Beschreibung

Ein wunderbarer Roman über Liebe und Lebensträume vor herrlicher Kulisse Köln, Gegenwart: Wie soll mein Leben weitergehen?, fragt sich Laura. Jetzt, da ihre beiden Kinder zunehmend selbstständig werden und sich ihr Mann immer weiter von ihr entfernt, denkt Laura an ihren einstigen Traum zurück, Meeresbiologin zu werden. Als sich die Chance bietet, für einige Zeit im Bereich der Wal- und Delfinbeobachtung in Neuseeland zu arbeiten, ergreift sie diese mit gemischten Gefühlen. In Neuseeland eröffnet sich Laura eine ganz andere Welt, und sie findet völlig überraschend eine neue Liebe. Doch kann diese von Dauer sein?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 494


Inhalt

Weitere Titel der Autorin Über die AutorinTitelImpressumDer TraumjobKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Die Bucht der hundert InselnKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4 Kapitel 5Der KämpferKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Das ParadiesKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Das KrafttierKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Das NetzKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Die KonferenzKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Bremen, 6 Monate späterNachwort

WEITERE TITELDER AUTORIN

Im Land der weißen Wolke

Das Lied der Maori

Der Ruf des Kiwis

Das Gold der Maori

Im Schatten des Kauribaums

Die Tränen der Maori-Göttin

Die Insel der tausend Quellen

Die Insel der roten Mangroven

Die Zeit der Feuerblüten

Der Klang des Muschelhorns

Die Legende des Feuerberges

Eine Hoffnung am Ende der Welt

Unter fernen Himmeln

Das Jahr der Delfine

Alle Titel auch als Hörbuch und als E-Book erhältlich

Die Weiße-Wolke-Saga umfasst die Bände:

Im Land der weißen Wolke

Das Lied der Maori

Der Ruf des Kiwis

Eine Hoffnung am Ende der Welt

Die Kauri-Trilogie besteht aus den Romanen:

Das Gold der Maori

Im Schatten des Kauribaums

Die Tränen der Maori-Göttin

Die Insel-Saga enthält die Bände:

Die Insel der tausend Quellen

Die Insel der roten Mangroven

Die Feuerblüten-Saga umfasst:

Die Zeit der Feuerblüten

Der Klang des Muschelhorns

Die Legende des Feuerberges

Alle Bücher sind in sich abgeschlossen.

ÜBER DIE AUTORIN

Sarah Lark, geboren 1958, studierte Psychologie und promovierte über das Thema »Tagträume«. Nebenbei arbeitete sie lange Jahre als Reiseleiterin. Schon immer war sie fasziniert von den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Ihre fesselnden Neuseelandromane wurden allesamt Bestseller und finden auch international ein großes Lesepublikum. Ihre Karibikschmöker Die Insel der tausend Quellen und Die Insel der roten Mangroven kamen ebenfalls direkt auf die Bestsellerliste.

Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie lebt in Spanien und arbeitet zurzeit an ihrem nächsten Roman. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser auch ins farbenprächtige Mittelalter.

SARAH LARK

DAS JAHRDER DELFINE

Roman

Mit Illustrationen von Tina Dreher

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch

die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30 827 Garbsen.

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Innenillustrationen und Landkarte: Tina Dreher, Alfeld/Leine

Umschlaggestaltung: Jeannine Schmelzer

Umschlagmotiv: © Shutterstock/Nella/ninanaina/Troy Wegman/

S. Borisov/anemad

E-Book-Produktion: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-7325-2953-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

DER TRAUMJOB

KAPITEL1

»Neuseeland?« Tobias sah sie ungläubig an. »Da kannst du ja gleich nach Amerika gehen!«

»Das wäre tatsächlich sogar näher …«, murmelte Laura, was ihr Mann allerdings gar nicht zur Kenntnis nahm – Geografie gehörte nicht zu seinen Interessengebieten, und Fernweh war ihm fremd. »In Neuseeland ist eben gerade diese Stelle frei«, begann sie erneut und schalt sich selbst dafür, das Gespräch nicht besser geplant zu haben. Sie hätte Tobias mit der Ankündigung ihrer Pläne nicht so überfallen dürfen. Aber sie hatte die Anzeige erst ein paar Stunden zuvor gelesen, und seitdem war sie in Hochstimmung. Es war, als hätte eine gute Fee ihre Hände im Spiel gehabt! Sie musste ihr Glück mit jemandem teilen und war zunächst vor den Kindern mit ihrer Idee, ein Jahr im Ausland zu verbringen, herausgeplatzt. Jetzt wollte sie natürlich auch Tobias davon erzählen, denn sicher würden die Kinder beim Abendessen über die Neuigkeiten reden wollen. »Eine Stelle als Tour Guide auf einem Walbeobachtungsschiff. Genau das, wovon ich immer geträumt habe. Es ist eine einmalige Chance. Und die ideale Grundlage für mein Studium …«

»Laura, du hast zwei Kinder!«, erinnerte Tobias sie mit vorwurfsvollem Unterton und nahm sich erst mal ein Bier aus dem Kühlschrank, wie er das abends gern tat. Auch Laura bot er eine Flasche an. Sie war allerdings zu aufgeregt, um Durst zu verspüren. »Wie stellst du dir das vor?«, fragte er nun. »Du kannst doch nicht einfach so für eine solch lange Zeit nach Übersee verschwinden.«

»Die Kinder finden es toll!«, erklärte Laura begeistert. »Sie müssen natürlich bei dir bleiben, ein Schulwechsel wäre viel zu aufwendig. Aber Weihnachten wollen sie mich besuchen.« Sie lächelte. »Kathi will unbedingt nach Neuseeland, Jonas dagegen kann das Papa-Jahr kaum abwarten. Es rächt sich jetzt, dass du ihn immer länger hast aufbleiben lassen, wenn ich im Abendgymnasium war.«

»Ihr habt das also alles schon geplant?« Tobias sah sie gekränkt an. »Ohne mich?«

Laura biss sich auf die Lippen. »Wir … haben gemeinsam ein paar Überlegungen angestellt«, gab sie zu. »Aber wir wollten dich nicht ausschließen. Die Kinder waren nur früher zu Hause als du.« Tobias hatte an diesem Dienstag seinen freien Nachmittag, wie er das nannte. Er war nach der Arbeit mit Freunden beim Sport gewesen. »Und ich erzähl es dir ja jetzt. Du kannst noch alles dazu sagen, bislang ist schließlich nichts entschieden. Tobias, ich möchte es wahnsinnig gern versuchen! Ein Jahr geht schnell rum. Die Kinder wollen auch beide im Haushalt helfen …« Sie lachte nervös. »Kathi brennt darauf, hier die Hausfrau zu spielen – was sich natürlich geben wird, wenn sie erst mal merkt, wie stressig der Job ist. Und oft einfach nur öde.«

Tobias verzog den Mund. »Soll heißen, du hast dich all die Jahre lang geknechtet gefühlt?«, fragte er bitter.

Laura schüttelte entschieden den Kopf und begann, den Abendbrottisch zu decken. Kathi und Jonas würden bald nach Hause kommen. Und sie sollten möglichst nicht in einen Streit zwischen ihren Eltern platzen.

»Nein«, beteuerte sie rasch. »Das wollte ich überhaupt nicht sagen, bitte dreh mir nicht die Worte im Mund herum! Ich hab für meine Familie gesorgt, und ich hab’s gern getan. Aber jetzt sind die Kinder aus dem Gröbsten heraus, und ich finde, es ist Zeit, mal etwas für mich zu tun …« Sie nahm Teller und Gläser aus dem Schrank und stellte sie heftiger als beabsichtigt auf den Tisch.

»Selbstverwirklichung? Midlife-Crisis?«, fragte Tobias mit schiefem Lächeln. »Dafür bist du eigentlich noch zu jung.«

Laura seufzte. »Eben«, erklärte sie dann. »Ich bin erst einunddreißig. Ich kann noch etwas verändern, etwas erleben … Ich hatte mal einen Traum, Tobias, und das weißt du …«

Tobias verdrehte die Augen. Er hatte sich schon damals, als sie sich kennengelernt hatten, darüber amüsiert, dass an den Wänden ihres Mädchenzimmers Poster von springenden Walen und Delfinen gehangen hatten. Laura war siebzehn und gerade dabei gewesen, die Realschule abzuschließen. Sie hatte geplant, aufs Gymnasium zu wechseln und anschließend Meeresbiologie zu studieren. Wale und Delfine hatten sie von Kindheit an fasziniert. Ihre Beziehung zu dem bodenständigen Bäckerlehrling Tobias hatte sie dagegen nicht allzu ernst genommen. An eine Ehe mit ihm hatte sie schon gar nicht gedacht – bis sie, gerade mal achtzehn Jahre alt, mit Katharina schwanger geworden war. Laura hatte zunächst einen Abbruch in Erwägung gezogen, aber Tobias hatte auf Heirat gedrängt. Er hatte eben seine Lehre beendet und war von der Großbäckerei, bei der er sie absolviert hatte, übernommen worden. Es war abzusehen gewesen, dass er genug verdienen würde, um eine Familie zu ernähren. Lauras Eltern hatten Unterstützung angeboten – die hochfliegenden Pläne ihrer Tochter waren ihnen sowieso suspekt gewesen. Als Mitglieder einer Freichristengemeinde verurteilten sie Abtreibungen zudem auf das Schärfste. Tobias’ Zielstrebigkeit und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, hatten Laura dann so imponiert, dass sie sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hatte. Jetzt erst hatte sie sich richtig verliebt in den jungen Mann mit dem wuscheligen braunen Haar und den blauen Augen, der sie vom ersten Tag an bewundert hatte …

Jedenfalls hatte sie sich schließlich vor dem Traualtar wiedergefunden statt in der Oberstufe. Sie und Tobias waren in das Haus der Schwiegereltern gezogen, und in den nächsten Jahren hatte sich alles um ihre Tochter gedreht. Als Katharina endlich in den Kindergarten gekommen war und Laura begonnen hatte, sich wieder Gedanken um die eigene Zukunft zu machen, hatte sich Jonas angekündigt. Laura hatte ihre Pläne erneut verschoben, sich um Kinder, Haushalt und um ihre pflegebedürftigen Schwiegereltern gekümmert, in deren Haus die junge Familie immer noch lebte. Wenn sie ab und zu das Gefühl gehabt hatte, darüber verrückt zu werden, hatte sie gelesen, vornehmlich Bücher über Meeressäuger. In all den Jahren hatten sich ganze Regalwände voller Bildbände und wissenschaftlicher Fachliteratur angesammelt.

Schließlich war ihre Schwiegermutter gestorben, der Schwiegervater in eine kleinere Wohnung gezogen. Die Kinder waren zur Schule gegangen und zusehends unabhängiger geworden, und Laura hatte begonnen, sich um einen Job zu bemühen. Das Ergebnis war ernüchternd gewesen: Die Stellen, die einer achtundzwanzigjährigen Mutter ohne Berufsausbildung angeboten worden waren, waren nicht nur schlecht bezahlt, sondern obendrein uninteressant gewesen. Sie hätte in der Fabrik am Fließband stehen, an einer Kasse sitzen oder in einem Supermarkt Regale auffüllen können … für die nächsten dreißig Jahre. Alles in Laura hatte sich gesträubt. Und dann hatte sie eines Tages vor dem Spiegel gestanden, ihre glatte Haut betrachtet, ihr glänzendes blondes Haar und ihre schlanke Figur und beschlossen, dass sie noch jung war. Jung genug für einen Neuanfang – und obwohl es ihr sofort ein schlechtes Gewissen gemacht hatte, hatte sie damals schon geahnt, dass es ein Neuanfang ohne Tobias sein könnte.

»Komm, Tobias, du hast doch Übung«, versuchte sie noch einmal, ihm das Jahr allein mit den Kindern schmackhaft zu machen. »Du warst jetzt zwei Jahre lang fast jeden Abend mit Kathi und Jonas allein. Du schaffst das! Und du machst es gut!«

Sie packte das Brot aus, das Tobias aus der Bäckerei mitgebracht hatte, und warf die Schneidemaschine an. Tobias holte derweil Butter und Aufschnitt aus dem Kühlschrank. Beide waren gut aufeinander eingespielt, Tobias gehörte nicht zu den Männern, die sich vor der Hausarbeit drückten. Überhaupt konnte Laura sich nicht beklagen. Er hatte ihren Entschluss akzeptiert, das Abendgymnasium zu besuchen, und sich vorbildlich um die Kinder gekümmert. Zum Glück waren seine Arbeitszeiten auch sehr erziehungsfreundlich. Tobias begann morgens um vier in der Bäckerei, der er mittlerweile als Meister vorstand, und war mittags um eins wieder zu Hause. Nach einem Mittagsschlaf hatte er dann viel Zeit für die Kinder und sein Hobby – gemeinsam mit dem begeisterten Jonas werkelte er an einer Modelleisenbahn. Dabei bewies er unendliche Geduld mit seinem Sohn. Er beklagte sich auch nie, wenn Kathi zum Theaterkurs oder zum Reiten gefahren werden musste. Am Wochenende zog er mit den Kindern in den Zoo oder in Vergnügungsparks. Laura hatte immer in Ruhe lernen können. Besonders in der Zeit vor den Abiturprüfungen hatte sie das sehr zu schätzen gewusst.

Ihr Lob war also ehrlich gemeint. Tobias war ein wunderbarer Vater – sie brauchte kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie ihn mit den Kindern allein ließ –, er war überhaupt ein liebenswerter Mensch. Erneut regten sich Schuldgefühle in Laura. Es lag nicht an ihrem Mann, dass sie in ihrer Ehe nicht glücklich war, es lag an ihr. Sie hatte noch andere Erwartungen, wollte etwas erleben. Dieser Job in Neuseeland war ihre Chance! Eco-Adventures, ein landesweit aktives Unternehmen, das für seine vorbildliche Umsetzung des Konzepts von respektvoller Wal- und Delfinbeobachtung bekannt war, suchte Studenten oder Abiturienten als Begleiter für Walbeobachtungstouren. Laura hatte nicht gezögert, die Firma sofort per E-Mail zu kontaktieren.

Tobias fuhr sich durch sein Haar. »Wirst du denn … wiederkommen?«, fragte er leise.

Laura sah in sein offenes, freundliches Gesicht. »Natürlich!«, sagte sie dann. »Der Job ist ganz klar befristet. In einem Jahr bin ich wieder in Deutschland.«

Tobias biss sich auf die Lippen. »Wirst du … zu mir zurückkommen?«, präzisierte er dann.

Laura senkte den Blick. »Ich … ich weiß ja noch nicht mal, ob die mich überhaupt nehmen …«, murmelte sie.

Natürlich hatte Eco-Adventures nicht postwendend auf ihre Bewerbung geantwortet. Aber sie war inzwischen fest entschlossen, ihr Leben zu ändern. Wenn sie diesen Job nicht bekam, dann würde es irgendeinen anderen geben. Und sie befürchtete, dass kein Weg, den sie sich vorstellen konnte, zu Tobias zurückführte. Noch suchte sie jedoch Ausflüchte. Sie brachte es nicht übers Herz, seine Welt zu zerstören. Es reichte, dass er sich mit dem Gedanken anfreunden musste, jetzt ein Jahr lang alleinerziehender Vater zu sein.

Tobias nickte, offenbar beruhigt. »Dann warten wir erst mal ab«, bemerkte er.

Lauras Mann hasste es, sich Entscheidungen zu stellen, er war ein Meister im Verdrängen. Seit sie sich kannten, war es immer Laura gewesen, die sich Konflikten gestellt und Probleme gelöst hatte. Sie war das gründlich leid, aber immerhin hatte sie dadurch ihre Selbstständigkeit bewahrt. Sie hatte Mut für zwei – genug Mut für Neuseeland!

KAPITEL2

In den nächsten Tagen checkte Laura mindestens dreimal täglich ihre E-Mails. Zu Katharinas und Jonas’ Belustigung fing sie schon morgens vor dem Frühstück damit an.

»Wer soll dir denn um halb sieben schreiben?«, fragte ihre dreizehnjährige Tochter und schmierte dick Nutella auf ihr Brötchen.

Laura fragte sich, wie sie es schaffte, dabei so gertenschlank zu bleiben.

»Die Leute aus Neuseeland«, erklärte sie. »Bei denen ist es jetzt halb sieben abends. Es gibt zwölf Stunden Zeitunterschied je nach Jahreszeit.« Sie erzählte lieber nicht, dass sie sogar am Morgen um halb vier, als Tobias zur Arbeit aufgebrochen war, noch kurz in ihr Postfach geschaut hatte.

»Neuseeland ist genau am anderen Ende der Welt!«, verkündete Jonas. »Papa und ich haben auf den Globus geschaut. Wenn man ein Loch graben würde, ganz durch die Erde durch, dann käme man da irgendwo raus! Warum macht man das eigentlich nicht? Durch eine Röhre zu flutschen ginge doch wahrscheinlich schneller als zu fliegen …«

»Weil du zwischendurch in flüssigem Magma verglühen würdest«, bemerkte Kathi. »Hat dir noch nie einer gesagt, dass die Erde innen kocht? Wie blöd kann man denn eigentlich sein?«

»Ich bin neun und nicht blöd! Man müsste die Röhre eben isolieren!«

Jonas blaffte beleidigt zurück, gleich darauf führte er seine Idee eines hitzebeständigen Rohrpostsystems zur Waren- und Personenbeförderung weiter aus. Kathi tippte sich provozierend gegen die Stirn.

Laura klappte seufzend den Laptop zu und begann zu vermitteln. Sie liebte ihre Kinder, aber der regelmäßige Zank am frühen Morgen ging ihr auf die Nerven. Was das anging, so schienen beide Kinder nach Tobias zu kommen: Sie waren ausgesprochene Morgenmenschen. Laura dagegen hätte gern einmal ausgeschlafen. Trotzdem stand sie jeden Morgen mit Tobias auf, trank einen Kaffee mit ihm und verabschiedete ihn zur Arbeit. Dann schlief sie noch ein bisschen, bevor sie die Kinder um sechs weckte. Nicht mal in den Ferien hatten sie einen anderen Rhythmus. Sie wachten früh auf und wollten ihr Frühstück. Laura gähnte. Sie würde wohl nie ein Frühaufsteher.

Die Antwort kam vier Tage nach Lauras Bewerbung, und sie war nicht von Neuseeland abgeschickt worden, sondern von einem Reisebüro Möwe in Bonn. Eine Mitarbeiterin namens Marion Reisig stellte sich freundlich als die Deutschlandvertreterin von Eco-Adventures vor und übermittelte Laura eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Wir sind grundsätzlich an einer Zusammenarbeit interessiert, möchten jedoch im Vorfeld über Ihre Wünsche und Vorstellungen, Vorerfahrungen und Sprachkenntnisse reden, las sie. Wenn es Ihnen recht ist, würden wir uns gern am kommenden Mittwoch um 15 Uhr in unserem Reisebüro mit Ihnen unterhalten.

Laura tanzte geradezu durch den Tag, nachdem sie Frau Reisig postwendend übermittelt hatte, dass ihr der Termin selbstverständlich passte. Wie gut, dass auf Tobias Verlass war, sodass sie sich nicht mal mit ihm kurzschließen musste! Überglücklich begrüßte sie ihn am Nachmittag mit der Nachricht und bemühte sich, darüber hinwegzusehen, dass er darauf alles andere als begeistert reagierte.

»Wünsch mir Glück!«, bat sie ihn, als sie sich am folgenden Mittwoch dann viel zu früh auf den Weg nach Bonn machte.

Eigentlich brauchte sie nur eine gute halbe Stunde, um von dem Kölner Vorort, in dem sie mit ihrer Familie lebte, in die Bonner Innenstadt zu kommen. Tatsächlich hatte sie eineinhalb Stunden veranschlagt. Wer wusste schließlich, ob sie im Stau stehen und wie lange sie für die Parkplatzsuche brauchen würde?

Tobias – er war gerade dabei, Spaghetti zu kochen und die von Laura vorbereitete Tomatensauce zu erwärmen – antwortete nicht. Er hatte in den vergangenen Tagen ohnehin nur das Nötigste mit seiner Frau gesprochen. Sie hatten sich nicht wirklich gestritten, es war kein strafendes Schweigen gewesen, doch er hatte ihr seine Missbilligung deutlich zu verstehen gegeben.

Dann eben nicht, dachte Laura trotzig und sagte sich, dass sie auch kein Glück brauchen würde. Der Arbeitsplatz wurde schließlich nicht verlost, es ging darum, diese Frau Reisig zu überzeugen. Laura musste sich das einfach nur zutrauen!

Entschlossen fuhr sie auf die Autobahn, und zumindest verkehrstechnisch war das Glück ihr hold. Ohne Stau und natürlich viel zu früh erreichte sie ein Parkhaus, zwei Straßen vom Reisebüro Möwe entfernt, das sie dann auch sofort fand. Unschlüssig bummelte sie schließlich noch ein wenig durch die umliegenden Straßen. In einer Buchhandlung fand sie ein kleines Buch über Walbeobachtung, in dem zwar nichts stand, was sie noch nicht wusste, dem sie allerdings rasch noch einmal alle Möglichkeiten zur Walbeobachtung in Neuseeland entnehmen konnte. Die wichtigsten Orte waren Kaikoura auf der Süd- und Paihia auf der Nordinsel, Eco-Adventures war in beiden Städten vertreten. Laura überlegte kurz, ob sie das Büchlein kaufen sollte – schon weil es ihr ein gutes Omen zu verheißen schien, entschied sich dann aber dagegen. Sie musste ihr Geld zusammenhalten. Die Stellung bei Eco-Adventures war sicher nicht allzu gut bezahlt, und sie war sich keineswegs sicher, ob die Firma die Kosten für Flüge und Unterkunft übernehmen würde. Ganz sicher würde sie jedoch nicht für Kathis und Jonas’ Weihnachtsbesuch aufkommen, und Tobias würde ihr mit Recht Vorwürfe machen, wenn sie damit die Familienkasse belastete.

Laura sah nervös auf die Uhr. Zeit, zum Reisebüro zurückzugehen. Sie hoffte, die Fragen rund um Gehalt und Kostenübernahme schon klären zu können, sodass sie Tobias ein klares Konzept vorlegen konnte.

Laura kontrollierte noch kurz ihr Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe. Sie hatte über ihr Outfit lange nachgedacht und sich schließlich für eine sportliche Leinenhose, ein helles T-Shirt und eine leichte Regenjacke entschieden. Das Köln-Bonner Sommerwetter war mal wieder durchwachsen. Ihr halblanges Haar trug sie offen, der Stufenschnitt stand ihr gut, und sie hatte sich leicht geschminkt. Sie betonte ihre braunen Augen nur mit zarten Gold- und Brauntönen und benutzte einen hellen Lippenstift, was sehr natürlich aussah. Ob sie damit allerdings dem Bild von der Abiturientin oder Studentin entsprach, die Eco-Adventures einstellen wollte?

Entschlossen schob sie alle Bedenken beiseite, setzte ein optimistisches Lächeln auf und betrat das Reisebüro. Wie immer fühlte sie sich sofort wohl. Laura liebte Reisebüros, sie empfand sofort Aufbruchsstimmung, wenn sie all die bunten Prospekte und Plakate an den Wänden sah, die Last-Minute-Angebote, die ihr die Illusion vermittelten, heute noch wegfliegen zu können, die Bilder von Sonne und Meer …

»Guten Tag! Kann ich Ihnen helfen?«

Eine der beiden Angestellten im Raum war in einer Beratung, aber die andere, eine dunkelhaarige kleine Frau, wandte sich freundlich an Laura. Sie erwiderte ihren Gruß und wollte eben nach Frau Reisig fragen, als sie auch schon das Namensschild an der Bluse ihres Gegenübers sah.

»Ich komme wegen des … Bewerbungsgesprächs …«, sagte sie, plötzlich unsicher.

Frau Reisig lächelte. »Ach ja, Frau Brandner!«, erwiderte sie. »Schön, dass Sie da sind. Frau Walker von Eco-Adventures erwartet Sie schon. Wenn Sie bitte mitkommen? Sie können sich hinten in unserem Besprechungsraum unterhalten.«

Laura biss sich auf die Lippen. Also würde sie nicht nur Frau Reisig überzeugen müssen, sondern doch eine Neuseeländerin … Befangen folgte sie der Inhaberin des Reisebüros aus den Verkaufsräumen heraus in ein mit Prospekten und anderen Werbematerialien vollgestopftes Hinterzimmer und dann in einen aufgeräumteren Raum, der wohl als Besprechungs- und Frühstückszimmer diente. Hier standen ein Tisch und Stühle, vor einer Tasse Kaffee saß eine schlanke, rothaarige Frau, die zu einer flotten Kurzhaarfrisur eine bunte Brille trug. Sie stand sofort auf, als Frau Reisig mit Laura eintrat.

»Walker, Louise Walker.« Die Vertreterin von Eco-Adventures Neuseeland reichte Laura die Hand. »Schön, Sie kennenzulernen.«

Zum Glück sprach die Frau akzentfrei Deutsch. Laura hatte schon gefürchtet, das Einstellungsgespräch auf Englisch führen zu müssen.

Sie erwiderte die Begrüßung. Warum fühlte sie sich nur auf einmal so befangen? Mrs. Walker war freundlich und in ihrem Alter. Sie musterte sie jedoch mit prüfendem Blick. Ob sie mit einer jüngeren Bewerberin gerechnet hatte? Laura nahm sich zusammen. Sie hatte ihr Alter nicht verschwiegen. Es war ausgeschlossen, dass Mrs. Walker darüber nicht informiert war. Die Firmenvertreterin kam jetzt auch gleich zur Sache.

»Ich gehe davon aus, dass Sie sich über die Angebote unserer Firma bereits kundig gemacht haben«, begann sie geschäftsmäßig und schloss dann trotzdem noch ein paar Erklärungen an. »Wir sind in verschiedenen Orten auf der Süd- und Nordinsel Neuseelands aktiv. Neben Wal- und Delfinbeobachtung in Küstenstädten organisieren wir Riverrafting, Jetboat-Fahren, Heliskiing, Bungee-Jumping sowie diverse Trekkingtouren, Wandern und Reiten. Wobei wir vielseitig einsetzbare Mitarbeiter schätzen. Sie hatten sich nun speziell für die Wal- und Delfinbeobachtung beworben …« Sie blätterte in Lauras Bewerbungsunterlagen. »Und Sie … Lassen Sie mich eins vorausschicken: Sie sind sich bewusst, dass unser Jobangebot speziell auf jüngere Leute zugeschnitten ist? So in der Richtung von Working Holidays? Die meisten unserer Mitarbeiter nehmen sich nach dem Abitur eine Auszeit oder zwischen Grund- und Hauptstudium … Sie dagegen haben zwei Kinder …«

Laura biss sich auf die Lippen. »Ich bin ein bisschen spät dran mit dem Abi«, erklärte sie dann. »Und ich betrachte dieses Jahr in Neuseeland nicht als Auszeit. Eher als Studienvorbereitung. Ich möchte Meeresbiologie studieren.«

Mrs. Walker nickte. »Das konnte ich Ihrer Bewerbung schon entnehmen«, sagte sie. »Allerdings … Gerade wenn Sie das Jahr bei uns nicht als Freizeit sehen, ist Ihnen bewusst, dass wir sehr wenig zahlen? Bei, zumindest in der Hauptsaison, wenig familienfreundlichen Arbeitszeiten? Wenn es richtig rundgeht, schicken wir unsere Mitarbeiter vier-, fünfmal täglich auf Tour …«

Laura lachte erleichtert. »Das ist kein Problem«, versicherte sie eifrig. »Ich habe nicht die Absicht, mit der ganzen Familie anzureisen. Meine Kinder gehen längst zur Schule, mein Mann wird sich um sie kümmern, während ich fort bin. Und für mich allein brauche ich nicht viel. Wahrscheinlich weniger als die jüngeren Leute. Ich gehe nicht oft aus. Allerdings … Riverrafting, Bungee-Jumping … in der Richtung wollte ich mich eigentlich nicht engagieren. Mir kommt es nur auf die Wale an. Und auf die Delfine. Ich liebe Wale, seit ich ein ganz junges Mädchen war. Dies ist kein fragwürdiger Versuch zur Selbstverwirklichung, Mrs. Walker. Ich bin keine Esoterikerin oder so was, ich halte Wale nicht für die besseren Menschen …« Mrs. Walker lächelte. Und Laura fühlte sich ermutigt fortzufahren. »Sie sind nur einfach faszinierende Lebewesen, unbedingt schützenswert. Sie sind wundervoll!«

»Das sind sie …« Mrs. Walker lächelte.

Bruchteile von Sekunden verlor Laura sich in ihrer bislang einzigen Begegnung mit Walen in freier Natur. Vor drei Jahren hatte sie Tobias eine Ausnahme vom jährlichen Mallorca-Urlaub abgerungen. Sie hatte sich eine Reise in die Dominikanische Republik gewünscht, denn zum Angebot hatte Walbeobachtung gehört. Die Reise war ein Fiasko gewesen – Tobias hatte pausenlos über die hohe Luftfeuchtigkeit und die täglichen Regengüsse geschimpft, Katharina hatte eine Sonnenallergie entwickelt, und Jonas hatte sich eine Infektion eingefangen. Das einzig Wunderbare an diesem Urlaub waren die Wale gewesen. Sie waren freiwillig zum Beobachtungsboot gekommen, manchmal sogar darüber hinweggesprungen, als ob sie die Begegnung mit den Menschen spannend gefunden hätten. Seitdem träumte Laura davon, so etwas noch einmal zu erleben oder besser immer wieder. Jetzt in Neuseeland würde es vielleicht dazu kommen.

»Es macht mir nichts aus, für ein Taschengeld zu arbeiten«, brach es aus ihr hervor. »Es ist mir auch egal, wo Sie mich hinschicken und wie die Arbeitszeiten sind. Ich würde das ganze Jahr über rund um die Uhr arbeiten! Und ich werde den Job ernst nehmen. Ich weiß nahezu alles über Wale, und ich brenne geradezu darauf, mein Wissen weiterzugeben. Meine Gäste werden sich nicht langweilen, selbst wenn mal nicht so viele Tiere zu sehen sind. Ich …«

»Wie steht es denn mit Ihren Englischkenntnissen?«, unterbrach Mrs. Walker.

Laura nickte eifrig. »Englisch-Leistungskurs!«, erklärte sie stolz. »Biologie und Englisch. Alles schon im Hinblick auf die Berufsvorstellungen. Als Meeresbiologin muss man sich darauf einstellen, überall auf der Welt zu arbeiten. Und auf den meisten Forschungsstationen wird Englisch gesprochen. Ich kann’s ziemlich gut.«

Mrs. Walker öffnete erneut den Ordner mit Lauras Bewerbungsunterlagen und überflog ihr Abiturzeugnis. »Befriedigend«, bemerkte sie skeptisch.

Laura zuckte die Schultern. »Ich musste in der Prüfung über Shakespeare und Absurdes Theater referieren«, sagte sie. »Nicht über Wale. Obwohl ich schon versucht habe, das zu verbinden. Als wir Bücher vorstellen sollten, habe ich mir Melvilles Moby Dick ausgesucht. Leider fand ich das Buch ziemlich schlecht – ein Mann, der einen Hass auf einen Wal hat, weil der ihm das Bein abgerissen hat … Und was soll das für ein Wal gewesen sein? Den Illustrationen nach doch mindestens ein Blauwal oder ein Buckelwal. Aber die haben nicht mal Zähne. Das reale Vorbild von Moby war wohl ein Pottwal, der wäre allerdings grau gewesen. Von der Farbe her käme Beluga hin, die sind nur viel kleiner und eigentlich auch nicht so aggressiv. Mal im Ernst, haben Sie überhaupt schon mal von einem Wal gehört, der jemandem das Bein abgerissen hat? Jedenfalls könnte ein einzelner Vertreter der Familie der Zahnwale kaum ein Schiff zum Kentern bringen …« Sie verzog das Gesicht. »Ich fand meine Ausführungen dazu eigentlich ganz treffend, aber mein Lehrer bestätigte mir nur mangelnden Sinn für ›das Drama eines symbolischen Weltverständnisses‹. Mit der Drei bin ich noch ganz gut davongekommen.«

Mrs. Walker lachte. »Dann machen wir doch jetzt mal einen kleinen Sprachtest«, schlug sie vor. »Pottwal?«

»Sperm whale!«

»Finnwal?«

»Razor-back!«

»Grindwal?«

»Pilot whale!«

»Buckelwal?«

»Humpback whale!«

Lauras Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen.

»Nicht schlecht«, meinte Mrs. Walker und vertiefte sich weiter in Lauras Unterlagen. Laura rieb sich die Stirn, als sie sah, dass die Neuseeländerin immer noch ihr Abiturzeugnis studierte. Es war nicht überragend, lediglich in Biologie hatte sie mit einem »sehr gut« abgeschnitten. Allerdings hatte Laura das Abendgymnasium auch recht zügig durchlaufen. Auf keinen Fall hätte sie noch mehr Zeit verlieren wollen. Leider lag ihr Abiturdurchschnitt nur bei 2,6. Damit war man schon ziemlich eingeschränkt.

»Glauben Sie, dass Sie mit diesem Zeugnis jemals Meeresbiologie studieren könnten?«, fragte Mrs. Walker schließlich.

Laura holte tief Luft. »Ich bin fest entschlossen, eines Tages einen Studienplatz zu bekommen«, sagte sie. »Und überzeugt davon, dass ein einjähriges Engagement auf einem Walbeobachtungsschiff in Neuseeland zur positiven Beurteilung meiner Bewerbung beiträgt.«

Mrs. Walker lächelte. »An Motivation mangelt es Ihnen jedenfalls nicht«, bemerkte sie. »Also gut … Noch irgendeine Qualifikation neben der Walbegeisterung? Wie gesagt, wir setzen unsere Mitarbeiter gern vielseitig ein, zumindest ist es gut, wenn jemand irgendwo einspringen kann …«

Laura biss sich auf die Lippen. Ob sie »Reiten« nennen sollte? Sie war als Kind mehrere Jahre geritten und hatte dann noch einmal kurze Zeit gemeinsam mit Katharina Reitstunden genommen. Dann hatte sie jedoch mit der Abendschule begonnen. Es hatte ihr an Zeit gemangelt, und Tobias hatte über die Kosten geschimpft. Also hatte sie wieder aufgehört. Aber ein Pferd zu satteln, Reitgäste in die Handhabung eines braven Touristenpferdes einzuweisen und einen Ausritt zu begleiten, traute sie sich zu. Wenn sie damit bloß nicht riskierte, ihr Jahr in Neuseeland in einem Reitstall zu verbringen … Schließlich siegte jedoch der Wunsch, Mrs. Walker zufriedenzustellen.

»Ich kann ein bisschen reiten«, gab sie zu. »Aber ich … ich möchte wirklich lieber mit Walen arbeiten, ich …«

Mrs. Walker lächelte. »Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte sie freundlich. »Für die Jobs in den Reitställen haben wir eine Warteliste. Die jungen Mädchen brennen geradezu darauf, in Neuseeland mit Pferden zu arbeiten. Und was das Einspringen angeht – ich glaube, wir unterhalten gar keinen Stall in der Nähe von Paihia oder Kaikoura, wo Sie ja wahrscheinlich zum Einsatz kommen werden.«

Laura sah die Vertreterin von Eco-Adventures ungläubig an. »Ich … Wo ich zum Einsatz kommen werde? Das heißt, Sie nehmen mich?«

Mrs. Walker nickte. »Von mir aus bestehen da keine Einwände«, meinte sie. »Eine sichere Zusage und genauere Informationen zu den Flügen und zum Einführungskurs in Auckland gehen Ihnen in den nächsten Tagen per Mail zu.«

Sie stand auf und reichte Laura die Hand. »Wir sehen uns dann in Auckland …«, sagte sie freundlich.

Erst auf der Straße fiel Laura ein, dass sie weder nach dem Gehalt noch nach der Kostenübernahme für die Flüge gefragt hatte.

KAPITEL3

Lauras Arbeitsvertrag mit Eco-Adventures traf drei Tage später per E-Mail ein, und sie war so glücklich darüber, es tatsächlich geschafft zu haben, dass sie ihn umgehend ausdruckte, unterschrieb und sowohl per Mail als auch per Post auf den Weg brachte. Tobias brach darüber am Nachmittag einen Streit vom Zaun, an dem Laura sich nicht ganz unschuldig fühlte. Schließlich hatte sie ihm nach dem Vorstellungsgespräch nicht ganz die Wahrheit gesagt. In dem Wissen darum, dass er sie über jede Einzelheit der Gehaltsverhandlung und der Arbeitsbedingungen ausfragen würde, hatte sie ihn in dem Glauben gelassen, so weit seien die Gespräche noch gar nicht gediehen. Tobias hatte angenommen, dass es eher unsicher, wenn nicht sogar unwahrscheinlich war, dass Laura den Job bekam. Dass sie ihn jetzt ohne jede Rücksprache mit ihm einfach angenommen hatte, machte ihn ärgerlich.

»Du hast gesagt, wir könnten noch mal drüber reden«, behauptete er. »Bislang sei nichts sicher. Statt die Angelegenheit gemeinsam zu entscheiden, werde ich nun vor vollendete Tatsachen gestellt: ›Am 15. August fliege ich …‹«

»Am 14. August«, korrigierte Laura. »Und was … was wolltest du da gemeinsam entscheiden? Ich hatte dir doch gesagt, dass ich mir noch nie etwas so sehr gewünscht habe, dass dies mein Traum ist, dass …«

»Wer redet eigentlich von meinen Träumen?«, fuhr Tobias sie an, ohne das allerdings weiter auszuführen.

Laura musste sich schwer auf die Zunge beißen, um ihm nicht vorzuwerfen, dass dies ja gerade das Problem war. Tobias hatte keine Träume. Er war vollauf zufrieden mit dem Leben, das er führte. Jede Veränderung betrachtete er eher als Bedrohung denn als Chance. Seinen Urlaub verbrachte er bevorzugt stets im selben Feriendomizil. Der Besuch der jährlichen Modellbahnmesse genügte ihm als Abenteuer – dazu musste er Köln nicht mal verlassen. Wenn er träumte, dann vielleicht von einem Ausbau des Kellers, um noch ein paar Schienenstränge mehr unterbringen zu können.

»Tobias, es ist doch nur ein Jahr«, versuchte Laura es noch mal im Guten. »Lass es mich doch versuchen … Lass mich doch …«

»Was heißt das?«, fiel er ihr ins Wort. »Bittest du mich jetzt doch noch um meine Zustimmung? Nachdem du den Vertrag schon unterzeichnet hast? Einen jämmerlichen Vertrag, nebenbei bemerkt, du arbeitest für ein Taschengeld …«

Das war nicht ganz unrichtig. Allerdings fielen kaum Lebenshaltungskosten an. Eco-Adventures zahlte für Hin- und Rückflug und trug die Kosten für das Hotel in Auckland während des Einführungskurses. An den jeweiligen Einsatzorten standen den Mitarbeitern Apartments mit Kochgelegenheit zur Verfügung. Miete, Wassergeld und Heizung fielen also weg, lediglich für ihre Lebensmittel mussten die Leute selbst aufkommen.

»Ich werde sparsam leben«, erklärte Laura, worauf Tobias sarkastisch anmerkte, dass sie wahrscheinlich kaum Zeit haben würde, Geld auszugeben.

»Du arbeitest doch praktisch rund um die Uhr! Das sind totale Knebelverträge. Jeder Betriebsrat schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er so was liest …«

»Aber die Wale …« Laura brach ab. Tobias würde sie nie verstehen.

»Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf, was deine Eltern dazu sagen«, bemerkte Tobias.

Laura seufzte. Sie selbst erwartete da keine Überraschungen.

Tatsächlich rief ihre Mutter gleich am nächsten Tag an. Tobias hatte ihr wohl sein Herz ausgeschüttet.

»Ist dir eigentlich klar, was du deinem Mann da zumutest?«, fragte sie unerbittlich, nachdem sie Laura mit ihrem Wissen konfrontiert hatte. »Tobias ist dir doch nun weiß Gott genug entgegengekommen bei dieser Sache mit der Abendschule …« Es klang, als hätte er Laura bei einem Kurs im Poledancing unterstützt.

»Und jetzt möchte ich mit dem Abschluss der Abendschule eben auch etwas anfangen«, versuchte Laura zu erklären. »Mama, du weißt, dass ich studieren will. Und dieses Jahr in Neuseeland ist …«

»Der pure Unsinn! Du verdienst da ja nicht mal Geld! Und für so was gefährdest du deine Ehe!« Hilde Klusmann war sehr gut darin, sich aufzuregen. Laura hielt das Telefon etwas vom Ohr weg, um keinen Hörsturz zu riskieren. »Ein ganzes Jahr weg von zu Hause! Was soll aus den Kindern werden? Und aus Tobias? So lange Zeit ohne Frau … Da kann selbst ein Mann wie Tobias auf dumme Gedanken kommen!«

Laura biss sich auf die Lippen. In den Augen ihrer extrem konservativen Familie war Tobias ein Heiliger. Ihre Eltern hatten ihn immer geschätzt, aber seit Laura die Abendschule besucht hatte, war er in ihren Augen endgültig in den Olymp aufgestiegen. Wobei sich bei ihrem Vater ein gewisses Misstrauen in die Bewunderung mischte. Er betrachtete es als unmännlich, dass Tobias sogar kochte.

»Mama, den Kindern kann es nur guttun, wenn sie selbstständig werden. Und wenn Tobias mich wirklich so vermisst, kann er mich Weihnachten gern mit ihnen besuchen!«, erklärte Laura, wohl wissend, dass nichts auf der Welt ihren Mann dazu bringen würde, dreißig Stunden in einem Flugzeug zu verbringen.

»Aber hier … so allein … mit dem Haushalt, der Wäsche, dem Kochen … Neben seinem Beruf …« Lauras Mutter fuhr fort mit ihrem Lamento. »Das geht nur, wenn ich ihm unter die Arme greife. Worunter wieder dein Vater leiden wird, wenn ich ständig unterwegs bin … Du bestimmst also nicht nur über das Leben deines Mannes, sondern auch über unseres. Laura, wirklich, ich hätte nicht gedacht, dass ich dich zu einer solchen Egoistin erzogen habe!«

Laura kämpfte mit dem Drang, an ihren Fingernägeln zu kauen. Wie immer, wenn ihre Mutter sie in die Zange nahm, fühlte sie sich wieder wie ein kleines Mädchen, und oft ertappte sie sich dabei, dass sie an ihrer Nagelhaut knibbelte, bis sie blutete. Ihre Mutter war davon überzeugt, dass sie sich nicht ausreichend für Mann und Kinder aufopferte. Egoismus hatte sie ihrer Tochter schon ein Leben lang vorgeworfen – eigentlich immer dann, wenn Laura irgendetwas gewollt hatte, das von dem streng konservativen Weg, den ihre Eltern für sie geplant hatten, abgewichen war. Aber sie konnte sich doch nicht ein Leben lang beeinflussen lassen. Die Wale waren ihr zu wichtig. Sie wollte nach Neuseeland!

»Bislang hab ich das alles neben der Schule erledigt«, gab Laura zurück. »Und wenn ich jetzt gleich studieren würde, müsste ich es neben dem Studium schaffen und später neben meiner Arbeit. Ich hab das dreizehn Jahre lang gemacht, Mama! Jetzt werde ich es ein Jahr lang nicht tun. Zudem ist es nicht allzu schwer, Wäsche in eine Waschmaschine und einen Trockner zu stecken. Das können sogar schon Kathi und Jonas. Ebenso wie einfache Gerichte kochen oder aufwärmen. Ich werde für die erste Zeit vorkochen, wenn dich das beruhigt.«

»Ein Jahr … Mein Gott! Die Kinder werden völlig verwahrlosen, und Tobias wird …« Lauras Mutter gab noch ein paar weitere Befürchtungen zum Besten und holte dann unerwartet zum finalen Schlag aus. »Tobias glaubt«, erklärte sie plötzlich, »dass du überhaupt nicht wiederkommen willst!«

Laura spürte, wie ihr Herz schneller klopfte. Dieses Mal schoss ihre Mutter über das Ziel hinaus. Sie fühlte sich weniger schuldig als verletzt. Tobias sollte solche Gedanken nicht mit ihren Eltern besprechen!

Verärgert umklammerte sie das Telefon. »So, tut er das?«, fragte sie. »Dann sollte er den Vertrag, den ich unterschrieben habe, vielleicht noch mal durchlesen. In Anbetracht dessen, was er mir alles vorgeworfen hat, hatte ich eigentlich gedacht, er hätte das bereits getan, aber die Sache mit der Befristung hat er wohl überlesen. Ich gehe für genau ein Jahr nach Neuseeland, Mama. Die Flüge werden im Vorfeld gebucht, Tobias kann im Grunde jetzt schon nachsehen, wann er mich im nächsten August vom Flughafen abholen kann. Und wenn er daran zweifelt, dann ist das ja wohl nicht mein Problem. Ich hab ihm bisher nie einen Grund gegeben, mir zu misstrauen.«

»Aber das ist doch normal, Kind, dass er zweifelt!«, erregte sich ihre Mutter. »Natürlich denkt er, dass du auf Abenteuer aus bist. Er kann doch nicht wirklich glauben, dass du das mit den Walen …«

Laura atmete tief durch und drückte dann langsam auf die rote Taste des Telefons. Sie träumte seit ihrer Kindheit von Walen und Delfinen, sie hatte ihre Zukunft schon einmal geplant und keinen Zweifel daran gelassen, was sie wollte. Ihre Eltern hatten es nicht gebilligt, jedoch davon gewusst. Tobias hatte davon gewusst. Tobias hatte all die Bücher gesehen, die sie gelesen hatte – ihre Mutter hatte erst vor Kurzem die Rechnung für ein Standardwerk über Solitärdelfine auf ihrem Tisch entdeckt und sie dafür gerügt, so viel Geld für »dieses unnütze Zeug« auszugeben. Und nun musste sie sich anhören, dass sie das alles nicht ernst nehmen konnten?

Laura fühlte sich auf einmal sehr allein und schöpfte dann zu ihrer eigenen Überraschung Kraft aus diesem Gefühl. Sie hatte sich jetzt Jahr um Jahr bemüht, alle Anforderungen zu erfüllen. Sie hatte ihre Wünsche immer wieder zurückgestellt – auch wenn Tobias und ihre Eltern nun so taten, als wären ihre Anstrengungen, das Abitur nachzumachen, der reine Spaß gewesen. Sahen sie nicht, was vorher gewesen war? Die Pflege der Schwiegermutter, die Jahre, in denen sie kaum aus dem Haus gekommen war … Wenn Tobias sie liebte, musste sie dann wirklich die Befürchtung hegen, ihr Mann könnte während ihrer Abwesenheit auf »dumme Gedanken« kommen?

Das Telefon klingelte erneut, als Laura aufstand, um im Wohnzimmer Ordnung zu machen. Tobias hatte seine Modellbauzeitschriften herumliegen lassen, Kathis Nagellack stand auf dem Tisch, und das Fläschchen war nicht richtig verschlossen … Nicht auszudenken, wenn der Lack auf das neue Sofa geflossen wäre. Oder?

Laura musste plötzlich lächeln. Wenn sie ehrlich sein sollte, wäre es ihr ziemlich egal. Man hätte dann eben eine Tagesdecke auf das Sofa legen müssen, die den Fleck verdeckte. Jedenfalls wäre es kein Grund gewesen, ein Drama daraus zu machen. Plötzlich empfand sie all die kleinen Katastrophen, die ihr Mann und ihre Eltern ihr ständig als welterschütternd vorhielten, als hausgemacht und unwichtig. Sie würde ausbrechen, würde endlich das tun, was ihr wichtig war. Niemand musste das verstehen – außer ihren Kindern. Aber denen konnte sie schließlich nicht früh genug vorleben, was es bedeutete, frei zu sein!

Laura ließ das Telefon klingeln und das Wohnzimmer unaufgeräumt. Dafür sprach sie am Abend mit Kathi und wurde umarmt.

»Komm, Mami, wir wissen doch, wie verrückt du auf Wale bist!«, erklärte ihre Tochter großzügig. »Du musst das jetzt machen, auch wenn Papa und Jonas ein bisschen sauer sind …«

»Jonas ist sauer?«, fragte Laura.

Das hörte sie das erste Mal, aber natürlich war ihr Jüngster beeinflussbar. Tobias’ schlechte Stimmung und vielleicht auch schon ein Gespräch mit seinen Großeltern hatten seine Meinung wohl geändert.

»Jonas befürchtet, wir müssten verhungern«, lachte Kathi. »Oma hat da schon furchtbare Szenarien entworfen …«

Laura stöhnte. »Ab morgen koche ich vor«, versprach sie. »Die Tiefkühltruhe wird proppenvoll sein, wenn ich fliege …«

Kathi schüttelte den Kopf. »Das wollen die doch nur«, erklärte sie hellsichtig. »Die wollen dir alle nur ein schlechtes Gewissen machen. Am besten hörst du gar nicht drauf und machst einfach dein Ding. Und wenn du dann mit dem Jahr fertig bist und Meeresbiologie studierst und groß Geld verdienst, dann kaufst du mir ein Pferd, ja?«

»Ein Pferd?« Der Gedankengang kam nun doch etwas zu plötzlich für Laura, obwohl sie natürlich wusste, dass bei Kathi im Moment jede Überlegung um ein Pferd kreiste.

»Oder einen Delfin!« Kathi lachte. »Kann man die nicht auch reiten? Das machen wir dann Weihnachten!«

KAPITEL4

Kathi hatte versprochen, beim Abschied am Frankfurter Flughafen nicht zu weinen, und tatsächlich war sie äußerst guter Dinge, als Laura sie schließlich am Gate in die Arme schloss. Sie hatte gerade die Nachricht erhalten, dass sie ihr Lieblingspferd im Reitstall auf einem Turnier reiten durfte, und dagegen verblasste die Trauer um den Weggang ihrer Mutter vollständig. Auch Jonas blieb gelassen, wobei Laura hier mit Bestechung gearbeitet hatte. Sie hatte die Tiefkühltruhe nicht nur mit vorgekochten Mahlzeiten gefüllt, sondern auch mit diversen Eisspezialitäten, die Jonas liebte.

»Das nehmt ihr euch dann zum Nachtisch, wenn Papa kocht!«, erklärte sie jetzt.

»Aber nur, wenn Papa richtig gekocht hat!«, bestimmte Kathi und zwinkerte ihrer Mutter zu. »Nicht, wenn er bloß was aufgewärmt hat.« Sie durchschaute die Strategie. »Ich passe auf, dass die zwei nicht schummeln!«

Zudem hatte die Erwähnung des Weihnachtsfestes, das die Kinder in Neuseeland zu verbringen hofften, dazu beigetragen, Jonas abzulenken. Er machte sich schon über Geschenke Gedanken.

»Wenn wir zweimal feiern, einmal in Deutschland und einmal am anderen Ende der Welt, dann muss es doch eigentlich auch zweimal Bescherung geben, oder?«, bemerkte er.

»Mindestens.« Laura lächelte.

Ihre Eltern würden die armen verwaisten Kinder garantiert besonders verwöhnen. Insofern war es nur Tobias, der fest entschlossen schien, seine Frau die Missbilligung bis zum letzten Augenblick spüren zu lassen. Er wirkte unnahbar und erwiderte Lauras Umarmung nicht, als sie ihn zum Abschied küsste. Sie konnte nur hoffen, dass er nicht noch einen Streit vom Zaun brach.

»Wir skypen!«, beschied sie ihn schließlich und tat, als müsste sie sich beeilen. Auf keinen Fall wollte sie ihm die Chance geben, noch einmal Grundsatzfragen zu stellen und zwischen Tür und Angel zu diskutieren. »Wir sehen uns. Versprochen!«

Tobias rang sich ein halbherziges Lächeln ab, und die Kinder winkten noch, bis Laura die Sicherheitskontrolle durchlaufen hatte. Laura kämpfte schon wieder mit ihren Schuldgefühlen, denn sie war richtiggehend erleichtert, den Abschied endlich hinter sich zu haben. Rastlos strich sie zwischen den Geschäften im Abflugbereich umher und gehörte dann zu den Ersten, die sich am Abfluggate der Maschine nach Singapur anstellten. Sie atmete auf, als Pass und Bordkarte ein letztes Mal kontrolliert waren, hastete in die Maschine und brach in Tränen aus, nachdem sie ihr Handgepäck weisungsgemäß verstaut und ihren Sitz am Fenster eingenommen hatte. Dabei hatte sie keine Ahnung, warum sie weinte. War es Erschöpfung?

Die letzten Wochen in Köln waren hart gewesen. Abgesehen von Kathi hatte es niemanden in ihrer Bekanntschaft gegeben, der Verständnis oder gar Begeisterung für ihre Reise aufgebracht hatte. Es rächte sich jetzt, dass Laura die Zeit in der Abendschule nicht genutzt hatte, um neue, eigene Freundschaften zu knüpfen. Um Tobias nicht über Gebühr zu belasten, war sie niemals mit ihren Mitschülern nach dem Unterricht noch etwas trinken gegangen, hatte sich auch nicht in Lerngruppen mit ihnen getroffen. Nun wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass all ihre Freunde und Bekannten eigentlich eine engere Beziehung zu Tobias hatten. Ihr später Schulbesuch war in dieser Clique nie ein Thema gewesen, aber dass sie nun vorhatte, ihre Familie ein Jahr lang zu verlassen, um auf der anderen Seite der Welt Meeressäuger beobachten zu können, war bestenfalls auf geheuchelte Bewunderung gestoßen. Oft hatte Laura zunächst Bemerkungen gehört wie »Du traust dich was!« und dann mitbekommen, wie Tobias wortreich bedauert wurde. Lächelnd hatten seine Freunde von Selbstverwirklichung gesprochen, die ihre eigenen Frauen erfreulicherweise in Malkursen oder in Schreibwerkstätten fanden und nicht gleich am Ende der Welt. »Du machst uns zum Gespött der Leute«, war zu einem von Tobias ebenso wie von ihren Eltern häufig wiederholten Statement geworden. Dabei hatte Laura sich abgerackert, um wie versprochen die Tiefkühltruhe mit Vorgekochtem zu füllen, sie hatte ein großes Gartenfest zu Tobias’ fünfunddreißigstem Geburtstag gegeben. Sie hatte ihre Eltern zum Grillen eingeladen und versucht, sie irgendwie mit ihrer Reise zu versöhnen. Kathi hatte längst gelernt, wie man Waschmaschine und Trockner füllte und Spaghetti Bolognese zubereitete. Niemand sollte sagen, dass Laura ihre Pflichten vernachlässigte …

Und nun saß sie also im Flugzeug und weinte – was für ein Anfang!

Du kannst immer noch zurück …Sag Tobias, dass es dir leidtut, und steig einfach nicht in dieses Flugzeug! Sie meinte, die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter zu hören – sie hatte am Tag zuvor noch mit ihr telefoniert. Auch dieses Mal hatte sie keine versöhnlichen Worte gefunden.

Laura schaute hinaus auf die regennasse Flugbahn. Hier begann in ein paar Wochen der Herbst … in Neuseeland der Frühling. Sie atmete tief durch – und empfand plötzlich wieder die überschäumende Freude, von der sie erfasst worden war, als sie damals die Anzeige von Eco-Adventures im Internet gelesen hatte.

Nein, es tat ihr nicht leid! Nichts tat ihr leid, und um nichts in der Welt würde sie dieses Flugzeug wieder verlassen. Laura fühlte sich leicht und glücklich, als der Flieger schließlich abhob und sich durch die Wolken schob, um seinen langen Flug zu beginnen.

Die Reise nach Neuseeland war genauso entsetzlich lang und anstrengend, wie Laura es sich vorgestellt hatte. Als sie nach acht Stunden endlich in Singapur landeten, beneidete sie beinahe die Touristen, die hier zu einem zwei- oder dreitägigen Stopover Rast machten. Der Zoo und der Botanische Garten, so hieß es, sollten wunderschön sein. Andererseits gab es in Singapur keine Wale, und Laura brannte darauf, ihr Traumland Neuseeland endlich zu erreichen. Sie schaffte es allerdings kaum, auf dem zweiten Flug ein bisschen zu schlafen, und fühlte sich entsprechend gerädert, als sie endlich in Auckland ankam. Die Einreiseformalitäten waren schnell abgewickelt. Als Laura auf ihre Koffer wartete, hoffte sie, dass der Transport zum Hotel ebenso reibungslos klappte. Da hätte sie sich jedoch keine Sorgen machen müssen – Eco-Adventures war hervorragend organisiert. Gleich am Ausgang der Gepäckausgabe wartete ein junger Mann, der ein Schild mit ihrem Namen hochhielt.

»Laura?«, begrüßte er sie gleich vergnügt mit dem Vornamen, als sie auf ihn zuging. »Schön, dass du da bist! Du bist die Letzte, die anderen sind alle schon im Bus. Warte, ich nehme deinen Koffer.«

Auf dem Weg zum Bus erfuhr Laura, dass der junge Mann David hieß, sich Dave nennen ließ und für Eco-Adventures als Surflehrer arbeitete. Jetzt im Winter war an den Stränden allerdings nicht viel los, und so half er zurzeit als Fahrer und Dozent bei der Einweisung der Saisonkräfte aus. In Deutschland, so erklärte er, habe er auch schon mal gearbeitet, und er probierte gleich ein paar Vokabeln bei ihr aus. Laura nickte anerkennend zu »Guten Tag«, »Bitte ein Bier!« und »Auf Wiedersehen«.

Die anderen Neuankömmlinge, die in dem mit dem bunten Logo von Eco-Adventures geschmückten Kleinbus warteten, wirkten nicht so aufgeschlossen wie Dave. Entweder fühlten sie sich noch mehr gerädert als Laura, oder sie machten sich wenig Mühe, ihre Erschöpfung zu verbergen. Sie setzte sich und grüßte eine junge Frau mit karottenrotem, teils streichholzkurzem, teils schulterlangem Haar, die es sich auf der anderen Seite des Ganges auf zwei Sitzen bequem gemacht hatte.

»Ich bin Kiki«, sagte sie gähnend und rang sich ein schiefes Lächeln ab. Ihre Augen unter den langen, tiefschwarz getuschten Wimpern waren von entwaffnendem Babyblau.

»Laura«, stellte Laura sich vor, was Kiki nickend zur Kenntnis nahm.

Gleich darauf schloss Kiki die Augen und begann, leise zu schnarchen. Sie wachte auch nicht auf, als Dave sich jetzt ans Steuer setzte, losfuhr und versuchte, wenigstens ein bisschen Leben in seine Passagiere zu bringen.

»Wo seid ihr alle her?«, fragte er fröhlich. Drei der acht jungen Leute kamen aus Australien. Neben Laura und Kiki gab es zwei weitere Deutsche, und zwei junge Mädchen stammten aus England. »Langer Flug!«, bemerkte Dave mitfühlend, woraufhin alle bestätigend gähnten. Laura war schließlich die Einzige, die er zu einem Gespräch anregen konnte. Sie sagte nicht viel, hörte ihm aber gern zu, als er ausführte, dass Auckland die größte Stadt Neuseelands sei, ein Paradies für Segler und Firmensitz von Eco-Adventures. »Jedenfalls, seit die Firma so groß geworden ist«, erklärte Dave. »Der alte Kore, der Gründer, sitzt in Paihia und kann es nicht fassen, wie schnell das Unternehmen wächst. Aber in Neuseeland boomt einfach der Abenteuertourismus, die Leute kommen her, um etwas zu erleben. Und Eco-Adventures bietet alles: vom Wandern auf den berühmten Trails über Tierbeobachtung bis zu den neuen Funsportarten. Man kann die Touren einzeln buchen oder sich ein Paket zusammenstellen lassen. Auf Wunsch stellt die Firma sogar private Tour Guides, die bringen dann auch weniger sportliche Leute über den Milford Track.« Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Laura erzählte, dass sie sich eigentlich nur für Wale interessiere und hoffe, in Kaikoura eingesetzt zu werden. »Da gibt’s die großen Pottwale und Buckelwale …«, sagte sie sehnsüchtig, »das wäre einfach ein Traum.«

Sie hoffte, dass dort dann auch das Wetter besser war … Sie musste sich eingestehen, etwas enttäuscht von Auckland zu sein. Die leuchtend bunte und einladende City of Sails, von der in ihrem Reiseführer geschwärmt wurde, wirkte im frühabendlichen Nieselregen eher grau und langweilig – eine seelenlose Großstadt, wie es sie überall auf der Welt gab. Das karottenhaarige Dornröschen neben ihr verpasste jedenfalls nichts, bis Dave vor dem Hotel anhielt, einem schmucklosen Hochhaus, das eigentlich nur durch sein Gegenüber auffiel. Schreiend bunt wurde dort ein Sky Screamer beworben, eine Art Bungeevariante: Wer wollte, konnte sich in einer Gondel festschnallen lassen, die dann an Gummibändern sechzig Meter hoch in die Luft geschleudert wurde. Laura wurde schon vom Zusehen schlecht, eins der deutschen jungen Mädchen wurde dagegen umgehend wach, als es das Fahrgeschäft entdeckte.

»Geil …«, murmelte die zierliche Blonde. »Aber fünfzig Dollar pro Person …« Den Preis hatte sie offenbar auch gleich ausgemacht.

Laura fühlte sich alt.

»Abgefahren«, meinte auch Kiki, als Dave nun lauthals »Last Exit, Best Western Hotel!« ankündigte und damit auch die letzten seiner Passagiere aus dem Schlaf riss.

Immerhin brauchten sie ihre Koffer nicht weit zu schleppen, der Bus hielt direkt vor der Lobby des Hotels, und drinnen erwartete sie Mrs. Walker – Louise, wie sie sich jetzt vorstellte und gleich anfügte, dass man sich in Neuseeland allgemein mit dem Vornamen anspreche.

»Die einzige Ausnahme ist Mr. Kore«, verriet Dave rasch. »Der kann ganz heftig reagieren, wenn man es an Respekt mangeln lässt. Sollte er sich also herablassen, hier aufzulaufen: besser ein Kniefall zu viel als einer zu wenig.« Kiki kicherte.

Louise Walker begrüßte die Neuankömmlinge freundlich und geschäftsmäßig. Sie hielt eine Liste in der Hand, anhand derer sie alle auf die Zimmer verteilte.

»Ansonsten will ich Sie gar nicht lange aufhalten«, meinte sie. »Es gibt heute kein Programm mehr. Sie sind alle müde vom Flug, da nehmen Sie sowieso nichts auf. Ziehen Sie also einfach nur ein und schlafen Sie aus, morgen um zehn Uhr sehen wir uns dann im Kongressraum 4.«

Um zehn Uhr! Laura konnte ihr Glück kaum fassen. Sie würde bis mindestens acht Uhr schlafen können! Wenn der Jetlag es zuließ. Aktuell hatte sie das Gefühl, bis in die Unendlichkeit schlafen zu können, aber sie hatte schon gehört, dass es damit oft urplötzlich vorbei war, wenn man dann tatsächlich im Bett lag.

»Ach, da haben wir ja unsere Walliebhaberinnen!« Louise Walkers Lächeln bewies, dass sie sich gut an Laura erinnerte. »Laura Brandner … und Kristin Waltari …«

»Kiki bitte!«, unterbrach die junge Frau und grinste vergnügt. »Ist doch auch viel leichter auszusprechen …«

»Kiki«, korrigierte sich Louise. »Sie teilen sich jedenfalls ein Zimmer. Da Sie sich beide speziell für die Walbeobachtungstouren beworben haben, sollten Sie sich ja bestens verstehen.«

Kiki lächelte Laura zu. »Ich bin unkompliziert«, behauptete sie und schob ihren wilden Haarschopf zurück, der ihr links so ins Gesicht fiel, dass er die Stupsnase und den kleinen, dunkelrot geschminkten Mund fast verdeckte. »Dann lass uns mal los. Wie war die Nummer?«

Das Zimmer lag im achten Stock und war ziemlich groß. Es hatte sogar eine kleine Küche.

»Ob wir selbst kochen müssen?«, fragte Laura.

Kiki schüttelte den Kopf. »Hier nicht, hier ist ab morgen Vollverpflegung«, klärte sie ihre neue Kollegin auf. Offenbar hatte sie sich darüber schon informiert. »Später dann, in Kaikoura oder Paihia oder wo sie uns hinschicken … da schon. Und heute Abend gibt’s wohl auch nichts mehr. Mist, aber irgendwie brauch ich jetzt noch was Essbares. Ich glaub, ich hab da nebenan eine Pizzeria gesehen.«

Das kleine Lokal war Laura ebenfalls aufgefallen, und sie stimmte zu, kurz noch etwas zu essen, bevor sie ins Bett gingen. Es war immer noch relativ früh, gerade mal sieben Uhr, doch wie sich herausstellte, war das in Neuseeland die übliche Abendbrotzeit. Die beiden ergatterten gerade noch den letzten Tisch in der Pizzeria und bestellten außer Pizza zur Feier des Tages einen Wein. Dazu musste Laura Kiki allerdings einladen. Die junge Frau hatte nur sehr wenig Geld.

»Der Job ist ein Segen!«, erklärte sie mit vollen Backen kauend. »Ich wollte unbedingt nach Neuseeland, aber meine Eltern sind äußerst kleinlich mit der Kohle … Ich sollte lieber weiterstudieren, meinten sie … Das kann ich aber doch immer noch, jetzt will ich erst mal die Welt sehen. Ich …«

»Du warst schon kurz vor dem Abschluss eines Studiums?«, fragte Laura verwundert. Kiki sah eigentlich noch sehr jung aus, sie schätzte sie auf höchstens Anfang zwanzig.

Kiki zuckte die Schultern. »Ich will Tierheilpraktikerin werden«, erklärte sie. »Schwerpunkt Tierkommunikation. Doch als ich die ersten zwei Semester hinter mir hatte, hat blöderweise die Schule geschlossen, und die anderen Ausbildungsstätten waren meinen Eltern zu teuer. Ich sollte mich für Tiermedizin bewerben. Aber das dauert sechs Jahre! Und bis man da überhaupt mal ein Tier zu sehen bekommt … Also, ein lebendes … Tote seziert man wohl ziemlich früh.« Sie schüttelte sich. Als Heilpraktikerin hatte sie offenbar nicht mit Tierkadavern arbeiten müssen.

»Na, jetzt jobbst du ja erst mal«, meinte Laura aufmunternd. »Vielleicht kannst du dabei was sparen. Und du interessierst dich auch schwerpunktmäßig für Meeressäuger?«

»Ja, für Wale und Delfine. Das ist so was von abgefahren! Im Rahmen eines Seminars war ich auf Pico in Portugal mit Delfinen schwimmen. Und reden …«

»Reden?«, erkundigte sich Laura und erinnerte sich dann wieder daran, dass Kiki Tierkommunikation erwähnt hatte. Angeblich nahm man dabei telepathischen Kontakt zu Tieren auf. Kathi hatte das auch schon mit ihrem Lieblingspferd probiert, aber es schien nicht auf derselben Wellenlänge zu funken. Ihre Tochter hatte es natürlich nicht allzu ernst genommen, doch Kiki schien fest an parapsychologische Phänomene zu glauben. »Was … sagen sie denn so?«, fragte Laura.

»Viel!«, erklärte Kiki begeistert und stopfte ein weiteres Stück Pizza in den Mund. »Delfine sind sehr kommunikativ, man kann mit ihnen über alles und jedes reden. Ein ganz wichtiges Thema … also ein sehr zentrales Thema für sie ist natürlich der Weltfrieden.«

»Der … was?« Laura fühlte sich etwas schwindelig. Ich hätte nach dem langen Flug keinen Wein trinken sollen, dachte sie. Dann würde ich den Witz vielleicht besser verstehen. »Weil … das Sonar der Kriegsschiffe ihre Ortungsfähigkeit durcheinanderbringt?« Sie versuchte zu lächeln.

Kiki schüttelte den Kopf. »Nein … ja … Also, das ist natürlich schon ein Problem mit der Strahlung, aber die sind von Menschen ja noch ganz andere Irrwege gewöhnt … Nein, die Wale sorgen sich um uns alle, um die ganze Tierwelt und Menschheit … Sie würden so gern vermitteln …«

Laura beschloss, nicht weiter zu fragen. Sie war entschieden zu müde, um Kiki zu erklären, dass Sonare nichts mit Strahlung zu tun hatten, sondern eher das Echoprinzip nutzten, und erst recht hatte sie keine Lust, jetzt noch ein Streitgespräch darüber anzufangen, ob Meeressäuger wirklich eine Meinung zu weltpolitischen Fragen hatten oder nicht. Und wenn, ob es dann verschiedene Standpunkte gab oder ob sie alle einer Meinung waren. In Lauras Kopf begann ein konservativer Buckelwal ein Streitgespräch mit einem friedensbewegten Delfin. Sie musste trotz ihrer Erschöpfung lachen.

»Lass uns morgen weiter drüber reden«, beschied sie Kiki, die sie jetzt fast ein wenig beleidigt ansah. Offenbar fühlte sie sich nicht ernst genommen.

Laura fragte sich, wie viel von ihren seltsamen Ideen und Vorerfahrungen sie wohl Louise Walker beim Einstellungsgespräch enthüllt hatte. Aber über all das musste sie jetzt nicht mehr nachdenken. Sie reichte der Bedienung der Pizzeria ihre Kreditkarte, während Kiki ein paar Neuseelanddollars für ihre vegetarische Pizza hervorkramte, und war dann nur noch froh, sich für das nächstgelegene Lokal entschieden zu haben.

Im Sky Screamer gegenüber ließen sich gerade die letzten Gäste in die Luft schleudern. Abenteuertourismus, dachte Laura. Ihr Abenteuer würde am kommenden Morgen beginnen.

KAPITEL5

Laura schlief die ganze Nacht über tief und fest. Sie erwachte erst um kurz nach acht am nächsten Morgen, als Kiki den Wasserhahn in der Dusche aufdrehte. Trotzdem hatte sie noch reichlich Zeit, sich frisch zu machen und das recht abwechslungsreiche Frühstücksbuffet im Souterrain des Hotels zu genießen.

»Hoffentlich wird das kein Tag in klimatisierten Räumen«, sagte Kiki und gab geröstete Pilze und Tomaten auf ihren Toast. »Das ist sehr ungesund für die Aura …«

Laura nahm das gelassener. Ihr hatte schon der morgendliche Blick aus dem Fenster genügt, um festzustellen, dass der Himmel über Auckland an diesem Tag wieder genau wie am vorherigen von grauen Wolken verhangen war. Es regnete vielleicht gerade nicht, aber auf frische Luft konnte sie bei diesem Wetter gut verzichten. Vor dem Frühstück hatte sie sich an der Rezeption mit den Zugangsdaten fürs Internet versorgt, und so schaffte sie es, noch eine Mail nach Hause zu schicken, bevor sie pünktlich um zehn, mit Kugelschreiber und Notizblock ausgestattet, den Konferenzraum betrat.

Dort herrschte bereits reges Treiben. Offenbar beschäftigte Eco-Adventures deutlich mehr Saisonkräfte und Jahrespraktikanten, als sie gedacht hatte. Insgesamt waren es sicher um die fünfzig junge Leute, die sich hier versammelt hatten − alle zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, sportlich und auch so gekleidet. Lediglich ein paar junge Männer trugen zu große, weite Jeans, Holzfällerhemden und Sonnenbrillen, wohl um cool zu wirken oder weil sie glaubten, sich so dem Land schon mal äußerlich anzupassen. Verschlafen wirkte niemand mehr – im Gegenteil, alle schienen hoch motiviert und begrüßten Louise Walker mit Applaus, als sie aufs Podium trat.

Louise wiederholte noch einmal ihre freundlichen Begrüßungsworte vom Abend zuvor und gab einen kurzen Überblick über den Ablauf der nächsten Stunden. Den Anfang machte ein kurzer Abriss der Unternehmensgeschichte von Eco-Adventures.

»In den Achtzigerjahren wuchs das Interesse des internationalen Tourismus an Neuseeland allgemein und der Bay of Islands insbesondere«, erklärte Louise. »Balthasar Kore, der Gründer von Eco-Adventures, besaß damals ein Fischerboot und nahm die Gäste auf Angelausflüge mit. Daraus entwickelten sich dann Ausflugsfahrten zu den Inseln, Sightseeing und Angebote, diverse Wassersportarten in der Bay of Islands zu betreiben und zu erlernen. Mr. Kore schaffte mehr Boote an und später auch Busse. Er organisierte Tagesfahrten zum Cape Reinga und zum Kauri-Wald. Insofern war man perfekt gerüstet, als in den Neunzigern das Whale Watching beliebt wurde. Mr. Kore konnte sofort diverse Beobachtungsfahrten sowohl auf der Nordinsel als auch auf der Südinsel anbieten. Eco-Adventures wurde schnell zum erfolgreichsten Tourismusunternehmen in Neuseeland. In den vergangenen Jahren kamen dann noch die sogenannten Funsportarten hinzu – Jetboat-Fahren, Riverrafting, Bungee-Jumping. Ich lege Wert darauf zu erwähnen, dass wir streng auf Umweltschutz achten – Mr. Kore ist Maori, wie Sie dem Namen vielleicht entnommen haben, und fühlt sich wie sein gesamtes Volk dem Schutz des Ökosystems unserer Inseln verbunden. Weiterhin achten wir auf Einhaltung höchster Sicherheitsstandards – Mr. Kore kann stolz von sich sagen, dass es in dreißig Jahren Eco-Adventures zu keinem einzigen schweren oder gar tödlichen Unfall gekommen ist. Wir führen das auch auf die hervorragende Schulung unserer Mitarbeiter zurück – und damit entlasse ich Sie gleich in unseren ersten Unterrichtsblock: Sicherheitsrichtlinien …«

Bald schwirrte Laura der Kopf von gesetzlichen, aber auch firmeninternen Regelungen bezüglich der Sicherheit der Kunden von Eco-Adventures. Es war nicht einfach, all diesen Erklärungen auf Englisch zu folgen, Laura stellte dennoch stolz fest, dass viele ihrer Mitstreiter erheblich größere Schwierigkeiten hatten als sie. Besonders die französischen jungen Mädchen wirkten hilflos. Kiki dagegen hatte keinerlei Probleme. Sie schwatzte in der Mittagspause lebhaft mit zwei australischen Studentinnen. Sprachbarrieren schien es für sie nicht zu geben.

»Ich war schon zweimal zu Tierkommunikationskursen in den USA«, verriet sie, als Laura sie danach fragte. »Schon vor dem Abi, in den Ferien …«

Laura schloss daraus, dass Kikis Eltern den Geldhahn wohl erst vor kurzer Zeit zugedreht hatten.

Kiki redete eifrig auf ihre neuen Freundinnen ein, und Laura fragte sich, was die Australierinnen wohl zu den sprechenden Delfinen sagten. Vielleicht waren Wale, Delfine und der Weltfrieden zwischen drei jungen Leuten aber auch kein Thema, das sie beim Mittagessen diskutierten.

Am Nachmittag wurde es praktischer. Es gab einen Erste-Hilfe-Kurs, und die neuen Mitarbeiter lernten, wie man Schwimmwesten anlegte und Seenotrettungsübungen durchführte. Befragungen zur gesundheitlichen Ausgangslage der potenziellen Abenteurer wurden geübt und die Auswertung der Fragebögen diskutiert.