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"Dein Reich komme!" - Wie oft wird diese Bitte von unzähligen Christen auf der ganzen Welt vorgebracht? Sind wir uns wirklich der Tragweite dessen bewusst, was es mit diesem "Reich Gottes" auf sich hat? Keith Warrington erklärt biblische Grundbegriffe zum Reich Gottes und eröffnet eine biblische Perspektive, wie dieses zu unserer Zeit unter uns wirken und sich ausgestalten will. Mit der Berufung des Einzelnen und der Gemeinde befasst er sich ebenso wie mit der Ausbreitung des Evangeliums von Jesus Christus, die niemals nur unter dem Blickwinkel einer "Privaterlösung" anzusehen sei, in allen Bereichen des Lebens (Familie, Arbeitswelt, Wissenschaft und Kultur, Industrie, Technik u.a.) müssten sich die Werte des Reiches Gottes auswirken. Dafür gibt Keith Warrington praktische Tipps - überraschende, herausfordende, umsetzbare Vorschläge. "Man spürt dem engagierten Autor ab, wie er um einen neuen Aufbruch in den evangelikal und charismatisch geprägten Gemeinden, Gemeinschaften und Werken ringt. Immer wieder wird der Leser durch Beispiele aus der Praxis angesprochen oder zu einer Umsetzung aufgefordert. Ich freue mich über dieses visionär geschriebene Buch von Keith Warrington, da er damit sicher zu einer angeregten Diskussion im Land beitragen wird, einer Diskussion um die Zukunft der Gemeinde Jesu, um die Zukunft des Reiches Gottes." (Dr. Heinrich Christian Rust im Vorwort)
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Keith Warrington
Das Reich Gottes
Die Vision wiedergewinnen
Dieses Buch erscheint in der Reihe „Edition Jugend mit einer Mission“, einer Zusammenarbeit zwischen dem Asaph-Verlag und Jugend mit einer Mission.
Copyright © 2011 ASAPH-Verlag
3. Auflage 2016
Die Bibelzitate wurden, wenn nicht anders angegeben, der „Die Bibel. Einheitsübersetzung“,
© 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart, entnommen.
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothea Appel
Umschlaggestaltung: Anna Jane Hoekstra (unter Verwendung eines Fotos von © Jon Hoekstra)
Satz/DTP: Jens Wirth
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-954595-88-4
Best.-Nr.147436
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Cover
Titel
Impressum
Vorwort von Dr. Heinrich Christian Rust
Vorwort
Teil 1 Das Reich Gottes: eine biblische Perspektive
Kapitel 1 Vision: Die Wiederherstellung der Schöpfung
Paulus in Ephesus
Gottes Absicht nach Epheser 1,9–10
Gottes Absicht nach 1. Korinther 15,24–28
Weitere biblische Hinweise
Bedeutung für uns heute: zurück zum Anfang
Kapitel 2 Vision: Gottes Absichten bei der Schöpfung
Geschaffen zur Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes
Die Vision am Anfang
Gottes Herrschaft
Die Rebellion
Die Konsequenzen der Rebellion
Die Wirkung auf Gott
Kapitel 3 Geschichte: Die Wiederherstellung 1 (Adam bis Mose)
Wiederherstellung: Umfang dieser Aufgabe
Allein durch Gottes Gnade
Der Ausgangspunkt aller Wiederherstellung
Die erste historische Phase
Kapitel 4 Geschichte: Die Wiederherstellung 2 (Mose bis Jesus – Israel unter dem mosaischen Bund)
Israel, Identität und Berufung
Israel, der mosaische Bund, Gesetzgebung, Infrastruktur
Israels Berufung, näher angeschaut
Gottes Absichten mit Israel in dieser Phase
Auswertung
Kapitel 5 Geschichte: Die Wiederherstellung 3 (Das Kommen des Messias und des Gottesreichs)
Der Messias und das Reich Gottes werden vorhergesagt
Das Reich Gottes kommt
Reich-Gottes-Schriftstellen aus dem Neuen Testament
Kapitel 6 Das Reich Gottes: Grundlagen
Definition
Die Herrschaftsform
Die Grenzen des Reiches Gottes
Das Wesen des Reiches Gottes
Nachfolger, Kinder, Bürger
Gegenwart und Zukunft
Wachstum und Entwicklung
Die Wiederkunft Jesu und die Vollendung dieses Zeitalters
Zusammenfassung
Kapitel 7 Das Reich Gottes: Gründung
Mittel, die Jesus zur Gründung des Gottesreichs einsetzte
Vier endgültige, göttliche Mittel
Kapitel 8 Das Reich Gottes: Ausbreitung 1 (Jerusalem bis Antiochien)
Letzte Vorbereitung der Apostel
Umsetzung/Beginn (erster Tag in Jerusalem)
Die Botschaft
Die Reaktion
Taufe
Taufe im Heiligen Geist
Gemeinschaft
Ausbreitung in Jerusalem und Judäa
Ausbreitung nach Samarien und unter die anderen Heiden
Resümee
Kapitel 9 Das Reich Gottes: Ausbreitung 2 (in die griechische und römische Welt)
Paulus’ Botschaft
Paulus und Wunder
Paulus und der Heilige Geist
Paulus und die Gemeinde
Beobachtungen
Kapitel 10 Konsequenzen
1. Eine Vision und eine Hoffnung
2. Die Berufung des Christen
3. Das Leben ist ganzheitlich
4. Wunder sind normal
5. Die Botschaft: ein Privaterlösungs-Evangelium oder das Evangelium vom Reich Gottes?
6. Das Mandat der Apostel: das Reich Gottes ausbreiten
7. Eine Vision von Gemeinde auf Grundlage des Gottesreichs anstreben
8. Vision für die Stadt und Region und darüber hinaus
Fazit
Teil 2 Das Reich Gottes: Konsequenzen für uns heute
Kapitel 11 Die Reich-Gottes-Berufung jedes Christen
Grundprinzipien
Historische Entwicklungen
Kapitel 12 Die Berufung des Christen: praktische Ausbildung
Praktische Ausbildung für Gläubige: Wie man in seine Reich-Gottes-Berufung hineinwächst
Zusammenfassung und Kommentar
Kapitel 13 Die Veränderung und wie es dazu kam
Geschichtliche Entwicklung
Die Frage der Leitung
Die nächste Generation
Die sozialen Themen
Die intellektuellen Strömungen
Die Ergebnisse
Anmerkungen
Kapitel 14 Das Reich Gottes und die Gesellschaft: Orientierung
Erste Orientierung: Himmel und Erde
Zweite Orientierung: „Die Welt“ und die Gesellschaft
Dritte Orientierung: unsere neu bewertete Identität
Kapitel 15 Das Reich Gottes und die Gesellschaft: Strukturen und Berufungen
Der Begriff „Domäne“
Domäne und ein Gesellschaftsmodell
Die Rolle jeder einzelnen Domäne
Eine Domäne: eine strukturierte und funktionierende Einheit
Das Zusammenspiel der Domänen
Domänen und das Reich Gottes
Die Berufungen Gottes
Das größere Bild: Gesellschaftsentwürfe
Strategische Bereiche der Gesellschaft
Anmerkungen
Kapitel 16 Vision für das Kommen des Reiches Gottes in eine Stadt oder Region
Auf dem Weg zu einer apostolischen Vision
Kriterien für Messbarkeit der Entwicklung des Gottesreichs
Auf dem Weg zu einer Vision für die Nation
Anmerkungen
Kapitel 17 Das Reich Gottes und die Gemeinde
Leitung
Apostel, Propheten und Leitungsteams
Die Aufgabe der Zentralleitung: unfassend und vielfältig
Dienstgruppen innerhalb der Gemeinde
Multiplikation von Leitern
Große Treffen
Flexibel bleiben
Anmerkungen
Kapitel 18 Gemeinde am Scheideweg: ein aktuelles Thema
Ein Rückblick auf unsere jüngeren Entwicklungen
An der Wegkreuzung
Der Weg nach vorn oder: Wohin jetzt?
Geistliche Disziplin
Kapitel 19 Das übernatürliche Reich Gottes
Die Ausbildung der Apostel in Heilung, Befreiung, Wundern
Die Gemeinde: der Leib Christi
Und wir?
Die Gruppe
Unser kultureller Hintergrund
Kapitel 20 Das Reich Gottes und Evangelisation
Die Grundidee
Grundprinzipien des Reiches Gottes für Evangelisation
Wie Jesus mit Einzelnen sprach
Was können wir aus diesen Beispielen lernen?
Suchende
Menschen an der Grenze des Reiches Gottes
Erste Schritte
Für Prediger: Botschaft und Praxis
Kapitel 21 Erwartungen für die Zukunft
Langfristige Zukunftshoffnung
Mittelfristige Zukunftshoffnung
Zeichen und Entwicklungen vor Jesu Wiederkunft
Die Wiederherstellung Israels
Erfolg, Polarisation, Gerichte
Unsere Haltung
YWAM in Deutschland
„Worum geht es hier eigentlich, Leute?“ Keith Warrington hat wieder einmal sehr interessiert zugehört, doch nun streift er durch sein Haar, als wollte er die Gedanken allesamt aus dem Kopf ziehen, und dann kommt sie, genau diese Frage. „Worum geht es hier eigentlich, Leute?“
Wie oft habe ich Keith in den vielen Sitzungen, Treffen und Gesprächsrunden, bei unterschiedlichen Gremien, auf Tagungen und Konferenzen in den letzten drei Jahrzehnten genau so erlebt! Immer wenn wir uns in Nebenstraßen des Reiches Gottes verlieren wollten, brachte er uns wieder zurück zu den weiterführenden und auch zielführenden Fragestellungen. Manchmal sprangen seine Gedanken hin und her, oft kamen die deutschen Worte nicht so klar aus seinem Mund, wie er sie in seinem Herzen und den Gedanken schon geordnet hatte. Und immer wieder spürte ich, wie dieser gebürtige Neuseeländer sich zunehmend mit unserer deutschsprachigen Kultur und geistlichen Landschaft identifizierte und uns in einer seelsorgerlichen und geradezu apostolischen Weise in unserem Land und im Volk Gottes diente.
Das vorliegende Buch vermittelt uns etwas von der Grundsätzlichkeit seiner Fragestellungen, aber auch von der brillanten Praxisorientierung und seelsorgerlichen Ausrichtung seiner kämpferisch vorgetragenen Überzeugungen. Der Autor gibt uns im einleitenden Vorwort selber einen Einblick, wie die ganzheitliche Sicht von Gottes Königsherrschaft zunehmend klarere Konturen im Denken und in der Praxis bei ihm gewonnen haben. Das Evangelium war für ihn niemals nur Privatangelegenheit, sondern schon als junger Leiter von Jugend mit einer Mission in Deutschland war er davon beseelt, hier einen ganzheitlichen Ansatz zu erfassen und weiterzugeben. Es ging ihm schon damals um eine Reich-Gottes-Berufung, die er jedoch noch nicht in diesem klaren Dreiklang formulierte, wie er es in dem vorliegenden, visionär geschriebenen Buch tut: Die Reich-Gottes-Berufung erfasst die Dimension der umfassenden Liebe zu Gott und Menschen, die verantwortliche Mitgestaltung in der Welt und schließlich auch die Weitergabe der guten Nachricht im Sinn der Evangelisation. Keith Warrington wird nicht müde, diesen Dreiklang der umfassenden Bestimmung der Christen anzumahnen und dafür zu ermutigen: „Ich betone immer wieder, dass alle drei Elemente dieser Berufung zusammengehören und unter Jesus als dem Herrn ganzheitlich ausgelebt werden müssen. Das bezieht sich auf Einzelne ebenso wie auf die Kirche insgesamt.“
Das große Thema „Reich Gottes“ wird von ihm nunmehr in der gewohnten Art auch recht grundsätzlich aufgenommen. Mit unverbrauchter Frische des Denkens und zuweilen unreflektiert wirkender Konzentration trägt er schon in den ersten neun Kapiteln seiner Ausführungen eine Fülle von Fragestellungen und Aspekten zusammen, die womöglich viele Christen in diesem Zusammenhang noch niemals in dieser Form gedacht haben. Wie wäre es wohl weitergegangen im Paradies, wenn es den Sündenfall nicht gegeben hätte? Welche ursprünglichen Gedanken hat Gott gehabt, wenn es um seine Königsherrschaft auf der Erde geht? Welche Schritte hat er unternommen, um die Menschheit in eine neue Gemeinschaft im Reich Gottes zu führen? Was hat die Apostel in der Anfangszeit der Gemeinde Jesu geleitet und welche Strukturen haben sie für die zukünftige Ausweitung der Gottesherrschaft gelegt?
Keith Warrington zieht hier große heilsgeschichtliche Linien, die sicher für viel Gesprächsstoff sorgen werden. Er selber möchte damit „biblische Grundbegriffe des Reiches Gottes verstehen und erklären und gleichzeitig eine biblische Perspektive eröffnen, wie dieses Reich unter uns zu unserer Zeit wirken und sich ausgestalten will.“
Um die Fragen der Umsetzung in der Gegenwart und der Konsequenzen für die Christen heute geht es im zweiten Teil des Buches. Keith Warrington nimmt die Berufung des Einzelnen und der Gemeinde hier Kapitel für Kapitel unter die Lupe. Die Ausbreitung des Evangeliums von Jesus Christus ist niemals nur als eine Art „Privaterlösung“ anzusehen, sondern es geht darum, dass die Werte des Reiches Gottes sich in allen Bereichen des Lebens (Familie, Arbeitswelt, Wissenschaft und Kultur, Industrie, Technik u.a.) auswirken. Hierzu gibt er auch praktische Tipps, wie die Lebensbereiche anhand von sechs Schritten bedacht werden können. Ungeachtet der großen kirchengeschichtlichen Entwürfe eines Augustinus (De Civitate Dei/Der Gottesstaat) oder eines Martin Luther (Zwei-Reiche-Lehre), lenkt der Verfasser die Aufmerksamkeit des Lesers auf einige prägende Gestalten der jüngeren Kirchengeschichte (J. Wesley, D. L. Moody, Ch. Finney u.a.). Dieser kleine Ausflug in die historischen Resonanzräume gegenwärtiger evangelikaler Gemeinden lädt ein, hier noch weiter zu forschen. Die klassische Aufnahme der Reich-Gottes-Thematik in der ökumenischen Theologie lässt der Autor unberücksichtigt, da diese im evangelikal-charismatisch geprägten Flügel der Christenheit kaum Einfluss genommen hat.
Sein Plädoyer für eine ganzheitliche und zugleich auch evangelikal geprägte Reich-Gottes-Ethik wird dann in den Kapiteln 14–21 anschaulich vermittelt. Abraham Kuypers Lehre von den „Domänen“ dient dem Autor als Vorlage, jene Grundstrukturen einer Gesellschaft zu beschreiben, in denen es zu einer Umsetzung des Reiches Gottes kommen soll. Das fängt bei der Einzelperson an, es geht um die gesellschaftlichen Räume der Stadt, der Region, der Nation und schließlich der ganzen Welt. Zentral ist dabei die Gemeinde Jesu, die für Keith Warrington als Leib Christi in dieser Welt wie ein „multikulturelles Netzwerk der Gemeinschaft des Volkes Gottes“ gesehen wird. Er nimmt die von Howard Snyder (Die Gemeinschaft des Gottesvolkes. Reich Gottes und Gemeinde Jesu, 1979) entwickelte Sicht von Gemeinde auf und schlägt hierzu konkrete Strukturen für ein solches Gemeindenetzwerk vor (Dienstgruppen, vernetzte Zusammenarbeit, monatliche größere Treffen, Leitungsstrukturen). Zudem betont er die hohe Bedeutung der Dimension von Kraftwirkungen und den Einsatz von Charismen im Reich Gottes. Auch der Blick auf die praktische Dimension von Evangelisation darf hier nicht fehlen. Im 20. Kapitel gibt es hierzu sehr konkrete und kompakte Hilfestellungen. Der Ausblick auf den neuen Himmel und die neue Erde, wie wir es in der Johannesoffenbarung lesen, eröffnet im letzten Kapitel des Buches eine heilsgeschichtliche Zuordnung der gegenwärtigen apokalyptisch anmaßenden Ereignisse. Diese werden als „Geburtswehen“ des Reiches Gottes gedeutet, sie spornen geradezu an, mutig und entschlossen voranzugehen. An dieser Stelle weigert sich der Autor, spekulative Aussagen über die Zuordnung einzelner Aussagen des letzten Buches der Bibel zu machen. Er schreibt: „Offenbart ist uns das, was in unsere Verantwortung fällt: die auf dem Weg zum Ende dieser Zeit vor uns liegenden Entwicklungen.“
Spätestens an dieser Stelle des Buches habe ich ihn wieder vor Augen, wie er sich durch sein Haar streift und sagen will: „Worum geht es hier eigentlich, Leute!“ Man spürt dem engagierten Autor ab, wie er um einen neuen Aufbruch in den oft festgefahrenen evangelikal und charismatisch geprägten Gemeinden, Gemeinschaften und Werken ringt. Immer wieder wird der Leser durch Beispiele aus der Praxis direkt angesprochen oder auch zu einer Umsetzung aufgefordert.
Ich freue mich über dieses visionär geschriebene Buch von Keith Warrington, da er damit sicher zu einer angeregten Diskussion im Land beitragen wird, einer Diskussion um die Zukunft der Gemeinde Jesu, einer Diskussion um die Zukunft des Reiches Gottes.
Dr.Heinrich Christian Rust
Mit dem Thema Reich Gottes befasste ich mich 1975 zum ersten Mal. Wir lebten und arbeiteten damals seit zweieinhalb Jahren in unserer „Jugend mit einer Mission“-Gemeinschaft im Schloss Hurlach in Bayern. Es waren gute Zeiten, und wir erlebten mehr und mehr, wie der Heilige Geist wirkte und unsere Evangelisation und Ausbildung in Deutschland effektiver wurden. Aber immer wieder gerieten wir in dieselben internen Konflikte. Wir hatten Dienst- und Einsatzmitarbeiter: die Lehrer, Evangelisten, Schul- und Dienstteamleiter. Außerdem gab es unterstützende Kräfte: Köche, Gärtner, Sekretärinnen, Buchhalter, Grafiker, Automechaniker, Mitarbeiter für die Gästebetreuung und Hausmeister. Zwischen diesen beiden Gruppen kam es immer wieder zu Spannungen, zu Missverständnissen und Verletzungen. Zum Teil lag das einfach an den Kommunikationswegen, aber es gab auch noch eine tiefere Ursache. Wir hatten eine „Zweiklassengesellschaft“ entwickelt, in der manche Leute die „wichtigen“ Sachen machten und andere sie dabei „nur“ unterstützten. Wert und Bedeutung unserer Arbeit wurden einer Hierarchie unterworfen, und die Unterstützer fühlten sich benachteiligt. Gleichzeitig gab es unter uns junge Familien mit Babys und kleinen Kindern und wir mussten unser gemeinsames Leben gestalten, ohne wirklich dafür vorbereitet zu sein. Wir wussten nicht, wie wir Dienst und Lebensstil miteinander in Einklang bringen konnten. Ohne dass uns das bewusst war, hatten wir uns in die klassische Situation eines Dualismus hineinmanövriert, der zwischen geistlich und säkular unterschied. Damals verstanden wir nichts davon – wir wussten noch nicht einmal wirklich, was das Wort Dualismus bedeutete.
Glücklicherweise hatten wir fähige Leiter, die uns einen sehr guten Start ermöglichten. Als Don und Deyon Stephens die Arbeit nach zwei Jahren an David und Carol Boyd übergaben, formten diese aus uns eine beziehungsorientierte Gruppe von etwa sechzig Leuten. Inmitten der Arbeit lernten wir auf unsere Beziehungen zu achten und bei Bedarf Missverständnisse und Spannungen untereinander direkt zu klären. Das geschah häufig in Zeiten, wenn der Heilige Geist ganz offensichtlich unter uns wirkte, und die Versöhnung war echt. Aber die Probleme wiederholten sich, und wir begannen zu vermuten, dass irgendetwas mit unserem grundsätzlichen Ansatz nicht stimmte.
Zur gleichen Zeit waren wir mit Jüngerschaftsschulung und Evangelisation viel in Jugendgruppen und Gemeinden unterwegs. Hier begegneten wir oft aufrichtigen Menschen, die Gott liebten, es aber auch nicht schafften, ihren Glauben mit ihrem Lebensstil in Einklang zu bringen. Manchmal wurden familiäre Probleme offensichtlich, zuweilen trafen wir auf ganze Gemeinden, in denen die Botschaft zwar richtig zu sein schien, der Lebensstil der Gemeindeglieder aber enttäuschte. Mich belastete das nicht allzu sehr, weil ich nach Einsatzende ja wieder wegfuhr. Aber dann meldeten sich dieselben Probleme in unserer eigenen Gemeinschaft, und nun konnte ich ihnen nicht mehr entkommen.
Ich begann mich zu fragen: „Wozu wollen wir die Menschen in Deutschland überhaupt bekehren?“ Natürlich versuchten wir, sie in eine persönliche Beziehung zu Jesus, zu einer Lebensübergabe an ihn zu führen. Das geschah auch, und die jungen Christen veränderten sich wirklich. Aber wie sollten sie dann leben? Sollten sie die gleichen Probleme bekommen wie wir in unserer Gemeinschaft und andere Christen in ihren Gemeinden? In Neuseeland waren mir solche Schwierigkeiten auch schon begegnet, doch ich war ja ausgewandert mit der Berufung, Gott „vollzeitlich“ in Europa zu dienen! Jetzt wohnte ich hier – und dieser vollzeitliche Dienst hatte große Ähnlichkeit mit dem ganz normalen Leben. Die Wirklichkeit hatte mich eingeholt, und ich saß zum ersten Mal in einer Sackgasse fest.
Dann machten meine Frau Marion und ich 1975 unseren ersten Heimatbesuch in Neuseeland. Ich hatte Abstand und Zeit, und so fragte ich Gott: „Herr, was versuchst du in unserer Lebenszeit hier auf der Erde zu erreichen? Was ist dein Ziel?“ Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auf eine solche Frage die Antwort immer schon parat gehabt: Errettung! Jesus ist gekommen, um für die Sünden der Welt zu sterben und den Weg zurück zum Vater zu öffnen. Unser Ziel ist es, ihn zu lieben, als seine Jünger zu leben und uns aktiv für Evangelisation einzusetzen und andere Menschen zu Jesus, ihrem Herrn und Retter zu führen. Mit diesem Verständnis hatten ich und wir alle gelebt und gearbeitet, aber wir waren an Grenzen gestoßen. Jetzt stellte ich Gott diese Frage zum ersten Mal, ohne selbst schon die Antwort zu wissen.
So fing ich an zu beten und die Bibel zu lesen. Ich begann mit dem Leben und dem Dienst Jesu, um so viel wie möglich herauszufinden. Im dritten Kapitel des Matthäusevangeliums stieß ich auf Johannes den Täufer und dann auf Jesus mit der Botschaft vom Reich des Himmels. Dieses Thema führt Jesus durch das ganze Evangelium hindurch weiter. Das war mir bis dahin noch nie aufgefallen. Ich hatte nicht erkannt, dass Jesus mit dieser einen Botschaft gekommen war und sie landauf, landab verkündet hatte. Sogar die Gleichnisse sind darauf ausgerichtet, dieses eine Thema zu veranschaulichen. Markus stellt es ähnlich dar, und Lukas betont es dann in seinem Bericht ebenso stark wie Matthäus. Johannes geht diesem Thema nicht nach, aber in der Apostelgeschichte wird es als ein recht zentraler Punkt wieder aufgegriffen.
Damals kannte ich den Herrn seit etwa dreizehn Jahren persönlich, ohne je eine Predigt über das Reich Gottes gehört zu haben. Ich hatte diesen Ausdruck als eine Art Überschrift für Gott und das Universum oder für den geistlichen Dienst aufgefasst. Aber Jesus hatte das Reich Gottes inhaltlich klar und mit Überzeugung verkündet, und ich fragte mich, warum wir es denn dann nicht in gleicher Weise taten? Wenigstens war ich einer neuen Entdeckung auf der Spur und ich machte mich daran zu lernen, was dieser Ausdruck bedeutet und um was es sich bei diesem Reich überhaupt handelt. Ich spürte der Lehre Jesu und dann der Lehre der Apostel nach, überall dort, wo sie das Reich Gottes zum Thema gemacht hatten. Ich betete und arbeitete mich durch die Bibel und stellte viele Fragen. Was ich entdeckte, veränderte mein Leben. Ein neues Paradigma tat sich mir auf, anders als das, was ich gelernt hatte. Natürlich behielt es Errettung und Evangelisation unbedingt bei, stellte diese aber in einen breiteren Lebenszusammenhang. Es gab mir eine Grundlage, auf der ich das ganze Leben als eine Einheit sehen konnte. So bekam ich eine Antwort für unsere Gemeinschaft zu Hause in Deutschland und auch für die Gemeinden.
Bei unserer Rückkehr erzählten wir David und Carol und den anderen davon, und sie konnten unsere Gedankengänge nachvollziehen. Als wir in Schloss Hurlach entsprechend lehrten, kam es zu Veränderungen. Uns wurde klar, dass wir als eine Gemeinschaft des Gottesreichs das ausleben sollten, was wir Deutschland und den Nationen im Rahmen unserer „Jugend mit einer Mission“-Berufung vermitteln wollten. Wir lernten, jeden Bereich unseres Lebens für Gott und auch für uns selbst als wichtig anzusehen. Das wertete alle Lebensbereiche auf, weil nun alles „geistlich“ war. Den Begriff Unterstützung und unsere „Zweiklassengesellschaft“ schafften wir ab. Jetzt sahen wir unsere Schulen und Einsatzteams gewissermaßen als Exportagenturen, die das Leben Gottes, das wir gemeinsam unter Jesus als König entdeckten, nach außen trugen. Unsere Evangelisation wurde weitreichender und stärker. Viele Faktoren kamen zusammen, die in den dann folgenden sieben, acht Jahren zu einer Zeit großen Segens führten und es uns möglich machten, Menschen und Gemeinden in West- und Ostdeutschland sowie in der Schweiz und Österreich an vielen Stellen zu beeinflussen. Es entwickelte sich eine Dynamik des Heiligen Geistes. Unsere Entdeckung des Reiches Gottes war neben vielen anderen ein Element dieses Segens.
Im Laufe der dreißig Jahre, die seit diesen Anfängen vergangen sind, hatte ich Gelegenheit, mein Verständnis des Reiches Gottes und seiner Auswirkungen für uns heute weiterzuentwickeln. Vor etwa fünf Jahren empfand ich, es könne an der Zeit sein, darüber ein Buch zu schreiben. Der Arbeitsaufwand neben meiner normalen Tätigkeit war jedoch beträchtlich, und es dauerte länger als geplant. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass dieses Buch einen hilfreichen Beitrag zum Entdecken des Reiches Gottes und seiner Bedeutung darstellt. Dieses Verständnis hat Auswirkungen auf alle Bereiche unseres persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Lebens, das macht es sehr spannend.
Ich vermute, ich habe richtig empfunden. Zurzeit kommen viele Bücher über das Reich Gottes und verwandte Themen heraus. Das ist wunderbar. Ich glaube, Gott lässt sein Volk das Reich Gottes wiederentdecken. In Bezug auf unsere Berufung wird sich in der Folge unser Verständnis und Verhalten verändern. Wir werden den Werken der Apostel und Propheten neue Beachtung schenken. Das ermöglicht uns einen ganzheitlichen Ansatz für Evangelisation, Seelsorge, gesellschaftliche Verantwortung, Kunst, Mission, Wunder und Familienleben, mit aktiven, aber auch mit ruhigen und spielerischen Zeiten.
Mein Hintergrund und der der Gemeinden, in die ich mich schwerpunktmäßig einbringe, ist evangelikal, charismatisch – sowohl landeskirchlich als auch freikirchlich –, deshalb richte ich mich natürlich an diese Christen. In Europa entdeckte ich auch in anderen kirchlichen Traditionen große Reichtümer. Ich habe Freunde und Bekannte in den verschiedenen Konfessionen und hoffe, dass viele der Beobachtungen in diesem Buch ihnen und ihren Kollegen Hilfe und Herausforderung sein werden.
Ich schreibe erstens für junge Männer und Frauen, die auf der Suche nach dem Ruf Gottes für ihr Leben sind. Ich hoffe, dass dieses Buch ihnen helfen wird, klare Grundlagen in ihrer Hingabe an Jesus als ihren Gott und König zu legen und unter seiner Führung ihr Leben aufzubauen. Mein Wunsch ist es, ihnen eine Vision und eine Perspektive für bestimmte Bereiche der Gesellschaft zu geben, sowohl in ihrer eigenen Nation als auch vielleicht in einer anderen, in die Gott sie führen mag.
Für Christen, die in Familie und Beruf Verantwortung tragen, gebe ich zweitens Orientierung im Blick auf das Reich Gottes und die Gesellschaft. Alle Lebens- und Arbeitsbereiche gehören zur geistlichen Berufung Gottes. So leite ich zum Beispiel dazu an, berufliche Ziele in Partnerschaft mit dem Heiligen Geist zu realisieren. Dazu stelle ich Leitlinien zur praktischen Unterstützung bei der Bildung von Hilfsgruppen und Netzwerken vor und mache auch Vorschläge, wie Menschen, die eine Berufung zu gesellschaftlichem Engagement haben, von ihrer Gemeinde unterstützt werden können.
Drittens schreibe ich für Leiter im Leib Christi, u.a. für apostolische Leiter. Als logische Konsequenz aus einem Verständnis des Reich-Gottes-Auftrages erschließen sich uns die Rolle und das Wirken der Apostel heute. Ich gehe auf die apostolische Vision ein und umreiße, wie das Volk Gottes aufgebaut werden kann, um die Gläubigen dort, wo sie leben und arbeiten, für den Dienst freizusetzen.
Und viertens: Evangelikale, charismatische und pfingstliche Gemeinden sehe ich an einem Scheidepunkt, anscheinend sind sie dort schon seit vier oder fünf Jahren. Ideen und Programme aus der jüngeren Vergangenheit funktionieren offensichtlich nicht mehr so gut. Manche verlassen die Gemeinden, weniger aus Protest als vielmehr aufgrund von Erschöpfung. Sie vermissen eine tragfähige Verbindung zwischen der Gemeinde und ihrem konkreten Alltag: Familie, Beruf, finanziellen und zeitlichen Herausforderungen. Sie können nicht ständig in zwei Welten leben. Nicht wenige von ihnen waren einmal engagierte Pioniere, aber irgendwie ist ihnen der Elan abhandengekommen.
Das macht mich betroffen, weil ich mit vielen dieser Gemeinden und ihren hingegebenen Pastoren und Leitern seit Jahren zusammenarbeite. Ich bewundere sie und bin sehr dankbar für die guten Dinge, die Gott in diese Gemeinden gelegt hat. Bedeutet diese gegenwärtige schwierige Phase nun aber, dass sich die hoffnungsvolle und systematische Entwicklung des geistlichen Lebens der letzten dreißig Jahre irgendwo eingependelt oder verirrt hat? Mittlerweile habe ich die Hoffnung, dass das nicht der Fall ist, vielmehr sehe ich uns in einer neuen und umfassenderen Entwicklung und Veränderung. Mir scheint, dass der Heilige Geist jetzt dabei ist, seine Gemeinde von der Ausrichtung auf die eigene Errettung und Jüngerschaft hin zu einer Gemeinschaft von Reich-Gottes-Bürgern zu entwickeln, die ganzheitlich in ihrer Welt leben und arbeiten. Das wird einen weitreichenden Paradigmenwechsel erfordern. Diesen Punkt betone ich mit Nachdruck. Unter anderem gebe ich einen Rückblick auf unsere jüngere Geschichte und einen Ausblick auf biblische Richtlinien und Vorschläge, in welche Richtung es von hier aus gehen kann.
Der erste Teil des Buches zeigt eine biblische Perspektive des Reiches Gottes auf. Ich bin überzeugt, dass wir Christen in allen Zweigen der Gesellschaft, einschließlich der Gemeinde, auf einer biblischen Grundlage handeln müssen, die uns Vision und Richtlinien für die Praxis gibt.
Teil 2 geht auf Auswirkungen ein, die sich für uns heute ergeben. Bestimmte Themen werden analysiert und Anregungen für Lösungen und Umsetzung angeboten. In Kapitel 10 beginne ich damit, die Konsequenzen für unser heutiges Denken und Handeln darzustellen. Mit ihnen befasst sich das Buch im zweiten Teil ausführlicher, erklärt Hintergründe und Sachverhalte und vermittelt ebenfalls Anregungen für Lösungen und Umsetzung.
Ein so umfassendes Thema wie das Reich Gottes kann in diesem Buch letztlich nur angerissen werden. Aber ich hoffe, dass es allen Leserinnen und Lesern auf dem Weg in die Zukunft mit Gott wichtige und hilfreiche Anstöße gibt.
Keith Warrington
Altensteig, im März 2011
Übrigens beziehe ich mich immer sowohl auf Männer als auch auf Frauen, obwohl ich um der besseren Lesbarkeit willen auch da nur eine grammatische Form verwende, wo es streng genommen eine männliche und eine weibliche gibt. („Bei der Verfolgung von Einbrecherinnen und Einbrechern befragen Polizistinnen und Polizisten Bürgerinnen und Bürger.“ …)
Er hat uns seinen Plan wissen lassen …
Unter ihm, Christus, dem Oberhaupt des ganzen
Universums, soll alles vereint werden – das, was im
Himmel, und das, was auf der Erde ist.
(Epheser 1,9–10; NGÜ)
Für uns als Christen ist es grundlegend wichtig, ein gesundes Identitätsbewusstsein, eine klare Vision und ein wohlbegründetes Verständnis unserer Berufung zu haben. Diese Themen wurden von Petrus und Paulus in den Briefen an ihre Gemeinden immer wieder betont. Sie vermittelten die nötige historische und theologische Perspektive und gaben den Gläubigen damals eine Basis für das Verständnis ihrer Verantwortung und Autorität, sodass sie in Partnerschaft mit Gott zusammenarbeiten konnten. Das trug wesentlich zu ihrer erfolgreichen Entwicklung bei.
Das beste Beispiel ist wohl der Brief des Paulus an die Christen in Ephesus. Drei Jahre lang arbeitete er in der Stadt Ephesus – länger als irgendwo anders, den Berichten zufolge. Zudem steht das Ende seines öffentlichen Dienstes kurz bevor. In vielerlei Hinsicht kann seine Arbeit dort als Modell für apostolisches Wirken gelten.
In Ephesus lehrte, predigte und debattierte Paulus, wobei das Reich Gottes sein Leitthema war. So wird es uns in Kapitel 19 und 20 der Apostelgeschichte berichtet. Er „unterwies sie täglich im Lehrsaal des Tyrannus“ und in den Wohnhäusern, ermahnte alle, umzukehren und Jesus als dem König zu gehorchen. Paulus lehrte die Gläubigen, entsprechend praktisch zu leben. Sein Wirken geschah in großer Kraft; viele Menschen wurden durch seine Hände geheilt, selbst durch das Auflegen seiner Schweiß- oder Taschentücher. Nach drei Jahren gingen die Geschäfte der Kunsthandwerker, die Gegenstände für den Götzenkult herstellten, so schlecht, dass sie einen Aufstand anzettelten und Paulus aus der Stadt fliehen musste.
Persönliche Grüße wie in seinen anderen Schreiben finden wir im Epheserbrief nicht. Paulus befasst sich nicht mit irgendwelchen Problemen, sondern konzentriert sich hier darauf, seine Hauptlehre zusammenzufassen. In der ersten Hälfte wiederholt er seine Vision, in der zweiten Hälfte geht er auf die praktische Umsetzung ein. Das zeigt deutlich, was ihm wichtig ist. Wir wissen nicht genau, was er in jenen drei Jahren in Ephesus alles gelehrt hat, aber hier liegt uns wenigstens seine eigene kurze Zusammenfassung vor.
So wiederholt Paulus am Anfang seines Briefs an die Epheser, welches Erbe der Gläubige in Christus erlangt hat. Dabei richtet er den Blick auf Gottes Planung vor Grundlegung der Welt. „In Christus“, oder unter Christus, sollen die Gläubigen dieses gewaltige Erbe antreten. Paulus betont hier nicht nur den wunderbaren Inhalt dieses Erbes, das nun allen Gläubigen gilt, sondern auch die historische Tiefe. Einer der inhaltlichen Punkte, die Paulus zusammenfasst, ist, dass Gott uns jetzt seinen großen Plan für alle Zeiten offenbart hat.
Epheser 1,10 formuliert folgendermaßen: „ … damit der Heilsplan in der Erfüllung der Zeiten ausgeführt wird: in Christus als dem Haupt alles zusammenzufassen, was im Himmel und was auf Erden ist, in ihm“ (NeueLuther Bibel).
In einem Satz wiederholt Paulus dieses langfristige Ziel, das Gott gesetzt und jetzt dem Menschen offenbart hat. Es ist Gottes Absicht, alles im Himmel und auf Erden zusammenzufassen, zu vereinen. Dies wird er in Christus vollbringen, unter Christus als dem Haupt.
Eine gewaltige Aussage! Alle Dinge zu vereinen, zusammenzufassen, zusammenzuziehen heißt: Das, was nicht zusammen, sondern getrennt, nicht in Ordnung ist usw., was aber zusammengehört, wird zusammengefügt. Hier liegt die Betonung auf: überwinden, wiederherstellen, reparieren, etwas so zurechtbringen, wie es sein sollte.
„Alles, was im Himmel und auf Erden ist“, wird zusammengefasst. Wenn Paulus von „Himmel und Erde“ spricht, meint er die ganze Schöpfung, den Kosmos. Er sieht Himmel und Erde, das geistliche Universum und das materielle Universum, als eine Schöpfung und eine Realität. Die zwei Bereiche gehören zusammen, stehen in engster und immerwährender Wechselbeziehung zueinander. „Alles, was im Himmel und auf Erden ist“ – das heißt, Gott arbeitet daran, seine gesamte Schöpfung wiederherzustellen. Alle Aspekte werden wiederhergestellt werden, alles, was sich abgetrennt und falsch entwickelt hat, im Himmel wie auf Erden und in ihrer Wechselbeziehung.
Das heißt also, dass beide Bereiche nicht so sind, wie sie sein sollten. Die Erde wurde vollkommen geschaffen, in Gottes Augen war sie „gut“. Aber sie ist der Zerstörung zum Opfer gefallen. Das wissen wir und wir brauchen nicht lange nachzudenken, bis wir nennen können, was der Wiederherstellung bedarf – schwieriger ist es, etwas unverändert Vollkommenes zu finden. Im selben Satz sagt Paulus, dass es auch im Himmel Dinge gibt, die der Wiederherstellung bedürfen. Das überrascht uns zunächst, denn wir meinen, als Gottes „Hauptquartier“ müsse der Himmel doch perfekt sein. Allerdings wissen wir, dass die Rebellion gegen Gottes Herrschaft im Himmel begann und dass in Teilen des Geistbereichs bis zum heutigen Tag böse geistliche Mächte herrschen. Es besteht ein dauernder Konflikt zwischen Gut und Böse, der sich im geistlichen Bereich und auf der Erde abspielt, und diese stehen miteinander in einer Wechselbeziehung.
Gott ist dabei, Rebellion, Zerstörung und Tod in seiner gesamten Schöpfung zu überwinden und alle Dinge wieder in den Stand zu setzen, wie sie sein sollten. Wir freuen uns auf eine neue, eine erneuerte Welt – Himmel und Erde.
Das alles geschieht „in Christus, unter Christus als dem Haupt“. Gott wirkt nicht durch pädagogische oder politische Verbesserungsprogramme. Er hat eine Autorität aufgerichtet: Christus! Unter ihm als dem Haupt, in ihm werden alle Dinge zusammengefügt werden. Durch das Kreuz Christi ist der Grund gelegt für die Wiederherstellung, das Wiedervereinigen „aller Dinge“.
„Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kolosser 1,19–20).
Die Kraft des Sühnopfers reicht für alle Dinge im Himmel und auf Erden. Auf diesen Sühnetod folgten die nächsten Maßnahmen:
„Er hat sie (seine Macht) an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Gemeinde gesetzt“ (Epheser 1,20–22).
Gemeinsam haben Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist Himmel und Erde erschaffen. Jesus, der Sohn, kam als Erlöser, und jetzt ist er (wieder) erhöht zur Rechten des Vaters. Das geschah bei der Himmelfahrt Christi, wie von den Aposteln bezeugt und in Apostelgeschichte 1,1–11 beschrieben. Der Vater hat ihm alle Dinge unter die Füße gelegt. Jesus hat jetzt die Exekutivherrschaft über alle Dinge, alle Autoritäten, im Himmel und auf Erden. So bekleidet er die Position der letzten Autorität (neben dem Vater). Er ist der Meister des Universums und hat die Aufgabe, alle Dinge im Himmel und auf Erden zusammenzubringen. Dies ist sein übergeordnetes und eigentliches Ziel. Daran arbeitet er in diesem Moment.
„Bei der Erfüllung der Zeiten“ wird das Ziel erreicht sein. Auf diesen Höhepunkt hin wirkt Christus. Die Wiederherstellung geschieht stufen- und etappenweise. Das braucht Zeit, es wird aber vollendet werden.
In 1. Korinther 15, 24–28 äußert Paulus dieselben Gedanken:
Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. Sonst hätte er ihm nicht alles zu Füßen gelegt. Wenn es aber heißt, alles sei unterworfen, ist offenbar der ausgenommen, der ihm alles unterwirft. Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem.
Der Kontext dieses Abschnitts ist die Auferweckung von den Toten. Christus ist schon von den Toten auferstanden. Er ist die erste Frucht der Wiederherstellung, der neuen Schöpfung und die Basis für unsere zukünftige Hoffnung. Wenn er wiederkommt, werden alle, die zu ihm gehören, auch auferweckt werden. Paulus fährt mit dem oben stehenden kurzen Überblick über das finale Szenario fort. Meine Zusammenfassung dieser Verse lautet folgendermaßen:
Der Vater hat Christus alles untergeordnet, hat ihn zum Herrscher über Himmel und Erde gemacht. Er regiert, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt haben wird. Jesus hat die Aufgabe, alle Reiche, Autoritäten und Mächte, die sich gegen die Herrschaft Gottes stellen, zu zerstören, abzuschaffen, auszuschalten. Er wird weiter regieren, bis dies geschehen ist. Das bedeutet, dass seine Herrschaft jetzt im Himmel nicht ruhig und leicht ist. Er arbeitet daran, das Böse in geistlichen und natürlichen Bereichen zu überwinden.
Der letzte zu überwindende Feind wird der Tod sein. Das Wort „letzte“ deutet eine Reihenfolge an. Nicht alle Feinde werden sofort oder gleichzeitig überwunden. Jesus nimmt sie sich nacheinander oder in Gruppen vor. Der letzte Feind, der Tod, wird durch eine finale Auferstehung zerstört. Wenn alles zu Ende ist, übergibt der Sohn Gott dem Vater das Reich, er selbst bleibt dem Vater untertan. Das Reich, das er dem Vater übergibt, zurückgibt, ist frei von Rebellion und Bösem. Es wird eine wiederhergestellte Schöpfung sein, die sowohl den Himmel als auch die Erde umschließt.
Wir fragen uns vielleicht, warum dieses Überwinden der Feinde Gottes so kompliziert sein muss und so lange dauert. Führen wir uns jedoch vor Augen, was dafür nötig ist, dann fangen wir vielleicht an zu verstehen. Wenn es nur der Gewalt bedürfte, wäre die Sache längst ausgestanden. Der letzte Feind, der Tod, wird einfach so zerstört werden, dass auf Gottes Befehl hin die Posaune erschallt und die Toten auferstehen – das heißt, dass Gewalt zur Anwendung kommt. Das ist der leichtere Teil. Die größere Schwierigkeit besteht darin, selbstsüchtige Menschen von ihrem Egoismus und ihrer Verantwortlichkeit zu überzeugen. Doppelt schwer ist es, wenn sie unter dem Einfluss täuschender Geister stehen. Das ist nicht mit Gewalt zu erreichen, sondern nur durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Es erfordert moralisches Vorbild und Überzeugung und auch geistliche Auseinandersetzung und lässt sich letztlich nicht steuern.
Gott geht so vor, dass er alle zum Gehorsam zurückruft; denen, die positiv reagieren, gibt er ihr Erbe wieder. Dann können sie sich gemäß ihren Möglichkeiten gemeinsam mit Gott für diese Wiederherstellung einsetzen. Und so wirken Gruppen von Menschen und Engeln gemeinsam mit Gott an diesem Projekt. (Andere Menschen und Engel arbeiten gegen ihn.) Es ist eine bei der Erschaffung des Menschen eingesetzte Partnerschaft, in der jeder einen eigenen Verantwortungsbereich und Autorität hat. Nicht alles hängt von Gott ab.
Manchmal sind große Fortschritte gemacht worden, zu anderen Zeiten haben ihn Generationen von Menschen enttäuscht und den Prozess zurückgeworfen. Gott wirkt, bis ein bestimmter Punkt in der Entwicklung erreicht ist, und dann kann er alles zum Abschluss bringen. So weit sind wir noch nicht. Die Entfaltung dieser menschlichen und biblischen Geschichte, an der auch wir beteiligt sind, ist in gewaltigem Maß dramatisch.
Die beiden oben zitierten Textabschnitte porträtieren Gottes großes Ziel wunderbar und dennoch kurz und bündig. Es gibt andere Schriftstellen, die sich auf Christus zur Rechten des Vaters beziehen, wie er darauf wartet, sein Reich zu empfangen, aber sie sind nicht so auf dieses Thema fokussiert.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: „Jesus Christus ist der Herr“ – zur Ehre Gottes, des Vaters (Philipper 2,9–11).
Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; seitdem wartet er, bis seine Feinde ihm als Schemel unter die Füße gelegt werden (Hebräer 10,12–13).
Der letzte Teil dieses Textes ist ein Zitat aus Psalm 110. Er ist ein prophetischer Hinweis auf diese Dinge, die in Jesus erfüllt sind.
Die Schlusskapitel der Offenbarung stellen uns die letzten Szenen des Kampfes mit den Feinden Gottes und die Wiederherstellung der Schöpfung vor Augen: große Schlachten mit Satan, seinen Engeln und den ungerechten Nationen und darauf folgende konfliktreiche Phasen. Am Ende werden ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen, und die Heiligen werden den Vater und das Lamm sehen und für immer mit ihnen leben und regieren. Das ist Gottes letztendliche Absicht.
Dies sind wunderbare und wichtige Gedanken. Sie geben uns die biblische Grundlage für unser Verständnis der Geschichte, der Zukunft und unserer Hoffnung. Sie sind nicht kompliziert oder schwer verständlich. Wie schon gesagt, die Apostel lehrten diese Themen als Grundlage in allen ihren Gemeinden. Damit hatten die frühen Christen eine Orientierung für ihr Leben und ihre Arbeit, und das war ein Grund für ihren Erfolg. Tatsächlich sind diese Themen so fundamental, dass Petrus sie zum Beispiel in seine Predigt auf dem Tempelberg in Jerusalem aufnahm, nachdem er den lahmen Bettler am Tor geheilt hatte. Seine Zuhörer glaubten an Gott, aber sie kannten Jesus nicht, deshalb war es eine evangelistische Botschaft:
Also kehrt um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Messias. Ihn muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkündet hat (Apostelgeschichte 3,19–21).
Aus dem Grund können wir auch heute von Evangelisten erwarten, dass sie diese Themen aufgreifen.
Nun, da diese Absicht Gottes, die den ersten Aposteln so wichtig war, in den Fokus gerückt wurde, will ich sie aufschlüsseln und darlegen, was nach meiner Auffassung dahintersteckt und was das für uns heute bedeutet.
Das Zusammenbringen, das Wiederherstellen der ganzen Schöpfung ist angestrebtes Ziel. Gehen wir deshalb zurück an den Punkt, wo alles noch in guter Ordnung war. Wenn wir dort etwas von Gottes ursprünglichem Plan sehen können, wird es uns helfen zu erkennen, was kaputtgegangen ist und wiederhergestellt werden muss. Vielleicht werden wir nicht alles sehen, aber es ist ein guter Ausgangspunkt. Gehen wir also zurück zum Garten.
Vieles wird Ihnen bekannt sein; verfolgen Sie bitte trotzdem die Geschichte über die nächsten Kapitel. Sie legt nämlich den Grund für das Kommen des Messias und des Gottesreichs, und das ist zentrales Thema in diesem Buch. Wir befassen uns hier nur mit den Elementen, die für das Verständnis von Hintergrund und Zweck dieses Reiches relevant sind.
Wir sind zur Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes geschaffen, für Beziehung und Herrschaft.
Da Gott aber gut, wahrhaftig, demütig, mächtig ist und sein Wort uns zum Leben und zur Größe führt, ist Rebellion Stolz und Zerstörung. Sie ist auch unklug. Und sie ist böse.
Gott schuf das geistliche und das materielle Universum. Er schuf die Engel, er schuf uns Menschen als ewige Geist-Personen nach seinem Bild. Wir Menschen sind Geist, Seele, Leib. So können wir in der geistlichen sowie in der materiellen Welt Realitäten wahrnehmen und uns entsprechend verhalten. Die Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung wurde uns mitgegeben, Identitätssinn, die Sehnsucht nach Bedeutung, eine intuitive Wahrnehmung von Liebe, Freundschaft, Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit. Kinder zeigen diese Impulse automatisch. Wir sind in der Lage, originelle Ideen zu entwickeln, sie kreativ umzusetzen, wir können verantwortlich handeln und Entscheidungen treffen.
Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist schenken uns unser Sein, damit wir an dem herrlichen Leben teilhaben, das sie seit jeher miteinander genießen. Aus Liebe wurden wir geschaffen – das ist ein Geschenk –, um unseren Schöpfer zu kennen und zu lieben, die Freude und Bedeutung des Lebens in jeder Dimension wahrnehmen zu können und den Menschen unserer Umgebung, für die das Gleiche gilt, zu helfen und uns von ihnen helfen zu lassen. Aus Liebe und für Liebe wurden wir geschaffen. Wir sind nicht unabhängig. Wir sollen unseren Platz in der Schönheit und dem Spektrum der Schöpfung einnehmen und gemäß der Grundhaltung und dem Gesetz Gottes leben: nämlich lieben.
Über allem anderen sollen wir unseren dreieinigen Gott lieben, ja, ihn kennen, da er das Zentrum der Wirklichkeit und unserer Existenz ist. Er kann uns lieben, uns das Leben lehren und uns Weisheit und Kraft geben, wie es kein menschliches Wesen vermag.
Unsere Eltern, unsere Familie, unsere Nachbarn, Fremde – alle Menschen, Tiere und die ganze Natur sollen wir lieben. Liebe ist eine Willensentscheidung: zum äußersten Wohl anderer alles zu tun, was einem möglich ist. Deshalb gibt uns Gott das Gebot zu lieben. Wir sind verantwortlich vor dem Gott, der uns gemacht hat, und ebenso voreinander und vor uns selbst. Unser Gewissen bestätigt oder verdammt uns, ohne dass wir etwas dazu tun müssten. Das sind Wesenszüge ewiger Geist-Personen.
Ein zentrales Element unserer Schöpfungsbestimmung ist die Fähigkeit, in Beziehung zu leben. Zu Beziehung und Freundschaft sind wir geschaffen: mit Gott, miteinander und mit der Schöpfung. Abends kommt Gott in den Garten, um mit Adam und Eva zu reden. Das ist der Anfang der Freundschaft zwischen Gott und ihnen.
Später erklärt Gott im ersten und zweiten Gebot: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Ein zentrales Element unserer Anteilnahme am Leben Gottes ist, dass wir für seine Welt Verantwortung tragen.
Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen (1. Mose 1,27–28).
Der Mensch bekommt die Verantwortung und Autorität übertragen, über die irdische Schöpfung zu herrschen. Die hebräischen Wörter für „unterwerfen“ und „herrschen“ sind starke Ausdrücke, die uns zu aktivem, entschiedenem Handeln aufrufen. Es geht also nicht um Passivität, darum, Dinge nur im Blick zu halten oder den Status quo zu bewahren, sondern um ein aktives Sichkümmern und Initiative-Ergreifen. Dieser Befehl wird für Noah nach der Sintflut neu bestätigt und von David in Psalm 8 thematisiert. Weil uns Verantwortung übertragen ist, werden wir Rechenschaft ablegen müssen – sonst wäre die Verantwortung gar nicht real.
In unserer Zeit wecken die Wörter „herrschen“ oder „Herrschaft“ oft negative Assoziationen, z.B. mit Tyrannei, Egoismus und Ausbeutung. Das meinte Gott natürlich nicht, als er damals den Menschen beauftragte, über die Erde zu herrschen. Solche Assoziationen spiegeln wider, was wir inzwischen weitgehend mit unserer Autorisierung angefangen haben. Gottes Absicht war Herrschaft auf seine Weise – mit der Haltung eines Dieners oder eines guten Vaters, d.h. in Liebe, Gerechtigkeit und mit Kreativität, zum Wohl aller.
Ich möchte die Wörter „herrschen“ bzw. „Herrschaft“ nicht einfach aufgeben, denn sie enthalten sowohl die Aspekte von Autorisierung und Autorität als auch den der damit zusammenhängenden Verantwortung, es sind somit wichtige Begriffe. Im Allgemeinen fühlen wir uns mit der Vorstellung von „Verantwortung“ ganz wohl, „Autorität“ aber macht uns leider nervös. Mit Blick auf diese kulturelle Empfindlichkeit werde ich die Wörter „herrschen“ oder „Herrschaft“ nur gezielt beibehalten und häufig mit „Verantwortung übernehmen“ oder „die Erde verantwortlich gestalten“ oder ähnlichen Ausdrücken nuancieren.
Wie wir wissen, sollten die Menschen im Garten Eden anfangen, diese Herrschaft über die Erde auszuüben. Ihre Aufgabe war es, den Garten zu bebauen und zu erhalten. Selbst im Paradies brauchte der Garten den Gärtner, der ihn gestalten und pflegen musste. An dieser Stelle der Bibel wird der Begriff „Arbeit“ eingeführt. Den Garten zu kultivieren erforderte Anstrengung. Das ist Teil der Funktion „die Erde beherrschen“. Arbeit ist also keine Strafe! Gott arbeitete, und wir sollen auch arbeiten. Der älteste Beruf der Welt ist Gärtner. Nach der Rebellion gegen Gott veränderte sich ihre Natur, sie wurde schwierig, wurde zur Mühsal – aber eigentlich ist Arbeit etwas Göttliches.
Ausgehend von unserer Schöpfungsbestimmung stelle ich mir vor, wie sich die Vision für die Zukunft der Menschheit und der Erde in dieser Phase darstellt: Die Welt ist im Zustand der Vollkommenheit, und alle Menschen – also beide – lieben Gott. Niemand muss zur Umkehr gerufen werden: Adam und Eva sollen viele Kinder und Kindeskinder haben, bis die Erde bevölkert ist. Mit Erziehung haben sie zwar keine Erfahrung, doch sollen sie anfangen und beim Tun lernen. Nun ist es für Kinder nicht unbedingt günstig, wenn ihre Eltern allzu viel herumexperimentieren müssen. Aber Adam und Eva sind gesunde Persönlichkeiten, sodass sie ganz selbstverständlich in der Lage sind, ihren Kindern Identität, Selbstbewusstsein, Leben in Beziehungen und Verantwortung beizubringen. Das sind die wichtigen Dinge. Sie treffen sich mit Gott in der Kühle des Abends, können ihn also zu allen möglichen Dingen um Rat bitten.
Aufgrund dieses Wachstums hat Gott nach und nach immer mehr Leute im Garten, und er kann es einrichten, dass er sich mit ihnen allen trifft, einzeln und in Gruppen. Ist die Siedlung auf eine bestimmte Größe angewachsen, beginnen sich Veränderungen in der Dynamik von Autorität, Entscheidungsfindung, Delegation, Arbeitsteilung, Kommunikation etc. zu zeigen. In einer weitere Wachstumsphase setzt die nächste Veränderung ein; mittlerweile leben mehrere Generationen zusammen.
Allein durch Wachstum und Zeit vollzieht sich der Wandel von Familie zu Gemeinschaft. Da gilt es „Spielregeln“ zu kennen. Eine solche Gemeinschaft ist anders zu führen als eine Kernfamilie. Jetzt kommen wir also quasi zur Lokalregierung! Die Menschen haben Gott vieles zu fragen, wenn er auf seinen täglichen Besuchen vorbeikommt. Es ist ihm eine Freude zu sehen, wie seine Kinder wachsen und wie sie nach und nach unter seiner Führung lernen, für ihre Rolle auf der Erde Verantwortung zu übernehmen.
Wer etwa musikalisch begabt ist, wird singen und auf einfachen Instrumenten improvisieren. – Wir können nur darüber spekulieren, doch so etwa müsste es sich entwickelt haben. Musik kommt von Gott, und sie ist in uns angelegt. Sie gehört bereits zur von Gott geschaffenen Ordnung, und ihre Entdeckung und Entfaltung kann nur eine Frage der Zeit gewesen sein.
Dasselbe gilt für Technik. Will man Entwicklung im Garten und ganz allgemein auf der Erde, braucht man Werkzeug. Besonders die, die in diesem Bereich begabt sind, denken sich Neues aus und experimentieren. Zuerst wird das richtige Material gesucht. Anfangs ist es schwierig, denn die Hilfsmittel fehlen noch, doch mit der Zeit macht man Fortschritte. Die Erfindung des Rades und der Transportmöglichkeiten, die Nutzbarmachung von Feuer, die Entdeckung von Metallen, die Entwicklung von Papier, Schrift, Architektur – all das ist in der Schöpfung angelegt. Diese Entwicklungen sind nur eine Frage der Zeit.
Der Mensch trägt die Fähigkeit zur schöpferischen Tätigkeit in sich, weil er nach Gottes Bild gestaltet ist. Es gehört auch zu unserem Auftrag, über die Erde zu herrschen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott will, dass wir diese Dinge entdecken und unter seiner Führung entwickeln. Technik ist nur dann schlecht, wenn sie außerhalb der göttlichen Richtlinien von Ethik und Verantwortung angewendet wird oder wenn Dinge erfunden werden, die von Anfang an außerhalb von Gottes Gesetz sind. Dann wird Technik zu einem Werkzeug für das Böse. Aber sie ist eben genau das: ein Werkzeug, und sie soll zum Guten eingesetzt werden.
Nach einer gewissen Zeit werden die Pioniertypen unter den Menschen in der Siedlung wissen wollen, was hinter den Bergen liegt. Sie starten also eine Expedition, um auf Entdeckungsreise zu gehen, und gründen eine neue Siedlung. Diese Art Bewegung verbreitet sich weiter. Wir wissen sicher, dass es das ist, was Gott wollte. Er sagte: „Füllt die Erde und macht sie euch untertan.“
So können wir uns alle Lebensaspekte der Menschen damals vorstellen. Wies ihre Hoffnung für die Zukunft damals, ganz am Anfang, in diese Richtung? Darüber machen wir uns normalerweise keine Gedanken. Der Sündenfall des Menschen kam so bald, dass wir uns auf ihn konzentrieren und nicht darüber nachdenken, wie es hätte sein können. Meine Vorstellung habe ich kurz umrissen. Es hätte gut sein sollen, Wachstum, Fortschritt und Entwicklung eingeschlossen!
Die Bibel beginnt mit einem Garten und endet mit der Stadt Gottes, die vom Himmel herabkommt. Wie wir diese prophetische Metapher der Stadt Gottes auch interpretieren, sie steht gewiss für die Gemeinschaft der Heiligen, die am Ende unserer gegenwärtigen Geschichte mit Gott zusammenleben. Die Bibel beginnt mit zwei Menschen und endet mit Milliarden. Sie beginnt ohne Technik und endet mit einer Großstadt. Sie beginnt einfach und endet komplex. Dieses Verständnis von Wachstum und Fortschritt ist in die biblische Geschichte eingebaut. Im letzten Kapitel lesen wir, dass „die Knechte Gottes und das Lamm sein Angesicht sehen werden, und sein Name wird auf ihrer Stirn geschrieben sein … und sie sollen in alle Ewigkeit regieren“.
Dieses zweifache Schöpfungsziel für die Menschheit – Beziehung und Herrschaft – bleibt durchgängig bestehen.
Diese glückliche Vision baut auf der Prämisse auf, dass Gott unser Vater und rechtmäßiger Herrscher ist. Die Bibel offenbart Gott von Anfang an als Herrscher, ohne zu erklären, welche Basis dem zugrunde liegt – wahrscheinlich die Tatsache, dass er der Schöpfer und Erhalter aller Dinge ist und dass das Universum ihn in dieser Funktion braucht. In dem Fall hat ein beständig liebender und guter Gott die Pflicht, alles zu regieren. Gott hat gezeigt, dass er diese Verantwortung auch dann wahrnimmt, wenn es ihn sehr viel kostet.
Im Verlauf der biblischen Geschichte beginnen wir Gottes Herz und seine Haltung als Herrscher zu sehen, seine entschiedene Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Liebe. Gott ist nicht parteiisch und auch nicht willkürlich. Seine Gesetze sind so gestaltet, dass sie uns zu Leben und Segen leiten. Oft lesen wir sinngemäß: „Verhaltet euch in der und der Weise, dann werdet ihr leben.“ Das ist nicht ein Gott, der aus Machthunger heraus handelt. Er ist wirklich ein Vater, der alles ihm Mögliche tut, um seine Kinder in die Fülle des Lebens zu führen.
Eine beständige Freundschaft mit Gott gründet also darauf, dass wir seine Herrschaft über uns akzeptieren, und zwar freudig und zustimmend und mit der Haltung, diese liebevolle Regie als notwendig und richtig zu erachten. Das geschaffene Universum, Himmel und Erde, braucht diese Herrschaft.
Wir können seinem Gutsein, seinem Charakter vertrauen. Auf der Basis dieses Vertrauens sollen wir ihn lieben – aktiv, mit Verstand und Leidenschaft. Seine Gesetze gründen in der Realität und dienen zu unserem Besten, um uns zur Größe zu führen. Wir sollten unsere glückliche Lage preisen – unter der weisen und liebevollen Leitung Gottes zu sein, in der Gemeinschaft der Menschen, ausgestattet mit Verantwortung und Autorität für unsere Welt. Unter Gottes Leitung ist Raum sowohl für individuelles Abenteuer als auch für allgemeine Fürsorge.
In unserer modernen westlichen Gesellschaft wurde uns z.B. durch die Ideologien der Studentenrevolution von 1968 beigebracht, Autorität zu misstrauen, sie sogar zurückzuweisen und unsere persönliche Unabhängigkeit zu stärken. Verpflichtungen gehen wir sehr zurückhaltend ein. Wo Autorität missbraucht wurde, ist Misstrauen eine natürliche Reaktion. Wenn wir aber nur misstrauen, bleiben wir allein, ohne Schutz, Bestätigung oder Hilfe. Wir sollen wissen und verstehen, wie wir unseren Platz in einer Gemeinschaft einnehmen, um unseren Beitrag zu leisten und die Hilfe und Liebe zu empfangen, die wir uns selbst nicht geben können.
Normalerweise müssten wir diese Dinge ganz natürlich in unserer Familie lernen, von Mutter und Vater, Großeltern, Tanten und Onkeln und durch den Umgang mit Geschwistern. Das ist in intakten Familien mit guten Eltern auch der Fall. Jemand, dessen familiärer Hintergrund problematisch ist, wird es schwerer finden, Gott als liebendem Vater oder auch nur menschlichen Autoritäten zu vertrauen. Wir müssen uns bewusst machen, wie intelligent und segensreich es ist, unseren Platz unter guter Leitung, sowohl von Gott als auch von den dafür zuständigen Mitmenschen, einzunehmen. Wir sollen auch lernen, andere anzuleiten.
Gerade aus diesem Grund, so mein Verständnis, setzte Gott den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in den Garten: Er sollte diese Schöpfungsordnung deutlich machen. Der Baum stellte für die Menschen keine zusätzliche Versuchung über das hinaus dar, was sie auch sonst im Alltag zu bewältigen hatten, er führte ihnen einfach nur vor Augen, was Gott über Leben und Schöpfung und die Zuständigkeiten des Menschen mitteilen wollte.
Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben (1. Mose 2,16–17).
Offensichtlich steht der Baum zunächst für Gottes Recht, festzulegen, was gut und was böse ist. Hier definiert Gott seine Rolle als der, der über uns bestimmt und unsere Grenzen festlegt. Wir sind auf seine moralische Leitung angewiesen. Er ist der Schöpfer und Erhalter von allem, auch des Menschen. Als derjenige, der alles erdacht und erschaffen hat, weiß er, was nötig und richtig ist, damit es harmonisch zusammenwirkt. Mit seinem Wissen, seiner Weisheit und Güte ist er – als Einziger – in der Lage, das ganze Bild zu erfassen und alles zum Wohle des Ganzen zu führen, entsprechend handelt er auch. Dies bildet die Grundlage für seine Gesetze und seine Funktion als Richter und Herrscher. Es bedeutet auch, dass der Mensch nicht selber in dieser Weise leiten kann.
Der Baum steht außerdem für eine Einschränkung unserer Befugnisse. Erde und Garten waren dem Menschen anvertraut worden, nur dieser Teil nicht. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass Gott sich das Recht vorbehält, direkt, ohne menschliches Zutun, auf der Erde zu agieren. Es bedeutet, dass wir nicht die gesamte Autorität über die Erde ausüben, sondern eine Haushalterschaft, in Verantwortung gegenüber Gott, dem Eigentümer, mit weitreichender, aber nicht unbeschränkter Zuständigkeit. Meiner Meinung nach bestätigt der weitere biblische Befund diese Ansicht. Der Schlüssel zur Partnerschaft mit Gott und miteinander, bezogen auf die Herrschaft über die Schöpfung und ihr Funktionieren, liegt darin, die Autorisierung und den dazugehörigen Verantwortungsbereich jedes Akteurs anzuerkennen.
Als Herrscher muss Gott alle ethisch begabten Wesen zur Verantwortung ziehen. Das ist ein Grund für das Endgericht, in dem wir alle für unsere Lebensführung und unsere Entscheidungen Rechenschaft ablegen müssen. Jesus lehrt, dass wir für unsere Worte, für unser Tun und Lassen und für die Motive unseres Herzens zur Verantwortung gezogen werden: Das Leben ist kein Spiel, unsere Entscheidungen und Handlungen haben in diesem und im jenseitigen Leben Konsequenzen.
Nicht jedes Urteil ist für das Jüngste Gericht reserviert. Wir alle ernten, was wir jetzt, im täglichen Leben, säen, und so können uns Wahrheit und Wirklichkeit mit den praktischen Konsequenzen immer wieder einholen. Ferner greift Gott aktiv als Richter und Herrscher ein, indem er an jeder einzelnen Generation wirkt. Er wirkt so, dass Gutes so weit wie möglich gefördert und das Böse reduziert wird. Er segnet Einzelne, Familien und Nationen und richtet andere. Das wird er auch in Zukunft tun, und zwar ohne Ansehen der Person und entschlossen, die Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.
Die Versuchung beginnt mit Zweifel an Gottes Charakter: der Unterstellung, Gott wäre nicht gut, Gott würde die Menschen in der ihnen zustehenden Größe und Freiheit begrenzen! Sie könnten Erkenntnis haben und wie Gott sein. Die Versuchung ist ein Appell an Stolz und Gesetzlosigkeit, an den Wunsch, sich von Begrenzungen zu befreien. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Dann die Lüge: „Keineswegs werdet ihr sterben!“ – eine direkte Umkehrung dessen, was Gott gesagt hatte. Auch in unserer Zeit ist das zu hören. Bleibt diese Aussage stehen, dann wird alles hinterfragt, besonders Gottes Wesen. Dabei handelt es sich nicht um unvoreingenommenes, ehrliches Fragen nach Gott und seinen Wegen. Nein, hier fängt man an, wider besseres Wissen Lügen über Gott zu glauben.
Wenn wir einmal damit begonnen haben, Gott zu richten, ist die Dynamik des Stolzes bereits angestoßen. Dann dauert es nicht mehr lang, bis wir Gottes Grenzen missachten und der Behauptung „Ihr werdet sein wie Gott“ glauben. Zwar erwarten wir nicht, bis zum Letzten wie Gott zu werden, mit allen seinen mächtigen Fähigkeiten. Aber wir gehen doch davon aus, dass wir Gut und Böse erkennen und dann selbst entscheiden können, was gut, was weniger gut und was schlecht ist – wenigstens so weit es uns selbst betrifft. Damit lehnen wir es ab, Gott über uns herrschen zu lassen, und setzen uns selbst als Herrscher über uns ein. Nun auf uns selbst gestellt, erklären wir unsere Unabhängigkeit, entziehen uns der Ordnung Gottes für Schutz und Leben und schlagen unseren eigenen Weg ein.
Das hat nicht nur auf Gott und uns selbst Auswirkungen, sondern auf unsere gesamte Lebenssphäre, auch unsere Mitmenschen. Es überschreitet unsere Fähigkeiten und damit Gottes Grenze. Die von ihm verfügten Limitierungen sind nicht willkürlich, sondern definieren die Schöpfungsordnung. Wir lehnen sie ab, weil wir nach unseren eigenen Wünschen handeln wollen. Stolz ist das Motiv.
Wenn Gott böse, willkürlich, selbstsüchtig, ja, schwach wäre, dann wäre ein Aufbegehren gegen sein Wort edel und Rebellion unsere Pflicht. Da er aber gut, wahrhaftig, demütig, mächtig ist und sein Wort uns zum Leben und zur Größe führt, ist Rebellion Stolz und Zerstörung. Sie ist auch unklug. Und sie ist böse.
Als Menschen unserer Zeit stehen und leben wir vor Gott. Wenn die individuelle Ablehnung von Gottes Herrschaft und das Aufrichten einer Eigenherrschaft gegen Gott aus den genannten Gründen damals für böse erklärt wurde, dann ist es auch heute böse. Wir müssen untersuchen, wo wir stehen. Die Geschichte der ersten Menschen wird also schnell auch zu unserer Geschichte. Grundprinzipien des Lebens bleiben durch alle Generationen hindurch gleich.
Gott betrachtet Sünde als böse, als bewusste Rebellion. Adam und Eva verlieren ihre Unschuld unmittelbar. Sie werden des Gartens verwiesen und kommen unter den uns bekannten Fluch. Sie haben keinen Zugang mehr zum Baum des Lebens, sodass ihr Körper sich nicht mehr verjüngen kann und unter das Urteil des Todes fällt: harte Konsequenzen, die die Schwere des Vergehens reflektieren.
Die Sünde der ersten Menschen wirkt sich weithin aus: Ihre Kinder werden in eine verfluchte Welt geboren und stehen von Anfang an unter dem Fluch des Todes. Und das nicht durch eigenes Fehlverhalten! Die Natur selbst, die Domäne der menschlichen Rechtsprechung, kommt unter einen Fluch. Hier sehen wir zum ersten Mal das Leiden von Unschuldigen. Es zeigt, wie sich unsere Taten nicht nur auf uns selbst auswirken, sondern auch auf andere, in diesem Fall auf viele andere!
Jetzt lernt die Menschheit Sünde als eine Lebenswirklichkeit kennen. Bislang war sie nur eine Möglichkeit. Jede Generation wird nun im echten Kampf mit der Versuchung und Macht der Sünde leben müssen. Gott sagt zu Kain: „Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!“ (1. Mose 4,6–7).
Adam und Eva haben ihre erste Erfahrung mit Sünde gemacht. Weil sie das spüren, verstecken sie sich vor Gott. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie sind vor Gott wirklich schuldig geworden. Das gibt Satan, dem Verkläger, das Recht, sie vor Gott anzuklagen. Er ist selber schuldig, was aber seinem Recht, uns wegen unserer Schuld anzuklagen, keinen Abbruch tut. Wie ein roter Faden zieht sich das durch die ganze Bibel.
Der Auftrag, Verantwortung für die Erde zu tragen, wird nach der Rebellion nicht zurückgenommen. Noch heute leben wir mit dieser Autorisierung. Nachfolgende Generationen beginnen die Erde zu gestalten, je nach Stärke und Vermögen ihrer jeweiligen Gemeinschaft. Wir lesen, wie die Nachkommen Kains Viehhaltung, Musik und Metallschmiedekunst erfinden. Das geschieht jetzt unter erschwerten Bedingungen und ist vielfach von Stolz und Rebellion motiviert. Beim Turmbau zu Babel erleben wir später, dass die Menschen sich geschlossen gegen Gott auflehnen. Andererseits nutzt Noah die Technik seiner Zeit für den Bau der Arche. Die Baupläne kommen von Gott. Hier sehen wir, wie Kreativität sowohl zum Guten wie zum Bösen genutzt werden kann.
In den folgenden acht Punkten möchte ich die Konsequenzen der Rebellion zusammenfassen. Die Liste ist wahrscheinlich nicht vollständig, aber sie zeigt wichtige Bereiche, die eine zerstörerische und falsche Entwicklung genommen haben.
1. Eine Haltung der Rebellion und der Eigensucht
Die Menschen beginnen Gottes Leitung gewohnheitsmäßig abzulehnen und ihre eigene Alternative zu etablieren, entweder individualistisch: „Ich bin meine eigene Autorität. Ich werde mein eigenes Leben bestimmen“, oder als Gruppe, indem sie eine bestimmende Ideologie übernehmen oder sich einer anderen geistlichen Macht zuwenden – oder beides. Das führt zu einer grundsätzlich eigensüchtigen Haltung: „Ich bin meine eigene letzte Autorität; mein Leben, mein Glück stehen im Mittelpunkt.“ Gruppenselbstsucht entsteht: „Wir sind die Bestimmenden, unsere Interessen stehen an erster Stelle.“ Das ist tiefer Stolz und führt ironischerweise schnell zur Selbstgerechtigkeit. Gott hat es jetzt mit einem
