen können, um damit in erster Annäherung das erreichen zu können, worum es hier eigentlich geht: das eigene Weltbild zu optimieren durch Verlagerung in ein selbsterstelltes Theoriegebäude mit tragfähigen Strukturen. Ich habe bei dieser Ordnungsarbeit meines Weltbildes festgestellt, dass unser Ich als Produkt des metaphysischen Zeitalters der entscheidende Faktor ist, der uns einerseits von der Wirklichkeit fernhält, unser Weltbild ideologisiert, der uns andererseits aber zu erstaunlichen Leistungen befähigt: Das Ich ist auch eine geniale Erfindung der Menschheit, deren still gewachsenen Anspruch wir - analog zur unerreichbaren Vernunft - nicht wirklich erfüllen können, es sei denn in einem Tanz auf einem Seil, gespannt zwischen der Wirklichkeit und unseren eingebildeten - und doch kommunizierten - Vorstellungen. Diesen gefährlichen Akt - immer gegen unsere Natur - können wir nur durch strengere, besser gebaute Theorien, mit genauerer Selbst- und Weltbeobachtung, mit perspektivischen Übungen und nicht zuletzt durch meditative Selbstvergewisserung bewältigen.
von vorne nach hinten: Man kann beispielsweise das Buch auch so lesen, dass man vom Teil I, Ein Überblick, in die anderen Teile und Kapitel springt und wieder zurückkehrt. (Wird leider derzeit von keiner mir bekannten E-Book-Leseanwendung unterstützt - s. nächste Textergänzung.)
eigenen Leseweg: Eine Vision während des Schreibens war, das Buch auch als Leseapplikation zur Verfügung stellen zu können, die nicht nur Sprünge zu zitierten Autoren und Werken erlauben würde, sondern die auch den Leseweg aufzeichnet, so dass sich durch die Vor- und Zurücksprünge schon Ihr eigenes Buch als Leser abzeichnet.
Alles Übungen
Meine Beschreibungen sind am besten als perspektivische Übungen zu verstehen: Stellen wir uns vor, wir würden uns unser freies Ich nur einbilden? Was würde das für unser Verständnis von Wirklichkeit bedeuten? Das Witzige ist, dass solche Übungen mit konjunktivischen Formulierungen völlig ausreichen, um unsere Wahrnehmung dauerhaft zu verschieben. Wer im christlichen Mittelalter zu der Übung aufgefordert hätte, sich eine Welt ohne Gott vorzustellen, wäre vermutlich schnell auf dem Scheiterhaufen gelandet. Heute sind wir selbst unsere Feinde. Selbst die spielerische Vorstellung vom eingebildeten freien Ich verletzt unsere Eitelkeit.
Das Wort „einbilden“ oder „Einbildung“ werde ich oft in diesem Buch verwenden. Ich spiele dabei absichtlich mit den zwei Bedeutungen: Erste Bedeutung: etwas ist nicht wirklich, man bildet es sich bloß ein. Zweite Bedeutung: etwas ist eingebaut, hineingebaut, verwandt dem Wort „Engramm“, wie es die Mediziner zur Bezeichnung der physiologischen Gedächtnisspur verwenden. Vor allem die mitschwingende zweite Bedeutung soll deutlich machen, dass ich das Wort auf keinen Fall im despektierlichen und abwertenden Sinne verstehe. Das heißt, das „bloß“ aus der ersten Bedeutung kann man getrost streichen, denn niemand hat die Kontrolle über die Programmierung seines Gehirns, weder beim Wahrnehmen noch beim Nachdenken.
Es lässt sich schon erahnen, dass es heutzutage eine echte Herausforderung ist, sich ein eigenes, halbwegs konsistentes Bild von der Welt zu machen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass jeder von uns sich sowieso eine theoretische Erklärung der Welt zurechtlegt, über deren Stabilität wir uns allerdings im Normalfall wenig Gedanken machen. Weltbilder wurden tradiert, von Kirchen geliefert oder von Machthabern vorgegeben, auf jeden Fall kommen sie entweder von oben oder erscheinen den Einzelnen allzu selbstverständlich. Ein anderes Problem hängt damit zusammen, dass die Philosophie nach einer kurzen politischen Aufklärungsphase (Säkularisierung) sich entweder immer stärker in die Akademien zurückzieht (im besten Fall als Gehilfe der echten Wissenschaften) oder in journalistischer Manier auf Verkaufszahlen aus ist oder - wie bei Nietzsche - sich als Dichtung versteht.
Meine Theorie soll mir, dem Leser und der kulturellen Entwicklung dienen
Meine Schreibintention hat zwei Seiten. Einerseits schreibe ich dieses Buch, um mir selber Klarheit zu verschaffen und für meine eigenen Kämpfe gute Gründe und gute Strategien zu bekommen. Einige Konsequenzen zeigen sich erst, wenn man versucht, die Argumente geordnet zu formulieren; ein Buch ist ein brauchbarer Test für ein Theoriegebäude. Andererseits bewegen mich durchaus Intentionen im Sinne von Aufklärung und eines Wiederaufgreifens einer 68er Politikbewegung, deren Aufstieg und Niedergang ich miterleben konnte. Die Architektur meiner Sicht auf die Welt lässt sich auch als ein Versuch begreifen, die Philosophie zu demokratisieren, sie von der Bevormundung durch Akademien, Schulen, Medienkonzernen und jedem Von-oben-Anspruch zu befreien und damit auch zu einer psychopolitischen Bewegung beizutragen. Die politisch-institutionelle Konsequenz muss irgendwann die direkte Demokratie sein, für die es keinen anderen Motoren geben kann als die eigenständigen Einzelnen von unten.
Anmerkungen zur Entstehung der Titel
Normalerweise ist die Entstehungsgeschichte eines Buches nicht von besonderem Interesse für den Leser. In diesem Fall geht es aber gerade darum, die Theorieproduktion durchsichtig zu machen. Denn hier geht es weniger um das Endprodukt als um den Erstellungsprozess, der praktisch auch nicht zu einem natürlichen Ende finden kann. Das Buch abzurunden war entsprechend auch ein schwieriger, irgendwie schmerzhafter Vorgang. Das eigene Weltbild ist lebendig, entsprechend wächst oder verändert sich das Theoriegebäude. Dennoch präsentiere ich nicht nur meine Theorie als Muster, sondern auch das Ausformulieren in Buchform. Es hat vielen Aussagen eine klarere und schärfere Form gegeben.
Haupttitel: Das Ich und die Wirklichkeit
Ursprünglich lautete vor nun schon fast zehn Jahren der Haupttitel Jenseits von Geist und Eigentum. Erst im Laufe der letzten fünf Jahre habe ich die tiefe Bedeutung des Verhältnisses von Ich und Wirklichkeit entdeckt, allerdings zunächst nicht im Sinne von Thomas Metzingers Egotunnel und dem Menschen als naiven Realisten mit dem Fokus auf die einzelne Psyche, sondern mit dem Fokus auf den schwierigen Prozess des Ergreifens von Wirklichkeit mit seinem überwiegend psychopolitischen Charakter. Das Kapitel III.8, Nochmal von vorne: Fokus Wirklichkeit, ist in einer ursprünglichen Fassung als neue Einleitung geschrieben worden, um diese Verschiebung der Buchaussage zu erfassen.
Die Eigenschaft oder den Begriff psychopolitisch benutze ich in Anlehnung an Peter Sloterdijk, der ihn abgrenzt vom Begriff gesellschaftlich. Er verwendet letzteren höchst selten, da darin einerseits der Psychoanteil des Einzelnen in seiner Bedeutung nicht gewürdigt wird und andererseits der in unseren menschlichen Kulturen ausschlaggebende politische Machtanteil der Verdrängung anheimfällt. Mir leuchtet ein, dass die sozialwissenschaftliche Sprache von Institutionen und Systemen den Eindruck nahelegt, dass die Verhältnisse so sein müssen, wie sie sind, und der Einzelne daran nichts ändern kann. Dennoch ist die Arbeit der Sozialwissenschaft (Ausmachen von Institutionen, Unterteilen in Systeme mit ihrer jeweiligen Umwelt) unverzichtbar, man sollte nur vermeiden, sich unter Gesellschaft etwas allzu Konkretes vorzustellen (Formulierungen wie „unsere Gesellschaft“ haben nicht selten einen ähnlich metaphysischen Beigeschmack wie „die Deutschen“). Ich verwende demzufolge meistens den allgemeineren Begriff der menschlichen Kultur und schaue mir ihre psychobasierten Strukturen an, wie sie sich zu politischen Machtverhältnissen verdichten. Von Gesellschaft (oder sozial) spreche ich nur dann, wenn ich mich auf institutionalisierte Untersysteme beziehe, wie zum Beispiel dem Ich als Kommunikationsschnittstelle.
Der Hauptarbeitstitel spielte damals um den Begriff Wirklichkeitsphilosophie. Doch das Buch nahm nur für kurze Zeit eine Wendung in Richtung Philosophie der Wirklichkeit im Unterschied zur Philosophie über die Natur. Es wurde schon bald klar, dass es überhaupt nicht mehr um Philosophie im akademischen Sinne ging oder geht, also auch nicht um eine Theorie mit einem Allgemeingültigkeitsanspruch, wie wir ihn von der Mathematik kennen. Der Fokus verlagerte sich auf die Verantwortung des Einzelnen, speziell im Umgang mit dem eigenen Ich, und dann konnte das ganze metaphysische Zeitalter als Periode erscheinen, in der es von Anfang an um die Hervorbringung des Ichs ging. Jedes einzelne Individuum muss klären, wie sein Verhältnis zwischen Ich und Wirklichkeit aussieht. Damit war der endgültige Haupttitel geboren: Das Ich und die Wirklichkeit.
Eine kurze Recherche im Internet hat mich auch davon überzeugt, dass der Begriff Wirklichkeitsphilosophie schon auf eine Weise besetzt ist, die eine Anlehnung an diese Tradition verbietet; außerdem ging es mir im Buch zunehmend nicht mehr um Philosophie. Aber ein anderer philosophischer Terminus, der Realismus, wird von mir verwendet, allerdings mehr im Teil Theoriebaukasten, mit seiner erkenntnistheoretischen Bedeutung. Hier ganz kurz vorweg: Es gibt da draußen eine von unserer Wahrnehmung unabhängige Wirklichkeit (Natur), die sich aber als Ganze sich für immer ins Unerkennbare entzieht. Deswegen ist der von mir verstandene Realismus nicht ontologisch, sondern nur erkenntnistheoretisch.
Untertitel: Perspektivische Übungen Jenseits von Geist und Eigentum
Jenseits der Jenseitigkeiten
: ganz ohne Geist
Die als Haupttitel verworfene Überschrift Jenseits von Geist und Eigentum blieb lange als Untertitel erhalten, weil sie recht genau zum Ausdruck bringt, was aus meiner Sicht die entscheidenden Punkte auf meinem Lösungsweg waren: Erstens die Überwindung der Metaphysik, der Hinterweltlerei, der Jenseitigkeiten, aber nicht nur im Denken (eigene Theorie), sondern auch im eigenen Sein; denn das eigene Ich entpuppte sich - neben der Befreiung der Dinge von den Gespenstern - als zweiter Kern der gesamten metaphysischen Bewegung. Zweitens geht es um unsere metaphysische Vorstellung von Eigentum, und drittens geht es um den engen Zusammenhang von unerkannt projiziertem Geist und unerkannt projiziertem Eigentum. Es gibt kein patriarchales Eigentum ohne den einen Geist und keinen sinnvollen Nutzen für die Behauptung des einen Geistes ohne das neue Verständnis von Eigentum. Und das Ich ist die individuell erlittene Verknüpfung von Geist und Eigentum.
Jenseits der Jenseitigkeiten: Wenn ich mal davon absehe, dass der Untertitel Jenseits von Geist und Eigentum auch eine Verneinung an Nietzsche und Skinner ist, hat natürlich die Wortkombination aus Jenseits und Geist auch etwas Witziges, weil man sie in der metaphysischen Zeit auch als Jenseits der Jenseitigkeiten übersetzen kann.
Die Jenseits-Vorbilder
Der Jenseits-Titel ist aber auch eine würdigende Anlehnung an wichtige Bücher meines Lebens, deren Titel auch mit Jenseits begannen: Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse4, B.F. Skinner: Jenseits von Freiheit und Würde5. Beide Autoren werden mit ihren erkenntnistheoretischen Beiträgen zu meiner Weltsicht im Kapitel V.1, Alte Vorbilder, näher betrachtet, wobei im Fall Nietzsche sein Buch Also sprach Zarathustra6 die entscheidende Rolle spielen wird, denn die Überwindung der Gut-Böse-Moral spielt aus unserer Perspektive der Ichmetaphysik nicht die Hauptrolle. Skinners deutlich jüngeres Werk, Jenseits von Freiheit und Würde, kann man allerdings schon als einen direkten Vorläufer meines Themas betrachten. Da geht es um moderne Sozialwissenschaft und Sozialpsychologie, auf die sich noch heute jeder Werbefachmann berufen kann. Beiden Titeln gemeinsam ist eine gewisse schmunzelnde Ironie im Begriff Jenseits, da es schließlich um ein Jenseits der Jenseitigkeit geht. An dieses Spiel habe ich mich gerne angelehnt.
Nietzsche selbst hat im Zarathustra einen eigenen Entwicklungsschritt festgehalten von einer Fixierung auf die Kritik der christlichen Moral hin zum Übermenschen, also zum nächsten Entwicklungsschritt, wie er ihn verstanden hat. Seinen zu überwindenden Menschen verstehe ich als den metaphysischen Ich-Menschen. Der zukünftige Mensch ist für mich einfach der von der Ich-Krankheit befreite Mensch. Mit dem freien Willen des Ichs glauben wir zwar, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können (im Geist lag das Gute, in der Erde das Böse), doch zu meiner eigenen Überraschung stellte sich die Vorstellung vom freien Willen nicht als das wichtigste Problem des metaphysischen Ichs heraus (siehe Kapitel III.1.3,Das Ich ist nicht die Individualität).
Die Geist-Eigentum-Allianz
Die Begriffe Geist und Eigentum im Untertitel sind ineinander überführ-, beziehungsweise als ein Begriff verstehbar. Wir könnten also auch von Geist-Eigentum oder von Eigentum-Geist sprechen oder vom Geist des Eigentums oder der Eigentümlichkeit des Geistes, wobei jede Begriffskombination für sich leicht missverständlich ist. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass in der metaphysischen Zeit der Geist natürlich dem Jenseits und das Eigentum dem Diesseits zugerechnet wird, es also auf den ersten Blick kaum gegensätzlichere und inkompatiblere Begriffe geben könnte. Die unterstellte Überführbarkeit hängt damit zusammen, dass es Eigentum nicht ohne den metaphysischen Geist (Eigentum als metaphysische Eigenschaft von Welt) geben kann, und der metaphysische Geist wäre ohne den Legitimationsdruck des Eigentums nicht entstanden. Wir können Geist auch als wesentliche Eigenschaft, als Eigentum Gottes sehen. Geist ist Eigentum oder vielleicht etwas plausibler: Geist ist die Eigentümlichkeit Gottes. Der monotheistisch-metaphysische Geist verlangt nach einem Eigentümer und Eigentum muss eine göttlich-geistige Eigenschaft der besitzbaren Welt sein; das bedeutet, Eigentum muss Geist sein, weil seine Grenzen in der Wirklichkeit nicht natürlicherweise vorliegen.
Das Problem des heute viel diskutierten geistigen Eigentums lasse ich außer Acht, weil es erstens bei der Entstehung der Diesseits-Jenseits-Spaltung vor zweieinhalbtausend Jahren noch keine Rolle spielte und zweitens die heutige Diskussion eher darauf verweist, dass die Spalte sich langsam schließt, weil Geist hier nicht mehr von einem Gott abgeleitet gedacht, sondern einem konkreten Individuum zugeordnet wird. Geist ist hier schon zu verstehen als geäußerter Gehirninhalt, als Information.
Die neue Besitzlegitimation
Wir ahnen, wie sich zwangsläufig eine Bedeutung für massive Grenzsteine und Mauern aufbaut, die durch Wuchtigkeit den natürlichen (wirklichen) Bedeutungsmangel kompensieren müssen. Mauer und metaphysische Legitimation gingen Hand in Hand.
Mauern: Man kann die Frage stellen, ob beispielsweise die chinesische Mauer mehr der Eigentumbehauptung nach innen oder der Abwehr der Feinde nach außen galt.
Wenn Könige ein Stück Land als ihr ewiges und unbestreitbares Eigentum darstellen wollten, waren sie gut beraten, sich mit Hilfe der Priester den Segen eines Gottes zu holen, den man sich als den obersten Besitzer vorstellen konnte, der dem König einen Teil der Welt zueignet. Geistgott und Welt mussten daher einerseits unbedingt verschieden sein, wie Physik und Metaphysik, und andererseits sich im König überschneiden, der sich am besten gleich als von Gott eingesetzt präsentierte. Erwartbarerweise stehen die großen Kapitaleigentümer bis heute den monotheistischen Kirchen sehr nahe.
ein Stück Land: Es gibt Thesen darüber, dass die Erfindung der Landwirtschaft vor circa acht bis zehntausend Jahren durch Frauen erfolgte, die zum ersten Mal in einem Garten Getreidekörner ausstreuten. Das Bedürfnis, an gleicher Stelle zu ernten, hat vermutlich schon den ersten Gartenzaun entstehen lassen. Vielleicht kommt die Männerkraft erst ins Spiel, als in ersten sesshaften Dörfern Pflüge verwendet wurden und Dorfgrenzen verteidigt werden mussten.
Tiefster Punkt: das Ich als Eigentümer des Körpers
Wenn wir also einen Anfang und ein Ende des metaphysischen Zeitalters ausmachen wollen, dürfen wir nicht einfach den Geist rausdenken, sondern müssen auch unsere gängigen Vorstellungen von Eigentum in Frage stellen: Das Eine ist abhängig vom Anderen entstanden. Für den Einzelnen wirklich heikel wird es natürlich, wenn wir heute den Geist (und die Spaltung) als gedachte Eigenschaft des Einzelnen erkennen und das Ich dabei als Eigentümer des Körpers auftritt. Diese letzte Variante der metaphysischen Spaltung ist nicht mehr wie zu Karl Marx Zeiten einfach durch eine Kriegserklärung an die Kapitaleigentümer oder sonstwie Herrschenden zu lösen. Aber es könnte sein, dass wir durch einen nachmetaphysischen Blick und einen Kampf an der inneren Front das Rätsel lösen, warum sich in der Welt an den Besitzungerechtigkeiten nichts geändert hat. Sicher ist, dass wir mit der Offenbarung des Ichs als zentralen Ort der Metaphysik den Punkt erreichen, an dem Denken alleine das Problem nicht mehr lösen kann (und physischer Druck schon gar nicht).
Keine Einzelwissenschaften: meine Theorie als mein Beitrag zur Überwindung der Metaphysik
Das Buch wird den Zusammenhang von Geist und Eigentum näher beleuchten, aber keine Geschichte des Geistes (oder gar Geisteswissenschaft) und auch keine Geschichte des Eigentums betreiben. Eine historisch wissenschaftliche Herangehensweise müsste sich der Entstehungsgeschichte der Begriffe Geist und Eigentum widmen und den dazugehörenden kulturellen Gegebenheiten.
Perspektivische Übungen
Es liegt wohl in der Logik dieses lange betriebenen Buchprojekts, dass sich viele Untertitel angeboten haben. Einige klingen auch immer noch passend und fallen nur weg, weil man sich entscheiden muss. Zum Beispiel ein Untertitel im Stil von Ratgeberbüchern: Zur Vermeidung von Wirklichkeitsdefiziten oder Philosophie zum Selbermachen, oder mit politischer Färbung: Zur Demokratisierung von Philosophie. Der wichtigste Punkt meiner Buchintention, der in einem plakativen Titel, Das Ich und die Wirklichkeit, nicht zum Ausdruck gebracht werden kann, ist eine Folgerung aus dem Verhältnis von Ich und Wirklichkeit: dass sich jeder sein Weltbild selber macht und machen muss und mein eigener Versuch als Muster dazu dient, es möglichst konsistent und tragfähig zu machen. An dieser Weltbildtheorie kann man ein Leben lang arbeiten und diese Arbeit ins Leben integrieren. Das Ergebnis ist die Klärung und der Hinzugewinn von guten Perspektiven. Um diesen wichtigen Punkt des Selbermachens, des immer weiteren Übens und der Integration von Theorie und Leben zum Ausdruck zu bringen, wurde der Untertitel entsprechend erweitert: Perspektivische Übungen7 jenseits von Geist und Eigentum.
Untertitel: Mit Hilfe von individueller Theoriebildung und Meditation
Das Buch war praktisch schon fertig, und ich war dabei, einige begriffliche Kontrollen durchzuführen, bei denen mir auffiel, dass die im Buch oft erwähnten Säulen, individuelle Weltbildtheoriebildung und Meditation, nicht im Titel vorkamen. Die ursprüngliche Intention des Buches, diese Techniken von spirituellen Implikationen zu befreien und die eitle Selbsterhöhung jeder Art von Geistprojektion herauszustellen, trat mit der Zeit in den Hintergrund zugunsten des Herausarbeitens der Metaphysik des bürgerlichen Ichs und der Notwendigkeit, dass jeder Einzelne in der Lage sein sollte, sein Weltbild - mehr oder weniger - in ein eigenes Theoriegebäude umzuformen (was auch, wie das sowieso vorhandene Weltbild, ganz im Kopf stattfinden kann). So kam es, dass die beiden Säulen einen Platz im Untertitel fanden.
Ein verworfener Band 2
Da ich nun weiß, wieviel Zeit mich dieser vorliegende Band gekostet hat, habe ich die Ankündigung und die Aufteilung in zwei Bänden aufgegeben. Wichtige Aussagen der dort geplanten Teile Theoriebaukasten und Leseübungen habe ich demzufolge noch in dieses vorliegende Buch in Kurzformen eingebaut. Dennoch gehe ich im Teil V darauf ein, was ein Band 2 noch beinhaltet hätte. Dieser Schritt wurde notwendig, da ich die vielen inhaltlich interessanten Verweise auf Band 2 nicht mehr aus dem Text herausnehmen wollte. Wenn ich im Text also auf inhaltliche Zusammenhänge mit Band 2 verweise, werden sie nun in den Teil V, Weitere Einblicke in den verworfenen Band 2, umgeleitet.
Textgestaltung
Die relativ zahlreichen verschiedenen Ausgabeformate der Druckversion erklären sich auch als Grundlage für die schon erwähnte Webapplikation: Fußnoten, Kapitelendnoten, eingerückte Kleinschriften, Textergänzungen in der äußeren Spalte. Der Leser kann sich seinen eigenen Weg bahnen, indem er zum Beispiel zunächst alle Sonderformate überspringt.
Bezüglich dieser Sonderformen gelten folgende Gewichtungsregeln beim Textverstehen:
Die einen Punkt kleiner gesetzten Passagen im Textfluss der Hauptspalte erläutern den vorherigen Textteil (Absatz oder Unterkapitel). Diese Erläuterungen helfen beim inhaltlichen Verständnis am ehesten weiter.
Die Textergänzungen in der Außenspalte beziehen sich auf einen leicht hervorgehobenen Begriff oder Namen in der Hauptspalte. Die römischen Endnoten (i, ii..) zu einem Namen oder Begriff führen an das Ende des Oberkapitels und haben mit Blick auf die Webapplikation oder eine E-Book-Ausgabe vor allem die Funktion, Erläuterungen und Links zu anderen Textstellen zu bieten, idealerweise auch zu anderen Büchern oder Internetseiten (beispielsweise zu Wikipedia), soweit sie lizenzrechtlich der Applikation zur Verfügung stehen. Die vertiefenden Texte in den Endnoten können für ein erstes Verstehen noch am ehesten weggelassen werden.
Textergänzungen: Wenn zum Beispiel ein Autor wie Friedrich Nietzsche zum ersten Mal erscheint, gibt es in dieser Textergänzung entsprechende Hinweise. Die Textergänzung ist aber vor allem für die Leser gedacht, die Erläuterungen zu philosophischen Fachbegriffen brauchen. Hier können auch vertiefende Kommentare erscheinen, die für das Verständnis des Haupttextes nicht zwingend erforderlich sind.
Das letzte Textformat sind die Fußnoten am Ende der Seite, die den klassischen Zweck der Quellennachweise oder der Verweise auf andere Textstellen erfüllen sollen. In der Webapplikation oder dem E-Book kann es sich beim Hinweis auch um einen Link handeln.
1 Ich verzichte hier in den ersten Absätzen des Vorworts auf erläuternde Textergänzungen am Rande. Der Begriff Metaphysik wird noch erklärt.
2www.ich-und-wirklichkeit.de
3 Überspringen sie bedenkenlos das Vorwort, wenn Sie etwas formalere Vorbemerkungen weniger interessant finden, oder springen Sie als philosophisch interessierter Leser gleich in den Teil II, Ein Blick in meinen Theoriebaukasten.
4 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral, Stuttgart 1976, ISBN 3-520-07610-1
5 B.F. Skinner, Jenseits von Freiheit und Würde, Reinbek bei Hamburg, 1973, ISBN 3-498-06101-1
6 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen, Stuttgart 1975, ISBN 3-520-07517-2, Kurzform der Quellenangabe: Nietzsche Zarathustra
7 Perspektivische Übungen: siehe Kapitel I.1.1, Abschnitt Erste perspektivische Übung, oder zum Beispiel Kapitel III., Abschnitt Perspektivische Übungen und Theoriebildung
Die Menschheit kämpft schwer mit einer „geistigen“ Krise, mit einer Art Schizophrenie, der Geist-Eigentum-Krankheit, seit ungefähr zweieinhalbtausend Jahren. Das ist eine ernsthafte Krankheit der Wirklichkeitsspaltung. In ihrem fiebrigen Wahn sieht sie sich zwischen Geist und Erde eingeklemmt und die Zellen ihres Körpers sind wie von einem Krebs befallen und verdauen sich gegenseitig. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Krankheit aktuell ihr letztes Stadium erreicht hat, das Ichoffenbarungsstadium, ein Aufbäumen und Rütteln am irdischen Bett. Falls das Bett seine Menschentragfähigkeit nicht vorzeitig einbüßt, sollte die Genesung nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Die ungewöhnliche Wortwahl Ichoffenbarungsstadium wird im weiteren Verlauf näher erläutert. Da der Begriff im Buch eine zentrale Rolle spielt, hier nur kurz der Hinweis, dass ich die monotheistische Phase unseres Zeitalters als Entstehungsgeschichte des Ichs verstehe.
Das Bild vom Krankenbett
Die Menschheit auf dem Krankenbett ist vor allem ein Bild, und man kann es problemlos verwenden, weil vermutlich niemand auf die Idee kommt, das Bild mit der Wirklichkeit zu verwechseln, in der es selbstverständlich kein irdisches Bett gibt, das die Menschheit für sich beanspruchen könnte. Das Ansprechen des Bildes als Bild gibt mir Gelegenheit für den Hinweis, dass die Menschen in ihrer Kommunikation glauben, wie selbstverständlich zwischen ihren Bildern und der Wirklichkeit unterscheiden zu können, und dabei davon ausgehen, dass die anderen ihre Wirklichkeit ganz ähnlich wahrnehmen. Doch die Wirklichkeit erweist sich als sehr komplex und nicht so einfach zu ergreifen, wie wir glauben möchten. Und wir Individuen spielen dabei auch noch eine entscheidende Rolle, weil einerseits Verstehen - oder Missverstehen - von Welt sich zuletzt immer in jedem einzelnen Kopf ereignet, und andererseits zeigt sich immer mehr: Wir Individuen entpuppen uns mit einem verrückten Verständnis von uns selbst als Kern des Problems.
Erste Erläuterungen zum zentralen Begriff Wirklichkeit in der Endnote.
Erste perspektivische Übung
Vor allem aber gibt uns das Bild den Einstieg in eine perspektivische Übung. Tatsächlich ist das Lesen des ganzen Buches als eine perspektivische Übung zu verstehen, doch hin und wieder lade ich Sie zu einer Leseübung ein mit einem Inhalt von besonders verschiebefähigem Potential oder zu einer expliziten Übung, bei der Sie aufgefordert werden, den Lesefluss zu unterbrechen und etwas Bestimmtes vor ihrem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Ich möchte Sie, den Leser, zu einem Aussichtspunkt einladen, zu dem wir in diesem Buchprojekt mehr oder weniger ausdrücklich immer wieder zurückfinden werden. Möchten Sie sich mit diesem Bild auf eine Perspektivenhöhe einlassen, von der aus das aktuelle Zeitalter unseres Kulturraums als eine menschheitsgeschichtlich kurze Krisen- oder Übergangszeit erscheint?
wir: Die persönliche Ansprache wir kann ich mir leisten, weil sie aus meiner Sicht frei ist von jeglichem kumpelhaften Schulterklopfen. Ich verstehe das wir wortwörtlich, da es mich als den kreativ aus sich selbst heraus schöpfenden Autor genauso wenig gibt, wie den frei die Inhaltsaufnahme entscheidenden Leser. Der Inhalt meines Kopfes ist vollständig das Produkt meines wahrnehmenden Gehirns und seiner homöostatischen Arbeit, also meiner Kultur, die Ihr Gehirn zu großen Teilen genauso aufgenommen hat wie meines. Sie würden diesen deutschen Text gar nicht verstehen, wenn unsere Gehirne nicht in großen Teilen den gleichen Inhalt hätten (siehe Teil II, Theoriebaukasten). Das Buch ist ein Resonanzprodukt meines Gehirns und es kann mit Ihrem Gehirn nur resonieren, weil die Gehirninhalte in hohem Maße identisch sind. Diese Resonanzen kann man als Basis eines tatsächlichen Wir verstehen. Das Ich-Pronomen wird in meinen Texten bunt gemischt gleichfalls verwendet und verschiebt den Fokus lediglich ein wenig auf meine persönliche Sicht.
Unter unserem Kulturraum verstehe ich dabei grob das geographische Europa und den Mittelmeerraum, doch je weiter das Zeitalter voranschreitet, verschiebt sich der Schwerpunkt in Richtung dessen, was wir heute den säkularen Westen nennen. Den Beginn des Zeitalters sehe ich fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung mit der sogenannten Achsenzeit (ich übernehme den Begriff von Jürgen Habermas9). Für die Zeit von zirka 800 bis 300 vor unserer Zeitrechnung hat Karl Theodor Jaspers den Begriff Achsenzeit eingeführt. Historiker und Archäologen stehen ihm mit seinem weltweiten Anspruch kritisch gegenüber, aber in dieser Zeit hat zweifellos ein großer Strukturwandel stattgefunden, der unsere abendländische Kultur hervorgebracht hat (der zum Gegenstand der Historiker wurde, die Zeit vorher beschäftigt mehr die Archäologen). Ich kann mich nicht an der Diskussion beteiligen, was damals warum wirklich stattfand. Ich folge neben der bei Jürgen Habermas dargestellten Begründung in Anlehnung an Karl Jaspers auch dem Argument von Peter Sloterdijk, der mit dieser Bruchstelle auch die Entstehung der Lautschrift (Konsonanten plus Vokale) in Verbindung bringt und der damit verbundenen Fähigkeit, menschliche Sprachereignisse10 als soziale Vorgänge zu fixieren.
Achsenzeit: In meinem Verständnis dieser Zeit gehe ich nur von der Großtatsache aus, dass damals von Bauernwirtschaft getrieben dualistisch-metaphysische Weltbilder mit monotheistischen Göttern entstanden und politische Staaten mit neuen hierarchischen Strukturen. Die Zeit davor, die sogenannte prähistorische Zeit, vor allem seit der neolithischen Revolution, fasse ich der Einfachheit halber in meiner Terminologie als monistische, magisch-animistische Zeit zusammen, wobei ich auch dafür in diesem Buch keine ausführliche Begründung liefern kann. Insbesondere das mythologische Zeitalter in Europa, bei dem es schon selbständige Geistgötter gab, die aber in der einen gemeinsamen Welt lebten, lasse ich außer Acht und betrachte es kulturell (im engeren Sinne) als einen Übergang von der animistisch-magischen zur metaphysischen Zeit (siehe auch Kapitel I.3.1, Vom magisch-animistischen zum metaphysischen Zeitalter). Stichworte der neuen metaphysischen Zeit sind: griechische, römische, arabische Kultur (Technik, Wissenschaft), abrahamitische Religionen (jüdisch, christlich, islamisch), Altertum, Mittelalter, Neuzeit und Kriege ohne Ende. Aus der Sicht der kurzen Krise wirkt das Wort Zeitalter für die aktuelle Epoche unzutreffend, und wir müssten eher von einer Übergangszeit sprechen, ein Übergang von einem vorherigen animistisch-magischen Zeitalter, das mindestens siebzigtausend Jahre währte, zu einem kommenden Zeitalter, über das man als ein Zeitalter wissensbasierter Kulturen spekulieren könnte. Aber auf dem Hintergrund, dass es unsere Zeit ist, mit der unsere Geschichtsschreibung beginnt und es einen vergleichsweise genauen Anfangszeitpunkt gibt - eben die wenigen Jahrhunderte der Achsenzeit -, werde ich dennoch vom aktuellen Zeitalter sprechen.
Krise des Einzelnen
Doch es geht nicht nur um eine Krankheitskrise unserer westlich abendländischen Kultur, sondern in gleichem Maße um eine Krise in jedem Einzelnen. Als perspektivische Übung formuliert: Jeder Einzelne hat in seinem tiefsten Innersten einen großen, abgespaltenen und gut verdrängten Schmerz, der sich mit und an der Basis der kulturellen Diesseits-Jenseits-Spaltung entwickelt hat. Wir werden uns diesen Spaltungsschmerz näher anschauen11 und feststellen, dass es sich um einen Kern handelt, um den herum sich der metaphysische Teil des Ichs kristallisiert hat. Im Fundament der Kultur gibt es ein Problem, das nur in jedem Einzelnen gelöst werden kann. Die kulturelle Entwicklung hilft uns dabei, aber eine Mehrheit der Einzelnen muss von unten einen Integrationsschritt, eine Aufhebung der innersten Spaltung vornehmen, andernfalls werden die kulturgetragenen Revolutionen - wie bisher - weiter scheitern. Das Buch versteht sich dabei als Übungsanleitung mit den Säulen eigene Weltbildproduktion und Meditation12.
Zeitalter der Metaphysik
Eine Intention dieses Buchprojektes liegt nun darin, diesen zur Übung empfohlenen Perspektivepunkt mit seiner ungewohnten Aussicht plausibel zu machen, die weitreichenden Konsequenzen für den Einzelnen daraus abzuleiten und ihm Werkzeuge und Techniken aufzuzeigen, wie er zum Ausgangspunkt für den Lösungsweg werden kann. Wir können dieser Psychokrisenzeit einen Namen geben, der gleichzeitig das grundlegendste Symptom der Krankheit beschreibt: Wir leben seit den alten griechischen Denkern im Zeitalter der Metaphysik.
Metaphysik: Der mit philosophischen Begriffen wenig vertraute Leser braucht an dieser Stelle nicht befürchten, dass ich ihn mit Fremdwörtern wie Metaphysik quälen werde, aber mancher Begriff ist nicht verlustfrei ins Deutsche zu übertragen. Wörtlich steht Meta für hinter oder jenseits und der Begriff Physik, dank der gleichnamigen Wissenschaft noch vertraut, ist gleichbedeutend mit natürlicher Grundlage. Nietzsche hat für die Anhänger der metaphysischen Weltsicht den treffenden Begriff Hinterweltler geprägt, weil die Menschen der metaphysischen Zeit daran glauben, dass es hinter der erfahrbaren Welt noch eine andere, zweite Welt gibt.
Nachmetaphysisches Denken oder Sein?
Dieser philosophische Terminus, auf den ich gleich noch näher eingehe, trifft die Sachlage ziemlich genau und hat immerhin Jürgen Habermas zu zwei Buchbänden mit dem Titel Nachmetaphysisches Denken13 inspiriert. Ich erwähne diesen Buchtitel schon hier im Einstieg, um den Begriff Metaphysik mit der Autorität von Jürgen Habermas aufzuladen; aber es gibt mir auch Gelegenheit, den Leser schon früh auf einen wichtigen Unterschied zu Jürgen Habermas einzustimmen: In diesem Buchprojekt geht es nicht ums Denken, das ist bestenfalls akademisch, sondern ums nachmetaphysische Leben oder Sein (so wie Schreiben und Lesen dieses Buches ein Lebensakt ist). Um die von Nietzsche hervorgehobene Verbindung aus Denken und Sein zu benennen, verwende ich seinen Begriff Perspektive. Das Denken muss man dabei nicht abstellen, doch so, wie ich eine Perspektive auf mein Leben nur selber einnehmen kann, kann ich ein theoretisches Fundament dafür nur selber erstellen. Außerdem wird mit dem Begriff Perspektive deutlich, dass ich in meinem Leben Voraussetzungen schaffen muss, um bestimmte Sichten auf meine Welt einnehmen zu können, um kritische Einsichten haben und halten zu können. Die simple Tatsache, dass für manche Einsicht sozialpsychologische Voraussetzungen beim Einzelnen erfüllt sein müssen, ist der Grund, warum ich hier keine Ratschläge geben kann, sondern nur Hilfen, um sie selber zu finden. Letztlich muss man das eigene Leben ändern14, um eine nachmetaphysische Perspektive ertragen zu können.
Im verworfenen Band 2, im Teil Leseübungen, wollte ich zeigen, wie die akademische Sicht Jürgen Habermas dazu verführt, weiterhin metaphysische Perspektiven einzunehmen, weil es mit dem nachmetaphysischen Denken nicht getan ist; Stichwort: objektiver Geist (siehe Teil IV, Leseübungen).
Um eine bessere Perspektive auf mein Leben zu erreichen, muss ich mein Leben ändern, sonst fehlt mir die Kraft, die Perspektive zu halten. Aus der Sicht der akademischen Philosophie gibt es stringentes oder weniger stringentes Denken. Aus der Sicht der perspektivischen Philosophie gibt es starke oder weniger starke Psychen, um eine Sicht auf die Welt auszuhalten. Daraus folgt nicht, dass jeder einsam und alleine für die tiefen Blicke auf sein Leben übt, im Gegenteil: Ein wesentliches Motiv des Buches ist es, meinen Aussichtspunkt zu einer breiten Plattform auszubauen und andere Menschen einzuladen, auch von dort - oder einer ähnlichen Blickhöhe - auf ihr Leben zu schauen. Das Besondere dabei sollten die individuellen Motive sein und nicht tradierte Wahrnehmungsnormen. Erwähnenswert beim Wechsel von der Betonung des Denkens auf das perspektivische Sein ist noch, dass Nietzsche damit auch das Ende einer Ära der Überbewertung des Bewusstseins markiert hat, die mit der Spiritualitätswelle bis in unsere Zeit hineinwirkt.
Sichten auf meine Welt: Aktuell hören wir über die Nachrichtenkanäle, dass in Teilen Zentralafrikas der Ebolavirus sich ausbreitet. Die Menschen dort beachten bestimmte Hygienemaßnahmen nicht, weil sie mit ihren schamanischen Sichten auf ihre Welt nicht vereinbar sind. Im kulturellen Vergleich ist die Verbindung aus Perspektive und dem geführten Leben leichter verstehbar. Diese in alten Stammeskulturen lebenden Afrikaner müssten ihr ganzes Leben ändern, um eine Sicht einnehmen zu können, aus der heraus die Krankheit nicht durch böse Geister, sondern durch einen Virus verursacht wird.
8 Mir ist klar, dass ich für einen philosophischen Text Begriffe wie Wirklichkeit, Welt oder Natur nicht sauber genug auseinanderhalten kann, aber es lassen sich Bedeutungsschwerpunkte ausmachen. Der Begriff Wirklichkeit hat gleich zwei: Einerseits ist „Wirklichkeit“ das, was durch die menschliche Wahrnehmung erst entsteht, andererseits ist es aber auch unser tiefster Seinsgrund, dessen Ränder sich bald ins Unerkennbare entziehen. Man kann das schön in einem Beispielsatz zusammenfassen: In Wirklichkeit ist die Farbe, die ich da draußen auf der Blume sehe, nicht rot. Sie ist nicht als Farbe der Gegenstände vorhanden, sondern nur ein Zusammenspiel von Ding, Licht, Auge und Gehirn; und doch ist in meiner Wirklichkeit die Blume rot. Eine Aussage über die Wirklichkeit können wir aufgrund ihrer Doppelbedeutung (unsere Wahrnehmung und tiefster Seinsgrund) nur mit Hilfe von Theorien von ihrer jeweils individuellen Beschränkung befreien. Die Welt ist dagegen das, worauf wir uns als kollektive Projektion geeinigt haben. Im Unterschied zur Wirklichkeit ist sie also erstens nicht tiefster Seinsgrund, sondern schon informationell vermittelt, und zweitens ist sie nicht in erster Linie individuelle Wahrnehmung, sondern kollektives Bild. Wobei der Begriff Welt durch die Paarbildung mit dem Wort Geist stark belastet ist, da die Geistprojektion keine überprüfbaren Reflexionen von Wirklichkeitswänden zurückwirft. Heute sprechen wir demzufolge lieber von der Natur (Naturalismus als Richtung) als dem alles beinhaltenden Raum. Da wir ihn uns unabhängig von der Wahrnehmung vorstellen, entzieht er sich uns aber auch schnell ins Unerkennbare. Nur Naturwissenschaftler können es sich leisten, ihre Gegenstände genau genug abzugrenzen. Wollen wir uns unsere Welt besser erklären, um von der Geist-Eigentum-Krankheit zu genesen, müssen wir uns wohl an eine eigene Theorie über die Wirklichkeit halten.
9 Habermas hat sich die These von der Achsenzeit schon in früheren Werken zu eigen gemacht. Ich möchte aber auf eine jüngere Stelle in Nachmetaphysisches Denken II verweisen: Kapitel 3. Eine Hypothese zum gattungsgeschichtlichen Sinn des Ritus, S. 77 (Quellenangabe Anmerkung 4, Seite 17). Das Kapitel ist auch interessant für die Habermasche Ableitung der Religion aus dem Ritus.
10 Zum Thema Achsenzeit hat sich Peter Sloterdijk schon in früheren Werken geäußert, wo er sich auch differenzierter auf die Bedeutung der zur Achsenzeit entstehenden Lautschrift einlässt. Da ich mich im vorliegenden Buch aber auf ein Werk von ihm konzentrieren möchte, hier ein Zitat aus Du mußt dein Leben ändern: „Verantwortlich ist hierfür - in ihrem wichtigsten Teil - die von den frühen Schriftkulturen ausgelöste innere Beschleunigung. Sie war dafür verantwortlich, daß die Gehirne der Schreibenden den Habitus der Nicht-schreibenden überholen - so wie die Körper der Asketen, Athleten und Akrobaten die Körper der Alltagsmenschen überholen. Die veloziferische Kraft der Schriftübung, die zusätzliche beschleunigende Disziplinen nach sich zieht, macht die Trägheit des in die durchschnittlichen Körper eingesenkten alten Ethos spürbar.“ Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-41995-3, S. 10. Ich erlaube mir bei weiteren Zitaten aus diesem Werk folgende Kurzform zu verwenden: Sloterdijk 2009. Siehe auch Kapitel IV.3, Leseübungen, Peter Sloterdijk.
11 Spaltungsschmerz: siehe Kapitel III.4, Ichentstehung beim Einzelnen:..
12 Meditation: siehe Kapitel I.9.2, Das Basiswerkzeug, Meditation in vielen Formen
13 Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Philosophische Aufsätze, Frankfurt am Main 1988, ISBN 978-3-518-28604-3; Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken II, Aufsätze und Repliken, Berlin 2012, eISBN 978-3-518-73956-3
14 Das ist einer der Gründe, warum ich das Buch von Peter Sloterdijk Du mußt dein Leben ändern als eine Grundlage für das Buchprojekt gewählt habe (siehe Teil IV, Leseübungen).
Das Ich als verantwortbare Instanz
Die Menschheit (unserer Kultur) und der Einzelne winden sich im Schmerz der schizophrenen, sprich metaphysischen Krankheit. Doch aus meiner Sicht diagnostiziere ich einen völlig ungewussten, aber von Beginn an ablaufenden Prozess der Hervorbringung des Ichs. Der bisher metaphysische Teil ist zweifellos eine Verrücktheit, aber das Ich als ansprechbare und verantwortbare Instanz des Individuums ist zweifellos eine der genialeren Errungenschaften der menschlichen Evolution. Ähnlich wie die Vernunft15 entstand das Ich auf metaphysischem Boden, und genauso wenig wie wir auf Vernunft verzichten wollen, möchten wir auf die Errungenschaft des Ichs verzichten. Die Vernunft hat ihre Entmetaphysierung schon überstanden: Wir haben gelernt, uns provisorisch ein Ganzes vorzustellen und das Ergebnis als vorläufig gültiges Modell. Etwas Vergleichbares muss uns mit dem Ich gelingen: Wir müssen in der Kommunikation und in den Verträgen lernen, so zu tun, als gäbe es ein verantwortlich machbares Ich, das seine Abmachungen einhalten und zu seinen Aussagen stehen könnte.
Die Vernunft braucht als Bezugsrahmen immer ein Ganzes. In der Sachlogik scheint die Sache selbst den Rahmen zu liefern, doch selbst für diese Sicht mussten die Menschen sich in die Perspektive eines Gottes versetzen, der selbst das Ganze der Welt von außen erfassen konnte.
Ist auch das Eigentum unverzichtbar?
Wie der Untertitel des Buches nahelegt (Perspektivische Übungen jenseits von Geist und Eigentum), werde ich die Entstehung von Geist- und Eigentumsprojektionen mit der Entstehung der Ichprojektion in Verbindung bringen. Also liegt die Frage auf der Hand, ob uns ein ähnliches Vorgehen wie mit Vernunft und Ich auch mit dem Eigentum gelingen kann. Auf den Geist werden wir zugunsten von informationsbasierten Modellen16 sicher verzichten können, aber auch auf die Vorstellung von Eigentum? Rücknahmeprozesse von Projektionen scheinen mit dem Eigentum schwerer durchführbar zu sein. Andererseits spricht nichts dagegen, in Eigentumsurkunden eine Vorläufigkeitsklausel einzubauen, in der Art wie wir in Verträgen Konventionalstrafen einbauen, die unter bestimmten Bedingungen eine Rückgabe an die Gemeinschaft regeln. In machen Gesellschaften sind Erbschaftssteuern schon so hoch, dass sie einer Enteignung gleichkommen mit dem Argument einer Chancengleichheit für die nächste Generation. Begleitet von anderen möglichen Einrichtungen, wie zum Beispiel dem Grundeinkommen, ließe sich jede Art von Vererben gänzlich abschaffen, was tatsächlich einer Neubestimmung der Vorstellung von Eigentum gleichkäme. Der Unterschied wäre lediglich, dass der Rücknahmeprozess nicht mehr kontinuierlich vom Einzelnen, sondern von der Gesellschaft durchgeführt würde. Es hat sich jedenfalls gezeigt, dass eine Kultur, die den Umgang mit dem Ich gelernt hat, ob in vergangenen oder zukünftigen Formen, nicht leicht auf persönliches Eigentum verzichten kann. Die Abschaffung von persönlichem Eigentum an Produktivkräften im Kommunismus hat sich jedenfalls nicht bewährt.
Konventionalstrafen: Die Abschaffung des Strafrechts wird in einer kommenden, nachmetaphysischen, nachmoralischen Kultur unvermeidbar sein. Vermutlich wird man Verträge zugrunde legen, die praktisch jeder Einzelne mit dem Staat eingeht, in der Konventionalstrafen für das genannt werden, was bis heute im Strafrecht geregelt wird.
15 Vernunft: siehe Kapitel III.6, Das Ich und die Vernunft
16 Informationsbasierte Modelle: siehe Kapitel II.1, Das Resonanzmodell
Das magisch-animistische Zeitalter
Es geht aber auch aus einem anderen wichtigen Grund nicht einfach nur um eine neue Art des Denkens. Um das zu verstehen, müssen wir uns kurz das vorherige Zeitalter vor Augen halten: die magisch-animistische oder schamanische Zeit.18 Diese Zeitperiode war ein echtes Menschheitszeitalter und dauerte vermutlich mehr als siebzigtausend Jahre. Wir können die Sichtweise dieser Zeit in alten Stammeskulturen noch heute beobachten. Selbstverständlich lebten die Menschen vor unserer Spaltungskrise nur in der einen Welt, allerdings bestand sie nicht einfach nur aus Materie, sondern aus einem Geist-Natur-Gemisch. Alle Dinge der einen Wirklichkeit waren beseelt. In dieser Sicht lag natürlich auch ein erhebliches Wirklichkeitsdefizit, da die Menschen den Projektionscharakter ihrer Wahrnehmung auch nicht in Ansätzen erkennen konnten.
Um sich den Psychomodus einer Geist-Natur-Gemisch-Wahrnehmung vorstellen zu können, wurden verschiedene Thesen aufgestellt, zum Beispiel die vom Zwei-Kammern-Bewusstsein oder von einer Sicht auf die Welt, bei der die Materie die Eigenschaft der Transparenz hat. Vor allem die Transparenzthese lässt erkennen, dass unsere heutige Materie-Geist-Spaltung als selbstverständlich unterstellt wird. Meiner Meinung nach müsste man eher fragen: Wie kann heutzutage eine Psyche die Zweiteilung gesund verarbeiten. Mit dem Geist-Natur-Gemisch waren die Menschen der Wirklichkeit teilweise näher als wir es heute sind: Die permanente Mischung aus Sinneswahrnehmung und Projektion entspricht immerhin der Arbeitsweise des Gehirns.
In vielen Zusammenhängen würde man umgangssprachlich nicht von Wirklichkeitsdefizit, sondern von Wirklichkeitsverlust sprechen. Ich vermeide den Begriff Wirklichkeitsverlust, weil er unterstellt, dass man einen Zugriff auf die Wirklichkeit zunächst haben und dann verlieren kann. Das mag ja hin und wieder auch vorkommen, ist aber in den hier dargestellten Zusammenhängen nicht von Bedeutung, da es fast immer um Wirklichkeit geht, auf die es grundsätzlich oder von vornherein keinen Zugriff gab oder gibt.
Der Veränderungsdruck der Achsenzeit
Die besagte Achsenzeit brachte nun aus verschiedenen Gründen einen Druck auf diese Sichtweise mit sich, den ich hier nur mit wenigen Begriffen grob skizziere: Der Übergang von der Jäger-und-Sammler- in die Bauernkultur brachte die Notwendigkeit nach größeren sozialen Einheiten, Landeigentum, politischen Hierarchien, militärischer Aristokratie und der Entwicklung einer Lautschrift mit sich; für Transport, Pflüge und Schwerter mussten neue Techniken entwickelt werden. Der Blick auf die Dinge einerseits und die Menschen andererseits änderte sich und der Geist-Ding-Brei wurde störend und behinderte die Entwicklung. Die Dinge verlangten eine ungestörte Untersuchung ihrer Beschaffenheit und die menschliche Selbstbetrachtung verlangte nach einer eigenen Sichtweise auf sich selbst.
neue Techniken: Wie die Archäologen wissen, hatte die Entwicklung neuer Techniken ihre eigene Logik. Man kann also nicht davon ausgehen, dass das Ausbleiben der Antilopen und die Ausdehnung des Gartenbaus automatisch zur Entwicklung des Pflugs führte. Die prähistorischen Zeitalter werden bekanntlich nach den Metallen benannt, deren Entdeckung und Verarbeitung die Zeitalter prägten: Kupfer, Bronze, Eisen. Die an bestimmten Orten früh entstehende Kupfererzeugung hat vermutlich schon weit vor der Achsenzeit und dem von mir so genannten metaphysischen Zeitalter zur Hervorbringung kapitalistischer Produktionsverhältnisse geführt begleitet von hierarchisch organisierten politischen Strukturen mit zunächst Priester- später Militärkönigen und ihren entsprechenden Kasten. Es könnte in bestimmten Regionen zunächst wichtiger gewesen sein, Erzlagerstätten zu besitzen als Land für die Landwirtschaft. Vielleicht hat sich das Muster für militärgestütztes Eigentum an Land auch von dort her verbreitet. Die genauen historischen Abläufe sind hier nicht wichtig. Für uns ist es Beleg genug, dass mit der ersten Kontrolle von Erzlagerstätten auch Priesterkasten entstanden, sich also Eigentum und Geist schon früh verbündeten.
Teilrücknahme der Geistprojektion
Die Zeit war gekommen, in der Menschengeist und Natur getrennt werden mussten. Sachvernunft einerseits und gottgegebene Herrschaft über andere wurden möglich, weil der animistische Naturgeist als Teil der Menschenwelt erkannt wurde. Ein bestimmter Teil der Projektion konnte zurückgenommen werden, nämlich der, von dem die Menschen erkannten, dass er mehr mit ihnen als mit der Natur zu tun hatte. Für die Sachvernunft war das ausreichend produktiv, während gleichzeitig die Herrschaft über andere möglich wurde, da nicht alle Teile der Projektion durchschaut wurden: Die Spaltung selbst und der menschenverwandte jenseitige Geist waren als Projektionen nicht erkennbar. Der abgespaltene Geist musste in Form von existierenden jenseitigen Göttern erscheinen. Die Menschen konnten den kollektiven Wahnsinn darin nicht fühlen, aber vor allem konnten sie nicht - und können es bis heute nicht - die notwendige Leistung des Einzelnen mit seinem Projektionsbeitrag würdigen.
Selbstanerkennung der eigenen Gehirnkapazität über vier Umwege
Oder anders formuliert: Die Tatsache der großen Gehirnkapazität mit ihren herausragenden Fähigkeiten zur Projektion und Identifikation konnten sich die Menschen nur über Umwege zuschreiben: (1) Zunächst durch eine Projektion von Beseeltheit auf alles in der Welt und rückwirkend durch die Identifikation mit vermeintlichen Kräften von Dingen und Tieren. (2) Dann zu Beginn unseres Zeitalters durch die vertikale Projektion eines einzigen Gottes und der rückwirkenden Identifikation mit seiner vermeintlichen Macht. Dieser Schritt erlaubte die Entwicklung stabiler, hierarchisch organisierter Kulturen. (3) Im nächsten Schritt fand das entstehende Besitzbürgertum mit dem Bedürfnis, sich vom Landbesitzadel abzugrenzen und Freiheit für das Maschinenkapital zu bekommen, den Weg, dem höheren oder humanistisch gebildeten Menschen göttliche Fähigkeiten zuzuschreiben: Der Mensch, der sich Bildung leisten konnte, wurde vernünftig. Dieser Projektionsschritt war kein bisschen weniger metaphysisch und mindestens genauso vertikal, hatte aber den Vorteil, dass Eigentum nun an die Potenz der bürgerlichen Kapital- und Bildungsbesitzer gekoppelt werden konnte und weniger abhängig war von Gottes Gnaden und der Priesterschaft. Außerdem galt der Vorteil nicht für das Proletariat. Der Besitzbürger identifizierte sich mit der Potenz seines Eigentums und seiner Bildung. Doch der zirkuläre und leicht instabile Charakter dieses Schrittes führte dazu, dass der Gottglaube bei den Neureichen wieder hoffähig wurde. Die Sehnsucht der reichen Bürger, den stabilen Status und die tiefe Anerkennung des Adels zu erreichen, ist bis heute unübersehbar. (4) Erst der jüngste Akt in diesem Prozess, die Individualisierung und erneute Spiritualisierung, konnte den persönlichen Gott abschaffen und Potenz durch Kompetenz19 ersetzen. Die vertikale Projektion erzeugt nun die eigene Persönlichkeit, die sich selbst identifiziert mit der freiwillig gesuchten Anstrengung zum Aufbau von Kompetenz (eine schon gefährlich zirkuläre Konstruktion). Mit dem letzten Schritt wird das Eigentum an Produktivvermögen unwichtiger (auch die einfachen Leute fangen an Aktien zu besitzen), dafür bekommt das Eigentum am persönlichen Leistungsvermögen eine immer größere Bedeutung (wobei die Reichen es sich nicht nehmen lassen, ihre Kinder besser auszubilden). Wir werden uns mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Wendung des Geist-Eigentum-Wahnsinns in die individuelle Innerlichkeit des Kompetenzgeistes die Kultur einerseits gefährlich (aber hoffnungsvoll) instabil macht, andererseits fühlbar und sichtbar werden lässt, auf welche Weise das metaphysische Zeitalter seinen letzten Kampf mit dem eigenen Tod austrägt.
vernünftig: Das Tor zur Vernunft war das humanistische Gymnasium, in dem man verstehen lernte, wie man in der praktischen Vernunft Gott wieder einsetzen konnte, also mit dem Erlernen von Vernunft sich letztlich über ihn stellen konnte. Wie Nietzsche sagte: Kant als Spinne im eigenen Netz.
Kompetenz: Es gibt ein Buch über Willensfreiheit von Geert Keil (ISBN 978-3-11-019561-3) aus der akademischen Philosophie, das die Kraft der individuellen Willensfreiheit an die Vorstellung von Kompetenz koppelt - mit dem erstaunlichen Versuch, unter dem Deckmäntelchen von Wissenschaftlichkeit die durchgängig metaphysische Basis seiner Sicht zu leugnen: die bürgerliche Kompetenzverliebtheit. Vermutlich sollen wir das Buch selbst als Beleg für seine Kompetenz und seine Fähigkeit zur Willensfreiheit verstehen.
Zum Glück sind wir nicht die ersten Seiltänzer
Zum Trost und zur Aufmunterung sei noch angefügt, dass die Metaphysik in ihrem Todeskampf schon angezählt wurde. Nietzsche war der erste, der die bürgerliche Selbstüberschätzung durchschaute und auch schon das Gegenmittel kannte, die radikale Rückkehr des menschlichen Selbstverständnisses in die Natur, die Rücknahme aller Jenseitsprojektionen, den Aufbau einer Vertikalitätskultur mit absichtlichen und durchschauten und immer wieder rücknehmbaren Projektionen und Identifikationen. Lasst uns Zarathustra spielen und mit der Wirklichkeit des Seiltänzers zwischen Himmel und Erde schweben. Schütteln wir die Peinlichkeit der Kompetenzhuberei der seriösen Wissenschaft ab, indem wir eine fröhliche Wissenschaft betreiben. Wir brauchen also nur Nietzsche ein Stück weiterzudenken.
Die neue Bedeutung der Projektionsleistung des Einzelnen
Nur durch die Projektionsbeteiligung eines jeden individuellen Gehirns, durch den „Glauben“ jedes einzelnen Menschen, konnte das Bild am Himmel lebendig gehalten werden. Die gesteuerte Projektion jedes einzelnen Individuums bekam eine völlig neue Bedeutung. Ohne es zu wissen, erhielt die mitlaufende Erschaffung der individuellen Perspektive eine große kulturtragende Aufgabe - von Anfang an als Bewusstseinsleistung missverstanden. In der schamanischen Zeit war es für das Kollektiv nicht entscheidend, welche Vorstellung der Einzelne vom Geist in den Dingen hatte. Jeder Einzelne konnte sich von der Lebendigkeit dieses Geistes selbst überzeugen. Doch nun braucht das Kollektiv die offene Zustimmung seiner Mitglieder, weil es nirgendwo in der Wahrnehmung - und zuletzt auch nicht im stillen Innersten - einen Beleg für den Geist im Jenseits gab.
Mit dem Druck nach gesteuerten Projektionen entstehen von den Herrschenden verwendete Techniken, um die Psychen und Weltbilder der Massen zu manipulieren. Die Propaganda war geboren (zum Beispiel durch absichtlich eingesetzte Religionen).
Innersten: Die auch von Anfang an mit den Göttern und dem Ich entstandene spirituelle Bewegung hat das Problem der Beweisbarkeit Gottes und der Spaltung versucht zu lösen durch eine Wendung ins Innerste und einen direkten Bezug von dort zu Gott. (Meister Eckhart: „Ja, das Reich Gottes ist in uns“. In Anlehnung an Paulus geht er davon aus, dass es über alle Welt bis in unser Innerstes reicht.) Dadurch wurde die Jenseitigkeit des Geistes nicht aufgehoben, aber das Ich als Geist des Einzelnen bekam eine enorme Aufwertung, die bis heute nachwirkt. Allerdings hat der bescheidenere und nicht selten weibliche Christ der Anfänge seine Seele nicht mit seiner bürgerlichen Persönlichkeit gleichgesetzt. Persönlichkeit blieb Gott, den Priestern und sonstigen Herrschern vorbehalten.
Immer schon Ichmetaphysik
Erst rückblickend erkennen wir, dass der Anfang des metaphysischen Zeitalters auch der Beginn des Ichs war - als Eigenschaft der Psyche mit seiner glaubensbestätigenden Kraft und als soziale Schnittstelle der psychopolitisch komplexeren Welt. Eine lange, schmerzhafte Zeit bis zum reinen Ichgeist
