Das Lesende Mädchen - Hartmann Schmige - E-Book

Das Lesende Mädchen E-Book

Hartmann Schmige

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als in einem Berliner Museum die Variante des wertvollen Gemäldes „Das Lesende Mädchen“ von Auguste Renoir gestohlen und ein mit der Aufklärung befasster Zivilfahnder erschossen wird, und sich herausstellt, dass es nicht nur um Kunstraub, sondern womöglich auch um Raubkunst geht, entwickelt sich eine Handlung, die Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus aufgreift. Der amerikanische Pianist Blumenberg kommt nach Berlin und erhebt öffentlich Anspruch auf das Gemälde, es gehörte seinen Großeltern. Sie verließen nach dem 9. November 1938 fluchtartig Berlin und mussten unter anderem das Gemälde zurücklassen. Museumsdirektorin Overbeck erklärt, dass das Museum auf korrekte Weise in den Besitz des Gemäldes, das viele Jahre als verschollen galt, gekommen sei. Blumenberg spürt, dass die Museumsdirektorin nervös wird, aber er kann nichts vorweisen, was beweist, dass das Gemälde den Großeltern gehörte. Den Beweis versucht er nun zu erbringen. Lebt noch die Tochter des Dienstmädchens seiner Großeltern? Hochbetagt könnte sie bezeugen, dass das Gemälde den Blumenbergs gehörte. Wo ist sie? Die Kriminalpolizei unter der Führung der beiden Hauptkommissare Koenig und Hofmann ermittelt. Einer der Ermittler ist der junge Kommissar zur Anstellung, Levefre. Er verliebt sich in Lisa, die Freundin des Verdächtigen Marcel, was den Ermittlungen eine besondere Note gibt. Wer hat das Gemälde gestohlen und wer hat den Zivilfahnder erschossen? Russenmafia? Deutsche Dunkelmänner? Es bleibt nicht bei einem Toten. Die Ermittlungen schreiten voran und führen sogar bis in den Leichenkeller des ehemaligen Instituts für Anatomie, wo ein gewisser Igor zu wissen behauptet, wo sich das Gemälde befindet. Blumenberg hat dann die entscheidende Idee, wie man die Tochter des Dienstmädchens ausfindig machen kann. In einem Altersheim kommt zu einer berührenden Szene mit Blumenberg. Sie besitzt ein Foto, das beweist, dass das Gemälde den Blumenbergs gehörte. Die Diebe und der Mörder werden gefasst und das Gemälde an einem Ort ausfindig gemacht, an dem man es nie für möglich gehalten hatte. Und die anonymen Auftraggeber? Im Fernsehkrimi wird der Fall am Schluss in allen Details gelöst, in der Realität sieht es anders aus. Die Auftraggeber laufen frei herum. Sie werden erneut zuschlagen, irgendwann, irgendwo, ganz bestimmt. Auf einer Pressekonferenz des Polizeipräsidenten wird das wieder aufgefundene Gemälde präsentiert. Die Museumsdirektorin muss es nolens volens herausrücken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Hartmann Schmige

DAS LESENDE MÄDCHEN

Kriminalroman

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Übereinstimmungen mit weiteren realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die unbefugte Verwendung, auch auszugsweise, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung ist urheberrechtswidrig und daher strafbar.

Kopierrecht 2025 Hartmann Schmige

Schmige, Hartmann

Eisenzahnstraße 63, 10709-Berlin

Deutschland

Das Buch

In einer Nacht- und Nebelaktion wird aus einem Berliner Museum die Variante des millionenteuren Gemäldes „Das lesende Mädchen“ von Auguste Renoir gestohlen. Das Gemälde gehörte einer jüdischen Familie, die 1938 aus Berlin flüchtete. Die Handlung greift Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus auf. Ein Enkel, der amerikanische Pianist Blumenberg, erhebt Anspruch auf das Gemälde. Ein mit der Aufklärung befasster Zivilfahnder wird kaltblütig ermordet. Hauptkommissar Koenig ermittelt. Wer sind die Täter? Russenmafia? Deutsche Dunkelmänner? Es bleibt nicht bei einem Toten.

Der Autor

Hartmann Schmige schrieb über neunzig verfilmte Drehbücher, u.a. „Tatort“, sowie Romane und Theaterstücke. Ihn hat schon immer die Frage interessiert, was Menschen in die Welt des Verbrechens treibt. Sein Interesse gilt aber auch anderen Feldern der Kunst. Mit „Das Lesende Mädchen“ fand er den idealen Stoff, um Kriminalität und Kunst vor dem Hintergrund eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte zu verbinden. Nach eingehender Recherche über das Phänomen Raubkunst und Kunstraub schreibt der Autor den Berliner Kriminalroman „Das Lesende Mädchen“.

Das Lesende Mädchen und der Pianist

1

Die Nacht an einem Freitag im September 2023 begann wie all die anderen Nächte zuvor im Museum für Moderne Kunst in Berlin, doch dann war plötzlich nichts mehr wie zuvor.Harry Schrader saß in einem Stuhl, der Kopf war nach vorne geneigt, er schnarchte friedlich vor sich hin. Als Rentner verdiente er sich hier noch etwas dazu.An den Wänden hingen die in flimmerndem Licht und leuchtenden Farben gehaltenen Werke berühmter Impressionisten, darunter Auguste Renoir, Éduard Manet, Camille Pissarro, Paul Cezanne. Ein besonders schönes Gemälde, „Das Lesende Mädchen“ von Renoir, hing nur wenige Meter von ihm entfernt an der Wand. Das Mädchen blickte in ein bebildertes Buch. Auf dem Kopf trug es einen Strohhut mit einem Blumenarrangement, daneben stand ein Azaleenbäumchen. Alles von blühender Farbigkeit. Im Gegensatz dazu war sein Gesicht in einem zarten porzellanfarbenen Ton gehalten. Alles strahlte Ruhe und Anmut aus. Jetzt aber konnte man davon nicht viel sehen. Das Licht war in allen Räumen ausgeschaltet. Nur etwas Mondlicht fiel durch eine der Fensterscheiben herein.

Schliefen die Gemälde auch? Wer weiß, vielleicht verließen die abgebildeten Personen nachts ihre Rahmen, gingen leise umher und unterhielten sich dabei. Auch „Das Lesende Mädchen“ hätte dann sein Buch zur Seite gelegt, wäre aus dem Rahmen herabgestiegen und hätte gelauscht, was die älteren, auf den Gemälden verewigten Personen zu erzählen haben. Sie berichteten aus vergangener Zeit und welche Wege und Umwege sie hinter sich bringen mussten, ehe sie hier ins Museum gelangten. Auch „Das Lesende Mädchen“ hätte einiges zu erzählen gehabt, aber dann geschah etwas Unerwartetes. Schrader hielt die ausgeschaltete Taschenlampe in der rechten Hand fest, aber nicht fest genug, gleich würde sie laut zu Boden fallen.

Es war aber ein ganz anderes Geräusch, das ihn aus dem Schlaf hochschrecken ließ. Die Alarmanlage ging los. Schrader sprang auf und leuchtete mit der Taschenlampe umher. Die Stelle, an der das „Lesende Mädchen“ hing, war leer. Die Alarmanlage schrillte durch die Räume des Museums. Schrader leuchtete mit der Taschenlampe auf den Boden unterhalb der Stelle, wo das Gemälde gehangen hatte. Da war nichts zu sehen.

„Verdammt, heruntergefallen ist es nicht“, fluchte er. Im nächsten Moment hörte er Schritte hinter sich. Er drehte sich um. Irgendetwas kam wie ein Schatten auf ihn zu. Sein erschrockener Schrei vermischte sich mit dem schrillen Klang der Alarmanlage, dann trafen ihn die Elektroden eines Elektroschockers. Ein elektrischer Impuls jagte durch seinen Körper. Schrader stürzte zu Boden. Er verlor die Kontrolle über seine Muskeln und blieb wehrlos liegen. Und dann traf ihn noch ein heftiger Schlag am Kopf.

Wie ein Blitz leuchtete für einen Moment das Gemälde „Das Lesenden Mädchen“ vor seinen Augen auf. Es schien ihm, als ob das Mädchen, das im Profil gemalt war, seinen Kopf ihm zuwandte und erstaunt auf ihn herabsah. Im nächsten Moment verlor er das Bewusstsein.

***

Zwei Tage später tauchte der Pianist Daniel Blumenberg seine Hände in eine Schüssel mit heißem Wasser, um die Hände geschmeidig zu halten. Gleich sollte er im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie einige Werke von Frédéric Chopin spielen. Als Erstes standen die Etüden auf dem Programm.

Die Tür zu seiner Garderobe ging auf und ein Mitarbeiter der Elbphilharmonie kam herein. Er zögerte einen Moment und blickte auf seine Armbanduhr.

„Herr Blumenberg, Ihr Auftritt. It`s about time.“

Blumenberg nickte, nahm seine Hände aus der Schüssel und trocknete sie an einem Handtuch ab. Er ging zu einem Sessel und nahm das Jackett seines dunklen Anzugs von der Lehne. Dabei fiel sein Blick auf einige Zeitungen, die man auf den Tisch gelegt hatte. Die Überschrift eines Artikels war von einer anderen Zeitung überdeckt. Nur das Wort „Renoir“ stach hervor. Blumenberg machte drei Schritte auf die Tür zu, blieb stehen, ging zum Tisch zurück und zog die Zeitung hervor. Was er las, versetzte ihn in einen Moment ungläubigen Staunens.

„Wertvolles Gemälde von Renoir aus Berliner Museum gestohlen. „Das Lesende Mädchen“, das er in zwei Varianten gemalt hatte, gehört zu seinen bekanntesten Werken.“

Blumenberg starrte auf den Artikel und setzte sich. Der Mitarbeiter trat etwas näher.

„Herr Blumenberg, bitte …“

Blumenberg wandte sich ihm mit einem Blick zu, der verriet, dass er mit seinen Gedanken ganz weit weg war. Obwohl der Mitarbeiter ihn nochmals aufforderte, blieb er reglos sitzen. Hinter dem Mitarbeiter tauchte eine weitere Mitarbeiterin auf. Kopfschüttelnd blickte sie zu Blumenberg.

„Was ist denn? Herr Blumenberg …“

Blumenberg kehrte mit seinen Gedanken, die tief in der Vergangenheit versunken waren, in die Gegenwart zurück.

„Das Lesende Mädchen“, wo ist es?“

Die beiden Mitarbeiter blickten sich verwundert an. Er stand auf und verließ das Zimmer.

Der Große Konzertsaal war nach dem Prinzip der „Weinberg-Architektur“ gebaut worden. Die Bühne befindet sich leicht versetzt in der Mitte des Saals. Drumherum gruppieren sich die weinbergartig nach oben ansteigenden Rängen. Kein Sitzplatz ist weiter als 30 Meter vom Dirigentenpult oder vom Konzertflügel entfernt. Der Saal war mit 2100 Sitzplätzen bis auf den letzten Platz ausverkauft. Alle wollten den seit vielen Jahren begehrten Pianisten aus New York sehen und hören.

Als Blumenberg hereinkam, brandete ihm rauschender Beifall entgegen. Er verbeugte sich, setzte sich an den Steinway-Flügel und hob die Finger über die Tasten, aber er begann nicht zu spielen. Sekunden vergingen, er spielte nicht, die Zeit schien sich wie eine Ewigkeit zu dehnen. Einige seiner allmählich grau werdenden Locken fielen ihm ins Gesicht. Seine Gedanken kehrten in die Vergangenheit zurück, eine Vergangenheit, die er nur aus den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern kannte.

Er sieht einen Mann, der einen teuren Tweed Anzug trägt, in einem großbürgerlichen Salon vor Renoirs Gemälde „Das Lesende Mädchen“ stehen.Ihm gegenüber steht ein Mann in brauner Uniform mit Schaftstiefeln und Schulterriemen und einer Armbinde mit Hakenkreuz. Der SA-Mann holt aus und schlägt den Mann im Tweed Anzug mit einem Fausthieb zu Boden, dort bleibt er stöhnend liegen. Blut fließt aus seiner Nase.

Im Saal wurde es unruhig. Blumenberg verharrte immer noch reglos, mit den erhobenen Händen über den Tasten. Die Besucher begannen zu tuscheln. Jetzt bemerkte Blumenberg die Reaktion des Publikums. Er dreht sich den Zuschauern zu, strich die ihm ins Gesicht gefallenen Locken zurück und stand auf.

„Entschuldigen Sie bitte.“

Gespannte Reaktionen. Würde er das Konzert abbrechen? Er setzte sich wieder an den Flügel. Erleichtertes Aufatmen und freundlicher Beifall erfüllten den Saal.

Blumenberg begann die Etüde Opus 25 Nr. 1 zu spielen, von der man sagt, dass sie dem geheimnisvollen Flüstern der Äolischen Harfe ähnelt. Während er spielte, sah er kein einziges Mal auf die Tasten. Sein Blick ging nach innen in eine andere Zeit, in eine Zeit, in der für seine Großeltern eine Welt zusammenbrach, in der sie alles aufgeben mussten, was sie sich erarbeitet hatten, ihre beruflichen Erfolge, ihre Freunde, ihre so schön möblierte Wohnung in der Berliner Wielandstraße, mit dem Konzertflügel von Bechstein, mit den wertvollen Gemälden an den Wänden des Salons. All das war für immer verloren, hinweg und vorbei, eine Wunde, die sich nie schließen sollte. Es gab Überlebende jener Zeit, die über das redeten, was ihnen an Schrecklichem damals widerfuhr und es an ihre Kinder und Enkelkinder weitergaben, und es gab Überlebende, die nichts sagten, die nicht darüber redeten und schwiegen. Der Schmerz saß gleichermaßen tief bei denen, die redeten, und bei denen, die schwiegen. Blumenbergs Großeltern hatten nicht geschwiegen und so rief die Nachricht von dem geraubten „Lesenden Mädchen“ in ihm dieselben schmerzhaften Gefühle hervor. Die Chopin-Kenner im Publikum konnten sich nicht erinnern, dass sie die „Äolische Harfe“ schon einmal so gefühlvoll interpretiert gehört hatten.

2

Der Tod des Zivilfahnders

Der Wind heulte durch die regennassen Straßen von Berlin-Charlottenburg, als wäre ein Rudel Wölfe unterwegs. Es war Montag kurz vor Mitternacht.

„Was für ein Wetter, was für ein verdammtes Wetter. Keinen Hund würde man jetzt vor die Tür jagen.“

Tilkowski ging missmutig die Dahlmannstraße weiter und folgte dem Mann, der kurz davor aus einer Bar in der Nähe des Adenauerplatzes gekommen war. Tilkowski hatte hinter einem geparkten Kleintransporter den Ausgang der Bar beobachtet. Er zog fluchend die Kapuze seiner Regenjacke fester und dachte über sein Leben nach. Dabei führte er Selbstgespräche, eine Angewohnheit, die sich bei ihm verstärkt hatte, seit er so viel alleine unterwegs war.

„Ich bin kein Hund und muss raus. Mist. Jetzt wäre ich viel lieber ein Hund. Bist selber schuld, ich mag den Job, wenn’s nur nicht so oft regnen würde.“

Er umging eine der vielen Pfützen, in denen sich das Licht einiger Straßenlaternen spiegelte und blickte zu einem im dritten Stock eines Altbaus gelegenen Fenster hoch. Dort stand ein Pärchen eng umschlungen und sah hinunter in die unwirtliche Welt

„Ihr habt`s gut, für euch ist die Welt in Ordnung, keine Probleme, oder habt ihr doch welche? Mann, kümmere dich um deine eigenen Probleme.“

Tilkowski sah, wie der Mann sich mittlerweile dem S-Bahnhof Charlottenburg näherte und dort im Eingang verschwand. Er beschleunigte seine Schritte und betrat den Gang, der zum Stuttgarter Platz, kurz „Stutti“ genannt, führte. Der Gang war menschenleer. Tilkowski überlegte. War der Mann zum anderen Ausgang gerannt, der zum Stuttgarter Platz führte? Dort gab es weitere Bars. Aber warum gerannt? Um noch eine S-Bahn zu erreichen, die Tilkowski in diesem Moment wegfahren hörte? Er zögerte, ob er jetzt Feierabend machen sollte, aber er überlegte nur kurz.

„Nee, aufgeben ist nicht dein Ding, bleib dran, zäh wie eine Klette ist schließlich dein Markenzeichen, genau, Tilkowski, die Klette.“

Er tastete kurz nach der Pistole in der inneren Jackentasche und ging auf die Treppe zu, die nach oben zu den Gleisen Richtung Alexanderplatz führte. Dort konnte man auch hinüber zu dem anderen Gleis sehen, von wo aus die Züge Richtung Potsdam abgingen. Tilkowski fasste einen Entschluss. Weit nach Hause von hier hatte er es nicht. Klette hin, Klette her, wenn er oben auch niemanden sehen konnte, dann war Feierabend.

Er dachte an Hanne. Sie wartete immer, wenn er in einer gefährlichen Mission unterwegs war. Irgendetwas zum Aufwärmen wird sie gekocht haben, Gemüsesuppe oder Kassler mit Kartoffelbrei und Sauerkraut. Er musste noch einmal an die beiden jungen Leute am Fenster denken.

„Ihr seid nicht die einzigen, die heute Nacht was zum Festhalten haben.“

Tilkowski musste lächeln.

„Ach, Mistwetter, was soll‘s? Im Grunde, hab ich‘s doch gut getroffen.“

Er bog um die Ecke zur Treppe, die nach oben führte. Die beiden Schüsse trafen ihn direkt in die Brust. Er stürzte nach hinten, blieb liegen und starrte nach oben, wer da auf ihn geschossen hatte. Aber er konnte nichts mehr sehen. Alles war dunkel. Sein letzter Gedanke galt Hanne.

Wie lange wird sie wohl diese Nacht noch auf ihn warten? Einige Minuten später näherte sich ein Straßenköter, irgendeine Mischung aus zwei Rassen, Tilkowskis Leiche und schnupperte an ihm. Sein Herrchen, der Obdachlose Rudi, kam hinzu. Er trug einen löchrigen, afghanischen Mantel aus Schafspelz, wo auch immer er ihn aufgegabelt hatte.

„Da gibt es nichts mehr zu schnüffeln, Otto, der ist hin.“

Man sagt ja, dass manche Menschen nach ihrem Tod noch eine Weile über ihrem leblosen Körper schweben. Wenn das stimmt, dann sah Tilkowski vielleicht jetzt auf sich und den Hund herab und wünschte sich, dass er sein Leben mit dem Hundeleben vertauschen könnte. Aber den Gedanken würde er bestimmt gleich wieder verwerfen. Hanne mochte keine Hunde.

***

Eine halbe Stunde später wurde der Hauptkommissar der vierten Mordkommission, Quintus Koenig, von der am Tatort eingetroffenen Polizei in seiner Dreizimmer- Altbauwohnung aus dem Bett geklingelt. Er war, nachdem er sich noch die Aufzeichnung eines Fußballspiels angesehen hatte, eingeschlafen.Viele Jahre lang hatte hier neben ihm seine Frau gelegen. Nun lag da niemand mehr.Ein Blick zum Fenster zeigte ihm, dass es heftig regnete.

„Klar, wenn ich Bereitschaftsdienst habe, ist natürlich Sauwetter.“

Er zog sich die über einem Stuhl hängenden Jeans und die Lederjacke an und verließ das Schlafzimmer.

Als er aus dem Mietshaus in der Kantstraße trat, hatte der Regen nicht nachgelassen. Zu allem Verdruss hatte er am Abend zuvor nur einen weit entfernten Parkplatz für seinen in die Jahre gekommenen BMW gefunden. Er spannte seinen Regenschirm auf, der sofort von einem heftigen Windstoß erfasst wurde und nach oben umklappte, versuchte ihn zurückzuklappen, aber das Ding klemmte. Verärgert warf er ihn auf den Boden, ging weiter, zögerte, kehrte um und hob den Schirm wieder auf. Er ließ sich immer noch nicht zusammenfalten. Ratlos blickte er umher und entdeckte durch eine Hofeinfahrt hindurch große Mülltonnen. Er ging hin und warf den Schirm in eine der Tonnen.

„Sehr gut, Alter“, hörte er jemanden rufen, „Ordnung muss sein“.

An einem geöffneten Parterrefenster des Hinterhofs stand ein junger Mann mit orangefarbenen Irokesenhaarschnitt und rauchte eine Zigarette. Koenig nickte wortlos. Nun bot ihm nur noch seine Basecap Schutz vor dem Regen. Er überlegte, ob er zu seinem BMW gehen sollte, der aber stand recht weit vom Stuttgarter Platz entfernt in einer Nebenstraße. Er entschloss sich, zu Fuß zum „Stutti“ Platz zu gehen.

Der Weg dorthin führte an chinesischen Imbissrestaurants vorbei. Lange Zeit war die chinesische Küche gar nicht richtig chinesisch, im Grunde war es chinesische Küche auf deutsche Art, Hauptsache süßsauer. Aber dann setzte ein Wandel ein. Mittlerweile gab es sehr gute Restaurants, die auch Dim Sum anboten, eine Spezialität der kantonesischen Küche mit gedämpften Häppchen aus Teigtaschen in unterschiedlichsten Füllungen. Koenig,gewöhnt an deutsche Hausmannskost, war anfangs skeptisch gewesen, hatte sich aber dann, als seine Frau zu früh verstarb, mit der chinesischen Küche angefreundet und sich sogar an Hühnerfüße herangewagt.

Er kam zum Stuttgarter Platz, wo sich gerade zwei Betrunkene, beide nicht älter als Mitte Zwanzig, vor einer der Bars heftig stritten. Es ging um eine Summe Geld, die einer der beiden dem anderen schuldete. Strittig war die Höhe der Summe, angeblich nicht so hoch, wie der Schuldner behauptete. Beleidigungen flogen hin und her.

„Es waren dreihundert, du Arsch.““

„Nie im Leben, biste schon dement oder wat?“

„Ich dement? Du, pass uff, kriegst gleich eins in die Fresse.“

„Ach, nee, von dir, du, halbes Hemd. Es waren zweihundert, klar? Und die kriegst du, dämlicher Wichser.“

„Affenarsch.“

Zack, setzte es einen Faustschlag. Zack, ein Faustschlag zurück.

Eine veritable Prügelei begann. Der starke Regen störte die beiden Kombattanten überhaupt nicht. Koenig hatte eigentlich nicht vor, sich da einzumischen. Er musste zum Tatort. Aber als der Schuldner zu Boden ging und der Gläubiger mit den Füßen fluchend auf ihn eintrat, ging er dazwischen. Er riss den, der mit den Füßen trat, zurück.

„Schluss jetzt, es reicht.“

„Was geht dich das an?“, fragte der am Boden Liegende, der sich wieder aufrappelte. Dass Koenig ihm zur Hilfe geeilt war, erfreute ihn überhaupt nicht. Koenig zog seinen Kripoausweis hervor.

„Kripo.“

„Ach, du Scheiße“, sagten beide unisono.

„Ja, Scheiße“, blaffte Koenig den Gläubiger an, „wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht mehr auf ihn. Früher war das so, aber früher gibt`s offensichtlich nicht mehr.“

„Okay“, sagte der Gläubiger, „war gerade ein bisschen heftig.“

„Genau“, stimmte der Schuldner zu.

Er zeigte zur Bar.

„Wir klären das jetzt drin“

„Genau“, stimmte der Gläubiger zu, „und janz friedlich, ehrlich.“

„Habt ihr ein Glück, dass ich gerade Wichtigeres vorhabe“, sagte Koenig, „rein mit euch.“

„Danke“, sagten beide unisono und verschwanden in der Bar.

Etwas später betrat Koenig den Gang der S-Bahnunterführung und näherte sich den Beamten des Erkennungsdienstes, die mittlerweile ihrer Arbeit nachgingen. Sie trugen alle Ganzkörperanzüge aus weißem Plastik mit Kapuze. Ein rot-weißes Absperrband sicherte den Tatort ab, um eventuell auftauchende Schaulustige abzuhalten. Nur der Obdachlose Rudi und sein Hund Otto waren immer noch anwesend. Tilkowski lag da, wo er mit den Schüssen niedergestreckt wurde, aber jetzt war er nackt.

Koenig trat hinzu und nickte den Beamten zu.

„Ey, warum eigentlich nackt?“, fragte Rudi.

„Ist Vorschrift“, antwortete einer der Beamten, „wir müssen den ganzen Körper nach Verletzungen absuchen.“

„Siehste“, sagte Rudi zu Otto, „so spielt sich det realistisch ab, nich‘ wie in der Glotze.“

Koenig zog sich Einweghandschuhe über. Einer der Beamten winkte ab.

„Die brauchst du nicht, Kollege, wir haben ihn schon untersucht. Zwei Schüsse in die Brust. Keine weiteren Verletzungen, glaube nicht, dass der Rechtsmediziner noch was finden wird.“

„Hat irgendjemand was gesehen?“, fragte Koenig.

„Leider nicht, unser Freund mit dem Hund traf zu spät hier ein.“

Koenig blickte zu Rudi.

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“

„Wohnen wäre zu viel gesagt“, grinste Rudi, „ick hab‘ mein Lager in der anderen Unterführung, nicht weit von hier, in der Droysenstraße“

„Haben Sie den Mann hier schon einmal gesehen?“

„Nee, hab’ ick nicht, weil, normalerweise hab‘ ick mit nackten Toten nischt zu tun. Jetzt hab‘ ick aber auch mal ‘ne Frage. Krieg ich als Zeuge sowat wie ‘ne aufwendige Entschädigung, oder wie det heißt?“

Koenig musste lächeln.

„Zeuge der Tat sind Sie ja nicht, aber wir werden Ihre Aussage trotzdem auf dem Kommissariat aufnehmen. Dafür kriegen sie eine kleine Entschädigung, Fahrtkosten und eine warme Mahlzeit in der Kantine, Ihr Hund auch.“

„Na wunderbar, siehste Otto, so nett können die Bullen sein.“

Otto wedelte mit dem Schwanz. Er hatte offensichtlich alles verstanden.

Koenig wandte sich wieder dem Beamten zu.

„Noch was?“

„Ja, wir haben einen Ausweis bei dem Toten gefunden. Tilkowski heißt er, Martin Tilkowski, aber das hilft uns im Augenblick nicht weiter.“

„Ja, zu schade“, schaltete sich Rudi wieder ein, „wäre ich ein bisschen früher gekommen, der Mörder war schon weg, aber der Tote, der lebte noch. Ich hätte mich über ihn gebeugt und er hätte noch seine letzten Worte gestammelt, vielleicht: „Benno war’s.“

Koenig reagierte verdutzt.

„Wer ist Benno? Wohnt der hier in der Gegend?“

„Nee, ick‘ kenne keinen Benno.“

Der Beamte wartete, ob Koenig noch weitere Fragen hatte.

„Woran denken Sie?“

Koenig schwieg. Ein anderer Toter tauchte in seinem Gedächtnis auf. Er war sein erster Toter als junger Kriminalassistent zur Anstellung gewesen. Als er mit seinem Chef damals zum Tatort kam, einem Gebüsch am Wannsee, war der Tote auch entkleidet worden und lag nackt da. Er überlegte, ob das hier wohl sein letzter Fall sein wird, dann würde der Kreis sich schließen. Er atmete tief durch und beantwortete die Frage.

„Ich bin schon etliche Jahre länger als Sie in dem Geschäft. Manchmal ziehen an mir die vielen Toten vorbei, vor allem nachts, wenn ich träume. Man könnte meinen, dass es Routine wird, dass man sich im Laufe der Zeit daran gewöhnen müsste, an diesen Anblick, an die zerschmetterten Köpfe, von Messern durchbohrten Leiber, von Schüssen zerfetzt, von Hämmern erschlagen, mit Stricken erwürgt, kann ich aber nicht. Sie begleiten mich, treue, tote Seelen. Ob sie auch in Pension gehen, wenn ich in Pension gehe? Wäre schön.“

Er blickte wieder zu dem Toten. Tilkowski, noch ist er ein unbeschriebenes Blatt, sagte er zu sich. Ging es um Rache? Ging es um Eifersucht? Um Revierkämpfe? Um Drogen? Um Verwechslung? Ist er Opfer und war er vorher selber Täter?“ Irgendetwas, womit wir schon oft zu tun hatten, wird es sein. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Ein Tag voller Ungewissheiten

3

Schon um sechs Uhr frühsaß der Pianist Blumenberg im Alstersalon des noblen Hamburger Hotels Atlantic an einem Frühstückstisch. Er verspürte trotz des üppig bestückten Buffets keinen großen Appetit. Er hatte eine sehr unruhige Nacht verbracht. Jetzt blätterte er die deutschen und einige ausländische Zeitungen durch, die man ihm gebracht hatte. Die Besprechungen des Chopin-Abends überflog er nur, sie waren alle sehr positiv, er las alles, was er noch Neues über den Raub des Gemäldes finden konnte.Erwähnt wurde, dass es von dem „Lesenden Mädchen“ zwei Versionen gab, eine davon hing im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main. Über das gestohlene Gemälde war nur bekannt, dass Renoir es in Frankreich einem Kunsthändler verkauft hatte. Danach verlor sich seine Spur. Es galt als verschollen. Umso überraschender, dass es als Schenkung an das Museum wieder auftauchte. Dem niedergeschlagenen Museumsaufseher ging es den Umständen entsprechend wieder gut. Dann gab es die üblichen Spekulationen. Die russische Mafia könnte dahinterstecken, die italienische Mafia könnte dahinterstecken, oder irgendein Multimillionär, der unbedingt einen Renoir haben möchte, auch wenn er ihn nur heimlich in einem geheimen Zimmer seiner Villa betrachten kann.

Blumenberg fiel Howard Hughes ein. Der exzentrische Milliardär hatte kassenfüllende Filme produziert, sich als Flugpionier hervorgetan, sieben Casinos in Las Vegas aufgekauft, war in die Watergate Affäre verwickelt, verschwand für fünfzehn Jahre aus der Öffentlichkeit, wurde irrtümlich für tot erklärt, zog sich in ein Luxus-Appartement zurück, hörte auf sich zu waschen, ließ sich die Haare und Fußnägel nicht mehr schneiden und starb schließlich an Nervenversagen. Hughes würde Blumenberg den Diebstahl des Gemäldes zutrauen, wenn er noch am Leben wäre.

Die Presse erwähnte natürlich auch frühere Diebstähle bekannter Gemälde, vorneweg den Raub der Mona Lisa aus dem Pariser Louvre im Jahre 1911. Zu den Merkwürdigkeiten des Falles zählte unter anderem, dass kein Geringerer als Pablo Picasso verdächtig wurde, das Gemälde gestohlen zu haben. Er war es aber nicht. Während weltweit nach dem Gemälde gefahndet wurde, lag es zwei Jahre lang nur wenige Schritte vom Louvre entfernt im doppelten Boden einer Holztruhe des Glasers Vincenzo Peruggia. Er kannte die Mona Lisa bestens, da er das Gemälde mit einer neuen Glasscheibe ausgestattet hatte. Mit den Örtlichkeiten vertraut, betrat er den Louvre vor Schließung und nahm das Gemälde an sich. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er das Gemälde nach Italien verkaufen wollte. Dabei wurde er geschnappt.

In der Familie der Blumenbergs hatte man sich immer über die Merkwürdigkeiten des Raubs amüsiert, zu denen auch zählte, dass der zuständige Untersuchungsrichter sogar den deutschen Kaiser Wilhelm II. verdächtigte, Auftraggeber des Diebstahls gewesen zu sein. Und dann wurden die Blumenbergs selber Opfer eines Kunstraubs. Dass man es Raub nennen musste, daran gab es für sie keinen Zweifel. Verkauft hatten sie das Gemälde nicht. Der Diebstahl des „Lesenden Mädchens“ aus dem Museum wird sicherlich weltweit Aufsehen erregen, sagte sich Blumenberg, auch wenn dieser Raub nicht den Sensationswert wie bei der Mona Lisa haben wird. Ändern könnte sich das noch, wenn die Hintergründe des Raubs aufgedeckt werden. Dazu müsste man sich aber tief in die Vergangenheit begeben.

Ihm fielen wieder die Gespräche ein, in denen die Großeltern und auch sein Vater das Gemälde oft erwähnten und sich gefragt hatten, was wohl aus ihm geworden sei. Und jetzt war es wieder aufgetaucht und sogleich wieder verschwunden.

Nach dem Konzert hatte er noch mit seiner Frau telefoniert. Ja, der Chopin-Abend war ein großer Erfolg gewesen, aber dann erzählte er ihr von dem Raub des Gemäldes. Zunächst sagte sie gar nichts, sie schwieg eine ganze Weile und dann sagte sie: „Wenn das dein Großvater noch wüsste.“

„Vielleicht weiß David es ja jetzt, Betty, vielleicht blickt er von oben herab und ist genauso erstaunt wie wir.“

Seine Frau hatte wieder eine Weile geschwiegen.

„Was wirst du jetzt tun?“, wollte sie dann wissen.

„Weißt du noch“, hatte er geantwortet, „was mein Vater einmal gesagt hatte? Es sei sinnlos, darauf zu hoffen, dass das „Lesende Mädchen“ einmal zu uns zurückkehren wird. Das Vergangene sei vergangen, wir müssten jetzt nach vorne sehen in eine bessere Zukunft. Aber das Vergangene vergeht nicht, es ist immer da und holt uns immer wieder ein.“

„Also, was wirst du tun?“

„Ich fliege nicht zurück, ich bleibe hier, ich muss nach Berlin. Das verstehst du doch, oder?“

„Natürlich, ich habe nichts anderes erwartet. Viel Glück, Daniel.“

Blumenberg legte die Zeitungen zur Seite. Ein unruhiges Gefühl erfasste ihn. Was würde in Berlin auf ihn zukommen? So blieb er eine Weile reglos sitzen, den Kopf in den Händen vergraben. Dann stand er mit einem Ruck auf und verließ den Frühstücksraum.

*

Dreihundert Kilometer entfernt saß auch Nico Levefre in einer Küche vor dem gedeckten Frühstückstisch einer Berliner Neubauwohnung in der Nähe des Lehniner Platzes. Die Kücheneinrichtung hatten seine Eltern vor etlichen Jahren bei Ikea gekauft und Nicos Vater hatte alles eigenhändig zusammengebaut. Er und seine Frau betrieben eine kleine Maßschneiderei in einer Nebenstraße des Kurfürstendamms. Das meiste Geld verdienten sie aber mit Änderungen. Auch Nico bekam keinen einzigen Bissen herunter. Er musste an das denken, was ihn heute auf der Mordkommission erwarten würde. Seine Mutter schüttelte besorgt den Kopf.

„Komm, Junge, du musst was essen. Mit leerem Magen wird das nichts, da wirst du nur noch nervöser.“

Levefres Vater saß mit am Tisch. Er trug noch seinen Morgenmantel und schlürfte geräuschvoll aus einer Kaffeetasse.

„Kann ich verstehen, ist ja sein erster Mord. Vielleicht sollte er erstmal einen Schnaps nehmen.“

„Bist du verrückt?“, entgegnete Frau Levefre, „auf nüchternen Magen?“

„War ja nur so eine Idee“, brummte Herr Levefre, „pass mal auf, Nico, du hast keinen Grund nervös zu sein, du hast eine prima Ausbildung durchgemacht, Fachhochschule, besser geht‘s nicht, dafür haben wir auf manches verzichtet, dass was Anständiges aus dir wird, haben wir gerne gemacht, hast immer eine tadellose Garderobe bekommen, auch den gebrauchten VW Käfer haste bekommen als du volljährig wurdest, damit du dich nicht vor den reichen Schnöseln verstecken musst, damit du auch an die Costa Brava düsen kannst, haben wir gerne gemacht, hab‘ dafür auf ’n Segelboot am Wannsee verzichtet, wär schön gewesen, aber egal, es hat sich gelohnt, du hast dich ran gehalten, und zusätzlich haste noch von deiner Mutter einen Schuss höhere Bildung abbekommen, was nicht so mein Ding ist, also, du hast das Rundum-sorglos-Paket bekommen, kein Grund nervös zu werden, wenn einer Grund hat nervös zu werden, dann ich, dass du jetzt womöglich alles vermassest, das alles umsonst war, so das war’s, was ich jetzt noch sagen wollte.“

Frau Levefre haute mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Na wunderbar, Holger, jetzt hast du ihm richtig Mut gemacht, bravo, Mann, Mann, Mann …“

„War ja nur so eine Idee“, brummte Herr Levefre.

Frau Levefre klopfte ihrem Sohn auf die Schulter.

„Wird schon gut gehen.“

Er nickte, nahm einen Schluck Kaffee, biss in ein Mettwurstbrötchen und lächelt den beiden Eltern zu.

„Danke für alles.“

Nervös war er doch. Er hatte viel auf der Fachhochschule gelernt, aber würde das ausreichen, um in der Praxis zu bestehen? Fleiß alleine reicht nicht, hatte einer seiner Ausbilder zu ihm gesagt. Es gehört ein Schuss Talent für diesen Beruf dazu, etwas, was man nicht lernen kann. Und so erwartete auch ihn ein Tag voller Ungewissheiten.

Das gute alte Berlin gibt es nicht mehr

4

Daniel Blumenberg war mit der Frühmaschinenach Berlin geflogen und hatte dort, wie er fand, ungewöhnlich lange auf sein Gepäck warten müssen. Das war ein Problem, das der Flughafen seit seiner Fertigstellung nicht loszuwerden schien. Endlich bekam er sein Gepäck und nahm ein Taxi. Der Taxifahrer bedankte sich bei Blumenberg, dass er ein Taxi mit einem lizenzierten Taxifahrer genommen hatte.

„Ich mache den Job jetzt schon fünfundzwanzig Jahre, aber bald macht es keinen Spaß mehr, nee, ehrlich nicht“, beklagte er sich, „die Fahrgäste buchen keinen Wagen von unserem Taxiverband, sondern von privaten Fahrdienstvermittlern, und die Fahrer dort haben keinen Taxischein, da kann jeder hinters Steuer, so sieht’s aus, das ist natürlich preiswerter, also sicher ist das nicht, wenn Sie mich fragen.“

Da Blumenberg keine Frage stellte, redete er gleich weiter.

„Und was Sicherheit betrifft, da kann ich Ihnen noch mehr erzählen? Sind Sie zu Besuch in Berlin?“

„Ja, bin ich.“

Sie sprachen auf Deutsch miteinander, was Blumenberg fast akzentfrei beherrschte.

„Wann waren Sie denn zuletzt hier?“

„Vor ungefähr drei Jahren.“

„Seitdem ist es nicht besser geworden, eher schlechter. Es passiert andauernd etwas. Überfälle, Raub, Messerstechereien. Nachts fahre ich schon gar nicht mehr Taxi, ist mir zu gefährlich geworden. Tja, das gute alte Berlin, das gibt es nicht mehr.“

Blumenberg fragte sich, ob es das gute alte Berlin je gegeben hat. Für seine Familie jedenfalls nur für eine kurze Zeit. Inden sogenannten „Goldenen Zwanzigern“ florierte die Arztpraxis seines Großvaters und die Großmutter war eine begehrte Klavierlehrerin. Sie hatten ein gutes Leben und es sah so aus, als ob es ewig so weitergehen würde.

„Ist es wirklich so schlimm geworden?“

„Na, schauen sie doch mal in die Zeitung.“

Blumenberg musste an das denken, was er gerade in Hamburg gelesen hatte. Was würde der Taxifahrer wohl dazu sagen?

„Da stand etwas über einen Einbruch in einem Berliner Museum. Da wurde ein sehr wertvolles Gemälde gestohlen.“

„Stimmt, aber das geht mir ehrlich gesagt am Allerwertesten vorbei. Wer wurde denn da geschädigt? Das Museum. Na und, die sind doch versichert. Das tut Otto Normalverbraucher nicht weh.“

„Der Mann vom Wachpersonal wurde niedergeschlagen.“

„Richtig, das war nicht okay, die hätten das so machen sollen wie in den Hollywoodfilmen, George Clooney und Brad Pitt, alles genau geplant und durchgeführt, keiner kommt zu Schaden.“

Blumenberg konnte nachvollziehen, was der Taxifahrer da sagte, weil der den Hintergrund der Geschichte nicht kannte. Darauf kam Blumenberg nun zu sprechen.

„Es sei denn, das Gemälde gehörte gar nicht dem Museum, sondern jemandem, dem es unrechtmäßig weggenommen wurde.“

„Was? So einen Film kenne ich nicht.“

„Kein Film. Realität.“

„Verstehe ich nicht. Real, wie?“

„Was würden Sie sagen, wenn ich zum Beispiel der Enkel von dem wäre, dem das Gemälde rechtmäßig gehört hat?“

„Da würde ich sagen, Sie wollen mich veräppeln.“

Blumenberg überlegte kurz, ob er die Sache vertiefen sollte, hielt es aber für besser, darüber erst mit dem Museum zu sprechen.

„Ja, war nur so ein Gedanke.“

„Schreiben Sie Krimis, oder was?“

„Nein, ich spiele Klavier.“

„Komische Gedanken für einen Klavierspieler. Jazz?“

„Nein, Klassik.“

Blumenberg musste an seine Großmutter denken. Sie hatte ihn, der auch gerne Jazz und Beat spielte, immer wieder mit sanftem Druck an die Klassik zurückgeführt. Im Nachhinein war er ihr dafür dankbar gewesen. Er glaubte nicht, dass er ein guter Jazzpianist geworden wäre. Das Interesse am Jazz aber blieb ihm erhalten.

„Schade, von Klassik verstehe ich nicht viel“, sagte der Taxifahrer, „aber von Jazz. Dave Brubeck ist für mich der Größte. Er am Klavier, Paul Desmond, Saxophon, Joe Morello, Schlagzeug und Eugene Wright am Bass, Mann, Mann, die waren klasse.“

„Mit Eugene Wright gab es anfangs Probleme.“

„Genau, die Konzertveranstalter wollten nicht, dass der Brubeck einen schwarzen Musiker in sein Quartett nimmt, aber Brubeck hat eisern zu ihm gehalten. Hochanständig, der Brubeck. Ich meine, ist doch völlig wurscht, ob einer schwarz, weiß, gelb oder sonst was ist, Hauptsache, er kann was, Hautfarbe völlig egal.“

„Wie die Religion.“

„Richtig.“

Blumenberg freute sich, dass er mit einem Antirassisten im Taxi saß. Ein guter Auftakt für seinen Berlinbesuch. Mal sehen, was noch kommen würde. Sie fuhren auf der Stadtautobahn durch einen Tunnel, als sie von einem Jaguar mit überhöhter Geschwindigkeit überholt wurden. Der Taxifahrer war nicht rechtzeitig von der Überholspur gewichen und der Jaguar-Fahrer hatte darauf wütend mit Hupe und Lichthupe reagiert.

„Der kann auch nicht früh genug ins Grab“, brummte der Taxifahrer und legte eine CD in den Player des Wagens.

„Ich sehe, Sie haben Ahnung von Brubeck und Konsorten. Hier, kleine Überraschung, kennen Sie doch, oder?“

Das Jazzstück erklang.

„Natürlich, Take Five.“

„Genau, das ist die lange Fassung.“

„Wissen Sie, warum es Take Five heißt?“

„Ehrlich gesagt, nee.“

„Es ist im 5/4 Takt geschrieben, bis dahin war der 4/4- oder 3/4 Takt üblich. Paul Desmond hat es komponiert.“

„Mann, jetzt bin ich aber von den Socken, Sie kennen sich ja aus, 5/4 Takt, verstehe.“

Die lange Fassung dauerte 16 Minuten und passte gut zu den gleichmäßig gegen die Windschutzscheibe fallenden Regentropfen. Es vergingen dann noch einmal gut dreißig Minuten, bis das Taxi vor dem Hotel Bristol in der Fasanenstraße Ecke Kurfürstendamm anhielt. Bis dahin hatte der Taxifahrer Blumenberg noch mit allerlei Geschichten aus seinem Leben als Taxifahrer unterhalten, wie er der Liebe wegen aus Hannover nach Berlin kam, wie er einmal einen Fahrerflüchtigen gestellt, seine zweite Frau in der Silvesternacht am Taxistand kennengelernt, einen hochrangigen, sturzbesoffenen Politiker bis vor die Haustür gefahren, wo der ihm noch ins Taxi gekotzt hatte, und ähnliches mehr. Abgesehen davon wurde über Politik nicht weiter gesprochen.

Schon mal mit Mord zu tun gehabt?

5

Das Wetter hatte nicht umgeschlagen. Regentropfen glitten an den Fenstern der vierten Mordkommission in der Keithstraße herab. Der Blick nach draußen zeigte die gegenüberliegenden Gebäude ohne Konturen und ohne klare Linien, ähnlich den Werken impressionistischer Maler, wie sie im Museum ausgestellt waren, nur dass dort jetzt ein Gemälde fehlte. Der Besprechungsraum war karg eingerichtet. Ein großer Besprechungstisch war das beherrschende Möbelstück. Da hier keinem etwas persönlich zur Verfügung stand, gab es auch nichts Persönliches, keine Blumenvasen, keine Fotos von Verwandten und keine bunten Kaffeetassen aus irgendwelchen Urlaubsländern, nicht einmal die sonst beliebten luftreinigenden Gummipflanzen, die für angenehme und saubere Luft sorgen und Kopfschmerzen vorbeugen, gab es. Da das alles fehlte, war es in diesem Raum, wenn kein Fenster offenstand, oft stickig. Jetzt stand kein Fester offen.Die Tür zum Besprechungsraum ging auf, Quintus Koenig kam herein. Levefre blickte gespannt zu ihm. Das war ab heute sein Chef. Wie würde die Zusammenarbeit aussehen? Der erste Tag könnte schon entscheidende Weichen stellen. Koenig blickte zu den versammelten Kripobeamten, es waren vier an der Zahl. Hoffentlich reicht das. Ein zweiter Blick galt einem Tisch, auf dem ein Rest belegter Brote lag.

„Guten Tag allerseits, hoffe, Ihr habt gut gefrühstückt, im Gegensatz zu mir, na ja, Witwer haben‘s nicht leicht, und dann musste ich auch noch in aller Frühe bei der Staatsanwaltschaft antanzen, ein Schluck aufgewärmter Kaffee, mehr war nicht drin."

Oberkommissar Benno Scholze zeigte zu einer Thermosflasche.

„Der müsste noch heiß sein, Chef, der mit dem Verwöhnaroma, den habe ich besorgt, den sollten Sie probieren.“

Koenig zögerte, ob er nicht doch gleich zur Sache kommen sollte, damit nicht der Eindruck entstand, er lasse den nötigen Elan vermissen.

„Greif zu, Quintus“, lächelte Oberkommissarin Ruth Brehmer, „wie ich sehe, hast du nicht zugenommen, ich aber muss wieder auf Linie achten, leider, Sachertorte ist nicht mehr.“

Koenig kannte die Brehmer schon seit vielen Jahren und schätzte sie sehr. Er musste jetzt auch lächeln. Dass sie ihn duzte, damit machte sie im Ermittlerteam gleich klar, wer dem Chef am nächsten stand. Scholze kannte er auch schon einige Jahre, hatte aber nicht so oft mit ihm zusammengearbeitet wie mit der Brehmer. Deshalb duzten sie sich nicht. Und dann war da noch Kommissar Sven Schöller, der, wenn nötig, zusätzlich beim Anfertigen von Phantombildern eingesetzt wurde. Koenig goss sich Kaffee ein, nahm eine Käseschnitte und blickte wieder in die Runde. Er kannte sie alle aus früheren Ermittlungen, und es war keiner dabei, mit dem er schon mal Probleme hatte. Aber dann entdeckte er hinter den breiten Schultern von Scholze den Kopf eines ihm unbekannten jungen Mitarbeiters.

„Und wer sind Sie?“

Der ihm Unbekannte trat hervor. Es war Levefre. Seine Nervosität versuchte er so gut wie möglich herunterzuspielen. Jetzt bloß keinen Fehler machen.

„Nico Levefre, hab‘ gerade das Studium für den gehobenen Polizeivollzugsdienst abgeschlossen und bin nun Kriminalkommissar auf Probe.“

Koenig nickte ihm freundlich zu.

„Levefre? War einer der Vorfahren Hugenotte?“

„Genau.“

„Schon mal mit Mord zu tun gehabt?“

„Nein, aber Körperverletzung mit Todesfolge. Mord nur theoretisch.“

„Na dann willkommen in der Praxis. Sie stehen am Anfang Ihrer Karriere, ich am Ende. Mal sehen, was ich an Erfahrung noch an Sie weitergeben kann. In einem halben Jahr gehe in Pension.“

„Wir vermissen dich jetzt schon, Quintus“, lächelte Brehmer.

Koenig winkte ab.

„Keine Vorschusslorbeeren, vielleicht schieße ich ja noch aus Versehen einem von euch in den Fuß.“

Allgemeine Heiterkeit erfüllte den Raum. Auch wenn es um Mord und Totschlag geht, können die Ermittler nicht den ganzen Tag in gedrückter Stimmung herumlaufen. Das wäre psychisch nicht auszuhalten. Ein kleiner Scherz, auch wenn er angesichts der Tat unpassend zu sein scheint, schafft etwas Erleichterung. Brehmer ging zu einem der Fenster und öffnete es ein Stück. Der Wind wehte einige Regentropfen herein. Kommissar Schöller schüttelte missbilligend den Kopf.

„Es regnet rein.“

Brehmer lächelte den Einwand weg.

„Die paar Tropfen. Regen ist gut für die Haut und damit gut für die Gesundheit.“

„Ich mache Fitness“, erwiderte er, „das reicht für meine Gesundheit.“

„Hebst du da auch Gewichte?“

„Aber klar doch.“

„Sieht man aber nicht.“

Erneutes Gelächter erfüllte den Raum. Nur Levefre beteiligte sich nicht daran. Er kannte Schöller nicht, sich über ihn lustig zu machen, wäre vorwitzig. Der Mord war für einen Moment vergessen, aber nur für einen kurzen Moment. Koenig kehrte zum Anlass des Treffens zurück.

„Ich fasse mal kurz zusammen, was die Kollegen vom Bereitschaftsdienst in der letzten Nacht ermittelt haben und was sich noch Zusätzliches ergeben hat. Bei dem Toten in der Unterführung zum S-Bahnhof Charlottenburg handelte es sich um den Zivilfahnder Martin Tilkowski, Mitarbeiter des Raubdezernats beim LKA, Sachgebiet Kunstdelikte. Er war schon am Samstag auf den Diebstahl vom Freitag im Museum für Moderne Kunst in Charlottenburg angesetzt. Die beiden Schüsse, die Montag kurz vor Mitternacht auf ihn abgefeuert wurden, stammen aus einer Glock 17 C. Ein Schuss war tödlich, der ins Herz. Junger Mann, wissen Sie, was das ist, eine Glock?“

Levefre antwortete, ohne zu zögern.

„Ja, wird gerne von Spezialeinheiten der GSG 9 benutzt.“

„Na, da haben Sie ja gut aufgepasst.“

„Würde mich aber wundern, wenn der Schütze einer von der GSG 9 war, Herr Koenig.“

„Lassen Sie mal den Koenig weg, wir sind hier nicht bei Hofe, Chef reicht.“

„Alles klar, Chef.“

Levefre atmete erleichtert durch. Bis jetzt war alles gut gegangen.

Koenig nickte: „GSG wäre in der Tat abwegig.“

Er aß ein Stück von der Käseschnitte und nahm einen Schluck Kaffee. Er konnte sich nur an ganz wenige Fälle erinnern, bei denen es schnell Anhaltspunkte für eine Aufklärung gegeben hatte. Meistens waren das gar keine Mordfälle, sondern Fälle, bei denen der Täter oder die Täterin nach intensiver Befragung zugaben, dass es eine Tat im Affekt war. Hier aber sah es wieder einmal anders aus.

„Wir haben bislang keine Anhaltspunkte, die zu einer schnellen Aufklärung führen könnten. Einen direkten Zeugen für die Tat gibt es nicht, nur einen Obdachlosen, der mit seinem Hund den Tilkowski erst fand, als der schon tot war. Die Ermittlungen müssen in Zusammenarbeit mit dem Raubdezernat geführt werden. Da ist man bis jetzt auch noch nicht weiter. Es hat sich bis jetzt niemand gemeldet, der für das gestohlene Gemälde ein Lösegeld haben will.“

„Dieses Gemälde, das da entwendet wurde“, begann Scholze, „kam im Radio, das liegende Mädchen von diesem Maler August René Dingsbums …“

Levefre sah sofort eine Gelegenheit, sich bei seinem ersten Arbeitstag in gutes Licht zu rücken.

„Auguste Renoir“, ging er dazwischen, „und das Mädchen liegt nicht, es liest. Das „Lesende Mädchen“. Er hat es im neunzehnten Jahrhundert Mitte der achtziger Jahre gemalt,das heißt, er hat es zweimal gemalt. Die eine Variante hängt in Frankfurt in einem Museum und die andere seit letztem Jahr hier in Berlin.“

„Meinetwegen“, brummte Scholze, „dafür gibt es wohl `n Haufen Kohle, sonst hätte man sich das Teil nicht unter den Nagel gerissen.“

„Könnte gut bis zu zwanzig Millionen wert sein“, klärte ihn Levefre auf.

Koenig blickte zu ihm. Da haben sie uns ja ein richtig schlaues Kerlchen spendiert, überlegte er. Aber wo hatte er nur diese Kenntnisse erworben?

„Gibt es da auf der Fachhochschule seit neuestem das Fach Kunstgeschichte?“

„Nein, aber meine Mutter ist echt begeistert von den Impressionisten. Die hat einige davon im Wohnzimmer an der Wand hängen und einen Bildband im Regal.“

Scholze war nicht gerade angetan davon, dass er von einem Anfänger belehrt wurde.

„Vielleicht sollten wir da bei deiner Mutti gleich einreiten und die Dinger konfiszieren“, grinste er. Levefre wollte sich nicht am ersten Tag gleich mit einem Kollegen anlegen, aber nur schweigen konnte er auch nicht.

„Wenn ich das mal richtig stellen kann, Herr Kollege …“

„Benno“, unterbrach Scholze.

„Gut, Benno, die Dinger sind natürlich nur gerahmte Poster.“

Koenig wollte nun wissen, inwieweit Levefre aufgrund seiner Kenntnisse bei der Aufklärung des Falles hilfreich sein könnte.

„Haben Sie sich schon mal mit Kunstraub beschäftigt?“

„Ja, das Thema interessiert mich, seit mir meine Mutter davon erzählt hat, dass sogar die Mona Lisa mal geklaut wurde und dann wieder auftauchte.“

„Gut, dann werden Sie mit Hauptkommissar Hofmann vom Raubdezernat zusammenarbeiten. Er ist auf dem Gebiet der Experte.“

Koenig blickte auf seine Armbanduhr.

„Er müsste eigentlich schon hier sein. Ohne ihn können wir im Augenblick nicht weitermachen. Also abwarten.“

Levefre reagierte überrascht. Er würde es also mit einem weiteren Hauptkommissar zu tun bekommen. Mit Koenig lief bis jetzt alles gut. Wie würde es mit diesem Hofmann ausgehen?

Das Gemälde hat Ihnen gehört?

6

Wenn man eine bestimmte Person mit Fragen konfrontieren will, die sehr unangenehm sind, dann ist es oft klug, diese Fragen nicht schon vor dem Treffen anzukündigen, besser ist es, sie überraschend zu stellen. Mit so einer Situation sah sich jetzt die Museumsdirektorin Overbeck konfrontiert. Sie saß in ihrem mit Designermöbeln ausgestatteten Büro und blickte erstaunt zu dem an einer Wand hängenden gerahmten Poster des „Lesenden Mädchen.“

Blumenberg, der ihr gegenüber saß, folgte ihrem Blick und was er sah, schmerzte ihn sehr. Oft hatten ihm die Eltern und Großeltern von dem Gemälde erzählt. Jetzt gab es nur noch ein Poster davon. Würde man das Gemälde je wieder ausfindig machen oder horteten die Diebe es ewig als Tauschware bei irgendwelchen krummen Geschäften?

„Das Gemälde hat Ihnen gehört?“

Er hatte seinen Besuch telefonisch bei der Sekretärin angekündigt und Overbeck hatte vermutet, der bekannte Pianist würde um eine private Führung durch das Museum bitten.

„Nicht mir“, erklärte er, „meinem Großvater David Blumenberg. Er war vermögend und hatte es in Paris bei einem Kunstliebhaber, einem Verehrer der Impressionisten, gekauft.“

„Ach, ja?“

„Ach, ja.“

„Merkwürdig, dass man davon gar nichts weiß. Warum hat er das denn nicht publik gemacht?“

---ENDE DER LESEPROBE---