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Das Buch, für das der Autor ins Zuchthaus musste. 1894 erschütterte eine "himmlische Tragödie" das deutsche Kaiserreich. Oskar Panizzas "Das Liebeskonzil" galt als so gotteslästerlich, dass es sofort verboten und der Autor wegen Blasphemie zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt wurde. Der Inhalt ist bis heute purer Sprengstoff: Im Himmel herrscht Ratlosigkeit. Gottvater ist ein tatteriger Greis, Jesus schwach, Maria intrigant. Unten auf Erden feiert der Borgia-Papst Alexander VI. Orgien, statt zu beten. Um die verdorbene Menschheit zu bestrafen, ohne sie gleich ganz auszurotten, geht der Himmel einen Pakt mit dem Teufel ein. Das Ergebnis dieses Deals ist eine Frau von atemberaubender Schönheit, die ein tödliches Gift in sich trägt: die Syphilis.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Liebeskonzil
Oskar Panizza
1. Auflage – © 2026
Das Buch, für das der Autor ins Zuchthaus musste.
1894 erschütterte eine „himmlische Tragödie“ das deutsche Kaiserreich. Oskar Panizzas „Das Liebeskonzil“ galt als so gotteslästerlich, dass es sofort verboten und der Autor wegen Blasphemie zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt wurde.
Der Inhalt ist bis heute purer Sprengstoff: Im Himmel herrscht Ratlosigkeit. Gottvater ist ein tatteriger Greis, Jesus schwach, Maria intrigant. Unten auf Erden feiert der Borgia-Papst Alexander VI. Orgien, statt zu beten. Um die verdorbene Menschheit zu bestrafen, ohne sie gleich ganz auszurotten, geht der Himmel einen Pakt mit dem Teufel ein. Das Ergebnis dieses Deals ist eine Frau von atemberaubender Schönheit, die ein tödliches Gift in sich trägt: die Syphilis.
Der Verfasser ist hinsichtlich dieser dritten Auflage wenige Worte der Aufklärung schuldig. Das Publikum wird sich vielleicht schon gewundert haben, dass diese Dichtung, die doch vom Staatsanwalt konfisziert ist, immer und immer wieder in der Öffentlichkeit erscheint. Es wird sich gewiss schon gedacht haben, dass der Dichter verrückt sei. Dem ist aber nicht so. Das Publikum hat eben gar keine Ahnung von den Umständen, unter denen der Dichter produziert und den Inhalt seiner Inspiration vor die Öffentlichkeit bringt. Es kennt eben nicht jenes Kleinod, welches er allein besitzt, und das ihn befähigt, unabhängig von allen sonst etwa in Betracht kommenden Faktoren, nur seiner Inspiration zu folgen und nur sie ganz und voll zum Ausdruck zu bringen: das Gottesgnadentum der Dichter. Das Gottesgnadentum mit seinen schweren Pflichten, seinen niemals endenden, stets andauernden Mühen und Arbeiten, mit seiner furchtbaren Verantwortung vor Gott allein, von der kein Mensch, kein Staatsanwalt, kein Abgeordnetenhaus, kein Volk den Dichter entbinden kann. Es ist dies das Kleinod, welches zwar auch schon früher mehr oder weniger bekannt war, aber doch erst in jüngster Zeit von den Dichtern in voller Klarheit erfasst und auch dem Volke verständlich gemacht wurde. Es wird also gut sein, wenn das Publikum, der Reichstag, die Minister, die Fürsten, der Kaiser, der Staatsanwalt unsere Dichtungen als das hinnehmen, was sie sind, eine von Gott gewollte Sache, und nicht lang fragen oder nörgeln.
Zürich, den 4. September 1897.
Hochachtungsvoll
Oskar Panizza
Dichter von Gottes Gnaden.
Direktor. Schauspieler. Regisseur. Dichter.
Direktor Die Häuser leer, und leer auch unsre Kassen,Das Publikum bleibt wie vom Giftschrank fern.Theaterstücke haben wir in Massen,Doch diese Stücke hat das Volk nicht gern.Stets Kladderadatsch, Radau, Erschiessen-lassen,– Da ist dann meist die Polizei nicht fern –Und Volksgebrüll, verdächt'ge Spässe, Phrasen:Sie halten im Parkett sich zu die Nasen...
Regisseur Ihr müsst nur 'ne Idee damit verbinden.
Schauspieler Nee, nee! – Tendenz! – Um Gottes willen nicht!
Direktor Was heisst »Tendenz«?! – Lasst mich was Schönes finden!
Schauspieler Das Schöne schlägt der Wahrheit ins Gesicht.Streng soll der Dichter an den Stoff sich binden,Und objektiv sich zeigen. Anders nicht!
Direktorauf den Schauspieler weisendSeid Ihr denn »objektiv« – mit Euren Waden,Perücken, Stelzen, Buckeln und Pomaden?!
Schauspieler Das ist was andres! – Das ist hohler Schein,Und muss es sein; dafür ist es die Bühne...
DirektorunwilligLasst mich mit Redensarten nur allein!Wenn ich auf dem Kothurne mich erkühne,Dann soll es auch gedichtet danach sein;Und ich will Tränen, Jammer, Schuld und Sühne:Sie sollen im Parterre mir wieder flennen,Und dankbar dann nach Hause kehren können.
Schauspieler Da weicht Ihr ganz nun von der Regel ab.
Direktor Ich hab' mich nie nach Regeln eingerichtet!
Schauspieler Da kommt Ihr wieder in den alten Trab.
Direktor Poet ist der, der volle Häuser dichtet!
Schauspieler Und das Theater wird dann ein Schabab,Wo jeder nur auf Pathos sich verpflichtetUnd Purzelbäume schlägt, Pirouetten, TrillerMit Kraftgejauchze à la Schubart, Schiller.
Regisseur Ihr Herrn, mir scheint, der Streit geht schon zu weit.Es kommt doch darauf an, was man tragieret.Der eine trägt die Kleider eng, der weit,Weil jeder nur sein Körpermass tangieret.Lasst jedem, wie's ihn ziert, sein eigen KleidIm übrigen die Rollen gut studieret! –Seht dort den Herrn in seinen langen Falten,Den fragt, und lasst nur seinen Genius walten!
Sie haben alle den in tiefer Meditation begriffenen Dichter erblickt, der, im Hintergrunde vorüberwandelnd, eben an ihnen vorbeischreiten will.
Direktor He, Freund, Ihr kommt wohl Grade vom Parnass?Ich seh's am Schritt, ich seh's an Eurer Miene;Die Stirne ernst gesenkt, die Wimper nass –Ihr spracht gewiss mit Klio, Euphrosyne –Und hier der Stil, die Rolle – ohne Spass,Ihr schreibt ja sonst doch für die deutsche Bühne –Darf ich erfahren, was in Eurem BusenErweckt die wechselvollen, keuschen Musen? –
DichtertrockenIch komm' vom Bräuhaus grad – Ihr Herrn, verzeiht!Es ist das sonst nicht meine Lieblingsstätte;Weit lieber weilt' ich in der Einsamkeit,Wo sich mein Geist wohl reich befruchtet hätte –Nur um 'nen Stoff zu suchen, wie's gebeutDie Mode jetzt, trank ich dort um die Wette –Doch mitten aus der dampferfüllten StelleTrieb's mich im Geiste fort zu Himmel, Hölle...Was um mich herging, nicht vernahm's mein Ohr,Entrückt war ich in weltentfernte Weiten,Nur dumpf vernahm ich der Berauschten Chor,Dieweil ich kniete vor Drei-Einigkeiten...
Alle dreistürzen auf ihn losIhr schriebt ein Stück!
Schauspieler Die Hölle kommt drin vor!?
Direktor Phantastisch, seh' ich, tut sich's da ausbreiten!
Regisseur Verwandtet Ihr Versenkung;, Flugmaschinen?
Schauspieler Darf ich wohl mit der Teufelsrolle dienen?
Dichterweicht zurück, ernstIch warne!...
Direktorentreisst ihm die Rolle Her damit! – Ihr wisst ja nie,Wann Euch einmal ein grosser Wurf gelungen.Da schreibt Ihr von der Nacht bis in die Früh',Und habt mit Teufeln und mit Gott gerungen,Und soll's dann auf die Bühne endlich – sieh,Da hat Melancholie Euch fast bezwungen.
Regisseurzum DichterLasst's ihn nur sehn!
Direktordie Hand zum Akkord ausstreckend Ich nehm's! Tu's blindlings nehmen!Und später reden wir von den Tantiemen.
DichterernsterIch warne vor dem Stück!...
Direktorberuhigend Was kann es sein? –
Dichter Muss, was der Dichter schaut in ernster Stunde,Wenn er erschüttert, fiebernd und allein,Denn auf die Bühne gleich, in aller Munde,Und ausgeschrien auf dem Markte sein?Die Masse, mit dem Bösen stets im Bunde,Bläst gleich den Funken auf zum Feuerschein
Direktorhalblaut zu Regisseur und SchauspielerDer Kerl hat einen Treffer! – Schafft ihn weiter!Ich geh' zum Kostümier gleich und zum Schneider.
Regisseurder mit dem Schauspieler den widerstrebenden Dichter fortdrängtLasst's ihn doch lesen! –
Direktorzu dem sich schwer fügenden Dichter Geht nur mit den beiden!Denn kommt's zur Probe, braucht's noch manches Wort!Für sich im Manuskript blätternd, während die andern ab.Auch der Zensur muss ich's noch unterbreiten,Sonst streicht sie mir die besten Stellen fort.»Umsturz« und »Engelsturz« zu unterscheiden,Ist auf der Polizei just nicht der Ort.Er schliesst die Rolle und hält sie hoch in der Linken.Doch komm' ich raus aus all der Not und Enge,Seh' ich mal wieder Häuser voll Gedränge. Ab.
Personen:
Gott-VaterChristusMariaDer TeufelDas WeibEin CherubimErster, ZweiterundDritter Engel
Gestalten aus dem Totenreich:
HelenaPhryneHeloiseAgrippinaSalome
Rodrigo Borgia, Alexander VI., Papst
Kinder des Papstes:
Mutter unbekannt:Girolama Borgia, vermählt mit CesariniIsabella Borgia, vermählt mit Matuzzi
Von der Vanozza:Pier Luigi Borgia, Herzog von GandiaDon Giovanni Borgia, Graf von CelanoCesare Borgia, Herzog von RomagnaDon Joffre Borgia, Graf von CariatiDona Lucrezia Borgia, Herzogin von Bisaglie
Von Julia Farnese, vermählte Orsini:Laura Borgia, noch minderjährigGiovanni Borgia, noch minderjährig
Mätressen des Papstes:
Die VanozzaJulia Farnese, vermählt mit Orsini
Alessandro Farnese, Julias Bruder, KardinalDona Sancia, Schwiegertochter des Papstes, vermählt mit Don JoffreAdriana Mila, Vertraute des Papstes, Erzieherin seiner Kinder
Neffen des Papstes:
Francesco Borgia, Erzbischof von CosenzaLuigi Pietro Borgia, Kardinal-DiakonCollerando Borgia, Bischof von MonrealeRodrigo Borgia, Kapitän der päpstlichen Garde
Vertraute des Papstes:
Giovanni Lopez, Bischof von PerugiaPietro Caranza, GeheimkämmererJuan Marades, Bischof von Toul, Geheimintendant des PapstesGiovanni Vera da Ercilla, Mitglieder des heiligen KollegiumsRemolina da Ilerda, Mitglieder des heiligen Kollegiums
Burcard, Zeremonienmeister des PapstesEin PriesterEin deutscher SchulmeisterErster, ZweiterundDritter EdelmannPulcinello, SchauspielerColombina, SchauspielerinEine Kurtisane
Der Heilige Geist, Erzengel, ältere und jüngere Engel, Amoretten; – Maria Magdalena, Apostel, Märtyrer, barmherzige Schwestern, ein Bote; – Tiere, Fratzen, Gestalten von Toten; – geistliche Würdenträger, päpstliche Hofbeamte, Gesandte, römische Damen, Kavaliere, Kurtisanen, Schauspieler, Sänger, Kämpfer, Soldaten, Volk.
Zeit. Frühjahr 1495, das erste, historisch beglaubigte Datum vom Ausbruch der Lustseuche.
Erste Szene
Der Himmel; ein Thronsaal; drei Engel in schwanenweissen federdaunartigen Anzügen mit enganliegenden, durch Schleifen gehaltenen Kniehosen, Wadenstrümpfen, kurzen Amorettenflügeln, weissgepuderten, kurzgeschnittenen Haaren, weissen Atlasschuhen; sie haben Flederwische in der Hand zum Abstauben.
Erster Engel. Heut steht ER wieder spät auf.
Zweiter Engel. Seid froh! Dieses Gehust', dieses wasserblaue Geglotz', dieses Schleimfliessen, Fluchen, Spucken den ganzen Tag – man kommt zu keinem gesunden Augenblick.
Dritter Engel. Ja, es ist merkwürdig da heroben!
Erster Engel. A propos! Ist der Thron festgemacht?
Zweiter Engel. Ja, um Gottes willen! Ist der Thron festgemacht? Er wackelte gestern.
Dritter Engel. Wer wackelte gestern?
Erster Engel. Der Thron, dummes Gänschen!
Dritter Engelverwundert. Der Thron? – Warum wackelt der Thron?
Erster Engel. Enfin, er wackelt eben.
Dritter Engel. Wie? Wackelt denn hier heroben überhaupt etwas?
Ersterundzweiter Engellaut auflachend. Ha, ha, ha, ha! –
Dritter Engelimmer ernster und erstaunter. Ja, warum wackelt der heilige Thron?
Erster Engelenergisch. Dummes Gänschen! Weil hier sowieso alles aus dem Leim geht und lidschäftig wird, Götter und Möbel, Fransen und Tapeten.
Dritter Engelinnerlich erbebend. Gott, wenn das meine Mutter wüsste!
Zweiter Engelstirnrunzelnd und höhnisch. Deine Mutter? – Was willst du denn mit deiner Mutter, Fratz?
Dritter Engel. Ach, sie liess doch heute die sechzigste Seelenmesse für mich lesen!
Ersterundzweiter Engelmit wachsender Verwunderung. Für dich?! -Beide laut auflachend. Ja, wie alt bist denn du?
Dritter Engelsich besinnend und dann mit Pathos zitierend. »Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, und ein Tag wie tausend Jahre!«
Ersterundzweiter Engelihr abwinkend und sie zur Räson bringend; sehr breit. Ja, ja, ja, – is schon recht; das wissen wir schon! – Aber wie alt warst du denn drunten?
Dritter Engelkindlich. Knapp vierzehn Jahre!
Erster Engellachend. Und da brauchst du Seelenmessen?
Dritter Engelzaghaft. Ach, ihr wisst ja nicht, ich bin ja gestorben!
Ersterundzweiter Engelnoch lauter lachend. Ha, ha, ha! Hi, hi! – No, natürlich, sonst wärst du ja nicht hier! –
Dritter Engelmit unverrückbarem Ernst. Ach, ihr wisst ja nicht, ich bin ja in Sünden gestorben!
Ersterundzweiter Engelaufs neue lachend. Das auch noch! – Du armer Schlucker, was hast da denn getan?
Dritter Engel:stockt, schaut mit starren Augen ihre Genossinnen an und faltet die Hände.
Zweiter Engel:höhnisch. Hast deine Schulaufgabe nicht gelernt? – Hast Kleckse in dein Schreibheft gemacht?
Dritter Engel:immer in ängstlich-gespannter Haltung Ach, mir wird so bang; – nicht wahr, ihr sagt es nicht weiter?!
Ersterundzweiter Engelsich ausschüttend vor Lachen.
