Beschreibung

Buch Eins Eine Parabel über die Suche der Seele, die Tücken des Schicksals, die Macht der Liebe und den schmalen Grat, der Wahrheit von Wahnsinn, Liebe von Hass und Gut von Böse trennt. Wer hat sie nicht, diese Sehnsucht ... nach Amor, Abenteuern & Astralkörpern, Charme, Chuzpe & Champagner, Erotik, Exotik & Extravaganz, Liebe, Lust & Luxus, Musik, Magie & Millionen, Rosen, Romantik & Rock 'n' Roll, Sinn, Seele & Sauvignon Blanc, Einer Heimat fürs Herz? Nikki Rose, die kapriziöse Heldin auf High Heels, wirbelt mit suchender Seele durch die Luxus- und Modewelt. Heimatlos, seit sie ihre Liebe an den Tod verlor. In einem schicksalhaften Moment verliebt sie sich, Hals über High Heels, in einen so manischen wie musikalischen Magier. Sie folgt ihm auf dem Highway des Herzens vom Himmelsfug zum Höllensturz. Drum hüte dich, wenn deine Träume wahr werden! Nichts wird mehr sein wie es war!

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Seitenzahl: 158

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1. Auflage Juni 2012

© 2012 Nicole Rose

Autorenfotos: Claudia Kempf, Dirk Messner

Printed in Germany ISBN 978-3-9815313-0-5

eISBN 97-8-39815313-2-9

nicolerose.de

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

„Es gibt Augenblicke, in denen der Anblick einer Rosewertvoller ist als ein Stück Brot.“

Rainer Maria Rilke

Buch 1

Das Liebesversprechen

Magische Momente

Eros in München

Eine schicksalhafte Begegnung

Haifische & Hochschlafwürstchen

Der Morgen mit Eros

Geschenkte Herzen

Das Liebesversprechen

Millionen-Dollar-Bierfrau

Das Korsett der Konvention

Das Krabbenfest

Osteria Bavaria

Balzende Barseelen

Verbotene Früchtchen

Aus der Gosse in den Himmel

Die Farben der Freude

Die Macht der Musik

Der singende Seelenfänger

Perlen vor die Säue

Die Musikerhölle

Süchtige Seelen

Versuchung des Herzmannes

Das Grauen des Morgens

Das falsche Foto

Oh Hölle: Montag

Magermodels & Kartoffelsalat

Alles für die Liebe!

Magische Momente

Es gibt Augenblicke, die entflammen unser Herz wie ein Blitz den heiteren Himmel. Das Universum erleuchtet. Die Erde bebt. Die Welt steht still. Alles ist Anders! Eros’ Pfeil katapultiert uns sekündlich aus den ausgetretenen Pfaden des Alltags heraus. In eine Achterbahn aus Liebe, Lust und Leidenschaft.

Nach solchen magischen Momenten ist nichts mehr, wie es vorher war. Das Schicksal fordert uns heraus, der Stimme des Herzens zu folgen. Die Liebe über alles zu stellen. Jedoch: Das Schicksal ist nicht immer Zucker für die Seele. Eros oft ein eruptiver Zerstörer. Und Amor manches Mal ein Verführer der eigenen Imagination! Die Begegnungen mit Eros und dem Schicksal sind wertvoll und einzigartig. Voll Schönheit und Gefahr …

Wer empfindet sie nicht, diese tiefe Sehnsucht nach der Begegnung mit der großen, wahren Liebe? Nach dem magischen Moment, der uns zwingt, dem Leben im Mittelmaß zu entfliehen. Auszubrechen in die rauschhafte Glückseligkeit des großen Gefühlskinos? Das brennende Begehren, die Profanität der Petitessen auszutauschen gegen die Perfektion der Passion?

Vor Risiken und Nebenwirkungen wird allerdings gewarnt…

Denn die Liebe ist eine so schöne wie gefährliche Droge. Sie entflammt unser Herz, benebelt unsere Sinne und verführt uns in einen (Irr-)Garten der Gefühle. Wir heben vom Boden ab. Schweben in einem Himmel aus rosa Wolken. Betrinken uns an dem Cocktail aus Liebe und Leidenschaft. Verlieren unser Herz. Und manches Mal auch den Verstand! Wer hoch fliegt, der kann tief fallen. Aufstieg und Absturz liegen oft nur einen Herzschlag auseinander. Der Absturz der Gefühle kann unser Herz zerbrechen. Die Seele verbrennen. Den Geist des Guten ins Böse verwandeln.

Wer dem Ruf des Schicksals folgt, gibt das Steuerrad seines Lebens in unbekannte Hand. Er wählt das Risiko. Die Romanze. Den Rock ’n’ Roll. Den Highway des Herzens. Nicht den ausgetretenen Trampelpfad der Schlappen-Schlurfer! Sein Leben verwandelt sich von der Bleistiftskizze des „Was wäre wenn“ zum farbenfrohen Gemälde des „Ich bin“ …! Doch wo Licht, da ist auch Dunkelheit.

Wer sich in Gefahr begibt, der kann darin umkommen.

Drum hüte Dich vor dem Gift aus Eros’ Köcher, es könnte tödlich sein…

Eros in München

Es war ein lauwarmer Spätsommerabend. Die Großstadtdesperados im bourgeoisen Schwabing bevölkerten die Biergärten. Wärmten sich in der sanften Herbstsonne und an Klatsch und Tratsch der Münchner Society. In der Klemensstraße hatte kürzlich ein neues Lokal eröffnet. Das Fresszimmer. Betrieben von einem charmanten Schnösel mit pomadisierten schwarzen Haaren und einem gewinnenden Dauergrinsen. Ehemals Barkeeper im Pick6, Münchens Baggerschuppen Nummer eins. Nach nur kurzer Zeit war das Fresszimmer als Balzrevier und Anziehungspunkt der Schwabinger Gesellschaft etabliert. Die eher bürgerlichen Bewohner des Viertels suchten ihren täglichen Ausbruch aus dem Alltag in der Balz, im Alkohol und der Hetzrede über Anwesende wie nicht Anwesende, VIPs und WIPs (mehr oder weniger wichtige Promis).

Nach dem dritten Bier, Prosecco oder Wein wurden die Blicke gewagter. Die Kommentare gewannen an Schärfe und verloren an Niveau. Das angetrunkene Bildungsbürgertum lästerte, stritt, lachte. Es entfloh den Sorgen um das eigene Wohlergehen. Der schwarze Schatten der sich ankündigenden Wirtschaftskrise verschonte auch das bessergestellte Schwabing nicht. Unter den zumeist aufgedunsenen, von regem Bier- und Schweinshaxen-Genuss rötlich verfärbten Gesichtern der bayrischen Männer und den entweder fröhlich-feisten oder faltig-verhärmten Gesichtern des Weibsvolks entstand ein Cocktail aus Euphorie und Langeweile, Fröhlichkeit und Fadheit, Sympathie und Apathie, Genuss und Verdruss. Nach dem dritten oder vierten Glas stieg das Stimmungsbarometer und die Männer balzten um die Wette um die Schwabinger Damenwelt. Deren Attraktivität hatte im Laufe des Abends, proportional mit der rasant abnehmenden Gesprächsqualität, drastisch zugelegt. Mit jedem Schluck ähnelte die Frisöse des Viertels frappanter an Elizabeth Taylor. Sogar die gestrenge Gertrude mit ihrem Sekretärinnen-Dutt erinnerte entfernt an eine – zugegebenermaßen etwas aufgeschwemmte – Catherine Deneuve.

Am Stammtisch saßen die üblichen Saufnasen. Tommy Stiernack, ein rotgesichtiger Choleriker, sehr solvent mit der Nestlein-Erbin liiert, gab den umgarnten Großausgeber am Tisch. So abfällig wie andächtig lauschte er seinem Tischnachbarn. Einem bestockten älteren Herren namens Heinz Pinselquäler. Der gebrechliche Mann sprach bereits seinem vierten Wodka zu. Seine Krücke war zu Boden gefallen. Mit zitternden Händen und nasaler Stimme lamentierte er über sein dürftiges Dasein als mäßig erfolgreicher Kunstmaler. Seine mit preußischer Disziplin gezeichneten Bleistiftskizzen wollten einfach keinen Absatz finden. Daneben gurrte Horst Zocker, der Senior-Casanova des Viertels, mit den Tauben um die Wette. Er war ein weißhaariger, alternder Playboy, mit dem müden, aber nach wie vor attraktiven Lebemann-Gesicht eines Gunther Sachs. Lahm schlabberte er in das Ohr seiner heute Abend Auserwählten. „Ich bin so weich wie Pudding“, bezirzte er eine recht ansehnliche, jedoch gewöhnliche Brünette. Alexandra Schnorr, die ihre fade Hübschheit allabendlich im Fresszimmer ausstellte. In der Hoffnung, dort die große Liebe – oder zumindest einen Ernährer für den Abend – zu finden. Rosi Rassig, die Frisöse des Viertels, hatte tatsächlich entfernte Ähnlichkeit mit Elizabeth Taylor. Ihr verjährter Status als flotter Feger des Viertels verlieh ihr noch heute eine Aura der Arroganz. Überheblich musterte sie die Gefährtin zu ihrer Linken. Gertrude Gans. Die ältlich wirkende Sekretärin mit dem blonden Dutt jammerte mit bebendem Doppelkinn über ihren Jobverlust, während Rosi ihre frechen Augen auf die Straße warf und selbige nach möglichen Verehrern absuchte.

Da kam, mit federndem und gleichermaßen torkelndem Gang, ein aufmerksamkeiterregender Casanova im antiquierten grauen Zweireiher um die Ecke. „Here I go again“, schmetterte seine dreckige Rockröhre. Das laue Licht der Dämmerung verlieh ihm eine Aura aus Wildheit, Wichtigkeit und Wahnsinn. Wie eine Kreuzung aus Keith Richards und David Coverdale erschien er im konservativen Schwabing deutlich deplatziert. Die Luftgitarre in seinen Fingern rockte die Gasse, als sei es die St. Albert Hall. Der Eros ohne E-Gitarre verzog die Mundwinkel seines bleistifthaft dünnen Mundstrichs verächtlich nach unten, als er mit torkelndem Gang am Stammtisch vorbeikam. Er begab sich, mit der Bugwelle des ganz großen Zampanos, umgehend zum Zigarettenautomaten. Bewaffnet mit vier frischen Päckchen Mannboro extrastark nahm er nun gewichtig Platz am Stammtisch des Fresszimmers. Sein länglich scharfgeschnittenes Gesicht war umgeben von einem dichten Kranz grauer Locken. Diese standen wüst vom Kopf ab, als seien sie aus Gitarrendraht. Aus der Nähe erinnerte er stark an eine verlebte Version des TV-Moderators Hugo Egon Balzer. Mit zynischem, gewollt intellektuellem Gesichtsausdruck begrüßte er die Runde. „Seid ihr schon wieder beim geistigen Niedrigniveau der Bild-Zeitung gelandet?“, fragte er sarkastisch, während er sich gierig eine Kippe anzündete und daran zog, als sei die Asche seine ausschließliche Nahrung. „Also ihr habt Glück dass ihr heute in den Glanz meiner Gesellschaft kommt. Eigentlich wollte ich den Abend auf meinem gehobenen geistigen Niveau mit Platon verbringen. Jedoch gingen mir die Zigaretten aus.“ Beifall heischend grinste er mit geblecktem Iggy-Pop-Gebiss in die Runde und erntete feindliche Blicke der männlichen Rivalen sowie bewundernd-sehnsüchtige Blicke der Damenwelt.

KlackKlackKlackKlackKlackklackKlack,

tönte es in diesem Moment über das alte, unebene Pflaster der Klemensstraße. Die Stammtischbesetzung schaute auf von Bier und Wein und verlor den Faden der Unterhaltung. Mit offen stehenden Mündern betrachteten die vom Alkohol geweiteten Augen einen sonderbaren Auftritt. Eine auffallend andere Erscheinung balancierte auf 20 Zentimeter hohen High Heels vorsichtig über das dafür nicht gedachte Pflaster. Das Wesen im eleganten schwarzen Couture-Kleid wirkte wie von einem anderen Stern. Sie erinnerte an einen Filmstar aus den 50er-Jahren, der sich aus Hollywood ins provinzielle Schwabing verirrt hat. Behutsam und bemüht, nicht in den Fußfallen der Straßenfugen stecken zu bleiben, das sinnlich-hübsche Gesicht unter der fünf Zentimeter hohen, perfekt gestylten brünetten Haartolle vor Anstrengung zart gerötet, strahlte die Lady Glanz, Glorie und Glamour aus. Dies wurde auf interessante Weise konterkariert durch eine rockig-verruchte Attitüde, manifestiert durch sinnlich rote Lippen, die Elvis-ähnliche Haartolle und schwarze Netzstrümpfe. Während sie sich konzentriert über das Pflaster kämpfte, wirkte sie trotz ihres aufsehenerregenden Aussehens verletzlich. Die schmollende Unterlippe des hübsch geschwungenen Himbeermundes fest zusammengepresst und ihre Augen starr auf die Fußfallen im Pflaster gerichtet, trotzte sie den neugierigen Blicken der Gaffer von gegenüber. Endlich auf der anderen Straßenseite angelangt, sank sie auf einen freien Stuhl, orderte mit einem befreiten Lächeln der Erleichterung einen Sauvignon Blanc.

Nikki Rose fühlte sich unwohl angesichts der Aufmerksamkeit, die sie so offensichtlich erweckte. Den Blicken und Kommentaren der Balzbayern und Zimtzicken ausgesetzt. Isoliert in dem internen Exil ihrer Außergewöhnlichkeit. Doch in der noch einsameren Wohnung und allein mit den Schatten der Vergangenheit konnte sie nicht bleiben. Bewaffnet mit Blackberry und Sauvignon Blanc, die netzbestrumpften Beine grazil übereinandergeschlagen, fing sie an, sich sicher zu fühlen. Neugierig blickte sie sich um, während sie mit elegant abgewinkeltem kleinem Finger an ihrem Wein nippte. Ein Cocktail aus Abenteuerlust und schelmischer Scheu blitzte in den graugrünen Augen, während sie mit sehnsüchtigem Lächeln Nachrichten in ihren Blackberry tippte. DDDDDDDDDRRRRRRRRRRRIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNNNG, schreckte sie das Klingeln des Apparats aus ihrer Gedankenflut. Erschrocken zuckte sie zusammen. Gleich einer Freilandrose, die ein elektrischer Blitz getroffen hat. Wer wagte es, die magische Intimität des Moments zu stören? „Blablablablabla“, tönte es mit der glucksenden Bubblegum-Stimme der Ur-Amerikanerin aus dem Telefon. Erika Weinstein, die amerikanische Marketingkollegin, schmatzte in breitem Amerikanisch in ihr empfindsames Ohr. Laut und lärmend. Ohne Pause. Nach zehn Minuten kam endlich die Essenz des wortreichen Geplappers zutage. Die Amerikanerin wollte wissen, wann der neue Armada-Katalog in den USA vorläge. Mit sehnsüchtigem Blick auf ihren Sauvignon Blanc blickte sie gequält. Warum nur musste es so viele Zeit-Banditen geben, die ihr Seelenleben auch noch am späten Abend okkupierten? Die Seelensauger des Modelabels Armada gönnten einem einfach keine Ruhe! Mit gestrenger Stimme schirmte sie sich ab gegen die falsche Freundlichkeit der Mitarbeiterin. „Erika. Ich bin in einem Meeting. Ich maile dir morgen!” Eilig, eloquent und elegant wimmelte sie die Kollegin aus New York ab, schließlich hatte sie Feierabend und ein Meeting. Mit Monsieur Sauvignon Blanc …

Die Stammtischrunde lauschte fasziniert, wie die aufsehenerregende Tischnachbarin mit wenigen, lässig klingenden Amerikanismen ihre Gesprächspartnerin abfertigte. Internationales Flair und kosmopolitische Kultiviertheit verströmte. Der Vollmond, die Sonne der Säufer, vertrieb mit benebelnder Beleuchtung die strahlende Helligkeit des Tages und tauchte die Atmosphäre im plötzlich weltlichen Schwabing in ein milchigmildes Licht, in dem nichts unmöglich und alles möglich erschien. Eros war in Schwabing gelandet.

Die aufgeheiterte Runde des Stammtischs erblühte im Faszinosum des besonderen Moments. Die Herren des Tisches entdeckten Schönheit in Details, die ihren derben Blicken zuvor entgangen waren. Die Damen der Gesellschaft wurden im Seidenschimmer des Mondlichts immer begehrenswerter. Die Lady am Nebentisch leuchtete förmlich. Begierig flogen die Blicke der Männer immer öfter in ihre Richtung. Wie magisch gelenkt. „Was für eine elegante Dame! Seht ihr, was für feine, formvollendete Fesseln sie hat?“, erglühte der bereits 70-jährige Heinz Pinselquäler, fanatisch wie ein jugendlicher Liebhaber. Ein besonderer Zauber umspielte sein faltig-zerfurchtes Gesicht und ließ es wieder als den Jungen erscheinen, der er nie aufgehört hatte zu sein.

„Alter, mach dir keine Hoffnung. Bestimmt kommt gleich Pierce Brosnan und wir schauen ALLE in die Röhre“, rief augenblicklich, ätzend und krächzend das raue Rockorgan des Asche verbreitenden grauen Hugo-Egon-Balzer-Klons. Sein Kehlen-Gift beendete brüsk die zart aufkeimende Liebesstimmung unter dem Schwabinger Nachthimmel. Alexandra Schnorr, besorgt um ihre Stellung als Schönste im Fresszimmer, verstreute hastig, die Gunst des Moments nutzend, Missgunst gegen Little Miss Hollywood. „Was habt ihr bloß mit dieser aufgedonnerten Tussi mit ihrer 3-Wetter-Taft-Tolle und ihrer Glamour-Ausstrahlung?“, keifte sie und richtete ihren Biedermädchen-Charme plötzlich gar nicht mehr so bieder an den grauhaarigen Balzkönig. „Willst du mir nicht bei dir zu Hause mein Horoskop erläutern?“

Seine seltsam farblosen Augen blickten ausgesprochen kalt in die verführerisch blinzelnden braunen Halbmonde. Die Seele, die sich dahinter verbarg, war nicht sonderlich schön. Verächtlich verzogen sich die Winkel seines schmalen Mundes nach unten. Seine spitze Zunge zischte Gift spuckend. „Babe. Das hatten wir doch schon. Ich bin doch nicht die Heilsarmee der Astrologie. Wenn du von mir Lebenshilfe und astrologischen Meisterrat willst, dann musst du schon dein Höschen runterlassen. Harharharharhar!“ Sein selbstgefälliges Gelächter hallte durch die Gasse. Die Stille darauf, explosiv und angespannt, ward gebrochen durch Horst Zocker. Abrupt rückte er ab von dem soeben noch heftig umworbenen Objekt seiner verführerischen Bemühungen. Als hätte sie die Pest, nicht Eros’ Pfeil getroffen. „Alter! Recht hast du! Wir sind doch nicht die Samariter der Schnorrerin! Wir wollen Zinsen für unseren Zaster.“ Er erntete Schenkelklopfen und allgemeines Gelächter. Der Stammtisch solidarisierte sich einheitlich mit dem spöttischen Sarkasmus der Balzkönige. Auch Rosi Rassig und Gertrude Gans rückten umgehend ab von der gemobbten Gefährtin. Hugo Egon Balzer und Gunther Sachs für Arme triumphierten als Helden des Abends. Laut und liederlich fand das Gossen-Theater am Stammtisch des Fresszimmers auf Tutti-Frutti-Niveau seine unvermeidbare Fortsetzung …

Nikki Rose beobachtete, belauschte und belächelte mit mildem Mitgefühl die lebendig lärmende Truppe am Nebentisch. „Noch einen letzten Wein“, versprach sie sich. Dann war sie bereit, in die Einsamkeit ihres Zuhauses zurückzukehren. Schließlich hatte sie morgen einen höllisch vollen Terminkalender im Haifischbecken des Modelabels Armada, das sie mit Stil und Strenge in den Olymp der Luxuslabels dirigierte. Sehnsüchtig und sentimental flog ihre Seele den balzenden Herrenherzen am Nebentisch entgegen. „Sind wir nicht alle kleine Kinder auf der Suche nach Liebe?“, philosophierte sie mit vom Sauvignon Blanc befriedeten und befreiten Gedanken.

„Junges Froillein. Kommen’s doch und leisten uns Gesellschaft!!!“, dröhnte augenblicklich die laute Stimme des hahnenhaft aufgeplusterten Tommy Stiernack über die Straße. Nikki zuckte zusammen. Ertappt in ihren Gedanken, irritiert in ihrer Intimität. Das Blut ließ ihr Gesicht leuchten wie eine rote Rose im fahlen Mondlicht. Peinlich berührt und dennoch geschmeichelt, erhob sie ihr Weißweinglas in die nächtliche Luft. „Herzlichen Dank für die Einladung“, lächelte sie charmant, doch distanziert. „Jedoch, so herum geht das gar nicht. Wenn überhaupt, dann andersherum.“

Die leisen, sanft gesprochenen Worte hallten bedeutungsvoll in den mittlerweile dunklen Nachthimmel über der Klemensstraße. Der volle Mond richtete seinen Scheinwerfer auf ihren Tisch. Die elegante Erscheinung im kleinen Schwarzen, ihr blühend rotes Rosengesicht, der Sauvignon Blanc in der Hand mit dem abgeknickten kleinen Finger. Das Bild zog ein in die Ewigkeit. Ein jäher Blitz durchzuckte den Himmel und beleuchtete es für die Götter.

Eine schicksalhafte Begegnung

Der plötzliche Blitz, der durch den liebesdurstigen Himmel schoss, hatte noch ein zweites Ziel. Er machte eine schnelle Zick-zack-Wendung und flog in Lichtgeschwindigkeit auf den Stammtisch zu. Mitten hinein in des Balzkönigs Herz. Elektrisiert sprang der entflammte Casanova in Nadelstreifen vom Stammtisch auf, riss den Stuhl herum, versprühte Asche und verbreitete Euphorie. Flugs stand er vor dem scheinwerfererhellten Tisch der Rose. „Diese außergewöhnliche Einladung darf ich nicht ausschlagen!“, verkündete er, sich zutiefst verbeugend. Sie blickte mit einem Ausdruck aus fröhlichem Fatalismus auf den aus dem Nichts erschienenen Galanten. „Liebliche Lady. Es ist mir eine Ehre, gerne nehme ich Ihre Einladung an und leiste Ihnen Gesellschaft!“, konkretisierte dieser sein Anliegen. Nikki Rose seufzte ergeben. Eigentlich war die Einladung als Ablehnung gedacht. Aber was hatte sie schon zu verlieren? Der Mann, der ihr so plötzlich gegenüberstand, schien faszinierend vertraut und gleichzeitig fremd. Das distinguierte längliche Gesicht, die grauen Schläfen, der elegante Nadelstreifenanzug, die höflich-antiquierte Ansprache … Ihre Abenteuerlust erwachte, sie ließ sich ein auf diese merkwürdige, magische Begegnung.

Mit neugierigem Lächeln, die perfekt gezupften Augenbrauen fragend gen Tolle ziehend, deutete sie auf den leeren Stuhl neben sich. „Was sein soll, soll sein, bitte nehmen Sie Platz!“, spracht sie mit zarter Stimme in geheimnisvollem Ton. Der von Nahem ein wenig ungesund grau wirkende Rosenkavalier setzte sich geschwind wie der Blitz selbst. Fast so als fürchte er, seine Gastgeberin könne es sich doch noch anders überlegen. Sein dreiteiliger Nadelstreifenanzug schlotterte an seinem asketischen Körper. Ein unbestreitbar männlicher Geruch ging von ihm aus. Nikki rümpfte unbewusst die feine Nase und blickte zum plötzlich in Stille erstarrten Stammtisch. Sensationsgeil und ungläubig gaffte dessen Besetzung zum Ort des Geschehens. Wie konnte sich ihr Trinkgeselle so schnell der glamourösen Miss Hollywood nähern? „In meinem nächsten Leben werde ich auch Rockmusiker“, verkündete Horst Zocker. Das entfachte eine rege Diskussion und lenkte die Aufmerksamkeit kurzfristig vom Geschehen am Nebentisch ab.

Mit dem geschulten Auge der Stilikone hatte Nikki Rose mittlerweile ihr Gegenüber kritisch gemustert. „Wer trägt heutzutage noch Zweireiher mit Nadelstreifen und monumentalen Schulterpolstern?“, meldete ihr in Mode bewandtes Auge irritiert. Irgendwie wirkte der Galant in seiner gesamten Erscheinung merkwürdig antiquiert und angestrengt ambitioniert. Geradeso, als käme er aus dem Mittelalter, nicht dem Hier und Jetzt. Dies bekräftigend, nahm er nun mit einem unterwürfigen Gesichtsausdruck ihre Hand und deutet einen Luftkuss an. „Gestatten. Mein Name ist Woolf. Barzokka. Es ist mir eine Ehre, einer so bezaubernden Dame Gesellschaft zu leisten!“ Sie errötete erneut, peinlich berührt. „Schön, Sie kennenzulernen“, flüsterte sie. Mit fragender Stimme. „Ich bin Nikki Rose.“ „Was führt eine so elegante Lady in eine so billige Absteige? Ich habe Sie beobachtet und war felsenfest überzeugt, gleich käme Pierce Brosnan und würde Sie Sie nach Hollywood entführen!“ Das großspurige Kompliment verfehlte seine Wirkung nicht. Ihr Herz, wie das vieler Frauen gefallsüchtig und ein klein wenig eitel, machte einen hohen Hüpfer. „In der Tat. Pierce Brosnan ist ein toller Mann.“ Ein geschmeicheltes Grinsen zog ihre breiten Lippen vom einen zum anderen Ohr. Die Gesichtsfarbe erreichte die Höchststufe von Rot. „Endlich ein Verehrer, der meine wahre Qualität erkennt!“, schoss es durch den Sauvignon-Blanc-betörten Kopf. „Heute lasse ich mich nur von Ihnen entführen.“, versprach sie allzu rasant. Der Woolf lachte begeistert und entblößte dabei zwei übertrieben weiße Zahnreihen, die künstlich strahlend in den Nachthimmel blitzten.

„Damit machen Sie mich zum glücklichsten Mann der Welt! Das müssen wir feiern!!! Stefan Schmalspur! Champagner!“ „Rosé bitte, wenn möglich“, fügte sie mit genießerischem Blick der Bestellung hinzu. „Mein absolutes Lieblingsgetränk!“, strahlte sie eine kurze Zeit später. Mit einem Gesicht, das jetzt genauso rosa leuchtete, wie der Ruinhart-Champagner, der mittlerweile in ihren Gläsern prickelte. „Auf unsere wundervolle Begegnung!“ Euphorisch jubilierend klirrten die Gläser mit den Kirchenglocken des Viertels um die Wette. „Eigentlich war ich heute des Bild-Zeitungsniveaus des Viertels müde. Ich begab mich auf meinen Balkon. Mit Platon. Aber mir sind die Zigaretten ausgegangen. Wie gut, dass ich Raucher bin!!!“ Triumphierend lachend zündete er sich genussvoll eine Mannboro an der alten an. „Lebst du in dieser Gegend und warum habe ich dich noch niemals hier erblickt?“, wechselte er geschickt vom Duktus der Distanz ins vertrauliche Du und legte geschwind einen Gang zu.