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Wenn die Vergangenheit das Herz berührt.
Im goldenen Sommer vor dem Ersten Weltkrieg weiß Emily Pendennys, dass ihre Zukunft in einer standesgemäßen Ehe liegt. Von Liebe wagt sie nicht zu träumen. Bis ein geheimnisvoller Fremder in ihr Leben tritt und alles verändert. Doch mit dem drohenden Krieg muss Emily sich entscheiden: zwischen Pflicht und Herz ...
Ein Jahrhundert später sucht Alison Foy Trost in der Geschichte ihrer Familie, während ihr Sohn als Soldat im Ausland dient. Ihre Recherchen führen sie zu einer verborgenen Verbindung zwischen ihren Urgroßeltern und dem berühmten Kriegspoeten Kit Rivers und zu einer Geschichte von Liebe, Verlust und Geheimnissen, die auch ihr eigenes Leben für immer verändern wird …
„Das Medaillon“ von Ruth Saberton: eine fesselnde Familiensaga vor der malerischen Kulisse Cornwalls. Perfekt für alle, die große Gefühle und bewegende Schicksale lieben.
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Seitenzahl: 563
Veröffentlichungsjahr: 2025
Wenn die Vergangenheit das Herz berührt.
Im goldenen Sommer vor dem Ersten Weltkrieg weiß Emily Pendennys, dass ihre Zukunft in einer standesgemäßen Ehe liegt. Von Liebe wagt sie nicht zu träumen. Bis ein geheimnisvoller Fremder in ihr Leben tritt und alles verändert. Doch mit dem drohenden Krieg muss Emily sich entscheiden: zwischen Pflicht und Herz ...
Ein Jahrhundert später sucht Alison Foy Trost in der Geschichte ihrer Familie, während ihr Sohn als Soldat im Ausland dient. Ihre Recherchen führen sie zu einer verborgenen Verbindung zwischen ihren Urgroßeltern und dem berühmten Kriegspoeten Kit Rivers und zu einer Geschichte von Liebe, Verlust und Geheimnissen, die auch ihr eigenes Leben für immer verändern wird …
„Das Medaillon“ von Ruth Saberton: eine fesselnde Familiensaga vor der malerischen Kulisse Cornwalls. Perfekt für alle, die große Gefühle und bewegende Schicksale lieben.
Ruth Saberton wurde in London geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Cornwall. Obwohl sie weit gereist ist, gibt es für sie keinen Ort, der sich mit der rauen Schönheit dieser Küstenlandschaft messen kann. Hier findet sie immer wieder neue Inspiration für ihre Romane. In England gilt sie als absolute Bestsellerautorin.
Im Aufbau Taschenbuch sind von ihr bereits die Romane „Der Liebesbrief“ und „Das Versprechen“ erschienen.
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Ruth Saberton
Das Medaillon
Aus dem Englischen von Uta Hege
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Widmung
Anmerkungen der Autorin
Das Medaillon …
Prolog — Emmy
Kapitel 1 — Alison
Kapitel 2 — Alison
Kapitel 3 — Alison
Kapitel 4 — Alison
Kapitel 5 — Alison
Kapitel 6 — Alison
Momentaufnahmen der Vergangenheit — 1913–1918
Das Foto zu Emily Pendennys’ sechzehntem Geburtstag
Das Gartenparty-Bild
Der Zirkuswagen
Skizzen und Schnappschüsse
Liegestühle und ein Pferd
Der Tag der Rekrutierung, Dickon und die Jungs
Einberufungen und Abschiede
Aufnahmen aus dem Krieg
Kriegsbraut und Kind
Ein Zeitungsfoto von dem großen Brand
Little Churchlands Farm
Kapitel 7 — Alison
Epilog — Alison
Impressum
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Für Trude
und Penny.
Bereits 2017 bin ich beim Schreiben meines Romans Der Liebesbrief in die Welt und Landschaft Cornwalls während des Ersten Weltkriegs abgetaucht. Die Charaktere und Schauplätze haben mich danach lange nicht mehr losgelassen, und ich hatte immer das Gefühl, dass es noch mehr Geschichten aus der Welt Rosecraddicks zu erzählen gibt. Da der Liebesbrief ein eindeutiges Ende hat, war eine traditionelle Fortsetzung nicht möglich, also hätte ich, basierend auf einer schon vor langer Zeit geschriebenen Kurzgeschichte, eine begleitende Erzählung schreiben wollen. Die Stichpunkte dazu hatte ich auf dem Computer abgespeichert, während ich an meinen anderen Büchern schrieb und auch ansonsten rundherum beschäftigt war. Ich dachte immer, eines Tages fände ich vielleicht die Zeit für die Erzählung, auch wenn ich mir niemals hätte träumen lassen, wie es am Ende dazu kam …
Im März 2020 hatte die Covid-19-Pandemie Großbritannien fest im Griff, und da ich unter Asthma leide, musste ich mich möglichst isolieren. Wie das Leben aller anderen änderte auch mein Leben sich über Nacht, und so fern meiner Familie verging ich regelrecht vor Angst und der durch und durch realen Sorge, nicht zu wissen, ob die Menschen, die ich liebe, sicher waren oder wann es wieder möglich sein würde, sie zu sehen. Obwohl ich das Glück hatte, in der wunderschönen Landschaft Cornwalls und am Meer zu sein, haben mir die Erfahrung und das plötzliche Alleinsein Angst gemacht. Ich hatte plötzlich jede Menge Zeit, und das Schreiben war nicht mehr nur meine Leidenschaft, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiente, sondern eine Flucht und gleichzeitiger Trost.
In dieser Zeit kehrte ich in die Welt Rosecraddicks und des Liebesbriefs zurück. In Cornwall trifft man jederzeit und überall auf die Vergangenheit, und ich begann, über die anderen Geschichten nachzudenken, die noch unsichtbar, doch gleichzeitig zum Greifen nahe waren. Also fing ich mit dem Schreiben der Erzählung an, doch als die Charaktere ihre Stimmen fanden, wuchs diese Geschichte immer weiter an, und aus den paar Dutzend ursprünglich geplanten Seiten wurde der Roman das Medaillon. Im Grunde schrieb sich dieses Buch am Ende wie durch Zauberhand fast von allein, und mein Verlustgefühl und meine Ungewissheit in der Covid-19-Zeit kommen mir wie das Echo der Ereignisse im Sommer 1914 vor. Obgleich ich weiter jede Menge Tränen um die Welt vergossen habe, die mir fehlte, tauchten während meiner Zeit am Schreibtisch überraschend ein paar alte Freunde und neue Gesichter auf, um mich auf neue Abenteuer mitzunehmen, und meine alte Kodak VPK beschloss, sie bräuchte eine Hauptrolle in meinem Buch!
Ich schrieb so lange an dem Medaillon, bis die strengsten Lockdown-Regelungen Großbritanniens aufgehoben wurden, und bin wirklich dankbar, weil mich dieses Buch, obwohl im wahren Leben Reisen ausgeschlossen waren, zumindest in Gedanken unterwegs sein ließ und mir auf diese Art geholfen hat, die schwere Zeit zu überstehen. Es geht darin um Liebe und Hoffnung und vor allem um die Zähigkeit der Willenskraft – auch sie als Echos dessen, was während der Arbeit an dem Buch auf der weiten Welt geschah. Das Schreiben des Romans war nicht geplant, aber die Zeit der Abgeschiedenheit hat mich gelehrt, dass man sich auf die guten Dinge, die auch schwere Zeiten mit sich bringen, konzentrieren soll. Neben dem Schreiben dieses Buchs sind die Erfahrungen, für die ich ganz besonders dankbar bin, langsamer zu machen und die Menschen, die ich liebe, noch mehr wertzuschätzen als zuvor. (Wogegen mir die Tatsache, dass ich jetzt Zoom benutzen kann, die Stunden vor dem Fernseher und dass ich wochenlang in Jogginghosen rumgelaufen bin, nicht ganz so wichtig sind.)
Ich hoffe sehr, dass Ihnen das Medaillon gefällt und es denen unter Ihnen, die auch schon den Liebesbrief gelesen haben, eine Freude ist, noch mal in die vertraute Welt zurückzukehren. Und an alle, die erstmals nach Rosecraddick kommen – willkommen im wunderschönen, zeitlosen Cornwall.
Viel Spaß beim Lesen.
Ruth
Juli 2020
… war auf den Grund der Schachtel abgetaucht. Eingehüllt in einen abgewetzten, einmal schwarzen, aber durch das Alter grün gewordenen Fetzen Samtstoff lag es unter einem Berg vergilbter Zeitungen, verblichener Fotos und geliebter Überreste eines Lebens, deren Bedeutung sich inzwischen keinem Menschen mehr erschloss.
Das Medaillon war schwer, mit hübschen Ornamenten und mit einer winzig kleinen, elegant geschwungenen Gravur, die in dem durch die Zeit geschwärzten Silber nicht mehr deutlich zu erkennen war. Die zarte Silberkette war verknotet und verworren wie die Liebesangelegenheiten seiner Trägerin. Sie hatte dieses Medaillon jahrzehntelang getragen, direkt über ihrem Herzen, im Gedenken an das Glück, das ihr für allzu kurze Zeit vergönnt gewesen war. Es war so etwas wie die Liebesgaben in den Pharaonengräbern oder wie die Inschriften der alten Grabsteine auf einem Friedhof auf dem Land. Obwohl das alte Medaillon fast fünfzig Jahre lang geschlafen hatte, ließ sich der Verschluss noch öffnen, und man konnte durch das dünne Glas die Züge eines Mannes sehen. Geschützt vor Licht und Zeit blieb er für alle Zeiten jung, und seine dunklen Augen blitzten so humorvoll wie in dem Moment, als dieses Foto aufgenommen worden war. Sie leuchteten, als ob der Mensch, dem sie gehörten, noch am Leben wäre, auch wenn sie ein Überbleibsel aus der sepiagetönten Ära waren, in der die jungen Männer Uniformen angezogen hatten, um sich durch das Unheil eines Kriegs und metertiefen Schlamm zu kämpfen und in die Geschichte einzugehen.
Obwohl sich niemand mehr an sein Gesicht erinnern konnte und sein Name letztmals von inzwischen längst verstummten Lippen ausgesprochen worden war, fällt nichts jemals der völligen Vergessenheit anheim. Häuser mögen den Besitzer wechseln, und auf ihren Speichern mögen Kisten unter dicken Staubschichten vergraben sein, doch früher oder später ziehen neue Hände all die alten Bücher und vergilbten Aufnahmen aus den Kartons und streichen sie behutsam glatt. Deswegen würde es jetzt nicht mehr lange dauern, bis jemand das alte Medaillon aus seiner abgewetzten samtenen Hülle ziehen und sich fragen würde, wer der attraktive junge Bursche auf dem Foto war. Das Rätsel um das hübsche Schmuckstück und das Foto würde endlich aufgeklärt, denn selbst das bestgehütete Geheimnis findet früher oder später immer einen Weg ans Licht.
Emmy
Cornwall 1914
Die Haltestelle von Rosecraddick war ein abgelegener, kleiner Bahnhof, der am Ende eines holperigen Weges lag. Eine früher wohlhabende Familie aus der Gegend hatte sie errichten lassen, aber seit die Zahl der Lieferungen an sie abgenommen hatte, tauchte nur noch ab und an ein Zug dort auf. Bei diesen seltenen Anlässen jedoch brach wilde Hektik auf dem Bahnsteig aus. Dann blies der Bahnhofsvorsteher in seine Pfeife, zweirädrige Kutschen rumpelten den Weg herauf, und Türen wurden aufgerissen oder fielen krachend zu. Der Dampf, der zischend aus dem Schornstein vorne auf der Lok entwich, wurde von lauten Stimmen übertönt, Fahrgäste stiegen ein und aus, der Träger hievte fluchend irgendwelche schweren Kisten in den oder aus dem Zug, die Hufeisen der Pferde wirbelten die Erde auf, und die Zurückbleibenden schwenkten Taschentücher und riefen den Abreisenden Abschiedsgrüße hinterher. Dann setzte sich der Zug laut zischend wieder in Bewegung, wurde immer kleiner, und die Haltestelle blieb zurück und sehnte sich danach, dass er zurückkam wie ein Bräutigam zu der daheimgebliebenen Braut.
Doch heute war die Haltestelle wie verwandelt und wie alles in dieser fremden, alles andere als schönen neuen Welt vollkommen auf den Kopf gestellt. Das Mädchen, das verzweifelt, ohne Rücksicht auf die Brombeerranken, die sich unterwegs in ihrem Rock verfangen hatten, den gesamten Weg gerannt war, riss die Augen auf und sah sich staunend um. Ein solches Treiben hatte diese Haltestelle seit der Zeit von Königin Victoria, als täglich Züge voll besonderer Leckerbissen für Pendennys Place hier eingefahren waren, nicht erlebt.
Emmy Pendennys griff sich panisch an die Brust. Wie sollte sie inmitten all der Menschen Alex finden? Oder kam sie vielleicht sowieso zu spät, weil er schon abgefahren war? Ihr Herz fing an zu rasen, und sie hatte das Gefühl, als zöge irgendwer ihr Mieder derart fest zusammen, dass sie nur mit Mühe Luft bekam. Alex durfte nicht mit dem Gedanken in den Krieg ziehen, dass sie ihm noch böse war. Er musste wissen, dass sie ihn noch immer liebte, falls …
O nein. So durfte sie nicht denken. Alle sagten, dass der Krieg an Weihnachten vorüber sei, und dann käme Alex wohlbehalten wieder heim. Es könne gar nicht anders sein. Sie sah sich in der Hoffnung um, irgendwo die hochgewachsene Gestalt zu sehen. Er musste ganz in ihrer Nähe sein. Sie würde Alex finden, und sie würden sich versöhnen, ehe es für ihn zur Ausbildung und dann nach Frankreich ging.
Jetzt fuhr der Zug neben dem Bahnsteig ein. Er fauchte wie ein Drache und spie seinen Rauch über den jungen Männern in den khakibraunen Uniformen aus. Eine Blaskapelle spielte »Tipperary«, und die flotte Weise passte zu den bunten Wimpeln, die die Haltestelle schmückten, auch wenn sie in schmerzlichem Kontrast zum Schluchzen all der Frauen stand, die hier versammelt waren, um ihren Männern Lebewohl zu sagen. Fahnen wehten in der Brise, und die Männer stellten sich für Fotos auf. Entschlossen bahnte sich Emmy mit ihren Ellenbogen einen Weg durch das Gedränge, und die fröhliche Musik und die Gesprächsfetzen, die unterwegs an ihre Ohren drangen, bildeten ein seltsames Gemisch aus Stolz und Traurigkeit sowie mühsam unterdrückter Aufregung. Die älteren Männer waren neidisch, weil sie anders als die jungen hier zu Hause bleiben mussten, deshalb gaben sie den Söhnen ein paar letzte Anweisungen mit auf den Weg, als ginge es für sie ins Internat und nicht in einen Krieg, wohingegen sich die Frauen auf die Lippen bissen und die jungen Burschen baten, auf sich aufzupassen und so schnell wie möglich heimzukehren. Die Rufe »Weihnachten ist dieser Krieg vorüber« und »Für König und für Vaterland« waren ihr inzwischen hinlänglich vertraut, denn seit der Kriegserklärung an die Deutschen baute der gestrenge Reverend Cutwell, der Vikar des kleinen Orts, sie jeden Sonntag in die Predigt ein.
In Emmy weckten diese Worte blanke Furcht. Die älteren Männer fühlten sich von ihnen offensichtlich angesprochen, denn sie schlugen ihren Söhnen auf den Rücken und ergingen sich in ihren Erinnerungen an den Burenkrieg. Wie aber sollte Emmy sich dafür begeistern, wenn sie sich tagtäglich einem durch den Krieg gebrochenen Menschen gegenübersah? Mit einem zugenähten Hosenbein, als Parodie des Mannes, der er mal gewesen war, die jetzt in Alkohol und Bitterkeit ertrank? Wo waren die Lieder und die Flaggen und die Predigten, in denen es um diese Menschen ging? Ihr eigener Vater war bestimmt nicht glorreich aus dem Krieg zurückgekehrt. An ihm war nichts mehr wunderbar.
Sie war noch immer außer sich vor Zorn, weil Alex zur Armee gegangen war. Er sprach von Pflicht und von Berufung, doch wie konnten diese inhaltsleeren Worte wichtiger als ihre Liebe sein? Bei dem Gedanken, dass er lieber in den Krieg zog, als sich das geplante Leben mit ihr aufzubauen, wogte frischer Ärger in ihr auf. Für einen neuen Streit, bevor er den vermaledeiten Zug bestiege, aber wäre keine Zeit, deswegen holte sie tief Luft und setzte ihre Suche fort. Sie musste Alex finden und ihm sagen, dass der Grund für ihre spitze Zunge während ihres letzten Treffens ihre Angst um ihn gewesen war. Sie musste beten, dass er das verstand und ihr ihren Wutausbruch verzieh, denn für falschen Stolz oder Verletztheit war jetzt keine Zeit. Sie musste ihre Angst um ihn verdrängen, denn jetzt ging es einzig darum, ihm zu sagen, dass sie ihn noch immer liebte wie am ersten Tag.
Sie bahnte sich den Weg vorbei an einer Gruppe Mädchen aus dem Dorf, die um den Prahlhans Dick Trehunnist, Sohn von einem Pächter ihres alten Herrn, versammelt waren. In seiner Uniform und mit den breiten Schultern war er durchaus attraktiv, doch Emmy konzentrierte sich auch weiter auf die Suche nach dem jungen, rothaarigen Burschen, dessentwegen sie hierhergekommen war. Obwohl sie sich auf die Zehenspitzen stellte, sah sie über diesem Meer aus Uniformen nur den Kopf des Reverends. Er stand auf einer kleinen Bühne und feuerte von dort aus ständig »Für den König und das Vaterland«- und »Zeigt’s den Hunnen«-Salven auf die Menge ab. Die Leute spendeten begeisterten Applaus, und auch der grauhaarige Colonel Rivers nickte seine Worte ab. Als Großgrundbesitzer stand er neben ihm, und etwas weiter standen eine bleiche Lady Rivers und ihr Sohn und Erbe Kit, der in der Uniform des Offiziers kaum noch als Emmys lieber Freund aus Kindertagen zu erkennen war. Selbst Rupert, ihrer beider guter, sanfter Freund, der nicht mal auf die Jagd ging, der Gewehre hasste und die Klassiker studieren wollte, musste irgendwo in Uniform hier auf dem Bahnsteig sein, denn offenbar gab es für ihn und Kit genauso wie für Alex und für all die anderen jungen Männer kein Entrinnen vor dem Krieg.
Bei dem Gedanken wurde Emmy kalt.
Die ganze Welt war in Veränderung begriffen, und am Ende dieses Krieges würde nichts mehr sein, wie es zuvor gewesen war.
Um nicht mehr darüber nachzudenken und vor allem, um nicht aufzufallen und Gefahr zu laufen, dass sich eine von den Frauen erböte, sie als Anstandsdame zu begleiten, tauchte sie aufs Neue in der Menge ab. Sobald sie Alex fände, würde sie ihm außer ihrer fortgesetzten Liebe auch die Ängste, die sie hatte, eingestehen. Das hätte sie schon tun sollen, als er ihr eröffnet hatte, dass er in den Krieg ziehen würde, denn sie hatten sich noch nie was vorgemacht. Sie waren einander gegenüber immer völlig ehrlich, auch wenn eine Wahrheit schmerzhaft war.
Bereits beim allerersten Blick in Alex Winters dunkle Augen waren ihre Herkunft und ihr Titel und die Privilegien von Emily Pendennys abgefallen, und unter ihren seidenen Pantoffeln hatte sich die Welt gedreht. Mit einem scheuen Lächeln hatte dieser unbekannte, rothaarige Bursche direkt in ihr Herz geschaut, als sähe er in einen Felstümpel am Strand und nähme unter der von Wolken und vom Licht verzerrten Oberfläche die verborgenen, geheimnisvollen Wasserkreaturen wahr, die sich dort versteckten. Alex Winter hatte nicht errötend seine Mütze abgenommen, als sie ihm eröffnet hatte, wer sie war. Ihr Status war ihm vollkommen egal gewesen, und in dem Moment war Emmy klar geworden, dass der attraktive Fremde, der ihr ohne Scheu die Hand geschüttelt und sie angelächelt hatte, durch den Wirrwarr ihrer Träume, Hoffnungen und Ängste sie gesehen hatte, nicht Miss Emily Pendennys, Erbin von Pendennys Place und Lady Rivers’ Patenkind. Er war der Mensch, auf den sie schon ihr Leben lang gewartet hatte, ohne dass es ihr bewusst gewesen war.
Als Emmy an ihr zweites Treffen dachte, nahm sie all den Lärm und all das Treiben auf dem Bahnsteig kaum noch wahr. Es kam ihr vor wie gestern, dass sie auf der ausgedehnten Rasenfläche neben einem großen Tisch aus Schmiedeeisen, auf dem sich die Kuchen und die Sandwiches neben einer großen Teekanne aus Silber türmten, ihre Positionen für den Fotografen eingenommen hatten – Lady Rivers in der Mitte zwischen Emmy und dem Colonel und hinter ihnen Kit und Rupert, die mit ihren Kreissägen genannten flachen Strohhüten der Inbegriff der ehrenwerten, jungen Gentlemen gewesen waren. Emmy musste lächeln, als sie daran dachte, denn obwohl sie selbst mit ihrem großen Hut und in dem weißen Kleid wie eine wohlerzogene junge Dame ausgesehen hatte, hatten ihre Knie gezittert, und ihr wilder Herzschlag hätte ihr beinah die Brust gesprengt. Und wenn man sich die Fotos dieses Nachmittags genauer ansah, fielen einem vielleicht ihre großen Augen, die roten Wangen und der Blick auf, der statt der Kamera dem jungen Fotografen selbst gegolten hatte. Dem Fotografen, der das Herz gestohlen hatte, das die Erbin von Pendennys bald dem Sohn der Rivers hätte schenken sollen …
Oh, Alex, hätte Emmy schluchzen wollen. Hätte der Tag doch niemals aufgehört! Ach, könntest du auch weiter sicher auf dem grünen Rasen stehen, im warmen Sonnenlicht, während im Hintergrund eine Kapelle Ragtime spielt! Ach, wäre doch der Sommer nie vorbeigegangen, und wären die inzwischen golden und rot gefärbten Blätter weiter grün. Doch dieser Traum war kindisch, denn die Zeit schritt, wie sie alle wussten, gnadenlos voran.
Ein schrilles Pfeifen riss sie in die Gegenwart zurück, und eilig setzte sie die Suche fort. Sie musste Alex sagen, dass sie nachvollziehen konnte, dass er sich berufen fühlte, zur Armee zu gehen. Sie musste ihm erklären, dass ihre Angst um ihn der Auslöser von ihrer Wut gewesen war. Musste ihn noch einmal fest umarmen und ihm sagen, dass sie ihn noch immer liebte und nur hoffen könnte, er wäre in der Lage, ihr die harschen Worte während ihres letzten Treffens zu verzeihen –
Blind vor Eile stieß sie gegen eine Frau, die sie mit einem missbilligenden Blick bedachte, ehe sie erschrocken ausrief: »Oh. Ich bitte um Verzeihung, Miss Pendennys! Ich habe Sie nicht gleich erkannt!«
Sie achtete nicht weiter auf die Frau und winkte einfach ab, denn da stand Alex, und sie atmete erleichtert auf. Wie immer hielt er sich ein wenig abseits und verfolgte das Geschehen, ohne dass er selbst aktiv daran beteiligt war. In den Händen hielt er eine Kamera, und er hatte seinen Tornister neben seinen Füßen abgestellt. Er machte irgendwelche Bilder. Sogar jetzt?
Dann aber lachte sie. Natürlich. Gerade jetzt!
»Emmy! Du bist gekommen!«
Die Freude, die in seiner Stimme lag, genügte, um zu wissen, dass er ihr verziehen hatte. Mit einem leisen Schluchzen warf sie sich ihm an die Brust.
»Es tut mir leid! Es tut mir leid!«, stieß sie noch immer schluchzend aus und schmiegte ihre Wange an den groben Stoff seiner Uniform. »Ich habe es nicht so gemeint. Ich hatte Angst, Alex. Ich habe es nicht so gemeint. Es tut mir furchtbar leid!«
Er nahm sie in den Arm. »Ich weiß, Emmy. Ich weiß. Natürlich weiß ich das.«
»Ich liebe dich.« Die Tränen drangen in den Stoff der Jacke ein. Wie um ihn für alle Zeiten festzuhalten, klammerte sie sich an Alex fest. »Ich liebe dich so sehr und hatte fürchterliche Angst. Aber all das, was ich dir an den Kopf geworfen habe, habe ich nicht so gemeint.«
Er hob ihr Kinn mit seinem Zeigefinger an und küsste ihr die Tränen fort.
»Schon gut, mein lieber Schatz, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Das ist jetzt vollkommen egal, denn du bist hier, und das bedeutet mir die Welt. Du bedeutest mir die Welt.«
»Genauso wie du mir.«
Er zog sie derart eng an seine Brust, dass sie die schnellen Schläge seines Herzens unter seiner dicken Jacke spüren konnte.
Mit tränenerstickter Stimme fügte sie hinzu: »Ich werde die Minuten zählen, bis du wiederkommst. Hast du gehört?«
»Natürlich. Und ich liebe dich genauso, ganz egal, was auch geschieht. Daran darfst du niemals zweifeln, denn du bist mein Ein und Alles, meine Welt.« Er zog ein schweres Silbermedaillon aus einer Tasche seiner Uniform. »Ich wollte, dass du das hier hast, und hatte es dir bereits an dem Tag, an dem wir uns gestritten haben, geben wollen. Wahrscheinlich dachte ich, das wäre was, was dich …«
Um nicht ein fürchterliches Unglück zu beschreien, brach er ab und fuhr nach kurzem Überlegen fort: »… was du an deinem Herzen tragen kannst, solange ich in Frankreich bin. Ich weiß, es ist kein Ring, aber ich hoffe, dass es dir genügt, bis wir noch mal nach Truro fahren, damit du dir dort einen Ring aussuchen kannst.«
»Natürlich tut es das. Das Medaillon ist wunderschön«, stieß sie mit rauer Flüsterstimme aus und schaute sich das schwere Stück von allen Seiten an. »Es ist das Medaillon, das wir bei unserem Ausflug in die Stadt gesehen haben, stimmt’s?«
An einem sonnenhellen Nachmittag im Mai waren sie zusammen in die Stadt gefahren, denn Alex hatte neue Chemikalien für die Entwicklung seiner Bilder kaufen wollen. Da ihr Vater wieder mal zu viel getrunken hatte und die Frau, die ihnen den Haushalt führte, neben ihrer ganzen Arbeit nicht noch über seine Tochter hatte wachen können, hatte Emily sich heimlich aus dem Haus geschlichen, um ihn zu begleiten. Gemeinsam hatten sie ein paar wundervolle Stunden auf den Kopfsteinpflasterstraßen im Schatten der Kathedrale zugebracht. Im Fenster eines Juweliers hatte das Medaillon auf einem Bett aus dunkelblauem Samt gelegen, und sie hatte sich entzückt die in den Deckel eingravierten Vögelchen und Herzen angesehen. Es war ein wunderschönes Stück, schwer und klassisch, und selbst der Verschluss war hübsch verziert. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie darin einen ganz besonderen Schatz verwahren und ihn immer dicht an ihrem Herzen tragen würde, obwohl sie sich so ein Schmuckstück niemals hätte leisten können, weil es furchtbar teuer war.
»Genau das«, erklärte Alex stolz.
»Aber wie hast du –«
»… dir das leisten können? Das war kein Problem. Ich habe meine Graflex eingetauscht.«
Sie riss schockiert die Augen auf. »Aber du liebst die Kamera.«
»Das stimmt, nur liebe ich dich eben noch viel mehr und wollte, dass du für den Fall der Fälle eine ganz besondere Erinnerung an mich hast.«
Auch ohne, dass er sagte, was für einen Fall er meinte, nickte sie.
»Ich danke dir. Das Medaillon ist wirklich wunderschön.«
Er legte es ihr um den Hals und küsste ihr die Stirn. »So wirst du mich die ganze Zeit am Herzen tragen, meine wunderschöne, wundervolle Emmy.«
Der Vorsteher des Bahnhofs blies in seine Pfeife, Rufe wurden laut, und die Männer stellten sich in ordentlichen Reihen auf. Inzwischen war es wirklich fünf vor zwölf.
»Pass auf dich auf, Alex.« Flehend klammerte sich Emmy an den Aufschlägen seiner Jacke fest, denn plötzlich war ihr vollkommen egal, ob irgendjemand aus Rosecraddick sie mit diesem unpassenden jungen Burschen sah. »Ich bitte dich!«
»Bevor du dich’s versiehst, bin ich zurück«, versprach er ihr. »Denn schließlich sagen alle, spätestens an Weihnachten ist es vorbei. Dann suchen wir uns einen kleinen Baum aus und verbringen eine wundervolle Zeit zusammen, du wirst sehen. Ich bin im Handumdrehen zurück. Nur vier Monate, mein Schatz. Dann bin ich wieder da.«
Er löste sachte ihre Finger von dem rauen Stoff der Uniform, küsste ihre Hände, und sie klappte unglücklich die Augen zu. Vier Monate waren eine Ewigkeit. Aus Angst würde sie tausend Tode sterben, bis er endlich wiederkam.
Er setzte seinen Tornister auf und sah sie an. »Ich werde dir so oft wie möglich schreiben und dir meine Bilder schicken, und dann wird die Zeit im Flug vergehen.«
Sie nickte stumm.
Ein neuerlicher Pfiff erklang. Die Menschen, die an dieser Haltestelle Abschied voneinander nehmen mussten, fielen sich noch einmal in die Arme, und als die Soldaten von den Offizieren angewiesen wurden, in den Zug zu steigen, verzog Alex das Gesicht.
»Dann ist es jetzt also so weit. Komm bitte nicht noch mit zum Zug, Emmy. Das würde ich nicht aushalten. Ich habe nicht denselben Mut wie du.«
»Aber ich bin nicht mutig«, widersprach sie ihm.
»O doch, du bist die mutigste Person, die mir in meinem Leben je begegnet ist«, beharrte er. »Und zweifle bitte nie daran, dass ich dich liebe, Emily. Ich liebe dich und werde wieder heimkommen. Du wirst sehen.«
Emmy fühlte sich nicht im Geringsten mutig oder tapfer, und um sich ihm nicht noch einmal an den Hals zu werfen und ihn anzuflehen, zu bleiben, schlang sie sich die Arme um den Bauch, biss sich in die Lippe und kniff unglücklich die Augen zu. Natürlich war sie nicht die Einzige, die irgendwie versuchen musste, Haltung zu bewahren, denn überall um sie herum wischten sich Frauen die Tränen aus den Augen und versuchten, während ihre Kinder ihren Vätern winkten und »Auf Wiedersehen« riefen, so zu tun, als würden ihre Männer einfach einen Ausflug unternehmen, statt in einen Krieg zu ziehen.
Sie blickte Alex hinterher, als der im Meer der Uniformen verschwand, und als er ihr noch einmal winkte, winkte sie zurück und blinzelte gegen die Tränen an. Und als sie wieder hinsah, hatte ihn die Woge der marschierenden Männer mitgerissen, und sie reckte in dem schmerzlichen Verlangen, einen letzten Blick auf ihren Liebsten zu erhaschen, den Kopf. Doch ebenso abrupt, wie er in ihrem Leben aufgetaucht war, war er jetzt daraus verschwunden, und obwohl sie hier inmitten einer dichten Menschenmenge stand, fühlte sich Emmy so allein wie nie zuvor.
Sie tastete nach ihrem Medaillon, dem jetzt schon größten Schatz, den sie besaß. Bis Alex wiederkäme, hätte sie nur dieses schwere Schmuckstück, das sie allzeit über ihrem Herzen tragen würde, als Beweis der Liebe eines Mannes, der von seinen roten Haaren über seine warmen braunen Augen bis zu seinen Träumen ihr Ein und Alles war.
Alison
Cornwall
Das leere Zimmer setzt mir zu. Die Tür steht offen, und die Sonnenstrahlen, die den Raum erhellen, zeigen mir die Staubpartikel in der Luft und dass das Fenster schon seit Längerem nicht mehr gereinigt wurde. Ich muss es putzen, denke ich, weil Jamie, wenn er dort an seinem Schreibtisch sitzt, gern in den Garten guckt. Dann aber fällt mir ein, dass er nicht hier ist, und wie immer, wenn ich daran denke, wird mir schwer ums Herz. Ich werde meinen Sohn für längere Zeit nicht hier, das Kinn auf seine Hand gestützt, am Schreibtisch sitzen und verträumt durchs Fenster oder stirnrunzelnd auf eine Collegearbeit blicken sehen. Ebenso wenig wird er mit Kopfhörern in den Ohren auf dem Bett lungern und auf dem Smartphone scrollen oder Popcorn futtern, während er und Cally sich zusammen einen Film anschauen. Genauso wie der Anblick unseres gut gefüllten Kühlschranks und der Dose mit den Keksen, die sich jetzt nicht mehr auf wundersame Art von selbst leert, versetzt mir dieses Wissen einen leisen Stich.
Mit einer Hand am Türrahmen und der anderen um den Griff des Eimers bleibe ich kurz auf der Schwelle seines Zimmers stehen. Ich habe Putzzeug sowie eine Rolle schwarzer Mülltüten dabei, weil ich zum ersten Mal seit jenem trüben Morgen im Dezember, als er mir mit dem Seesack über seiner Schulter einen letzten Kuss gegeben hat, in seinem Zimmer Ordnung machen will.
»Bevor du dich’s versiehst, bin ich zurück«, hat er versprochen und mich sanft umarmt. »Die Zeit bis dahin wird im Flug vergehen, du wirst sehen.«
Ich nickte zwar, doch brachte nicht ein zustimmendes, aufbauendes Wort heraus. Es hat mir den Abschied nicht erleichtert, dass mein Sohn schon einmal in Afghanistan war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es jemals leichter werden würde, denn auch wenn mir Steve schon x-Mal in Erinnerung gerufen hatte, dass sie unseren Jungen sehr gut auf die Arbeit bei den Friedenstruppen vorbereitet hatten, haben diese Worte keine größere Bedeutung als das Klappern, wenn man auf dem Gehweg gegen eine leere Dose tritt, denn Jamie ist viel mehr als ein Soldat. Er ist mein Kind. Mein Baby. Und bei dem Gedanken, dass ihm irgendwas passieren könnte, drehe ich fast durch.
»Das alles haben wir doch schon mal durchgemacht«, hatte mir Steve an jenem letzten Morgen zugeraunt, als ich im Bett gelegen und gebetet hatte, dass der Tag des Abschieds sich verschieben ließe. »Er war schon einmal in Kabul und weiß, wie es da läuft. Du musst um seinetwillen stark sein, Ali, denn er macht dort seinen Job, und wenn er sich Gedanken machen würde, weil er weiß, dass wir uns Sorgen machen, würde er dadurch von seiner Arbeit abgelenkt.«
»Ich weiß«, hatte ich schlecht gelaunt erwidert. »Ich wünschte einfach, dass er nicht noch mal zu einem Einsatz müsste. Wünschte mir, er wäre nie auf die Idee gekommen, zur Armee zu gehen.«
Mit einem leisen Seufzer hatte Steve sich abgewandt, und mir war klar gewesen, dass er unzufrieden mit mir war und seine Stirn in Falten lag.
»Er will mit seiner Arbeit seinem Land dienen. Du solltest stolz auf Jamie sein.«
»Ich bin ja stolz auf ihn.« Natürlich war ich das, obwohl die Panik, die ich seinetwegen hatte, jedem meiner Worte deutlich anzuhören gewesen war. Wie eine viel zu straff gespannte Perlenkette hatte ich im Bett gelegen, und wenn diese Kette in dem Augenblick gerissen wäre, wären tausend weitere, grauenhafte Worte aus mir rausgebrochen, doch wenn ich sie ausgesprochen hätte, hätte ich das nicht mehr ungeschehen machen können, und das hätte Steve beim besten Willen nicht verdient. Aber so war es eben mit der Angst. Sie schliff die Zunge wie ein Schwert, mit dem man dann die Menschen, die man mehr als andere liebte, traf.
Ich hatte nicht gewagt, noch mehr zu sagen, deshalb hatte ich die dunkle Zimmerdecke angestarrt. Ich hätte aus dem Bett springen, den Flur hinunterstürmen und Jamie fragen wollen, warum, verdammt noch mal, er zur Armee gegangen war. Ich hätte in sein Zimmer stürzen wollen, um ihn wach zu rütteln und ihn anzuflehen, mir endlich zu erklären, warum er sich derart in Gefahr begab.
Ich konnte es beim besten Willen nicht verstehen. Wie hätte ich das auch gesollt? Als seine Mutter war ich seit dem Augenblick, in dem ich ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, von dem Wunsch geleitet worden, ihn vor allem Unheil zu bewahren. Ich hatte ihn beschützt. Ich hatte ihn genährt. Ich hatte ihn im Arm gehalten, wenn er traurig war, und ihn gepflegt, sooft er krank gewesen war. Ich hatte viel mit ihm gelacht und hatte zugesehen, wie aus dem Baby erst ein Kleinkind und danach ein Schuljunge geworden war. Es gab in unser beider Leben tausend Meilensteine und Millionen von Glücksmomenten, aber auch Erinnerungen an Unglück, Schmerz und Tränen, und wir Eltern hatten ihm geholfen, all das zu überstehen, und das Familienkanu durch die Stromschnellen von Prüfungen, eines herausgenommenen Blinddarms und der Ängste eines Teenagers gelenkt. Und dann, in dem Moment, in dem ich angenommen hatte, dass wir jetzt in ruhigeren Gewässern fahren würden, hatte Jamie uns erklärt, er würde weder auf die Uni noch ein Jahr mit Cally reisen wollen.
O nein. Stattdessen hatte unser Sohn entschieden, zur Armee zu gehen.
Das war ein Schock für mich gewesen, denn in unserer Familie gab es keine derartige Tradition. Abgesehen von der einen oder anderen Geschichte aus dem Weltkrieg haben wir mit diesen Dingen nichts zu tun, und abgesehen von Steves Begeisterung für M*A*S*H sind uns selbst Kriegsfilme egal. Jamie hat als Junge auch nie irgendwelche Ballerspiele in der Art von Call of Duty oder so gespielt. Und statt umgeben von Kasernen leben wir in einem umgebauten alten Bahnhof mitten auf dem Land, und Jamie ist in seiner Kindheit in der Bucht geschwommen, Segelboot gefahren und auf irgendwelchen Bäumen rumgeklettert, wenn er nicht gelesen oder in Gesellschaft unseres Hundes Waffles die Umgebung von Rosecraddick und vor allem die Klippen hier erkundet hat. Er hat auch gern gezeichnet und fotografiert, deswegen hätte ich gedacht, er würde einmal etwas Kreatives machen wollen – Kunstlehrer oder vielleicht Journalist. Ich hätte nie vermutet, dass er je Interesse daran haben würde, zur Armee zu gehen, und mir gegenüber hat er diese Pläne nie auch nur mit einem Wort erwähnt.
Das hat mir wieder mal gezeigt, dass unsere Kinder eigene Persönlichkeiten sind. Natürlich denken wir, wir würden unsere Kinder kennen, denn wir sehen sie als Teil von uns, der unserer Meinung nach genauso denkt und handelt wie wir selbst. Vielleicht ist uns das nicht bewusst, und vielleicht reden wir uns ein, wir würden sie als Individuen sehen und einfach wollen, dass sie glücklich sind und ihren Träumen folgen – doch in Wahrheit wollen wir, dass sie unseren Träumen folgen und den Weg beschreiten, der von uns als ihren Eltern für sie vorgesehen ist. Wir sind schockiert, wenn unsere Kinder uns ihre Geheimnisse enthüllen, und fragen uns dann ein ums andere Mal: »Was habe ich nur falsch gemacht? Wie konnte ich das übersehen? Ist es womöglich meine Schuld?«
Ich habe mich mit diesen Fragen rumgeschlagen, nachdem Jamie uns verkündet hatte, dass er sich dafür beworben hätte, zur Armee zu gehen. Ich war betroffen und hatte Wochen mit dem Versuch zugebracht, ihm die Entscheidung auszureden, doch genauso hätte ich versuchen können, das Meer daran zu hindern, sich bei Ebbe aus der Bucht zurückzuziehen. Er wollte zur Armee und hatte das Gefühl, er hätte keine andere Wahl. Natürlich war auch Steve schockiert gewesen, doch er konnte die Entscheidung unseres Sohnes nachvollziehen und hatte mir erklärt, dort könne man in ganz verschiedenen Bereichen Karriere machen, so als würde ich mich besser fühlen, weil es dort auch Köche, Ingenieure und selbst Gärtner gab.
»Es geht nicht nur darum, zu kämpfen, Liebes«, hatte er gesagt. »Er wird die ganze Welt sehen, und wer weiß, wohin der Job bei der Armee ihn führt? Man kann dort ganz verschiedene, aufregende Wege gehen.«
Das war mir alles klar, und wenigstens vom Kopf her konnte ich verstehen, weswegen Jamie die Armee so spannend fand. Ebenso aber wusste ich, dass dieser Weg nicht ungefährlich war. Wie sollte mir das auch nicht klar sein, wenn es in den Nachrichten im Fernsehen ständig Meldungen von Selbstmordattentätern, Sprengstoffanschlägen und Prinzen gab, die im Staub der Wüste neben ihren Untertanen kämpften? Die Kugeln würden deren Rang genauso wenig respektieren, wie dass ich nicht wüsste, wie ich weiterleben sollte, stieße meinem Jamie etwas zu.
»Er könnte sterben«, hatte ich geflüstert, und als Steve mich in den Arm genommen hatte, hatten meine heißen Tränen sein Hemd durchtränkt. Er hatte einfach schweigend abgewartet und mir irgendwelche Plattitüden oder irgendwelchen falschen Trost erspart. Er war kein Mann, der log und mir Versprechen machte, die sich dann nicht halten ließen, und da er mir meine Angst genauso wenig hatte nehmen können wie die Sorgen, die ihn selbst quälten, hatte er mich einfach festgehalten und mir so versprochen, diese Angelegenheit mit mir zusammen durchzustehen.
»Er wird unsere Unterstützung brauchen, wenn er diese Sache wirklich durchzieht«, hatte ich am Ende festgestellt, mich von Steve losgemacht und mir die Tränen aus dem Gesicht gewischt.
Mit einem unglücklichen Nicken hatte Steve mich durch die Gläser seiner Brille angesehen. »Das stimmt, Ali. Wir können ihn nicht daran hindern, diesen Weg zu gehen, doch wir haben ihn zu einem anständigen jungen Mann erzogen, und ich bin sehr stolz auf ihn.«
»Das bin ich auch – auch wenn ich wünschte, dass er sich entschieden hätte, Steuerberater zu werden wie sein Vater«, hatte ich halb lachend und halb schluchzend eingeräumt.
»Willst du damit etwa sagen, dass der Kampf mit dem Finanzamt und das Ringen mit den Steuergesetzen nicht gefährlich sind? Denn glaub mir, so fühlt sich’s im Januar ganz bestimmt nicht an!«, hatte er mir gespielt empört erklärt.
Bei dem Geplänkel hatte sich die Stimmung aufgehellt, und auch wenn ich total erschöpft gewesen war und wusste, dass ich weiter dunkle Träume haben würde, hatte meine Panik sich vorübergehend gelegt. Und danach hatte ich meine Ängste Jamie gegenüber bestmöglich versteckt. Ich hatte ihm sogar geholfen, den Bewerbungsbogen auszufüllen, mich aufgeregt gegeben, als er zum Gespräch geladen worden war, und als sie ihn tatsächlich hatten haben wollen, hatte ich mit ihm gefeiert. Obgleich ich, während ich ihm zugeprostet hatte, über seinen Lockenkopf hinweg Steves sorgenvollem Blick begegnet war, habe ich die Sorgen, die mich quälten, meinem Jungen gegenüber nie auch nur mit einem Wort erwähnt.
Der größte Wunsch einer Mutter ist, ihr Kind vor Schaden zu bewahren, doch wenn das Kind erwachsen ist, sind ihre Möglichkeiten stark begrenzt. Ich liebe Jamie, aber gerade deshalb muss ich ihm die Freiheit geben, auch Entscheidungen zu treffen, die ganz sicher nicht in meinem Sinne sind. Ich habe in den ersten Wochen viel geweint, wenn ich allein war, und bin so oft mit Waffles rausgegangen, dass er sich die kurzen Beine krumm gelaufen hat. Ich musste mich bewegen, um zu überleben, und in dem Versuch, vor meinen Ängsten wegzulaufen, habe ich oft Orte aufgesucht, die plötzlich Furcht einflößend, aber gleichzeitig auch tröstlich für mich waren. Einer meiner neuen Lieblingsorte war mit einem Mal das Kriegerdenkmal auf dem Klippenpfad, und nach dem steilen Aufstieg nehme ich oft dort oben Platz und atme durch, während mein Hund Kaninchen jagt. Und während irgendwo am Horizont die silberfarbenen Wellen des Meeres in den Himmel übergehen, steigt für gewöhnlich ein Gefühl des Friedens in mir auf. Inzwischen habe ich Namen, die in den im Verlauf der Jahre blank gescheuerten Granit graviert sind, auswendig gelernt. Gem Pencarrow, Christopher Rivers, David Trehunnist und Rupert Elmhurst, mein eigener Urgroßvater, der für seinen Heldenmut im Ersten Weltkrieg mit dem Militärkreuz ausgezeichnet wurde. Ist Jamie vielleicht seinetwegen zur Armee gegangen? Wir haben über meinen Urgroßvater nie gesprochen, und im Grunde weiß ich nur, dass er bei seinem Tod noch keine dreißig war. Ich glaube, meine Grandma hat einmal die Kriegsgräber besucht, als ich ein kleines Mädchen war. Sie wollte sehen, wo ihr Vater lag, doch die Erinnerungen sind verschwommen, und niemand ist mehr da, den ich nach Rupert fragen kann. Die Menschen, die sich noch an ihn erinnern konnten, sind inzwischen alle tot.
Steve mag das Kriegerdenkmal nicht und findet es morbide, dass ich es so oft besuche, aber ich empfinde diesen Ort als tröstlich, weil er völlig zeitlos ist. Die Aussicht von der Stelle haben auch die Gefallenen gekannt. Und wenn ich auf die Kirche sehe, die verträumt zwischen den Hügeln oberhalb des Strandes steht, gefällt mir der Gedanke, dass all diese Männer so wie ihre Eltern und die Großeltern hier auf die Welt gekommen sind und ihre Namen so wie die von ihren Nachkommen in den Taufregistern von Rosecraddick stehen. Ich mag den Ort. Er hilft mir, zu verstehen, dass unserer Familie und unsere Geschichten Teil von etwas Größerem sind.
Er hilft mir, unsere Existenz als Teil eines immerwährenden Kreislaufs anzusehen.
Die in Granit gehauenen Verluste sind inzwischen längst Geschichte, und die Wunden, die der Tod von jedem Einzelnen geschlagen hat, sind mit den Jahreswechseln irgendwann verheilt. Ich weiß nichts über all die Ruperts, Gems und Richards, aber ihre Mütter haben bestimmt an sie gedacht und voller Sehnsucht übers Meer in Richtung Kontinent geblickt. Indem sie ihre Söhne hingegeben haben, haben diese Frauen dazu beigetragen, dass ich sicher hier spazieren gehen kann. Hier oben bei dem Denkmal überkommt mich ein Gefühl der Dauerhaftigkeit, und manchmal meine ich, hier würde sich mir eine unendliche Wahrheit offenbaren, die viel größer ist als ich – bevor der Wind mir meine Haare ins Gesicht weht oder eine Möwe schreit und sich das Tor zur Weisheit, falls es je geöffnet war, erneut verschließt.
An dem Punkt rufe ich dann jedes Mal nach Waffles und rappele mich wieder auf. Manchmal nehmen wir dann die steile Treppe zur St. Nonna’s Bucht, an der ich Kiesel übers Wasser springen lasse, ehe es durchs Dorf bis nach Rosecraddick Manor und von dort aus durch den Wald nach Hause geht. Im Sommer ist der Weg bei Wanderern und Eisenbahnenthusiasten, die die alte Haltestelle sehen wollen, sehr beliebt, doch jetzt im Winter ist es hier eher ruhig. Jetzt saugt die feuchte Erde meine Schritte auf, und abgesehen von den gelegentlichen Schreien eines aufgeschreckten Fasans oder dem Rascheln, wenn ein Reh das Unterholz durchquert, ist alles still. Ein seltsamer Gedanke, dass auf unserem ruhigen Weg mal Kutschen unterwegs waren und dass täglich Züge in Rosecraddick angekommen sind. Inzwischen gehen nur noch wir und unsere Urlaubsgäste in der alten Haltestelle ein und aus. Wir haben das Haus gekauft, als es schon halb verfallen war, und haben unsere Herzen, unsere Seelen und jeden Penny, den wir hatten, investiert, um dort ein Heim zu schaffen, in dem wir mit Jamie glücklich waren und sind. Der alte Bahnhof, der am Ende eines nicht geteerten Weges mitten auf dem Land in Cornwall liegt, ist unser sicheres Heim und unser Zufluchtsort.
In diesem Haus ist Jamie sehr behütet aufgewachsen, und wahrscheinlich ist es Ironie des Schicksals, dass er sich als junger Mann absichtlich in Gefahr begibt. Den ersten Auslandseinsatz hat er heil überstanden, aber was, wenn ihn das Glück beim zweiten Mal verlässt? Wie sollte ich die Angst noch mal ertragen, bis er wiederkäme, und vor allem, würde es jetzt jahrelang so weitergehen?
»Wir schaffen das, denn schließlich haben wir es schon einmal durchgemacht«, erklärte mir Steve so vorsichtig, als ob ich eine Bombe wäre und bei irgendwelchen falschen Worten in die Luft gehen könnte. Womöglich wäre ich tatsächlich explodiert, weil ich es alles andere als beruhigend fand, dass Jamie vorher bereits in Afghanistan gewesen war. Aus meiner Sicht nahm die Gefahr, dass ihm bei einem zweiten Einsatz dort etwas Schreckliches passieren würde, dadurch eher noch zu.
»Ich habe einfach Angst.«
Steve nickte zustimmend. »Ich auch, Liebes, aber wir müssen seinetwegen tapfer sein. Ich habe keine Ahnung, wie uns das gelingen soll, aber wir haben keine andere Wahl. Vielleicht gelingt’s uns ja, weil wir ihn lieben. Vielleicht gibt uns das die erforderliche Kraft.«
»Weil wir ihn lieben, müssen wir so tun, als wäre alles gut?«
»Ich glaube, ja. Genau das ist der Grund.«
Es brach mir das Herz, dass auch Steve vollkommen hilflos klang. Natürlich hatte er genauso große Angst wie ich um unseren Sohn, wie aber hätte ich ihn trösten sollen? Wir lagen beide schweigend da wie die Bildnisse, die in der Kirche hingen, doch dann teilten ein paar kalte Strahlen morgendlichen Dämmerlichts die Vorhänge, und es war Zeit, aufzustehen, zu lächeln und zu tun, als wäre alles gut.
Wenn ich mich recht entsinne, schaffte ich es tatsächlich, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie mir das gelang. Obwohl ich wegen des bevorstehenden Abschieds hätte heulen mögen, stand ich am Herd und bereitete das Frühstück zu, während ich von Jamie mit der Größe der von mir gewählten Weihnachtstanne aufgezogen wurde. Und während Steve mir scherzhaft vorschlug, einen Teil der Spitze meines Baumes abzuhacken, tauchte schon Cally auf. Sie wollte Jamie noch mit Steve zum Bahnhof Bodmin fahren, und mir wurde bewusst, dass die Zeit, die mir jetzt noch mit meinem Jungen blieb, fast abgelaufen war.
»Lass mich dir helfen, Mum.«
Als Jamie seinen Teller spülen wollte, scheuchte ich ihn weg.
»Verbring du noch ein bisschen Zeit mit Cally, Schatz. Dein Dad und ich räumen hier auf. Wird langsam Zeit, dass er im Haushalt hilft.«
»Da siehst du, was mir blüht, wenn du nicht hier bist«, grummelte Steve und fing das Handtuch auf, das ich ihm zuwarf. »Zu zweit waren wir vor deiner Mum noch halbwegs sicher, aber jetzt?«
Lachend packte Jamie Callys Hand. »Lass uns verschwinden, ehe sie es sich noch einmal anders überlegen und ich doch noch spülen muss.«
Grinsend marschierten die beiden in den Garten hinter unserem Haus, und als er Cally an die Brust zog, schwoll mein Herz vor Freude an. Er war ihr gegenüber immer sanft und rücksichtsvoll, und es erfüllte mich mit Stolz, dass er zu einem wirklich anständigen jungen Mann herangewachsen war. Er war jemand, der anderen in die Herzen sah und Rücksicht auf sie nahm, und seine Kameraden hatten Glück, dass er in ihrem Regiment gelandet war. Trotzdem wünschte ich, sie nähmen ihn mir nicht weg! Wie gerne hätte ich zu ihm gesagt: »Bleib hier und geh nicht nach Afghanistan.«
Um mich von meiner Panik abzulenken, tauchte ich die Arme in das heiße Spülwasser und ignorierte meine dank des Seifenschaums, der auf den Boden tropfte, nassen Socken. Das junge Paar lief Richtung Wald. Aus tränenfeuchten Augen sah ich den beiden hinterher.
»Ach, Mrs Foy, ich liebe dich und finde, dass du wirklich ungeheuer tapfer bist.« Mein Mann war hinter mich getreten, umarmte mich und legte sanft sein Kinn auf meinen Haaren ab.
»Ich und tapfer? Nie im Leben.«
»Doch. Du warst schon immer tapfer, und das bist du heute auch. Und wenn der Wagen um die Ecke biegt und wir ihn nicht mehr sehen können, wirst du weiter tapfer sein. Ich kenne keine stärkere Frau als dich.«
So fühle ich mich nicht, auch wenn die anderen Elmhurst-Frauen alle stark gewesen sind. So hat zum Beispiel meine Urgroßmutter ihre Tochter nach dem Ersten Weltkrieg ganz allein durchgebracht, und meine wunderbare Mum hat bis zuletzt mit grimmiger Entschlossenheit ihre Demenz bekämpft, wogegen ich die reinste Memme bin.
»Ich bin doch das totale Weichei.«
»Nein, Ali, das bist du nicht. Du bist unglaublich stark und selbstlos, und ich liebe dich viel mehr, als ich in Worte fassen kann«, hatte mir Steve erklärt und sich an unseren Hund gewandt. »Nicht wahr, Waffles? Du hast es Jamie heute leicht gemacht, und eines Tages, wenn er selbst Vater ist, wird er verstehen, wie viel dich das gekostet hat.«
Er küsste mich und lenkte sich von seinen eigenen widerstreitenden Gefühlen ab, indem er Jamies Sachen in den Wagen lud. Ich selbst räumte weiter unsere Küche auf und sagte mir in strengem Ton, wenn Cally und mein Mann es schafften, nicht zusammenzubrechen, könnte ich das auch. Die Zeit würde im Flug vergehen, auch dieser Einsatz würde ohne Zwischenfall verlaufen, und schon würde Jamie wieder da sein.
Dann verfrachtete Steve die letzten Dinge in den Kofferraum, und ich umarmte meinen Sohn ein letztes Mal und fragte mich, was aus dem kleinen Jungen mit den aufgeschlagenen Knien geworden war, den ich noch mit einem Plätzchen hatte trösten können. Wer war der muskulöse fremde junge Mann? Wo war mein Baby hin?
»Pass auf dich auf, Mum. Liebe dich.«
Ich küsste ihn ein letztes Mal, und danach fiel die Tür des Wagens zu, Steve ließ den Motor an, und wie Motten, deren Flügel gegen eine Lampe krachten, flatterte die Panik durch mein Herz. Trotzdem setzte ich ein breites Lächeln auf und winkte ihnen hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Erst dann brach ich zusammen, doch zumindest hatte ich gewartet, bis mein Sohn es nicht mehr sah.
Inzwischen habe ich die ersten beiden Monate allein mit Steve und ohne Jamie hinter mich gebracht. Die Tage werden ebenso wie meine Stimmung immer dunkler, und ich wage kaum noch, Nachrichten zu gucken oder in den Briefkasten zu schauen. Die Weihnachtstage sind im Grunde nur an mir vorbeigerauscht, die Gäste haben nahtlos ein- und ausgecheckt, und irgendwie ist jetzt schon fast der Januar vorbei, und in unserem Leben ist so etwas wie ein neuer Alltag eingekehrt. Steve geht auch weiter täglich ins Büro, Cally setzt ihr Studium am College fort, und ich versuche, so zu tun, als nähme ich auch, schon bevor mein Junge im April endlich nach Hause kommt, am Leben teil.
Der Januar ist, was die Vermietung unserer Ferienwohnungen angeht, immer ruhig. In diesem Monat versinkt Cornwall wie der Rest der Welt im Winterschlaf. Die Zweithäuser der reichen Londoner stehen leer, die alten Cottages dämmern vor sich hin, und erst im Frühling tauchen mit den Blauglöckchen und Primeln auch die Gäste wieder auf. In diesen wenig produktiven Wochen sind die Strände und die Buchten menschenleer, abgesehen von einer Handvoll Leute, die für ihre Hunde Bälle werfen oder wacker ihre Walkingstöcke in die aufgeweichte Erde rammen und den weißen Wölkchen ihres eigenen Atems hinterhersehen, während sie hoch oben auf dem Klippenpfad marschieren. Und unten in Rosecraddick sind die Souvenirläden geschlossen, und die Andenken in den Regalen träumen davon, abgestaubt zu werden, damit man sie, wenn die Läden wieder öffnen, in die Hand nehmen und bewundern kann. Sogar der Pub ist leer abgesehen von der Handvoll einheimischer Gäste, die mit ihren Gläsern vor dem Feuer sitzen, um einander über einem Bier Geschichten von den Fischern und den Schmugglern zu erzählen, und selbst der Dorfladen hat nur am Morgen auf. Wenn ich mit Waffles durch die menschenleeren Straßen laufe, bin ich Demeter, die durch das Dunkle stolpert, um Persephone, ihr Kind, aus Hades’ Fängen zu befreien. Sobald mir diese düsteren Gedanken kommen, kehre ich mit Waffles wieder heim und lenke mich mit irgendwelchen Tätigkeiten ab.
Ich weiß nicht wirklich etwas mit mir anzufangen, wenn ich keine Wohnungen für irgendwelche Gäste vorbereiten muss, doch meiner Freundin Pippa nach ist Ablenkung im Augenblick das Wichtigste für mich. Sie ist das reinste Energiebündel, braucht immer was zu tun, und wenn wir zwei seit Jamies Abreise zusammen sind, bedenkt sie mich die ganze Zeit mit einem sorgenvollen Blick, als ob ich eine Bombe wäre, die sie irgendwie entschärfen muss. So hatte Jamie es mal formuliert, und damals hatte ich noch schallend über den Vergleich gelacht. Inzwischen finde ich ihn nicht mehr wirklich lustig, doch ich liebe Pippa auch dafür, dass ihr mein Wohlergehen so am Herzen liegt.
»Du sagst doch immer, dass du tausend Sachen machen müsstest, aber keine Zeit hast«, stellte Pippa während unserer Weihnachtseinkaufstour in Truro fest. »Warum nimmst du dir jetzt nicht eine deiner Listen vor und hakst die Sachen endlich ab?«
Meine Lieben scherzen über meine ellenlangen Listen mit den vielen wundervollen Dingen, die ich eines Tages machen werde, die dann immer irgendwo verloren gehen. Die Straße in die Hölle mag mit guten Vorsätzen gepflastert sein – in meinem Fall ist sie dazu auch noch mit Listen übersät.
Doch diesmal wird es anders sein, erkläre ich mir selbst und sehe mich erneut in Jamies Zimmer um. Diesmal arbeite ich meine Liste ab. Wobei der erste Punkt auf dieser Liste »Jamies Zimmer sauber machen und das Bett beziehen« ist. Den Eimer und das Putzzeug habe ich schon aus dem Schrank geholt, das heißt, dass es jetzt losgehen kann.
Dann aber fällt mein Blick auf Jamies Lederjacke, die noch über seinem Stuhl hängt, und die aufgeschlagene Zeitschrift auf dem Bett. Auch sein Geruch hängt noch im Raum, der saubere Geruch von jungem Mann, vermischt mit einem Hauch des Bleu, das ein Geschenk von Cally war, und obwohl ich den Becher auf dem Nachtschrank schon vor Wochen hätte in die Spülmaschine stellen sollen, habe ich es bisher nicht über mich gebracht, ihn mitzunehmen, weil es so den Anschein hat, als käme er im nächsten Augenblick zurück. Wahrscheinlich ist das völlig irre, doch indem ich tue, als ob Jamie noch zu Hause wäre, komme ich mit meiner Angst am ehesten zurecht. Solange dieser Raum bewohnt aussieht, kann ich so tun, als wäre er bei Cally oder irgendwo mit Waffles unterwegs. Sobald ich anfange, hier aufzuräumen, akzeptiere ich, dass Jamie nicht mehr da ist, und dann würde es mir vorkommen, als löschte ich ihn aus. Auch wenn das geradezu erschreckend primitiv und abergläubisch ist.
Ich betrachte die Staubpartikel in der Luft, und mir wird schwindelig. Es fühlt sich an, als würde unser Haus mit angehaltenem Atem darauf warten, wie ich mich entscheide, doch es ist, als ob ich unter einem bösen Zauber stehen würde, denn das Blut rinnt zähflüssig durch meine Adern, und ich stehe immer noch wie angewurzelt in der Tür des Zimmers meines Sohns.
Dann klingelt unser Telefon. Dankbar für den Aufschub schließe ich die Tür und nehme, einerseits erleichtert, aber andererseits enttäuscht, weil diese Liste jetzt denselben Weg wie alle anderen Listen gehen wird, den Anruf an.
Alison
Rosecraddick
»Weswegen renovierst du nicht die Küche?« Aufgeregt stellt Pippa ihren Becher auf der Kücheninsel ab. »Das hättest du doch ewig schon mal machen wollen.«
Mittlerweile sind wir bei der dritten Tasse Kaffee. Um mich von meinem Elend abzulenken, hat mir Pippa derart viele Vorschläge gemacht, dass ich sie längst schon nicht mehr zählen kann. Auch Steve hat sich mit der Behauptung, dass er eine Pause von den ganzen Jahresendabrechnungen braucht, dazugesellt, auch wenn es ihm in Wahrheit um die tollen Haferkekse meiner Freundin geht, von denen er inzwischen zwei gefuttert hat.
»Das ist eine ausgezeichnete Idee, nicht wahr, Ali?« Er lächelt hoffnungsvoll und nimmt sich einen dritten Keks. Er klingt gezwungen munter, so als wäre ich ein starrsinniges Kind, das seine Medizin nicht nehmen oder seinen Brokkoli nicht essen will. Oje. Bin ich inzwischen in den Augen der mir Liebsten etwa jemand, mit dem man nicht mehr auf Augenhöhe sprechen kann?
»Vielleicht.«
»Sie sieht ein bisschen schäbig aus, Liebes. Wir haben hier schon seit einer Ewigkeit nichts mehr gemacht«, fügt er hinzu, während er aus zusammengekniffenen blauen Augen auf die abblätternde Farbe an den Wänden blickt. Natürlich sehe ich genau wie er die Macken, die die Küche im Verlauf der Jahre abbekommen hat, doch sie sind eben Spuren unseres Familienlebens, und ich sehe sie als Karte des von uns mit Lachen und mit Tränen beschrittenen Wegs. Wo Steve gewisse Mängel sieht, nehme ich die Familie Foy und deren Geschichte wahr.
»Sie könnte eine Auffrischung gebrauchen«, pflichtet Pip ihm bei.
Ich sage nichts, denn mir ist klar, dass erst mal nichts aus einer Renovierung dieser Küche wird. Ich hätte das Gefühl, als ob ich Jamies Kindheit übermalen würde, dabei brauche ich die Erinnerungen jetzt noch dringender als sonst. Zum Beispiel werden mich diese geisterhaften kleinen seesterngleichen Abdrücke am Fenster für alle Zeit daran erinnern, wie er sich beim Laufenlernen dort festgehalten hat. Ich habe damals kaum gewagt zu atmen, um ihn ja nicht abzulenken, als er sich die Wand entlanggehangelt hat. Die Kratzer in der Bodenleiste stammen von einem Sturz mit seinem Roller, und neben der Tür habe ich jedes Jahr an seinem Geburtstag seine Größe festgehalten, bis mein Arm zu kurz war, um noch über seinen Kopf zu reichen, und er mir erklärt hat, dass er jetzt zu groß für solche Rituale sei, aber mich erfüllen diese Striche heute noch mit mütterlichem Stolz. Ich brauche mich nur in der Küche umzusehen, wenn ich mich an die verschiedenen Phasen unseres Lebens als Familie erinnern will, auch wenn die Geisterschrift, mit der wir bei der ersten Renovierung stolz die Gipswände bekritzelt haben, schon vor Jahren überstrichen wurde und nur noch die Flecken von den Posterstrips an Jamies krakelige Kindergartenzeichnungen erinnern, die mit seinen Milchzähnen und Babyschuhen, den Zeugnissen und anderen Erinnerungen an seine Kindheit in verschiedenen Kartons auf unserem Speicher ruhen.
»Jetzt, wo ihr gerade keine Gäste habt, ist die perfekte Zeit dafür. Wir können heute Nachmittag nach Truro fahren und eine Farbe aussuchen«, schlägt Pippa vor, die augenscheinlich am liebsten auf der Stelle mit der Arbeit anfangen würde, und Steve stellt seinen Becher neben ihrem ab.
»Am besten fahrt ihr sofort los und guckt auch schon mal, was euch für das Wohnzimmer gefällt«, schlägt er uns optimistisch vor.
»Mal sehen.«
Aus meinem Mund ist das ein »Nein«, und da ich wie so oft in letzter Zeit mit einem abgrundtiefen Seufzer meines Mannes rechne, räume ich, um das Geräusch mit dem Geklapper des Geschirrs zu übertönen, unsere Becher in die Spülmaschine ein.
»Aber du musst was tun, Ali. Es ist nicht gut, wenn du die ganze Zeit nur Trübsal bläst.«
Ich drehe mich betroffen zu ihm um. »Ich kümmere mich um unser Unternehmen, falls du das vergessen hast!«
»Aber wir haben Januar, und niemand, der noch ganz bei Trost ist, kommt im Januar zum Urlaubmachen her. Die Gäste trudeln erst im Frühjahr wieder ein.«
Natürlich hat er recht, und an den meisten Tagen wische ich in unseren beiden Ferienwohnungen nur kurz Staub, werfe einen Blick auf unsere leere Buchungsseite, und das war es dann auch schon.
»Du kannst uns auch im Herrenhaus zur Hand gehen«, schlägt mir Pippa vor. »Natürlich ist der Souvenirshop jetzt im Januar zu, aber im Haus gibt’s immer was zu tun, und auch die Inventur macht sich nicht von allein. Und wenn wir wieder öffnen, werde ich den ganzen Tag lang ohne Pause auf den Beinen sein. Du weißt ja, wie das ist.«
Pippa führt den Souvenirshop von Rosecraddick Manor, in dem der berühmte Kriegsdichter Kit Rivers aufwuchs. Geschichte war schon immer ihre große Leidenschaft, und bei der Restaurierung des verfallenen Herrenhauses war sie schon von Anfang an dabei.
»Gute Idee«, meint Steve. »Ich habe Matt gestern im Pub getroffen, und er meint, vor allem nach dem Kit-Rivers-Film würde euch im Sommer sicherlich die Bude eingerannt. Über etwas zusätzliche Hilfe würde er sich also sicher freuen.«
Matt Enys ist der leitende Historiker der Stiftung Cornwall’scher Kulturbesitz und hat sein Herz daran gehängt, den Ort zu retten, an dem einer unserer besten Dichter auf die Welt gekommen ist. Das weiß ich erstens, weil hier jeder jeden kennt, und zweitens, weil man die Geschichte von Kit Rivers einfach kennen muss, wenn man in dieser Gegend lebt. Pip hat mich schon des Öfteren gefragt, ob ich mich bei der Stiftung ehrenamtlich engagieren will, und zum Zeichen meines guten Willens habe ich mich in dem Haus in einen Raum gestellt und darauf geachtet, dass sich die Besucher gut benommen haben, während sie vor den Vitrinen standen und sich seufzend über die zu Herzen gehenden Geschichten all der jungen Männer unterhielten, die begeistert in den Krieg gezogen und dann nicht mehr heimgekommen waren. Mich wirklich auf das Thema einzulassen, bringe ich nicht über mich, denn dafür geht es mir zu nah.
»Ich weiß, es geht dort um den Krieg, aber der ist inzwischen ewig her«, meint Steve, der mir anscheinend ansieht, was mir durch den Kopf gegangen ist.
Auch wenn der Erste Weltkrieg über hundert Jahre her ist und der Schlamm, das Gas und der Kanonendonner, der selbst noch in Kent zu hören war, Geschichte sind, hat in dem Herrenhaus einmal ein tapferer junger Mann gelebt, von dem es heißt, dass er sensibel und ein Künstler war und niemals hätte in den Krieg ziehen sollen, und mich beschleicht dort immer das Gefühl, als gäbe es Verbindungen zwischen der Vergangenheit und Gegenwart, die ich nicht sehen will. Für die Busladungen der Touristen, die das Dorf besuchen, ist Rosecraddick Manor nur ein Punkt auf ihrer Urlaubsliste, den es abzuhaken gilt, und eine reizende Umgebung, um sich ein paar Scones und einen Tee zu gönnen, bevor es weitergeht. Für andere ist das Herrenhaus ein Pilgerort, mir aber kommt es eher wie eine düstere Erinnerung an den Krieg und an die unzähligen Opfer dieses Krieges vor. Auch wenn die sepiafarbenen Bilder im Verlauf der Zeit verblichen sind und Kits Geschichte in der Rückschau fast romantisch wirkt, ertrage ich es nicht, zu lange in dem Haus zu sein, in dem das Leben an dem Tag geendet hat, an dem all diese jungen Männer in den Krieg gezogen sind, und mir wird unbehaglich, wenn ich daran denke, dass das Letzte, was sie von Rosecraddick sahen, die Aussicht war, die sich mir durch unser Küchenfenster bietet.
