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Das Phänomen Scham spielt im Schulkontext eine große Rolle. SchülerInnen sind ebenso wie Lehrkräfte täglich einer Fülle von potenziellen Schamsituationen ausgesetzt: Peter kommt im Sportunterricht als einziger die Kletterstange nicht hoch, Tim soll im Religionsunterricht über seinen Glauben sprechen und Lehrerin Meier bekommt von einer Mutter zu hören, Lehrer seien doch alle nur Halbtagsjobber. Scham ist nicht nur ein Thema für die Religionspsychologie und -soziologie; sie stellt auch den Religionsunterricht vor besondere Herausforderungen. Wird den im Religionsunterricht besonders virulenten Schampotenzialen bewusst und professionell begegnet, kann er zu einem vorbildlichen Ort für eine insgesamt schamsensible Schul- und Unterrichtskultur werden.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Das Phänomen Scham spielt im Schulkontext eine große Rolle. SchülerInnen sind ebenso wie Lehrkräfte täglich einer Fülle von potenziellen Schamsituationen ausgesetzt: Peter kommt im Sportunterricht als einziger die Kletterstange nicht hoch, Tim soll im Religionsunterricht über seinen Glauben sprechen und Lehrerin Meier bekommt von einer Mutter zu hören, Lehrer seien doch alle nur Halbtagsjobber. Scham ist nicht nur ein Thema für die Religionspsychologie und -soziologie; sie stellt auch den Religionsunterricht vor besondere Herausforderungen. Wird den im Religionsunterricht besonders virulenten Schampotenzialen bewusst und professionell begegnet, kann er zu einem vorbildlichen Ort für eine insgesamt schamsensible Schul- und Unterrichtskultur werden.
Dr. Daniela Haas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und arbeitet als Lehrerin im Grundschulbereich.
Herausgegeben von Rita Burrichter Bernhard Grümme Hans Mendl Manfred L. Pirner Martin Rothgangel Thomas Schlag
Die Reihe „Religionspädagogik innovativ“ umfasst sowohl Lehr-, Studien- und Arbeitsbücher als auch besonders qualifizierte Forschungsarbeiten. Sie versteht sich als Forum für die Vernetzung von religionspädagogischer Theorie und religionsunterrichtlicher Praxis, bezieht konfessions- und religionsübergreifende sowie internationale Perspektiven ein und berücksichtigt die unterschiedlichen Phasen der Lehrerbildung. „Religionspädagogik innovativ“ greift zentrale Entwicklungen im gesellschaftlichen und bildungspolitischen Bereich sowie im wissenschaftstheoretischen Selbstverständnis der Religionspädagogik der jüngsten Zeit auf und setzt Akzente für eine zukunftsfähige religionspädagogische Forschung und Lehre.
Daniela Haas
Das Phänomen Scham
Impulse für einen lebensförderlichen Umgang mit Scham im Kontext von Schule und Unterricht
Verlag W. Kohlhammer
Inauguraldissertation unter dem Titel „Scham als pädagogische und religionspädagogische Herausforderung – Anregungen für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur“ an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts zur Erlangung des Grades einer Doktorin der Philosophie 2012.
Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Satz: Andrea Siebert, Neuendettelsau Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
ISBN: 978-3-17-022949-5
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-026409-0
epub:
978-3-17-027156-2
mobi:
978-3-17-027157-9
Vorwort
I. Erste Annäherung an das Phänomen und den Begriff Scham
1. Lebensweltliche / Alltagssprachliche Annäherung
1.1 Nur keine „falsche“ Scham – aber auch keine „Unverschämtheiten“ – Hinweise auf Scham als zwischenmenschlich erwartetes Phänomen
1.2 „Rot, brennend, tief“ – nichts wie weg! Hinweise auf Scham als destruktiv wirkendes Phänomen
2. Sprachanalytische Annäherung
2.1 Bedeutungsmomente im Lateinischen und Griechischen
2.2 Bedeutungsmomente im Deutschen
2.3 Bedeutungsmomente im Englischen und Französischen
3. Zusammenfassung / Differenzierende Arbeitsdefinition
II. Entwicklung der Aufgabenstellung / Wissenschaftstheoretische und -methodische Überlegungen
1. Entwicklung der Aufgabenstellung
2. Wissenschaftstheoretische Positionsbestimmung
3. Wissenschaftsmethodische Vorgehensweise
III. Scham aus psychologischer Perspektive
1. Tiefenpsychologisch orientierte Forschung
1.0 Vorbemerkungen
1.1 Historische tiefenpsychologische Positionen zu Scham
1.1.1 Freud (1856–1939) – das Thema Scham, ein „blinder Fleck“ in der Freudschen Theorie
1.1.2 Adler (1870–1937) – Minderwertigkeitsgefühle als Triebfeder menschlicher Entwicklung
1.1.3 Erikson (1902–1994) – Zusammenhang von Autonomie und Scham
1.2 Dimensionen des Affekts Scham im Spiegel aktueller tiefenpsychologischer Konzepte
1.2.0 Vorbemerkungen
1.2.1 Strukturmerkmale von Scham / Abgrenzung von anderen Affekten
1.2.2 Auslöser
1.2.3 Folgen
1.2.3.1 Physiologische Folgen
1.2.3.2 Positive Folgen
1.2.3.3 Negative Folgen
1.3 Zusammenfassung / Auswertung
2. Entwicklungs- und emotionspsychologische Forschung
2.0 Vorbemerkungen
2.1 Die Komponenten der Emotion Scham
2.2 Erstes Auftreten von Scham und Entwicklungsvoraussetzungen
2.3 Körperbezogene Scham
2.4 Leistungsbezogene Scham
2.5 Zusammenfassung / Auswertung
IV. Scham aus soziologischer und kulturanthropologischer Perspektive
0. Vorbemerkungen
1. Scham- und Schuldkulturen
2. Kulturhistorische Einflüsse auf Scham
3. Scham in der westeuropäischen Moderne
3.1 Zeitgeist- und kulturbedingte Scham
3.2 Moderne Schamquellen
4. Zusammenfassung / Auswertung
V. Scham aus bibelwissenschaftlicher Perspektive – Altes Testament
1. Einblick in die aktuelle Forschungsentwicklung
2. Scham in der Umwelt des Alten Testaments
3. Scham in alttestamentlichen Texten
3.1 Hebräische Begriffe für Scham
3.2 Kontexte der Schamthematisierung
3.2.1 Scham durch Gottesferne oder Abweichung von der sozialen Norm
3.2.2 Hoffnung auf einen gerecht beschämenden Gott
3.2.3 Scham durch Gottesnähe
4. Scham in der Adam- und Eva-Erzählung
4.1 Inhalt und Aufbau der Erzählung
4.2 Die Erzählung aus Sicht der Schamthematik
5. Scham in der Kain- und Abel-Erzählung
5.1 Charakter und Inhalt der Erzählung
5.2 Die Erzählung aus Sicht der Schamthematik
6. Zusammenfassung / Auswertung
VI. Scham aus bibelwissenschaftlicher Perspektive – Neues Testament
1. Scham zur Zeit des Neuen Testaments
2. Scham in neutestamentlichen Texten
2.1 Griechische Begriffe für Scham
2.2 Kontexte der Schamthematisierung
2.2.1 Scham im Zusammenhang konventioneller Topoi
2.2.2 Spezifisch neutestamentliche Rede von Scham
3. Zusammenfassung / Auswertung
VII. Scham aus systematisch-theologischer Perspektive
1. Scham aus der Sicht Dietrich Bonhoeffers
1.1 Scham als Erinnerung an die Entzweiung des Menschen
1.2 Scham als von Gott gewährter Rückzugsraum des Menschen
2. Scham aus der Sicht Christina-Maria Bammels
2.1 Scham- und Schuldgefühl
2.2 Sünde und Scham
2.3 Scham und Vergebung
3. Zusammenfassung / Auswertung
VIII. Scham aus pädagogischer Perspektive
1. Bestandsaufnahme: Auseinandersetzung mit der Schamthematik im Kontext Schule und Unterricht
2. Übersicht über Schampotenziale im Kontext Schule und Unterricht und deren personale Bedingungsfaktoren
3. Schampotenziale in strukturellen Bedingungen von Schule und Unterricht
3.1 Schampotenziale durch strukturelle Bedingungen und Verletzung emotionaler Bedürfnisse
3.1.1 Strukturelle Bedingungen und gesellschaftliche Funktionen von Schule und Unterricht
3.1.2 Grundlegende emotionale Bedürfnisse von SchülerInnen
3.1.3 Schampotenziale
3.1.4 Einfluss des Sozialklimas
3.2 Analyse von Fallbeispielen und Konsequenzen im pädagogischen und didaktischen Bereich
3.2.1 Lernerrolle
3.2.2 Bühnen- und Fehlersituationen
3.2.3 Sensible Themen
3.2.4 Selektionserfahrungen
3.3 Zusammenfassung / Auswertung / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
4. Schampotenziale in der Lehrer-Schüler-Beziehung
4.1 Relevanz der Lehrer-Schüler-Beziehung für die Schamthematik
4.1.1 Das Konzept des „pädagogischen Bezugs“ von Herman Nohl
4.1.2 Kritische Auseinandersetzung mit Nohls Konzept des „pädagogischen Bezugs“
4.1.3 Die Diskussion um den pädagogischen Bezug im Licht der Schamthematik
4.2 Empirische Studien zur Wahrnehmung des LehrerInnenverhaltens durch SchülerInnen
4.3 Analyse von Fallbeispielen und Konsequenzen für eine schamsensible Gestaltung der Lehrer-Schüler-Beziehung
4.3.1 Betonung asymmetrischer Machtverteilung
4.3.2 Mangelnder pädagogischer Takt
4.4 Zusammenfassung / Auswertung / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
5. Schampotenziale in der Schüler-Schüler-Beziehung
5.1 Die Bedeutung sozialer Beziehungen zwischen SchülerInnen
5.2. Analyse eines Fallbeispiels und Konsequenzen im pädagogischen Bereich
5.3 Zusammenfassung / Auswertung / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
6. Schampotenziale für Lehrkräfte: Auswirkungen, Bewältigungs- und Handlungsstrategien
6.0 Vorbemerkungen
6.1 Schampotenziale für Lehrkräfte
6.2 Auswirkungen
6.3 Handlungsoptionen und Bewältigungsstrategien angesichts von Scham
6.4 Zusammenfassung / Auswertung / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
IX. Scham aus religionspädagogischer Perspektive
0. Vorbemerkungen
1. Bestandsaufnahme: Scham in der Religionspädagogik
2. Religionspsychologische Aspekte / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
3. Religionssoziologische Aspekte / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
4. Religionspädagogische Konzeptionen und Ansätze im Licht der Schamthematik: Fachspezifische Lernchancen und Risiken / Kriterien für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
4.1 Sozialisationsbegleitender Religionsunterricht
4.2 Psalmendidaktik
4.3 Symboldidaktik
4.4 Ansätze interreligiösen Lernens
4.5 Performativer Religionsunterricht
X. Fazit: Das Phänomen Scham als pädagogische und religionspädagogische Herausforderung – Anregungen für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur
Schlussbemerkungen
Literatur
Personenregister
Das vorliegende Buch ist die leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die als solche im Sommer 2012 von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg unter dem Titel „Scham als pädagogische und religionspädagogische Herausforderung – Anregungen für eine schamsensible Schul- und Unterrichtskultur“ angenommen wurde. Verschiedene Personen und Institutionen haben die Entstehung dieser Arbeit ermöglicht und unterstützt.
Mein erster und besonders herzlicher Dank dafür geht an Herrn Professor Dr. Manfred Pirner. Er hat die Arbeit als Doktorvater konstruktiv betreut. Neben den fachlichen Hinweisen konnte ich vor allem auch von seiner zwischenmenschlich äußerst wertschätzenden Art profitieren. Ich habe dadurch selbst immer wieder erfahren, wie bestärkend und motivierend Anerkennung sein kann. Das war für mich eine äußerst positiv-prägende Erfahrung. Sie hat meinen Blick dafür geschärft, wie wichtig ein achtsamer Umgang mit Emotionen ist. Weiterhin möchte ich mich bei Professor Dr. Johannes Lähnemann bedanken, der mich ebenfalls beratend unterstützt und das Zweitgutachten zur Arbeit verfasst hat. Ein ebenso herzlicher Dank geht an meine Korrekturleserinnen und kontinuierlichen Diskussionspartnerinnen Frau Bettina Pietsch und Frau Dr. Ursula Leipziger, sowie an Frau Editha Jonkergouw und Herrn Tobias Durant, die das Manuskript mit großer Sorgfalt und Geduld getippt haben.
Ich freue mich über die Aufnahme der Arbeit in die Reihe „Religionspädagogik innovativ“. Bei der Druckkostenübernahme wurde ich von der Ilse und Dr. Alexander Mayer-Stiftung der Universität Erlangen-Nürnberg sowie von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern großzügig unterstützt.
Nürnberg, im August 2012
Daniela Haas
Man stelle sich folgende Situation vor: Fin feierlicher Anlass, ein reich gedecktes Buffet, allerhand schön arrangierte Delikatessen. Die Gastgeberin erhebt die Stimme: „Das Buffet ist eröffnet! Greifen Sie zu! Nur keine falsche Scham!“ Während die meisten Gäste sich einige Häppchen nehmen, hier und da probieren, lädt sich ein Mann den Teller randvoll, schiebt dann die schön dekorierten Häppchen achtlos enger zusammen, um sich für weitere Platz zu schaffen und nochmals nachlegen zu können. Fine Frau beobachtet ihn aus dem Augenwinkel und flüstert mit abschätzigem Blick ihrer Gesprächspartnerin zu: „Schau mal, der! Unverschämt!“
Konstatierte Unverschämtheit trotz erfolgter Aufforderung zum Ablegen falscher Scham. Die Situation zeugt in doppelter Hinsicht von einer Erwartungshaltung. Schon die Aufforderung der Gastgeberin „falsche Scham“ abzulegen scheint die Gäste nicht grundsätzlich von der „Pflicht zur Scham“ zu entbinden. Sie legt vielmehr die Existenz einer „richtigen“ im Sinne von sozial erwarteter Scham nahe. Diese Annahme wird durch den Kommentar der Frau am Ende der geschilderten Szene gestützt: „Schau mal, der! Unverschämt!“. Der Mann zeigt in ihren Augen nicht die erwartbare Scham und wird daher als „un-verschämt“ bezeichnet. Bemerkenswert ist dabei, dass die Frau ihre Aussage der Gesprächspartnerin gegenüber nicht begründet. Vermutlich geht sie davon aus, dass bezüglich ihrer Meinung gesellschaftlicher Konsens besteht.
Handelt es sich bei der dargestellten Situation am Partybuffet um einen Einzelfall oder um einen exemplarischen Hinweis auf die Existenz von sozial erwarteter Scham? Welche Funktionen hat Scham im zwischenmenschlichen Kontext? Um erste Antworten auf die gestellten Fragen zu erhalten, wird im Folgenden eine Analyse der Alltagssprache durchgeführt.
In der Alltagssprache scheinen nicht nur Personen, sondern auch Dinge mit dem Adjektiv „unverschämt“ oder dem Synonym „schamlos“ beschrieben zu werden. Man spricht beispielsweise von „unverschämt hohen Preisen“ oder „unverschämt kleinen Portionen“ in einem Restaurant. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass sich diese Beschreibungen nicht auf Dinge, sondern immer auf Personen beziehen. Im gewählten Beispiel wird der Restaurantbesitzer als unverschämt bezeichnet, der zu hohe Preise verlangt oder zu kleine Portionen serviert. Auch in anderen Fällen beschreiben die Adjektive „unverschämt“ oder „schamlos“ das Verhalten oder allgemeiner die Haltung, die eine Person anderen gegenüber einnimmt: .
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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