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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Ein verregnetes Wochenede lag hinter der Familie Norden, und erst der Sonntagabend versprach eine Wetterbesserung. Die Wolkendecke war aufgerissen, und hier und da lugte ein blaues Stück Himmel hervor. Goldene Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das Grau, das nicht mehr ganz so tief war wie die Tage zuvor und tauchte die Welt in einen überirdischen Glanz. »Ich verstehe nicht, warum es ausgerechnet zum Ausklang des Wochenendes endlich schön wird«, beschwerte sich Fee Norden, während sie die Terrassentür weit öffnete, um die saubere, frische Abendluft hereinzulassen. Leise Geräusche der friedlich spielenden Zwillinge drangen durchs Haus, während Anneka die Nähe ihrer Eltern suchte und, in ein Buch vertieft, in einem Sessel saß. Felix und sein Bruder Danny waren noch unterwegs, mußten aber jeden Augenblick nach Hause kommen. »Für dich ist es ja nicht ganz so schlimm, du kannst die Sonne auch unter der Woche genießen.« Daniel hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und setzte eine schmerzliche Miene auf. »Aber ich Armer bin morgen wieder in der Praxis und kann das gute Wetter nur durchs Fenster wahrnehmen. »Das klingt gerade so, als ob ich den lieben langen Tag die Füße hochlegen könnte!« Fee wehrte sich entschieden. »Glaub nur nicht, ich hätte Mitleid mit dir.« Sie warf ihm einen schrägen Blick zu und schaltete das Radio ein, ehe sie sich neben ihn in die weichen Kissen kuschelte. Um diese Uhrzeit lief eine ihrer Lieblingssendungen, die sie nicht verpassen wollte. »Was ist das denn?« »Aber Daniel, das weißt du doch. ›Herzklopfen‹ höre ich mir jeden Sonntagabend an.« »Was findest du nur an diesen Schnulzen?« neckte Daniel seine Frau gutmütig.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ein verregnetes Wochenede lag hinter der Familie Norden, und erst der Sonntagabend versprach eine Wetterbesserung. Die Wolkendecke war aufgerissen, und hier und da lugte ein blaues Stück Himmel hervor. Goldene Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch das Grau, das nicht mehr ganz so tief war wie die Tage zuvor und tauchte die Welt in einen überirdischen Glanz.
»Ich verstehe nicht, warum es ausgerechnet zum Ausklang des Wochenendes endlich schön wird«, beschwerte sich Fee Norden, während sie die Terrassentür weit öffnete, um die saubere, frische Abendluft hereinzulassen. Leise Geräusche der friedlich spielenden Zwillinge drangen durchs Haus, während Anneka die Nähe ihrer Eltern suchte und, in ein Buch vertieft, in einem Sessel saß. Felix und sein Bruder Danny waren noch unterwegs, mußten aber jeden Augenblick nach Hause kommen.
»Für dich ist es ja nicht ganz so schlimm, du kannst die Sonne auch unter der Woche genießen.« Daniel hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und setzte eine schmerzliche Miene auf. »Aber ich Armer bin morgen wieder in der Praxis und kann das gute Wetter nur durchs Fenster wahrnehmen.
»Das klingt gerade so, als ob ich den lieben langen Tag die Füße hochlegen könnte!« Fee wehrte sich entschieden. »Glaub nur nicht, ich hätte Mitleid mit dir.« Sie warf ihm einen schrägen Blick zu und schaltete das Radio ein, ehe sie sich neben ihn in die weichen Kissen kuschelte. Um diese Uhrzeit lief eine ihrer Lieblingssendungen, die sie nicht verpassen wollte.
»Was ist das denn?«
»Aber Daniel, das weißt du doch. ›Herzklopfen‹ höre ich mir jeden Sonntagabend an.«
»Was findest du nur an diesen Schnulzen?« neckte Daniel seine Frau gutmütig.
»Hast ganz recht, Papi, ich versteh’ das auch nicht.« Danny, der älteste der Norden-Sprößlinge, war gerade nach Hause gekommen und steckte den Kopf durch die Tür, während er amüsiert lauschte.
»Jetzt laßt doch Mami mal in Ruhe. Sie kann sich doch anhören, was sie will«, ergriff Anneka die Partei ihrer Mutter.
»Was für ein Glück, daß ich in diesem Haus weibliche Unterstützung habe.« Fee zwinkerte ihrer Tochter lächelnd zu. »Erstens ist es wunderbar romantisch, daß sich die Menschen Liebesgrüße durchs Radio schicken. In einer Zeit, wo überall Gewalt und Not herrscht, sind solche Liebeserklärungen wie ein Silberstreif am Horizont. Außerdem gefällt mir die Musik, die gespielt wird«, verteidigte sie sich.
»Seit Felix Emily kennt, höre ich öfter solche Musik aus seinem Zimmer«, grinste Anneka. »Mit den harten Männern ist es wohl doch nicht so weit her.«
»Gegen so viele weiblichen Argumente sind wir machtlos, nicht wahr, Danny?« lenkte Daniel lachend ein. »Seid doch nicht gleich böse, ich verstehe euch ja. Ehrlich gesagt gefällt es mir auch«, gab er zu und legte den Arm um Fee.
»Also, für mich ist das heute nichts. Aber ich will euch nicht stören beim Schwelgen. Viel Spaß«, erklärte Danny salopp und zog sich in die Küche zurück, um sich bei Lenni ein paar Leckereien zu holen.
Zufrieden schmiegte sich Fee an Daniel. Diese kleinen Diskussionen mit ihren Kindern erheiterten sie sehr und ließen sie ihr Glück im Kreise ihrer Lieben erst richtig genießen. Wie schön konnte das Leben doch mit einer großen Familie sein, besonders wenn die Stimmung so harmonisch war wie im Hause Norden.
Eine ganze Weile lag sie friedlich in Daniels Armen, der seine Zeitung studierte, und lauschte dem Programm, als eine Meldung der Moderatorin ihre Aufmerksamkeit erregte. Auch Daniel hob interessiert den Kopf.
»Und hier haben wir jetzt einen Anrufer mit einem ganz besonderen Anliegen. Guten Abend, Lenard. Was hast du auf dem Herzen?« begrüßte die Sprecherin Saskia den Mann am anderen Ende der Leitung.
»Ja, also, ich weiß gar nicht recht, wo ich anfangen soll«, überlegte der laut, während er versuchte, seine Nervosität zu überspielen.
»Sprich einfach frei von der Leber weg!« machte ihm die Moderation freundlich Mut.
»Okay. Ich habe gestern im Biergarten eine ganz bezaubernde junge Frau kennengelernt…«, begann Lenard, doch sofort wurde er unterbrochen.
»Du warst gestern im Biergarten? Aber es hat doch in Strömen geregnet!«
»Mein Freund und ich haben eine Regenpause genutzt in der Hoffnung, es wird besser. Aber leider, oder ich sollte wohl sagen, Gott sei Dank, haben wir uns getäuscht. Wir hatten gerade ein trockenes Plätzchen gefunden, als es wieder anfing. Zwei Mädels ging es genauso, doch die hatten in weiser Voraussicht Regenschirme dabei und ließen uns unterstellen. So kamen wir ins Gespräch.
»Und du hast dich sofort in sie verliebt?« fragte Saskia neugierig.
»Es war Liebe auf den ersten Blick, zumindest bei mir. So was hab’ ich noch nie erlebt.« Lenards Stimme war plötzlich ganz heiser.
»Habt ihr denn keine Telefonnummern ausgetauscht?«
»Sandra hat mir ihre Handy-Nummer gegeben, aber ich war wohl zu aufgeregt und habe mich verschrieben. Jetzt kann ich sie nicht erreichen!« stieß er verzweifelt hervor.
»Keine Panik, Lenard. Was weißt du denn von Sandra? Vielleicht kennt einer unserer Hörer sie und kann uns den entscheidenden Hinweis geben.« Die Moderation versuchte den aufgeregten Anrufer zu beruhigen.
»Das ist ja das Schlimme. Ich weiß nur, daß sie achtundzwanzig Jahre alt ist und im Herbst ihren Abschluß in Betriebswirtschaft macht.«
»Das ist nicht gerade viel«, gab Saskia nachdenklich zurück.
»Ich weiß. Aber ich setze große Hoffnung auf ihre Freundin, von der sie viel erzählt hat. Sie heißt Mira, studiert Biologie und schreibt gerade ihre Diplomarbeit über das Thema ›Artischocken‹.«
»Wie bitte?« Die Sprecherin prustete beinahe los vor Überraschung, und auch Fee lachte. Nur Daniel blieb ernst und konzentriert.
»Ja, ich weiß, das klingt unglaublich. Aber ich denke schon, daß Sandra mir die Wahrheit erzählt hat. Und in diese Information setze ich jetzt meine ganze Hoffnung.« Le-nard verstummte.
»Also, meine lieben Hörerinnen und Hörer, jetzt sind Sie gefragt. Wenn Sie eine Frau kennen, die Mira heißt und ihre Diplomarbeit über die Artischocke schreibt, dann rufen Sie uns an. Für Lenard hängt davon sein ganzes Glück ab«, forderte Saskia amüsiert die Zuhörer vor den Radioapparaten auf, ehe sie die Nummer des Senders durchgab und sich von ihrem Anrufer verabschiedete.
Während die sanften Töne eines Liebesliedes durch das Nordensche Wohnzimmer klangen, lachte Fee noch immer.
»Es passieren wirklich die unglaublichsten Dinge. Schade, daß wir niemals erfahren werden, ob der junge Mann mit diesem Anruf Glück hatte.«
»Vielleicht doch. Ich glaube, ich weiß, wen er sucht«, murmelte Daniel nachdenklich.
»Wirklich, Papi?« rief Anneka überrascht aus, die die Sendung ebenfalls interessiert verfolgt hatte.
»Woher?« Fee sah ihren Mann erstaunt an.
»Eine meiner Patientinnen hat mir neulich von ihrer Tochter erzählt, die eine Diplomarbeit über dieses etwas ungewöhnliche Thema schreibt. Wer war das nur?«
»Bitte, Papi, du mußt dich erinnern.« Aufgeregt richtete sich Anneka auf. »Das ist ja so spannend.«
»Jetzt weiß ich es wieder. Es war Frau Mager!« Ein triumphierendes Lächeln erschien auf Daniels Gesicht.
»Was für ein ulkiger Name«, lächelte Fee. »Ist sie so, wie sie heißt?«
»Ganz im Gegenteil, deshalb konnte ich mich auch wieder erinnern. Frau Mager ist wegen ihres Bluthochdrucks bei mir in Behandlung und müßte dringend mindestens zehn Kilo abnehmen.«
»Und sie hat eine Tochter mit Namen Mira. Mira Mager, wie lustig.« Fee stand auf und stellte das Radiogerät ein wenig lauter.
»Was tust du?« fragte Daniel verwundert.
»Na, wir brauchen doch die Nummer des Senders, damit wir dem jungen Mann weiterhelfen können. Sie sagen sie bestimmt noch einmal durch.«
»Aber du weißt doch gar nicht, ob Mira das recht ist«, wandte Daniel sofort ein, während Fee die Telefonnummer notierte.
Dann sah sie ihren Mann ernst
an.
»Das kann sie dann immer noch selbst entscheiden, Dan. Ich finde, dieser Zufall, wenn es denn einer ist, ist so kurios, daß wir gar nicht anders können. Und wir geben ja nur den Nachnamen weiter. Wenn Mira nicht im Telefonbuch verzeichnet ist, kann er sie gar nicht erreichen.«
»Ich weiß nicht, ich weiß nicht…« Daniel war immer noch unsicher, als ihm eine Idee kam. »Weißt du, was wir machen?«
»Nein, was denn?«
»Ich muß Frau Mager morgen ohnehin noch einmal anrufen und die Ergebnisse der Blutuntersuchung mit ihr besprechen. Bei dieser Gelegenheit kann ich dieses Thema zur Sprache bringen. Was meinst du?«
»Wahrscheinlich hast du recht!« Nur zu deutlich war Fee die Enttäuschung darüber anzumerken, die Sache nicht gleich in die Hand nehmen zu können. »Mir tut nur dieser arme Lenard leid. Da sitzt er nun vor dem Telefon und wartet auf den erlösenden Anruf…«
»… den er bestimmt morgen bekommen wird«, vollendete Daniel den Satz seiner Frau. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß Mira Mager etwas dagegen hat, mit diesem jungen Mann Kontakt aufzunehmen. Wenn er so nett ist, wie er im Radio geklungen hat, steht dem jungen Glück sicher nichts im Weg.« Tröstend legte er den Arm wieder um seine Frau, die sich endgültig geschlagen gab.
»Das war ein Wink des Schicksals, davon bin ich überzeugt. Du darfst diesen Anruf morgen auf keinen Fall vergessen«, ermahnte sie ihn noch einmal, ehe sie durch ein lautes Gepolter auf dem Flur abgelenkt wurden.
Felix war gerade von einem Wochenendausflug zurückgekommen und ließ die ganze Familie lautstark an seiner Rückkehr teilhaben.
Wie Fee bereits richtig vermutet hatte, verbrachte Lenard Christen den Rest des Abends voller Hoffnung vor dem Telefon. Immer und immer wieder ging er im Geist jeden Satz durch, den er der Moderation gesagt hatte. Er drehte und wendete jedes einzelne Wort, fand bessere Formulierungen als die, die er tatsächlich gewählt hatte und war schließlich fest davon überzeugt, wie ein Trottel geklungen zu haben. Falls Sandra die Sendung zufällig gehört hatte, würde sie sich jetzt sicher nicht mehr bei ihm melden. Wütend über sich selbst sprang er auf und wanderte im Zimmer auf und ab. Was sollte er nur tun? Oder hatte die Sekretärin am Telefon des Senders am Ende seine Nummer nicht richtig notiert, unter der sie ihm eine Botschaft von Sandra oder Mira übermitteln konnte. Lenard blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf das Telefon. Schließlich gab er sich einen Ruck und wählte erneut die Nummer der Radiostation. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis das Gespräch entgegengenommen wurde, doch die Sendung ›Herzklopfen‹ war schon seit Stunden vorbei, die Moderation Saskia hatte Feierabend, und niemand konnte ihm an diesem Abend weiterhelfen. Zumindest war die Dame am anderen Ende der Leitung geduldig und freundlich und versprach ihm einen Rückruf am nächsten Tag. Um auch ganz sicher erreichbar zu sein, gab er auch noch seine Handy-Nummer an, die die Dame bereitwillig aufnahm. Schließlich blieb Lenard nichts anderes mehr übrig, als das Gespräch zu beenden. Mit einem abgrundtiefen Seufzen erhob er sich, löschte das Licht im Wohnzimmer und ging ins Bett, um sich Sandra wenigstens herbeizuträumen.
*
»Na, unruhige Nacht gehabt, mein Süßer?« Alicia Rogner konnte sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen, als ihr Kollege Lenard am nächsten Morgen mit verstrubbelten Haaren und offensichtlich unrasiert ins Büro stolperte.
»Ist die Kunert schon da?« fragte er statt einer Antwort und blickte sich um.
»Keine Sorge, die Frau Chefin steht heute morgen im Stau. Sie hat gerade angerufen, daß sich der Beginn der Sitzung um eine halbe Stunde verschiebt.« Sie hatte die Arme verschränkt und musterte Lenard mit unverhohlener Neugier. »Willst du mir nicht erzählen, wo du heute nacht gesteckt hast?«
»Zu Hause in meinem Bett. Allein, wenn du es genau wissen willst«, gab er gereizt zurück und warf seine Aktentasche achtlos auf den Schreibtisch.
»Du Armer, dann hast du wohl schlecht geschlafen. Hattest wohl Angst vor der Redaktionssitzung«, bedauerte Alicia ihn nicht ganz aufrichtig und kam um den Schreibtisch herum. »Möchtest du einen Kaffee?«
»Den kann ich mir schon selbst holen, vielen Dank.« Er musterte sie argwöhnisch. »Was ist los mit dir? Du bist doch sonst nicht so freundlich.«
»Jetzt bist du aber ungerecht.« Alicia zog einen Schmollmund. »Im Gegensatz zu dir habe ich ganz ausgezeichnete Laune und wollte dir einfach nur einen Gefallen tun.«
»Tu doch nicht so scheinheilig.« Lenard ging gar nicht erst auf ihren beleidigten Tonfall ein. »Ich glaub’, ich weiß, woher der Wind weht. Wahrscheinlich liegt es an dem neuen Titelthema, das du dir unter den Nagel reißen willst.« Er grinste wissend. »Aber daraus wird wohl nichts, meine Schöne. Das Imperium der Familie Heroldsen ist ein seriöses Thema und nichts für die Klatschspalten. Bleib du mal lieber bei deinen Möchtegern-Stars, da bist du besser aufgehoben.« Er tätschelte ihr milde lächelnd die Wange, doch Alicia schlug ihm hart auf die Hand.
»Das ist eine Unverschämtheit!« zischte sie beleidigt. »Warte nur, Lenni, wir sprechen uns noch.« Sie warf den hübschen Kopf in den Nacken und rauschte davon.
Lenard seufzte tief. Es war nicht seine Absicht gewesen, Alicia Rogner zu beleidigen, aber ihre übereifrige Art war an diesem Morgen mehr, als er verkraften konnte. Sie arbeitete erst seit einigen Monaten in dem bestehenden Team mit, probierte sich mal an diesem, mal an jenem Thema und brachte mit ihrem übertriebenen Ehrgeiz gehörige Unruhe in die eingespielte Routine. Statt sich am Anfang mit kleineren Themen zufrieden zu geben, wollte sie schon nach wenigen Wochen Leitartikel schreiben und forderte damit nicht nur Lenards Unmut heraus. Auch die anderen Kollegen waren nicht gut auf ihre überhebliche Art zu sprechen und wiesen Alicia in ihre Schranken, wo sie nur konnten. Dennoch bedauerte Lenni sein unbeherrschtes Verhalten. Da er ein gutes Arbeitsklima sehr schätzte, nahm er sich vor, sich noch vor Beginn der Redaktionssitzung in aller Form bei Alicia zu entschuldigen.
*
Daniel Norden hatte einen besseren Start in den Tag. Nach einem kurzen Frühstück im Kreise seiner Lieben verließ er das Haus, und nachdem er die Zwillinge Jan und Dési wie gewöhnlich im Kindergarten abgeliefert hatte, fuhr er frohgemut durch den hellen Morgen in die Praxis. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel, und es versprach, ein perfekter Tag zu werden.
»Guten Morgen, Wendy«, begrüßte er kurz darauf seine treue Assistentin mit einem vergnügten Lächeln.
»Hallo, Herr Dr. Norden, so fröhlich heute?«
»Ist so ein herrlicher Tag kein Grund zur Freude?« fragte er überschwenglich.
»Ehrlich gesagt wäre es mir lieber gewesen, das Wochenende wäre nur halb so verregnet gewesen. Heute haben wir nicht viel von dem Sonnenschein«, bemerkte Wendy mit einem bedauernden Blick aus dem Fenster.
»Das ist nicht ganz richtig. Erfahrungsgemäß hängt das Wetter direkt mit der Stimmung unserer Patienten zusammen«, erklärte Daniel augenzwinkernd, während er seine leichte Jacke gegen den Arztkittel tauschte.
»Sie haben wie immer recht.« Wendy ließ sich gern überzeugen. »Hier sind übrigens die Laborberichte von Frau Mager. Ein Kurier hat sie am Freitagnachmittag wie angekündigt noch vorbeigebracht.«
Sie reichte ihrem Chef ein dickes Kuvert.
»Ah, das trifft sich gut. Mit Frau Mager wollte ich ohnehin telefonieren. Bitte suchen Sie mir die Patientenkarte heraus.« Daniel nahm den Umschlag entgegen und verschwand ohne eine weitere Erklärung in seinem Büro. Wendy hatte keinen Grund sich zu wundern, und so legte sie ihm ein paar Minuten später das Gewünschte auf den Tisch. Daniel bedankte sich, wartete, bis sie die Tür leise hinter sich geschlossen hatte und wählte dann die Nummer der Familie Mager. Er fühlte sich etwas unbehaglich in seiner Haut und wußte noch nicht, mit welchen Worten er den unglaublichen Zufall schildern sollte.
Nachdem er Frau Mager die Untersuchungsergebnisse und die daraus resultierenden Maßnahmen erklärt hatte, kam er schließlich zum wahren Grund seines Anrufs.
»Da ist noch etwas, worüber ich mit Ihnen sprechen wollte«, begann er zögernd.
»Immer heraus mit der Sprache, Herr Doktor. Sie wissen ja, so leicht lasse ich mich nicht einschüchtern«, kam die vergnügte Antwort von Bettina Mager. Sie war eine fröhliche, lebenslustige Frau, die gern und viel lachte.
»Ich habe ein etwas ungewöhnliches Anliegen.« Daniel schilderte kurz die Begebenheiten des vergangenen Abends.
»Mein Gott, ist das aufregend!« Frau Mager lachte glucksend. »Natürlich hat Mira nichts dagegen, wenn Sie ihren Namen weitergeben. So eine romantische Geschichte! Und was für ein Glück, daß ich Ihnen von der Diplomarbeit mit den Artischocken erzählt habe. Mein Mann schimpft immer, wenn ich zuviel rede, aber diesmal war mein Mitteilungsbedürfnis offenbar sehr hilfreich.« Wieder lachte sie ihr wohlklingendes, ansteckendes Lachen.
»Das kann man wohl sagen. Aber wollen Sie Ihre Tochter nicht erst um Erlaubnis fragen?« erkundigte sich Daniel, doch Bettina schenkte seinen Bedenken keine Beachtung.
»Warum denn das? Denken Sie doch nur an den jungen Mann, der vermutlich völlig verzweifelt vor dem Telefon sitzt und auf eine Antwort wartet. Nein, nein, rufen Sie nur beim Sender an und sagen Sie, was Sie wissen. Und vergessen Sie nicht, Miras Telefonnummer anzugeben. Sonst hat das Ganze ja keinen Sinn.« Offenbar bereitete ihr diese Sache einen großen Spaß.
»Wie Sie meinen, Frau Mager.« Daniel gab seinen Widerstand auf, so überzeugend klang Miras Mutter.
