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Die Legendensammlung des tamilischen Periya Puranam stammt aus dem 12. Jahrhundert. Sekkizhar, ein Dichter und Minister am Hof des Chola-Königs Kulothunga II., hat sie nach alten Vorlagen zusammengetragen. Sie erzählt das Leben der 63 südindischen Shiva-Heiligen (Nayanars) aus dem 6. bis 9. Jahrhundert, von denen Sundarar, Appar und Sambandar die bekanntesten sind. Die Heiligen waren dem Tempelkult Shivas, oft in Form des tanzenden Nataraja, verpflichtet. Manche von ihnen gingen auf lange Pilgerreisen durch Südindien, wo sie Shiva in jedem Tempel mit Hymnen verehrten. Sie gehörten verschiedenen Kasten an, waren arm oder reich, und drei von ihnen waren Frauen. Alle Nayanars waren kompromisslos Shiva und seinen Verehrern hingegeben (Bhakti). Das Periya Puranam spielte im Leben Ramana Maharshis, des großen Weisen vom Berg Arunachala, eine wesentliche Rolle. Er erzählte gern Geschichten aus diesem Legendenschatz. Das Buch ist mit 38 farbigen Bildern und Fotos sowie zwei Schwarzweiß-Zeichnungen reichhaltig illustriert.
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2019
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VORWORT DER ÜBERSETZERIN
VORWORT DES PRÄSIDENTEN DES RAMANASHRAM
SEKKIZHARS PERIYA PURANAM
DAS PERIYA PURANAM
Einleitung
Die Herrlichkeit der Wohnstatt des Herrn
Die Herrlichkeit des gesegneten Landes
Die Pracht der Stadt Thiruvarur
Die gesegnete Versammlung
Die Erzählung von der gewaltsamen Rückforderung Sundarars durch den Herrn
DIE LEGENDEN DER TAMIL-HEILIGEN
Die Größe derer, die in Thillai leben
Thirunilakanta Nayanar
Iyarpahai Nayanar
Ilayankudi Mara Nayanar
Meyporul Nayanar
Viranminda Nayanar
Amaraneedi Adigal
Eripatha Nayanar
Yenadhi Nayanar
Kannappa Nayanar
Kunkuliya Kalaya Nayanar
Manakanchara Nayanar
Arivattaya Nayanar (Tayanar)
Anaya Nayanar
Murthi Nayanar
Muruga Nayanar
Rudra Pasupathi Nayanar
Tirunalaippovar Nayanar
Thiru Kurippu Thonda Nayanar
Chandeshvara Nayanar
Tirunukkarasar (Appar)
Kulachirayar
Kurumba Nayanar
Karaikkal Ammayar
Apputhi Adigal Nayanar
Thiruneelanakka Nayanar
Nami Nandi Adigal Nayanar
Thirujnana Sambandar
Eyarkoan (Kalikkama Nayanar)
Tirumula Nayayanar
Dhandi Adigal Nayanar
Murkha Nayanar
Somasi Mara Nayanar
Sakkiya Nayanar
Sirappuli Nayanar
Siruthonda Nayanar
Cheraman Perumal Nayanar
Gananatha Nayanar
Kutruva Nayanar
Poyyadimai Illadha Pulavar
Pugal Chola
Narasinga Muniyaraiyar Nayanar
Adipattha Nayanar
Kalikamba Nayanar
Kaliya Nayanar
Satti Nayanar
Aiyadigal Kadavarkon Nayanar
Kanampulla Nayanar
Kari Nayanar
Ninraseer Nedumara Nayanar
Vayilar Nayanar
Munaiaduvar Nayanar
Kalarsinga Nayanar
Idangazhi Nayanar
Seruthunai Nayanar
Pugazh Thunai Nayanar
Kotpuli Nayanar
Beispiele der Hingabe
Die Musikanten Gottes
Die Verehrer auf dem Yoga-Weg
Die Heiligen, die in Thiruvarur geboren wurden
Die Verehrer des Schreins
Die Träger der heiligen Asche
Überall
Pusalar Nayanar
Mangayarkkarasi Nayanar
Nesa Nayanar
Kochengat Chola Nayanar
Thiru Nilakanta Yazhpanar
Sadaiya Nayanar und Isaignaniyar
Der heilige Sundarar - Ende
ANHÄNGE
GLOSSAR
LITERATURVERZEICHNIS
Unter ihnen sind die Heiligen Appar (7. Jh.), Thirujnana Sambandar (7. Jh.) und Sundarar (8. Jh.) die bekanntesten. Ihr Leben wird sehr ausführlich beschrieben. Die Legenden der anderen Heiligen sind dagegen kürzer. Das grundlegende Thema ist die bedingungslose, verehrende Hingabe dieser Heiligen an Shiva bzw. an die Verehrer Shivas.
Sekkizhar lebte im 12. Jh. und war Dichter und Minister am Hof des Chola-Königs Kulothunga II. (Anapaya Chola), der von 1133-1150 regierte. Der junge König war ein Verehrer von Shiva Nataraja, dem tanzenden Shiva in Chidambaram. Er beauftragte Sekkizhar damit, das Leben der Tamil-Heiligen in einem großen Gedicht zusammenzufassen. Eine andere Version besagt allerdings, dass Sekkizhar dem König, der dem Jainismus zugeneigt war, den Shivaismus nahe bringen wollte.
Sekkizhar sammelte alles Material, das er über die Heiligen finden konnte. Eine seiner Quellen war das Tiruthonda Thogai (Kompendium der Heiligenleben), das Sundarar (8. Jh.) geschrieben hatte, das aber nur aus 11 Versen besteht und 62 Heilige umfasst, wobei er sich selbst nicht dazuzählte. Im 11. Jh. war die Liste der Heiligen von Nambi Andar Nambi auf 63 (Sundarar und seine Eltern inbegriffen) erweitert worden. Das Periya Puranam beginnt und endet mit Sundarar.
Die Legende besagt, dass eine Stimme vom Himmel Sekkizhar das erste Wort für sein Werk vorgegeben habe: „Ulahelaam" (die ganze Welt). Nachdem Sekkizhar das Periya Puranam gedichtet hatte, trug er es 1139 oder 1140 in der Großen Halle des Tempels von Chidambaram vor.
Sekkizhars Periya Puranam ist der 12. und letzte Band des Tirumurai, des Kanons der tamilischen Shiva-Schriften, die aus den Hymnen der vier Hauptheiligen – auch die vier Nalvars (die Vier) genannt – Sambandar (1.-3. Band), Appar (4.-6. Band), Sundarar (7. Band) und Manikkavasagar (8. Band) besteht sowie einiger weiterer Schriften (9.-11. Band). Es gilt als Meisterwerk der tamilischen Sprache und bezeugt das goldene Zeitalter der Chola-Dynastie sowie der Bhakti-Bewegung.
Der berühmte Tempel in Chidambaram (Thillai) mit der Großen Halle, in der Shiva als Nataraja seinen kosmischen Tanz tanzt, spielt im Periya Puranam eine wichtige Rolle.2 Dieser Tempel wurde bereits im 7. und 8. Jahrhundert von den Dichtern Appar, Sambandar und Sundaramurthi in ihren devotionalen Hymnen besungen. Ab dem 9. Jh. stiegen die Cholas zur vorherrschenden Macht Südindiens auf, wählten Nataraja als ihre Familiengottheit und förderten den Nataraja-Kult. Im 12. Jh. wählten sie oft Chidambaram zu ihrer Residenz.
Die Religionsstreitigkeiten der Shiva-Verehrer mit den Jaina und Buddhisten, die immer wieder, v.a. bei Appar und Sambandar, hineinspielen, sind stark überzogen dargestellt, um die Vormachtstellung des Shivaismus herauszustreichen. Die Schlacht gegen die Jaina in Madurai ist historisch unbelegt.
Ramana Maharshi bekam das Buch als Sechzehnjähriger in die Hand, kurz vor seiner Selbstverwirklichung. Von da an besuchte er regelmäßig den Meenakshi-Tempel von Madurai, wo die Darstellungen der 63 Heiligen wie in den anderen Shiva-Tempeln zu finden sind. In seinem späteren Leben erzählte er gern Geschichten aus dem Periya Puranam. Dadurch ist das Intersse an dieser Legendensammlung wieder erwacht.
Im Periya Puranam klingen viele bekannte Geschichten aus der hinduistischen Mythologie an, ohne dass sie erzählt werden, da der indische Leser sie ja von Kindesbeinen an kennt. Ich habe sie teils im Anhang, teils in Fußnoten angeführt, damit auch der deutsche Leser etwas von diesem Hintergrund erfährt.
Die erklärenden Fußnoten stammen von mir, die Bemerkungen in Klammern stammen vom englischen Übersetzer Sri R. Rangachari.
Das Buch wurde von mir nach den Bildern von S. Rajan in seinem Buch: „Saints of Saivism“ und anderen Vorlagen illustriert.
Mein Dank geht an den Sri Ramanashram für die Erlaubnis, diese Legenden übersetzen zu dürfen.
Gabriele Ebert
1 Puranam bedeutet wörtlich: alt. Gemeint ist eine Literaturgattung des indischen Schrifttums, die Mythen, Legenden und andere erzählende Literatur und dichterisches Schriftgut beinhaltet.
2 Nataraja bedeutet „Herr des Tanzes“. Shivas Tanz symbolisiert die Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung der Welt. Er hat vier Arme. In seiner linken hinteren Hand hält er das Feuer, das Symbol der Schöpfung und Vernichtung. Die andere Hand weist nach unten zu seinem erhobenen Fuß, der Befreiung symbolisiert. Die vordere rechte Hand hält er in der Geste der Abwehr von Furcht. Sie wird von einer Schlange umwunden. Die hintere rechte Hand hält eine Trommel (damaru), die den Rhythmus und die Zeit symbolisiert. Nataraja wird von einem Feuerring umgeben und steht auf einem Podest mit Lotusblüten. Sein linkes Bein steht auf dem Dämonenzwerg Apasmara (Mulayaka), der die Unwissenheit symbolisiert. In seinem energetischen Tanz wirbeln seine Haare umher. Sein Gesicht strahlt Ruhe aus, und ein leichtes Lächeln liegt auf seinen Lippen, obwohl er mit den widersprüchlichen Kräften des Universums beschäftigt ist. (Darstellung s. S. 19)
Das Periya Puranam ist eine Dichtung des Poeten Sekkizhar über das Leben der 63 Shiva-Heiligen der alten Tamilen. Die Bedeutung des Periya Puranam im Zusammenhang mit unserem Meister Bhagavan Ramana Maharshi kann nicht überbetont werden, denn ist er nicht selbst der Herr und der Verehrer? In der Biografie über Bhagavan „Self Realization“ Kapitel 4 lesen wir: „Gegen Ende 1895 (vielleicht einige Monate, nachdem er von einem Verwandten vom Arunachala gehört hat) fand er zuhause ein Exemplar des Periya Puranam, das sich sein Onkel ausgeliehen hatte. Es war, abgesehen von der Schullektüre, das erste religiöse Buch, das er las, und es interessierte ihn sehr. […] Es brachte ihn in eine andere Welt. […] Bei der Lektüre überkamen ihn Staunen, Verehrung, Respekt, Andacht, Mitgefühl und der Eifer, es den Heiligen gleichtun zu wollen. […] Aber nachdem er das Buch schnell gelesen und wieder beiseite gelegt hatte, verschwanden die neuen Impulse und Vorbilder wieder, und er war wie zuvor.“3
Nach seiner Todeserfahrung 1896 veränderte er sich sehr. „Zunächst verlor ich das wenige Interesse an meiner äußeren Beziehung zu Freunden, Verwandten und dem Lernen. Ich wurde im Umgang mit ihnen sehr demütig, sanftmütig und indifferent. […] Die alte Persönlichkeit, die etwas übel nahm und sich behauptete, war verschwunden. […] Ich zog es vor, mir selbst überlassen zu sein. [ …] Oft saß ich alleine da, besonders in Meditationshaltung, schloss die Augen und verlor mich im Geist, dem Strom oder der Macht (Avesham), die mich ausmachte. […] Alle Vorlieben und Abneigungen beim Essen waren verschwunden. Alles Essen, schmackhaft oder geschmacklos, gut oder verdorben, schluckte ich hinunter, gleichgültig wie es schmeckte, roch oder von welcher Qualität es war. […] Eine meiner neuen Eigenheiten bezog sich auf den Meenakshi-Tempel. […] Früher ging ich selten mit Freunden hin, sah mir die Statuen an, gab heilige Asche und heiliges Zinnoberrot auf meine Stirn und ging ohne wahrnehmbare Rührung nach Hause.
[…] Jetzt ging ich fast jeden Abend in den Tempel. Ich ging alleine hin und stand lange vor Shiva, Meenakshi, Nataraja oder den 63 Heiligen. Mich überkamen Wogen von Gefühlen. Der frühere Halt am Körper war aufgegeben worden, und mein Geist verlangte deshalb nach einem neuen Halt. […] Das war Gottes (Ishvaras) Spiel mit der individuellen Seele. Ich stand vor Ishvara, dem Herrscher über das Weltall und die Geschicke aller, dem Allwissenden und Allmächtigen, und gelegentlich betete ich zu ihm, dass seine Gnade auf mich herabkommen möge, damit meine Hingabe zunehmen und beständig werden würde wie die der 63 Heiligen.“4
Im Schrifttum der Shiva-Tradition der Tamilen gibt es zwölf devotionale (stottiram) und vierzehn theoretische (sattiram) Kanons. Der gesamte devotionale Kanon ist als Panniru Tirumurai bekannt, von dem das Periya Puranam das zwölfte Buch ist. Ein Puranam behandelt die Geschehnisse der Vergangenheit auf solche Weise, dass sie immer neu und auch in der Gegenwart gültig sind. Sekkizhars Periya Puranam (das Große Puranam) besteht aus 4253 Versen. Es trägt diesen Namen aus einsichtigen Gründen:
Der Dichter nannte es Thiruthondar Puranam (die Legende der heiligen Diener). Er erzählt in Kürze das Leben der Diener Shivas und nennt jede Lebensbeschreibung ein Puranam. So hat man das Sundaramurthi Nayanar Puranam, das Kannappa Nayanar Puranam, das Tirumula Nayanar Puranam usw. Das ganze Werk kann deshalb als Großes Puranam bezeichnet werden, da es ein Puranam von Puranas ist.
Das Leben eines Heiligen bildet oft ein sehr kurzes Kapitel. Man kann sich fragen, warum jedes als ein Puranam bezeichnet wird. Aber es sind Heilige,
jivanmuktas
, die kein Empfinden von „ich“ und „mein“ mehr hatten, sondern einzig in ihrer Hingabe lebten und sich nicht einmal um ihre persönliche Befreiung kümmerten. Wenn man die Wahl hat zwischen einem Schirm und Schuhen, würde man sich bereitwillig für letzteres entscheiden, bevor man sich zur Mittagszeit im Sommer auf eine brennend heiße Teerstraße begibt. Die Hitze, die von der Straße reflektiert wird, ist viel größer als die direkte Hitze der Sonne auf unseren Köpfen. So ist auch die Gnade Shivas machtvoller, wenn sie durch seine Diener (Nayanmars) erlangt wird als von Shiva direkt. Das Periya Puranam ist deshalb „groß“ im Sinne von bedeutungsvoll, da es vom Leben solcher Diener handelt.
Das Puranam handelt von 63 Heiligen und von neun Heiligengruppen, also von insgesamt 72. Obwohl man allgemein glaubt, dass es nur die Heiligen Tamil Nadus beinhaltet, beschreibt der Dichter die neun Heiligengruppen als: „Dichter, die frei von Irrtum sind“, „die den Verehrern (
bhaktas
) dienen“, „die immer das Lob des Höchsten singen“, „die immer in Berührung mit dem Göttlichen (dem Selbst) bleiben“, „die jenseits von Kaste, Glauben, Nation, Zeit und anderen menschengemachten Kategorien sind“, „die die Füße [des Herrn] erlangt haben“ usw. Das zeigt die große Reichweite des Puranam und seine Allgemeingültigkeit.
Das tamilische Bhagavata und die anderen Puranas haben alle die jeweilige Sanskritversion als Vorlage. Das Agastya Bhakta Vilasam sowie das Upamanyu Bhakta Vilasam [Sivabhaktavilasam] in Sanskrit haben dagegen das tamilische Periya Puranam des Sekkizhar als Vorlage.
Sekkizhar war nicht der erste, der über diese Heiligen gedichtet hat. Das göttliche Kind Nambi Aroorar [Nambi Andar Nambi], ein Zeitgenosse des Chola-Königs Abhayakulasekara, wurde vom Herrn Ganesha selbst in allen Künsten unterrichtet. Im Laufe dieser Bildung offenbarte der Herr dem Kind, wo das Palmblatt-Manuskript zu finden war, das die ersten sieben Bücher des devotionalen Kanons enthielt.
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Diese sieben Bücher des Tirumurai [Tevaram], von denen man geglaubt hatte, dass sie verloren gegangen waren, enthielten die Lieder der Weisen Sambandar, Appar und Sundarar, dem berühmten Dreigestirn unter den Nayanmars. Zudem offenbarte der Herr Vinayaka (Ganesha) dem Kind Nambi auch Einzelheiten aus dem Leben vieler berühmter Shiva-Verehrer. Das Gedicht, das Nambi Aroorar über ihr Leben dichtete, heißt Thiruthondar Thiru Antadi.
Sundarar, einer der berühmten Drei, hat selbst ein sehr kurzes Gedicht geschrieben, das Tiruthonda Thogai. Er wurde dazu erst inspiriert, nachdem Shiva zu ihm „Pittai!“ (Verrückter Kerl!) gesagt hatte. Somit ist auch das Tiruthonda Thogai wie das Thiruthondar Thiru Antadi aus der direkten Kommunikation mit dem Göttlichen entstanden.
Sekkizhar, ein Zeitgenosse des Chola-Königs Anapaya, hat das Periya Puranam auf der Grundlage dieser beiden früheren Werke gedichtet. Er suchte die verschiedenen heiligen Orte auf, die mit den Heiligen in Verbindung stehen, und sammelte viele Einzelheiten aus ihrem Leben und Legenden. Somit war er in der Lage, eine viel ausführlichere Lebensbeschreibung als seine Vorgänger zu verfassen. Doch er erhielt erst dann poetische Inspiration, nachdem der Herr Shiva ihm das Stichwort „Ulahelaam“ (die ganze Schöpfung) gegeben hatte. Ist es da ein Wunder, dass die Lebensbeschreibungen, die dreimal vom Göttlichen inspiriert worden sind, als „Großes Puranam“ gelten?
Es gibt zwei wichtige Punkte, die man bedenken muss, wenn man das Periya Puranam liest, wenn Übende (sadhakas) daraus den gewünschten Nutzen für die Reinigung des Geistes ziehen wollen.
1. Das Puranam erzählt von verschiedenen, teils extremen Wegen, wie sich die Verehrung der Heiligen Ausdruck verschaffte. Die Heiligen Kannappar, Meyporul, Yenadhi, Arivattayar, Murthi, Thiru Kurippu Thonda und einige andere sind Beispiele für die Bereitschaft, sich verletzen zu lassen oder selbst zu sterben, um ihr Versprechen, das sie im Dienst Shivas oder seiner Verehrer (bhaktas) gegeben hatten, zu halten. Während das gewürdigt werden kann, sind die Fälle, in denen ein Heiliger einen anderen verletzt, um seine Verpflichtung im Dienst eines Shiva-Verehrers einzuhalten, subtiler und sollten im Glauben bedacht werden. Beispiele dafür sind Siruthondar, der seinen Sohn tötete, Iyarpahai, der einem Shiva-Verehrer seine Frau gab und sogar alle seine Verwandten erschlug, die sich ihm entgegenstellten, Eripathar, der Hackfleisch aus einem Elefanten und fünf Wächtern machte, Manakanchara, der seine einzige Tochter am Abend ihrer Hochzeit verunstaltete, um einen Shiva-Verehrer zufrieden zu stellen, der ihre langen Zöpfe wollte, und Chandeshvara Nayanar, der den Anblick einer geschundenen Kuh nicht ertragen konnte, aber in seiner Wut seinem eigenen Vater die Beine abschlug, als der seine Puja für das Shiva-Lingam verhinderte. Sie belehren uns über die Hierarchie weltlicher und sozialer Werte. Alles gilt letztendlich als entschuldbar, wenn es dem erwählten Weg der Hingabe an das Höchste im Weg steht. Das Ideal muss geehrt werden. Ihm muss man sich unterwerfen. Solche Nayanmars sind wie Shiva-Ganas und fungieren wie die draufgängerischen Wachen Shivas und seiner Verehrer. Viranmindar fällt in dieser Hinsicht auf. Der persönliche Leibwächter zögert nicht, seinen Meister an einer Tat zu hindern oder Gefahren einzugehen, um ihn zu schützen. Für Viranmindar haben die Shiva-Verehrer einen solch hohen Stellenwert, dass er nicht nur Sundarar einen Kastenlosen schimpft (als Sundarar auf seinem Weg zum Herrn von Thiruvarur an den Verehrern vorbeikam und sie ignorierte), sondern auch den Herrn selbst, da er dem unwürdigen Sundarar so lange seine unangemessene Gunst gewährt hatte.
2. In den Lebensbeschreibungen einiger Heiliger tadelt das Puranam den Jainismus heftig. Das muss man in der richtigen historischen Perspektive sehen, da der Hinduismus durch die königliche Begünstigung des Jainismus davorstand, im Süden ausgelöscht zu werden. Obwohl die Erfahrung der vollendeten Stille beim Jaina, Hindu oder beim Weisen jeder anderen Religion gleich ist, ist es doch eine erschreckende Tatsache, dass sich in der Geschichte die jeweiligen Gläubigen gegeneinander wenden. In diesem Prozess können selbst grundlegende Werte aus dem Blick geraten. So finden wir die Mönche des Jainismus, die Gewaltlosigkeit predigen, z.B. in den Geschichten von Appar, Sambandar und Murthi Nayanar, rückhaltlos und mit äußerster List Gewalt und Folter ausüben, um die Shiva-Heiligen auszustechen. Die Verspottung der Jaina-Mönche in dem Puranam sollte deshalb auf dem Hintergrund der heimtückischen Verfolgung der gewaltfreien Shivaiten durch die fehlgeleiteten Mönche verstanden werden. Somit ist die Einstellung berechtigt und nötig, aber nichts weiter.
Es gibt nur wenige Übersetzungen dieses großen Werkes in Englisch. Der Sri Ramanashram ist deshalb glücklich, diese Übersetzung von Sri R. Rangachari herauszubringen, die zuvor in einer Serie im „The Indian Express“ erschienen ist. Die Kolumne der Zeitung über religiöse Themen ist bis heute beliebt. Wir sind sicher, dass die Devotees diese Veröffentlichung durch den Ashram begrüßen. Wir beten, dass Sri Bhagavan uns fähig macht, seine Gnade zu erlangen, damit auch unsere Hingabe „zunehme und beständig werde wie die der 63 Nayanmar-Heiligen.“
Tiruvannamalai, 1.8.1996, V.S. Ramanan, Präsident Sri Ramanashram
3 Narasimha Swami: Self Realization, Kapitel 4
4 dto., Kapitel 5
5 Im 11. Jh. trug König Abhayakulasekara Nambi Aroorar, der Tempelpriester war, auf, die Hymnen des Tevaram (die ersten 7 Bücher des Tirumurai) zu finden, nachdem er kurze Auszüge davon gehört hatte. Der Legende nach fand sie Nambi auf göttliche Intervention hin in einem Raum im Nataraja-Tempel von Thillai (Chidambaram). Sie waren auf Palmblättern geschrieben, die von weißen Ameisen halb zerfressen waren. Er ordnete das Schriftgut der Dichter Sambandar, Appar, Sundarar und Manikkavasagar und andere Dichtungen in 11 Bücher, die später, ergänzt durch das Periya Puranam als 12. Buch, das vollständige Tirumurai ausmachten.
Nayanars im Tiruvalangadu-Tempel Wikimedia Commons, Foto: Ssriram mt
Das Thiruthondar Puranam, besser bekannt als Periya Puranam des Heiligen Sekkizhar, bildet das 12. Tirumurai der shivaitischen kanonischen Tamilschriften. Es wird als ein Buch von jnana (Erkenntnis) und bhakti (Verehrung) hoch in Ehren gehalten. Der Autor Sekkizhar, der in seinen frühen Tagen auch als Arulmozhithevan (der mit der göttlichen Sprache) bekannt war, wurde in Kundrathur nahe Madras geboren. Er war ein Minister unter einem Chola-König und hatte die Möglichkeit, Material wie Inschriften usw. zu sammeln, um das Leben der 63 Heiligen zu verfassen.
Das Buch beschreibt die Eigenschaften von neun Gruppen von Heiligen. Unter den 63 Heiligen sind auch die drei großen Acharyas Jnana Sambandar, Tirunavukkarasar (Appar) und Sundaramurthi (Sundarar), deren Leben ausführlich und authentisch beschrieben wird.
Das Buch ist in einem verehrenden Sprachgebrauch in einfachem poetischem Stil im Thiruviruttam-Metrum geschrieben. Es besteht aus zwei Teilen, dreizehn Kapiteln (Carukkangal) und 4286 Versen. R. Rangachari übertrug es ins Englische. Obwohl es sich nicht um eine poetische Übertragung handelt und der Inhalt an manchen Stellen zusammengefasst wurde, hält sich die Übersetzung eng an das Original und streicht die Feinheiten gut heraus.
Shiva Nataraja, der Herr des Tanzes aus der Chola-Dynastie, datiert 950-1000 Los Angeles County Museum of Art Wikimedia Commons, Foto: LACMA
Verehrung
Der Herr, der in der Goldenen Halle (von Chidambaram) tanzt, ist von unendlicher Herrlichkeit. Er übertrifft alle Wahrnehmungen und Ausdrucksformen der ganzen Welt. Trotzdem hat er sich in einer Gestalt offenbart, mit verfilzten Zöpfen, die den Halbmond und den Ganges tragen. Ich will seine blühenden Füße mit den Fußkettchen, die den vedischen Rhythmus widergeben, verehren und mich vor ihnen verneigen.
Die Geburt in einem Körper wird das vorherbestimmte Resultat bringen, wenn die Person die goldenen Füße des Herrn betrachtet und verehrt, des Gebers alles Guten, der selig in Thillai [Chidambaram] tanzt, das von Hainen voller honigsüßer Blüten umgeben ist.
Ich möchte zuerst über die Gestalt des Herrn mit den fünf mächtigen Armen, den weit herunterhängenden Ohren, dem hohen Scheitel und einem Gesicht wie das eines Elefanten
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meditieren, damit er mir die Gnade gewährt, die es mir ermöglicht, die großartige Geschichte in lieblichen Tamil-Versen zu dichten, die ich hiermit erzählen will.
Die heilige Versammlung
Möge die große Versammlung der Reinen [in Chidambaram] immer in der Welt siegreich sein, wie es vorherbestimmt ist. Sie hat sich stets am süßen, überfließenden Honig, an den Blüten der Namen der Verehrer (Nanyanmars) erfreut, die vor unendlicher Zeit die Herrlichkeit des Herrn der Tanzhalle mit den verfilzten Zöpfen, die den Halbmond tragen, gepriesen haben.
Ausdruck von Demut
Die großen Verehrer sind zahlreich, und ihr Ruhm ist unendlich. Wie kann ich das vollkommen zum Ausdruck bringen? Es ist für mich nahezu unmöglich, all diese Herrlichkeit in Worte zu fassen. Doch weil ich mich von diesem überwältigenden Wunsch dazu gedrängt fühle, wage ich mich an diese Aufgabe.
Durch diesen Versuch, über die unfassbare und unvergleichliche Herrlichkeit der Verehrer zu reden, bin ich wie ein durstiger Hund geworden, der danach lechzt, das ganze Meer auszutrinken.
Doch ich hege die Hoffnung, dass die Edlen der Welt den herrlichen Inhalt der Erzählung stets würdigen, obwohl ich ihn nicht adäquat in Worte fassen kann. Es ist offensichtlich, dass mein Thema von Bedeutung ist, und so werden die Großen es gern annehmen, auch wenn meine Worte oft stocken.
Der große Herrscher Anapaya Chola [Kulothunga Chola II.] hat das Dach der Großen Halle [des Tempels in Chidambaram] des manifestierten Herrn mit Gold verkleiden lassen. Möge sein Ruhm für immer in der Welt bestehen! Auf Wunsch der großen Versammlung wurde dieses Puranam bereitwillig gedichtet, das mit den Worten des Herrn „Ulahelaam“ (die ganze Welt) beginnt.
Wenn man mir zu verstehen gibt, dass es mir, dem die klare Sichtweise fehlt, unmöglich ist, von den Diensten, die durch Gottes Gnade getan wurden, zu erzählen, so möchte ich einfach darauf hinweisen, dass der Herr selbst mit himmlischer Stimme das herrliche Wort „Ulahelaam“ ausgesprochen hat, mit dem ich mein Werk beginne.
Titel des Werks
Was den Titel dieses Puranas betrifft: Dieses Werk vernichtet die innere Dunkelheit, die sich vom Anfang der Zeit in den Gemütern aller Seelen verbreitet hat, so wie die roten Strahlen der Sonne alle äußere Dunkelheit vertreibt. Deshalb soll es Thiruthondar Puranam heißen.
1. DIE HERRLICHKEIT DER WOHNSTATT DES HERRN
Verse 1-20:
Der Berg Kailash leuchtet wie die goldene Zeichnung der mit heiliger Asche (Vibuti) bestrichenen Stirn, wie eine wahrhaft weiße Blüte an einer schimmernden Schlingpflanze. Er ist die unvergleichliche Wohnstatt des Herrn Shiva, die am Eingang von Nandi bewacht wird, dem Oberhaupt der Himmelsscharen, der die zahlreichen himmlischen Wesen aufhält, die den Herrn verehren wollen.
Es heißt, dass der Weise Upamanyu durch seine Entsagung die Herrlichkeit des Herrn erkannt hat. Seine liebende Verehrung auf dem Kailash wurde immer stärker und währte ewig.
Einmal zog ein Lichtstrahl, der heller als tausend Sonnen war, zum Kailash hin. Der Weise erkannte ihn sofort als die Gestalt des Weisen Sundarar, der nach einem kurzen Aufenthalt auf Erden zum Herrn zurückkehrte. Und er erzählte seinen fragenden Schülern die Geschichte von Sundarar. (Dies ist die Einführung von Sekkizhar in das Puranam.)7
Verse 21-29
Upamanyu erzählt:
Dieser Ruhmreiche [Sundarar] war der Diener des Herrn auf dem Kailash. Er besaß das Privileg, ihm die heilige Asche und die Girlanden darzubringen. Er hieß damals Alala Sundarar. Eines Tages ging er in den Hain am Kailash, um für den Herrn Blumen zu pflücken. Vor ihm hatten sich die Dienerinnen der Gemahlin des Herrn zum selben Hain begeben, um Blumen für ihre Herrin mit den duftenden Zöpfen zu pflücken. Ihre Gesichter strahlten heller als der Mond, und sie waren von unsagbarer Schönheit. Die Hauptdienerinnen waren Aninditai, die von unvergänglicher Schönheit war, und Kamalini, deren dichte, gewundene Zöpfe einer dunklen Wolke glichen und duftende Blüten trugen. In Wahrheit waren sie die Verkörperung der Gnade des Herrn aller himmlischen Wesen.
Als Sundarar diese beiden sah, schlug ihnen sein Herz entgegen, und auch die beiden Frauen empfanden dasselbe. Das war der Plan des Herrn, um den verdienstvollen südlichen Teil Indiens durch die großartige Dichtung des Tiruthonda Thogai zu verherrlichen, indem Sundarar auf die Erde herabkam. Der Herr erkannte Sundarars Zustand und erklärte: „Da du deine liebenden Blicke auf die beiden Mädchen geworfen hast, werdet ihr alle drei auf der Erde geboren werden, um die Freude der Liebe zu verkosten.“
Sundarar betete: „Oh Herr, bitte fordere mich zurück, bevor ich von den vergänglichen Freuden auf Erden verführt werde.“ Der Herr versprach es, und die drei wurden auf der Erde geboren.
Verse 31-36
Upamanyu erklärte auf Bitten der anderen Weisen, was den Südteil Indiens so besonders ruhmreich macht.
Südindien ist gesegneter als die himmlischen Regionen, da das heilige Chidambaram dort liegt, wo der Herr zur Freude unserer Mutter tanzt, die ihn mit Liebe betrachtet.
Auch der große Vyagrapada [ein mythischer Weiser des alten Indiens] verehrte den dortigen Herrn. Zudem liegt Arur [Thiruvarur], der Herzenslotus Bhumidevis [der Göttin der Mutter Erde], dort, wo Ardhanarishvara, der im Herzen aller Lebewesen erblüht und sich durch die Veden offenbarte, immer erstrahlt. Liegt dort nicht auch die große Stadt Kanchi [Kanchipuram], die von den Devas verehrt wird und wo am Ufer des Kampa unsere Frau, die Mutter der sieben Welten, nach großen Entbehrungen den Herrn erlangte?8 Und was ist mit Thiruvaiyaru, dem Ort der fünf Flüsse, wo der Herr, auf dessen matten Zöpfen die herrliche Ganga tanzt und in dessen Händen die Flamme wie eine rote Rose erglüht, unserem Meister Nandi [Sundarar] als Belohnung für seine großen Entbehrungen seine Gnade gewährte! In der Tat, der heilige Ort Thonipuram [Sirkazhi] mit dem Brahmapureeswarar-Tempel und alle anderen Schreine im Süden sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen. Sie sind alle unserer Verehrung würdig.
Verse 37-40
Sekkizhar fügt nun hinzu:
So wie der Weise Upamanyu vor langer Zeit den anderen auf dem Kailash von den herrlichen Taten Sundarars, dem kämpferischen Verehrer, der uns das Tiruthonda Thogai hinterlassen hat, erzählte, will ich die großen Taten der Nanyars (in der Gegenwart des Herrn) genau darlegen, weil mich sehr danach verlangt. Die Quelle für mein Puranam ist nicht nur die Dichtung Sundarars, der sie mit der Gnade des Herrn Valmikinatha gesungen hat. Ich folge auch dem Thiruthondar Thiru Antadi des Acharya Nambi Andar Nambi, der uns damit geholfen hat, das Originalwerk von Sundarar richtig zu verstehen.
Ich beginne damit, den Ruhm des kühlen Chola-Landes zu besingen, wo die großen Verehrer zu finden sind, deren Ruhm Nambi Arurar (Sundarar) besungen hat.
2. DIE HERRLICHKEIT DES GESEGNETEN LANDES
(Hier wird die Fruchtbarkeit und Größe des Kaveri-Gebiets der Cholas beschrieben.)
Verse 1-35
Der Weise Agastya kam aus dem nördlichen Himalaya in den Süden. Das Wasser, das er in seinem Wassergefäß (Kamandala) mitbrachte, begann sich auszubreiten und als der Fluss Kaveri in der Nähe von Kongu Nadu [westliches Tamil Nadu] zu fließen, wo das Gefäß umgekippt war. Der Fluss fand seinen Weg durch das Chola-Land und machte diese Region fruchtbar. Als das Wasser in die Felder floss, beschäftigte sich die örtliche Landbevölkerung voller Freude mit Ackerbau, indem sie zarte Reispflanzen setzte und schließlich eine reiche Ernte einfuhr. Das Land brachte vor allem Reis hervor wie auch viel Zuckerrohr, Kochbananen und Betelnüsse. Es gab viele Blumenhaine, Obstgärten und Baumhaine. Die Einwohner führten somit ein glückliches Leben. Sie lebten rechtschaffen und befolgten streng die Gebote und Verbote der Schriften. In allen Schreinen des Herrn gab es regelmäßige Gottesdienste, und die Leute meditierten immer über das Panchakshara [die fünf Silben: OM namah Shivaya]. Daraus folgte, dass das Land glücklich und frei von allen Missständen war. Während der milden Herrschaft von Anapaya Chola II. war das Land besonders wohlhabend.
Anmerkung: Wenn die Ernte eingefahren worden war, leisteten die Ackerbauern ihre Abgaben an den Herrscher, waren mildtätig und behielten nur ein Fünftel für sich selbst.
3. DIE PRACHT DER STADT THIRUVARUR
Verse 1-12
Thiruvarur9 ist die älteste vieler berühmter Städte in der Chola-Region. Von den hohen Gebäuden hier gehörte eines der gesegneten Dame Paravaiyar [der Gemahlin Sundarars]. Auf der Hauptstraße ging der Herr zweimal als Bote für Nambi Arurar [Sundarars] zu Paravaiyar. Welcher Ruhm!
Verse 13-25
In der alten Stadt herrschte Manu Needhi Chola [wörtl.: der Chola, der die Gesetze Manus befolgt]. Er kümmerte sich um alle Lebewesen wie um sein eigenes Leben und war stets auf ihren Schutz bedacht. In allen Schreinen ließ er Pujas auf die vorgeschriebene Weise feiern. Unter seiner gerechten Herrschaft führten die Menschen ein rechtschaffenes und wohlhabendes Leben. Sie waren vollkommen glücklich.
Manu Needhi hatte nur einen Sohn. Schließlich wuchs dieser Sohn zu einem Prinzen heran, der in allen Künsten bewandert war und sich gut zu benehmen wusste. Eines Tages begab er sich in einer Parade durch die königliche Hauptstraße. Von seinen Soldaten umringt saß er in einem Streitwagen. Ein zartes Kalb tollte auf dem Weg herum, geriet unter die Räder des Wagens und starb. Als die Mutterkuh das sah, fing sie laut zu klagen an. Sie war völlig erschüttert und stürzte in ihrem großen Kummer zu Boden.
Der Prinz war entsetzt. „Ach, was für ein großes Unglück ist geschehen!“ Seine Worte stockten. Sein Herz war von Schmerz zerrissen. Sein Geist und seine Sinne waren wie betäubt. „Was habe ich getan! Ich habe die Kuh und das Kalb vernichtet.“ Mit diesem Empfinden stieg er von seinem Streitwagen herab und fiel zu Boden. Er starrte abwechselnd auf die klagende Kuh und das tote Kalb und jammerte: „Ach, ich wurde nur geboren, um meinem königlichen Vater, den die ganze Welt als ihren Beschützer rühmt, Schande zu bringen! Wenn nur die Großen, die in der vedischen Überlieferung bewandert sind, mir einen Weg zeigen könnten, wie ich mein großes Unrecht wieder gut machen könnte, würde ich es tun, noch bevor mein Vater von dem Unglück erfährt.“ Mit diesen Gedanken ging er zu den vedischen Gelehrten.
Verse 26-50
Die betrübte Kuh vergoss zahlreiche Tränen, ging langsam zur Pforte des goldenen Palastes des rechtschaffenen Herrschers Manu und zog mit ihren Hörnern an der Glocke, die dort hing. Die „Klageglocke“ in der Säulenhalle am Eingang des Palastes hatte für lange Zeit geschwiegen. Ihr Schlaf wurde nun jäh unterbrochen. Als der König im Palast den Lärm hörte, war er überrascht. Kündigte sie eine schwerwiegende Übeltat oder eine schreckliche Sünde an? Oder war es vielleicht das Geläut der Glocke, die das Reittier des Totengottes Yama um seinen Nacken trägt, der gekommen war, um das Leben seines königlichen Sohnes an sich zu reißen?
Er eilte nach unten und begegnete den Wachen am Tor, die auf eine sorgenvolle Kuh zeigten. In scharfem Ton fragte er die Minister: „Welches Unrecht ist dieser Kuh zugestoßen?“ Ein alter, gelehrter Minister antwortete: „Herr des reichen Landes, dein Sohn ist umgeben von einer großen Menge in einem Streitwagen auf der königlichen Straße gefahren. Plötzlich lief ein kleines Kalb auf die Straße und geriet unter die Räder. Diese Kuh, seine Mutter, die wegen des Unfalls trauert, hat den Lärm verursacht.“
Der Herrscher identifizierte sich mit der leidenden Kuh. Von Kummer überwältigt rief er: „Wehe mir! Wie konnte bei meiner gerechten Herrschaft solch ein Unglück passieren? Wie kann ich es wieder gutmachen?“
Der Minister antwortete freundlich: „Herr, dein Klagen hilft sicherlich nicht gegen diesen Unfall. Du musst rituelle Wiedergutmachung für diese unbeabsichtigte Schuld leisten, wie die Priester es vorschreiben.“
Der König konterte: „Schäme dich! Wird denn irgendein Ritus dieser Kuh ihr Kalb zurückgeben? Ist es nicht meine königliche Pflicht, jeden vor den fünf Arten des Leids zu schützen? Wenn jemand anderer dieses Verbrechens beschuldig würde, würde ich ihn dann nicht zum Tode verurteilen? Sag nicht, das sei noch nie dagewesen! Deine Worte beschmutzen den alten Namen Manus, den ich trage! Wie konnte das in dieser gesegnetsten aller Wohnstätten des Höchsten Herrn geschehen? Das einzige, was ich tun kann, ist, den Kummer der Kuh auf mich zu nehmen. Du, Minister, ergreif meinen schuldigen Sohn und lass das Rad des Streitwagens über sein Herz fahren!“
Der Minister wollte den Befehl des Königs nicht ausführen und lieber selber sterben. Als der König das sah, nahm er seinen einzigen Sohn und überfuhr ihn selber mit dem Streitwagen.
Sollen wir sagen, dass das eine seltene und schwere Tat war? Die Stadtbewohner, die es beobachtet hatten, vergossen Tränen, während die himmlischen Heerscharen Blumen regnen ließen. Und siehe da, der gesegnete Herr selbst erschien am Himmel zusammen mit seiner Gemahlin und ritt auf seinem Stier (der das dharma symbolisiert). Durch den Blick des Herrn wurde das Kalb wieder lebendig und auch der Prinz sowie der Minister! Was gibt es, was für den Herrn unmöglich wäre? Die Kuh säugte voller Freude das Kalb, und der gerechte König umarmte seinen Prinzen. Und überall herrschte Freude. Würde der Herr denn jemals seine Verehrer enttäuschen?
Heil, Heil der nährenden Gnade des Herrn!
4. DIE GESEGNETE VERSAMMLUNG
Nachdem Sekkizhar das Lob auf Thiruvarur und seinen ehemaligen Herrscher Manu Needhi Chola gesungen hat, bezieht er sich auf den Schrein von Valmikinatha (Poomkoil), den man als erstes sieht, wenn man durch das Haupttor des Tempels geht. An ihn grenzt eine lange Halle mit dem Namen Devasiriyan, wo die himmlischen Scharen dicht gedrängt auf den darshan des Herrn aller warten. Die Gliedmaßen der Verehrer sind mit heiliger weißer Asche beschmiert. Sie symbolisiert die Reinheit des Geistes und Herzens. Von ihren Lippen erhebt sich der harmonische, sanfte Gesang des Panchakshara. Ist es das sanfte Murmeln vieler Milchmeere? Man kann sagen, dass alle Welten hier vertreten sind, um die erste Ursache, den würdigen Höchsten Herrn zu verehren.
Neben diesen Verehrern gibt es noch die gesegneten Diener, deren Pflicht darin besteht, dem Herrn in ritueller Verehrung zu dienen. Ihre Glieder schmilzen vor Leidenschaft dahin, und sie fürchten den geringsten Fehler. Ihre reine Ausstrahlung verbreitet Licht ringsherum. Wer könnte ihren Ruhm beschreiben? Sie wanken nicht im Geringsten in ihrem Dienst für den Herrn, der mit seiner Gemahlin vereint ist. Mögen auch alle fünf Elemente irregehen, ihre liebende Verehrung ist ihr Notanker. Sie stehen fest wie der Fels, in dem alle wertvollen Edelsteine im Verborgenen ruhen. Sie misstrauen den guten und schlechten Zeiten. Scherben und glänzendes Gold gelten ihnen gleichviel und spielen für sie keine Rolle. Ihr Ziel ist nicht Befreiung, das endgültige Ende des Lebens, sondern sie trachten nur nach dem liebevollen Dienst für den Herrn. Solcher Art ist ihre Entschlossenheit.
Die heilige Perlenschnur ist die einzige Girlande, die sie tragen, ein Streifen Stoff um die Taille ihre Kleidung. Die einzige Aufgabe, derer sie sich bewusst sind, ist ihr Dienst für den Herrn. Ihre Liebe strömt beständig aus ihnen hervor. Ihnen fehlt nichts. Sie sind wahre Helden. Unter ihrer Fürsorge nimmt der Herr verschiedene liebliche Gestalten an, um den Verehrern zu gefallen.
Die Verehrer und Diener des Herrn sind fürwahr ein ruhmreiches Volk. Der heilige Sundarar besang zu Recht das Leben solcher Heiliger. Deshalb soll zuerst von seinem Leben erzählt werden.
5. DIE ERZÄHLUNG VON DER GEWALTSAMEN RÜCKFORDERUNG SUNDARARS DURCH DEN HERRN
Geburt und Erziehung
Alala Sundarar, der Diener des Herrn auf dem Kailash, wurde vor etwa 1200 Jahren in Thirunavalur (einem Dorf südlich von Madras) im Königreich Thirumunaipadi geboren. Dort herrschte Narasinga Muniyaraiyar. Seine brahmanischen Eltern waren Sadaiyar und Isaignaniyar.10 Sie gaben dem Kind, das zum Wohl der Welt geboren wurde, den Namen des Herrn von Thiruvarur „Nambi Arurar“ und zogen es auf. Als er ein kleiner Knirps war, tapste er mit langsamen und unsicheren Schritten die Hauptstraße entlang und schob einen Spielzeugwagen vor sich her. Der Herrscher sah das strahlende Kind und wurde vor Liebe zu ihm überwältigt. Er ging zu den Eltern und erhielt ihre Erlaubnis, den Jungen zu adoptieren und zu erziehen.
Hochzeitsritus
Obwohl der Junge Nambi Arurar liebevoll vom Herrscher des Landes erzogen wurde, bekam er im entsprechenden Alter von seinen Eltern mit allen Riten die heilige Schnur [Upanayama]. Von da an nahm der Junge das Studium der Wissenschaften auf und meisterte sie schnell. Dann bat der Vater den würdigen shivaitischen Brahmanen Shadangovi, den Meister der sechs Disziplinen der vedischen Kultur (Vedangas) in Puttur, um die Hand seiner schönen Tochter für Nambi. Der Brahmane aus Puttur konsultierte die Gelehrten, die Astrologen und Älteren, und als alle zustimmten, war auch er mit der geplanten Verbindung einverstanden. (Er war nicht von der königlichen Gunst des Jungen beeindruckt, sondern legte nur auf die Übereinstimmung in Kultur und Tradition Wert.) Als die Vermittler dem Vater des Jungen die freudige Nachricht überbrachten, ließ er in königlichem Stil Einladungen zur Hochzeit überbringen, die an einem glückverheißenden Tag in Puttur erfolgen sollte. Zur gegebenen Zeit machte sich die Hochzeitsgesellschaft des Jungen auf den Weg und wurde mit allen Ehren am Stadtrand von Puttur empfangen.
Das Hochzeitszelt wurde errichtet, und alle Vorbereitungsriten wurden begangen. Auch der Ritus, die neun Getreidearten zu bewässern, um sie keimen zu lassen, wurde fehlerfrei ausgeführt. Die Braut wurde auf die herkömmliche Weise vorbereitet, und dem Bräutigam wurde unter Singen von Segnungen mit Trommelbegleitung das glücksbringende Armband ans Handgelenk gelegt. Das war am Abend vor der Hochzeit. Am Morgen ging heiter die Sonne auf, um die Hochzeit zu bezeugen.
Um pünktlich zur glückverheißenden Stunde da zu sein, machte sich der gelehrte Bräutigam schon früh auf, um sein rituelles Bad zu nehmen. Er war mit goldenen Girlanden und Blumenkränzen geschmückt. Fleißige Hände badeten die schöne Gestalt des Bräutigams, den der Herr sehr liebte (wie er noch unter Beweis stellen würde), trockneten ihn ab und boten ihm Weihrauch dar. In gebührender Kleidung und mit schön geflochtenen Zöpfen wurde er mit Sandelholzpaste eingerieben. Dann wurde ihm die doppelte heilige Schnur, das Zeichen des Ehestands, angelegt und der Kranz aus heiligem Gras (pavitra) um den richtigen Finger gewickelt. Anschließend ritt er in königlichem Prunk, gesegnet von den Gesängen der Priester, von seinem Lager zum Haus der Braut. Mit der heiligen Asche auf seinen Gliedern wandten sich seine Gedanken dem Herrn zu, dessen Segen er suchte.
Trommeln wirbelten und Trompeten schmetterten, als die Hochzeitsstunde nahte. (Schwang da nicht eine traurige Note mit?) Farbenfrohe Fächer wurden emporgeschwungen, ein großer Sonnenschirm überdeckte den Bräutigam, und Flaggen und Banner flatterten im Wind. Es war in der Tat ein freudiges Schauspiel, das fortan Puttur den Beinamen „Hochzeitsplatz“ einbrachte.
Jetzt kamen die Angehörigen und Freunde der Braut und bereiteten dem Bräutigam einen gebührenden Empfang. Die Frauen sangen, tanzten und riefen voller Freude: „Wir brauchen unzählige Augen, um den Bräutigam zu sehen – ein Bulle von einem Mann! Die Braut muss große Entbehrung erlitten haben, um diesen Bräutigam zu verdienen. Die ganze Welt ist durch dieses Schauspiel gesegnet. Unsere Herzen hüpfen, gefangen in der Flut der anmutigen Blicke dieses Helden. Das Pferd, das ihn getragen hat, ist großmütig bei uns stehen geblieben.“
Mein Leibeigener für immer
Als der Jüngling Nambi Arurar sich hingesetzt hatte, bereit, den Hochzeitsritus zu vollenden, erschien der Herr vom Kailash in Gestalt eines sehr alten Brahmanen. Die sanften Strahlen seiner Augen waren wie das Mondlicht. Heilige Asche war über seine Stirn geschmiert. Die weißen Zöpfe hingen von seinem Scheitel weit herab und bewegten sich hin und her, was aussah, als würden die kühlenden Mondstrahlen auf ihnen ausgleiten. Die Rudraksha-Perlen baumelten von seinen Ohren. Über seiner glänzenden Brust hing die heilige Schnur, und ein weißes Gewand war lässig über seine linke Schulter geworfen. In der rechten Hand trug er einen Sonnenschirm. Das abgenutzte Stück Leinen, das kaum unter dem Bauch an seinem Platz blieb und viele Falten warf, war von himmlischer Anmut. In der anderen Hand hielt er einen Bambusstab mit einem Stück weißen Stoff und einem Kranz aus heiligem Gras, der oben angebunden war. Mit schwankenden Schritten kam er herbei.
Die Zuschauer fragten sich: „Sehen wir hier die vollkommene Schönheit, die der Schöpfer mit geübter Hand über die Jahre geformt hat? Ist dies die Gestalt, die diese Schönheit angenommen hat? Ist dies die erste Ursache, die die Veden immer gesucht haben?“
Dann bat der Herr die Versammlung zuzuhören, was er ihnen zu sagen hatte. Nachdem er freudig empfangen worden war, wandte er sich an den großmütigen Bräutigam von Navalur. „Beende zuerst die lange Auseinandersetzung zwischen dir und mir, bevor du mit den heiligen Riten weitermachst!“ Der Jüngling erwiderte: „Beweise unverzüglich deine Anschuldigung!“ Daraufhin erklärte der Herr: „Nun gut, ihr Brahmanen, dieser Junge aus Navalur ist mein Leibeigener, der sich aus dem Staub gemacht hat.“ (Sind nicht alle Lebewesen seine Leibeigenen?) Der verblüffte Bräutigam lachte laut und lang, und seine Verwandten stimmten mit ein. Da kam die scharfe Antwort: „Du Narr! Warum lachst du mich aus? Ich trage in meinem Obergewand den Vertrag von deinem Großvater über deine Leibeigenschaft.“ Arurar fragte ärgerlich: „Wie kann ein Brahmane der Leibeigene eines anderen Brahmanen sein? Welche Narrheit ist in dich gefahren?“ Der Herr antwortete: „Harte Worte brechen kein Gebein. Sei nicht anmaßend! Hier ist der Beweis! Ich werde meine Niederschrift der Versammlung zeigen, nicht dir.“
Daraufhin eilte der Bräutigam herbei, holte den fliehenden alten Mann ein, griff nach der Niederschrift und zerriss sie. Der Herr fing heftig zu klagen an: „Ist das Recht?“ Die amüsierte Versammlung fragte ihn: „Fremder Kläger, woher kommst du überhaupt?“ Sofort kam die Antwort: „Was! Ich stehe jetzt hier. Ich wohne im benachbarten Thiruvennainallur. Könnt ihr nicht erkennen, dass dieser unüberlegte Junge durch seine Tat den letzten Zweifel an meiner Beschwerde ausgeräumt hat, sofern es überhaupt einen gibt?“
Die Älteren baten nun den unverbesserlichen Streitsüchtigen, seine seltsame Anschuldigung in seinem eigenen Ort vorzubringen. Der Herr war damit einverstanden. „Ich werde zu den Leuten in meinem Ort gehen, die rechtschaffener sind als ihr.“ Dann machte er sich eilig auf den Weg, wobei er seinen Stab vor sich her trug. Wie von einem Magneten angezogen folgte ihm der Bräutigam, und auch die anderen folgten, da sie neugierig auf den Ausgang waren.
In Thiruvennainallur brachte der alte Brahmane seine Anschuldigungen vor die örtlichen Älteren. „Dies ist mein geliebter Leibeigener. Arurar von Navalur hat die Urkunde, die seine Verpflichtungen bezeugt, zerrissen, als ich sie vorzeigte. Kommt euch das nicht verdächtig vor? Die Vereinbarung ist von seinem Großvater ordnungsgemäß getroffen worden.“ Da fragten die Älteren Arurar: „Wie kannst du glauben, erfolgreich Einspruch zu erheben, indem du die Urkunde des alten Klägers zerreißt? Was hast du zu deiner Rechtfertigung zu sagen?“
Arurar erwiderte: „Ihr alle seid Gelehrte. Ihr kennt meine Abstammung. Wenn dieser Brahmane beweist, dass ich sein Leibeigener bin, wie kann ich dann diese Behauptung entkräften? Das alles ist ein unerklärliches Rätsel. Ich bin völlig fassungslos!“
Die Älteren forderten nun den Kläger auf: „Beweise deine Klage auf eine der drei üblichen Weisen – durch Brauch, einen schriftlichen Beweis oder einen unabhängigen Zeugen.“ Die Antwort lautete: „Ich habe das bereits erwartet. Die Urkunde, die ich zuvor gezeigt habe, war nur eine Abschrift. Ich habe das Original bei mir. Wenn ihr mir versichert, mich unversehrt zu lassen, werde ich es euch jetzt überreichen.“ Die Versicherung wurde gegeben, und das Dokument wurde dem Buchprüfer des Ortes ausgehändigt, der das Palmblatt entrollte und vorlas: „Das ist der Vertrag mit der Verfügung, die ich, Aruran, ein Aadi Shiva Brahmane von Navalur, zugunsten des großen Weisen, des ‚Verrückten‘ von Vennainallur in vollem Besitz meiner Sinne, aus freiem Willen und von ganzem Herzen treffe: Ich und alle meine Nachfahren sind für immer zum Dienst für diese Person verpflichtet. Das habe ich mit eigener Hand geschrieben.“ Als nächstes bestätigten die Personen, die als Zeuge in dem Vertrag angegeben waren, es mit ihrer Unterschrift.
Um Arurar völlig zu überzeugen, wurde ein anderes Dokument, das sein Großvater geschrieben hatte, aus dem Archiv geholt und die Schrift verglichen. Da sie übereinstimmte, sagten die Älteren: „Mehr kann nicht getan werden. Der Fall ist eindeutig bewiesen. Arurar, es ist deine Pflicht, diesem alten Weisen von jetzt an zu dienen.“ „Wie kann ich es ablehnen!“, rief der unglückliche Jüngling. Da sagten die Älteren zum alten Mann: „Seltsamer Weiser, wenn du von hier stammst, warum zeigst du uns nicht, wo du wohnst?“ Die Antwort lautete: „Nun gut, wenn keiner von euch mich kennt, dann folgt mir zu meinem Haus!“ Mit diesen Worten ging der erfolgreich Prozessierende, der heilige Weise, in den örtlichen Schrein Thiru-Arul-Thurai. Nambi Arurar und die Älteren folgten ihm, doch da war er plötzlich verschwunden! Zum Erstaunen Nambis erschien der Herr mit seiner Gemahlin auf seinem Stier reitend und erklärte: „Du bist mein vertrauter Diener auf dem Kailash. Du wurdest auf mein Geheiß hin als Sterblicher geboren. Ich habe dich gewaltsam aus den Fängen dieser Welt befreit, wie du es vor langer Zeit gewünscht hast.“
Der kämpferische Verehrer
Als Nambi Arurar die Stimme des Herrn hörte, der ihn erlöst hatte, antwortete er wie ein Kalb auf das Muhen der Mutterkuh. An all seinen Gliedmaßen bekam er eine Gänsehaut. Anbetend erhob er seine Hände über den Kopf und rief: „Ach Herr, der du den Vorsitz führst, welche Gnade hast du mir erwiesen, indem du mich gewaltsam zurückgefordert hast!“ Da antwortete der Herr, dessen Lippen die heiligen Veden intoniert hatten, inmitten des lauten Jubels von Himmel und Erde und einem Blumenregen vom Himmel: „Du hast gewagt, mich herauszufordern. Deshalb wirst du als kämpferischer Verehrer bekannt werden. Deine Verehrung, die uns sehr gefällt, ist ein Lied, das der Liebe entströmt. Ich bitte dich, zu unserem Ruhm auf Erden unvergleichliche Lieder in Tamil zu singen.“
Somit befahl der Höchste, den Brahma und Vishnu nicht erkennen konnten11 und der die wahre Bedeutung der fünf Silben (panchakshara) ist, seinem Verehrer, ihn mit Liedern zu verherrlichen. Nambi, der sich mit ganzem Herzen diesem Dienst hingab, erhob seine Hände in Verehrung der Lotusfüße des Herrn, die in der Versammlung getanzt hatten, und sagte leise: „Oh makelloser Nektar! Ich konnte den Zweck deiner hohen Mission, mich zurückzufordern, indem du einen Rechtsstreit in Gestalt eines Brahmanen gewonnen hast, nicht erahnen. Du allein hast mir Erkenntnis gewährt. Mit welchen Worten kann ich Demütiger deine herrlichen Eigenschaften besingen, die grenzenlos wie das Meer sind?“ Der Herr mit dem schönen Auge sah seinen Verehrer liebevoll an und sagte: „Hast du mich zuerst nicht einen Narren genannt? Lass deine Lieder mit dieser Anrede beginnen.“ Der edelmütige Jüngling von Navalur rühmte nun den Herrn, der seine Gemahlin zu einem Teil seiner selbst gemacht hat und liebevoller ist als eine Mutter: „Oh Narr mit dem Halbmond auf den Zöpfen“, und dichtete eine Dekade12 von Hymnen, die sogar die Welt retten würde. Ach, wie süß klingen diese Lieder im Hindolam-Raga in ihrer fehlerfreien Melodie dem Herrn und auch uns im Ohr! Sie sind einzigartig.
Der Herr, der im Schrein von Arul-Thurai in Vennainallur wohnt, war mit den Liedern sehr zufrieden. Er bat ihn, damit fortzufahren und auch an all seinen anderen Schreinen Lieder über ihn in verschiedenen Metren zu singen. Als der Verehrer von Navalur sich auf seine Mission machte, blieb seine ehemalige Braut, die Tochter des shivaitischen Brahmanen, ihm weiterhin ergeben und ging den rechtschaffenen Weg, der ihr schließlich ein Leben im Shivaloka einbrachte.
Pilgerreise
Nambi Arurar reiste als Pilger von Ort zu Ort und sang in seinem Heimatort Navalur und in Tirutturaiyur Dekaden für den Herrn. Dann sehnte er sich danach, den Tanz des Herrn in Puliyur zu sehen. Er überquerte den Fluss Pennai und erreichte die Stadt Thiruvathigai, die durch den Dienst des heiligen Appar gesegnet ist. Da er nicht wagte, seinen Fuß auf den heiligen Grund zu setzen, begab er sich zum Siddha-Vada-Math am Stadtrand.
Nambi Arurar verehrte im Geist den Veerasthaana-Herrn am Ufer des tiefen Kedilam-Flusses und begab sich zum Schlafen in den Math, nachdem sein Gefolge Rast gemacht hatte. Da betrat der Herr in der altbewährten Gestalt eines alten Brahmanen den Math – schließlich war er eine öffentliche Unterkunft – legte sich neben Nambi nieder und legte seine Lotusfüße auf den bekränzten Kopf des Verehrers, der zu schliefen schien. Der aufgescheuchte Arurar beschwerte sich: „Was tust du da, Brahmane! Du legst deine Füße auf meinen Kopf!“ Die Antwort lautete: „Mein hohes Alter ist daran schuld. Ich weiß kaum, wo ich bin.“ Der Altmeister der Tamillieder akzeptierte das als Entschuldigung, legte seinen Kopf etwas weiter weg und suchte Ruhe. Aber siehe da, der alte Mann legte erneut seine Füße auf Arurars Kopf. Der beleidigte Jüngling aus dem reichen Navalur rief aus: „Wer bist du, dass du wiederholt meinen Kopf mit deinen Füßen trittst?“ Schnell kam die scharfe Antwort: „Ach, du erkennst mich nicht!“ Und dann verschwand der Herr, der den Ganges in seinen matten Locken trägt.
Arurar, der sofort die Wahrheit ahnte, rief bedauernd: „Mein Hochmut hat meine Augen getrübt. Welches Vergehen habe ich begangen! Gehöre ich denn dem Stamm an, der den Herrn im Innern nicht erkennt?“ Er leistete Wiedergutmachung, indem er eine Dekade zum Lob des Herrn von Thiruvathigai sang, der mit einer Elefantenhaut bekleidet ist (Tammaanai ariyaada saadhiaar ulare). Da erblickte er den Fluss Kedilam, der den Schrein umströmt. Auf seinen Wellen trug er Gold und wertvolle Steine, weißes Elfenbein von Kriegselefanten, durchsichtige Perlen, die wie Blitze strahlten, duftende Blüten und Sandelholz als Gaben für den Herrn. Er dachte bei sich: „Das ist der Ganges des Südens“ und badete in seinem reinigenden Wasser.
Nachdem er die Füße des Herrn verehrt hatte, überquerte er das Südufer des Flusses und erreichte den Ort Thirumanikuzhi, wo vor langer Zeit Vishnu mit den roten Lotusaugen in seiner Verkörperung als Vamana [Zwerg] Verehrung geübt hatte, um ein Almosen vom edlen Opfer des gewaltsamen Königs Mahabali zu ergattern.
Dann ging er nach Thillai Nagar und sang in edlem Tamil das Lob des Herrn, der die Wünsche seiner Verehrer erfüllt. Von dort aus erreichte er den Stadtrand von Thillai, wo immer die Musik der Laute, das Schlagen des Mridangam, das Singen der Veden und das Lied der himmlischen Jungfrauen zusammen erschallen.
Thillai
Der Nataraja-Tempel in Tillai (Chidambaram) heute aus Wikimedia commons, Foto: Raja Suganthi
Als Nambi Arurar den Stadtrand von Thillai erreichte, sah er einen Teich mit rotem Lotus, an dessen Blütenblätter die Fische schlugen, wenn sie hochschossen. Vögel ließen Wellen entstehen, wenn sie die kleinen Fische im Schnellflug fingen, wobei die hellen, weißen Wirbelschnecken im Teichinnern sichtbar wurden. Die größeren Fische sprangen weit aus dem Teich heraus in das Feld nebenan.
Nambi Arurar, der Blumenkränze und Edelsteine auf der Brust trug, verehrte die Stadt, die die Makel vergangener Geburten wegwischt und den Verehrern Befreiung schenkt, schon von weitem. Dann kam er durch dichte Haine, wo der Kuckuck süße Töne trällerte. Ach, wie viele Arten von Bäumen und Blumenranken sah der Verehrer mit der duftenden Girlande und weidete seine Augen daran: Jambubäume, Mangobäume, Vakulabäume, Saralabäume, Kokosnusspalmen, Zimtbäume, Orangenbäume, Betelnusspalmen, Kongubäume, Bananenbäume, wilde Olivenbäume, Briarbäume, Samabäume, Cassia Champakabäume, Sandelholzbäume, Jackfruchtbäume, Parijatabäume, Aloebäume, Patalabäume, Bilvabäume, Jasmin (angepflanzt und wild), Oleander und anderes. Alle Bäume schienen bis in die Wolken hinaufzuwachsen. (War das die Erde, deren Kräuter, Bäume, Früchte und Blumen ihre stummen, betenden Hände zum Himmel erhoben?)
Als nächstes erblickte Arurar den kühlen Stadtgraben, der sich um die Befestigungsmauer der Stadt wand, die bis zu den Wolken hinaufragte. Tatsächlich war der Stadtgraben wie das große Meer und umrundete täglich verehrungsvoll den Herrn der vier Veden, der, um die Welten zu retten und zur Freude seiner Gemahlin, die ihn beobachtete, mit klimpernden Fußkettchen einen herrlichen Tanz zum Rhythmus des vedischen Gesangs aufführte. Aus der Nähe sahen die Bienen, die von den Aloe-Blüten des Stadtgrabens mit Pollen beschmiert waren, wie Verehrer aus, die die heilige Asche auf ihrer Stirn trugen. Das alles erwärmte Arurars Herz.
Die vier großen Tore der Stadt glichen den vier Gesichtern Brahmas, des goldenen Herrn der Schöpfung. Als die weiße Saraswati13 auf seiner Zunge tanzte und die vier Veden sang, schickten die Glocken des hohen Turms, auf dem die Fahnen im Wind flatterten, ihr Geläut in alle vier Himmelsrichtungen.
Arurar betrat die Stadt durch das Nordtor. Die Verehrer aus der Stadt verneigten sich sofort vor ihm, und auch er tat dasselbe. Es gab keine Frage darüber, wem der Vortritt gebührte, und man konnte nicht sagen, wer dem anderen zuerst die Ehre erwies. Dann ging er durch die Straße mit den hohen, unvergleichlich prachtvollen Gebäuden, durch die der Höchste Herr während der Feste schritt [in der Prozession getragen wurde]. Dort vermischten sich das Rezitieren der Veden, der Gesang und Tanz der himmlischen Jungfrauen, das Summen der Bienen in den duftenden Girlanden, die Lieder, die die Verehrer sangen, deren Augen Tränen der Liebe für den Herrn vergossen, und das Rauschen des Ganges in den matten Zöpfen des tanzenden Herrn, der den Halbmond trägt, in süßer Harmonie.
Die Gebäude in den Straßen von Thillai glichen denen der Städte von Indra und Kubera. Auf ihren Dächern flatterten Banner, die begierig emporstrebten, um von den Regenwolken zu trinken. Der Rauch der Opferfeuer, die die Brahmanen, die Experten in Yoga und Meditation, hüteten, erhob sich und leuchtete in den Wolkenhaufen. Blitzte es denn überall?
Auf den Vorsprüngen der Türmchen spreizten Pfauen ihr Gefieder und führten einen Freudentanz auf. Mit jeder Opfergabe flackerte das Opferfeuer empor, das durch Reiben von Araniholz-Stecken entfacht worden war. An jeder Tür hingen wundervolle Girlanden aus Blumen und Edelsteinen. Auf jedem Altar standen Gefäße. Die Reihen von Wagen waren schön anzusehen. An jeder Essensstelle war gekochter roter Reis zu einem Hügel aufgehäuft worden. Lange Zelte waren errichtet worden, um den Durstigen kühle Getränke zu reichen, und an allen Orten und Durchgängen versammelten sich die himmlischen Wesen.
In der Tat wohnte in dieser Stadt die sagenhafte Schönheit aller Welten zusammen mit dem Glück. Wie viele heilige Verehrer haben diese Herrlichkeit schon zuvor besungen! Arurar verehrte die goldene Straße, die die Große Halle, wo der Herr tanzt, umgab.
Vishnu, Brahma, Indra und viele andere Gottheiten drängten sich dort und wurden vom heiligen Stier Nandi, der einen Rohrstock in der Hand hielt, zurückgehalten. Geduldig warteten sie darauf, bis sie an der Reihe waren. Aber der liebende Verehrer Arurar schritt ohne Kontrolle durch das Tor des Schreins, wobei er die Hände verehrend über dem Kopf erhobenen hatte.
Dann umrundete er den strahlenden Meru der großen Halle14 und erreichte in Ekstase die „Halle des Raumes“ (Thiruchitrambalam), wo der Herr wohnt, der der Anfang, die Mitte und das Ende der Veden ist und in den Herzen seiner liebenden Verehrer erstrahlt. Als er auf der fünfstufigen Treppe stand, sah er den Herrn, wie er im Raum für die Erlösung der Welt tanzte. Die Kettchen an seinen Füßen, die in alten Zeiten Brahma und Vishnu vergeblich gesucht hatten, intonierten den vedischen Gesang. Seine Hände hatte er in Verehrung gefaltet. Seine Augen genossen den herrlichen Anblick. Liebe strömte aus der Tiefe seines Herzens. Er warf sich wiederholt zu Boden.
Nambi Arurar sah die tanzende Gestalt des Herrn in Thillai mit dem Halbmond in den matten Zöpfen, die die höchste Seligkeit bezeugt. Er sah die verschiedenen Tanzhaltungen des Herrn. Sein Geist wurde völlig rein. Er wurde von der Flut der Freude überwältigt, und seine Seele erblühte. Freudentränen strömten ihm aus den Augen, und er faltete verehrungsvoll die Hände weit über seinem Kopf. Er stimmte eine Dekade von Liedern zum Lob des Herrn an. „Oh Herr, lass den Halbmond auf deinen matten Zöpfen erstrahlen! Da ich deinen heiligen Tanz gesehen und dich verehrt habe, spüre ich, dass meine Geburt auf Erden in der Tat sehr gesegnet und die Quelle großen Glücks ist.“ Dann ertönte eine Stimme: „Komm zu mir nach Arur (Thiruvarur), das von den hohen Wellen des großen Kaveri umspühlt wird und nicht weit vom Meer entfernt liegt.“
Nambi nahm sich diese Anweisung zu Herzen, stand auf, umrundete die ruhmreiche Halle und ging durch den siebenstöckigen Torturm, der sich wie ein goldener Berg erhebt, nach draußen. Er verneigte sich vor dem Torturm, verehrte die Straßen, durch die der Herr an Festen in einer Prozession getragen wird, und verließ die Stadt durch das Südtor. Sein Geist war von der Gnade des Herrn erfüllt. Er erreichte den Fluss Kollidam, überquerte ihn und war bald im berühmten Sirkazhi (wörtl.: das alle Sünden auswischt), das durch die Geburt des göttlichen Kindes Jnana Sambandar [s. 28] gesegnet ist, das Dharmasamvardhini, die Gemahlin des Herrn, mit der Milch ihrer eigenen Brust gefüttert hatte. Er dachte, dass es frevelhaft sei, den Ort der Geburt des göttlichen Kindes zu betreten, und verehrte ihn deshalb vom Stadtrand aus. Doch siehe da, der Herr mit seiner Gemahlin zur Linken, der auf einem Stier ritt, gab ihm seinen darshan vom Himmel! In großer Hingabe sang er ein Lied zu Ehren des Herrn von Tonipura (Sirkazhi). „Ach, ich hatte hier die Vision des Herrn wie auf dem Kailash!“ Sein Körper war durchdrungen von diesem freudigen Gedanken an den Herrn, den das Rig-Veda mit seinem lauten Gesang immer vergeblich sucht und der ihm nun von sich aus erschienen war. Er spürte, dass er seine Fassung nur in Arur wiedererlangen konnte, an dem Ort, an den der Herr ihn zu gehen gebeten hatte. Deshalb besuchte er die Schreine am Weg in Thirukolakka, Thirupungur usw., badete im Kaveri, verehrte den Herrn in Mayiladathurai und Thiruppugalur und erreichte schließlich Thiruvarur.
Thiruvarur
