Das Lied des Schamanen - Helga Janzen - E-Book

Das Lied des Schamanen E-Book

Helga Janzen

0,0

Beschreibung

Überraschend schenkt ein schamanisches Ritual einem kirchlichen Insider die "Große Erfahrung". Was geschieht? Er beginnt, seine Defizite zu erkennen: Viel zu viele Wort- und Gedankengebirge, viel zu wenig eigenes Erleben. Er beschließt, seine verdrängten Potentiale für Imagination, Inspiration und Intuition ernst zu nehmen. Das hat Folgen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 189

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

17. Juni 2016

22. Juni 2016

24. Juni 2016

10. Juli 2016

13. Juli 2016

18. Juli 2016

21. Juli 2016

29. Juli 2016

31. Juli 2016

01. Aug. 2016

02. Aug. 2016

03. Aug. 2016

05. Aug. 2016

06. Aug. 2016

07. Aug. 2016

08. Aug. 2016

09. Aug. 2016

10. Aug. 2016

14. Aug. 2016

15. Aug. 2016

16. Aug. 2016

17. Aug. 2016

19. Aug. 2016

21. Aug. 2016

22. Aug. 2016

26. Aug. 2016

27. Aug. 2016

01. Sept. 2016

02. Sept. 2016

06. Sept. 2016

07. Sept. 2016

09. Sept. 2016

10. Sept. 2016

11. Sept. 2016

14. Sept. 2016

16. Sept. 2016

20. Sept. 2016

24. Sept. 2016

26. Sept. 2016

29. Sept. 2016

3. Okt. 2016

7. Okt. 2016

8. Okt. 2016

12. Okt. 2016

16. Okt. 2016

23. Okt. 2016

28. Okt. 2016

8. Nov. 2016

13. Nov. 2016

14. Nov. 2016

22. Nov. 2016

29. Nov. 2016

18. Dez. 2016

22. Dez. 2016

27. Dez. 2016

02. Jan. 2017

05. Jan. 2017

10. Jan. 2017

11. Jan. 2017

13. Jan. 2017

17. Jan. 2017

19. Jan. 2017

24. Jan. 2017

02. Febr. 2017

05. Febr. 2017

08. Febr. 2017

21. Febr. 2017

25. Febr. 2017

01. März 2017

06. März 2017

10. März 2017

14. März 2017

18. März 2017

23. März 2017

24. März 2017

25. März 2017

26. März 2017

29. März 2017

31. März 2017

01. April 2017

02. April 2017

04. April 2017

05. April 2017

08. April 2017

09. April 2017

13. April 2017

26. April 2017

30. April 2017

05. Mai 2017

09. Mai 2017

10. Mai 2017

12. Mai 2017

25. Mai 2017

01. Juni 2017

13. Juni 2017

18. Juni 2017

03. Juli 2017

07. Juli 2017

09. Juli 2017

21. Juli 2017

23. Juli 2017

29. Juli 2017

05. Aug. 2017

13. Aug. 2017

27. Aug. 2017

28. Aug. 2017

02. Sept. 2017

03. Sept. 2017

6. Sept. 2017

08. Sept. 2017

Vorwort

Auch das Lied eines Schamanen kann

den Weg aus religiösen

Interpretationsgefängnissen in die

Freiheit zeigen.

17. Juni 2016

Der Schamane begann zu singen, und Markus schloss die Augen. Zuerst plagte ihn das unmögliche Verlangen, die fremden Worte zu verstehen. Doch dann überließ er sich dem Geschehen und versank mehr und mehr in unbeschreibliche Bereiche der Wirklichkeit. Tiefe Dankbarkeit erfüllte ihn für diese herzzerreißende, lebenspendende, glückseligmachende Erfahrung. Sein einziger Gedanke war: „Bitte, bitte, lasst mich hier bleiben, in diesem wunderbaren, leidfreien Raum. Ich will nie wieder zurück.“ Er fühlte sich emporgetragen und meinte, etwas wie den Gral in Händen zu halten. Alles war gut.

Nach dieser Zeremonie erschien Markus der Schamane mit seinem zerfurchten Gesicht und seinem gütigen Lächeln wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Dieses Wesen saß nach dem Ritual auf einer Gartenbank, gelassen, entspannt und rauchte eine Zigarette.

Markus war ein kirchlicher Insider. An diesem sonnigen Vormittag begriff er, was alle Religion will und was ihre tiefste Quelle ist. Sein erster Impuls war: „Ich mache einen Trip in den Himalaya und gehe bei einem – nein bei diesem – Schamanen in die Lehre.

22. Juni 2016

„War das Erlebnis mit dem Schamanen wirklich ein Türöffner oder nur ein nettes Event? Warum habe ich etwas Ähnliches noch nie erlebt?“ fragte sich Markus und realisierte die Empfindungen, die seine eigene Religion in ihm hervorgerufen hatten. Das war ein leicht angestrengter Zustand im Körper, vor allem im Kopf – so als lerne er für eine Klausur. Alle Heilstatsachen gespeichert? Die Reihenfolge richtig? Nichts Wesentliches vergessen? Die relevanten Vorstellungen vorhanden? Die Überzeugung hervorgerufen, auf der richtigen Seite zu stehen?

Tausendmal probiert und nichts war passiert. Dann dies!

Begegnung mit einem Menschen aus einer so fremdartigen Kultur, dass er wahrscheinlich nicht zwei Wochen lang ohne Fluchtgedanken dort hätte leben können. Und doch vermittelte der etwas, was die Wort- und Gedankengebirge der eigenen Religion nicht erreichten. Vielleicht war das Gesuchte ja nur für Markus unauffindbar. Vielleicht war nur für ihn der kleine Playmobil-Luther ein Symbol für die Einseitigkeit einer Religion, die ihm nicht selten wie aus Plastik vorkam.

Diese schamanische Reise, diese Erfahrung, die er sich nicht erklären konnte! Wollte er auch gar nicht – nur immer wieder erleben. Das aber hatte klare Grenzen. Der Schamane war nur zwölf Tage in Deutschland. Sollte er nach Nepal fahren? Er hatte das vage Gefühl, dass nur dieser Schamane solch einen außergewöhnlichen Zustand bei ihm hervorufen konnte. Nichts zog ihn zu einem westlichen Schamanen, von denen es ja nicht wenige gab.

24. Juni 2016

Gerade hatte Markus „Schamanisches Heilen“ von Jakob Oertli (1) gelesen und wollte eine seiner Übungen ausprobieren: Beobachte eine Viertelstunde lang alles, was um dich herum geschieht. Er begann das Experiment, dachte aber gleich wieder an etwas anderes. Dann fiel ihm wieder ein, was er wollte, vergaß es wieder und erinnerte sich erneut.

Da, was war das? zwei Männer wie im Ringkampf lagen am Boden.

„Ist das Spaß?“ fragte Markus den Mann vom Geldtransporter, der zuschaute.

„Ist kein Spaß, Securityman.“

Der Kampf wurde heftiger, es floss Blut. Ein Ring von Zuschauern bildete sich.

„Hat jemand die Polizei gerufen?“

„Ja, ja.“

Abwechselnd knallten die Männer aufs Pflaster. Beherzte Passanten wollten sie trennen – keine Chance. Schließlich kam ein bulliger Typ mit Armen wie Vorschlaghämmer: „So Freundchen, ab zum Kaufhaus.“ Das Schwergewicht und der Securityman packten sich den Farbigen und schleppten ihn ab.

„Der hat gestohlen“, wurde gemunkelt.

Markus ging zur Bank um die Ecke und „tankte“ Geld. Er hörte das Martinshorn. Zu spät. Der Kampfplatz war geräumt.

In einem Restaurant in der Nähe bestellte er einen Salat. Neben ihm saßen zwei Versicherungsvertreter, warteten auf einen Kunden und unterhielten sich über Abschlüsse, Selbstbeteiligungen, Spezialklauseln. Der Kunde kam und Markus hörte: „Spätestens nach dem 34. Lebensjahr … privat ...bleibt der Beitrag in der Regel konstant … eigentlich kündigt keiner nach zwei Jahren … wir machen jetzt Folgendes … so, dann die Pflegeversicherung.“

Durchs Fenster sah Markus eine alte Bekannte, eine bemerkenswerte Frau. Sie arbeitete in verschiedenen Haushalten. Dafür ließ sie sich nicht bezahlen, sondern animierte ihre „Kundschaft“ das Geld zu spenden: bei Oxfam für eine Ziege in Bangladesch, für Flüchtlingshilfe, Tierschutzverein usw.

„Man muss das Geld nicht so ernst nehmen“, sagte diese Frau, die von einer winzigen Rente lebte.

Markus schaute sich um, gab es noch etwas Bemerkenswertes für einen zukünftigen Schamanen? Ihm fiel nichts auf. Also kaute er vor sich hin und zahlte acht Euro für einen kleinen Snack.

So. Was hatte das alles nun mit ihm zu tun? Fünfmal ging es um Geld. Das konnte doch kein Zufall sein. Rührte sich etwas? Fühlte er etwas? Wollte etwas geheilt werden? Hatte dieses Ereignis etwas mit „seinem Weg“ zu tun? Ihm fiel nichts dazu ein. Er griff nach dem Keks auf dem Tablett und stutzte. Ein kleiner Bär schaute ihn an. Gestern, bei dem Versuch einer Meditation hatte sich ein Bär gezeigt, als er seine Angst tief im Bauch verstehen wollte. Darum konnte er den Kleinen nicht einfach zerbeißen. Also wickelte er ihn ein und nahm ihn mit.

Am nächsten Tag bemerkte Markus, wie das Thema Geld ihm auf eine freundliche, gar nicht kaltschnäuzige Art, näher kam. Seine widersprüchliche Haltung: Ich brauche dich, ich lieb dich nicht, wurde ihm sehr bewusst. Anscheinend hatte er einen Wink bekommen, seine Haltung zu überdenken.

10. Juli 2016

Sie saßen an einem Brunnen, die alten Freunde. Der Gesang des Wassers. Sie horchten. Langsam lösten sich Konzepte auf. Die Gesetze verschwanden. Rauschen, strömende Melodien. Die Welt war Klang.

„Ist es DAS?“, fragte einer in die Runde. Die Gesetze tauchten wieder auf, die Konzepte, die Muster. Willkommen in der Matrix.

„Ich war bei einem Schamanen“, sagte Markus, „für einen Augenblick war da eine Kraft und der Vorhang riss auf.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Die Bewegungen, die archaischen Gesänge, was auch immer. Es trug mich in einen Zustand von perlender, lichtvoller Energie – von: alles ist gut.“

„Bist du jetzt erleuchtet?“„Ich suche, ich will es verstehen. Jedenfalls ist es etwas, das ich in meiner Kirche nie erlebt habe.“

„Und was hast du in deiner Kirche erlebt?“

„Wörterfluten, Gedankengebirge und irgendwann nur noch Langeweile.“

„Stell dir vor, wir hätten die Kirchen nicht, jetzt in der Flüchtlingskrise, der Schere zwischen Arm und Reich, den Rechtspopulisten. Da leisten sie doch Großartiges.“

„Wie könnte ich das übersehen, aber dennoch ...“

„Was: dennoch?“

„Es fehlt das Herz.“

„Das Herz, das Herz – was ist das Herz?“

„Ich sag's mal wie ein grönländischer Inuit-Schamane: 'Je schneller das natürliche Eis im Norden schmilzt, desto härter wird das Eis in den Herzen der Menschen. Überstrukturiert wie sie sind haben sie keinen Platz mehr für Spontaneität, für die Schönheit der Dinge. Deshalb ist ihr Herz eingefroren“ (2)

„Ach ja, ach ja. Gib uns ein lebendiges Herz. Poesie der Sprache. Und dann der ganze Rattenschwanz: kalte Rationalität, Subjekt-Objekt-Trennung, narzisstische Gesellschaft, überbordender Individualismus und und ...“

„Stimmt das etwa nicht? Sag mir, was unsere sinngebenden Instanzen dagegen tun.“

„Sie appellieren an das Wertebewusstsein, die bürgerliche Moral, notfalls an die zehn Gebote. Ist doch in Ordnung.“

„Okay. Aber was für Kraftquellen stellen sie uns zur Verfügung, allen voran die Kirchen?“

„Na, immerhin eine 2000 Jahre alte Tradition, wieder und wieder durchgearbeitet und aktualisiert, so dass sie sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingegraben hat. Selbst die, die sie ablehnen, können nicht an ihr vorbei sehen.“

„Jetzt mal ehrlich: Könnt ihr heute mit diesen Botschaften leben? Erfüllen sie euer Herz mit Freude und Liebe? Sind sie Quellen für Lebendigsein und Erneuerung? Ich für mein Teil muss sagen: seit ich die Schamanen kennengelernt habe, weiß ich, was ich immer gesucht habe, nämlich eine wirkliche Erfahrung.“

13. Juli 2016

Weit hallende Glockenklänge über der geschäftigen Menge. Zeit für die Abendmesse. Ein Häuflein von Standhaften folgte den Anweisungen der Orgel, sprach viele Worte, hörte geduldig viele Worte, während der Raum seine Weite spendete und ein Verstehen, höher als alle Vernunft.

Draußen formierten sich Rechtsradikale und Fußballfans. Das Martinshorn schrillte. Man kannte das alles und blieb gelassen.

Gibt es Zufälle? Am Ausgang der Kirche traf Markus einen alten Bekannten. Sie gingen Cappuccino trinken.

„Ich komme gerade aus den Staaten, ein Kongress für transpersonale Psychologie.“

„Bist du immer noch auf dem Trip?“

„Willst du mir jetzt die Beichte abnehmen?“

„Ich erteile dir die Absolution, wenn du mir ein wenig erzählst.“

„Du weißt, dass ich unsere psychologischen Arbeitskonzepte inzwischen für zu eng halte. Sie funktionieren in Teilbereichen, erfassen aber nicht die Person in ihrer Ganzheit. Es macht einen Unterschied, ob einer mit einer Spinnenphobie oder mit einer Sinnkrise zu mir kommt. Überraschend war für mich Folgendes: Je weiter du in den transpersonalen Bereich vordringst, desto mehr näherst du dich den Bereichen von Spiritualität und Religion.“

„Ich dachte, das Thema sei für dich erledigt.“

„Dachte ich auch. Aber meine Patienten haben mich eines Besseren belehrt. Viele suchen nach etwas Erfüllendem, Sinnhaften in ihrem Leben.“

„Sollen sie doch in die Kirche gehen.“ Markus spielte provokativ den „Anwalt des Teufels“.

„Du weißt selbst, wie selten das funktioniert. Die Menschen wollen Erfahrung, keine dogmatischen Richtigkeiten.“

„Ja, ja. Führe uns nicht in Versuchung, sondern in die Non-Dualität.“

„Spotte nur. Aber auch du wirst merken, dass Religion sich wandelt. Sie wird offener, integrationsfreudiger und erfahrbarer.“

„So, so. Und was sagst du zur Wiederkehr von Fundamentalismus., Schöpfung in sieben Tagen, widernatürlicher Homosexualität , Christi Blut für uns vergossen, die Achse des Bösen – vom IS ganz zu schweigen?“

„Ich weiß, ich weiß. Das ist die traurige Ungleichzeitigkeit der Bewusstseinsentwicklung. Jedenfalls wird Religion in den westlichen Gesellschaften nur eine Chance haben, wenn sie wissenschaftliches Denken viel stärker integriert und die Menschen zu eigenen Erfahrungen ermutigt.“

„Ecclesia semper reformanda (3), natürlich bin ich dafür. Nur, was die Erfahrungen angeht, schau mal ins Internet, Stichwort Esoterik. Hier zum Beispiel ein Text, mit dem ich mich gerade befasse. Da ist die Rede von sogenannten Transformern, die genau wissen, dass wir alle von Kontrolleuren einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Die wollen uns so, ohne unser Wissen, für ihre Zwecke missbrauchen. Hinter diesen Kontrolleuren stecken gefallene Engel, die ihre Unsterblichkeit verspielt haben und der Menschheit das gleiche Schicksal bereiten wollen. Allerdings hat unsere Rasse die Chance zu erkennen, dass sie nicht zwei, sondern zwölf DNS-Stränge hat. Sobald sie das realisiert, wird sie unsterblich. Ehrlich, da ist mir die gute alte Kirche doch lieber.“

„Wenn ich es recht verstehe, berufen sich diese Typen nicht auf eigene Erfahrungen, sondern auf irgendwelche Informationen oder Lehren, die sie wer weiß woher haben. Insofern überzeugt mich das Beispiel nicht.“

„Dann sag mir ein Beispiel für das, was du meinst.“

„Hm, ja, ich überlege. Auf der letzten Dokumenta gab es in einem Schloss einen großen leeren Raum, durch den der Wind wehte. Das war für mich so … wie war das mit Elia und dem Erdbeben? 'Der Herr war nicht im Erdbeben, nicht im Sturm – er war im stillen sanften Rauschen' (4). So ähnlich ging es mir auf der Dokumenta. So ähnlich ging es mir auch im Gasometer Oberhausen, wo Christo eine Art Kathedrale geschaffen hatte: hoch, weit, offen. Da gibt es auch so einen Spruch mit weitem Raum.“

„Ja, gibt es: Du stellst meine Füße auf weiten Raum (5). Meinst du, man sollte nun in den Kirchen riesige Ventilatoren aufstellen, um das Wehen des Geistes zu simulieren?“

„So was statt Predigt wäre nicht schlecht. Versteh mich richtig, Erfahrung ist etwas Individuelles. Ich kann aber dazu ermutigt werden, und ich kann sie austauschen. Wenn die Kirchen das als Aufgaben sähen, würden sie vieles vom Esoterikboom wieder in ihre Räume, auch Gedankenräume, zurückholen. Sei es, wie es sei. Hast du Lust nächste Woche mit mir einen Vortrag über Empathie zu hören?“

18. Juli 2016

Markus war interessiert. Sie trafen sich vor einem imposanten Gebäude, wo in einer oberen Etage Licht brannte. Hier saß eine kleine Gruppe von auf Erfolg gedrillten Managern und hörte einem Personal-Coach zu, der über Empathie sprach.

„Sie wissen sicher, dass die Fähigkeit zur Empathie in der Gehirnstruktur ihre Grundlage hat. Stichwort:

Spiegelneuronen. Nun wird dieses Vermögen in der Regel Sozialromantikern und Gutmenschen zugeschrieben, die gerne – wie die Indianer sagen – 50 Schritte in den Schuhen der anderen gehen, um ihre Mitmenschen zu verstehen. Sie hier, meine Herren, müssen aber in erster Linie die erfolgreiche Weiterentwicklung ihrer Firma vor Augen haben. Das erfordert Durchsetzungsfähigkeit im Konkurrenzkampf. Da hilft Verständnis und Einfühlung nur bedingt weiter. Dennoch, ich gebe ihnen ein Beispiel: Ein mittelständischer Unternehmer hat nach einem Gespräch mit einem Geschäftsfreund ein ungutes Gefühl. Darum versetzt er sich in die Lage des anderen, kriecht sozusagen in seine Person, trommelt genauso nervös mit den Fingern, zieht genauso hastig an der Zigarette und versucht die eleganten Redewendungen des anderen zu wiederholen.

Plötzlich erlebt er sich wie ein Tiger im Sprung. Der Schrecken fährt ihm in die Glieder: Der andere will meine Firma, feindliche Übernahme. Anderes Beispiel: Sie wollen ihren Lieblingsfeind fertig machen. Seien sie genauso charmant, fokussiert und kaltblütig wie er. Erwarten sie nichts von einem Dialog in Augenhöhe und noch weniger als nichts von einer emotionalen Regung. Sie haben nur die Chance, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Seien sie also noch attraktiver, noch konzentrierter, noch egoistischer als er. Wenn sie das nicht hinkriegen, gehen sie ihm aus dem Weg. In Klammern: versuchen sie mal mit einem überzeugten IS-Kämpfer den berühmten Dialog in Augenhöhe.“

Gelächter im mahagoni-vertäfelten Raum. In der Pause gab es Gespräche:

„In gewisser Weise beherrschen wir alle das Spiel, sonst wären wir nicht hier. Schadet aber nichts, es sich aus berufenem Mund nochmals erklären zu lassen.“

„Wohl wahr. Wir spielen; aber wer sind wir wirklich?“

„Kommt man in die Jahre, wird die Frage heftiger. Im Vertrauen, ich erzähle dir etwas. Im Urlaub fahre ich gern in den hohen Norden, dahin, wo die Samen leben, nach Nord-Norwegen. Die haben noch echte Schamanen. Einmal habe ich mich an einem ihrer Rituale beteiligt. Wie man sich das so vorstellt: exotische Tracht, Trommeln,Tanzen, Ekstase. Ich mittendrin. Plötzlich spuckt der Schamane mir ins Gesicht. Ich will ihm eine kleben, aber meine Hand gehorcht mir nicht. Etwas in mir sagt: 'Der Kerl hat recht. Endlich bringt's mal einer auf den Punkt.' Am nächsten Tag bitte ich bei diesem alten Samen um ein Gespräch. Ich muss in eine Hütte kriechen, deren Eingang vielleicht 50 cm hoch ist. Sie wird wohl als Schwitzhütte gebraucht. Da saß der Herr der Geister und rauchte eine Pfeife, neben ihm ein Übersetzer. Er schaute mich durchdringend an und schwieg. Schließlich sagte er: 'Du würdest mir 100 000 Euro geben, wenn ich deine Seele zurückholte. Das geht aber nur, wenn du in die Berge gehst, ganz allein, und die Geister oder deinen Gott um Verzeihung bittest. Dann kannst du deine Seele rufen.Vielleicht kommt sie zurück.'“

„Hast du dich auf die Socken gemacht?“

„Habe ich nicht, vielleicht mache ich es nach der Pensionierung. Aber jetzt, die aktuellen Probleme, die finanzielle Schieflage. Geht leider nicht.“

„Hast du 'leider' gesagt, alter Junge? Vielleicht sollten wir es beide versuchen. Genug Leben gespielt.“

21. Juli 2016

Markus wollte alles nur Erdenkliche über Schamanismus in Erfahrung zu bringen.

Bald saß er in der Bibliothek. Laptop, Räuspern, Gemurmel. Bücher über Schamanen und Religion. Das Thema war „in“. Unglaublich, was er alles nicht wusste.

„Hallo, ihr Helfer, kommt ihr auch in eine Bibliothek? Bin ich auf meinem Weg oder nur im Irgendwo? Was ist?“

Tatsächlich formten sich Worte in seinem Inneren:

Immer ist die rechte Zeit.

Immer ist der rechte Ort.

Horche, lausche.

Es geschieht,

innen und außen.

Sei aufmerksam.

Das Jetzt tanzt auf der Vergangenheit

und bereitet die Zukunft.

Du bist dabei,

wach endlich auf.

Der Tanz, der Tanz,

weg aus zäher Trägheit.

Du bist gemeint.

Los jetzt, sei offen,

übe verstaubte Fähigkeiten.

Auf was willst du warten?

Die Bücher atmen.

Die Geister sind nah,

spenden Geschichten,

noch nie gehörte,

notwendige, für jetzt.

Er las wild durcheinander, was ihm über Schamanen in die Hände fiel, auch Kritisches, und wieder und wieder stellte er sich die Frage nach ähnlichen Elementen in der eigenen Kultur.

29. Juli 2016

Die Medien zeigten Originalvideos eines erneuten terroristischen Anschlags: Bei einer Schießerei an einem Container nahm die Polizei zwei Männer fest, der dritte war tot. Krankenwagen kamen, Verletzte wurden versorgt.

Markus hingegen schaukelte in einer Hängematte und genoss die Ferien. Ein paar Urlaubswochen lagen vor ihm. Dann würde er wieder unterrichten, Philosophie und Religion, in der Oberstufe eines Gymnasiums. Erneut würde er versuchen, die jungen Menschen für die tradierten Schätze ihrer Kultur zu begeistern. Allerdings zunehmend mit dem Gefühl, dass sie etwas anderes hören wollten und Markus ihnen auch lieber etwas anderes vermitteln würde. Aber was?

An einem der nächsten Tage, nach einer ausgedehnten Wanderung, dachte er: „Na, alter Hobby-Schamane, wie wär es mit einer Reise in die obere Welt?“ Rhythmisches Trommeln per Radiorekorder wiegte ihn in leichte Trance. Einem seiner spirituellen Helfer stellte er die Frage: „Was kann ich meinen Schülern wirklich mitgeben für ihr Leben?“

Die innere Reise führte ihn an den Ort des Anschlags. Diesmal liefen Ratten aus dem Container, und es stank abscheulich. Seine „Helfer“ wiesen ihn an, hinein zu klettern und einen Eimer herauszuziehen, der mit madenwimmelnden Fleischresten gefüllt war. Seelenruhig spießten die Begleiter nun diese modrigen Fetzen auf und ließ sie trocknen. Ein Wind fuhr durch die Häuserschluchten, drehte den Staub zu Wirbeln, verjagte die Ratten, die gierig nach den Fleischstücken sprangen und verwandelte sich in ein leises Wehen, das sich im Unhörbaren verlor. Die Helfer lächelten, klatschten in die Hände. Das war's.

Markus rätselte: Ein Container, faules Fleisch, hungrige Ratten, der Wind, sein Ekel, der bis zum Brechreiz ging. Sollte es sich um Lehrinhalte handeln, die verdorben waren? Waren der Eimer oder der Container zu eng? War darum alles darin verdorben? Musste man den Lehrstoff der Luft, dem Wind aussetzen, damit wenigstens die Ratten ihn mochten? Eingepfercht, vollgestopft, unsachgerecht behandelt – das waren die Begriffe, die ihm einfielen. Je länger er über die Bilder nachdachte, desto sinnvoller erschienen sie ihm. Leben im Container. Du kannst nehmen, was du willst, es wird verfaulen. „Die Seele ist wie ein Wind, der über die Felder weht“, irgendwo hatte er das gehört. Der Container – könnte das vielleicht auch ein Bild für ein Gehirn sein, das mit unverdaulichem Zeugs angefüllt ist? Was aber ist kein unverdauliches Zeugs?

Ihn fröstelte. War es nicht sein eigenes Problem, das die Bilder ihm vor Augen führten? War er zulange angepasst gewesen, hatte er zu lange Informationen aufgenommen und wieder abgesondert, zu lange „Muff von tausend Jahren“ weitergegeben? War er nicht erst jetzt dabei, verfaulte Überflüssigkeiten ans Licht zu holen?

„Nein, ich will keine Ratten füttern oder Futter verteilen, das jeden zur Ratte macht.“

Aber wie?

31. Juli 2016

Er war etwas Unbekanntem auf der Spur. Und gerade meinte er, dem näher zu kommen. Schamanismus und sein angestammtes Christentum – gab es Verbindungen? Ging das zusammen?

„Wir in unserer Kultur haben systematisch menschliches Vermögen jenseits des Rationalen brach liegen lassen“, dachte er. „Wir haben es nicht gefördert, wir haben es entwichtigt und für nichts angesehen. Und nun kehrt das Verdrängte, lächerlich Gemachte zurück in oft bunten und seltsamen Gewändern. Groß ist die Suche nach dem, was verloren ging, groß die Sehnsucht.“

Er verabredete sich mit seinem Freund Gregor, der Psychiater war.

„Kannst du mir das Wesen der Imagination erklären?“ fragte er. „Gar nicht einfach, aber ich will es versuchen.“

Er hielt einen langen Vortrag über Verschaltungen im Gehirn, elektrische und chemische Impulse, Neurotransmitter und das limbische System.

„Ich hab mal was mit schamanischen Techniken ausprobiert“, begann Markus, es hat funktioniert.

Sie traten auf die Terrasse und hatten einen wunderbaren Blick über den See. Mit einem Mal hatte Markus das Gefühl, als balle sich eine starke Kraft zusammen und bewege sich auf sie zu. Gleichzeitig sprang etwas wie ein Wolf auf sie zu und fletschte die Zähne.

„Kann es sein“, fragte der Psychiater, „dass du unter einer psychischen Störung leidest, mit Halluzinationen und so? Warst du mal in Behandlung?“

Markus ballte innerlich die Fäuste.

„Überleg doch, wie lange wir uns kennen. Ist dir jemals derart Krankhaftes an mir aufgefallen?“

„Ist es nicht, aber jetzt ...“