Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Das Juwel - Die Gabe E-Book

Amy Ewing  

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E-Book-Beschreibung Das Juwel - Die Gabe - Amy Ewing

Violet lebt in Armut, aber sie hat eine besondere Gabe. Eine Gabe, die ihre Chance und ihr Fluch zugleich ist … Violet Lasting ist etwas Besonderes. Sie kann durch bloße Vorstellungskraft Dinge verändern und wachsen lassen. Deshalb wird sie auserwählt, ein Leben im Juwel zu führen. Sie entkommt bitterer Armut und wird auf einer großen Auktion an die Herzogin vom See verkauft, um bei ihr zu wohnen. Eine faszinierende, prunkvolle Welt erwartet sie. Doch das neue Leben fordert ein großes Opfer von ihr: gegen ihren Willen und unter Einsatz all ihrer Kraft soll sie der Herzogin ein Kind schenken. Wie soll Violet in dieser Welt voller Gefahren und Palastintrigen bestehen? Als sie sich verliebt, setzt sie nicht nur ihre eigene Freiheit aufs Spiel. Dieser überwältigende Fantasyroman entführt uns in eine Welt voller Glanz und voller Dunkelheit. Eine Welt, in der eine Gabe ein Fluch sein kann.

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E-Book-Leseprobe Das Juwel - Die Gabe - Amy Ewing

Amy Ewing

Das Juwel - Die Gabe

Band 1

Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

FISCHER E-Books

Inhalt

Das JuwelWidmung123456789101112131415161718192021222324252627282930Danksagung

Für Jess. Für alles.

1

Heute ist mein letzter Tag als Violet Lasting.

So früh am Morgen sind die Straßen im Sumpf noch ruhig, man hört nur das Stapfen eines Esels und das Klirren von Glasflaschen, als ein Milchkarren vorbeifährt. Ich schlüpfe unter der Bettdecke hervor und ziehe mir den Bademantel über das Nachthemd. Der dunkelblaue Mantel, durchgescheuert an den Ellenbogen, hat früher meiner Mutter gehört. Er war mir immer zu groß, die Ärmel reichten über die Finger, der Saum schleifte über den Boden. In den letzten Jahren aber bin ich hineingewachsen – jetzt passt er mir so wie früher ihr. Ich liebe ihn. Der Bademantel gehörte zu den wenigen Habseligkeiten, die mir in Southgate nicht abgenommen wurden. Ich konnte von Glück sagen, überhaupt so viel mitnehmen zu dürfen. Die anderen drei Verwahranstalten sind deutlich strenger; in Northgate ist überhaupt nichts erlaubt.

Ich drücke das Gesicht gegen die geschwungenen schmiedeeisernen Stäbe vor meinem Fenster. Sie stellen eine Rose dar – als ob uns das hübsche Muster nicht dennoch einsperren würde.

Die unbefestigten Straßen glänzen mattgold im frühen Licht; fast kann ich mir einbilden, sie wären aus einem edlen Material. Die Beschaffenheit des Bodens hat dem Sumpf seinen Namen gegeben – Steine, Beton, Asphalt gingen in die reicheren Kreise der Stadt; für den Sumpf blieb nur der schwere braune Lehm, der nach Salz und Schwefel riecht.

Meine Nerven flattern wie kleine Flügel. Heute werde ich meine Familie sehen, zum ersten Mal seit vier Jahren. Meine Mutter, meinen Bruder Ocker und die kleine Hazel. Wahrscheinlich ist sie gar nicht mehr so klein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie mich überhaupt sehen wollen, ob ich nicht eine Fremde für sie geworden bin. Habe ich mich sehr verändert? Ich kann mich nicht richtig erinnern, wie ich früher war. Was ist, wenn sie mich nicht wiedererkennen?

Mit einem ängstlichen Pochen in der Brust beobachte ich, wie in der Ferne die Sonne langsam über der Großen Mauer aufgeht, die die Einzige Stadt umgibt. Die Mauer, die uns vor dem wilden Meer dahinter schützt. Die uns Sicherheit bietet. Ich liebe Sonnenaufgänge noch mehr als Sonnenuntergänge. Irgendwie ist es aufregend, wenn die Welt in tausend Farben zum Leben erwacht. Hoffnungsvoll. Ich bin dankbar, diesen Sonnenaufgang erleben zu können. Ein Himmel in Rosa und Lila, der von rotgoldenen Streifen durchzogen wird. Ob ich so etwas wohl auch sehen werde, wenn ich mein neues Leben im Juwel begonnen habe?

Manchmal wünsche ich mir, nicht als Surrogat geboren worden zu sein.

 

Als Patienza mich abholt, liege ich, immer noch im Bademantel, zusammengerollt auf dem Bett und präge mir mein Zimmer ein. Es ist nicht groß: ein kleines Bett, ein Wandschrank und eine Kommode aus verblichenem Holz. Mein Cello lehnt in der Ecke. Eine Vase auf der Kommode wird jeden zweiten Tag mit frischen Blumen gefüllt, daneben liegen eine Bürste, ein Kamm, mehrere Haarbänder und eine alte Kette mit dem Ehering meines Vaters. Meine Mutter schenkte ihn mir, nachdem die Ärzte mich untersucht hatten. Kurz darauf kamen die Soldaten und holten mich ab.

Auch wenn vier Jahre vergangen sind: Ob ihr der Ring wohl gefehlt hat? Ob ich ihr wohl gefehlt habe, so wie sie mir? Die Ungewissheit liegt mir wie ein Stein im Magen.

Seit ich damals herkam, hat sich dieses Zimmer nicht sonderlich verändert. Keine Bilder. Kein Spiegel. Spiegel sind in den Anstalten nicht erlaubt. Das einzig Persönliche ist mein Cello – und das gehört eigentlich gar nicht mir, sondern Southgate. Wer wohl darauf spielen wird, wenn ich nicht mehr da bin? Komisch, aber ich glaube, dieses Zimmer wird mir fehlen, so langweilig und steril es auch ist.

»Wie kommst du zurecht, Schätzchen?«, fragt Patienza. Sie gibt uns immer Kosenamen, »Schätzchen«, »Mäuschen«, »Lämmchen«. Als hätte sie Angst, unsere richtigen Namen zu benutzen. Vielleicht will sie sich einfach nicht zu sehr an uns gewöhnen. Sie ist schon sehr lange Betreuerin in Southgate. Wahrscheinlich hat sie schon Dutzende von Mädchen in diesem Zimmer gesehen.

»Mir geht’s gut«, lüge ich. Es ist sinnlos, ihr zu sagen, wie es wirklich um mich bestellt ist – dass meine Haut kribbelt und ich ein schweres Gewicht ganz tief in mir spüre.

Ihr Blick prüft mich vom Scheitel bis zur Sohle, sie spitzt die Lippen. Patienza ist eine pummelige Frau mit grauen Strähnen im dünnen dunklen Haar. Ihre Miene ist so leicht zu deuten, dass ich errate, was sie sagen will, noch bevor sie den Mund aufmacht.

»Willst du das wirklich anlassen?«

Ich nicke, reibe den weichen Stoff des Bademantels zwischen Daumen und Zeigefinger und springe aus dem Bett. Surrogat zu sein hat auch seine Vorteile. Wir dürfen uns kleiden, wie es uns gefällt, dürfen essen, was uns schmeckt, dürfen am Wochenende lange schlafen. Wir bekommen eine Ausbildung. Eine gute Ausbildung. Wir werden mit frischen Nahrungsmitteln und Wasser versorgt, haben immer Strom und müssen niemals arbeiten. Armut soll für uns ein Fremdwort sein – und die Betreuerinnen erzählen uns, dass es uns noch bessergehen wird, wenn wir erst mal im Juwel leben.

Nur Freiheit werden wir nicht haben. Davon ist nie die Rede.

Patienza verlässt mein Zimmer, ich folge ihr. Die Korridore der Verwahranstalt Southgate sind mit Teak- und Palisanderholz getäfelt; an den Wänden hängt Kunst, bunte Farben, nichts Gegenständliches. Alle Türen sehen gleich aus, dennoch weiß ich, zu welcher wir gehen. Patienza weckt uns nur, wenn wir einen Arzttermin haben, wenn es einen Alarm gibt oder wenn der Tag der Bilanz gekommen ist. In diesem Stockwerk gibt es außer mir nur ein Mädchen, das morgen zur Auktion geht. Meine beste Freundin, Raven.

Ihre Tür steht offen, Raven ist schon angezogen. Sie trägt eine hochtaillierte braune Hose und einen weißen Pulli mit V-Ausschnitt. Ich weiß nicht, ob Raven hübscher ist als ich, denn ich habe mein Spiegelbild seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Aber ich würde schon behaupten, dass sie eins der schönsten Surrogate in Southgate ist. Wir haben beide schwarze Haare, aber das von Raven ist relativ kurz, glatt und glänzend, während mir meins in Wellen bis auf den Rücken reicht. Ravens Haut hat einen satten Karamellton, ihre Augen sind mandelförmig und fast so dunkel wie ihr Haar. Ihr Gesicht ist ein perfektes Oval. Sie ist größer als ich, und das will schon etwas heißen. Ich habe einen elfenbeinfarbenen Teint, ein starker Kontrast zu meinen Haaren, und violette Augen. Um das zu wissen, brauche ich keinen Spiegel. Ich wurde nach meinen Augen benannt.

»Großer Tag heute, hm?«, sagt Raven zu mir und gesellt sich zu uns in den Gang. »Das willst du heute anziehen?«

Ich überhöre ihre Frage. »Morgen wird ein noch größerer Tag.«

»Stimmt, aber morgen können wir uns nicht aussuchen, was wir tragen. Und danach auch nicht mehr. Also … eigentlich nie wieder.« Sie schiebt sich eine Strähne hinters Ohr. »Ich hoffe, dass ich bei derjenigen, die mich kauft, in Hosen herumlaufen darf.«

»Da würde ich mir keine allzu großen Hoffnungen machen, Spätzchen«, sagt Patienza.

Ich muss ihr zustimmen. Das Juwel scheint kein Ort zu sein, wo Frauen Hosen tragen, höchstens vielleicht die Dienstmädchen, die im Verborgenen arbeiten. Selbst wenn wir von einer Kaufmannsfamilie aus der Bank ersteigert würden, wären Kleider wahrscheinlich die Aufmachung der Wahl.

Die Einzige Stadt ist in fünf Kreise unterteilt, die jeweils durch Mauern voneinander getrennt sind. Außer dem Sumpf tragen alle eingängige Bezeichnungen, abgeleitet von der dort vorherrschende Erwerbstätigkeit. Der Sumpf ist der äußerste Ring, der ärmste. Dort gibt es keine Industrie, dort stehen die Unterkünfte der meisten Arbeiter, die in den anderen Kreisen ihr Geld verdienen. Der vierte Kreis ist die Farm, wo die Lebensmittel produziert werden. Dann kommt der Schlot, wo die Fabriken stehen. Der zweite Kreis nennt sich Bank, weil dort die ganzen Kaufleute ihre Geschäfte haben. Und dann gibt es den innersten Kreis, das Juwel. Das Herz der Stadt. Dort leben die Angehörigen des Adels. Und dort werden ab morgen auch Raven und ich leben.

Wir folgen Patienza die breite Holztreppe hinunter. Düfte von frisch gebackenem Brot und Zimt wehen aus der Küche zu uns herauf. Sie erinnern mich daran, dass meine Mutter an meinem Geburtstag Zimtschnecken backte, ein Luxus, den wir uns nur selten leisten konnten. Jetzt kann ich Zimtschnecken essen, wann immer ich will, aber sie schmecken nicht mehr so gut wie früher.

Wir kommen an einem Klassenzimmer vorbei – die Tür ist offen, ich verharre kurz, um hineinzusehen. Die Mädchen sind noch jung, wahrscheinlich erst elf oder zwölf Jahre. Neuankömmlinge. So wie ich damals. Damals, als Auspizium lediglich ein Wort war und bevor mir erklärt wurde, dass ich etwas Besonderes bin, so wie alle Mädchen in Southgate. Dass wir durch eine Abweichung im Genpool die Fähigkeit besitzen, den Adel zu retten.

Die Mädchen sitzen an Pulten, neben ihnen stehen kleine Eimer, vor ihnen liegen säuberlich gefaltete Taschentücher. Fünf rote Bauklötze sind vor jeder Schülerin aufgereiht. Eine Betreuerin sitzt an einem großen Schreibtisch und macht sich Notizen. Hinter ihr an der Tafel steht das Wort GRÜN. Die Kinder üben das erste Auspizium, Farbe. Halb lächele, halb zucke ich zusammen bei der Erinnerung an all die Male, die ich diesen Test ablegen musste. Ich beobachte das Mädchen, das mir am nächsten ist, und drehe einen imaginären Baustein in den Händen, während sie zu einem roten Klotz greift.

Erstens: Sieh es, wie es ist.

Zweitens: Stell dir vor, wie’s werden soll.

Drittens: Zwinge es in diese Form.

Von der Stelle, wo das Mädchen den Bauklotz berührt, breiten sich grüne Adern aus, kriechen wie Ranken über das rote Holz. Vor Anstrengung kneift sie die Augen zusammen, kämpft gegen den Schmerz. Wenn sie noch ein paar Sekunden länger durchhält, hat sie es geschafft. Aber der Schmerz ist zu groß, sie schreit auf und lässt den Baustein fallen. Die grüne Farbe bildet sich zurück, das Mädchen reißt den Eimer an sich und speit mit Blut vermischten Speichel aus. Mit dem Taschentuch wischt sie das aus ihrer Nase rinnende Blut ab.

Ich seufze. Das erste Auspizium ist das einfachste der drei, aber bisher ist es dem Mädchen lediglich gelungen, die Farbe von zwei Bauklötzen zu ändern. Das wird ein sehr langer Tag für die Arme werden.

»Violet!«, ruft Raven, und ich eile ihr nach.

Der Speisesaal ist nur zur Hälfte besetzt; die meisten Mädchen sind bereits in ihren Klassen. Als Raven und ich eintreten, verstummen alle Gespräche, Löffel und Tassen werden beiseitegelegt, und alle Mädchen im Saal stehen auf, verschränken zwei Finger ihrer rechten Hand und legen sie aufs Herz. Das ist Tradition am Tag der Bilanz; so werden die Surrogate gewürdigt, die anschließend zur Auktion aufbrechen. Auch ich habe das jedes Jahr getan, aber jetzt, da der Gruß an mich gerichtet ist, fühlt es sich seltsam an. Ich bekomme einen Kloß im Hals, meine Augen brennen. Raven neben mir verkrampft. Viele der Mädchen, die uns gerade grüßen, werden morgen selbst zur Auktion gehen.

Wir steuern auf unseren angestammten Tisch in einer Ecke bei den Fenstern zu. Ich beiße mir auf die Lippe, weil mir klarwird, dass dies sehr bald nicht mehr »unser« Tisch sein wird. Dies ist mein letztes Frühstück in Southgate. Morgen werde ich mit dem Zug fortgebracht werden.

Erst als wir uns gesetzt haben, nehmen auch die anderen wieder Platz und führen ihre Gespräche weiter, allerdings mit gesenkten Stimmen.

»Ich weiß ja, dass es eine Respektsbezeugung ist«, murmelt Raven. »Aber ich finde es unangenehm, sie entgegenzunehmen.«

Eine junge Betreuerin namens Prudenzia kommt mit einer silbernen Kaffeekanne zu uns herüber.

»Viel Glück morgen«, sagt sie schüchtern. Ich verziehe den Mund zu einem schwachen Lächeln. Raven erwidert nichts. Prudenzias Gesicht läuft leicht rot an. »Was kann ich euch zum Frühstück bringen?«

»Zwei Spiegeleier, Kartoffelrösti, Toast mit Butter und Erdbeermarmelade und Frühstücksspeck, gut durchgebraten, aber nicht verbrannt.« Raven rattert ihre Bestellung herunter, als wollte sie Prudenzia durcheinanderbringen. Was sie wahrscheinlich wirklich will. Raven ärgert gerne andere Leute, besonders wenn sie nervös ist.

Aber Prudenzia lächelt nur und nickt. »Und du, Violet?«

»Obstsalat«, sage ich. Prudenzia huscht in die Küche. »Willst du das wirklich alles essen?«, frage ich Raven. »Ich habe das Gefühl, mein Magen ist über Nacht geschrumpft.«

»Du machst dir immer viel zu viele Gedanken«, erwidert sie und schaufelt zwei gehäufte Teelöffel Zucker in ihren Kaffee. »Davon bekommst du noch ein Magengeschwür!«

Ich trinke einen Schluck Kaffee und mustere die anderen Mädchen im Speisesaal, besonders die, die ebenfalls zur Auktion müssen. Manchen steht ins Gesicht geschrieben, dass ihnen genauso zumute ist wie mir. Sie sehen aus, als würden sie am liebsten wieder ins Bett kriechen und sich unter der Decke verstecken. Andere Mädchen plappern vor Aufregung. Ich habe nie so recht verstanden, wie man den Betreuerinnen ihre ganzen Märchen abkaufen kann – dass wir Surrogate unglaublich wichtig sind und eine uralte, erhabene Tradition aufrechterhalten. Einmal fragte ich Patienza, warum wir denn nicht wieder nach Hause zurückkehren könnten, wenn wir geboren hätten, worauf sie sagte: »Ihr seid dem Adel zu lieb und teuer. Sie möchten für den Rest des Lebens für euch sorgen. Ist das nicht wunderbar? Sie sind alle so großzügig.«

Ich antwortete, ich wäre lieber bei meiner Familie, als die Großzügigkeit des Adels zu genießen. Das gefiel Patienza nicht besonders.

Plötzlich schreit ein kleineres, unscheinbares Mädchen am Nebentisch vor Schmerz und Schreck auf, denn ihr Wasserglas verwandelt sich in Eis. Sie lässt es fallen, es zerspringt auf dem Boden. Das Mädchen bekommt Nasenbluten, greift zu einer Serviette und flüchtet aus dem Speisesaal. Eine Betreuerin eilt mit einem Kehrblech herbei.

»Bin ich froh, dass mir das nicht mehr passiert«, bemerkt Raven.

Am Anfang sind die Auspizien nur schwer in den Griff zu kriegen, und der Schmerz ist immer am schlimmsten, wenn man nicht mit ihm rechnet. Als ich das erste Mal Blut spuckte, glaubte ich sterben zu müssen. Nach ungefähr einem Jahr wurde es besser. Jetzt habe ich nur hin und wieder Nasenbluten.

»Weißt du noch, wie ich den ganzen Korb mit Erdbeeren blau gemacht habe?«, fragt Raven und muss fast lachen.

Bei der Erinnerung schüttele ich mich. Zuerst war es ja lustig, aber sie konnte nicht mehr damit aufhören – alles, was sie berührte, wurde blau, einen ganzen Tag lang. Raven wurde schwer krank, sie musste auf die Isolierstation.

Ich beobachte, wie sie ruhig Milch in ihren Kaffee gibt, und frage mich, wie ich ohne sie leben soll.

»Hast du schon deine Losnummer bekommen?«, frage ich.

Der Löffel klirrt in ihrer Tasse, ganz kurz zittert ihre Hand. »Ja.«

Die Frage ist dumm – jeder von uns wurde am Vorabend ihre Losnummer zugeteilt. Aber ich will wissen, welche Raven bekommen hat. Ich will wissen, wie lange ich noch mit meiner besten Freundin zusammen sein kann.

»Und?«

»Los 192. Und du?«

Ich atme aus. »197.«

Raven grinst. »Sieht aus, als wären wir begehrte Ware.«

Die Anzahl der versteigerten Surrogate variiert von Auktion zu Auktion, aber vorher wird eine Reihenfolge festgelegt. Die letzten zehn sind dem Vernehmen nach von bester Qualität und dementsprechend begehrt. In diesem Jahr stehen so viele zur Versteigerung wie schon lange nicht mehr: 200 Surrogate.

Eigentlich ist mir nicht so wichtig, welche Nummer ich habe. Ich wäre lieber bei einem netten Paar als bei einem reichen. Aber unsere Zahlen bedeuten, dass Raven und ich bis zum Ende beisammen sein werden.

Als drei weitere Mädchen den Saal betreten, verstummen wieder alle Gespräche. Zusammen mit den anderen stehen Raven und ich auf und grüßen die drei, die morgen mit uns in den Zug steigen werden. Zwei von ihnen steuern auf den Tisch unter dem Kronleuchter zu, aber die Dritte, eine zierliche Blondine mit großen blauen Augen, hüpft zu uns herüber.

»Morgen, Mädels!«, ruft Lily überschäumend vor Freude. Sie lässt sich auf einen Polsterstuhl fallen, eine Klatschzeitschrift in den Händen. »Seid ihr nicht auch total aufgeregt? Oh, ich bin ja so gespannt! Morgen bekommen wir endlich das Juwel zu sehen! Könnt ihr euch das vorstellen?«

Ich mag Lily, auch wenn sie überdreht ist und zu der Kategorie begeisterter Mädchen gehört, die ich nicht verstehen kann. Sie stammt aus keiner besonders guten Familie im Sumpf. Ihr Vater hat sie früher geschlagen, ihre Mutter war Alkoholikerin. Die Diagnose, ein Surrogat zu sein, war für sie tatsächlich eine Wendung zum Besseren.

»Es wird auf jeden Fall eine Abwechslung sein«, bemerkt Raven trocken.

»Genau!« Ihr Sarkasmus entgeht Lily völlig.

»Besuchst du heute auch deine Familie?«, frage ich sie. Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass sie ihre Verwandten sehen will.

»Patienza hat gesagt, ich muss nicht, aber meine Mutter würde ich doch gerne wiedersehen«, sagt Lily. »Und sie meinte, ich könnte mich von Soldaten begleiten lassen, damit mein Vater mir nichts tun kann.« Sie lächelt selig, und ich verspüre einen Stich des Mitleids.

»Hast du deine Losnummer bekommen?«, frage ich.

»Ähm, ja, 53, das ist doch unglaublich! Von 200! Wahrscheinlich lande ich bei irgendeiner Kaufmannsfamilie in der Bank.« Jedes Jahr erlaubt das Fürstenhaus einer bestimmten Anzahl von Familien aus der Bank, die Auktion zu besuchen, aber sie dürfen nur auf Surrogate mit niedrigen Losnummern bieten. In der Bank sind Surrogate nicht ganz so wichtig wie in den Adelshäusern – die Frauen der Bank können selbst Kinder zur Welt bringen. Für sie sind wir nur ein Statussymbol. »Und welche Zahlen habt ihr?«

»192«, sagt Raven.

»197.«

»Ich wusste es! Ich wusste, dass ihr beide ganz hohe Zahlen bekommt. Oooh, ich bin so neidisch!«

Prudenzia bringt unser Frühstück. »Guten Morgen, Lily. Viel Glück morgen.«

»Danke, Prudenzia.« Lily strahlt sie an. »Ach, darf ich bitte einen Blaubeerpfannkuchen haben? Und einen Grapefruitsaft? Und eine aufgeschnittene Mango?«

Prudenzia nickt.

»Willst du das heute anziehen?«, fragt mich Lily mit missbilligend gerunzelter Stirn.

»Ja«, sage ich genervt. »Das ziehe ich heute an. Es ist mein Lieblingsstück, und da ich heute zum letzten Mal selbst wählen darf, was ich trage, habe ich mich für diesen Bademantel entschieden, denn ich mag ihn gern und er gehört mir. Ist mir egal, wie ich darin aussehe.«

Raven tarnt ihr Grinsen, indem sie sich Spiegelei und Rösti in den Mund stopft. Kurz wirkt Lily leicht verwirrt, dann besinnt sie sich.

»Habt ihr das auch gehört? Von der Fürstin?« Erwartungsvoll sieht sie uns an, aber Raven interessiert sich mehr für ihr Essen, und ich habe mich noch nie groß um die Politik im Juwel gekümmert. Allerdings gibt es Mädchen, die den ganzen Tratsch genauestens verfolgen.

»Nein«, sage ich höflich und spieße mit der Gabel ein Stück Melone auf.

Lily legt die Zeitschrift vor uns auf den Tisch. Das junge Gesicht der Fürstin schaut uns vom Titelblatt des Tagesdiamanten entgegen, darunter die Schlagzeile »FÜRSTIN BESUCHT AUKTION«.

»Könnt ihr das fassen? Die Fürstin, auf unserer Auktion!« Lily ist außer sich vor Aufregung. Wie viele Mädchen in Southgate verehrt sie die Herrscherin der Einzigen Stadt. Sie hat eine ziemlich ungewöhnliche Vergangenheit; die Fürstin stammt aus der Bank, gehört also eigentlich nicht zum Adel, doch der Fürst entdeckte sie bei einem Besuch in einem der Geschäfte ihres Vaters, verliebte sich und heiratete sie. Sehr romantisch. Jetzt ist ihre Familie natürlich auch adelig und wohnt im Juwel. Für viele Mädchen ist die Fürstin ein Symbol der Hoffnung, vielleicht ebenso viel Glück zu haben. Ich kann überhaupt nicht verstehen, was so schlimm daran sein soll, die Tochter eines Geschäftsmanns zu sein.

»Ich hätte nie gedacht, dass sie kommt«, fährt Lily fort. »Ich meine, ihr süßer kleiner Sohn wurde erst vor wenigen Monaten geboren. Stellt euch das bloß vor: Sie könnte eine von uns zur Mutter ihres nächsten Kindes wählen!«

Am liebsten würde ich das Tischtuch aus Spitze mit den Fingernägeln zerreißen. Bei Lily klingt es, als wäre es eine Ehre für uns, als hätten wir eine Wahl. Ich möchte niemandes Kind austragen, weder das der Fürstin noch von sonst irgendwem. Ich will morgen nicht versteigert werden.

Aber Lily ist so aufgeregt, als bestände wirklich die Möglichkeit, dass die Fürstin auf sie bietet. Dabei ist sie nur Losnummer 53.

Kaum habe ich diesen Gedanken, verachte ich mich. Sie ist nicht Los 53, sie ist Lily Deering. Sie mag Schokolade und Tratschzeitschriften, sie mag rosa Kleider mit Spitzenkragen und spielt Geige. Sie stammt aus einer schlimmen Familie, aber davon merkt man gar nichts, weil sie über jeden, den sie kennenlernt, etwas Nettes zu sagen hat. So ist Lily Deering.

Und morgen wird sie ersteigert und bezahlt werden und anschließend in einem fremden Haus unter der Herrschaft einer fremden Frau leben. Eine Frau, die vielleicht kein Verständnis für Lily und ihre grenzenlose Begeisterung hat. Eine Frau, der sie vielleicht egal ist und die nicht weiß, wie man am besten mit ihr umgeht.

Eine Frau, die Lily ihr eigenes Kind aufzwingt, damit es in ihr wächst, ob Lily es will oder nicht.

Auf einmal bin ich so wütend, dass ich es kaum noch ertrage. Ehe ich mich versehe, springe ich mit geballten Fäusten auf.

»Was …«, setzt Lily an, aber ich höre sie gar nicht mehr. Flüchtig sehe ich Ravens überraschtes Gesicht, dann marschiere ich an den anderen Tischen vorbei, ignoriere die verstohlenen, neugierigen Blicke der anderen Mädchen und renne aus dem Saal, die Treppe hoch. Die Tür meines Zimmers schlage ich hinter mir zu.

Ich nehme den Ring meines Vaters und schiebe ihn mir auf den Daumen; doch auch für meinen dicksten Finger ist er noch zu groß. Ich schließe die Finger um die Kette.

Unruhig laufe ich in meiner kleinen Zelle auf und ab – ich kann kaum glauben, dass ich mir eingebildet habe, dieses Zimmer würde mir fehlen. Es ist ein Gefängnis, ein Verwahrungsort für die Zeit, bevor ich fortgebracht werde, um ein menschlicher Brutkasten für eine Frau zu werden, die ich gar nicht kenne. Die Wände bedrängen mich, rücken immer näher, ich sacke gegen die Kommode, fege alles hinunter. Die Bürste und der Kamm fallen klappernd auf den Holzboden, die Vase zerspringt, die Blumen sind im ganzen Zimmer verstreut.

Die Tür geht auf. Raven sieht mich an, schaut auf das Chaos im Raum, dann wieder auf mich. Das Blut rauscht mir in den Schläfen, ich zittere am ganzen Körper. Auf Zehenspitzen durchquert Raven das Zimmer und schließt mich in die Arme. Tränen steigen mir in die Augen, rinnen die Wangen hinunter und fallen auf ihre Bluse.

Lange Zeit sagen wir nichts.

»Ich habe Angst«, flüstere ich. »Ich habe Angst, Raven.«

Sie drückt mich an sich, dann bückt sie sich und hebt die Scherben auf. Auf einmal ist es mir total peinlich, so ein Durcheinander veranstaltet zu haben. Ich hocke mich neben meine Freundin, um ihr zu helfen.

Wir legen die Reste der Vase auf die Kommode, Raven wischt sich die Hände an der Hose ab. »Und jetzt bringen wir dich in Ordnung«, sagt sie.

Ich nicke. Hand in Hand gehen wir über den Flur zur Toilette. Dort ist auch das Mädchen, das das Wasserglas hat fallen lassen. Sie betupft sich die Nase mit einem feuchten Tuch. Das Nasenbluten hat aufgehört, ein leichter Schweißfilm bedeckt ihre Haut. Als sie uns sieht, erschrickt sie.

»Raus!«, sagt Raven. Das Mädchen lässt das Tuch fallen und huscht nach draußen.

Raven nimmt ein sauberes Tuch und tränkt es mit Wasser und Lavendelseife.

»Bist du aufgeregt …« Fast hätte ich gesagt: »… wegen der Auktion«, aber ich überlege es mir anders. »… weil du deine Familie wiedersiehst?«

»Warum sollte ich deswegen aufgeregt sein?«, fragt sie und wischt mir mit dem Handtuch übers Gesicht. Der Geruch des Lavendels ist tröstlich.

»Weil du sie seit fünf Jahren nicht gesehen hast«, sage ich sanft. Raven war länger hier als ich.

Sie zuckt mit den Schultern und tupft mit dem Tuch unter meinen Augen entlang. Ich kenne sie gut genug, um das Thema fallenzulassen. Sie spült das Tuch aus und kämmt mir dann die Haare. Mein Herz klopft, als ich an das denke, was ab morgen sein wird.

»Ich will nicht«, sage ich. »Ich will nicht zur Auktion.«

»Natürlich nicht«, antwortet Raven. »Du bist ja nicht verrückt, so wie Lily.«

»Das ist gemein. Sag das nicht.«

Raven verdreht die Augen, legt den Kamm beiseite und drapiert mir die Haare über die Schulter.

»Was wird mit uns geschehen?«, frage ich.

Sie nimmt mein Kinn in die Hand und schaut mir tief in die Augen. »Hör mir zu, Violet Lasting. Uns wird es gutgehen. Wir sind klug und stark. Uns wird es gutgehen.«

Ich nicke mit bebender Unterlippe. Raven lässt los und legt letzte Hand an meine Frisur.

»Perfekt«, sagt sie. »So, jetzt gehen wir unsere Familien besuchen.«

2

Elektrisch betriebene Kutschen fahren uns durch die staubigen Straßen.

Schwere Samtvorhänge schützen uns vor den in der Luft schwebenden Staubflocken; als Kind klebten sie mir immer auf der Haut. Ich kann nicht anders und spähe durch den Stoff. Seit meinem zwölften Lebensjahr habe ich die Verwahranstalt nicht verlassen.

Die Straßen werden von flachen Lehmziegelhäusern gesäumt, so manches Dach ist verrottet und hängt durch. Halbnackte Kinder laufen umher, Männer mit dicken Bäuchen lungern in Gassen oder in Hauseingängen, trinken Hochprozentiges aus Flaschen, die sie in Papiertüten verstecken. Wir fahren an einem Armenhaus vorbei, die Fensterläden sind geschlossen, die Türen mit Schlössern verhängt. Am Sonntag werden sie hier Schlange stehen, dann warten die Familien auf die Lebensmittel, Kleidungsstücke und Medikamente, die die Adelshäuser den Benachteiligten spenden. Doch egal, wie viel ausgeteilt wird, es ist nie genug.

Einige Straßen weiter sehe ich, wie drei Soldaten einen abgemagerten Jungen von einem Gemüseladen vertreiben. Es ist lange her, dass ich irgendwo Männer gesehen habe, abgesehen von den Ärzten, die uns untersuchen. Die Soldaten sind jung, haben große Hände und Nasen und breite Schultern. Als die Kutsche vorbeifährt, halten sie inne und salutieren. Ich frage mich, ob sie sehen, dass ich durch den Vorhang hinausspähe. Schnell lasse ich den Stoff wieder sinken.

Wir sind zu viert in der Kutsche, aber Raven ist nicht dabei. Ihre Familie wohnt auf der anderen Seite von Southgate. Der Sumpf hat die Form eines Rings; er umgibt die Außenbezirke der Einzigen Stadt. Sollte die Große Mauer jemals einstürzen, wären wir die Ersten, die dran glauben müssten; dann würde uns der furchtbare Ozean verschlingen, der uns von allen Seiten umgibt.

Mit Ausnahme des Juwels wird jeder Kreis der Stadt von vier Speichen in vier Viertel unterteilt – Nord, Süd, Ost und West. Im Sumpf steht in der Mitte jedes Viertels eine Verwahranstalt. Ravens Familie wohnt östlich von Southgate, meine westlich. Ich frage mich, ob Raven und ich uns je kennengelernt hätten, wenn der Befund nicht ergeben hätte, dass wir Surrogate sind.

Niemand in der Kutsche redet, und dafür bin ich dankbar. Ich reibe mir die Handgelenke und ertaste den runden harten Sender, den sie mir unter die Haut gesetzt haben. Wir alle bekamen einen implantiert, bevor wir zu unseren Familien aufbrachen. Die Sender haben eine zeitlich begrenzte Lebensdauer – nach ungefähr acht Stunden lösen sie sich auf. Auf diese Weise kann Southgate seine Vorschriften durchsetzen: Rede nicht über das, was in den Anstalten vor sich geht. Rede nicht über die Auspizien. Rede nicht über die Auktion.

Die Kutsche setzt eine nach der anderen von uns ab. Ich bin die Letzte.

Als ich unser Haus erblicke, zittere ich am ganzen Körper. Ich lausche auf einen Hinweis, dass meine Familie da ist, auf mich wartet, doch ich höre nur das dumpfe Pochen meines Pulses. Mit aller Macht muss ich mich dazu zwingen, die Hand auszustrecken und den Messingknauf an der Tür der Kutsche zu drehen. Einen kurzen Moment lang befürchte ich, es nicht zu schaffen. Was ist, wenn sie mich nicht mehr lieben? Wenn sie mich vergessen haben?

Dann höre ich die Stimme meiner Mutter. »Violet?«, ruft sie zögernd.

Ich öffne die Tür.

In einer Reihe stehen sie da, offenbar in den besten Kleidern, die sie haben. Erschrocken stelle ich fest, dass Ocker inzwischen größer ist als meine Mutter – er hat kräftige Arme und eine muskulöse Brust, kurzes Haar und eine gebräunte Lederhaut. Er muss Arbeit auf der Farm gefunden haben.

Meine Mutter sieht viel älter aus, als ich sie in Erinnerung habe, aber ihr Haar hat immer noch diese rotgoldene Farbe. Sie hat tiefe Falten um die Augen und den Mund.

Aber Hazel … Hazel ist fast nicht wiederzuerkennen. Als ich ging, war sie sieben, jetzt ist sie elf. Sie hat lange Arme und Beine, der fadenscheinige Kittel schlackert an ihrer mageren Gestalt. Aber ihr Gesicht hat große Ähnlichkeit mit dem von Vater; sie hat seine Augen, genau dieselben. Wir haben dasselbe Haar: lang, schwarz und gewellt. Ich muss lächeln. Hazel rückt ein wenig näher an Ocker heran.

»Violet?«, fragt meine Mutter erneut.

»Guten Tag«, grüße ich und wundere mich über meine Förmlichkeit. Ich steige aus der Kutsche und spüre sofort den schweren Boden des Sumpfes zwischen den Zehen. Hazel reißt die Augen auf – ich weiß nicht, mit welcher Kleidung sie gerechnet hat, aber bestimmt nicht mit einem Nachthemd und einem Bademantel. Niemand aus meiner Familie trägt Schuhe. Ich bin froh, dass ich auch keine anhabe. Ich will den Boden unter den Füßen spüren, den schmutzigen Staub meiner Heimat.

Zuerst herrscht betretenes Schweigen, dann humpelt meine Mutter nach vorn und nimmt mich in die Arme. Sie ist furchtbar dünn, und ich bemerke ein leichtes Hinken, das sie früher ganz bestimmt nicht hatte.

»Ach, mein Mädchen«, murmelt sie. »Ich freue mich so sehr, dich zu sehen.«

Ich atme ihren Geruch nach Brot, Salz und Schweiß ein. »Du hast mir gefehlt«, flüstere ich.

Sie wischt sich die Tränen aus den Augen und hält mich auf Armeslänge Abstand. »Wie viel Zeit haben wir?«

»Bis acht Uhr.«

Sie will etwas sagen, schließt dann aber den Mund mit einem angedeuteten Kopfschütteln. »Na gut. Machen wir das Beste daraus.« Sie wendet sich an meine Geschwister: »Ocker, Hazel, nehmt eure Schwester in den Arm!«

Ocker tritt vor – wie kann er so groß geworden sein? Er war erst zehn, als ich ging. Wann ist aus ihm ein Mann geworden?

»Hi, Vi«, sagt er und beißt sich auf die Lippe, als hätte er Bedenken, ob er ein Surrogat so zwanglos ansprechen dürfe.

»Ocker, du bist ja riesig!«, necke ich ihn. »Was hat Mutter dir zu essen gegeben?«

»Ich bin einen Meter achtzig«, verkündet er stolz.

»Du bist ein Ungeheuer!«

Er grinst.

»Hazel«, sagt Mutter. »Komm und begrüße deine Schwester.«

Da wendet sich Hazel, meine kleine Hazel, der ich abends Schlaflieder vorsang und nach der Bettgehzeit heimlich Plätzchen zusteckte, mit der ich auf dem Hinterhof Edelstein-in-der-Krone spielte, da wendet sie sich ab und läuft ins Haus.

 

»Sie braucht nur ein bisschen Zeit«, sagt Mutter etwas später, als sie mir eine Tasse Chrysanthementee einschenkt.

Aber ausgerechnet Zeit habe ich nicht.

Ich trinke einen Schluck Tee und bemühe mich nach Kräften, nicht das Gesicht zu verziehen. Ich habe mich so sehr an Kaffee und frisch gepressten Saft gewöhnt, dass ich den bitteren Geschmack vergessen habe. Beim Trinken kommen Schuldgefühle in mir auf.

Meine Mutter und ich setzen uns auf die von meinem Vater gezimmerten Stühle am Holztisch. Das Haus ist kleiner, als ich es in Erinnerung habe. Die Küche und die Sitzecke sind in einem Raum untergebracht. Es gibt eine Spüle, einen kleinen Paraffinofen, ein Schränkchen für Teller und Besteck, aber nur ein Sofa, dessen Füllung an mehreren Stellen herausquillt, und einen Schaukelstuhl am Kamin. In dem Stuhl hat meine Mutter früher gestrickt. Ob sie das wohl immer noch tut?

»Hazel kennt mich nicht mehr«, sage ich düster.

»Und ob«, erwidert Mutter. »Bloß … bloß nicht so, wie du jetzt aussiehst. Ich meine, du liebe Güte, Violet, schau dich doch an!«

Ich blicke an mir hinab. Sehe ich wirklich so anders aus? Meine Arme sind kräftiger als ihre, meine Haut hat einen gesunden rosigen Ton.

»Dein Gesicht, Schätzchen.« Meine Mutter lacht zärtlich.

Mir schnürt sich die Kehle zu. »Ich … ich habe mein Gesicht schon länger nicht mehr gesehen.«

Sie schürzt die Lippen. »Möchtest du das denn gerne?«

Ich kann nicht schlucken. Meine Hände wandern in die Tasche des Bademantels, ich umschließe den Ring meines Vaters. »Nein«, flüstere ich. Ich weiß auch nicht, warum, aber die Vorstellung, mein Spiegelbild zu sehen, macht mir Angst. Ich betrachte die Hände meiner Mutter, gefaltet in ihrem Schoß – sie sind gekrümmt vor Arthritis, blaue Adern ziehen sich darüber wie Flüsse auf einer Landkarte.

»Wo ist dein Ring?«, frage ich unvermittelt.

Ihre Wangen laufen rot an, sie zuckt mit den Schultern.

»Mutter«, hake ich nach, »was ist mit deinem Ring passiert?«

»Hab ich verkauft.«

Mir fallen fast die Augen heraus. »Was? Warum?«

Sie sieht mich mit trotzigem Ausdruck an. »Wir brauchten das Geld.«

»Aber …« Bestürzt schüttele ich den Kopf. »Was ist mit dem Stipendium?«

Die Familien von Surrogaten erhalten ein jährliches Stipendium, eine Entschädigung für den Verlust der Tochter.

Meine Mutter seufzt. »Das Stipendium reicht nicht, Violet. Warum, glaubst du, musste Ocker die Schule abbrechen? Sieh dir meine Hände an; ich kann nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Willst du vielleicht, dass ich Hazel in die Fabrik schicke? Oder auf die Obstplantage?«

»Natürlich nicht.« Dass sie das überhaupt in Erwägung zieht! Hazel ist viel zu klein, um die brutale Arbeit auf der Farm auszuhalten – sie hat ja kaum einen Muskel am Körper. Und den Schlot würde sie niemals überleben. Bei der Vorstellung, wie sie eine schwere Maschine bedient und den in der Luft stehenden Staub einatmet, muss ich mich schütteln.

»Dann halte dich mit Urteilen darüber zurück, wie ich diese Familie ernähre. Dein Vater, Friede seiner Seele, hätte es verstanden. Es ist nur ein Stück Gold.« Sie wischt sich über die Stirn. »Nur ein Stück Gold«, wiederholt sie leise.

Ich weiß nicht, warum ich mich so darüber aufrege. Sie hat ja recht, es ist nur ein Gegenstand. Es ist nicht mein Vater.

Ein letztes Mal umklammere ich seinen Ring in meiner Tasche, dann hole ich ihn hervor und lege ihn auf den Tisch. »Hier. Du kannst ihn zurückhaben. Ich darf ihn eh nicht behalten.«

Als meine Mutter ihn an sich nimmt und ich den Blick in ihren Augen sehe, wird mir klar, was es sie gekostet hat, ihren zu verkaufen.

»Danke«, flüstert sie.

»Darf ich den Bademantel behalten?«, frage ich.

Sie lacht, und in ihren Augen funkeln Tränen. »Natürlich. Er passt dir jetzt richtig.«

»Wahrscheinlich wird er mir trotzdem weggenommen. Aber ich würde ihn gerne behalten, solange es geht.«

Sie drückt meine Hand. »Er gehört dir. Ich staune überhaupt, dass du für den Besuch bei uns einen Schlafanzug anziehen durftest.«

»Wir können anziehen, was wir wollen. Insbesondere heute.«

Stille breitet sich aus, drückt mich nieder wie ein schweres Kissen und erstickt alles, was ich sagen möchte. Eine Fliege summt im Fenster über der Spüle. Mit dem Finger streichelt mir Mutter über den Handrücken, im Gesicht einen nachdenklichen, besorgten Ausdruck.

»Man kümmert sich dort doch gut um euch, oder?«, fragt sie.

Ich zucke mit den Achseln und weiche ihrem Blick aus. Ich darf mit ihr nicht über Southgate reden.

»Bitte, Violet«, fleht sie. »Sag es mir! Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer das gewesen ist. Für mich, für Hazel und Ocker. Zuerst dein Vater, und dann … schau dich an, du bist jetzt ganz erwachsen und … ich habe das alles verpasst.« Eine einzelne Träne rollt ihr über die Wange. »Ich habe es verpasst, Schatz. Wie soll ich nur damit fertig werden?«

Ich spüre einen Kloß im Hals. »Das ist doch nicht deine Schuld«, sage ich, ohne den Blick von ihren Händen abzuwenden. »Du hattest keine andere Wahl.«

»Nein«, murmelt meine Mutter. »Das hatte ich nicht. Aber trotzdem habe ich dich verloren. Deshalb sag mir bitte, dass es zu irgendwas gut war. Sag mir, dass du ein besseres Leben führst.«

Wie gerne ich ihr das versichern würde! Wie gerne ich ihr die Wahrheit erzählen würde, über die drei Auspizien und die Jahre der Schmerzen, über die endlosen Prüfungen und Arztbesuche. Wie gerne würde ich ihr sagen, wie sehr sie mir gefehlt hat, dass sie mehr Zärtlichkeit in ihrem kleinen Finger besitzt, wenn sie meine Hand streichelt, als alle Betreuerinnen zusammen. Wenn ich ihr doch nur sagen könnte, wie gerne ich Cello spiele, wie gut ich darin bin. Ich glaube, sie wäre stolz auf mich. Sie würde mich bestimmt gerne spielen hören.

Der Kloß in meinem Hals ist so groß, dass ich Angst habe, keine Luft mehr zu bekommen. Meine Gedanken springen zurück zu dem furchtbaren Tag, als die Soldaten kamen, eine Erinnerung, die so alt und verworren ist wie ein unvollständiges Puzzle. Wie ich weinte, schrie und Mutter beschwor, nicht zuzulassen, dass sie mich mitnehmen. Hazels Augen, flehentlich aufgerissen, ihre kleinen Hände, die sich an meinem fadenscheinigen Kleid festklammerten. Das kalte Schimmern einer Waffe. Und meine Mutter, die mir die Lippen auf die Stirn drückte und mit ihren Tränen mein Haar benetzte. »Du musst mit ihnen gehen, Violet. Du musst mit ihnen gehen.«

Auf einmal ist es mir zu heiß im Zimmer. »Ich … ich muss mal an die Luft«, bringe ich hervor, schiebe den Stuhl zurück und stürze durch die Hintertür nach draußen.

Der Garten ist nur ein Fleckchen trockener Erde und vergilbten Grases. Doch als die kühle Brise meine Haut kitzelt und in den Blättern des Zitronenbaums in der Mitte des Gartens raschelt, geht es mir wieder besser. Der Zitronenbaum, an dem nie auch nur eine Zitrone hing. Wie ging noch mal das Lied, das Vater immer sang?

Ein Zitronenbaum, so schön,

Und die Zitronenblüte so süß

Es war irgendein Vergleich mit der Gefährlichkeit der Liebe, doch ich kann mich nur noch daran erinnern, wie sehr ich mir wünschte, eine Zitrone zu essen, wenn ich es hörte. Als ich nach Southgate kam, war es das Erste, was ich ausprobierte. Vor lauter Aufregung biss ich in die Schale, und der bittersaure Geschmack war ein Schock für mich.

»Du siehst ganz anders aus.«

Ich drehe mich um. Hazel sitzt auf einem umgedrehten Eimer an der Hauswand. Ich hatte sie gar nicht bemerkt.

»Hat Mutter auch gesagt.« Ich bin ein wenig atemlos.

Eine Weile mustert sie mich. Ihr Blick ist aufgeweckt und intelligent. Wieder fällt mir auf, wie sehr sie unserem Vater ähnelt.

»Sie sagt, du musst morgen zur Auktion«, sagt Hazel. »Deshalb darfst du uns überhaupt nur besuchen.«

Ich nicke. »Man nennt es ›Tag der Bilanz‹. Da … da soll man die Rechnungen der Vergangenheit begleichen, bevor die Zukunft beginnt.« Ich weiß gar nicht, was ich da rede. Die Sätze, die ich hundertmal aus dem Mund der Betreuerinnen gehört habe, klingen seltsam, wenn ich sie ausspreche.

Hazel steht auf. »Das sind wir für dich? Eine Rechnung, die du begleichen musst, bevor du losziehst und in einem Palast im Juwel lebst?«

»Nein!«, rufe ich entsetzt. »Nein, natürlich nicht.«

Sie ballt die Hände zu Fäusten, genau wie ich es mache, wenn ich verärgert oder verletzt bin. »Warum bist du dann hier?«

Verwirrt schüttele ich den Kopf. »Warum …? Hazel, ich bin hier, weil ich dich liebhabe. Weil ihr mir gefehlt habt. Du und Mutter und Ocker. Ihr fehlt mir jeden Tag.«

»Warum hast du mir dann nicht geschrieben?«, schreit meine kleine Schwester mich an. Ihre Stimme überschlägt sich, mir bricht das Herz. »Du hattest es mir versprochen! Egal, was kommt, hast du gesagt. Jeden Tag habe ich auf einen Brief gewartet, und du hast mir nie einen geschrieben, nicht einen einzigen!«

Ihre Worte tun mir im Herzen weh. Ich dachte, sie hätte das Versprechen vergessen. Sobald ich in der Anstalt war, lag auf der Hand, dass ich es niemals würde halten können. »Hazel, ich konnte nicht. Wir durften es nicht.«

»Du hast es bestimmt nicht mal versucht«, schleudert sie mir entgegen. »Du wolltest einfach nur die ganzen schönen Sachen haben, neue Kleider, frisches Essen und heißes Wasser. Das bekommst du da nämlich, das weiß ich, du brauchst nicht zu lügen.«

»Ja, das bekomme ich dort. Aber glaubst du denn nicht, dass ich das alles auf der Stelle aufgeben würde, wenn ich dafür wieder bei euch leben dürfte? Wenn ich dich dafür abends ins Bett bringen und dir ein Gutenachtlied vorsingen könnte? Wenn ich dafür mit dir bei Regen Kuchen aus Sand backen könnte und Ocker damit bewerfen, wenn er nicht aufpasst?« Die Bilder steigen in mir auf, drohen mich zu überwältigen. Bilder des Lebens, das ich hätte haben können. Arm natürlich, aber glücklich. »Glaubst du wirklich, dass ich meine Familie für fließendes Wasser und schöne Kleider verlassen habe? Ich hatte keine andere Wahl, Hazel«, sage ich. »Sie ließen mir keine Wahl.«

Hazel antwortet nicht, aber sie wirkt nicht mehr so selbstsicher. Ich mache einen Schritt auf sie zu.

»Jedes Jahr feiere ich deinen Geburtstag«, sage ich. Jetzt riskiere ich, den Sender zu aktivieren, aber es ist mir egal. »Ich bitte darum, dass ein Kuchen gebacken wird, ein Schokoladenkuchen mit Vanilleguss, dann schreiben sie mit grünem Zuckerguss deinen Namen darauf und stecken eine Kerze hinein, und meine Freundin Raven und ich singen ein Geburtstagslied.« Für Ravens Bruder und für Ocker tun wir das ebenfalls.

Hazel blinzelt. »Wirklich?«

Eine Träne rinnt mir die Wange hinunter und rollt in den Mundwinkel. »Manchmal spreche ich leise mit dir, wenn wir abends das Licht ausmachen müssen. Dann erzähle ich dir die Witze, die ich gehört habe, oder Geschichten über meine Freundinnen und das Leben in der Anstalt. Ich denke jeden Tag an dich, Hazel.«

Da kommt sie auf mich zu und schlingt die Arme um mich. Ich drücke sie fest, ihr knochiger Körper ist so zerbrechlich. Sie schluchzt herzzerreißend. Meine Tränen laufen mir über die Wangen und in ihr Haar.

»Ich dachte, wir wären dir egal.« Ihre Stimme klingt erstickt. »Ich dachte, du hättest mich für immer verlassen.«

»Nein«, flüstere ich. »Ich werde dich immer lieben, Hazel. Das verspreche ich dir.«

Ich bin so dankbar, dass ich dieses kleine bisschen Zeit bekomme. Egal, was danach passiert, egal, was auf der Auktion geschehen wird, ich bin dankbar, dass ich wenigstens diesen letzten Moment mit meiner Schwester bekommen habe.

 

Zum Abendessen gibt es eine kleine gebratene Ente, die hauptsächlich aus Knochen besteht, dazu Kartoffeln und ein paar schlaffe grüne Bohnen.

Ich schäme mich, wenn ich an all die Speisen denke, die ich gegessen habe, an die endlose Auswahl frischester Nahrungsmittel. Für meine Familie ist dieses bescheidene Essen ein Festmahl, das der Fürstin gebührt.

»Ocker hat Sahne von der Farm mitgebracht!«, ruft Hazel und zupft an meinem Ärmel. »Deshalb gibt es Eis zum Nachtisch!«

»Hm, lecker!«, sage ich lächelnd und reiche die Kartoffeln an Ocker weiter. »Du arbeitest also auf der Farm?«

Er nickt. »Meistens«, sagt er und schaufelt eine große Kelle Kartoffeln auf seinen Teller. Mutter nimmt ihm die Schüssel ab, bevor er sie vollends leert. »Ich versorge gerne die Tiere. Der Vorarbeiter sagt, in einem Jahr könnte ich langsam lernen, wie man ein Feld pflügt.« Seine Brust wird noch ein bisschen breiter. »Solange mich das Haus von der Flamme anstellt, bin ich zufrieden. Dort werden die Arbeiter gut behandelt, wir bekommen lange Trinkpausen und haben vernünftige Arbeitszeiten und so. Erinnerst du dich noch an Zobel Tersing? Er ist beim Haus vom Licht, da muss es ganz schrecklich zugehen. Die Vorarbeiter haben Peitschen und schlagen damit zu, und wenn sie einen beim Rauchen erwischen, kürzen sie den Lohn und …«

»Soll das heißen, dass Zobel Tersing raucht?«, will Mutter wissen. Ocker läuft rot an.

»Nein, ich meinte nicht Zobel, nur allgemein …«

»Ocker, ich schwöre beim Grab deines Vaters, wenn ich dich mit einer Zigarette erwische …«

»Mutter!« Ocker verdreht die Augen. »Ich will damit doch nur sagen, dass es ungerecht für die Arbeiter ist, wenn sie nicht wissen, wie sie in dem einen oder anderen Adelshaus behandelt werden. Es sollte feste Regeln geben, und wir sollten das Recht haben, uns an den Fürsten zu wenden, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.«

»Genau, weil der Fürst bestimmt nichts Besseres zu tun hat, als sich die Beschwerden von ein paar jungen Kerlen anzuhören«, sagt Mutter, aber ich muss grinsen.

»Du klingst genau wie Vater«, sage ich zu meinem Bruder. Befangen kratzt er sich im Nacken und schiebt sich ein Stück Kartoffel in den Mund.

»Er hatte meistens recht«, murmelt Ocker mit vollem Mund.

Hazel zupft mich am Ärmel, damit ich sie beachte.

»Ich bin die Beste in meiner Klasse!«, sagt sie stolz.

»Das kann ich mir vorstellen«, erwidere ich. »Du bist ja schließlich meine kleine Schwester, nicht?«

Mutter lacht. »Du hast nicht ansatzweise so viel Ärger gemacht wie die Kleine! Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, und sie hat sich schon zweimal geprügelt.«

»Geprügelt?« Stirnrunzelnd sehe ich meine Schwester an. »Mit wem hast du dich geprügelt, Hazel?«

Sie wirft Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu. »Mit keinem. Nur mit ein paar blöden Jungs.«

»Genau, und wenn das noch mal vorkommt, gibt es eine Woche lang Strafarbeiten und Spielverbot«, sagt Mutter streng. Hazel zieht eine Schnute.

Während ich inmitten meiner Familie sitze und ihren Alltag erlebe, steigt Neid in mir auf. Rund um diesen Tisch ist so viel Liebe, dass ich sie spüren kann – wie ein lebendes Wesen. Ich beobachte, wie Ocker und Hazel sich zanken, wie Mutter lacht und sie zum Schweigen bringt. Wie gut hätte ich hier hineingepasst, wie hätte ich diese Familie vervollständigt.

Auf einmal habe ich das Bedürfnis, meiner Mutter zu versichern, dass es mir gutgehen wird. Auch wenn ich es selbst nicht glaube, auch wenn es gelogen sein sollte. Ich möchte das Glück in diesem Raum nicht gefährden.

»Ihr müsst euch keine Sorgen um mich machen«, sage ich. Alle verstummen und starren mich an – wahrscheinlich hätte ich sie nicht einfach mit diesem Satz überfallen sollen. »Ich meine …« Ich sehe meine Mutter an. »Ich komme zurecht.« Sie legt ihre Gabel beiseite. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und hoffe, dass es echt wirkt. »Ab morgen werde ich im Juwel leben. Ist das nicht aufregend? Da wird man sich bestimmt hervorragend um mich kümmern.« Hazels Augen sind so groß wie Untertassen. »Aber ich möchte, dass ihr wisst … ich meine … ihr sollt wissen, wie sehr ich euch liebe. Euch alle.« Meine Stimme bricht, ich trinke einen Schluck Wasser. Meine Mutter hat Tränen in den Augen, sie legt die Hand vor den Mund. »Wenn es eine Möglichkeit gäbe, bei euch zu bleiben, würde ich es tun. Ich … ich bin so stolz darauf, zu dieser Familie zu gehören. Das wollte ich euch nur sagen.«

Ihre Blicke brennen sich in mich ein, auf einmal ertrage ich sie nicht mehr. Das Feuer im Kamin ist zusammengefallen, ich stehe auf. »Das Feuer erlischt«, sage ich befangen. »Ich hole noch etwas Holz.«

Schnell eile ich zur Hintertür, atme mit zitternden Händen die kühle Nachtluft ein.

Nicht weinen, schärfe ich mir ein. Wenn ich weine, merken sie, wie viel Angst ich habe. Das dürfen sie nicht sehen. Sie sollen denken, dass ich glücklich bin.

Ich lehne mich gegen die Hauswand und schaue hoch zu den funkelnden Sternen am Nachthimmel. Zumindest werde ich unter demselben Himmel sein, wohin auch immer es mich verschlägt. Hazel und ich werden wenigstens auf dieselben Sterne schauen.

Als ich mich zum Holzstapel umdrehe, fällt mein Blick auf den Zitronenbaum, der silbern im Mondschein glänzt, und ich habe eine Idee.

Das dritte Auspizium, Wachstum.

Ich gehe hinüber und fahre mit der Hand über die vertraute Rinde. Es wird weh tun, aber das ist mir egal. Wenigstens einmal wird der Schmerz einen Sinn haben. Und ich weiß, dass ich es kann – in Southgate bin ich die Beste im dritten Auspizium.

Ich entdecke einen kleinen Knoten an einem Zweig, lege die Hand darauf und spreche die Worte in meinem Kopf.

Erstens: Sieh es, wie es ist.

Zweitens: Stell dir vor, wie’s werden soll.

Drittens: Zwinge es in diese Form.

In Gedanken stelle ich mir vor, was ich erreichen will – dann wird die Mitte meiner Handfläche heiß, gleichzeitig entsteht der Schmerz an meiner Schädelbasis. Ich spüre das Leben des Baums, ein schimmerndes, sich regendes Etwas, und ziehe es lang, zupfe daran wie an den Fäden einer Marionette, zerre es heraus. Unter meiner Handfläche bildet sich ein kleiner Klumpen, ein grünes Blatt lugt zwischen meinen Fingern hervor. Der Baum wehrt sich ein wenig, ich halte die Luft an. Ein Brennen läuft mir die Wirbelsäule hinunter, und es fühlt sich an, als würden mir Nadeln in den Kopf geschoben. Mein Rücken krümmt sich, mein Kopf dreht sich, aber in den vier Jahren in Southgate habe ich schlimmere Schmerzen ertragen gelernt, und ich bin entschlossen, durchzuhalten. Ich zwinge mich zur Konzentration, beiße mir fest auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien, und beschwöre die Fasern des Lebens herauf, eine nach der anderen, wie Spinnfäden, forme sie, gestalte sie, der Klumpen wird immer größer, bis er meine ganze Hand einnimmt.

Eine Zitrone.

Ich lasse los, meine Beine geben nach, die Hand sinkt zu Boden, ich krümme mich und ringe nach Luft. Einige Blutstropfen fallen auf die Erde, ich wische mir mit dem Handrücken über die Nase. Lehne die Stirn gegen den Baum und zähle von zehn an rückwärts, wie Patienza es uns beigebracht hat. Langsam lässt der Schmerz nach, bis nur noch ein dumpfes Ziehen hinter meinem rechten Ohr bleibt. Zitternd richte ich mich wieder auf.

Die Zitrone ist perfekt, mit kräftig gelber Schale baumelt die pralle Frucht am Zweig. Hazel wird begeistert sein.

Noch immer spüre ich das Leben des Baums in mir und weiß, dass auch ich ihm einen Teil von mir gegeben habe. Dieser Baum wird nicht länger unfruchtbar sein.

Ich wende mich ab, nehme einige Scheite Holz vom Stapel und gehe wieder ins Haus zu meiner Familie.

3

Die gesamte Verwahranstalt steht auf dem Bahnsteig, um uns zu verabschieden.

Southgate hat einen eigenen Bahnhof, ebenso wie Northgate, Eastgate und Westgate. Es sind die letzten Haltestellen im Sumpf – die Züge enden bei den Verwahranstalten. Die Bahnhöfe, von denen die Arbeiter in andere Kreise der Stadt fahren, sind weiter innen, näher an der Mauer, die den Sumpf von der Farm trennt. Ich weiß noch, dass ich einmal meinen Vater dorthin brachte, als ich klein war, und Angst hatte vor der großen schwarzen Dampflok mit ihrem durchdringenden Pfiff und dem Schornstein, aus dem weiße Rauchwolken quollen.

Es ist sehr früh am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, viele jüngere Mädchen haben verquollene Augen und unterdrücken ein Gähnen. Aber die Teilnahme an diesem Ritual ist Pflicht. Ich erinnere mich an meine erste Verabschiedung – ich fror ganz furchtbar, war müde und kannte keines der Mädchen, die zur Auktion gingen. Ich wollte einfach nur wieder ins Bett.

Es ist sonderbar, auf dieser Seite des Bahnsteigs zu stehen. Erst wenn wir in die Vorbereitungsräume im Auktionshaus kommen, erfahren wir, wie wir gekleidet sein werden, deshalb sind wir jetzt alle identisch angezogen: knielange braune Sackkleider, die links den Aufdruck SG und unsere Losnummer tragen.

Jetzt bin ich offiziell Los 197. Violet Lasting gibt es nicht mehr.

Ein Repräsentant des Juwels steht auf einem Podium und hält die übliche Rede. Es ist ein großer Mann mit Nickelbrille und Brokatweste. An der linken Hand trägt er einen Ring – einen Rubin, der wie eine fette Kirsche inmitten kleiner Diamanten funkelt. Ich kann den Blick nicht von diesem Ring abwenden. Im Sumpf könnten davon drei Familien ein Jahr lang leben.

Der Mann hat eine dröhnende, nichtssagende Stimme, der Wind weht den Großteil seiner Rede fort. Ich höre eh nicht zu – schließlich ist es Jahr für Jahr ungefähr dieselbe Ansprache: wie ehrenwert die Tradition der Leihmutterschaft ist, wie unentbehrlich wir für den Fortbestand der Adelshäuser sind, welch großes Ansehen wir bei den Einwohnern der Stadt genießen.

Was die Bank und das Juwel angeht, bin ich mir nicht sicher, aber ich weiß ganz genau, dass dem Rest der Stadt die Surrogate ziemlich egal sind, wenn man nicht gerade im Sumpf wohnt und dadurch eine Tochter verliert. In den unteren Kreisen – im Schlot, auf der Farm und im Sumpf – darf sich niemand ein Surrogat halten. Manchmal versuchen Eltern, ihre Tochter zu verstecken oder die Ärzte zu bestechen. Die Blutuntersuchung, mit der die Fähigkeit zur Leihmutterschaft nachgewiesen wird, ist Pflicht für jedes Mädchen im Sumpf, sobald es die Pubertät erreicht hat. Niemand weiß, warum nur die Mädchen aus dem ärmsten Kreis diese seltsame genetische Mutation aufweisen, die Auspizien möglich macht, aber der Adel lässt niemanden entkommen. Wer dabei ertappt wird, dass er versucht, die Untersuchung zu umgehen, den ereilt die Todesstrafe.

Bei dem Gedanken an die erste öffentliche Exekution, die ich miterlebte, erschaudere ich. Sie liegt sieben Monate zurück. Nach drei Jahren im Versteck war ein Mädchen entdeckt worden. Man brachte sie zu dem Platz vor den Pforten von Southgate – wir mussten hinter einem Sichtschutz bleiben, von unserer Seite aus durchsichtig, von außen blickdicht, damit uns die versammelte Menge nicht sehen konnte. Ich suchte die Menschenmassen nach dem Gesicht meiner Mutter ab, konnte es aber nicht finden. Von unserem Haus bis nach Southgate geht man fast eine ganze Stunde. Wahrscheinlich hatte Mutter Ocker und Hazel den Anblick ersparen wollen. Meine Eltern besuchten niemals öffentliche Hinrichtungen – »grotesk« nannte mein Vater sie. Aber ich weiß noch, dass ich neugierig war und wissen wollte, wie so was ist.

Nachdem ich es gesehen hatte, verstand ich, was er gemeint hatte.

Das Mädchen wirkte verwahrlost, lange schwarze Haare umgaben ihr Gesicht, ihre Augen waren von einem strahlenden, fast verstörenden Blau. Ihr Anblick hatte etwas Wildes, Ungezähmtes. Sie mochte nur wenige Jahre älter sein als ich.