Beschreibung

Wie die Liebe uns ins Leben zurückholt. Die Kinderpsychologin Julia Cates steht vor den Trümmern ihrer Karriere. Von Schuldgefühlen gepeinigt, kehrt sie zu ihrer Schwester in ihren Heimatort am Mystic Lake zurück, wo ein schwer traumatisiertes Kind auftaucht. Gemeinsam mit dem Arzt Max versucht sie herauszufinden, was dem Kind angetan wurde. Bis sich ein Mann meldet, der behauptet, der Vater zu sein. Julia muss alles riskieren, um zu verstehen, wer das Mädchen tatsächlich ist – und zu wem es gehört. Ein berührender Roman darüber, wie ein Kind, das Hilfe braucht, das Leben einer Frau verändert. Dieser Roman erschien erstmals unter dem Titel "Wohin das Herz uns trägt".

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 640


Über Kristin Hannah

Kristin Hannah, geboren 1960 in Südkalifornien, arbeitete als Anwältin, bevor sie zu schreiben begann. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der USA und lebt mit ihrem Mann im Pazifischen Nordwesten der USA. Nach zahlreichen Bestsellern war es ihr Roman »Die Nachtigall«, der Millionen von Lesern in über vierzig Ländern begeisterte und zum Welterfolg wurde.

Christine Strüh übertrug u.a. Kristin Hannah, Gillian Flynn und Cecelia Ahern ins Deutsche. Sie lebt in Berlin.

Informationen zum Buch

Wie die Liebe uns ins Leben zurückholt

Die Kinderpsychologin Julia Cates steht vor den Trümmern ihrer Karriere. Von Schuldgefühlen gepeinigt, kehrt sie zu ihrer Schwester in ihren Heimatort am Mystic Lake zurück, wo ein schwer traumatisiertes Kind auftaucht. Gemeinsam mit dem Arzt Max versucht sie herauszufinden, was dem Kind angetan wurde. Bis sich ein Mann meldet, der behauptet, der Vater zu sein. Julia muss alles riskieren, um zu verstehen, wer das Mädchen tatsächlich ist – und zu wem es gehört.

Ein berührender Roman darüber, wie ein Kind, das Hilfe braucht, das Leben einer Frau verändert.

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Kristin Hannah

Das Mädchen mit dem Schmetterling

Wohin das Herz uns trägt

Roman

Aus dem Englischenvon Christine Strüh

Inhaltsübersicht

Über Kristin Hannah

Informationen zum Buch

Newsletter

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Epilog

Impressum

Dieses Buch ist für meinen Sohn Tucker.

Es kommt mir so vor, als wären erst ein paar Jahre vergangen, seit ich dich in meinen Armen gehalten habe.

Jetzt bist du auf der Suche nach dem richtigen College und redest über deine Zukunft.

Ich bin so stolz auf den Jungen, der du einmal warst, und auf den Mann, der du bald sein wirst.

Nicht mehr lang, und du verlässt deinen Vater und mich, um in der Welt deinen eigenen Weg zu finden. Doch denke stets daran: Was du auch tust, wo du auch bist, wir werden dich immer lieben.

Dank

Viele Menschen haben mir bei diesem Roman geholfen. Besonders bedanken möchte ich mich bei:

Lindsey Brooks, Ermittlungsleiterin/Abteilung Case Management bei der Kinderhilfsorganisation Child Quest International;

Luana S. Burnett, Polizeibeamtin in Newport, Washington; Kany Levine, Strafverteidiger und persönlicher Freund; sowie Kim Fisk und Megan Chance, die mir beide mehr geholfen haben, als sie vielleicht wissen.

»Echt wird man nicht gemacht«, erklärte das kluge alte Stoffpferd. »Das ist etwas, was dir passiert. Wenn ein Kind dich ganz lange lieb hat und nicht nur mit dir spielt, sondern dich wirklich liebt, dann wirst du ECHT.«

»Tut das weh?«, fragte der Kuschelhase.

»Manchmal«, antwortete das Pferd, denn es war immer ehrlich.

DER KLEINE KUSCHELHASE VON MARGERY WILLIAMS

Erstes Kapitel

Bald ist es vorbei.

Julia Cates wusste nicht mehr, wie oft sie sich das schon gesagt hatte, aber heute würde es wahr werden – endlich. In ein paar Stunden würde die Welt die Wahrheit über sie wissen.

Vorausgesetzt, sie schaffte es in die Innenstadt. Leider ähnelte der Pacific Coast Highway eher einem Parkplatz als einer Schnellstraße. In den Hügeln hinter Malibu brannte es mal wieder; Rauch hing über den Dächern und verwandelte die ansonsten klare Luft an der Küste in dicken braunen Dunst. Wie so oft wachten in der Stadt die Babys mitten in der Nacht auf, weinten grauschwarze Tränen und rangen nach Atem. Sogar die Brandung schien langsamer geworden zu sein, als wäre auch das Meer von der unzeitgemäßen Hitze erschöpft.

So gut es ging, manövrierte sie sich durch den Verkehr, der abwechselnd vor sich hin zuckelte und ganz ins Stocken geriet, und versuchte sich möglichst wenig aufzuregen, wenn ein anderer Autofahrer sie abdrängte oder einfach frech vor ihr einscherte. Damit musste man in dieser gefährlichsten Jahreszeit Südkaliforniens immer rechnen, denn die erhitzten Gemüter fingen ebenso schnell Feuer wie die ausgetrockneten Gärten. Die Hitze machte die Leute nervös.

Schließlich erreichte sie die Ausfahrt zum Gericht und verließ den Freeway.

In der Nähe des Gebäudes wimmelte es von Übertragungswagen, auf der Freitreppe lauerten die Reporter mit gezückten Mikrofonen und Kameras und warteten, dass es endlich losging. Anscheinend gehörte das in Los Angeles mehr und mehr zum Alltag – Gerichtsprozesse als Medienereignis. Michael Jackson. Courtney Love. Robert Blake.

Julia bog um die Ecke und fuhr zu einem Seiteneingang, wo ihre Anwälte schon auf sie warteten.

Dort parkte sie, stieg aus und wollte sich selbstbewusst auf den Weg machen, konnte sich jedoch eine schreckliche Sekunde lang nicht von der Stelle rühren. Du bist unschuldig, rief sie sich in Erinnerung. Das werden sie merken. Das System wird funktionieren. Sie zwang sich, immer einen Fuß vor den anderen zu setzen, dann noch einen. Ein Gefühl, als müsste sie sich durch unsichtbare Drahtschlingen eine Steigung emporkämpfen. Als sie endlich bei den anderen ankam, brachte sie nur unter Aufbietung aller Kräfte ein Lächeln zustande. Aber auf eins konnte sie sich zum Glück verlassen: Dieses Lächeln wirkte echt. Jeder Psychologe wusste, wie man das bewerkstelligte.

»Hallo, Dr. Cates«, sagte Frank Williams, der Leiter des Verteidigerteams. »Wie geht es Ihnen?«

»Gehen wir«, antwortete sie nur und überlegte, ob sie wohl die Einzige war, die das leichte Zittern in ihrer Stimme wahrgenommen hatte. Sie hasste diesen untrüglichen Beweis ihrer Angst. Gerade heute musste sie besonders stark sein, um der Welt zu zeigen, dass sie in ihrem Beruf wirklich so kompetent war, wie alle dachten, und dass sie sich absolut gar nichts hatte zuschulden kommen lassen.

Ihre Anwälte scharten sich schützend um sie, und sie war dankbar für diese Unterstützung. Obwohl sie ihr Bestes tat, um professionell und selbstsicher zu wirken, war diese Haltung doch nicht mehr als eine bröckelnde Fassade, die von einem einzigen falschen Wort zum Einsturz gebracht werden konnte.

Gemeinsam traten sie durch die Schwingtüren ins Gerichtsgebäude.

Sofort setzte ein Blitzlichtgewitter ein, das anscheinend nur auf diesen Moment gewartet hatte. Fotoapparate klickten, Filmkameras surrten, Reporter stürzten auf die Gruppe zu, alle redeten gleichzeitig und versuchten einander zu übertönen.

»Dr. Cates! Wie fühlen Sie sich nach all dem, was passiert ist?«

»Warum haben Sie die Kinder nicht gerettet?«

»Wussten Sie von der Schusswaffe?«

Frank legte den Arm um ihre Schultern und zog sie dicht neben sich. Sie barg das Gesicht an seinem Revers und ließ sich von ihm weiterführen.

Im Gerichtssaal nahm sie auf der Anklagebank Platz, und ihr Team versammelte sich um sie, einer nach dem anderen, während sich die Juniorpartner und Berater in der vordersten Reihe der Saalbestuhlung niederließen.

So gut sie konnte, ignorierte sie den Lärm – die Tür, die sich quietschend öffnete, um gleich darauf wieder zuzuknallen, Schritte, die klackernd über den Marmorboden eilten, flüsternde Stimmen. Die leeren Sitzreihen füllten sich rasch, das wusste sie, ohne sich umzudrehen. Dieser Gerichtssaal war heute der interessanteste Ort in ganz Los Angeles, und da die Richterin Kameras untersagt hatte, drängten sich garantiert jede Menge Journalisten und Gerichtszeichner mit gezückten Stiften auf den verfügbaren Plätzen.

Im Lauf des letzten Jahres hatte es eine endlose Serie von Artikeln über Julia gegeben, und sie war ständig von irgendwelchen Fotografen abgelichtet worden – während sie den Müll hinaustrug, auf dem Balkon stehend, wie sie ihre Praxis betrat und wieder herauskam. Die am wenigsten schmeichelhaften Schnappschüsse schafften es jedes Mal auf die Titelseite.

Die Reporter hatten praktisch ihre Zelte vor ihrem Haus aufgeschlagen. Obwohl sie nie ein Wort mit ihnen wechselte, schrieben sie unermüdlich weiter, berichteten über ihre kleinstädtische Herkunft, ihre tolle Ausbildung, die Trennung von Philip. Sie spekulierten sogar darüber, ob sie in letzter Zeit magersüchtig geworden war oder ob sie sich Fett hatte absaugen lassen. Das einzig Wichtige an ihr erwähnten sie jedoch nie, nämlich dass sie ihre Arbeit liebte. Sie war ein einsames Kind voller Hemmungen und Komplexe gewesen und erinnerte sich an diese schreckliche Zeit nur allzu genau. Aber letztlich hatten ihre Kindheit und Jugend sie zu einer außergewöhnlichen Psychologin gemacht.

Natürlich war dieser Aspekt der Geschichte nie von der Presse aufgegriffen worden. Genauso wenig wie jemals eine Liste all der Kinder veröffentlicht worden war, denen Julia geholfen hatte.

Als Richterin Carol Myerson ihren Platz einnahm, wurde es still im Saal. Sie war eine streng wirkende Frau mit kastanienrot gefärbten Haaren und einer altmodischen Lesebrille.

Der Gerichtsdiener kündigte den Fall an.

Auf einmal wünschte sich Julia, sie hätte außer ihrer offiziellen Begleitung noch jemanden bei sich, eine Freundin oder eine Verwandte, die ihr beistand und vielleicht ihre Hand hielt, wenn alles vorbei war. Aber für sie war die Arbeit immer vor dem Privatleben gekommen. Und deshalb hatte sie auch nie Zeit für ihre Freunde gehabt. Ihr eigener Therapeut hatte sie des Öfteren auf dieses Manko hingewiesen, sie hatte jedoch seine Meinung nicht geteilt. Bis heute.

Neben ihr stand Frank, ihr Anwalt. Ein beeindruckender Mann, groß und auf elegante Weise schmal, mit dunklen Haaren, die, beginnend bei den Koteletten, in angemessener Reihenfolge ergrauten. Sie hatte ihn wegen seiner brillanten Intelligenz ausgesucht, aber möglicherweise spielte sein Auftreten sogar noch eine größere Rolle. In einer Umgebung wie dieser hatte die äußere Form oft mehr Gewicht als die Substanz.

»Euer Ehren«, begann er mit seiner unvergleichlich sanften und dennoch überzeugenden Stimme, »eigentlich ist es doch vollkommen absurd, dass Julia Cates bei diesem Prozess auf der Anklagebank sitzt. Obgleich die Debatte über die Grenzen der Vertraulichkeit im psychiatrischen Bereich immer wieder aufflammt, liegen doch einige Präzedenzfälle vor, von denen ich Tarasoff gegen Regents of University of California anführen möchte. Dr. Cates wusste nichts von der Gewaltbereitschaft ihrer Patientin, und es gab auch keine Hinweise, dass sie eventuell eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen könnte. Daher möchten wir mit allem gebührenden Respekt beantragen, die Anklage gegen sie fallen zu lassen. Danke.« Er setzte sich wieder.

Am Tisch der Anklage erhob sich nun ein Mann in einem pechschwarzen Anzug. »Vier junge Menschen sind tot, Euer Ehren. Sie werden nie heranwachsen, sich nie auf die Suche nach einem passenden College begeben, nie eigene Kinder haben. Dr. Cates war Amber Zunigas Psychotherapeutin. Drei Jahre lang hat Dr. Cates zwei Stunden die Woche mit Amber verbracht, hat sich ihre Probleme angehört und Medikamente für die immer stärker werdende Depression verschrieben. Doch bei all dieser Vertrautheit soll uns jetzt glauben gemacht werden, Dr. Cates hätte nicht gewusst, dass Amber zunehmend aggressiver und depressiver wurde. Es wird behauptet, es habe keinerlei Hinweis darauf gegeben, dass die Patientin eine automatische Schusswaffe erstehen und die Tat begehen würde, aufgrund derer wir alle heute hier sind und in deren Verlauf Amber mehrere Mitglieder ihrer kirchlichen Jugendgruppe erschossen hat.« Der Anwalt kam hinter dem Tisch hervor und stellte sich mitten in den Raum.

Dann drehte er sich langsam zu Julia um. Das war der Moment, der um die Welt gehen, den jeder anwesende Gerichtszeichner auf seinem Skizzenblock festhalten würde. »Dr. Cates ist Expertin auf ihrem Fachgebiet, Euer Ehren. Sie hätte die Tragödie vorhersehen und verhindern, die Opfer warnen oder Miss Zuniga einweisen lassen müssen. Wenn sie tatsächlich nichts von Ambers Gewalttendenzen gewusst hat, hätte sie diese doch zumindest ahnen sollen! Daher ersuchen wir Sie mit allem Respekt, die Anklage gegen Dr. Cates unbedingt aufrechtzuerhalten. Es geht hier um Gerechtigkeit. Die Familien der ermordeten Jugendlichen haben es verdient, dass diejenige Person Wiedergutmachung leistet, die am ehesten den Mord hätte vorhersehen und verhindern müssen.« Damit ging er zurück an seinen Tisch und nahm wieder Platz.

»Das ist nicht wahr«, flüsterte Julia. Obwohl sie wusste, dass niemand sie hörte, musste sie es aussprechen. Bei Amber war nie etwas von einer gewalttätigen Neigung zu spüren gewesen. Alle Teenager, die mit einer Depression zu kämpfen hatten, redeten gelegentlich darüber, dass sie ihre Mitschüler hassten. Zwischen einer solchen Äußerung und dem Kauf oder gar Gebrauch einer Waffe bestand allerdings noch ein himmelweiter Unterschied.

Warum war das denn nicht für jeden vernünftigen Menschen offensichtlich?

Richterin Myerson überprüfte etwas in den Akten, die vor ihr lagen, nahm dann ihre Brille ab und legte sie neben sich auf das Pult.

Im Saal wurde es wieder ganz still. Julia wusste, dass die Journalisten eifrig Papier und Stift gezückt hielten. Draußen standen ihre Kollegen, bereit, auf ein entsprechendes Zeichen hin aus dem Saal und in ihr jeweiliges Redaktionsbüro zu eilen. Die Artikel samt den dazu gehörigen Schlagzeilen waren längst fertig, nun hieß es nur noch, das Urteil abzuwarten und die zutreffende Version auszuwählen.

Die Eltern der getöteten Jugendlichen, die sich auf den hinteren Bänken zu einer traurigen Gruppe zusammengefunden hatten, hofften darauf, in der Annahme bestärkt zu werden, dass die Tragödie hätte abgewendet werden können. Dass eine Person in einer einflussreichen Position das Leben ihrer Kinder hätte retten können. Sie hatten ausnahmslos alle am Geschehen Beteiligten verklagt – die Polizei, die Rettungshelfer, die Psychologin, das Pharmaunternehmen, die Ärzte, die Familie Zuniga. In der modernen Welt glaubte man nicht mehr an sinnlose Tragödien, es passierten nicht einfach schlimme Dinge, nein, jemand musste schuld sein und dafür bezahlen. Die Familien der Opfer suchten in diesem Prozess verzweifelt nach einer Erklärung, aber Julia wusste, dass das Verfahren sie höchstens eine Weile ablenken und ihnen vielleicht die Möglichkeit geben würde, ihrem Kummer ein wenig Luft zu machen. Doch letztlich konnte kein Prozess der Welt ihren Schmerz lindern, er würde sie alle überdauern.

Die Richterin wandte sich zuerst an die Eltern der toten Jugendlichen. »Es besteht kein Zweifel daran, dass sich am 19. Februar in der Baptistenkirche von Silverwood eine furchtbare Tragödie ereignet hat. Ich bin selbst Mutter, doch ich kann den Schmerz, den Sie in den letzten Monaten durchlebt haben, nicht wirklich ermessen. Die Frage, über die dieses Gericht zu entscheiden hat, lautet aber, ob Dr. Cates dafür angeklagt werden soll.« Sie faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. »Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Dr. Cates im Sinne des Gesetzes und unter den gegebenen Umständen nicht die Pflicht hatte, die Opfer zu warnen oder anderweitig zu beschützen. Mehrere Gründe haben mich zu diesem Schluss gebracht. Erstens belegen sowohl die Fakten als auch die Aussagen der Kläger, dass Dr. Cates über keine spezifischen Erkenntnisse verfügte, wer die möglichen Opfer einer Gewalttat sein könnten. Zweitens sieht das Gesetz nicht vor, dass ein Mensch die Pflicht hat, andere zu warnen, es sei denn, es gibt eindeutig identifizierbare potenzielle Opfer. Zuletzt müssen wir im Dienste des Allgemeinwohls die Vertraulichkeit der Therapeut-Patient-Beziehung aufrechterhalten, solange es keine spezifischen, als solche erkennbaren Drohungen gibt, aufgrund derer es angeraten zu sein scheint, den Therapeuten von seiner Schweigepflicht zu entbinden. Faktisch, nach ihrer eigenen Aussage und in Übereinstimmung mit den Erklärungen der Kläger, hatte Dr. Cates in diesem Fall also nicht die Pflicht, die Opfer zu warnen oder anderweitig zu schützen. Daher weise ich die Klage gegen sie ohne Einschränkungen ab.«

Auf der Zuschauertribüne brach die Hölle los. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, war Julia auf den Beinen und wurde von ihrem Verteidigungsteam umarmt und beglückwünscht. In dem ganzen Trubel hörte sie die Journalisten zur Tür laufen und den Marmorkorridor entlangrennen. »Sie ist raus!«, brüllte jemand.

Eine Woge der Erleichterung durchströmte sie. Gott sei Dank!

Doch aus dem hinteren Teil des Saals vernahm sie auch die Stimmen der trauernden Eltern, die ihrer Empörung Luft machten.

»Wie ist so was nur möglich?«, rief einer von ihnen. »Sie hätte es schließlich wissen müssen!«

Frank berührte Julia am Arm. »Nun lächeln Sie schon, wir haben gewonnen!«

Noch einmal blickte sie kurz nach hinten, dann wandte sie sich ihm zu, obwohl ihre Gedanken bereits wieder ins Dunkel der Selbstvorwürfe abschweiften. Hatten diese Leute nicht doch recht? Hätte sie die Gräueltat vorhersehen müssen?

»Es war nicht Ihre Schuld, und es ist Zeit, dass Sie das den Menschen mitteilen. Jetzt haben Sie endlich die Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen …«

In diesem Moment stürzte sich ein Schwarm Reporter auf sie.

»Dr. Cates! Was haben Sie den Eltern zu sagen, die Ihnen die Schuld geben an …«

»Werden andere Eltern Ihnen überhaupt noch ihre Kinder anvertrauen, nachdem …«

»Was halten Sie von den Berichten, dass man bei der Bezirksstaatsanwaltschaft in Los Angeles Ihren Namen aus dem Therapeutenregister gestrichen hat?«

Endlich sprang Frank in die Bresche, trat vor Julia und ergriff schützend ihre Hand. »Die Klage gegen meine Mandantin ist soeben abgewiesen worden …«

»Wegen eines Verfahrensfehlers!«, schrie jemand.

Während sich nun alle auf Frank konzentrierten, löste Julia sich aus der Menge, schlich sich unbemerkt nach hinten und rannte zur Tür. Sie wusste, wie viel Wert Frank darauf legte, dass sie eine Erklärung abgab, aber das war ihr momentan ziemlich gleichgültig. Sie fühlte keinen Triumph, sie wollte nur fort, raus aus diesem Gebäude … zurück ins wirkliche Leben.

An der Tür standen die Zunigas und versperrten ihr den Weg. Sie waren blass und schienen um Jahre gealtert, als hätte der Kummer sie ihrer Lebenskraft beraubt.

Mrs Zuniga sah Julia mit Tränen in den Augen an.

»Amber hat Sie beide geliebt«, sagte Julia leise, wohl wissend, dass sie für diese Leute letztlich nichts tun konnte. »Und Sie waren ihr gute Eltern. Lassen Sie sich von niemandem etwas anderes einreden. Amber war krank. Ich wünschte …«

»Sagen Sie das nicht«, fiel ihr Mr Zuniga ins Wort. »Wünschen tut am meisten weh.« Dann legte er den Arm um seine Frau und zog sie an sich.

Julia zermarterte sich den Kopf nach einem tröstlichen Satz, aber da ihr in dem unbehaglichen Schweigen nichts anderes einfiel als: »Es tut mir leid« – was sie schon unzählige Male beteuert hatte –, stammelte sie nur: »Auf Wiedersehen«, presste sich die Handtasche an die Brust, drängte sich an den beiden vorbei und trat hinaus ins Freie.

Die Welt außerhalb des Gerichtsgebäudes war trüb und trostlos. Eine dicke Dunstschicht bedeckte den Himmel, verschleierte die Sonne und passte insofern genau zu Julias Stimmung.

So rasch sie konnte, stieg sie in ihr Auto und fuhr davon. Während sie sich in den Verkehr einordnete, fragte sie sich, ob Frank überhaupt merkte, dass sie nicht mehr da war. Für ihn war das alles ein Spiel, wenn auch mit hohem Einsatz, und als Tagessieger war er sicherlich in Hochstimmung. An die Opfer und ihre Familien erinnerte er sich wahrscheinlich erst wieder heute Abend, nachdem er es sich mit einem Scotch on the Rocks gemütlich gemacht hatte. Dann dachte er bestimmt auch an sie. Womöglich überlegte er sogar, was aus einer Psychologin werden würde, die in großem Stil versagt und ihren Ruf verspielt hatte. Aber sicher grübelte er darüber nicht allzu lange – das war zu gefährlich.

Auch sie musste die Angelegenheit hinter sich lassen. Heute Abend würde sie allein in ihrem Bett liegen, der Brandung lauschen, die klang wie ihr eigener Herzschlag, und sich nicht zum ersten Mal bemühen, ihren Kummer und ihre Schuldgefühle zu überwinden. Aber sie musste doch herausfinden, welchen Hinweis sie übersehen hatte, welches Signal ihr entgangen war! Sicher, die Erinnerung würde wehtun, am Ende würde der Schmerz sie allerdings zu einer besseren Therapeutin machen. Und dann, um sieben Uhr morgens, würde sie sich anziehen und wieder zur Arbeit gehen.

Anderen Menschen helfen.

So würde sie die schwere Zeit überstehen.

*

Mädchen kauert am Höhlenrand und sieht zu, wie das Wasser vom Himmel fällt. Eigentlich möchte sie eine von den leeren Dosen in die Hand nehmen, die überall herumliegen, und sie vielleicht noch mal innen auslecken, aber das hat sie schon zu oft getan. Alles Essbare ist weg. So lange schon, dass sie die Monde nicht mehr zählen kann. Hinter ihr sind die Wölfe unruhig, hungrig.

Der Himmel grummelt und brüllt. Die Bäume zittern vor Angst, und noch immer tropft das Wasser herunter.

Sie schläft ein.

Plötzlich schreckt sie auf, sieht sich um, wittert die Luft. Ein seltsamer Geruch durchzieht die Dunkelheit. Sie sollte sich lieber in das tiefe schwarze Loch verkriechen, aber sie kann sich nicht richtig bewegen. Ihr Magen ist so eng und leer, dass es wehtut.

Das Wasser fällt nicht mehr so heftig, sondern ist sanft geworden. Wenn sie doch nur die Sonne sehen könnte. Bei Sonnenschein ist das Leben besser. In der Höhle ist es immer so dunkel.

Ein Zweig knackt.

Dann noch einer.

Sie wird stocksteif und versucht sich vor der Höhlenwand unsichtbar zu machen, ein Schatten, flach und regungslos. Sie weiß, wie wichtig es sein kann, sich nicht zu rühren.

Bald kommt Er wieder. Er ist schon viel zu lange weg. Es gibt nichts mehr zu essen. Die Sonnentage sind vergangen, und obwohl Mädchen froh ist, dass Er nicht da ist, fürchtet sie sich ohne Ihn. In einer Zeit, die längst vergangen ist, da hätte Sie geholfen, aber Sie ist TOT.

Als der Wald wieder still wird, beugt sie sich vor, hält ihr Gesicht in das graue Licht Dadraußen. Langsam nähert sich die Dunkelheit der Schlafnacht, bald wird sie sich überall ausbreiten. Das fallende Wasser ist weich und süß. Sie mag den Geschmack.

Was soll sie tun?

Nachdenklich betrachtet sie den Welpen, der neben ihr kauert. Auch er ist wachsam und wittert. Sie berührt sein weiches Fell und spürt das Zittern in seinem Körper. Wahrscheinlich fragt er sich das Gleiche: Wird Er zurückkommen?

Bisher war Er immer nur einen Mond weg, oder höchstens zwei. Aber seit Sie tot ist, hat sich alles verändert. Als Er gegangen ist, hat er sogar mit Mädchen gesprochen.

SEIBRAVSOLANGICHWEGBINKAPIERT.

Sie versteht nicht alle diese Wörter, doch sie kennt Kapiert.

Trotzdem, Er ist einfach zu lange weg. Es gibt nichts zu essen. Sie hat sich losgemacht und ist in den Wald gegangen, um Beeren und Nüsse zu suchen, aber jetzt kommt die dunkle Jahreszeit. Außerdem wird sie bald zu schwach sein, um Essen zu suchen. Wenn das Weiße vom Himmel fällt und ihren Atem in Nebel verwandelt, wird es sowieso bald gar nichts mehr geben. Obwohl sie sich fürchtet, obwohl sie schreckliche Angst hat vor den Fremden, die Dadraußen leben – wenn sie hier bleibt, wird sie verhungern, und wenn Er zurückkommt und sieht, dass sie sich losgemacht hat, steht ihr Schlimmes bevor. Sie muss etwas unternehmen.

*

Das Städtchen Rain Valley, das zusammengekauert zwischen der Wildnis des Olympic National Forest und der grauen Brandung des Pazifischen Ozeans lag, war die letzte Bastion der Zivilisation, bevor der dunkle dichte Regenwald begann.

Nicht fern von der Stadt gab es Orte, die noch nie von einem Sonnenstrahl berührt worden waren, Stellen, an denen der schwarze Lehmboden das ganze Jahr über im Schatten lag und es so dunkel war, dass die wenigen beherzten Wanderer, die sich hierher wagten, oft dachten, sie wären im Winterquartier eines Bären gelandet. Seit Jahrhunderten hatten sich diese Wälder nicht verändert, und noch heute, im Zeitalter wissenschaftlicher Wunder, waren sie unerforscht, vom Menschen unberührt.

Vor knapp hundert Jahren kamen Siedler an diesen wunderschönen Ort zwischen Regenwald und Meer und rodeten gerade so viel Land, dass sie darauf in bescheidenem Maß Ackerbau betreiben konnten. Allerdings lernten sie mit der Zeit das Gleiche, was die einheimischen Indianer schon lange vor ihnen erfahren hatten: Dieses Land ließ sich nicht zähmen. Also legten sie Pflug und Harke beiseite und widmeten sich stattdessen der Fischerei. Lachs und Holz wurden die beiden Haupteinnahmequellen, und ein paar Jahrzehnte lang florierte das Städtchen. Aber in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckten die Umweltschützer Rain Valley und machten es sich zur Aufgabe, Vögel, Fische und Bäume zu retten. Die Menschen jedoch, die vom Land gelebt hatten, wurden in diesem Kampf vergessen, und so ging es mit Rain Valley still und leise bergab. Die hochfliegenden Pläne wohlhabender Bürger scheiterten, einer nach dem anderen. Die Straßenlaternen, auf die man sich so gefreut hatte, wurden nie aufgestellt, die Straße zum Mystic Lake blieb ein zweispuriges Minenfeld mit einer immer dünner werdenden Asphaltdecke und immer tieferen Schlaglöchern. Telefon- und elektrische Leitungen blieben, wo sie waren, nämlich oben in der Luft, hangelten sich faul von einem alten Pfosten zum nächsten und dienten bei jedem Sturm den Baumästen als willkommener Vorwand, mal wieder die Energiezufuhr für die Stadt zu unterbrechen.

In einem anderen Teil der Welt, dort, wo der Mensch seine Ansprüche schon vor langer Zeit durchgesetzt hat, hätte der schleichende Verfall einer Stadt dem Gemeinsinn der Bürger möglicherweise den Todesstoß versetzt, aber nicht hier. Die Menschen von Rain Valley waren robust, hartnäckig und daher auch willens und fähig, an einem Ort zu leben, wo es an mehr als zweihundert Tagen im Jahr regnete und die Sonne die Rolle des reichen Onkels spielte, der nur selten einmal zu Besuch kam. Sie meisterten graues Wetter, morastige Wiesen, immer rarer werdende Arbeitsplätze und blieben trotz allem Söhne und Töchter der Pioniere, die es gewagt hatten, sich unter diesen hoch aufragenden Baumriesen niederzulassen.

Heute jedoch wurde ihr Langmut auf eine harte Probe gestellt. Man schrieb den 17. Oktober, und der Herbst hatte gerade das Wettrennen gegen den nahenden Winter verloren. Oh, die Bäume trugen noch ihre farbenfrohen Festgewänder, die Wiesen waren nach den Spätsommertagen nun nicht mehr braun, sondern wieder grün geworden, aber es ließ sich dennoch nicht leugnen, dass der Winter Einzug gehalten hatte. Die ganze Woche schon hing der Himmel tief über dem Land, bedeckt von mehreren Schichten düsterer grauer Wolken. Seit sieben Tagen regnete es beinahe ununterbrochen.

An der Ecke von Wheaton Way und Cates Avenue befand sich das Polizeirevier, ein massives graues Steingebäude mit einem Kuppeldach und einem Fahnenmast auf dem grünen Rasen davor. Im Innern des nüchternen Bauwerks reichte das Neonlicht kaum aus, um das Grau einigermaßen in Schach zu halten. Zwar war es erst vier Uhr nachmittags, aber dank des Wetters kam es einem viel später vor.

Die Menschen, die hier arbeiteten, versuchten die widrigen Umstände zu ignorieren. Wenn man sie gefragt hätte – was natürlich niemand tat –, hätten sie wahrscheinlich eingeräumt, dass vier oder auch fünf Regentage völlig akzeptabel waren, vielleicht sogar noch ein paar mehr, wenn es nur nieselte. Doch die jetzige Schlechtwetterperiode war für die Jahreszeit sehr ungewöhnlich. Es war schließlich nicht Januar! Anfangs hatten sie an ihren Schreibtischen gesessen und sich gutmütig darüber beklagt, wenn sie auf dem Weg vom Auto zur Tür nass geworden waren. Inzwischen trommelte der Regen schon so lange aufs Dach, dass man gar keine Lust auf derartige Gespräche mehr verspürte.

Ellen Barton, von ihren Freunden – das heißt eigentlich von sämtlichen Einwohnern der Stadt – kurz Ellie genannt, stand am Fenster und starrte hinaus auf die Straße. Der Regen ließ alles irgendwie unwirklich erscheinen. In der Fensterscheibe, von der das Wasser perlte, erhaschte sie einen Blick auf sich selbst, kein richtiges Spiegelbild, eher ein Schemen, der sich für einen Moment auf dem nassen Glas zeigte. Wie immer sah sie eine jüngere Version ihrer selbst – lange, dichte schwarze Haare, kornblumenblaue Augen, ein strahlendes Lächeln, das gern und oft auf ihrem Gesicht erschien. Ein Mädchen, das in der Schule alle möglichen Beliebtheitswettbewerbe gewonnen hatte und zur Anführerin der Cheerleader gewählt worden war. Wie gewöhnlich, wenn sie an ihre Jugend dachte, sah sie sich in Weiß. Die Brautfarbe. Die Farbe der Zukunftshoffnungen. Des Wunschs nach einer Familie.

»Ich muss unbedingt mal eine rauchen, Ellie, das weißt du doch. Bisher habe ich mich echt gut gehalten, aber allmählich wird es kritisch. Wenn ich nicht bald eine Zigarette kriege, mach ich mich über den Kühlschrank her.«

»Lass es nicht zu, Ellie!«, rief Cal von seinem Platz am Telefon aus. In der Highschool hatten Ellie und ihre Freundinnen ihn wegen seiner schwarzen Haare und scharfen Gesichtszüge »Krähe« genannt. Er war schon immer knochig und ein bisschen ungelenk gewesen, so, als wäre er in seinem Körper nicht richtig zu Hause. Mit seinen fast vierzig Jahren hatte er sich sein jungenhaftes Aussehen bewahrt, nur die dunklen, durchdringenden Augen verrieten seine Lebenserfahrung. »Eiserne Disziplin, keine Zugeständnisse. Was anderes funktioniert doch eh nicht.«

»Ach, halt den Mund!«, fauchte Peanut.

Ellie seufzte. Vor gut einer Viertelstunde hatten sie die gleiche Diskussion schon einmal geführt. Sie stemmte die Hände in die Taille, sodass ihre Fingerspitzen den schweren Pistolengürtel auf ihren Hüften berührten. Dann wandte sie sich an ihre beste Freundin: »Also, Peanut, du weißt ja, was ich dazu zu sagen habe. Wir befinden uns in einem öffentlichen Gebäude. Ich bin die Polizeichefin. Wie kann ich zulassen, dass du das Gesetz missachtest?«

»Genau!«, rief Cal. Gerade machte er den Mund auf, um etwas hinzuzufügen, da kam ein Anruf, und er meldete sich. »Polizeirevier Rain Valley.«

»Oh, richtig«, gab Peanut derweil zurück. »Und auf einmal bist du die große Gesetzeshüterin, Ellie. Was ist mit Sven Morgenstern – der parkt jeden Tag vor seinem Laden, direkt am Hydranten. Wann hast du sein Auto das letzte Mal abschleppen lassen? Und Large Marge klaut jeden Sonntag nach der Kirche zwei Schachteln Eis und ein Fläschchen Nagellack im Drogeriemarkt. Es ist ziemlich lange her, dass ich ein Verhaftungsprotokoll mit ihrem Namen bearbeitet habe. Vermutlich ist das okay, solange ihr Ehemann nur ordnungsgemäß dafür bezahlt …« Sie verstummte, denn beide wussten, dass sie gut noch ein Dutzend solcher Beispiele hätte auflisten können. Hier befand man sich in Rain Valley, nicht in Seattle. Ellie war seit vier Jahren Polizeichefin und hatte davor acht Jahre als Streifenpolizistin gearbeitet. Auch wenn sie sich immer auf alles gefasst machte, hatte sie noch nie ein schlimmeres Verbrechen geahndet als Einbruchdiebstahl.

»Lässt du mich eine Zigarette rauchen – oder soll ich mir ein Donut und eine Dose Red Bull holen?«

»Beides wird dich letzten Endes ins Grab bringen.«

»Ja, aber wenigstens uns nicht gleich mit«, mischte sich Cal wieder ein, der gerade den Hörer auflegte. »Bleib konsequent, Ellie. Sie ist Polizistin. Es geht nicht, dass sie in einem städtischen Gebäude raucht.«

»Du rauchst sowieso zu viel«, bestätigte Ellie.

»Ja, aber dann esse ich weniger.«

»Warum machst du nicht wieder deine alberne Lachs-Diät? Oder die Grapefruit-Geschichte? Die waren beide wesentlich gesünder.«

»Hör auf zu quatschen und gib mir eine vernünftige Antwort. Ich brauch eine Zigarette.«

»Du hast vor vier Tagen angefangen zu rauchen, Peanut«, wandte Cal ein. »Da kannst du kaum behaupten, dass du eine Zigarette brauchst.«

Ellie schüttelte den Kopf. Wenn sie nicht eingriff, würden die beiden sich den ganzen Tag weiterzanken. »Du solltest wieder zu deinen Treffen gehen«, meinte sie seufzend. »Die Weight Watchers haben doch funktioniert.«

»Sechs Monate Kohlsuppe, um zehn Pfund abzunehmen? Das war kein großer Erfolg, finde ich. Komm schon, Ellie, du weißt, dass ich mir gleich ein Donut schnappe.«

Eigentlich wusste Ellie längst, dass sie den Kampf verloren hatte. Sie und Peanut – Penelope Nutter – arbeiteten schon seit über einem Jahrzehnt zusammen in diesem Revier und waren seit der Highschool beste Freundinnen. Über die Jahre hatte ihre Freundschaft schon so manchen Sturm überstanden – bei Ellie unter anderem das Ende von zwei Ehen und bei Peanut die seit Kurzem von ihr vertretene Überzeugung, dass Rauchen der Schlüssel zum Abnehmen war. Sie nannte es ihre Hollywood-Diät und zählte gern all die klapperdürren Berühmtheiten auf, die ebenfalls rauchten.

»Na gut. Aber nur eine.«

Peanut grinste Cal triumphierend zu, legte die Hände auf ihren Schreibtisch und stand auf. Dank der fünfzig Pfund, die sie in den letzten Jahren zugelegt hatte, waren ihre Bewegungen deutlich langsamer geworden. Sie ging zur Tür und machte sie auf, obwohl allen klar war, dass es an einem so nassen und trostlosen Tag keinen Windhauch geben würde, der den Rauch wegblasen konnte.

Ellie durchquerte den Korridor und ging zu dem Büro im hinteren Gebäudeteil, das theoretisch ihr gehörte. Aber sie benutzte es nicht oft. In einer Stadt wie Rain Valley gab es nur selten offizielle Dinge zu erledigen, und so verbrachte sie die Zeit lieber im Hauptraum bei Cal und Peanut. Jetzt kramte sie unter den Überbleibseln vom Pfannkuchenfrühstück im Vormonat eine Gasmaske hervor, setzte sie auf und ging zurück zu den anderen.

Cal brach in lautes Gelächter aus, während Peanut sich alle Mühe gab, nicht zu grinsen. »Sehr komisch.«

Ellie hob kurz die Maske und sagte: »Vielleicht möchte ich eines Tages Kinder haben, also muss ich meine Gebärmutter schützen.«

»An deiner Stelle würde ich mir weniger Sorgen um das Passivrauchen machen und meine Energie lieber darauf verwenden, endlich einen Mann zu finden, der bereit ist, sich mit dir zu verabreden.«

»Sie hat doch alle durch von Mystic bis Aberdeen«, entgegnete Cal. »Letzten Monat hat sie sogar schon mit diesem UPS-Knaben angebandelt. Mit diesem gut aussehenden Typen, der immer vergisst, wo er den Wagen abgestellt hat.«

Peanut stieß den Rauch aus und hustete. »Ich glaube, du musst deine Ansprüche runterschrauben, Ellie.«

»Man sieht dir echt an, dass du deine Zigarette genießt«, stellte Cal grinsend fest.

Peanut wedelte wegwerfend mit der Hand. »Wir haben über Ellies Liebesleben gesprochen.«

»Ihr beiden redet doch über nichts anderes«, meinte Cal.

Was stimmte.

Ellie konnte nichts dagegen machen – sie liebte die Männer. Nur waren es meistens die falschen. Besser gesagt immer.

Peanut nannte es den Fluch der Provinzschönheit. Wenn Ellie nur ihrer Schwester etwas ähnlicher gewesen wäre und gelernt hätte, sich auf ihren Verstand zu verlassen statt nur auf ihr Aussehen. Aber manche Dinge sollten einfach nicht sein. Ellie hatte gern ihren Spaß, und sie liebte das Verliebtsein. Das Problem war, dass es bisher nie zu einer wahren Liebe geführt hatte. Peanut sagte immer, der Grund sei, dass Ellie nicht wusste, wie man einen Kompromiss einging, das stimmte allerdings nicht ganz. Ellies Ehen – alle beide – waren gescheitert, weil sie attraktive Männer geheiratet hatte, die weder ihre Blicke noch ihre Finger unter Kontrolle hatten. Ihr erster Mann Al Torees, Footballspieler und ein ehemaliger Kapitän der Highschool-Mannschaft, hätte ihr die Männer eigentlich für den Rest ihres Lebens vergällen können, doch sie hatte ein schlechtes Gedächtnis und heiratete ein paar Jahre nach der Scheidung den nächsten gut aussehenden Loser. Beide Männer erwiesen sich als schlechte Wahl, aber die Scheidungen hatten Ellies Hoffnungen keineswegs zerschlagen. Sie glaubte immer noch an die Liebe und wartete auf ihren Traumprinzen. Schließlich wusste sie, dass die wahre Liebe existierte, das hatte sie bei ihren Eltern mit eigenen Augen gesehen. »Wenn ich meine Ansprüche noch weiter runterschraube, Pea«, entgegnete sie jetzt auf den Vorschlag ihrer Freundin, »dann lande ich bald im Tierreich. Vielleicht kann Cal mich mal mit einem von seinen merkwürdigen Freunden vom Comic-Kongress bekannt machen.«

Cal machte ein gekränktes Gesicht. »Wir sind überhaupt nicht merkwürdig.«

»Na klar«, meinte Peanut sarkastisch, während sie wieder den Rauch in die Gegend blies. »Erwachsene Männer, die Männer in Strumpfhosen toll finden.«

»Wie du das sagst, klingt es, als wären wir schwul.«

»Wohl kaum«, lachte Peanut. »Schwule Männer haben Sex. Deine Freunde tragen Matrix-Kostüme in der Öffentlichkeit. Wie du Lisa gefunden hast, ist mir sowieso schleierhaft.«

Bei der Erwähnung von Cals Frau trat plötzlich betretenes Schweigen ein. Die ganze Stadt wusste, dass sie das war, was man landläufig eine Rumtreiberin nannte. Ständig wurde hinter vorgehaltener Hand über sie getuschelt, die Männer lächelten und die Frauen runzelten die Stirn, wenn sie den Namen hörten. Aber hier auf der Polizeistation war das Thema Lisa tabu.

Cal las weiter in seinem Comic und kritzelte nebenbei gelegentlich etwas auf seinen Skizzenblock. Sie wussten alle, dass es jetzt eine Weile still sein würde.

Ellie setzte sich an ihren Schreibtisch und legte die Füße hoch.

Peanut lehnte sich an die Wand und starrte ihre Freundin durch eine Rauchwolke an. »Ich habe gestern Julia in den Nachrichten gesehen.«

Cal blickte auf. »Wirklich? Ich muss echt mehr fernsehen.«

Langsam zog Ellie die Gasmaske vom Gesicht und legte sie auf die Tischplatte. »Man hat die Anklage gegen sie fallen lassen.«

»Hast du sie angerufen?«

»Klar. Die Ansage auf ihrem Anrufbeantworter klingt super. Ich glaube ja, sie meidet mich.«

Peanut trat einen Schritt auf sie zu, und die alten Eichendielen, die um die Jahrhundertwende unter Polizeichef Bill Whipman verlegt worden waren, ächzten unter ihrem Gewicht. Aber wie alles in Rain Valley waren sie stabiler, als sie auf den ersten Blick aussahen – hier waren die Dinge ebenso widerstandsfähig wie die Menschen. »Dann versuch es eben noch mal.«

»Du weißt, wie eifersüchtig Julia auf mich ist. Gerade jetzt würde sie auf gar keinen Fall mit mir reden wollen.«

»Du denkst doch bei allen, dass sie eifersüchtig auf dich sind.«

»Stimmt überhaupt nicht.«

Peanut warf ihr einen ihrer Blicke zu, die geradezu überdeutlich fragten: Wen willst du denn damit auf den Arm nehmen?, und die zu den Eckpfeilern ihrer Freundschaft gehörten. »Ach komm, Ellie. Deine kleine Schwester sah aus, als ginge es ihr überhaupt nicht gut. Willst du vielleicht so tun, als könntest du nicht mit ihr reden, weil du vor zwanzig Jahren zur beliebtesten Schülerin gewählt worden bist, während sie im Matheclub versauerte?«

In Wahrheit hatte auch Ellie den gehetzten Ausdruck in Julias Augen wahrgenommen, und am liebsten wäre sie sofort losgerannt und hätte ihrer Schwester auf jede nur erdenkliche Weise geholfen. Julia hatte sich schon immer alles viel zu sehr zu Herzen genommen, deshalb war sie ja auch so eine großartige Psychologin. »Sie hört nicht auf mich, Peanut. Das weißt du doch. Sie hält mich für etwa so intelligent wie fünf Meter Feldweg. Vielleicht …«

Sie verstummte abrupt. Schritte näherten sich dem Büro. Sie näherten sich nicht nur, nein, jemand kam draußen angerannt!

Im gleichen Moment, in dem die Tür so heftig aufgerissen wurde, dass sie gegen die Wand knallte, sprang Ellie auf die Füße.

Lori Forman stürzte ins Zimmer. Sie war klatschnass und allem Anschein nach halb erfroren, denn sie zitterte am ganzen Körper. Um sie herum wuselten ihre Kinder, Bailey, Felicia und Jeremy.

»Ihr müsst sofort mitkommen!«, keuchte sie.

»Holen Sie erst mal Luft, Lori. Und dann erzählen Sie uns, was los ist, immer schön der Reihe nach«, sagte Ellie.

»Ihr werdet es mir nicht glauben, wenn ich es euch sage. Himmel, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen und glaub es trotzdem nicht. Los, kommt schon, da ist was auf der Magnolia Street.«

»Herrlich!«, jubelte Peanut. »Endlich passiert mal was in unserem Kaff!«

Eilig griff sie nach ihrer Jacke, die am Garderobenständer neben ihrem Schreibtisch hing. »Beeil dich, Cal. Lass die Anrufe auf dein Handy umleiten. Wir wollen doch die Aufregung nicht versäumen.«

Aber Ellie war als Erste aus der Tür.

Zweites Kapitel

Ellie manövrierte den Streifenwagen in eine Parklücke an der Ecke Magnolia und Woodland Street und stellte den Motor ab. Er hustete noch ein paarmal wie ein alter Mann, dann war er still. Zeitgleich hörte es auf zu regnen, und die Sonne brach durch die Wolken.

Selbst Ellie, die ihr ganzes Leben in dieser Gegend verbracht hatte, staunte über den jähen Wetterumschwung. Es war ein magischer Moment, ein Augenblick, in dem sich jedes Blatt und jeder Grashalm messerscharf von allen anderen abzuheben schien, ein Augenblick, in dem die allmählich näher rückende Nacht das vom Regen polierte Sonnenlicht weich zeichnete und die Welt in einem unbeschreiblichen, atemberaubenden Glanz erstrahlen ließ.

Auf dem Beifahrersitz beugte Peanut sich vor, und das Vinylpolster ächzte. »Ich kann nichts sehen.«

»Ich auch nicht.« Letzteres kam von Cal, der aufrecht auf dem Rücksitz thronte, als wollte er seinen langen, schlaksigen Körper in drei ordentliche Drittel falten. Die Fingerspitzen presste er aneinander, sodass seine schmalen, knochigen Hände einen spitzen Winkel bildeten.

Ellie inspizierte aufmerksam den Marktplatz. Wolken von der Farbe rostiger Nägel zogen über den Himmel und versuchten, das verblassende Licht zu verschlucken, aber jetzt, wo die Sonne herausgekommen war, ließ es sich nicht so leicht besiegen. Rain Valley schien mit seinen ganzen fünf Straßenzügen in einem geradezu überirdischen Licht zu erstrahlen. Backsteinfassaden, in den glücklichen Tagen der Siebziger erbaut, als der Handel mit Lachs und Holz noch florierte, schimmerten wie gehämmertes Kupfer.

Vor Swain’s Drogeriemarkt hatte sich eine Menschentraube gebildet, eine weitere vor Lulu’s Friseursalon. Zweifellos würden jeden Moment auch die Stammgäste der Kneipe mit dem schönen Namen Pour House auf der Bildfläche erscheinen und sich erkundigen, was alle da eigentlich anstarrten.

»Sind Sie da, Chief?«, ertönte eine Stimme aus dem Funkgerät.

Ellie drückte auf den Knopf und antwortete: »Ja, alles klar, Earl.«

»Kommen Sie zu dem Baum im Sealth Park.« Statisches Rauschen, dann: »Aber bitte langsam. Das meine ich ganz ernst.«

»Du bleibst hier, Peanut. Du auch, Cal«, ordnete Ellie an, während sie ausstieg. Ihr Herz pochte. So einen aufregenden Funkruf hatte sie noch nie empfangen. Meistens bestand ihr Job darin, Leute nach Hause zu fahren, die ein bisschen zu viel getrunken hatten. Oder in der Schule Vorträge über die Gefahren von Drogen zu halten. Aber sie war immer auf alles gefasst. Diese Lektion hatte sie von ihrem Onkel Joe gelernt, der drei Jahrzehnte lang Polizeichef der Stadt gewesen war. Nimm den Frieden nicht für selbstverständlich, hatte er sie oft ermahnt. Er ist zerbrechlich wie Glas.

Sie hatte ihm geglaubt, und obwohl ihre Berufswahl mehr oder weniger ein Zufall gewesen war, war sie in ihren Job hineingewachsen. Sie hielt sich stets auf dem Laufenden, ließ ihre Fähigkeiten auf dem Schießplatz nicht einrosten und wachte mit scharfem Auge über ihre Stadt. Tatsächlich war ihre Arbeit – neben ihrem Aussehen – das Einzige, bei dem sie wirklich Talent bewies, und sie nahm beides gleichermaßen ernst.

Langsam ging sie die Straße hinunter. Wie still es war.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Äußerst ungewöhnlich für eine Stadt, die Klatsch und Tratsch über alles liebte.

Bei jedem Schritt hörte sie das Klacken ihrer Absätze aufs Pflaster. Im Straßengraben sprudelte und plätscherte silbrig schimmerndes Regenwasser. Als Ellie sich der Kreuzung näherte, drangen leise Stimmen an ihr Ohr, und sie sah ein paar Leute, die aufgeregt zum Chief Sealth City Park hinüberdeuteten.

»Da ist sie!«, sagte jemand.

»Chief Barton wird schon wissen, wie man mit so was umgeht.«

An der Ecke blieb Ellie stehen. Earl kam über die Straße auf sie zugerannt, und seine Cowboystiefel veranstalteten einen Lärm, der an Maschinengewehrsalven erinnerte. Er bewegte sich wie eine Marionette an lockeren Fäden, irgendwie ruckartig, abgehackt. Auf seiner Uniform waren nasse Flecken vom Regen.

»Psssst«, zischte Ellie.

Earl Huff verzog schuldbewusst das Gesicht. Mit seinen vierundsechzig Jahren war er schon Polizist gewesen, bevor Ellie geboren wurde, aber er brachte ihr großen Respekt entgegen. »Tut mir leid, Chief.«

»Was ist denn los?«, fragte sie. »Ich kann überhaupt nichts sehen.«

»Vor ungefähr zehn Minuten ist sie aufgetaucht. Direkt nach dem furchtbar lauten Donner. Habt ihr ihn gehört?«

»Aber klar«, antwortete Peanut, keuchend vom schnellen Laufen. Neben ihr stand Cal.

Ellie fuhr ärgerlich herum. »Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt im Wagen bleiben.«

»Das hast du ernst gemeint?«, fragte Peanut ungläubig. »Ich dachte, das war einer von den Befehlen, die du nur der Form halber gibst. Verdammt, Ellie, wir bleiben doch nicht im Wagen hocken, wenn wir endlich mal einen echten Notruf kriegen.«

Cal nickte grinsend. Am liebsten hätte Ellie ihm eine Ohrfeige verpasst, und sie überlegte, ob der Polizeichef von Los Angeles sich wohl auch mit solchen Problemen herumschlagen musste. Seufzend wandte sie sich wieder an Earl. »Erklären Sie mir bitte, was hier eigentlich los ist.«

»Nach dem Donnerschlag hat der Regen aufgehört. Einfach so. Es hat gegossen, und plötzlich war es, als hätte jemand den Hahn abgedreht, und diese Wahnsinnssonne ist rausgekommen. Und da hat der alte Doc Fischer einen Wolf heulen gehört.«

Peanut bekam eine Gänsehaut. »Das ist ja wie in Buffy, als sie …«

»Erzählen Sie bitte weiter, Earl«, unterbrach Ellie sie scharf.

»Mrs Grimm hat das Mädchen zuerst bemerkt. Ich hab mir gerade die Haare schneiden lassen – sagen Sie jetzt bitte nicht ›Welche Haare denn?‹, okay?« Langsam drehte er sich um und deutete zum Park. »Als sie dann dort drüben auf den Baum geklettert ist, haben wir Sie gerufen.«

Ellie starrte zu dem Ahornbaum hinüber, den sie schon ihr Leben lang kannte und unter dessen Blätterdach sie als Kind gespielt, als Teenager geschnorrte Mentholzigaretten geraucht und ihren ersten Kuss bekommen hatte – von keinem Geringeren übrigens als Cal. Auch jetzt konnte sie nichts Ungewöhnliches an dem Baum erkennen. »Soll das Ganze womöglich ein Witz sein, Earl?«

»Heilige Mutter Gottes, setz gefälligst deine Brille auf, Ellie«, antwortete Peanut an seiner Stelle.

Gehorsam fasste sie in ihre Brusttasche und zog die Brille heraus, die sie rezeptfrei im Drogeriemarkt erstanden hatte und die zu brauchen sie nach wie vor leugnete. Irgendwie fühlte sich das Ding fremd und schwer auf ihrer Nase an. Mit zusammengekniffenen Augen durch die ovalen Gläser spähend, machte sie einen Schritt nach vorn. »Ist das …?«

»Ja«, antwortete Peanut.

Hoch oben im herbstlich bunten Laub des Ahornbaums saß ein Mädchen. Wie hatte sie das geschafft, dort hinaufzugelangen? Die Äste waren nass und glitschig vom Regen!

»Woher wissen Sie, dass es ein Mädchen ist?«, erkundigte sich Cal flüsternd bei Earl.

»Ich weiß bloß, dass sie lange Haare hat und ein Kleid trägt. Den Rest hab ich einfach mal geraten.«

Ellie trat noch ein Stückchen vor, um besser sehen zu können.

Das Kind war klein, höchstens fünf oder sechs Jahre alt. Selbst aus der Entfernung konnte Ellie erkennen, wie mager sie war. Die langen schwarzen, völlig verfilzten Haare waren voller Schmutz und Blätter. Und in den Armen hielt sie einen knurrenden Welpen.

Ellie steckte ihre Waffe zurück ins Halfter. »Bleibt hier.« Nach ein paar Schritten blieb sie stehen und sah sich zu Peanut und Cal um. »Ich meine es ernst, ihr beiden. Bringt mich nicht dazu, euch zu erschießen.«

»Ich rühr mich nicht von der Stelle«, versprach Peanut. »Ich erstarre zur Salzsäule«, fügte Cal hinzu.

Ellie hörte aufgeregtes Gemurmel, als sie über die Kreuzung schritt. Kurz vor dem Ziel nahm sie die Brille ab, denn sie vertraute nicht darauf, dass sie durch eine geschliffene Linse die Wirklichkeit so sah, wie sie war.

Ungefähr anderthalb Meter vor dem Baum blieb sie stehen und blickte hinauf. Das Kind kauerte immer noch dort, unglaublich hoch oben auf einem Ast. Es war eindeutig ein Mädchen. Allem Anschein nach machte es ihr keine Schwierigkeiten, sich im Gleichgewicht und den Welpen im Arm zu halten, aber ihre Augen waren weit aufgerissen und verfolgten wachsam jede Bewegung. Das arme Ding war offenbar völlig verängstigt.

Und verdammt wollte sie sein, wenn der Welpe auf ihrem Arm kein Wolf war!

»Hey, Kleines«, sagte Ellie mit leiser, freundlicher Stimme. Wie so oft wünschte sie sich, sie hätte selbst Kinder. Jetzt wäre eine durch und durch mütterliche Stimme genau das Richtige. »Was machst du denn da oben?«

Der kleine Wolf knurrte und bleckte die Zähne.

Ellie sah dem Mädchen in die Augen. »Ich tu dir nichts. Ehrlich.«

Keine Reaktion, das Kind zuckte nicht mit der Wimper und rührte auch keinen Finger.

»Fangen wir noch mal an. Ich bin Ellen Barton. Und wie heißt du?«

Auch darauf keine Antwort.

»Ich schätze, du bist irgendwo weggelaufen. Oder du spielst ein Spiel. Als ich noch ein kleines Mädchen war, hab ich mit meiner Schwester im Wald Piraten gespielt. Und Aschenputtel. Das war mein Lieblingsspiel, weil Julia dann das Zimmer saubermachen musste, während ich hübsche Kleider anziehen und zum Ball gehen konnte. Als große Schwester hat man es immer besser.«

Es kam ihr vor, als würde sie mit einem Foto sprechen.

»Warum kletterst du nicht einfach runter, bevor du am Ende noch fällst? Ich passe schon auf, dass dir nichts passiert.«

Noch etwa eine Viertelstunde redete Ellie in diesem Stil weiter, über alles, was ihr einfiel, aber dann gingen ihr die Themen aus. Kein einziges Mal hatte die Kleine sich auch nur bewegt. Offen gesagt sah es nicht mal danach aus, als würde sie überhaupt atmen.

Schließlich gesellte sich Ellie wieder zu Earl, Peanut und Cal.

»Wie kriegen wir sie da bloß runter, Chief?«, fragte Earl mit besorgtem Gesicht, die blasse, verschwitzte Stirn in tiefe Falten gelegt. Nervös strich er sich über den Kopf und glättete die spärlichen roten Haarsträhnen, die er seit unzähligen Jahren fein säuberlich über die kahlen Stellen kämmte.

Doch auch Ellie hatte keine Ahnung, wie sie dieses Problem bewältigen sollten. In der Polizeiwache gab es alle möglichen Hand- und Lehrbücher, die sie für ihre Prüfung zum großen Teil auswendig gelernt hatte. Sie enthielten Kapitel über Mord, Körperverletzung, Raub und Entführung, aber kein verdammtes Wort darüber, wie man ein Kind, das nicht sprach, und einen knurrenden Wolfswelpen von einem Baum auf der Main Street herunterkriegen konnte. »Hat jemand sie raufklettern sehen?«

»Ja – Mrs Grimm. Sie sagt, sie hat gleich gemerkt, dass die Kleine irgendwas im Schilde führt und wahrscheinlich einen Apfel klauen wollte. Als Doc Fischer sie deshalb angeschrien hat, ist die Kleine über die Straße gesaust und auf den Baum gesprungen.«

»Gesprungen?«, wiederholte Ellie. »Sie sitzt bestimmt sechs Meter hoch.«

»Ich hab’s auch nicht geglaubt, Chief, aber mehrere Zeugen haben das Gleiche berichtet. Und das Mädchen ist gerannt wie der Wind. Mrs Grimm hat sich bekreuzigt, als sie es mir erzählt hat.«

Ellie spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam. Bis zur Abendessenszeit würde die ganze Stadt die Geschichte von dem Mädchen gehört haben, das rannte wie der Wind und auf Ahornbäume sprang. Als Nächstes erzählte man sich dann, dass Feuer aus ihren Fingerspitzen loderte und sie von Ast zu Ast fliegen konnte.

»Wir brauchen einen Plan«, stellte Ellie fest, mehr zu sich selbst als zu sonst jemandem.

»Die freiwillige Feuerwehr hat Scamper damals aus der Douglasfichte in der Peninsula Road geholt.«

»Scamper ist eine Katze, Earl«, entgegnete Peanut und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Das weiß ich auch, Penelope. Es ist ja nicht so, als hätten wir irgendwo einen Vorschriftenkatalog für den Fall, dass ein Kind auf einem Baum sitzt. Mit einem Wolf auf dem Schoß«, fügte er hinzu.

Ellie legte kurz die Hand auf seinen Arm. »Das ist an sich eine gute Idee, Earl, aber die Kleine ist total verängstigt. Wenn wir mit einer großen roten Leiter anrücken, stürzt sie womöglich ab.«

Peanut klopfte sich mit ihren langen, lila lackierten und mit Sternchen verzierten Fingernägeln auf die Zähne, stets ein Zeichen angestrengten Nachdenkens. Schließlich sagte sie: »Ich wette, sie hat Hunger.«

»Das glaubst du doch von jedem«, gab Cal zu bedenken. »Quatsch.«

»Von wegen. Wie wäre es denn, wenn ich mal versuche, mit dem Mädchen zu reden, Ellie?«, fragte Cal. »Meine Sarah ist ungefähr in ihrem Alter.«

»Nein, lass mich mit ihr sprechen«, protestierte Peanut. »Ich bin schließlich eine Mama.«

»Und ich ein Papa.«

»Haltet mal die Luft an, ihr beiden«, fauchte Ellie. »Earl, gehen Sie bitte rüber zum Imbiss und holen Sie ein schönes warmes Essen. Und Milch. Vielleicht auch noch ein Stück von Barbaras Apfelkuchen.«

»Sie sind ein Genie, Ellie. Mrs Grimm hat ja gleich gemeint, das Mädchen wollte was zu essen stehlen«, strahlte Earl. »So was hab ich schon mal in so einer Polizeiserie gesehen. Ich glaube, es war …«

»Das mit dem Essen war aber meine Idee«, plusterte Peanut sich auf.

»Du redest doch sowieso dauernd vom Essen«, meinte Cal. »Das fällt schon keinem mehr auf.«

»Und seht zu, dass die Straßen frei sind«, unterbrach Ellie ihr Geplänkel, ehe es wieder richtig in Gang kam. »Ich möchte freie Bahn haben, mindestens zwei Häuserblocks weit.«

Earls Lächeln verblasste. »Die Leute werden aber bestimmt nicht weg wollen.«

»Wir sind das Gesetz, Earl. Sie müssen einfach durchgreifen.«

Er sah sie von der Seite an. Mit so etwas hatten sie beide nicht allzu viel Erfahrung. Obwohl Earl seit Jahrzehnten auf diesen Straßen Streife ging, hatte er die meiste Zeit davon mit Kaffeetrinken verbracht und ab und zu einen Strafzettel für Falschparken ausgestellt. »Vielleicht sollte ich Myra holen. Auf die hören alle.«

»Sie brauchen doch nicht Ihre Frau, um die Straße frei zu bekommen, Earl. Wenn es sein muss, verteilen Sie eben Strafzettel. Sie wissen, wie das geht.«

Earl sackte resigniert in sich zusammen und machte sich auf den Weg zurück zum Friseursalon. Schon als er den Drogeriemarkt erreichte, scharte sich die Menge um ihn. Kurz darauf erklang ein kollektiver Laut der Enttäuschung.

Peanut verschränkte wieder die Arme und schnalzte mit der Zunge. »Das ist echt das Spannendste, seit Raymond Weller mit seinem Auto Thelmas Wohnmobil gerammt hat. Deiner Beliebtheit wird es nicht gerade zuträglich sein, wenn du sie vertreibst.«

Ellie sah ihre Freundin an. »Sie?«

Peanut machte große Augen. »Du meinst doch nicht etwa, dass ich auch nicht dabei sein darf, oder?«

»Da oben sitzt ein vollkommen verängstigtes kleines Mädchen, Pea, und es hat ganz den Anschein, als stimmt irgendwas nicht mit ihr. Da hat es für mich wohl kaum oberste Priorität, dafür zu sorgen, dass die Einwohner von Rain Valley – du eingeschlossen – sich gut amüsieren. Du und Cal, ihr geht jetzt erst mal aufs Revier zurück und holt mir irgendeine Art Netz. Vermutlich wird es nicht ganz einfach sein, das arme Ding einzufangen. Ruf Nick in Mystic an. Und frag bei Ted nach, ob im Naturpark vielleicht ein Kind vermisst wird. Cal, du meldest dich bei Mel. Vermutlich ist er irgendwo am Parkeingang und versucht, Strafzettel an Touristen loszuwerden. Sag ihm, er soll ein bisschen in der Stadt rumfragen. Die Kleine ist nicht aus der Gegend, aber vielleicht ist sie bei jemandem zu Gast.«

»Ich für mein Teil gehöre zu den Menschen, die Anweisungen befolgen können«, verkündete Cal und machte sich auf den Weg zum Streifenwagen.

Peanut hingegen rührte sich nicht vom Fleck.

»Los, ab mit dir«, sagte Ellie.

Peanut seufzte tief und dramatisch. »Na gut, ich geh ja schon.«

*

Anderthalb Stunden später war auf den Straßen von Rain Valley Stille eingekehrt. Sämtliche Geschäfte hatten geschlossen, die Parkplätze waren wie leergefegt. Knapp außer Sichtweite standen zwei Polizeisperren. Ohne Zweifel genossen Peanut und Cal ihre Funktion als offizielles Sprachrohr der Polizeichefin.

»Vermutlich findest du es komisch, dass eine Frau hier Polizeichef ist«, sagte Ellie gerade und versuchte so ruhig wie möglich auf der überaus harten Bank unter dem Ahornbaum sitzen zu bleiben. Inzwischen war sie schon fast eine Stunde hier, und es wurde immer deutlicher, dass sie das Mädchen nicht überreden konnte, freiwillig herabzusteigen. Was eigentlich auch kein Wunder war. Zwar war Ellie in der Lage, ein Auto selbst mit hundertsechzig Stundenkilometern noch sicher zu steuern, aus hundertfünfzig Metern mit ihrer Pistole einen Vogel zu treffen und einen erwachsenen Mann dazu zu bringen, einen Einbruch zu gestehen, aber mit Kindern kannte sie sich so gut wie überhaupt nicht aus.

Peanut und Cal – die sich mit Kindern bestens auskannten – glaubten beide, dass Reden das Mittel der Wahl war. Deshalb war diese Methode ihr Plan A. Alle waren der Meinung, dass es wünschenswert war, wenn das Kind aus freien Stücken herunterkletterte. Also redete Ellie.

Sie warf einen Blick auf den Teller, der am Fuß des Baumes stand. Zwei herrliche Brathähnchen, umgeben von Apfel- und Orangenstücken. Auf einem Extrateller ein frisch gebackener Apfelkuchen. Ein paar Papierteller und Gabeln, ordentlich aufgestapelt. Das Glas Milch war sicher längst nicht mehr eiskalt.

Bestimmt wäre richtiges Kinderessen besser gewesen – Cheeseburger, Pommes und Pizza. Warum war ihr das nicht schon vorher eingefallen?

Trotzdem duftete es köstlich. Ellies Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass die Zeit zum Mittagessen längst verstrichen war. Und sie war es nicht gewohnt, Mahlzeiten auszulassen. Wenn es die Aerobic-Kurse im Tanzstudio nicht gegeben hätte, wäre sie seit der Highschool sicherlich immer dicker geworden. Und weiß der Himmel – eine zierlich gebaute Frau wie sie konnte es sich nicht leisten zuzunehmen. Jedenfalls nicht, solange sie unverheiratet war und Liebe suchte.

Vorsichtig legte sie den Kopf schräg und schielte nach oben.

Das Mädchen erwiderte ihren Blick weiterhin mit einer beunruhigenden Intensität. Ihre Augen unter den dunklen Wimpern hatten die Farbe des Karibischen Meers an einer seichten Stelle. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Ellie an ihre zweiten Flitterwochen. Damals hatte sie zum ersten Mal das Tropenmeer und die Horden kleiner dunkelhäutiger Kinder gesehen, die darin spielten. So mager diese Kinder auch gewesen waren, hatte Ellie doch selten so ein unbeschwertes, fröhliches Lachen gehört.

Nachdenklich sah sie über die Straße zu dem riesigen Rhododendron vor dem Eisenwarenladen. Dahinter versteckte sich ein Mann vom Tierschutz, die Waffe im Anschlag. Sie war mit einem Beruhigungspfeil für den Wolfswelpen geladen. Bei ihm war außerdem noch ein Mann vom örtlichen Tierpark mit Maulkorb und Käfig.

Rede weiter.

Sie seufzte. »Eigentlich wollte ich ursprünglich gar nicht zur Polizei. Ich bin da irgendwie reingeraten – so geht das manchmal in meinem Leben. Aber meine Schwester Julia, die ist genau das Gegenteil von mir. Sie plant immer alles. Schon mit zehn Jahren wusste sie, dass sie Psychologin werden will. Ich war bloß scharf auf ihre Barbie-Sammlung.«

Ellie lächelte wehmütig. »Mit einundzwanzig hab ich zum zweiten Mal geheiratet. Als diese Ehe dann auch in die Brüche ging, bin ich wieder bei meinem Dad eingezogen. Nicht gerade eine Meisterleistung, wenn man schon in einem Alter ist, in dem man Alkohol trinken darf … und das hab ich nebenbei gesagt auch reichlich getan. Junge, Junge, hab ich getrunken. Margaritas und Karaoke waren damals mein Lebensinhalt. Eigentlich hätte ich es gern mal mit einer Band probiert, aber irgendwie hat das nie geklappt. Die Tragödie meines Lebens. Jedenfalls war mein Onkel Joe damals Polizeichef, und er hat eine Abmachung mit mir getroffen: Wenn ich auf die Polizeischule gehe, dann ignoriert er alle meine Knöllchen.« Sie zuckte die Achseln. »Da ich nichts Besseres zu tun hatte, hab ich mich darauf eingelassen. Als ich fertig war, hat Onkel Joe mich eingestellt. Und es wurde immer klarer, dass ich für den Job wie gemacht bin.« Wieder riskierte sie einen verstohlenen Blick zu dem Mädchen hinauf.

Keine Bewegung. Nichts.

Ellies Magen knurrte wieder, sehr laut.

»Ach, was soll’s.« Sie streckte die Hand nach dem Hähnchen aus und riss einen Schenkel ab.

Als sie hineinbiss, musste sie einen Moment vor Wonne die Augen zumachen. Ganz langsam kaute sie und schluckte schließlich.

Die Blätter raschelten. Der Ast knarrte.

Ellie wagte nicht, sich zu rühren. Sie spürte, wie eine Brise durch den Park wehte und die trockenen Blätter vor sich her trieb.

Das Mädchen beugte sich vor. Zwischen ihren Lippen zeigte sich eine rosa Zungenspitze. Ellie bemerkte, dass ein Schneidezahn fehlte.

»Komm«, flüsterte sie. Als das Mädchen nicht reagierte, versuchte sie es anders. Geschichten funktionierten irgendwie nicht, aber vielleicht war die Lösung ja viel einfacher. »Runter. Hier. Hähnchen. Kuchen. Essen.«

Und tatsächlich sprang das Mädchen von seinem Ast herunter, landete geschmeidig wie eine Katze neben dem Essen, lautlos und auf allen vieren, den Welpen immer noch im Arm.

Unmöglich. Ihre Knochen hätten bei dem Aufprall zerbrechen müssen wie dünne Stöckchen.

Ellie spürte, wie sich etwas in ihrem Bauch zusammenzog. Sie war keine realitätsfremde oder abergläubische Person, aber in diesem Augenblick, auf dieser Bank, vor sich dieses schmutzige, magere Kind mit seinem weißen Wolfswelpen, fühlte sie sich plötzlich von einer Art ehrfürchtigem Staunen überwältigt.

Wieder trafen sich ihre Blicke. Die wunderschönen, schaurig blaugrünen Augen schienen alles zu sehen.

Ellie rührte sich nicht, sie wagte nicht einmal zu atmen. Das Mädchen reckte das Kinn, schnupperte und ließ dann den Wolf langsam los, der jedoch dicht an ihrer Seite blieb.

Vorsichtig machte sie einen Schritt auf das Hähnchen zu. Dann noch einen.

Und noch einen.

So leise wie möglich atmete Ellie aus. Das Mädchen bewegte sich wie ein wildes Tier, hielt immer wieder inne und sog die Luft ein, als würde sie wittern. Und der kleine Wolf folgte ihr dicht auf den Fersen.

Doch endlich wandte sie die Augen ab und machte sich über das Essen her.

Etwas Derartiges hatte Ellie noch nie gesehen. Wie sich zwei Rudeltiere über eine gemeinsam getötete Beute hermachen, so stürzten das Mädchen und ihr Wolf sich auf das Hähnchen. Die Kleine riss das Fleisch in Fetzen ab und stopfte es sich gierig in den Mund.

Langsam griff Ellie hinter sich und tastete nach dem Netz. Lieber Gott, bitte mach, dass es funktioniert. Sie hatte nämlich keinen Plan B auf Lager.

Mit einer perfekten Cheerleader-Drehung holte Ellie das Netz hervor und warf es über das Mädchen und den Wolfswelpen. Der Rand kam hart auf dem Boden auf. Als die beiden merkten, dass sie gefangen waren, drehten sie durch.

Das Mädchen warf sich ins Gras, rollte wild herum, ihre schmutzigen Finger krallten nach dem Nylonnetz. Aber je mehr sie sich wehrte, desto enger zog sich die Schlinge zusammen.

Der Wolfswelpe knurrte. Doch dann traf ihn der rote Pfeil zischend in die Seite, er stieß ein überraschtes Jaulen aus, strauchelte und kippte um.

Das Mädchen heulte. Ein schreckliches, qualvolles Geräusch.

»Alles wird gut, Schätzchen«, sagte Ellie und ging langsam auf sie zu. »Hab keine Angst. Er ist nicht verletzt. Ich lasse ihn an einen sicheren Ort bringen, wo es ihm gut geht.«