Inkubus - Luca Di Fulvio - E-Book

Inkubus E-Book

Luca Di Fulvio

3,7
6,99 €

oder
Beschreibung

Eine Serie von bestialischen Ritualmorden. Kommissar Amaldi tappt im Dunkeln, bis er den Müßiggänger Luz kennenlernt. Anscheinend kannte Luz die Opfer persönlich - aus seiner Kindheit, die er im Waisenhaus verbracht hat. Luz birgt ein qualvolles Geheimnis, denn er war nicht nur mit den Opfern bekannt. Offenbar weiß er auch, wer ihr Mörder ist ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 497




Inhalt

CoverInhaltÜber den AutorTitelImpressumWidmungVorspannZitatKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VKapitel VIKapitel VIIKapitel VIIIKapitel IXKapitel XKapitel XIKapitel XIIKapitel XIIIKapitel XIVKapitel XVKapitel XVIKapitel XVIIKapitel XVIIIKapitel XIXKapitel XXKapitel XXIKapitel XXIIKapitel XXIIIDanksagung

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet in Rom, wo er als freier Schriftsteller arbeitet.

Luca Di Fulvio

Inkubus

Thriller

Aus dem Italienischen vonKatharina Schmidt und Barbara Neeb

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © by 2002 Gruppo Mursia Editore S.p.A., Milano

Titel der englischen Originalausgabe: »Dover Beach«

Originalverlag: Gruppo Mursia Editore S.p.A., Milano.

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2010/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-0708-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Sam, meinen Zauberer,

und für das Kind, das ein Zauberer sein wollte

Jeglicher Bezug zu realen Vorkommnissen und Personen ist rein zufällig.

Mein Herz, lass uns doch

treu zusammenhalten! Die Welt scheint dort

vor uns zu liegen wie ein Feld aus Träumen,

voll Vielfalt, strahlend hell und neu.

In Wahrheit schenkt sie Freude nicht,

noch Schönheit oder Liebe.

Nicht Frieden oder Sicherheit und Hilfe

nicht dem Schmerzgebeugten.

Und wir verharren hier in einer Welt aus Dunkelheit,

gestreift von wirren Warnungen vor Kampf und Flucht,

wo unbekannte Heere nachts aufeinandertreffen.

(Matthew Arnold: Dover Beach)

I

»Ist dir kalt?«, fragte der Junge lächelnd aus dem Wageninneren heraus und neigte leicht den Kopf.

Der dicke Mann, der auf der Motorhaube kniete, wandte ihm den Rücken zu und murmelte irgendetwas Unverständliches.

Der Junge achtete nicht darauf. Die Erwachsenen spielten immer so seltsame Spiele. Manchmal konnte man richtig Angst davor bekommen. Die Erwachsenen hatten auch so erwachsene, große Gesichter, große Augen und große Hände. Und sie rochen wie Erwachsene. Ihre Stimmen klangen erwachsen. Und ihre Worte waren die von Erwachsenen. Deshalb spielte er sonst lieber allein. In einer Welt, deren Größenverhältnisse zu ihm passten.

»Ist dir kalt?«, fragte der Junge noch einmal höflich, beugte sich durch die zerbrochene Windschutzscheibe des Wagens hinaus und streckte seine Kinderhand vor, um die Motorhaube zu berühren. Er legte sie mit der geöffneten Handfläche nach oben neben das fette Bein des Mannes, der ihm immer noch den Rücken zuwandte und unentwegt vor sich hin jammerte. Die Karosserie oberhalb des Motors war noch lauwarm. »Sie ist noch warm«, erklärte der Junge lächelnd und konzentrierte sich wieder ganz auf die Knoten.

Er zog an einem Ende der Schnur, wickelte sie noch einmal um die Schiene, auf der der Fahrersitz vor- und zurückgeschoben werden konnte, und als er spürte, dass sie genau richtig gespannt war, verknotete er sie. Dann wandte er sich dem anderen Ende des Seils zu. Er zog auch diese Seite straff, wickelte es diesmal um die Führungsschiene des Beifahrersitzes und machte wieder einen Knoten. Schließlich strich er mit einer Hand über die weißen Knöchel des fetten Mannes.

»Ist es zu fest?«, fragte er.

Der Mann grunzte ängstlich, aber er wandte sich nicht um.

Der Junge verkroch sich ganz hinten im Wagen und kämpfte mit den Tränen. Er konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, wie ein Erwachsener zu reden.

»Du machst mir keine Angst!«, brüllte er den fetten Mann auf einmal wütend an.

Dann kletterte der Junge hastig aus dem Wagen und überprüfte die Seile, die an der vorderen Stoßstange des Wagens befestigt waren. Ja, sie waren straff gespannt und hielten. Genau wie die anderen Seile und die übrigen Knoten. Dann schaute er dem fetten Mann direkt in die Augen, aber er schrie ihm nicht noch einmal entgegen, dass er keine Angst vor ihm hatte. Wenn er sich wirklich nicht fürchtete, hatte er kein Bedürfnis, sich mitzuteilen. Der Junge begnügte sich damit, ihm ganz direkt in die Augen zu schauen und den Blick nie zu senken. Dies war ein Kräftemessen zwischen den beiden – wer zuerst wegsah, hatte verloren. Es war ein Spiel. Der, der zuerst blinzelte, hatte verloren. Der fette Mann hielt das nicht lange durch. Danach zog sich der Junge wieder in den Wagen zurück und streckte sich auf dem Rücksitz aus.

Er musste sich den Ort nicht ansehen, an dem sich der fette Mann und er aufhielten, er kannte ihn in- und auswendig und sah ihn sich bisweilen gern an. Wenn er sehr mutig war, wagte er sich bis auf den Platz hinunter, aber das kam selten vor, da ihm dieser Ort fast immer Angst einjagte. Doch jedes Mal, jedes dieser seltenen Male, wenn er es dennoch tat, kam er erregt und außer Atem zurück und hörte den Schlag seines kleinen Herzens dröhnend in seinen Ohren hämmern. Er war stark gewesen, sagte er sich. Und mutig. Doch diese Angst, die er jetzt empfand, fühlte sich anders an. Als ob Angst vielerlei Formen annehmen konnte. Schreckliche. Aber bisweilen auch schöne. Oder zumindest beinahe.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, sagte er ganz leise, während er auf dem Rücksitz des Wagens lag, und zählte an seinen Fingern ab, wie alt er war. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, zählte er immer und immer wieder, und es klang wie ein Lied, wie ein Wiegenlied. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, als betete er einen Rosenkranz herunter. Als gäbe es nichts darüber hinaus. Als enthielten diese neun kleinen Zahlen die gesamte Welt. Wie ein Käfig mit neun Gitterstäben, neun Seiten und neun Schlössern. Wie ein Stern mit neun Zacken. Wie ein Ungeheuer mit neun Augen, neun Fangarmen und neun weit aufgerissenen Mäulern. Wie ein Zauberer mit neun Tricks. Wie neun Küsse. Er liebte dieses Spiel mit der Neun. Vielleicht würde er eines Tages neun Häuser haben, neun Freunde, neun Hunde, neun Autos und neun Flugzeuge. Würde neun Prinzessinnen heiraten. Und neun Drachen besiegen.

»Ich bin neun Jahre alt«, sagte der Junge laut und streckte hinter dem Rücken des fetten Mannes nacheinander neun Finger hoch. Dann legte er sich wieder der Länge nach auf den Rücksitz des Wagens.

Wenn er Angst hatte, wiederholte er dieses Spiel ohne Unterlass, zählte immer wieder bis neun, so lange, bis die lange Folge niedriger Zahlen als Summe eine einzige große Zahl bildeten und er sich dadurch selbst überzeugte, dass er jetzt genauso erwachsen war wie die, vor denen er sich immer gefürchtet hatte. Dann erschien ihm die Angst nicht mehr so beängstigend, und all diese schlimmen Erwachsenendinge verloren an Größe und Schrecken.

Doch jetzt hatte er Angst.

Er spürte genau, wie all dieses an ihm klebende Blut auf ihm erkaltete und langsam zu einer harten Schicht erstarrte, wie eine Schlammkruste, die jedes Mal Risse bekam, wenn er weinte und dabei die Augen zusammenkniff. Wie ein eiskaltes, zu enges Kleid.

Jetzt hatte er Angst. Aber er empfand auch Wut.

Der Junge setzte sich auf, betrachtete erst forschend seine Hände, seinen Körper und schließlich sein Gesicht im Rückspiegel.

Auf seinem Körper war kein Blut zu sehen. Nicht der kleinste Fleck. Er wusste, dass kein Blut auf seinem Körper war. Doch trotzdem spürte er all dieses Blut, das auf seinem Körper erkaltete. Dieses weiße Blut. Dieses rote Blut. Beide so klebrig und warm. Das Blut der Erwachsenen ergoss sich auf seinen Körper, den Körper eines neunjährigen Jungen. Das rote Blut, das zu jenem weißen Blut verblasste. Das weiße, das sich rot färbte.

Obwohl der Junge jetzt Angst und Wut empfand, freute er sich dennoch richtig auf dieses neue Spiel.

Er stieg wieder aus dem Wagen und blickte zu den Sternen hoch, die sich hinter dem milchigen Schleier des Himmels verbargen. Er wusste einfach, dass sie dort waren. Einige, nein viele von ihnen waren trügerisch. Alle. Alle bis auf einen. Nur der Stern des Lichts war wahrhaftig. Der Stern mit den neun Zacken. Der rote Stern, der das Blut aufspritzen ließ. Der Stern mit den neun Händen, die ihm das Blut vom Körper wischten. Der Stern der neun Zärtlichkeiten, der neun und neun und abermals neun Zärtlichkeiten. Der die neun Fesseln zerrissen hatte. Diese neun sanften Stimmen, die mit dem Stern neunmal liebevoll seinen Namen gerufen hatten. Diese neun Träume, die die neun Albträume besiegt hatten. Diese neun Blüten, die aus seinen neun Jahren erblüht waren. Die neun Adern, die seine kindlichen Sünden ausbluteten, die ihm neunmal seine Besudelung abwuschen. Die neun strahlenden Blitze, die die Angst vertrieben, die Dämonen besiegten und die schändlichen Laster der Erwachsenen auslöschten. Diese blitzenden Lichter, die ihre großen, zuckenden Körper erschlaffen, sie wie Lanzen strecken ließen.

Wie gebannt ging der Blick des Jungen hinunter zu jenem Ort, als könne er nicht anders, als müsste er das anstarren, wovor er am meisten Angst hatte, ja als empfände diese Angst ein merkwürdiges, geradezu perverses, erwachsenes Vergnügen darin, sich selbst heraufzubeschwören, ein Erschauern, ein Schwindel, ein tränenersticktes Lachen, eine Erregung, die ihn atemlos zurückließ – da fiel sein Blick auf die Uhr. Lächelnd machte er sich auf den Weg die unbefestigte Straße hinunter, die nur aus spitzen Steinen zu bestehen schien, ohne den fetten Mann eines Wortes zu würdigen, der immer noch auf der Kühlerhaube kniete und ihm jetzt hinterherstarrte. Er konnte diesen Blick deutlich auf seinen kindlichen Schultern spüren. Der Junge ging genau fünfzig Schritte abwärts in die Dunkelheit hinein, bevor er über die ordentlich aufgestapelte Mauer aus Bordsteinen stieg und in den schwachen Lichtkreis der einzigen Straßenlaterne trat. Ein gelblicher, runder See, gespeist aus Strahlen, die wie welkes Laub auf den rauen, holprigen Asphalt dieser Vorstadtgegend mit ihren Rohbauten fielen.

Langsam ging er auf den hohen Pfahl aus grauem Gusseisen zu, der am unteren Teil schon Rost angesetzt hatte, und kletterte flink hinauf. Ganz oben an seiner Spitze leuchtete die Uhr. Als er die richtige Höhe erreicht hatte, klammerte er sich mit den Beinen am Pfosten fest und holte sein Taschenmesser heraus. Damit brach er das Metallgehäuse an der Vorderscheibe auf, die das Zifferblatt schützte, klappte sie auf und stellte die Zeiger auf neun Uhr. Dann drehte er sich zu dem fetten Mann auf dem kleinen Hügel um und starrte unbeweglich in die Dunkelheit. Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wusste genau, dass der Dicke ihn sehen konnte. Ganz sicher beobachtete er ihn. Dann klappte er die Scheibe vor der Uhr wieder zu und ließ sich zu Boden gleiten.

Einen Moment lang war er versucht, sich zu jenem Ort umzudrehen, doch er wusste, dass er ihm nun schon zu nahe gekommen war. Allzu deutlich spürte er seinen heißen, klebrigen Atem, der sich wie eine zu enge Schlinge um seinen mageren Hals legte, wie ein Spinnennetz, das ihn gefangen halten, seine Handgelenke und Knöchel an einen Tisch fesseln würde, der zu hoch für ihn war, zu hoch für einen neunjährigen Jungen. Diese Kante, die sich hart und schneidend in sein Brustbein bohrte. Die über den Kopf gestreckten Arme und die festgebundenen Hände, das Blut auf seinem Gesicht und dem nackten fröstelnden Körper. Das warme Blut, das allmählich erkaltete, erstarrte, als würde es gemeinsam mit diesem Schmerz der Erniedrigung vergehen, der ihn zum Weinen gebracht hatte wie eine Frau.

Der Junge war wie gelähmt. Es kam ihm vor, als versänken seine Füße in einem weißen, klebrigen Schlamm, und die Gesichter der Erwachsenen, der Großen, schienen noch größer und furchterregender, als erwachten sie gerade aus einem langen Schlaf und wollten ihn wieder packen, ihn wieder an diesen Ort verschleppen. Als wollte er selbst sie zu neuem Leben erwecken, obwohl er doch Angst vor ihnen hatte. Als fehlten sie ihm irgendwie. Als wäre dieses Spiel der Erwachsenen an jenem dunklen Ort, unter diesen Häusern, die nie jemand fertig gebaut, die nie jemand bewohnt hatte, alles, was er hatte.

Der Junge wandte sich um, obwohl ihm das Herz bis zum Hals schlug, aber er musste es tun. Weil er an diesen Ort gehörte. Weil dieser Ort in ihm war. Wie das rote Blut, das sich mit dem weißen vereinigte und auf seinem kleinen, zerbrechlichen nackten Körper erstarrte. Wie diese Angst, die manchmal gar nicht so schrecklich war, sondern sogar schön sein konnte. Er drehte sich um, weil das alles war, was er hatte. Weil in der Dunkelheit dieses Licht leuchtete. Weil man diese Sterne nur nachts sah. Er drehte sich um und spürte, wie sich der Abgrund dieses Ortes drohend öffnete, zähnefletschend, als wollte er ihn wie damals verschlingen. Und dann spürte er wieder die faulige Ausdünstung dieses Ortes, die ihn wie in einem Strudel erfasste und dorthin trieb.

»Ich bin neun Jahre alt!«, schrie er plötzlich und rannte weg. Sprang über die Mauer aus Bordsteinen, die er so sorgsam und ordentlich aufgestapelt hatte, über den Lichtsee unter der Straßenlaterne, die sich mit ihrem bernsteinfarbenen Schein gegen den Nebel und die aufsteigende Feuchtigkeit der Nacht zu behaupten suchte. Ohne sich umzudrehen, rannte er die kleine Schotterstraße hinauf, die ganz nach oben auf den kleinen, mit Dornengestrüpp bewachsenen Hügel führte, und ließ sich dort keuchend auf die Motorhaube des Wagens sinken, wo der fette Mann immer noch auf ihn wartete, kniend, nackt und jammernd. Seine Kinderhand berührte das Knie des fetten Mannes, glitt über seine glatte, kalte, schwabbelige Haut. Er streichelte ihn mit geschlossenen Augen, wie er es beim Spiel der Erwachsenen gelernt hatte, denn manchmal schien es ihm, als könne er gar nicht anders. Manchmal bereitete es ihm sogar Vergnügen. Fühlte sich an wie ein sicherer Hafen, ein Zuhause, eine Zuflucht. Genauso, als würde man das eigene Alter an den Fingern abzählen.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, murmelte er jetzt wieder vor sich hin und streckte für jedes Lebensjahr einen Finger hoch. »Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, zählte er immer und immer wieder, es klang wie ein Lied, wie ein Wiegenlied, dabei lag er ausgestreckt auf der Motorhaube, die sich jetzt genauso warm anfühlte wie der Körper eines Erwachsenen.

Als der Junge zu Atem gekommen war und merkte, dass dieser Ort wieder dorthin zurückgekehrt war, wohin er ihn vertrieben hatte, nicht sehr weit weg, jedoch tief genug in seinem Innern verborgen, dass er nicht befürchten musste, er würde ihn ausspucken, wenn er plötzlich würgen musste, so tief in seinem Kopf versteckt, dass er nicht mehr diesen bitteren, klebrigen Geschmack im Mund spürte, stand er auf, ging zur Rückseite des Wagens, wo er an der hinteren Stoßstange ein dünnes Stahlseil befestigte.

Er nahm die Nadel, eine dicke Stopfnadel, und fädelte das Garn ein, eine Paketschnur aus Hanf.

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben … acht … und neun«, betete er herunter wie einen Rosenkranz. Als setze sich die Welt nur aus diesen neun Zahlen zusammen. Als könne er nicht erwachsen werden.

Vielleicht hatte er jetzt ein neues Spiel gefunden.

Er stemmte sich auf die Motorhaube hoch und kniete sich mit Nadel und Faden in einer Hand vor dem fetten Mann hin.

Nähen war eigentlich Frauensache. Aber ihm hatte man ja mehrere Dinge beigebracht, die sonst nur Frauen taten.

Der Junge nahm die Unterlippe des fetten Mannes zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand und stülpte sie mit festem Griff nach außen. Dann stach er von unten mit der Nadel in die Lippe, durchbohrte sie etwa in der Mitte und drückte sie nach oben, bis auch das dicke Nadelöhr hindurch war. Die Paketschnur färbte sich rot.

Die Erwachsenen hatten ihm beigebracht, Frauendinge zu tun, deshalb schämte er sich auch nicht dafür, zu nähen wie eine Frau, wie es vermutlich ein anderer Junge in seinem Alter getan hätte.

Der Junge nahm die Oberlippe des fetten Mannes zwischen Daumen und Zeigefinger, durchbohrte das Fleisch wieder mit der Nadel und beobachtete, wie die Schnur sich noch stärker rötete.

Er verknotete beide Enden doppelt und schnitt den überstehenden Rest ab.

Am liebsten wäre er in lautes Gelächter ausgebrochen. Das Gesicht des fetten Mannes sah wirklich zu komisch aus.

Dann durchbohrte er die Lippen ein wenig weiter rechts, knotete sie ebenfalls zusammen und wiederholte das Gleiche weiter links.

In der Ferne füllte sich die Geisterstadt mit Seufzern und Heulen.

Nun kamen sie, um sein Spiel zu spielen.

Der Junge lachte zufrieden. Wie ein Kind, das erst neun Jahre alt ist.

Ein leises, sorgloses Lachen, das sich nicht um die riesigen Schatten der Nacht scherte.

II

Er hatte ihn nach vielen Jahren wiedergefunden. Es war Zufall gewesen. Oder ein Wunder. Oder vielleicht ein grausamer Scherz des Schicksals. Oder auch alles zusammen. Und für jede dieser Möglichkeiten gab es ein anderes Motiv. Drei Gründe, drei unterschiedliche Ziele.

Er hatte beschlossen, sich umzubringen. Ganz ohne es vorher zu planen, er wusste nicht einmal, auf welche Weise. Nur, dass es diese Nacht passieren würde, bevor die bleiche Sonne wieder über dieser Stadt aufging. Denn sie würde seine Wut und seinen Schmerz weiter anheizen und ihm damit ein trügerisches Gefühl der Erfülltheit geben. Trügerisch, weil er vor zwölf Jahren in einem Vakuum versunken war, vielleicht auch schon viel früher, in einem seiner zahlreichen Leben, die er hinter sich lassen musste. In einer von den vielen Ausgestaltungen seiner selbst, einer der allzu vielen Identitäten, in die er einmal geschlüpft war und die er verraten hatte, um sich dann jedes Mal in jemanden zu verwandeln, der ihm noch weniger gefiel.

Er hatte also beschlossen, sich umzubringen. Und erst nachdem er ziellos durch die Stadt gelaufen war, war ihm eine Idee gekommen, wie er es tun würde. Als er sich über das Geländer gebeugt und das stehende Wasser des Hafens unter sich gesehen hatte, das nur einen tödlichen Sprung von ihm entfernt war, hatte er sich entschlossen hineinzuspringen. Er hatte seinen Sprung schon vor sich gesehen: Wind in den Haaren, und ein Körper, der sich im Fall auflöst. So leicht wie der Flug eines Schmetterlings. Und genauso kurz wie dessen Leben war sein eigenes, in dem nicht einmal genug Zeit geblieben war, sich eine Vergangenheit zu schaffen. Ein Leben, das keine Zukunft hatte. Das nur in der Gegenwart, im kurzen, intensiven Erleben des Augenblicks existierte. Ein Sprung ins Nichts wäre eine Zusammenfassung seines ganzen Lebens. Sein letztes Leben, die endgültige Verwandlung. Trunkenheit. Tod. Er spürte schon, wie sich in jener Nacht die Schwingen des Todes über ihm ausbreiteten. Kurz vor einem Morgen, der für ihn nie anbrechen sollte.

»Willst du es tun?«, hatte plötzlich eine Stimme hinter ihm gefragt und sich in sein Schweigen gedrängt, hatte all die Klagelaute und den Lärm der Stadt gleichsam ausgelöscht. »Willst du es tun?«, hatte die Stimme beharrlich weitergefragt. Eine Stimme, die so rau und sinnlich die Stille durchdrang, dass er nicht anders konnte, als sich umzudrehen.

Die Nutte war groß, mager, hatte schmale Hüften und lange Beine. Blond gefärbte Haare, die beinahe schon weiß wirkten. Fast so weiß wie ihre Haut. Und dann wie ein lebendiger, zitternder Blutfleck, wie eine Wunde, diese mit tiefrotem Lippenstift betonten vollen Lippen, die so weich sein mussten wie die Blütenblätter einer Kamelie. Die raue Stimme einer Frau, eines jungen Mädchens. Breitschultrig und flachbrüstig.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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