Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das Mädchen, das den Himmel berührte E-Book

Luca Di Fulvio

4.48958333333333 (96)
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E-Book-Beschreibung Das Mädchen, das den Himmel berührte - Luca Di Fulvio

Wie wird ein junger Tagedieb, der seine Kindheit in einer Höhle verbracht hat, zu einem glühenden Verfechter der Freiheit? Wie wird ein jüdischer Betrüger zu einem berühmten Arzt? Und wie wird ein junges Mädchen ohne Perspektive zu einer einflussreichen Modeschöpferin? Die Antwort liegt in Venedig. Denn dort, im Labyrinth der Gassen und Kanäle der geheimnisvollsten Lagune Europas, zwischen der Pracht San Marcos und dem Elend der Spelunken von Rialto findet sich das gesamte Panorama des Lebens ...

Meinungen über das E-Book Das Mädchen, das den Himmel berührte - Luca Di Fulvio

E-Book-Leseprobe Das Mädchen, das den Himmel berührte - Luca Di Fulvio

Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

ERSTER TEIL - IM JAHRE DES HERRN 1515

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ZWEITER TEIL

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DRITTER TEIL

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Anmerkung des Autors

Danksagung

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio D’Amico. Sein voriger Roman DER JUNGE, DER TRÄUME SCHENKTE stand monatelang auf den ersten Plätzen der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Luca Di Fulvio

DAS MÄDCHEN,DAS DEN HIMMELBERÜHRTE

Roman

Aus dem Italienischen vonKatharina Schmidt und Barbara Neeb

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Originalausgabe

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Special Photographers Archive/

The Bridgeman Art Library; © shutterstock/Antonio Abrignani

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-2379-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Carla

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.

1. Korinther, Kapitel 13

ERSTER TEIL

IM JAHRE DES HERRN 1515

Rom – Narni – Zentralapennin – Adriatisches Meer – Po-Delta – Adria – Mestre – Venedig – Rimini

1

Der Dreckkarren, der im Stadtbezirk Sant’Angelo gemeinhin etwas derber »Scheißekarren« genannt wurde, kam einmal die Woche vorbei. Und zwar immer montags.

An diesem Montag schob sich der Dreckkarren nach fünf Tagen ununterbrochenen Regens nur mühsam durch die enge Gasse Vico della Pescheria, ab und an schrappten die Naben der Räder an den Hauswänden entlang. Die sechs Sträflinge, die am Geschirr des Karrens angekettet waren, versanken bis zu den Knöcheln im Schlamm und stöhnten vor Anstrengung, wenn sie wieder einmal die Räder aus tiefen Löchern in der Straße herauswuchten mussten. Ihre dicken, zerrissenen Hosen aus schlechter Wolle waren bis über die Leisten verdreckt. Vor dem Karren gingen zwei weitere mit Ketten aneinandergefesselte Sträflinge, deren Aufgabe es war, die mit Abfällen und Exkrementen gefüllten Eimer vor den Haustüren oder in den Innenhöfen einzusammeln und sie in den riesigen Bottich auf der Ladefläche des Karrens zu entleeren. Die acht Sträflinge wurden von vier Soldaten überwacht, je zwei gingen vor und zwei hinter ihnen.

Hinter dem Karren hatte sich eine kleine, bunt gemischte Menschenmenge angestaut, mehr Fremde als Einheimische, was in der Heiligen Stadt keine Seltenheit war: zwei deutsche Gelehrte mit schweren Büchern unterm Arm, drei Nonnen, die mit gesenkten Köpfen voranschritten, wobei die Spitzen ihrer mächtigen Hauben sich nach oben wölbten, ein Sarazene mit einer Haut so dunkel wie geröstete Haselnüsse, und zwei spanische Soldaten. Letztere trugen die typischen Beinkleider in den Landesfarben, ein Hosenbein gelb und das andere rot, und sie hielten die Augen beim Laufen halb geschlossen, damit sich ihre Kopfschmerzen nach der durchzechten Nacht nicht noch verschlimmerten. Sie bangten, dass sie noch rechtzeitig in ihr Quartier kämen, um nicht als fahnenflüchtig zu gelten. Unter der Menge war sogar ein Inder mit Turban, der ein laut brüllendes Kamel hinter sich herzerrte und vermutlich zu dem Zirkus am anderen Tiberufer wollte, sowie ein jüdischer Kaufmann, den man an seinem vom Gesetz vorgeschriebenen gelben Hut erkannte. Und allen stand derselbe angeekelte Ausdruck im Gesicht wegen des Gestanks, der sogar noch zunahm, je mehr sie sich der Piazza Sant’Angelo in Pescheria näherten, denn nun gesellten sich zu den Ausdünstungen des Dreckkarrens noch die der Abfälle des Fischmarkts, die seit sechs Tagen auf dem Boden vor sich hin faulten.

Als sie endlich den Platz erreicht hatten, überholte die angestaute Menge den Karren, und die Leute zerstreuten sich in dem Menschengewühl auf dem Platz vor der Kirche Sant’Angelo in Pescheria.

Auch der Kaufmann, sein Name war Shimon Baruch, beschleunigte seinen Schritt und blickte sich ständig ängstlich um. Er hatte soeben auf dem nahegelegenen Seilmarkt mit dem Verkauf einer großen Partie geflochtener Taue, die vor Kurzem per Schiff im Stadthafen Ripa Grande eingetroffen war, ein ausgezeichnetes Geschäft abgeschlossen und dafür statt der üblichen Kreditbriefe die gesamte Summe in bar erhalten. So lief er nun gebückt vorwärts und zog den Mantel mit beiden Händen fest um sich, aus lauter Sorge, dass ihm der Beutel voller Münzen an seinem Gürtel in den Straßen Roms abhanden käme.

Shimon Baruch fiel ein Würdenträger aus irgendeinem exotischen Land ins Auge, der einen mächtigen gezwirbelten Schnurrbart trug und von zwei riesigen dunkelhäutigen Männern eskortiert wurde, an deren Seiten prächtig verzierte Säbel mit Griffen aus Elfenbein baumelten. Er bemerkte außerdem einige Gaukler mit olivfarbener Haut, wahrscheinlich Makedonier oder Albaner, dann ein Grüppchen alter Männer, die auf Korbstühlen vor ihren Behausungen saßen und in einer Holzkiste auf dem Boden würfelten, und schließlich drei arme Frauen, die um die Marmortheken der Fischverkäufer strichen, obwohl dort nur mehr wenige Weidenkörbe mit Makrelen aus Fiumicino und Süßwasserbarschen aus dem Braccianosee standen. Die Frauen wühlten in den Abfällen auf dem Boden, auf der Suche nach dem Kopf oder Schwanz eines Fisches, mit dem sie ihrer Suppe aus Wildkräutern ein wenig Würze verleihen konnten, denn mehr würden sie am Abend nicht auf den Tisch bringen. Zwei von ihnen waren um die vierzig, und ihre fest zusammengepressten Lippen waren augenfällig gekräuselt, was darauf hindeutete, dass ihnen bereits viele Zähne im Kiefer fehlten. Die dritte dagegen war sehr jung, fast noch ein Mädchen. Sie hatte dunkelrotes Haar und eine Haut, die unter einer dicken Schmutzschicht alabasterweiße Zartheit vermuten ließ. Shimon Baruch musste bei ihrem Anblick an die Erzählung von Susanna im Buche des Propheten Daniel denken, die von den beiden alten Richtern bedrängt wurde.

»Haut ab, ihr Schlampen, sonst schmeiße ich euch auch noch in den Bottich«, rief einer der Sträflinge vom Dreckkarren und machte mit der Schaufel in der Hand ein paar Schritte auf die Fischabfälle zu. Die Soldaten lachten laut und bedeuteten den Frauen, dass sie sich entfernen sollten.

Shimon Baruch eilte mit gesenktem Kopf auf das Marcellustheater zu, dort würde er endlich sein Geld in Sicherheit wissen. Doch dann wandte er sich noch einmal um, um einen letzten Blick auf das hübsche Mädchen mit dem Kupferhaar zu werfen. Dabei bemerkte er, wie sie zu einem zerlumpten kleinen Jungen mit einer ungesund gelblichen Gesichtsfarbe hinübersah, dessen lange Haare so schmutzig waren, dass sie am Kopf klebten. Er saß etwas abseits bei den Ruinen des Portikus der Octavia und warf mit Steinen nach einer Brennnesseln und Glaskraut fressenden Ziege. Einen Moment lang kam es Shimon Baruch so vor, als habe er den Jungen schon einmal gesehen, vielleicht sogar an diesem Morgen auf dem Seilmarkt. Als er zu ihm hinüberschaute und sich dabei instinktiv noch kleiner machte, fing der Junge seinen Blick auf und rief ihm zu: »Euer Hut ist aus gutem Stoff, Herr Jude! Möge Euer Reichtum erblühen!«

Schnell wandte sich Shimon Baruch ab und sah nun, dass ein grobschlächtiger junger Kerl, der vorher mit etwas dümmlichem Gesicht an der Mauer auf der anderen Seite des Platzes gelehnt hatte, mit ausgestreckter Hand auf ihn zu rannte. Ein Riese mit dichtem, strohblondem Haar, dessen Ansatz so tief lag, dass fast die ganze Stirn darunter verschwand. Er war in Lumpen gehüllt und bewegte sich linkisch auf seinen kräftigen, kurzen Beinen, sein untersetzter Leib schwankte dabei unsicher hin und her. Auch seine Arme waren unverhältnismäßig kurz. Er sieht aus wie ein Riesenzwerg, schoss es dem Kaufmann durch den Kopf. Shimon sah ihm gleich an, dass er schwachsinnig war, und erhielt die Bestätigung dafür, als der Riese ängstlich die Augen aufriss, als fürchtete er, verprügelt zu werden, und ihn mit heiserer, eintöniger Stimme in einer eigentümlich vernuschelten Sprache anredete: »Gebt Münschen, Herr … Scheid scho gud und gebt ein baar Münschen der Barmherschischkeit, ehrwürdigschter Herr.«

»Verschwinde«, erwiderte der Kaufmann hastig und wedelte mit einer Hand durch die Luft, als wollte er eine lästige Fliege verjagen.

Der Riese hob schützend die Hände vors Gesicht, blieb aber trotzdem wie angewurzelt stehen und wiederholte: »Eine Münsche, allerehrwürdigschter Herr … nur eine einschige Münsche.« Und dann packte er ihn genau vor der Fassade der Kirche Sant’Angelo kraftvoll am Arm.

Shimon Baruch zuckte erschrocken zusammen. »Nimm deine dreckigen Hände von mir!«, knurrte er den Riesenzwerg an und versuchte dabei zu verbergen, dass die Angst ihm bereits die Kehle zuschnürte.

Im gleichen Moment bog ein etwa sechzehnjähriger schlaksiger Kerl mit gebräunter Haut, pechschwarzem Haar und einer schräg über die Stirn gerutschten gelben Kopfbedeckung im Laufschritt um die Ecke der Kirche. Der Junge stolperte fast über den Kaufmann und musste sich an seinen Schultern festhalten, um nicht hinzufallen. »Verzeiht, Herr«, entschuldigte er sich sofort, um dann, als er den gelben Hut auf dem Kopf seines Gegenübers bemerkte, hinzuzufügen: »Shalom Aleichem«, während er sich respektvoll verneigte.

»Aleichem Shalom«, antwortete Shimon Baruch wie selbstverständlich, einerseits erleichtert darüber, einen Glaubensbruder vor sich zu haben, andererseits immer noch beunruhigt, weil es ihm nicht gelang, sich aus dem Griff des Schwachsinnigen zu befreien.

»Nein, den habe isch schuerscht geschehen!«, protestierte der Riese laut an den Neuankömmling gewandt. »Der gude Herr hier wollde mir gerade Almoschen geben!« Und während er den Arm des Kaufmanns weiter umklammert hielt, stieß er den Kerl mit dem gelben Hut kräftig weg. »Vaschwinde!«

»Lass mich los, du erbärmlicher Tölpel!«, schrie Shimon Baruch den Schwachsinnigen an, seine Stimme klang nun leicht panisch.

»Lass ihn los!«, schrie nun auch der Junge und ging mutig auf den Riesen los, der ihm allerdings einen so mächtigen Fausthieb in den Magen versetzte, dass er sich nach vorn zusammenkrümmte. Dennoch gab der Junge nicht auf, sondern stürzte sich erneut auf den großen Kerl und schlug ihn mitten ins Gesicht.

Der Riese gab ein heiseres Knurren von sich, ließ den Kaufmann los und packte nun wütend den Jungen. Er wirbelte ihn durch die Luft und schleuderte ihn gegen Shimon Baruch, sodass schließlich beide hinfielen.

Die Soldaten, die zunächst besorgt herbeigeeilt waren, um die Schlägerei zu schlichten, brachen in schallendes Gelächter aus, als sie sahen, wie sich die beiden Männer mit den gelben Hüten im Schlamm wälzten, als wollten sie miteinander ringen. Und alle Fischweiber stimmten mit wogendem Busen in das Gelächter ein, die Hände in die Hüften gestemmt. Auch der Würdenträger des Großwesirs lachte und ebenso die beiden Mohren mit ihren Krummsäbeln. Es lachten die albanischen Gaukler, die nun keine Bälle mehr in die Luft warfen, und die beiden spanischen Soldaten, die zwar nicht langsamer gingen, sich aber umgewandt hatten und nun rückwärts liefen, damit sie nichts von dem Spektakel verpassten. Und sogar die deutschen Gelehrten lachten, nachdem sie stehen geblieben waren und sich ihre Brillen aufgesetzt hatten. »Bring sie um!«, schrie der Junge, der in einiger Entfernung mit Steinen nach der Ziege geworfen hatte, um den Idioten anzustacheln. Auch die Sträflinge lachten, und einer rief dem Riesenkerl zu: »Los, zeig’s ihnen! Verpass ihnen ein paar saftige Tritte in den Hintern!«

Und da trat der Schwachsinnige dem jungen Mann mit der gelben Mütze in den Bauch, als dieser gerade dem Kaufmann beim Aufstehen half. Der schlaksige Kerl stöhnte auf, drehte sich zu Shimon Baruch um und rief ihm mit angstgeweiteten Augen zu: »Bitte, flieht!« Dann stürzte er sich mit dem Mut der Verzweiflung schreiend auf den Riesen und schlug noch einmal auf ihn ein, bevor er das Weite suchte.

Der Riese rannte dem jungen Mann mit dem gelben Hut Richtung Tiberufer hinterher, und sofort heftete sich der Junge mit der ungesunden gelben Gesichtsfarbe an ihre Fersen und schrie: »Verdammter Drecksjude! Du bist schon tot, verdammter Jude!«

Shimon Baruch überlegte einen kurzen Moment lang, dass er dem jungen Glaubensbruder eigentlich zu Hilfe kommen müsste. Doch dann überwog die Furcht, die sein Leben von jeher beherrscht hatte, und der Kaufmann floh in die entgegengesetzte Richtung auf das Marcellustheater zu.

Die Fischweiber, Sträflinge, Soldaten und alle übrigen auf der Piazza Sant’Angelo in Pescheria versammelten Menschen sahen dem kleinen Jungen und dem Riesen, die dem jungen Kerl mit dem gelben Hut hinterhersetzten, lachend nach.

In dem allgemeinen Durcheinander steckte das Mädchen mit der alabasterweißen Haut, das in den Abfällen gewühlt hatte, eine Hand in einen Weidenkorb am äußersten Rand der Marmorplatte eines Verkaufsstandes. Sie packte so viele Makrelen, wie sie greifen konnte, ließ sie in einen Ärmel ihres Gewandes gleiten und verschwand dann mit angehaltenem Atem, ohne dass die Fischweiber es bemerkten.

Inzwischen war der junge Mann mit dem gelben Hut um die Ecke gebogen, die beiden Verfolger hatten ihn nun beinahe erreicht und grölten weiter Schmähungen gegen das Volk der Juden. Ein Betrunkener stellte sich schwankend mit ausgebreiteten Armen mitten auf die Gasse und schrie dem auf ihn zukommenden Kerl entgegen: »Bleib stehen, du dreckiger Judas!«

Der blieb einen Schritt vor dem Betrunkenen stehen. »Antworte mir: Auf einer Skala von eins bis zehn, wie dumm bist du da wohl?«

Reglos und mit einfältigem Gesichtsausdruck glotzte ihn der Betrunkene an.

Der junge Mann nahm den Hut ab und warf ihn dem verdutzten Kerl feixend an den Kopf. »Trink lieber noch einen, während du darüber nachdenkst«, sagte er. Dann drehte er sich zu dem Jungen mit der gelblichen Haut und dem Riesen um, die ihn mittlerweile eingeholt hatten. »Los, bewegt euch«, befahl er ihnen.

Der Betrunkene starrte ihn verständnislos an.

»Dreckskerl!«, rief der Junge mit der gelblichen Haut und spuckte ihn an.

Schweigend gingen sie zu dritt weiter. Als sie um die nächste Ecke gebogen waren, versetzte der junge Mann dem Riesen mit dem Ellenbogen einen kräftigen Stoß in die Seite: »Du erbärmlicher Schwachkopf, lern gefälligst, nicht so fest zuzuschlagen«, fuhr er ihn an.

Der Riese blickte nun erschrocken drein. »Enschuldige …«, sagte er kläglich.

Dann drehte der schlaksige Kerl sich zu dem Jungen um. »Und du, versuch gefälligst, deine Bestie im Zaum zu halten.« Er krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Mit dem Tritt hat er mir fast den Magen zerquetscht, der Schwachkopf.«

»Entschuldige dich bei ihm«, befahl der Kleine dem Idioten.

»Enschuldige, Mercurio …«, wimmerte der Riese. »Bitte Ercole nich abstech’n.«

»Ich stech dich schon nicht ab, Idiot«, sagte Mercurio und richtete sich wieder auf.

Der Kleine stieß den Riesen in die Seite. »Geht es nicht in deinen Kopf, dass du so stark bist wie ein Elefant?«, fragte er ihn.

»Doch, Zolfo …«, erwiderte der Riese kleinlaut und nickte eifrig. »Ercole Idiod.«

»Ja, ja, schon gut«, murrte Zolfo. Dann wandte er sich an Mercurio. »Du wirst schon sehen, aus dem wird noch was …«

In dem Moment hörte man von der Piazza Sant’Angelo in Pescheria einen entsetzten Schrei: »Man hat mich beraubt! Haltet den Dieb!«, rief der Kaufmann. Daraufhin lachte die Menge schallend, denn nun hatten die Leute begriffen, was sich zugetragen hatte, und amüsierten sich nur umso mehr. »Ich bin ruiniert! Haltet den Dieb! Verfluchte Mistkerle! Verflucht sollt ihr alle sein!« Und je verzweifelter Shimon Baruch schrie, desto lauter und dröhnender wurde das Gelächter, wie im Theater.

»Verschwinden wir von hier«, sagte Mercurio.

Sie kletterten über den Damm gegenüber der Tiberinsel, und während sie zu einem zwischen Brombeergestrüpp verborgenen Kanaldeckel hinabstiegen, gesellte sich das Mädchen mit den kupferroten Haaren und der Alabasterhaut zu ihnen. »Wir haben ein Abendessen«, verkündete sie stolz und zeigte den anderen die fünf Makrelen, die sie gestohlen hatte.

»Wir haben viel mehr als das, Benedetta«, sagte Zolfo.

Mercurio holte den Beutel voller Münzen hervor, den sie dem Kaufmann gestohlen hatten. Dabei bemerkte er, dass auf das Leder eine rote Hand aufgemalt war. Er löste das Band, hockte sich hin und schüttete den Inhalt auf den Boden. Das Rot der untergehenden Sonne ließ die Münzen wie glühende Kohlen aufblitzen.

»Die sind ja aus Gold!«, rief Zolfo aus.

Mercurio hielt einen Moment überrascht inne. Dann zählte er schnell die Münzen und teilte sie in zwei Haufen, einen kleinen für die anderen und einen doppelt so großen für sich.

»Aber wir sind zu dritt …«, beschwerte sich Zolfo.

»Es war mein Plan«, entgegnete Mercurio barsch. »Ich bin hier der Betrüger, ihr an meiner Stelle würdet sofort geschnappt.« Dann musterte er sie von oben herab. »Ihr seid bloß zwei, oder besser gesagt anderthalb, denn der Schwachkopf zählt nur halb. Und dazu ein Mädchen, das Schmiere steht.« Er steckte den eigenen Anteil in den Beutel und verschloss ihn wieder. Dann stand er auf und zeigte auf die Münzen am Boden. »Das ist euer Anteil, und ich war mehr als großzügig. Wenn euch etwas nicht passt, dann arbeitet doch allein.« Er starrte sie herausfordernd an.

»Das geht schon in Ordnung«, sagte Benedetta und hielt seinem Blick stand.

Zolfo bückte sich und sammelte die Münzen ein.

»Zumindest merkt man, wer bei euch das Sagen hat«, sagte Mercurio grinsend.

»Willst du mit uns die Fische essen?«, fragte ihn Benedetta.

Zolfo sah Mercurio hoffnungsvoll an.

»Ich esse nicht gern in Gesellschaft«, antwortete Mercurio abweisend. »Wenn ich euch brauche, weiß ich ja, wo ich euch finde.« Er hob den Kanaldeckel hoch. »Und erzählt Scavamorto nichts davon, sonst nimmt er euch alles weg.«

»Wir könnten doch bei dir bleiben«, schlug Zolfo hoffnungsvoll vor.

»Verschwindet«, fuhr ihn Mercurio an. »Ich komm allein zurecht. Und das hier ist mein Platz.«

Und damit schlüpfte er in den Abwasserkanal, in dem er zu Hause war.

2

Als Mercurio hörte, wie sich die anderen schweigend durch den Matsch schlurfend entfernten, zog er den Kanaldeckel hinter sich zu und kroch auf allen vieren durch den niedrigen, engen Gang vorwärts. Der mit kleinen viereckigen Steinen gepflasterte Boden war mit glitschigen Algen überzogen. Sobald der schlaksige Junge die ebene Platte ertastete, die er so gut kannte, stand er auf und neigte den Kopf nach links, denn er wusste, dass an dieser Stelle in der Decke ein Stein hervorstand.

Hier unten war vom Lärm der Heiligen Stadt nichts mehr zu hören. Es herrschte Stille. Eine dauerhafte Stille, die nur vom beständigen Tropfen des Wassers und dem hastigen Trippeln der Ratten durchbrochen wurde. Mercurio fühlte sich plötzlich leer, Eiseskälte erfüllte seinen Magen. Er drehte sich um und kroch noch einmal bis zum Kanaldeckel zurück, um den anderen zu sagen, dass sie doch die Nacht zusammen verbringen könnten. Aber als er den Damm erreichte, waren Benedetta, Zolfo und Ercole schon verschwunden. »Du bist ein dummer Sturkopf«, beschimpfte er sich selbst. Dann kroch er zurück und bog in einen Gang ein, in dem er aufrecht gehen konnte und dessen gewölbte Decke aus Tuffstein bestand. Auf dem Boden verlief in der Mitte träge ein dünnes Rinnsal Jauchebrühe, und alle zehn Schritte passierte er einen Pfeiler aus Ziegelsteinen. Nachdem er drei Ziegelsteinpfeiler hinter sich gelassen hatte, schlüpfte er durch eine schmale Öffnung im Tuffstein. Er rieb den Feuerstein, den er in der Tasche bei sich trug, und entzündete damit eine Fackel, die in der Mauer steckte.

Die zitternde Flamme der pechgetränkten Lumpen beleuchtete nun einen quadratischen Raum, der mehr als zwei Mann hoch war. An der Mitte der hinteren Wand stand ein grob zusammengezimmertes Gerüst, das keinen besonders stabilen Eindruck machte. Über vier Pfosten quer gelegte Bretter bildeten eine grobe, zwei mal zwei Schritt große Plattform, auf der Mercurio vor der Feuchtigkeit des Untergrunds geschützt schlafen konnte. Sein Strohlager wurde durch zwei Pferdedecken mit dem aufgestickten päpstlichen Wappen ergänzt, die er in einem Stall des Viertels gestohlen hatte. Ein Teil des Gerüsts war hinter einem schweren, an mehreren Stellen eingerissenen Vorhang verborgen, allem Anschein nach ein altes Segel.

Mercurio stieg eine wacklige Leiter hoch und steckte die Fackel in ein Loch, das er mit einem Meißel in die Wand gehauen hatte. Vorsichtig holte er den Beutel hervor, den er dem Kaufmann gestohlen hatte, öffnete ihn und schüttete die Münzen auf den Holzbrettern der Plattform aus. Dann betrachtete er die funkelnde Pracht. Er zählte sie noch einmal: vierundzwanzig Goldmünzen. Ein Vermögen. Doch er konnte sich nicht recht darüber freuen, denn in seinen Ohren hallte immer noch der Fluch des Kaufmanns wider. Er befürchtete, dass deswegen Unheil über ihn hereinbrechen könnte. Schließlich erzählte man sich, dass die Juden mit dem Teufel im Bunde stünden und Hexer wären. Mercurio bekreuzigte sich. Dann fiel sein Blick auf die rote Hand auf dem Lederbeutel. Die Zeichnung machte ihm Angst, deshalb warf er ihn fort und steckte die Münzen in einen anderen, leichteren Beutel aus Leinen.

Er holte ein Stück hartes Brot aus seinem ledernen Quersack, wickelte sich in die Decken ein und knabberte an dem trockenen Kanten, wobei er immer wieder gegen die Versuchung ankämpfen musste, so schnell wie möglich sein Versteck zu verlassen. Seit drei Monaten machten ihm die Stille und die Einsamkeit hier in der Kanalisation Angst. Mercurio beugte sich über die Plattform und sah prüfend nach unten auf den feuchten Grund des Abwasserkanals. »Keine Gefahr«, sagte er laut zu sich selbst. Er widmete sich wieder seinem Brot, dann beugte er sich erneut nach vorn und suchte mit den Augen sorgfältig den Boden ab. Schließlich kuschelte er sich noch enger unter den Decken zusammen. »Schlaf jetzt«, befahl er sich. Doch das gelang ihm nicht. In seinen Ohren war auf einmal wieder dieses schreckliche Geräusch wie vor drei Monaten, als das Wasser den Abwasserkanal überschwemmt hatte. Und das Quieken der Ratten, die nach einem Fluchtweg suchten. Abrupt öffnete er die Augen und setzte sich keuchend auf. Er schaute erneut nach unten. Da war kein Wasser. Mittlerweile war gut ein Jahr vergangen, seit er Scavamorto davongelaufen war, aber er hatte sich immer noch nicht an die Einsamkeit gewöhnt. »Mercurio …«, hörte er auf einmal eine Stimme. »Mercurio … bist du da?«

Mit der Fackel in der Hand sprang er von der Plattform. Als er vor dem Eingang seines Verstecks angekommen war, stand er plötzlich Benedetta, Zolfo und Ercole gegenüber. »Was wollt ihr denn hier? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt verschwinden«, fuhr er sie an. Er konnte ihnen nicht sagen, dass er sich freute, sie zu sehen. Solche Dinge auszusprechen war er einfach nicht gewohnt.

»Im Wirtshaus Zu den Dichtern«, begann Benedetta mit Tränen in den Augen, »also, der Wirt dort …«

»… hat uns eine Goldmünze geklaut!«, beendete Zolfo den Satz für sie.

»Was geht mich das an?«, fragte Mercurio unwirsch und schwenkte die Fackel dicht vor seinem Gesicht.

»Wir haben unsere Fische den Bettlern geschenkt«, fuhr Benedetta nun fort. »Wir wollten auch mal so essen wie die reichen Leute … Also sind wir ins Wirtshaus gegangen und haben lauter leckere Sachen beim Wirt bestellt. Als er mich gefragt hat, ob ich auch bezahlen könnte, habe ich ihm eine Goldmünze gezeigt, und er wollte draufbeißen, um zu sehen, ob sie auch echt ist. Und dann hat er zu mir gesagt: ›Die Münze gehört jetzt mir. Ruf doch die Wachen des Heiligen Vaters und zeig mich an, wenn du erklären kannst, woher du dieses Gold hast. Dir sieht man doch schon von Weitem an, dass du eine Diebin bist. Und jetzt verschwinde.‹ Dann lachte er los, und wir haben ihn die ganze Zeit noch lachen hören, während wir wegliefen …«

»So ein verfluchter Schuft!«, rief Zolfo aus.

Mercurio starrte ihn an. »Und was wollt ihr jetzt von mir?«

Benedetta schaute ihn beinahe überrascht an. »Ich …«, stammelte sie.

»Wir …«, sagte Zolfo ebenso unsicher.

Mercurio sah sie schweigend an.

»Du musst uns helfen«, sagte Benedetta schließlich.

»Ja, hilf uns«, schloss sich Zolfo ihr an.

»Und warum sollte ich das tun?«, fragte Mercurio.

Die drei schauten betreten zu Boden. Eine Weile war es still.

»Gehen wir«, sagte Benedetta schließlich. »Wir haben uns wohl geirrt.«

Mercurio sah sie weiter schweigend an. Sie kamen ihm vor wie die wilden Hunde, die er tief in der Nacht durch die Straßen Roms streunen sah. Nichts als Haut und Knochen, ständig wachsam, und beim geringsten Laut stellten sie die Ohren auf und nahmen schon vor einem Schatten Reißaus. Und ebenso wie diese Straßenköter schienen die drei oft die Zähne zu blecken in der Hoffnung, für Raubtiere gehalten zu werden. Dabei hatten sie nur Angst, dass man mit Steinen nach ihnen werfen würde. Mercurio wusste genau, was sie fühlten, denn er hatte oft genug dasselbe empfunden.

»Wartet«, sagte er, als die drei sich zum Gehen wandten. »Wer war denn dieser Wirt, der euch das Goldstück gestohlen hat?«

»Warum interessiert dich das?«, fragte Benedetta.

Mercurio lächelte. Vielleicht hatte er einen Weg gefunden, wie er sie zum Bleiben überreden konnte, ohne sich eine Blöße zu geben. »Mir ist das egal. Aber es wäre schon ein Spaß, sich etwas zu überlegen, um es ihm heimzuzahlen.«

»Darüber müssen wir erst mal nachdenken«, zierte sich Benedetta.

»Kommt mit, ihr könnt heute Nacht hier schlafen!«, sagte Mercurio und ging auf den Eingang zu seinem Unterschlupf zu. »Aber damit das klar ist, ich helfe euch bloß, die Münze wiederzubekommen, danach trennen sich unsere Wege.«

»Ich bin froh, dass du das sagst«, entgegnete Benedetta schnippisch, »ich hab nämlich nicht die geringste Lust, für noch einen Knirps das Kindermädchen zu spielen.«

Mercurio lachte und zeigte auf den Eingang: »Die Damen zuerst.«

Drinnen sperrten die drei Neuankömmlinge verwundert die Augen auf, als sie das Gerüst sahen.

»Was ist denn da hinter dem Vorhang?«, fragte Zolfo.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram«, sagte Mercurio und kletterte die Leiter hoch. »Und vergiss nicht, das hier ist mein Platz.«

»Das ist ein Abwasserkanal, hier stinkt es nach Scheiße. Wer will schon in der Scheiße leben?«, erwiderte Benedetta, während sie ihm hinauffolgte.

»Ich«, erwiderte Mercurio.

»Von mir aus kannst du hier unten auch ersaufen«, murmelte Benedetta.

»Sag das nie wieder!«, herrschte Mercurio sie mit aufgerissenen Augen an.

Benedetta wich erschrocken einen Schritt zurück, sodass die Plattform schwankte. Die beiden anderen waren still.

»Was zum Teufel hat mich da bloß geritten«, knurrte Mercurio, während er sich wieder zu beruhigen versuchte. Er schlüpfte unter eine Decke. Die zweite warf er den anderen zu. »Teilt sie euch, etwas anderes gibt es nicht. Aber bleibt mir vom Leib.«

Benedetta breitete das Stroh aus und zeigte Zolfo und Ercole, wo sie sich ausstrecken konnten. Dann legte sie sich ebenfalls hin. »Machst du die Fackel nicht aus?«, fragte sie Mercurio.

»Nein«, sagte er.

»Hast du etwa Angst vor der Dunkelheit?«, sagte Benedetta und kicherte spöttisch.

Mercurio gab keine Antwort.

»Ercole hat keine Angschd vorm Ddunkeln«, verkündete der Schwachsinnige stolz wie ein kleines Kind.

»Halt’s Maul!«, mahnte ihn Zolfo.

Eine verlegene Stille machte sich breit. Man hörte nur noch das Zischen der Fackel und das hastige Getrappel der Ratten in den Kanälen.

»Ich hasse ihre verfluchten kleinen Dreckspfoten«, sagte Mercurio nach einer Weile, und es klang, als spreche er mehr zu sich selbst. »Vor drei Monaten ist der Fluss plötzlich angeschwollen …«, begann er leise zu erzählen. Der Stille um ihn herum nach zu urteilen hätten die anderen auch schlafen können. Aber das war ihm egal, er musste es einfach loswerden. Zum ersten Mal überhaupt. »Das verdammte Scheißwasser vom Tiber hat die Abwasserkanäle geflutet. Ich wusste nicht, was ich tun sollte … Das Wasser stieg und stieg … Überall waren Ratten, sie quiekten so schrecklich … Dutzende … Hunderte …« Er hielt inne. Seine Kehle war zugeschnürt, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er hatte Angst. Wie damals. Aber er wollte sie sich nicht anmerken lassen.

»Und dann?«, fragte Benedetta leise.

Zolfo drängte sich eng an Ercole.

»Die Ratten strömten zu der Stelle, wo das Wasser hereinlief …«, fuhr Mercurio mit kaum vernehmbarer Stimme fort. »Das war eklig, ich hatte noch nie zuvor so viele auf einem Haufen gesehen … Deshalb bin ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen … zu den entfernten Ablegern der Kanalisation, den verdrecktesten Winkeln unter der Stadt … Und dann … bin ich auf einen anderen armen Kerl gestoßen … einen Säufer. Ich kannte ihn, weil ich ihm immer, wenn er betrunken war, alles geklaut habe, was er besaß … Und er … er hat mich an der Jacke gepackt und mich angeschrien, ich sollte den Ratten folgen. ›Die Ratten‹, rief er, ›die Ratten wissen, wohin man laufen muss. Folge den Ratten.‹ Und ich … ich weiß nicht, warum ich ihm geglaubt habe … Er war doch bloß ein verfluchter Säufer … ›Folge den Ratten!‹, schrie er. Und auch wenn sie mir Angst machten, bin ich den Ratten hinterher … Und ein paar von den Mistviechern sprangen mir auf den Rücken und den Kopf … und dabei quiekten sie so ekelhaft …«

Benedetta erschauderte. Zolfo klammerte sich an Ercole fest.

»Und dann hat das Wasser alles überflutet, und die Ratten sind abgetaucht … Ich habe nichts mehr gesehen, aber als ich unter Wasser geschwommen bin, konnte ich sie spüren … Ich habe sie unter meinen Händen gespürt … Und dann habe ich geglaubt, mir platzen die Lungen …« Mercurio keuchte, als würde er noch einmal die endlosen Momente durchleben, als er keine Luft bekam. »Ich bin am Kanaldeckel angekommen, habe ihn hochgedrückt und bin nach oben geklettert … Ich habe das Ufer erreicht, zusammen mit den Ratten, und dann bin ich dort geblieben, ich wollte auf den Säufer warten … um mich bei ihm zu bedanken. Und es tat mir leid, dass ich ihm so viel abgenommen hatte, diesem Sack, der mir jetzt … na ja, das Leben gerettet hatte. Ich habe den ganzen Tag dort gewartet … aber er kam nicht. Eine Woche später, als der Fluss sich zurückgezogen hatte, bin ich wieder hierhergekommen. Ich habe meine Sachen zusammengesucht, und dabei bin ich wieder in einen der östlichen Ableger geraten …« Mercurio verstummte.

Keiner sprach.

»Und da lag er«, fuhr Mercurio nach einer Weile fort, und seine Stimme war noch leiser geworden. »Er war den Ratten nicht gefolgt, weil er nicht schwimmen konnte. Und so ist er immer tiefer in die Abwasserkanäle gelaufen. Er ist genau dorthin gegangen, wo ich lang wollte, bevor ich ihn getroffen habe. Der Mann war völlig aufgedunsen, seine Zunge war dick und violett angelaufen … seine Augen standen weit auf und waren rot, sie sahen irgendwie aus wie aus Glas … Und seine Hände umklammerten die Gitterstäbe eines Kanaldeckels, der sich nicht geöffnet hatte.«

Jetzt wagten die Kinder nicht einmal mehr zu atmen.

Doch die Erzählung war noch nicht zu Ende. Da war noch etwas, das Mercurio loswerden musste. Ein Bild, das ihn quälte. Er atmete tief durch. »Und die Ratten kamen zurück … und nun waren sie hungrig …«

Schweigen machte sich breit.

Und in dieser Stille hörte man plötzlich jemanden sagen: »Jetzt hat Ercole doch Angschd vorm Ddunkeln.«

3

Zur neunten Stunde drehte das Schiff bei.

Die Mannschaft bestand zum Großteil aus Makedoniern. Die dunklen Gesichter, von Salz und Kälte gegerbt, waren von tiefen Falten durchzogen. An einigen Stellen auf der braunen Haut, mitunter auch zwischen den schwarzen, strähnigen Haaren, waren erhabene Male zu sehen, die an zerquetschte Erdbeeren erinnerten. Und wenn einige der Männer beim Sprechen das Zahnfleisch entblößten, rann ihnen das mit Speichel vermischte Blut wie hellroter Saft über die gelben Zähne, die wegen der Krankheit, die erfahrene Reisende der Weltmeere unter dem Namen Skorbut kannten, bereits wackelten. Es gab zahlreiche Methoden, mit denen man sie zu bekämpfen versuchte. Aber bis vor wenigen Jahren waren die Seeleute überzeugt gewesen, das einzige wirksame Gegenmittel wäre ein besonderes Amulett: der Qalonimus.

Eine alte Legende erzählte von einer Heiligen, derer sich ein barmherziger Arzt angenommen hatte, nachdem sie von Heiden gemartert worden war. Er hatte sie bis zu ihrem Tod begleitet und kurz vor ihrem Ableben ihren letzten Willen erfahren. Die Heilige hatte gebeten, dass man ihre Gebeine in die Heimat überführen sollte, um sie dort in Würde zu bestatten. Aber weil sie befürchtete, der Skorbut würde die Seeleute umbringen, denen man ihre sterblichen Überreste anvertraute, hatte sie vor ihrem Tod dem barmherzigen Arzt die Rezeptur einer wundersamen Kräutermischung anvertraut und ihn wissen lassen, dass jene Seeleute, die sich ein Amulett mit diesen Kräutern umhängen würden, vor der Krankheit Skorbut geschützt wären, ganz gleich, welchem Glauben sie angehörten. Die Legende hatte den Namen der Heiligen nicht überliefert, aber den des Arztes. Dieser hieß Qalonimus, und so wurde das Amulett nach ihm benannt.

Kaum jemand wusste, dass die Legende keinesfalls aus alter Zeit stammte, sondern erst vor etwa zwanzig Jahren erdacht worden war. So wie auch kaum einer wusste, dass es weder die Heilige noch den Arzt je gegeben hatte. Das wusste nur ihr fantasievoller Erfinder, der reich damit geworden war, dass er den abergläubischen Seeleuten ein Amulett verkaufte, das allein seinem erfinderischen Geist entsprungen war und aus einer simplen Mischung übelriechender Kräuter und einer Eisenplatte in einem Ledersäckchen bestand. Und seit einer Woche wusste auch seine fünfzehnjährige Tochter davon, die von dem Betrüger die Wahrheit erfahren hatte.

Der Name des Betrügers, der sich als Nachfahre des Arztes aus der Legende ausgab, die er selbst erfunden hatte, war Yits’aq Qalonimus di Negroponte, und seine Tochter hieß Yeoudith.

Und in diesem Moment standen Vater und Tochter Hand in Hand auf dem Oberdeck der Galeere und warteten angespannt darauf, vom Kapitän der makedonischen Mannschaft verabschiedet zu werden, die sie von der ehemals venezianischen Insel Negroponte in der Ägäis bis hierher in den Teil der Adria gegenüber des Po-Deltas gebracht hatte, wo das Wasser nicht allzu tief und nicht allzu salzig war.

»Hier endet Eure Reise«, verkündete der Kapitän. »Ihr kennt das venezianische Gesetz. Juden dürfen nicht per Schiff in den Hafen einfahren.«

Der Betrüger verneigte sich ehrerbietig. »Vielen Dank, Ihr habt mehr getan, als ich erwarten durfte.«

»Euer Ruf verdient all unseren Respekt«, erwiderte der Kapitän, der nicht gerade vertrauenserweckend wirkte.

Yits’aq wusste nur zu gut, dass der Kapitän log. Er schaute zu der versammelten Mannschaft hinüber. Jeder einzelne dieser Seeleute wartete sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie das Schiff verlassen würden.

Der Kapitän gab zweien seiner Männer ein Zeichen, die daraufhin eine Schaluppe hinunterließen. Die hölzernen Rollen der Taue ächzten und hinterließen einen leichten Geruch nach verbranntem Öl in der Luft. »Ab … ab …«, kommandierte der Bootsmann und überwachte an der Reling, dass die Schaluppe für vier Ruderer und einen Steuermann sicher zu Wasser gelassen wurde.

»Meine Männer werden Euch über diesen Flussarm ans Ufer bringen«, erklärte der Kapitän und zeigte auf einen breiten, mit Röhricht bewachsenen Küstenstreifen. »Ihr befindet Euch ganz in der Nähe der alten Stadt Adria. Ein wenig außerhalb gibt es ein Gasthaus, wo Ihr die Nacht verbringen könnt. Danach haltet Euch Richtung Nordosten. Dort liegt Venedig.«

»Meine Tochter und ich sind Euch zu lebenslangem Dank verpflichtet«, sagte Yits’aq Qalonimus di Negroponte feierlich. Dann richtete er seinen Blick auf drei große Truhen, die in der Nähe der Kapitänskajüte standen und mit dicken Ketten und Schlössern gesichert waren.

»Eure Habe wird zu Asher Meshullam in sein Haus in San Polo geliefert werden, so wie Ihr es angeordnet habt«, versicherte der Kapitän. »Nur keine Sorge.«

»Ich vertraue Euch blind«, erwiderte Yits’aq, wobei er allerdings weiter die drei Truhen anstarrte, als ob er sich nicht von ihnen trennen wollte. Dann schaute er zu den Seeleuten hinüber und bemerkte ihre gierigen Blicke. Und er sah wieder zum Kapitän, dessen fahrige Bewegungen seine Ungeduld verrieten. »Ich vertraue Euch …«, wiederholte er, aber es klang weniger wie eine Bestätigung als vielmehr wie eine Frage. Oder eine flehentliche Bitte.

Der Kapitän wollte lächeln, aber seine Miene geriet eher zu einem nervösen Grinsen. »Geht … sonst werdet Ihr unterwegs noch von der Dunkelheit überrascht. Und die Welt ist voll schlechter Menschen.«

»Ja«, sagte Yits’aq nickend, ehe er schicksalsergeben den Kopf senkte. Dann schob er seine Tochter zu der Strickleiter, die die Seeleute hinabgelassen hatten. »Gehen wir, mein Kind.«

In dem Moment löste sich ein alter Seemann, der vom Skorbut gezeichnet war, aus der Mannschaft und warf sich Yits’aq zu Füßen. »Berührt den Qalonimus, oh Herr, damit ich von dem Übel geheilt werde«, flehte er.

Der Kapitän versetzte dem Alten einen heftigen Fußtritt und knurrte verärgert: »Verfluchter Dummkopf.« Dann wandte er sich zu Yits’aq und versuchte, den Vorfall herunterzuspielen. »Ihr müsst gehen …«

»Gestattet, Kapitän. Es dauert nur einen Augenblick«, sagte Yits’aq. Er beugte sich über den Mann und musterte seine Zähne, das Zahnfleisch und die blutunterlaufenen Stellen am Hals. »Du glaubst noch an den Qalonimus?«, fragte er ihn erstaunt.

»Aber gewiss, Herr«, sagte der alte Seemann.

»Sehr gut«, seufzte der Betrüger und dachte mit Wehmut an die alten Zeiten, als noch jeder Seemann Italiens auf die wundersamen Kräfte des Qalonimus vertraute und drei Silbersoldi dafür bezahlte, ihn um den Hals zu tragen.

»Berührt den Qalonimus, ehrwürdiger Herr«, sagte der Alte noch einmal.

Durch die Mannschaft ging ein ungeduldiger Ruck, der sich von einem zum anderen übertrug, aber niemand sagte etwas.

Yits’aq Qalonimus di Negroponte beugte sich über den Seemann und nahm das Amulett in die Hand, das ihn vor Jahren reich gemacht hatte. Durch die große, schmiedeeiserne Platte wog es schwer in seiner Hand. Sonst war das Ledersäckchen nur mit einfachen Wiesenkräutern gefüllt, die hinter seinem Haus wuchsen und die eine alte, inzwischen verstorbene Frau für ein paar Münzen in den Beutel eingenäht hatte. Yits’aq schloss die Augen und murmelte leise: »Im Namen der Heiligen, deren Name verloren gegangen ist, und kraft meines Blutes, dasselbe, das einst durch die Adern meines wundertätigen Vorfahren, des Arztes Qalonimus, floss, übertrage ich diesem wundersamen Heilmittel neue Wirkungskraft.« Dann öffnete er die Augen, ließ das Amulett los und legte beide Hände auf den Kopf des Seemanns. »Nimm hier meine berakhah«, sagte er feierlich. »Du bist gesegnet und gerettet.« Dann wandte er sich zu seiner Tochter um, ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen, halb verlegen und halb verschwörerisch, da sie jetzt ja Bescheid wusste, und sagte zu ihr: »Los, gehen wir.«

Yeoudith hängte sich die Tasche um, die sie sich selbst aus einem farbenfrohen persischen kelim cicim genäht hatte, raffte den Rock bis zu den Knien, wodurch sie die Blicke der gesamten Mannschaft auf ihre hübschen Beine zog, und stieg die Strickleiter hinunter, die an der Längsseite der Galeere baumelte. Mit einem geschickten Sprung landete sie in der Schaluppe. Ihr Vater verabschiedete sich noch einmal vom Kapitän und folgte ihr.

»Fertig – los«, rief der Steuermann, und die Seeleute ließen gleichzeitig ihre Ruder ins Wasser sinken. Die Schaluppe bewegte sich zunächst nur langsam, während die Hölzer in den Dollen ächzten, wenig später gewann sie an Geschwindigkeit und glitt schnell über das Wasser, dem trägen Fluss entgegen.

Yeoudith schaute zu der Galeere zurück und sah, wie sich der Kapitän und die Mannschaft auf die wertvollen Truhen stürzten. Besorgt wandte sie sich an ihren Vater.

»Ich weiß, mein Kind. Die Heuschrecken fallen bereits über ihre Beute her«, sagte Yits’aq leise, sodass die Ruderer ihn nicht hören konnten.

»Aber unsere Sachen …?«, sagte Yeoudith beunruhigt.

Der Vater nahm sanft ihren Kopf in die Hände und drehte ihn in Richtung der Flussmündung. »Schau nach vorn«, sagte er zu ihr.

Yeoudith begriff nicht gleich. Vielmehr verspürte sie eine große Beklemmung in der Brust, über der sich seit einem Jahr das Gewand leicht spannte. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sich gegen diese Ungerechtigkeit auflehnen. »Das sind Diebe, Vater«, flüsterte sie aufgeregt.

»Ja, mein Schatz«, erwiderte Yits’aq ruhig.

Yeoudith versuchte, sich aus der Umarmung ihres Vaters zu befreien. »Wie kannst du so etwas einfach hinnehmen?«, zischte sie.

Yits’aq hielt sie gewaltsam zurück. »Jetzt hör auf damit!«, befahl er ihr streng.

»Aber Vater …«

»Hör auf, habe ich gesagt.« Er betrachtete sie. Ihre Augen waren schwarz wie die Nacht.

Yeoudith versuchte wieder, sich loszumachen, aber ihr Vater hielt sie so unerbittlich fest, dass er ihr beinahe wehtat.

Die Schaluppe verließ nun das offene Meer und bog in die Pomündung ein. Sanft überwand sie die leichte Welle, wo Salzwasser auf Süßwasser traf.

Der Fluss erstreckte sich nun vor ihnen, so verheißungsvoll und geheimnisumwoben wie ihre Zukunft. Die Uferdämme, an denen sich der Schilfrohrsumpf ausbreitete, waren schlammig und unregelmäßig. Als sie näher herankamen, flog ein Vogel mit langem, schlankem Hals auf. Ein flaches Boot mit einigen ausgemergelten Fischern an Bord, das mittels einer langen Stange vorwärtsgestoßen wurde, zog Netze hinter sich her. Und im Röhricht konnte man eine Fischerhütte erkennen, die jemand grob aus Pfosten, Stroh und Schilf zusammengebaut hatte.

Die Sonne ging schnell unter und tauchte die Landschaft in flammende Rottöne. Vom Fluss stieg Nebel auf, der jedoch wegen der Kälte niedrig über dem Wasser hing.

Erst dann sagte Yits’aq, nachdem er sich schnell nach der Galeere umgedreht hatte, mit gleichmütig klingender Stimme: »Die Schlösser und Ketten haben lang genug gehalten, ihr blöden Dreckskerle.«

Yeoudith spürte, wie der Griff ihres Vaters nachließ. Dann drehte auch sie sich zu der Galeere um und sah, wie der Kapitän, inzwischen kaum mehr als ein schwarzer Punkt, zu ihnen herüberwinkte und versuchte, die Aufmerksamkeit der Ruderer und des Steuermanns zu erregen. Hinter ihm fuchtelten wie ein vielarmiger Krake auch die anderen Seeleute, und vielleicht schrien sie wie er, doch sie waren außer Hörweite. Verwirrt schaute Yeoudith ihren Vater an.

Ohne das Gesicht zu verziehen, sagte Yits’aq auf seine trockene Art: »Es tut mir nur leid, dass ich diesen dummen Piraten drei so schöne Truhen überlassen musste.« Er seufzte. »Und dazu all die wertvollen Steine unserer Insel …«

»Steine …?«

»Was glaubst du denn? Hätte ich die Truhen vielleicht lieber mit Gold und Silber füllen sollen?« Er verstummte und zog sie wieder zu sich heran.

Yeoudith betrachtete das Profil ihres Vaters mit der edlen, schlanken Hakennase und dem fliehenden Kinn, auf dem sich ein kleiner Spitzbart kräuselte. Die Welt von Yits’aq Qalonimus di Negroponte war weitaus komplizierter, als sie es sich vorgestellt hatte. Aber dieser starke, warme Griff genügte, damit sie sich sicher fühlte. Auch wenn sie in den letzten Tagen erfahren hatte, dass er ein Scharlatan und ein Betrüger war. Sie runzelte die dichten, pechschwarzen Augenbrauen, ließ den Kopf sinken und lehnte ihn gegen die Schulter ihres Vaters.

Ihr altes Leben war Vergangenheit, und nun begann ein neues. Mit neuen Regeln.

»Steine«, wiederholte sie und lachte leise.

4

Man hatte sie auf einem schiefen, im Wasser schwankenden Steg ausgesetzt. Der Steuermann hatte mit dem Arm nach Nordosten gewiesen und dazu in holprigem Italienisch gesagt: »Da Stadt Venedig.« Während die Matrosen sich in der Schaluppe entfernten, hatte der Steuermann sich noch einmal nach ihnen umgedreht, ein zweites Mal nach Nordosten gedeutet und gerufen: »Da Straße. Zwei Meilen. Wirtshaus Zum Bären.« Schließlich hatte er sich noch ein paarmal auf den Kopf geschlagen und gebrüllt: »Gelber Hut! Juden!«

Yits’aq und Yeoudith blieben auf dem Steg stehen und sahen zu, wie die Schaluppe im Nebel verschwand. Nun waren sie allein. Allein in einer unbekannten Welt. Yits’aq deutete mit dem Arm nach Nordosten und sagte mit übertriebenem Akzent: »Da Stadt Venedig.«

Yeoudith lachte zwar, wirkte jedoch einigermaßen verloren.

»Ribono Shel Olam, der Herr des Universums, beschützt uns im Schatten seiner Flügel«, sagte Yits’aq. »Sorge dich nicht.«

Jetzt richtete Yeoudith den Arm nach Nordosten und wiederholte: »Wirtshaus Zum Bären. Hunger.«

Yits’aq lächelte sie traurig an: »Es tut mir leid, Liebes, aber wir können nicht dorthin gehen.«

»Aber … warum denn nicht?«

»Der Kapitän wird nicht gerade glücklich über den Scherz mit den Steinen sein«, erklärte Yits’aq. »Ich habe alles darangesetzt, dass sich die Männer auf die Truhen konzentrieren, damit sie nicht plötzlich auf den Gedanken kämen, uns die Kehle durchzuschneiden. Sie sollten glauben, sie hielten einen Schatz in den Händen, und deshalb lohnte es sich für sie nicht, den Galgen zu riskieren. Verstehst du, was ich meine?«

»Nein …« Yeoudiths Stimme klang dünn, und sie sah das Gesicht des Vaters durch einen Schleier von mühsam zurückgehaltenen Tränen.

Yits’aq umarmte sie und sagte: »Liebes, sie könnten sich entschließen, das Schiff zu verlassen und in dem Wirtshaus nach uns zu suchen, um uns für den Streich büßen zu lassen. Und diesen Triumph wollen wir doch einer Horde stinkender Makedonier nicht gönnen, oder?«

Nun konnte Yeoudith ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und schüttelte weinend den Kopf: »Nein …«

»Gut«, sagte Yits’aq. »Und deshalb gehen wir dorthin, wo sie nicht nach uns suchen werden.«

»Und wohin gehen wir?«

»Wir entfernen uns von Venedig.«

»Aber …«

»Und in ein paar Tagen werden wir umkehren. Dieser Umweg ist unserer Gesundheit mit Sicherheit zuträglicher, meinst du nicht?«

Yeoudith nickte und vergrub ihr Gesicht an der Schulter des Vaters. Sie zog die Nase hoch.

»Rotzt du mir etwa mein Hemd voll?«, fragte Yits’aq vorwurfsvoll.

Yeoudith rückte sofort von ihm ab. »Vater! Wie widerlich! So was sagt man nicht zu einer Frau! Du hättest besser einen Sohn haben sollen!«

»Hast du mich nun vollgerotzt oder nicht?«

»Nein!«

»Nein?«

»Nein!«

»Soll ich nachsehen?«

»Vater!«, rief sie empört, und auf ihrem verängstigten Gesicht erschien ein schüchternes Lächeln.

»Komm schon her«, sagte Yits’aq.

»Nein …« Trotzdem näherte sich Yeoudith zögernd, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Yits’aq holte etwas aus seinem samtenen Beutel und reichte es seiner Tochter. »Du hast es ja gehört.« Er schlug sich zwei Mal mit der Hand auf den Kopf. »Gelber Hut. Juden.« Dann setzte er sich mit geradezu feierlicher Miene seine Kopfbedeckung auf und wartete darauf, dass seine Tochter es ihm gleichtat. »Von diesem Moment an sind wir ganz offiziell europäische Juden. Und von jetzt an heiße ich Isacco di Negroponte und du Giuditta.«

»Giuditta …«

»Das klingt gut.«

»Ja …«

»Du siehst sogar noch mit diesem lächerlichen Hut hübsch aus.«

Giuditta errötete.

»Oh nein, jetzt lass dir das bloß nicht zu Kopf steigen, das konnte ich an Frauen noch nie leiden«, sagte Isacco ruppig.

Giuditta sah ihren Vater an und versuchte zu ergründen, ob er sich einen Scherz mit ihr erlaubt hatte.

»Das war kein Scherz.«

Giuditta wurde wieder rot. »Verzeih mir, das wollte ich nicht«, sagte sie hastig.

Isacco gab daraufhin so etwas wie ein Grunzen von sich und verdrehte die Augen zum Himmel. Dann deutete er auf einen schmalen, sumpfigen Pfad, der gen Westen führte. »Der wird uns schon irgendwohin bringen.« Doch vorher hinterließ er absichtlich Fußspuren auf dem Weg, der zum Wirtshaus Zum Bären führte. Dann kehrte er über den Grassaum des Weges zu ihr zurück. »Die Männer werden wahrscheinlich so betrunken und wütend sein, dass sie das gar nicht bemerken. Aber es ist immer besser, gründlich zu sein, merk dir das.«

»Wo hast du denn so etwas gelernt, Papa?«, fragte Giuditta.

»Du musst nicht alles wissen«, antwortete Isacco verlegen. Ohne einen Fuß auf den schlammigen Pfad zu setzen, wandte er sich nach Westen. »Bleib direkt hinter mir. Wir werden eine Weile hier im Schilf laufen, um keine …«

Da hörte er hinter sich ein dumpfes Platschen, gefolgt von einem unterdrückten Klagelaut.

Isacco drehte sich um.

Giuditta war gestolpert und mit dem linken Bein eingesunken.

»Ach zum Donnerwetter, du bist wirklich eine Landplage!«, fluchte Isacco. Er packte sie energisch, hob sie hoch und setzte sie auf sicherem Untergrund ab. »Hör zu …«, fügte er hinzu, da er sein unbeherrschtes Auffahren bereute. »Das eben … war bloß ein Scherz.«

»Tut mir leid, dass ich nicht darüber lachen kann«, erwiderte Giuditta trotzig. »Können wir jetzt weiter?«

Obwohl er wegen ihrer frechen Antwort innerlich schon wieder kochte, drehte Isacco sich um und setzte den Weg zunächst fort, blieb jedoch nach wenigen Schritten stehen. Hochrot im Gesicht, durch die Nasenlöcher schnaubend wie ein wütender Stier, wandte er sich seiner Tochter zu. »Na gut!«, polterte er. »Das war kein Scherz! Zufrieden?«

Giuditta sah ihn schweigend an. Sie versuchte, ihr Gesicht zu wahren, doch ihr Vater bemerkte die Furcht in ihren Augen.

Wie sehr sie doch ihrer Mutter ähnelt, dachte Isacco und bedauerte einmal mehr, dass Giuditta sie nie kennengelernt hatte. »Hör zu, es tut mir leid«, sagte er dann. »Ich weiß einfach nicht so genau, wie man mit einer Tochter umgeht. Ich hätte dich selbst großziehen sollen, aber das habe ich nicht getan. So ist es nun mal. Wollen wir unseren Streit jetzt begraben?«

Giuditta hob wortlos eine Braue.

»Bedeutet das Ja oder Nein?«

Giuditta zuckte die Achseln. »Ja.«

»Gut«, knurrte Isacco, den zunehmend das schlechte Gewissen plagte. Er wandte sich wieder zum Gehen um. »Und pass auf, wo du hintrittst«, sagte er barsch. »Ich meine …«, verbesserte er sich sogleich und biss sich auf die Lippen wegen seines rüden Tons, »versuch einfach hinter mir zu bleiben.« Er atmete einmal tief durch. »Also, ich meinte eigentlich … wenn es geht … Na ja, du hast mich schon verstanden, oder?«

Giuditta antwortete nicht.

Isacco drehte sich um.

»Hast du mich verstanden?«

»Ja.«

Sie gingen mehr als eine Meile, ohne dass einer von ihnen ein Wort sagte. Dann verbreiterte sich der Pfad zu einer nicht minder sumpfigen kleinen Straße. Langsam neigte sich die bleiche, vom Nebel verschleierte Sonne dem Horizont entgegen.

Die ganze Zeit über hatte Giuditta nur an eine einzige Frage gedacht, die ihr seit Langem auf der Seele brannte. Eine Frage, die sie im Geiste schon viele Dutzend Male gestellt hatte, seit sie ein kleines Mädchen war.

»Vater …«

Bis jetzt hatte sie nie den Mut gefunden, sie laut auszusprechen.

»Ja?«

Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie ihm diese Frage schon hatte stellen wollen. Aber sie hatte immer Angst gehabt. Angst vor der Antwort. Und Angst davor, das bisschen zu verlieren, was ihr geblieben war.

»Vater …«

»Komm schon, was willst du?«, fragte Isacco auf seine schroffe Art.

Giuditta sah sich um, sah auf diese unbekannte Welt, die ihnen ein neues Leben versprach. Sah auf den Rücken ihres Vaters, der vor ihr herlief. Er war nicht allein fortgegangen, nein, dieses Mal hatte er sie mitgenommen. Giuditta holte tief Luft. Sie fühlte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug.

»Vater, ich muss etwas wissen«, sagte sie dann, mit geschlossenen Augen und zittriger Stimme. Schnell sprach sie weiter, ehe die Angst sie überwältigen konnte: »Bist du böse auf mich, weil ich meine Mutter getötet habe? Ist das der Grund, warum ich bei meiner Großmutter aufgewachsen bin und dich nie gesehen habe?«

Isacco hatte sich gerade zu ihr umdrehen wollen, aber diese Frage traf ihn unvorbereitet. Er krümmte den Rücken wie unter einem heftigen Schlag. Ihm fehlte die Kraft, sich seiner Tochter zuzuwenden, seine Kehle war wie zugeschnürt. »Gehen wir weiter«, brachte Isacco mühsam heraus. »Bald wird es dunkel sein und … Komm schon, lass uns weitergehen.« Er machte ein paar Schritte, dann fing er an, mit heiserer Stimme zu sprechen, allerdings immer noch, ohne seine Tochter anzusehen, die ihm mit gesenktem Kopf folgte. »Deine Mutter … ist im Kindbett gestorben. Nicht du hast sie getötet. Das ist … ein gewaltiger Unterschied … Und ich hoffe, du kannst das tief in deinem Innern begreifen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass … Ich war nie da, weil … Na ja, mein Leben war nicht gerade … Also, ich hab dir ja davon erzählt, ein wenig jedenfalls … Aber du bist nicht bei deiner Großmutter aufgewachsen, weil ich dich nicht sehen wollte, sondern weil ich ihr vertraut habe … und weil du … du …« Isacco brach ab. Er spürte seine Tochter hinter sich und war sich bewusst, dass sie den Atem anhielt. Erst jetzt sah er sie, die er immer für so unabhängig gehalten hatte, als das, was sie wirklich war: ein kleines Mädchen, das mit dem Gedanken aufgewachsen war, sein Vater würde es hassen. »Ich weiß nicht, wie ich so dumm sein konnte …«, sagte er leise und tat nur einen halben Schritt. »Ich weiß es wirklich nicht!«, schrie er dann beinahe und blieb abrupt stehen.

Giuditta hinter ihm hielt ebenfalls inne und streckte, um nicht auf ihn zu prallen, eine Hand aus, mit der sie sich an seiner Schulter abstützte. Als sie merkte, wie Isacco unter ihrer Berührung zusammenschrak, zog sie die Hand hastig wieder weg, als würde der Rücken ihres Vaters glühen, und flüsterte: »Verzeih mir.«

»Nicht doch …«, sagte Isacco.

Beide blieben reglos stehen. Isacco war immer noch unfähig, sich umzuwenden.

»Ich habe dir doch erzählt, dass mein Vater Arzt war …«, hob Isacco schließlich an in dem Wissen, dass ihn dieses Gespräch mit einem Schmerz konfrontieren würde, dem er sich nicht hatte stellen wollen. »Ein guter Arzt war er, der beste auf der Insel Negroponte. Der Leibarzt des venezianischen Gesandten … oder besser gesagt des Bailo, denn so wurde er dort genannt. Ich habe diese glorreichen Zeiten ja nie erlebt … schließlich wurde ich erst 1470 geboren, als die Türken die Insel eroberten und die Venezianer vertrieben. Mein Vater wurde nicht getötet. Die Türken gestatteten ihm sogar, weiter als Arzt zu arbeiten, aber nur im Inneren der Insel, wo die armen Leute lebten, zumeist Hirten. Und er passte sich den Umständen an … während er innerlich vom Groll und der Sehnsucht nach seinem früheren Leben vergiftet wurde. Er war der stolzeste, arroganteste Mann und der größte Sturkopf, den es je gegeben hat …« Isacco hielt inne. »Erinnert dich das nicht an jemanden, den du kennst?« Und im Gedanken an sich selbst lächelte er traurig.

Schüchtern streckte Giuditta die Hand nach dem Rücken ihres Vaters aus. »Nein.«

Isacco war gerührt, und er fühlte, wie sich die Wärme von der Stelle, auf die Giuditta ihre Hand gelegt hatte, in ihm ausbreitete. »Jahrelang ließ er meine Mutter und meine drei Brüder in einer heruntergekommenen Hütte wohnen, zusammen mit zwei Ziegen, die uns ihre Milch gaben. Die Leute, die er heilte, hatten nichts, um ihn zu bezahlen. Am Abend sprach er immer nur von Venedig, von all dem Gold dort, der überlegenen Kultur, von Brokatstoffen und kostbaren Gewürzen. Er lehrte uns auch, Venezianisch zu sprechen … dieser verdammte Idiot. Er zog nun Zähne, schnitt Abszesse heraus, brachte Kinder und Lämmer zur Welt, kastrierte Vieh und amputierte den Menschen entzündete Gliedmaßen. Er wurde praktisch ein Barbier, ein Feldscher. Er, der berühmte Arzt des Gesandten von Venedig. Und er nahm mich mit … weil er sagte, ich sei der einzige seiner Söhne, der sich nicht vor dem Anblick von Blut fürchtete. Und dann fügte er verächtlich hinzu … Dieser verdammte Bastard, er sagte immer denselben Satz, und zwar zu jedem Patienten, den er behandelte: ›Mein Sohn hier fürchtet sich nicht vor Blut, weil er kein Gewissen hat.‹ Und weißt du auch, warum? Weil er herausgefunden hatte, dass ich versuchte, so gut wie möglich durchzukommen, und mich am Hafen herumtrieb, wo ich Essen für meine Mutter holte, es manchmal auch stahl, weil sie immer schwächer wurde. Er dagegen ging nie einen Kompromiss ein. Der vornehme Herr Doktor, Arzt des Gesandten von Venedig … dieser verdammte Bastard …«

Giuditta kam noch näher an ihn heran, schlang von hinten ihre Arme um ihn und lehnte ihren Kopf an den knochigen Rücken des Vaters.

Isacco presste die Lippen zusammen und runzelte die Augenbrauen in dem Versuch, die Tränen der Wut zurückzuhalten, die unbedingt hinauswollten. »Eines Tages bin ich dann gegangen. Da war ich schon dreißig Jahre alt und hatte gerade die Legende von der Heiligen und dem Qalonimus erfunden. Und ich bin deiner Mutter begegnet. Ein Vater wie mein eigener hatte sie aus dem Haus getrieben. Sie war die einzige Frau, die ich in meinem ganzen Leben verstanden habe, kannst du dir das vorstellen? Vielleicht verstand ich sie so gut, weil ich wusste, was in ihr vorging. Und ein Jahr später sollte sie unsere Tochter zur Welt bringen … dich. Aber etwas lief falsch bei der Geburt. Die Hebamme …« Isacco sank in sich zusammen. »Oh Herr des Universums, hilf mir, das zu ertragen!«

Giuditta hielt ihn fest in ihren Armen und ging mit ihm in die Knie.

»Wie sollte denn ein unschuldiges Neugeborenes die eigene Mutter töten?«, sagte Isacco mit gebrochener Stimme. »Nicht einmal, wenn es das wollte. Wie kommst du nur auf so etwas, mein Kind? Ich dagegen … ich habe ihr nicht helfen können … obwohl ich glaubte, ich hätte alles von diesem verdammten großartigen Leibarzt des Gesandten gelernt … Ich bin für ihren Tod verantwortlich. Wenn jemand dafür verantwortlich ist … dann ich …« Isacco richtete sich auf und fand nun endlich die Kraft, sich seiner Tochter zuzuwenden. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Ich habe mir selbst eingeredet, ich wäre immer unterwegs und nie zu Hause, weil ich ein so schweres Leben hatte …« Isacco lächelte wehmütig. »Das habe ich dir auch gerade eben noch gesagt …« Er zog Giuditta an sich, denn er hielt ihrem Blick nicht lange stand. »Ich war nur selten zu Hause, weil ich mich dir gegenüber schuldig fühlte … weil ich dir deine Mutter genommen hatte … weil ich nicht in der Lage gewesen war, mich um dich zu kümmern …«

Schweigend umarmten sie einander.

»Vater …«

»Schschsch … sag jetzt nichts, mein kleines Mädchen.«

Sie hielten einander schweigend umfangen, Isacco versunken in seinen Schmerz und die Schuldgefühle, die er zum ersten Mal zugeben konnte, und Giuditta vertieft in die Gedanken an ihren Vater, der so anders war, als sie immer geglaubt hatte. Weil er ein Scharlatan und Betrüger war. Und weil er sie nicht für den Tod ihrer Mutter verantwortlich machte.

»Vater …«, versuchte es Giuditta nach einer langen Weile wieder.

»Schschsch … du musst nichts sagen.«

»Doch, das muss ich, Vater.«

»Dann tu es.«

»Die Mücken hier fressen mich bei lebendigem Leib auf.«

Isacco löste sich aus der Umarmung. »Du siehst aus wie deine Mutter, aber ansonsten bist du wie ich«, sagte er und sah sie lächelnd an. Dann umarmte er sie noch einmal und sagte: »Los, gehen wir. Wir benehmen uns wie zwei Mädchen.«

»Aber ich bin doch eins!«

»Ach, stimmt ja!«, sagte Isacco, lachte wieder und drückte ihr den gelben Hut in die Stirn. »Gib Acht, wo du hintrittst, Landplage.«

Die Sonne war gerade untergegangen, als sie ein niedriges Bauernhaus entdeckten, aus dessen Schornstein dichter Rauch aufstieg. Auf der Vorderseite prangte das grobe, rissige Bild eines Aals, der eher wie ein Meeresungeheuer aussah. Die Tür des Hauses war geschlossen.

Isacco blieb stehen und sah Giuditta an. »Glaub mir, ich würde dich für keinen Sohn dieser Welt eintauschen«, sagte er unvermittelt.

Giuditta errötete.

»Oh nein, nicht schon wieder!«, rief Isacco aus.

Giuditta errötete noch tiefer.

»Ich weiß nicht, ob ich das aushalte«, brummte Isacco.

Aus der Ferne läutete es zur Vesper.

Nun komm, lass uns hineingehen.« Isacco klopfte und öffnete die Tür.

Vater und Tochter wurden von einem angenehm lauen Luftzug empfangen. Drinnen roch es nach Essen und Stall. Der große Raum, den sie betreten hatten, war zur Hälfte für die Gäste bestimmt, die andere, durch eine niedrige Mauer und ein Holzgatter abgetrennte Hälfte wurde als Stall genutzt, in dem zwei Milchkühe und ein Esel standen. Die Decke hing bedrückend tief über ihnen, und es gab nur winzige Fensteröffnungen. Auf dem langen, aus groben Brettern gezimmerten Tisch in der Mitte des Zimmers erhellte eine Öllampe aus minderwertigem Metall den Raum. Sie bestand nur aus einem Behältnis, das als Tank diente, und einem Docht, der zwischen zwei längst trüb gewordenen Quecksilberspiegeln brannte. Weiter hinten brannte eine größere, aber genauso schlichte Lampe, die von einem Deckenbalken herabhing. Der übrige Teil des großen Raumes lag praktisch im Dunkeln.

An dem Tisch saßen zwei Gäste, die mit leerem Blick auf den Weinkrug starrten, der vor ihnen stand. Sie drehten sich zu den Neuankömmlingen um, und das schien sie so weit zu beleben, dass sie einen weiteren Schluck aus ihren Tonbechern nahmen. Dann starrten sie wieder dumpf vor sich hin. Einem der beiden fielen beinahe die Augen zu, und sein Kopf sank schwer herunter.

»Guten Abend, gute Leute«, sagte Isacco laut, um die Aufmerksamkeit des Wirts zu erregen, wo auch immer der sich aufhalten mochte.

Aus dem oberen Stockwerk hörte er ein Stöhnen, das immer lauter wurde, um schließlich in einem Schrei zu enden. Eine Kinderstimme. Kurz darauf verstummte der Schrei.

»Guten Abend, gute Leute«, wiederholte Isacco in Richtung des oberen Stockwerks.