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Die Privatdetektivin Sylvia Wagner wird zur Jahrtausendwende durch ein Komplott nach Russland gelockt. Dort verfängt sie sich in einem dreifachen Labyrinth: dem Labyrinth einer fremden Kultur, dem Labyrinth ihrer Vergangenheit und dem Labyrinth einer gnadenlosen Verfolgungsjagd. Gleichzeitig trifft sie aber auch auf Menschen, die ihr bei ihrem Weg durch die verschiedenen Labyrinthe zur Seite stehen. „Ein außergewöhnlicher, hervorragender Kriminalroman. Das Außergewöhnliche des schon für sich genommen hervorragenden Kriminalromans ist, dass Nadja Dietrich in eine mitreißende Handlung – die von Realität bis thrillerartige Fiktion reicht, ohne in die Plattitüden des russischen Mafia-Genres zu verfallen – wesentliche, geschichtliche sowie heutige, Ereignisse und Entwicklungen in den deutsch-russischen Beziehungen in das Geschehen einflechtet und grundsätzliche Fragen philosophischer Art über die Einstellungen zum Leben in Ost und West aufwirft. Dies alles bringt sie derart geschickt in der Handlung unter, dass die Spannung niemals leidet, dennoch die Themen bewusst werden, aber niemals ein Bruch im Genre Kriminalroman entsteht. Eine hervorragende Leistung. Allein schon die Idee, Wissen über die deutsch-russischen Beziehungen in dieser Form zu vermitteln, ist einmalig.“ (Hanns-Martin Wietek, Büchervielfraß)
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Nadja Dietrich
Das russische Labyrinth
Kriminalroman
Literaturplanet
Impressum
© Verlag LiteraturPlanet, vollständig überarbeitete und erweiterte Fassung 2025
Wilhelmstraße 58
66589 Merchweiler
http://www.literaturplanet.de
Über dieses Buch:
Die Privatdetektivin Sylvia Wagner wird zur Jahrtausendwende durch ein Komplott nach Russland gelockt. Dort verfängt sie sich in einem dreifachen Labyrinth: dem Labyrinth einer fremden Kultur, dem Labyrinth ihrer Vergangenheit und dem Labyrinth einer gnadenlosen Verfolgungsjagd. Gleichzeitig trifft sie aber auch auf Menschen, die ihr bei ihrem Weg durch die verschiedenen Labyrinthe zur Seite stehen.
Über die Autorin:
Nadja Dietrich hat lange in Russland gelebt und gearbeitet. Heute lebt sie als freie Autorin in Lothringen. Ihr Roman Das russische Labyrinth ist zuerst 2008 erschienen. Für die Ebook-Fassung ist er vollständig überarbeitet, mit Anmerkungen versehen und erweitert worden.
2017 hat die Autorin bei LiteraturPlanet den Roman Der Tote im Reichstag unddie verträumte Putzfrau herausgebracht (Ebook-Fassung 2022 unter dem Titel Mord im Reichstag). Ihre dritte Veröffentlichung war im Frühjahr 2024 der um rechtsnationale Netzwerke kreisende Roman Kaiserhorst.
Interviews mit der Autorin finden sich auf literaturplanet.de.
Cover-Bild A.I.-generiert
Aussprachehinweise
Die russischen Wörter werden aus dem Kyrillischen nicht in eine wissenschaftliche Lautschrift übertragen, sondern in einer Form wiedergegeben, die einen möglichst problemlosen Nachvollzug der tatsächlichen Aussprache ermöglichen soll.
Die betonten Silben sind durch ein Akzentzeichen markiert. Das Wort "tápotschki" (Hausschuhe) ist also auf der ersten Silbe betont.
Unbetontes "o" schleift sich im Russischen zu einem kurzen "a" ab (wie in "Anfang").
Der Buchstabe "z" entspricht in der Lautschrift einem stimmhaften "s" (wie in "Sonne").
Das Zeichen "ž" bezeichnet ein stimmhaftes "sch" (wie in "Journal").
Ein Apostroph hinter einem Konsonanten zeigt einen weichen Nachklang an, ähnlich einem stimmhaften "ch" (wie in "ich").
I. Das Reiselabyrinth
Iwan Bilibin (1876 – 1942): Illustration zu dem Märchen Die schöne Wassilissa (1899): Wassilissa mit einem der leuchtenden Totenschädel vom Zaun der Baba Jaga
(Wikimedia commons)
Ein früher Wintereinbruch
Am Fenster ihrer Wohnung stehend, sah Sylvia hinaus in das dichter werdende Schneetreiben. Es schneite nun schon den dritten Tag hintereinander. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann es das letzte Mal so viel Schnee gegeben hatte – noch dazu Anfang Dezember, wenn der Winter noch gar nicht richtig begonnen hatte!
In waghalsigen Pirouetten umkreisten sich die Schneeflocken, touchierten einander, nur um dann, vom Wind zum Tanz aufgefordert, in einem wilden Reigen durcheinanderzuwirbeln und sich schließlich in einem letzten Salto mortale auf die Erde zu stürzen.
Keine Frage – die lautlosen Tänze der Eisprinzessin waren schön anzusehen. Gleichzeitig schien es Sylvia aber, als würde sich die Luft mit jeder ihrer Bewegungen ein wenig mehr abkühlen. So war die Eisprinzessin abstoßend und anziehend zugleich. Man konnte sie aus der Ferne bewundern, durfte ihr aber nicht zu nahe kommen, wollte man nicht in eine der erstarrten Figuren in ihrem Eispalast verwandelt werden.
Sylvia trat vom Fenster zurück und ließ sich in ihren Kuschelsessel sinken. Fröstelnd schlang sie sich das graue Wolltuch, das sie um die Schultern trug, enger um den Hals. Es war ein Andenken aus Russland und so schon durch seine Herkunft ein Garant für den Schutz vor Kälte.
Durch die besonderen Umstände, unter denen sie das Tuch erworben hatte, hatte es für sie aber noch eine weitergehende, umfassende Schutzfunktion. Es war für sie wie ein Talisman, wie ein Zaubermäntelchen, das alles Unheil von ihr abwehrte.
Die Flockentänze vor dem Fenster, der frühe Frosteinbruch, das behütende Wolltuch an ihrem Hals … Fast fühlte sie sich wieder zurückversetzt in ihr Russlandabenteuer, das sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Sie schloss die Augen und gab sich ihren Erinnerungen hin. Nicht lange, und sie schlenderte tagträumend durch den Palast einer untergegangenen Zeit.
1. Reisegespräche
Einfahrt in das Eislabyrinth
Wenn sie heute an ihr Russlandabenteuer zurückdachte, sah sie als Erstes das geräumige Zugabteil vor sich, in dem sie damals, kurz nach der Jahrtausendwende, einer ihr völlig unbekannten Stadt an der Wolga entgegenfuhr. Das Überspringen ihrer Ankunft in Moskau hing sicher nicht zuletzt mit dem Eindruck zusammen, dass das eigentliche Russland erst hinter dieser Großstadt mit ihrer Hektik und den Leuchtreklamen, die auch in jeder anderen Metropole blinken könnten, beginnt.
Hinzu kam, dass sie damals keinen Abstecher in die Innenstadt unternommen, sondern vom Flughafen direkt ein Taxi zum Bahnhof genommen hatte, wo ihr Zug schon abfahrbereit auf sie wartete. Vor allem aber hatten wohl die Ereignisse während der Zugfahrt alle früheren Geschehnisse verblassen lassen.
Das Bild, das sich ihr vom Zugfenster aus bot, entsprach ziemlich genau der Kindervorstellung, die sie sich von Russland gemacht hatte. Es war Ende Januar und entsprechend kalt, so dass der Zug immer wieder Schneeverwehungen aufstöberte, die dann als feine Eiskristalle an den Fenstern vorbeiwirbelten.
Unter der geschlossenen Schneedecke wirkte das Land noch weiter, als es ohnehin war. Die langen Spaliere von schneebehangenen Bäumen, die der Zug durchfuhr, erschienen ihr wie ein einziges großes Eislabyrinth, das sie mehr und mehr in sich aufnahm. Dörfer flogen vorbei, in denen die Zeit stillzustehen schien, mit Holzhäusern, Brunnen und vermummten Gestalten, die genau dieselben Filzstiefel trugen wie ihre Ahnen und Urahnen.
Dann wieder durchquerte der Zug Städte, deren Baukastenhochhäuser in der grauen Abenddämmerung kalt und abweisend wirkten. Hielt der Zug auf einem der Bahnhöfe an, so wurde er auf dem Gleis stets von einer langen Reihe alter Frauen in wattierten Jacken erwartet, die dort die verschiedensten Dinge feilboten: Milch, Teigwaren, Honig, Brot, Zigaretten – eben alles, was das Herz von Langzeitreisenden erfreuen konnte.
Außerdem waren natürlich auch Wodka und Bier im Angebot. Wer Letzteres kaufte, erstand dazu oft auch Sonnenblumenkerne und "wóbla", getrockneten Fisch, den sie hier zum ersten Mal sah. Später stellte sie fest, dass er tatsächlich hervorragend zu Bier passt.
Außer ihr befanden sich noch eine andere, wie sie selbst etwa 30-jährige Frau, ferner ein junger Mann und ein Veteran des "Großen Vaterländischen Krieges" im "kupé" – einem Vierer-Abteil mit je zwei unteren und oberen Liegen. Anfangs dachte Sylvia, sie gehörten irgendwie zusammen, da sich die Frau und der Mann sogleich beim Vornamen ansprachen. Sie hieß Swjetlana, er Iwan.
Auch der alte Kriegsveteran, den die beiden zusätzlich mit seinem Vatersnamen anredeten – er hieß Dmitri Alexándrowitsch –, ging mit ihnen um, als würde er sie schon ewig kennen. Erst später merkte Sylvia, dass die scheinbar vertraute Art des Umgangs lediglich eine Folge der in Russland oft mehrere Tage dauernden Zugreisen war, während derer man in den Abteilen zusammenlebte wie in einer kleinen Kommunalka.
Sylvia hatte sich zunächst auf dem Gang aufgehalten, da sie von dort aus ungestört ins Land hinausblicken konnte. Außerdem war es ihr unangenehm, sich als einzige Fremde zu den drei – wie ihr schien – eng miteinander vertrauten Personen dazuzusetzen.
Ihre Unsicherheit wurde noch dadurch verstärkt, dass sie die russische Sprache so gut wie gar nicht beherrschte. Zwar hatte sie sich – aus Bewunderung für ihren Vater, der immer wieder beruflich in Russland zu tun gehabt hatte – in ihrer Schulzeit extra ein Gymnasium ausgesucht, in dem Russisch als zweite Fremdsprache angeboten wurde. Bis zu jener Reise war sie jedoch noch nie in Russland gewesen. Ihre ohnehin nur rudimentären Russischkenntnisse waren daher längst von den allgegenwärtigen westlichen Fremdsprachen überlagert worden.
Ein Kontakt zu ihren Mitreisenden kam erst zustande, als die beiden Männer vor die Tür traten und der jüngere von ihnen etwas von "pjerjeodjétse"1 zu Sylvia sagte. Natürlich verstand sie ihn nicht, aber Swjetlana, die gerade die Abteiltür zuschieben wollte, gab ihr durch ein Gemisch aus Gesten und englischen Satzfetzen zu verstehen, dass sie sich nun ihre Nachtkleidung anziehen werde.
Im Unterschied zum Großteil der russischen Passagiere, die fast alle in Hausschuhen und Jogginganzügen oder leichteren Hauskleidern über den Gang liefen, hatte Sylvia zwar nichts Spezielles für die Nacht dabei. Auf ihr Zögern hin zog Swjetlana sie jedoch einfach zu sich ins Abteil. So fühlte sie sich genötigt, wenigstens ihre Schuhe auszuziehen, auch wenn der Abteilboden eine empfindliche Kälte abgab.
Sie wollte gerade aufstehen, um in ihrem Koffer nach dicken Strümpfen zu wühlen, als Swjetlana sie, indem sie auf ihre eigenen Hausschuhe zeigte, fragte: "Tápotschki jest'?2"
Da Sylvia sie unschlüssig anstarrte, nötigte Swjetlana ihr umstandslos ihr Ersatzpaar auf. Sobald sie sich ihren lilafarbenen Trainingsanzug übergestreift hatte, traten sie gemeinsam auf den Gang und ließen nun die Männer zum Umziehen ins Abteil.
Swjetlana … Wenn Sylvia heute an sie dachte, sah sie zuerst ihre langen blonden Haare vor sich, die sie mit einer Art sanfter Wildheit zurückwarf. Mit ihrem eigenen Kurzhaarschnitt war sie sich daneben ziemlich aschenbrödelig vorgekommen. Noch einmal versank sie in dem aufmunternden Lächeln, mit dem Swjetlana auf ihre Blicke reagiert hatte.
So viel Vertrauen hatte in diesem Lächeln gelegen … Wie schmerzhaft war es, heute daran zurückzudenken!
Smalltalk mit Hindernissen
Nachdem Iwan und Dmitri Alexandrowitsch wieder ins Abteil zurückgekehrt waren, entspann sich ein lebhaftes Gespräch, dem Sylvia sich – eng an die Abteiltür gepresst – vergeblich zu entziehen versuchte. Die angeschnittenen Themen waren einfach viel zu komplex für das Kauderwelsch aus Russisch und gebrochenem Englisch, in dem die Kommunikation mit ihr notgedrungen ablaufen musste. Zudem wurden lauter Dinge thematisiert, über die sie auch auf Deutsch nur ungern gesprochen hätte.
Zwar stand am Anfang das übliche Geplänkel: Wie heißt du, woher kommst du, ich war auch schon mal, kennst du vielleicht … Aber schon auf die Frage, warum sie nach Russland gekommen sei, konnte sie nur ausweichend antworten. Nach kurzem Überlegen gab sie an, eine Bekannte besuchen zu wollen – was weder ganz falsch noch ganz richtig war.
Auch die Anwesenheit des Kriegsveteranen, der die Deutschen als Horde barbarischer Eindringlinge in sein Land kennengelernt hatte, machte sie befangen. Sie fühlte sich wie ein Kind, das eine verbotene Tür geöffnet hat und sich nun dafür verantworten muss.
Allerdings beruhte diese Empfindung vor allem auf der Plötzlichkeit, mit der sie auf ihr "Deutsche-Sein" gestoßen wurde. Dmitri Alexandrowitsch selbst gab ihr keinen Anlass, sich für irgendetwas schuldig zu fühlen. Als er von Sylvias Herkunft erfuhr, gab er lediglich eine Anekdote aus seinem Dorf zum Besten.
"Meinen Eltern war damals ein deutscher Kriegsgefangener als Hilfskraft bei der Feldarbeit zugeteilt worden", erzählte er mit einem verschmitzten Lächeln. "Ich weiß nicht, ob es sich bei ihm um einen dieser Judenhasser gehandelt hat. Falls dem so war, ist er bei uns aber ziemlich schnell von seinem Judenhass geheilt worden. Denn der Einzige, der in unserem Dorf ein paar Brocken Deutsch gesprochen hat, war unser Dorfältester – und der war Jude. Er hat dem armen Teufel eine Brücke zu den anderen im Dorf gebaut – und mit der Zeit haben sie in ihm dann keine blonde Bestie mehr gesehen, sondern einen tüchtigen Jungen, der sich für keine Arbeit zu schade war."
Als er mit seiner Erzählung fertig war, sah Dmitri Alexandrowitsch die deutsche Mitreisende erwartungsvoll an. Sylvia konnte sein freundliches Lächeln aber erst erwidern, nachdem Swjetlana ihr die Geschichte ins Englische übersetzt hatte.
Selbst dann fiel ihr Lächeln allerdings etwas gequält aus. Sie musste an die Bilder von den ausgemergelten sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland denken. Das Nest einer wärmenden Dorfgemeinschaft war für sie wohl noch nicht einmal als Traum vorstellbar gewesen.
Das war allerdings, wie sie sehr wohl wusste, auch für die meisten deutschen Kriegsgefangenen in Russland nicht anders gewesen. War Dmitri Alexandrowitschs Geschichte also nichts anderes als eine schöne Utopie? Oder wollte er damit genau das bewirken, was er dem jüdischen Dorfältesten bescheinigt hatte – der Fremden im Abteil eine Brücke bauen, indem er eine Geschichte von Völkerverständigung unter erschwerten Bedingungen erzählte?
Alltag einer Privatdetektivin
Die am schwersten zu umschiffende Klippe bei der Unterhaltung im Zug war für Sylvia die Frage nach ihrem Beruf. Zwar war dieser Punkt des Smalltalks für sie auch in Deutschland stets mit Peinlichkeiten verbunden, doch hatte sie sich für entsprechende Situationen dort die Floskel "Ich bin im Sicherheitsbereich tätig" zurechtgelegt.
Sicher war dies auch nicht gerade das, was man von einer eher zierlichen, gerade mal 30-jährigen Frau wie ihr erwartete. Immerhin hatte die Emanzipation aber bewirkt, dass die meisten ihr Erstaunen über eine solche Auskunft nicht mehr so offen zu erkennen gaben wie früher. Es gab eben mittlerweile Soldatinnen und Kampfsport für Frauen – warum sollte es also nicht auch einen weiblichen "security service" geben?
Dass sie nie offen darüber reden konnte, als Privatdetektivin tätig zu sein, lag denn auch weniger daran, dass man einer Frau die damit verbundenen Tätigkeiten nicht zutrauen würde. Das größere Hindernis war die Aura des Geheimnisvollen, Abenteuerlichen und vielleicht auch leicht Anrüchigen, die das Bild des Privatdetektivs umgab. Die Erwähnung des Begriffs aktivierte fast zwangsläufig das Klischee des einsamen, in heruntergekommenen Verhältnissen lebenden – und natürlich in aller Regel männlichen – Helden, der per Zufall eine große Verschwörung aufdeckt und die Bösen mit selbstloser Beharrlichkeit zur Strecke bringt.
Wie Sylvia aus eigener Erfahrung wusste, bestand der Alltag der privatdetektivischen Arbeit dagegen eher aus ziemlich langweiligen Routinearbeiten. Als weibliche Detektivin bekam sie hauptsächlich Aufträge von anderen Frauen, die wissen wollten, ob die plötzliche Mehrarbeit ihrer Männer an Abenden und Wochenenden wirklich rein dienstlicher Natur war.
Das Privatleben anderer Menschen auszuspionieren, empfand sie einerseits als irgendwie "schmutzig". Andererseits sagte sie sich jedoch, dass in ihrem Fall – anders als bei jenen Aufträgen, die etwa der öffentlichen Bloßstellung politischer oder beruflicher Gegner dienten – nicht sie es war, die den Schmutz erzeugte. Für diesen waren vielmehr andere verantwortlich. Sie war lediglich diejenige, die ihn ans Tageslicht brachte.
Dabei gab sie sich allerdings nicht der Illusion hin, dass ihre Ermittlungen eine irgendwie "reinigende" Funktion auf das Zusammenleben der betreffenden Paare haben könnten. In der Regel hatte die Gewissheit, von dem Mann betrogen worden zu sein, die baldige Trennung zur Folge. Auch dies empfand Sylvia aber als Hilfestellung für ihre Kundinnen, die so wenigstens die Kraft fanden, aus der demütigenden Situation eines fortwährenden Vertrauensbruchs auszubrechen und einen Neuanfang zu wagen.
Was die von ihr überführten Männer anbelangte, so empfand sie eher eine gewisse Genugtuung. Dies lag nicht so sehr daran, dass die meisten Männer sie völlig kalt ließen – obwohl das ihre Arbeit natürlich erleichterte. Vielmehr fühlte sie sich von der Mischung aus Selbstgefälligkeit und Heuchelei abgestoßen, mit der all die Westentaschen-Gigolos ihre amourösen Abenteuer inszenierten.
Den verhinderten Don Juans einen Strich durch die Rechnung zu machen, war ihr daher stets ein besonderer Genuss gewesen. Im Rückblick sah sie die Sorglosigkeit, mit der sie damals ihre Aufträge ausgeführt hatte, allerdings in einem etwas kritischeren Licht. Denn mittlerweile wusste sie ja, dass ihre Ermittlungen keineswegs so ungefährlich waren, wie sie immer geglaubt hatte.
Schillernder "Security Service"
Bei der Unterhaltung in dem russischen Zug zeitigte Sylvias ausweichende Antwort, im "Sicherheitsbereich" tätig zu sein, leider nicht die erhoffte Wirkung. Statt mit schweigender Verwunderung sah sie sich mit neugierigen Nachfragen konfrontiert.
Dies war ihr umso unangenehmer, als sie darauf weder vorbereitet war noch sich angemessen artikulieren konnte. Offenbar hatte der Begriff "security service" in Russland einen anderen Klang als in Deutschland. Wahrscheinlich brachte man ihn dort eher mit den smarten "bisnessmeny" in Verbindung, die sich von Muskelpaketen auf zwei Beinen begleiten ließen, um mit diesen ihre "Geschäftspartner" einzuschüchtern. In Bezug auf die zierliche Mitreisende aus Deutschland musste der Begriff daher gleich doppelt verwirrend wirken, da er sich anscheinend noch weniger als anderswo mit einer Frau assoziieren ließ und darüber hinaus einen leicht anstößigen, mafiaverdächtigen Klang zu haben schien.
Während Sylvia bei ihren Erklärungsversuchen zunehmend ins Schwitzen geriet, fragte Iwan sie plötzlich, nach seiner Zigarettenschachtel nestelnd: "Kúrisch? … Do you smoke?"
Erleichtert bejahte sie die Frage und nutzte die Gelegenheit, Iwan zum Rauchen vor das Abteil zu begleiten.
Sie war keine Gewohnheitsraucherin, aber ab und zu griff sie doch mal zum Glimmstängel – meist aus Geselligkeitsgründen. In diesem Fall bereute sie es allerdings sehr schnell, der Einladung zum gemeinsamen Paffen gefolgt zu sein. Was sie nämlich nicht wusste, war, dass der einzige Ort, an dem man in russischen Zügen rauchen durfte, der Platz zwischen den Waggons war. Dort war die Luft so von Rauchschwaden erfüllt, dass ihr die Augen zu tränen begannen, sobald sie sich mit Iwan neben eine der Waggontüren gestellt hatte.
Aus der Toilette, vor der drei junge Kerle qualmten, drang ein beißender Geruch zu ihnen herüber. Dass er überhaupt zu ertragen war, lag nur daran, dass die Türen zwischen den Waggons nicht richtig schlossen und der eisige Fahrtwind in den Gang hineinblies. Der Boden war übersät von Zigarettenasche und den Schalen der Sonnenblumenkerne, welche die jungen Männer ihnen gegenüber aus einer großen Tüte fischten.
"Russia – dirty", flüsterte Iwan, dem Sylvias angewiderter Blick nicht verborgen geblieben war.
Sie fühlte sich ertappt und wehrte ab: "No-no – njet!"
Iwan lächelte und bot ihr eine seiner "papiróssy" an, die sie nun natürlich – obwohl sie sich von dem Qualm um sie her schon ganz benebelt fühlte – nicht mehr ablehnen konnte. Sie bemühte sich, nicht zu tief zu inhalieren, hatte aber dennoch den Eindruck, als würde jemand Kleinholz in ihrer Lunge verbrennen, so stark waren die Zigaretten. Als Iwan dann noch anfing, sie wie selbstverständlich nach den Verdienstmöglichkeiten im "security service" auszufragen, war ihr endgültig klar, dass es ein Fehler gewesen war, ihn zu begleiten.
Gott und kleine Kätzchen
Nach ihrer Rückkehr von dem kleinen Ausflug mit Iwan kam Sylvia das Abteil gleich viel gemütlicher vor. In ihrer Abwesenheit hatten Dmitri Alexandrowitsch und Swjetlana die Klapptischchen am Fenster heruntergelassen und ihren Proviant darauf ausgebreitet: Eier, gekochtes Huhn und ein Glas mit eingemachten Früchten. Dazu gab es belegte Brote, die ihr als "buterbródy" – Butterbrote – präsentiert wurden.
Umstandslos wurde das Raucherpärchen eingeladen, sich an dem gemeinsamen Abendbrot zu beteiligen. Da Iwan erfreut zustimmte, konnte Sylvia sich der Einladung auch schlecht entziehen. Leider hatte sie nichts weiter beizusteuern als ein belegtes Brötchen, das sie noch in Deutschland am Flughafen erstanden hatte, und ein paar Kekse, die vom Essen im Flugzeug übrig geblieben waren.
Sei es, dass die Kekse aus Höflichkeit in den höchsten Tönen gelobt wurden, sei es, dass die Exotik des "Lufthansa"-Aufdrucks ihnen einen symbolischen Wert verlieh – jedenfalls wurde Sylvia mit ihrem bescheidenen Beitrag ohne weiteres in der Runde akzeptiert und von allen dazu aufgefordert, ohne Hemmungen zuzugreifen.
Als der Zug auf offener Strecke hielt, bemerkte Sylvia eine Art Piepsen, das ihr vorher nicht aufgefallen war. Zuerst nahm sie an, das Geräusch käme aus dem Lautsprecher, der unterhalb der Gepäckablage angebracht war. Dann aber war es deutlich als das Miauen kleiner Katzen zu erkennen. Offenbar hatten sie während des Gesprächs vorhin geschlafen.
Iwan und Dmitri Alexandrowitsch redeten nun auf Swjetlana ein, die daraufhin – mit einem nachgebenden "Nu, ládno"3 – einen geräumigen Käfig von der Gepäckablage herunternahm. Kaum hatte sie die Käfigtür geöffnet, da torkelten auch schon drei graue Wollknäuel daraus hervor, die sogleich begannen, jede Ecke des Abteils gründlich zu inspizieren.
Wie sich herausstellte, wollte Swjetlana sibirische Waldkatzen züchten und hatte sich die Kätzchen zu diesem Zweck bei einem Moskauer Züchter besorgt. Sie meinte, dass sich diese Investition lohnen würde, da man im Westen ganz verrückt auf diese Katzenart sei.
Die beiden Männer hielten Swjetlanas Geschäftsmodell allerdings ganz und gar nicht für erfolgversprechend. Iwan fing sogar laut zu lachen an, als er von ihren Plänen hörte. Er fand es lächerlich, Katzen zu züchten, wo diese ohnehin schon überall herumstreunten.
"Étto sowsjém drugóje djélo"4, rechtfertigte sich Swjetlana.
Als Iwan es nicht aufgab, ihr zu widersprechen, tadelte sie ihn mit sanftem Spott: "Ty prósto bísness nje ponimájesch."5 Beide lachten, und das Thema war fürs Erste erledigt.
Iwans Beitrag zu dem gemeinsamen Abendessen bestand – außer aus einer kleinen Fleischwurst und einem halben Laib Brot – aus einer Halbliterflasche Wodka. Aus dieser goss er jedem seiner Mitreisenden einen großzügig bemessenen Anteil in die Teegläser, die er bei der für ihren Waggon zuständigen Zugbegleiterin besorgt hatte.
Mit dem Wodka, den die beiden Männer wie Wasser herunterkippten, nahm das Gespräch eine philosophische Wendung. "W bóga wjérisch?"6 fragte Dmitri Alexandrowitsch Sylvia übergangslos, nachdem er das zweite Mal mit Iwan angestoßen hatte.
Da Swjetlana die Frage erst ins Englische übersetzen musste, hatte Sylvia zwar etwas Zeit, sich zu sammeln. Dennoch fiel ihre Antwort – wie sie an den Gesichtern der anderen ablesen konnte – reichlich unbeholfen aus. Sie stammelte etwas von "universe" und "harmony", verhaspelte sich dann aber selbst in ihren Gedanken. Dies lag zwar in erster Linie an ihren unzureichenden Fremdsprachenkenntnissen, doch wäre es ihr wohl auch auf Deutsch schwer gefallen, sich zu dem Thema zu äußern.
Am meisten irritierte sie die Selbstverständlichkeit, mit der die Frage nach dem Glauben gestellt wurde. Die Vertrautheit mit dem Metaphysischen, die daraus sprach, war ihr völlig fremd. Gott war für sie inexistent – aber nicht so, wie etwa der Weihnachtsmann für sie zu existieren aufgehört hatte. Der Glaube an ihn hatte sich gewissermaßen im Laufe der Zeit verflüchtigt, ohne dass sie sich darüber Rechenschaft abgelegt oder sich Gedanken über die Konsequenzen gemacht hätte, die sich daraus für ihr Leben ergaben.
2. "Angel Eye"
Eine gefürchtete Frage
Nach Sylvias unbefriedigender Antwort auf die Frage nach ihrem Glauben stockte das Gespräch im Abteil für ein paar Augenblicke. Alle sahen belustigt den herumtollenden Kätzchen zu. Auch Iwan spielte trotz seiner Vorbehalte gegenüber Swjetlanas Züchtungsvorhaben hingebungsvoll mit den lebenden Wollkugeln.
Ohne von dem Bindfaden aufzusehen, den er zur Freude der kleinen Energiebündel über den Abteilboden schwenkte, fragte er Sylvia plötzlich: "Djéti jest'?"7
Zwei Worte, arglos hingeworfen, und in Russland, wo – wie Sylvia später erfuhr – viele Frauen schon mit 20 heirateten und Nachwuchs bekamen, eine nicht sehr verfängliche Frage. Sie sollte wohl eher als Brücke zu harmlosen Themen wie Alter, schulischem Erfolg und besonderen Vorlieben der Kinder dienen.
Für Sylvia jedoch war dies eine der am meisten gefürchteten Fragen, die eine der schlimmsten Wunden in ihr aufwühlte. Eine russische Floskel, die durch irgendeinen Sprachnebel in ihr Bewusstsein drang, half ihr, die Situation zu meistern: "Nje pol… polutsch…"
"Nje polutschílos'?" ergänzte Swjetlana, und Sylvia meinte, Mitgefühl in ihrem Blick zu erkennen. "Es hat sich nicht ergeben" – wieder so eine halbe Lüge. Aber für den Moment war es ihr nur wichtig, die erwartungsvollen Blicke der anderen von sich abzulenken.
Um nicht unhöflich zu wirken, wartete sie noch eine Weile, bis das Gespräch sich anderen Themen zuwandte. Dann trat sie auf den Gang hinaus und tat so, als würde sie durchs Fenster sehen – in Wirklichkeit war bei dem grellen Licht im Zug in der Scheibe nichts anderes zu sehen als ihr eigenes Gesicht. Das Teeglas mit dem Wodka hatte sie mitgenommen.
Nein, sie war noch nicht über die Geschichte mit Melanie hinweggekommen … Wie auch? Schließlich wäre sie ohne Melanie nie Privatdetektivin geworden und hätte so, genau genommen, auch nicht diese Reise nach Russland angetreten, wo sie nun am Fenster eines Zuges stand und an sie dachte. Ein verrückter Gedanke: dass das ganze Leben von der Begegnung mit einem einzigen Menschen abhing; dass es einen ganz anderen Verlauf genommen hätte, wenn man ihn nicht getroffen hätte; dass alle Freude und alles Leid auf einem bloßen Zufall beruhte und damit der Lächerlichkeit preisgegeben war.
Oder suchen wir uns, überlegte Sylvia, instinktiv das Schicksal, das zu uns passt? Hätte sie also, wenn sie Melanie nicht getroffen hätte, dasselbe oder etwas Ähnliches mit einem anderen Menschen erlebt?
Privatdetektivin "Angel Eye"
Sie hatte Melanie auf einem Story-Portal kennengelernt, das sich auf das Erfinden von Geschichten von Frauen für Frauen verlegt hatte. Alle Werke waren Gemeinschaftsproduktionen: Wer gerade Zeit hatte, nahm den Faden an der Stelle auf, an der die letzte Erzählerin zu schreiben aufgehört hatte.
Natürlich waren die Heldinnen immer sehr starke Naturen, die auch mit den größten Problemen mühelos fertig wurden. Besonders eine Gestalt hatte es ihnen allen angetan – die Privatdetektivin "Angel Eye", die den Verbrechern das Handwerk legte, ohne je eine Schusswaffe in die Hand zu nehmen. Ihre Kraft sog sie aus einem Mikrowellenstrahler, der ihre Gegner vorübergehend lähmte und es ihr so ermöglichte, wahlweise zu fliehen oder die Bösewichte zu fesseln und der Polizei zu übergeben.
Als "Angel Eye" gerade wieder einen Fall erfolgreich abgeschlossen hatte, fragte Melanie spontan in die Runde: "Sollten wir uns nicht auch im richtigen Leben mal als Privatdetektivinnen versuchen?"
Die meisten Co-Erzählerinnen hielten diese Bemerkung für einen Scherz und reagierten dementsprechend darauf. "Wie willst du denn mit deinen feuerroten Haaren geheime Ermittlungen anstellen?" hatte etwa eine aus der Community gefrotzelt. "Da kannst du dir ja gleich ein Schild umhängen mit der Warnung: "Achtung! Big Mother is watching you!"
Sylvia aber war damals gerade arbeitslos gewesen. Also hatte sie Melanie – halb zum Spaß – darin bestärkt, die virtuelle in echte Realität übergehen zu lassen.
Auf diese Weise wurde das Internet-Spiel zu einem Geburtshelfer für ein Start-up-Unternehmen. Zwar mussten sie als Jung-Detektivinnen bald feststellen, dass der Alltag einer Privatermittlerin wenig mit dem ihrer virtuellen Heldinnen zu tun hatte. Andererseits waren sie angenehm überrascht von der positiven Resonanz auf ihre Annonce: "Frauen-Team stellt private Ermittlungen an. Diskretion garantiert!" Offenbar waren sie mit ihrem Angebot auf eine kleine Marktlücke gestoßen.
Der Job selbst trat für sie allerdings bald in den Hintergrund, da sie sich heftig ineinander verliebten. Dadurch vergingen für sie noch die langweiligsten Tage, an denen sie stundenlang einen Hauseingang beobachteten – in Erwartung eines dieser Männer mit dem siegessicheren Gang, die mit allem, nur nicht mit den Ermittlerinnen mit dem Adlerauge rechneten –, wie im Rausch. So banal ihre Tätigkeit auch sein mochte, das Verliebtsein gab ihnen doch das Gefühl, ihre Cyber-Realität mit Leben erfüllt zu haben.
Der Miet-Mann
Das alles ging so lange gut, bis Melanie eines Morgens mit der ihr eigenen entwaffnenden Beiläufigkeit zu Sylvia sagte: "Meinst du nicht, es ist an der Zeit für uns, eine Familie zu gründen?"
Anfangs hielt Sylvia das für eine weitere Phantasterei von Melanie. Sie war es ja gewohnt, dass diese ihre Traum-Welten immer weiter ausschmückte und sie so eine eigene Realität entfalten ließ. Also beteiligte sie sich einfach an dem Spiel und half Melanie dabei, ihr Luftschloss mit Traummöbeln zu bestücken.
Gemeinsam malten sie sich aus, wie sie sich eine Villa Kunterbunt kaufen würden, die ganz verwinkelt wäre und unbegrenzt Raum böte für ihre zahlreichen Kinder. Um das Haus herum sollte sich ein verwilderter Garten erstrecken, in dem ihre Kinder zu Expeditionen ins Unterholz aufbrechen und ihr eigenes Baumhaus beziehen könnten. Sie stellten sich vor, wie sie mit allen Kindern gemeinsam Spaghetti mit Tomatensoße kochen und dann die Nudeln aus einer riesengroßen Schüssel saugen würden. Und natürlich wollten sie auch Haustiere haben, mehrere Katzen und einen Wuschel-Hund, der ihre Familien-Herde zusammenhalten würde.
Mit der Zeit merkte Sylvia allerdings, dass es Melanie dieses Mal ernst war mit ihrem Vorhaben. Also fragte sie ihre Freundin, ob sie etwa an eine künstliche Befruchtung dächte – eine Adoption wäre doch wohl zu langwierig.
Melanie wich ihr zunächst aus und redete nur kryptisch von ihrem Misstrauen gegenüber Ärzten und den viel zu hohen Kosten, die ein solcher Eingriff verursachen würde. Am Ende rief sie, scheinbar einer plötzlichen Eingebung folgend, aus: "Weißt du was, Sylvia? – Wir besorgen uns einen Miet-Mann!"
Was sie damit meinte, war Folgendes: Kurz bevor sie zusammengezogen waren, hatte Melanie sich von ihrem langjährigen Freund getrennt. Dieser Freund – er hieß Andreas – hatte seitdem nicht aufgehört, sie mit E-Mails zu bombardieren, in denen er sie anflehte, zu ihm zurückzukehren. Diesem Flehen wollte sie nun zum Schein nachgeben – und zwar genau so lange, bis sie schwanger wäre.
"Dann sucht der Andreas sowieso das Weite", prognostizierte sie. "Das Kind wird sicher der Mutter zugesprochen – und schon sind wir eine kleine Familie!"
Melanie redete so hartnäckig auf Sylvia ein, dass diese schließlich nachgab. Besonders bitter für sie war, dass ihre Freundin von ihr verlangte, Andreas bis zum erfolgreichen Abschluss ihres Vorhabens in die gemeinsame Wohnung einziehen zu lassen.
Ihre Begründung hierfür war zwar durchaus verständlich: Sie fürchte, sagte sie, bei einer Rückkehr in die frühere Umgebung den Elan zu verlieren, ihren Plan in die Tat umzusetzen.
So, wie sich die Dinge entwickelten, wäre für Sylvia allerdings gerade das hilfreich gewesen. Denn nun musste sie jeden Abend durch die dünnen Wände der kleinen Wohnung das Stöhnen der schönen Melanie mitanhören, das so gar nicht danach klang, als entledigte sie sich mit dem Beischlaf nur einer lästigen Pflicht. Sylvia sehnte sich nach ihrer Nähe, die für sie umso unerreichbarer war, als Andreas natürlich nichts von der wahren Natur ihrer Beziehung erfahren durfte.
Gleichzeitig ekelte sie sich vor der immer wieder neu erregten Vorstellung von Melanies Zusammensein mit diesem Mann. Sein Eindringen in sie war für Sylvia gleichbedeutend war mit seinem zerstörerischen Eindringen in ihre Beziehung zu Melanie.
Wenn sie Melanie von ihren Bedenken erzählte, schüttelte diese nur belustigt den Kopf. "Sei doch nicht albern", lachte sie. "Du weißt doch, wie das ist mit den Männern: Es geht einfach schneller vorbei, wenn man ein bisschen simuliert!"
Sylvias Erfahrungen mit Männern beschränkten sich allerdings auf ein paar schmerzhafte Hotte-Hü-Nummern in der Jugendzeit. So konnte sie nicht beurteilen, ob Melanie ihre Erregung wirklich nur gekonnt vortäuschte oder das Zusammensein mit Andreas vielleicht doch genoss.
Möglich, dass Melanie zu dem Zeitpunkt selbst noch an das glaubte, was sie sagte. Als sie dann aber tatsächlich schwanger wurde, entwickelten die Dinge rasch eine Eigendynamik, die völlig von ihrem ursprünglichen Plan wegführte. Vor allem reagierte Andreas auf ihre Schwangerschaft ganz anders als von Melanie vorhergesagt. Nach der langen Trennung von ihr war er froh über die Aussicht, nun durch ein gemeinsames Kind fest mit ihr verbunden zu sein. Er bemühte sich rührend um sie, brachte ihr kleine Geschenke mit, begleitete sie zum Arzt und kochte sogar für sie.
Bald schmiedete er auch Hochzeitspläne, auf die Melanie nach anfänglichem Zögern auch einging. Dass sie dies "nur zum Schein" täte, wie sie Sylvia gegenüber erklärte, nahm diese ihr nun nicht mehr ab. Melanie begann jetzt sogar, ihren Traum von der Villa Kunterbunt an Andreas zu verraten, indem sie mit ihm über ein eigenes Haus redete und dieses mit denselben liebevollen Details ausschmückte wie das Traumhaus, das sie mit Sylvia entworfen hatte.
Böse Biologie
Eine Zeit lang sah Sylvia sich das für sie demütigende Spiel noch mit an, aber schließlich hielt sie es einfach nicht mehr aus. Als die beiden eines Abends ausgegangen waren, packte sie kurzentschlossen ihre Sachen, kritzelte ein paar Abschiedsworte auf einen Zettel und zog vorübergehend zu ihrer Mutter.
Mit ihr hatte sie seit den Pubertätsstürmen eine Art Modus Vivendi gefunden, der darauf beruhte, dass sie beide die wunden Punkte der anderen kannten und diese aus ihren Gesprächen ausklammerten. Deshalb fragte ihre Mutter sie auch nicht nach den Gründen für ihr plötzliches Erscheinen, obwohl sie sich wahrscheinlich denken konnte, was los war.
Anfangs hoffte Sylvia insgeheim, Melanie würde sie zurückholen. Rasch wurde ihr jedoch klar, dass ihre Freundin sich wahrscheinlich selbst für die Beziehung mit ihr schämte und froh war, dass Sylvia aus ihrem Leben verschwunden war.
Damals hatte sie eine ungeheure Verzweiflung gepackt, die sie fast um den Verstand gebracht hätte. Sie war bitter enttäuscht von Melanie, die ihre Liebe zu ihr ihrem Kinderwunsch untergeordnet hatte. Sie verzweifelte aber auch an den antiquierten Vorstellungen von "Familie", die – wie sie annahm – letztlich ausschlaggebend dafür waren, dass Melanie sich von ihr abgewandt hatte. Und sie klagte die Natur an, die das Lebendige entzweite, nur um es dann dazu zu zwingen, sich wieder mit seinem Gegensatz zu vereinen.
War es, hatte sie sich damals gefragt, nicht eine biologische Fehlentwicklung, dass Frauen sich nicht gegenseitig befruchten konnten? Hätte das die Welt nicht friedlicher gemacht? Warum war es bei den Menschen nicht wie bei jenen Spinnenarten, bei denen das Weibchen das Männchen nach der Befruchtung auffrisst, weil der einzige biologische Sinn, den dieses dann noch hat, darin besteht, Proteinspender für den Nachwuchs zu sein?
Ein verhängnisvoller Tausch
Die Bewegung der Schiebetür in ihrem Rücken schreckte Sylvia aus ihren Gedanken auf. Es war Swjetlana, die zu ihr heraustrat, während die beiden Männer ihre Liegen für die Nacht überzogen.
Zu Sylvias Erleichterung sprach Swjetlana sie nicht auf ihren verhinderten Kinderwunsch an, sondern radebrechte mit ihr über angenehm belanglose Dinge wie die langen Zugfahrten in Russland und den russischen Winter, der für eine Ausländerin sicher schwer zu ertragen wäre. Außerdem mokierte sie sich über die für ihren Geschmack albernen russischen Schlager, die seit einigen Minuten durch die Lautsprecher schallten. Sylvia dagegen kam die mit Elektro-Pop unterlegte Weltschmerzstimmung gerade sehr entgegen.
Als sie ins Abteil zurückgingen, baute Swjetlana um das Verb "change" eine reiche Gestik auf, durch die sie Sylvia zu verstehen gab, dass sie gerne die Plätze mit ihr tauschen würde. Sie hatte eine der oberen Liegen zugewiesen bekommen, was natürlich mit ihren Kätzchen sehr ungünstig war.
Sylvia war der Tausch sehr recht, da sie sich hiervon bessere Rückzugsmöglichkeiten versprach. Iwan und Dmitri Alexandrowitsch hatten sich nämlich noch nicht hingelegt, sondern es sich vor den beiden Klapptischchen am Fenster gemütlich gemacht. Sie fürchtete daher, bei einer Übernachtung auf einer der unteren Liegen die halbe Nacht mit anstrengenden Gesprächen zubringen zu müssen.
Zwar erwies sich diese Sorge als unbegründet: Die beiden Männer tranken nur noch den Tee aus, den sie sich mit Hilfe des Samowars am Ende des Gangs zubereitet hatten, und begaben sich dann ebenfalls zu Bett. Dennoch war es Sylvia lieber, oben zu schlafen. Aus irgendeinem Grund war die archaische Angst vor der Bodennähe, die irrationale Angst vor Schlangen, Skorpionen und diversen Schleichräubern, die einen im Schlaf überraschen, in ihr schon immer besonders lebendig gewesen. In der Kindheit hatte sie deswegen sogar eine Zeit lang in einem Hochbett geschlafen.
Die oberhalb der Liege angebrachte Leselampe bot ihr die Gelegenheit, noch ein wenig in den russischen Märchen zu blättern, die sie auf die Reise mitgenommen hatte. So tauchte sie ein in die Geschichte von der "schönen Wassilissa", die von ihrer Stiefmutter und deren Töchtern in den finsteren Wald geschickt wird, zur bösen Baba Jaga und ihrem ganz aus Menschenknochen gebauten Haus.8
Allerdings machte sich beim Lesen rasch die Wirkung des Wodkas bemerkbar. Immer wieder glitt ihr Blick von dem Buch ab, zumal der Zug kurz darauf in eine größere Stadt einfuhr. In regelmäßigen Abständen durchzuckten nun grelle Lichtreflexe das Abteil, welche die Zeilen vor ihren Augen zum Tanzen brachten.
Vor einem Bahnübergang wartete eine lange Schlange von Autos, die durch das verlangsamte Tempo des Zuges schier endlos erschien. In Sylvias Geist vermischten sich ihre roten Rücklichter mit den leuchtenden Augenhöhlen der Totenschädel auf dem Zaun des Hexenhäuschens. Darüber fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.
3. Verwechslungen
Alptraumbilder
Mitten in der Nacht wachte Sylvia schweißgebadet auf. Wahrscheinlich hatte sie noch gar nicht lange geschlafen, aber um sie her war nun alles dunkel. Ihr Herz schlug so heftig, dass es sie würgte und sie das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Erst allmählich kam ihr wieder zu Bewusstsein, wo sie war, doch hatte die äußere Umgebung in der Situation ohnehin keine Bedeutung für sie.
Deutlich sah sie wieder den mysteriösen Film vor sich, der ihr ein paar Tage zuvor zugespielt worden war. Und wie immer hielt der Film wie bei einem Standbild bei einer bestimmten Sequenz an, die das Gesicht einer jungen Frau in Großaufnahme zeigte.
Unverrückbar stand es vor ihrem inneren Auge, dieses Gesicht, dessen von der Lust gelöste Züge plötzlich entgleiten und in Todesangst erstarren; das erst hell-, dann dunkelrot anläuft und sich schließlich bläulich verfärbt. Die Augen blicken erst verwundert, dann erfüllt sie ein verzweifeltes Flehen, ehe sie schließlich starr vor das Gesicht treten, wie ein vom Wind zugeschlagenes Fenster. Und die Zunge ist nur noch ein viel zu langes Stück Fleisch, das sinnlos zwischen den Lippen hervorquillt.
Sylvia wusste genau, dass sie nun ohne Schlaftabletten nicht wieder einschlafen würde. Also tastete sie nach der Notfallration, die sie vorsorglich in ihrer Handtasche verstaut hatte. Zu trinken hatte sie nichts dabei, so dass sie die Tablette in zwei Hälften zerteilte und diese nacheinander herunterwürgte.
Die zweite Hälfte blieb ihr im Hals stecken und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Dennoch dauerte es nicht lange, bis das Mittel seine Wirkung tat und sie in einen dumpfen Schlaf hinüberdämmern ließ. Im Einschlafen spürte sie noch einen schwachen Lichtschein auf ihren Augen und hörte, wie sich die Abteiltür öffnete und wieder schloss. Toilette, dachte es in ihr, der alte Mann, die Blase – dann war sie weg.
Wenige Stunden später erwachte sie von einem ungeheuren Tumult. Zwar war vor dem grell erleuchteten Abteil bereits ein fahles Morgenlicht zu erkennen, doch ging ihre innere Uhr wegen des Zeitunterschieds noch zwei Stunden nach. So hatte sie das Gefühl, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Noch halb betäubt von dem starken Schlafmittel, richtete sie sich benommen auf. Unter ihr standen zwei Männer in Uniform. Wie sie später erfuhr, gehörten sie zu dem Sicherheitspersonal, das den Zug begleitete. Lautstark redeten sie auf Dmitri Alexandrowitsch ein, der auf der Liege schräg unter ihr saß.
Swjetlana und Iwan waren nicht zu sehen. Dafür hatte sich vor dem Abteil eine Ansammlung von Menschen gebildet, die mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination in das Abteil blickten. In ihrer Schlaftrunkenheit erhaschte Sylvia von dem Gesprochenen nur einzelne Wortfetzen, die für sie völlig bedeutungslos waren: "ubíli", "bóže moi", "užásno"9 – das waren die Worte, die am häufigsten fielen. Es stank nach Kot und Erbrochenem, so dass Sylvia zunächst dachte, der Ärger hinge mit den laut schreienden Katzen zusammen oder Iwan wäre der viele Wodka nicht bekommen.
Nachdem die Uniformierten mit Dmitri Alexandrowitsch fertig waren, wandten sie sich Sylvia zu. Da sie nichts von dem verstand, was die Männer sagten, stellten sie die naheliegendste Frage, die von einem Sicherheitsbeamten in einer solchen Situation zu erwarten ist: "Pásport?"
Mit Schrecken erinnerte Sylvia sich daran, dass sie lediglich ein Touristenvisum für Moskau hatte und folglich bei einer Passkontrolle Gefahr lief, umgehend des Landes verwiesen zu werden. Nun war sie mit einem Schlag hellwach.
Während sie noch überlegte, was nun zu tun sei, trat ein etwa 60-jähriger Mann in das Abteil, der sich Sylvia als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Moskau vorstellte und ihr seine Hilfe anbot. Er sprach fließend Russisch und konnte so den Beamten übersetzen, was sie ihm in aller Eile über ihre Reise erzählte: dass sie in einer dringenden Familienangelegenheit eine Bekannte besuchen müsse, es für eine offizielle Einladung zu spät gewesen sei, sie aber selbstverständlich gleich nach ihrer Ankunft bei den örtlichen Behörden um eine Änderung des Visums nachsuchen würde.
Am Ende ließen sich die beiden Uniformierten von ihrer Harmlosigkeit und ihrem guten Willen überzeugen. Dennoch hätten wohl selbst die Erklärungskünste des Botschaftsmitarbeiters nichts geholfen, wenn er ihnen nicht seinen Pass gezeigt hätte, der ihn durch seine blaue Farbe als Diplomaten auswies und ihm so eine besondere Autorität verlieh.
Der Gummipenis
Das Gespräch des Botschaftsangehörigen mit den Sicherheitsbeamten gab Sylvia die Gelegenheit, sich genauer in dem Abteil umzusehen. Dabei fiel ihr Blick auf etwas, das sie zunächst nicht erkannte – und vielleicht auch nicht erkennen wollte.
Bei näherem Hinsehen konnte jedoch kein Zweifel an der Art des Dings bestehen: Es handelte sich um einen überdimensional langen, nach vorne hin verdickten Gummipenis. Er befand sich direkt vor der Liege, die Sylvia am vorigen Abend Swjetlana im Tausch für die obere Schlafstatt überlassen hatte. An seinem vorderen Ende war er bräunlich verschmiert.
Sylvia wollte sich gerade bei ihrem Landsmann von der Botschaft erkundigen, was das alles zu bedeuten hätte, als dieser begann, ihr einige Fragen der Uniformierten zu übersetzen. Sie wollten wissen, ob sie nachts einmal aufgestanden wäre und ob sie dabei etwas Ungewöhnliches bemerkt hätte.
Wahrheitsgemäß berichtete sie von den Schlaftabletten und der sich öffnenden Abteiltür. Auf die Frage, wann das gewesen sei, konnte sie jedoch keine Antwort geben, denn sie hatte ja nicht auf die Uhr geschaut. Deshalb ließen die beiden bald von ihr ab und wandten sich der unter ihr befindlichen Liege zu. Da sie nicht die von Sylvia dort vermutete Swjetlana verhörten, sondern nur mit starrem, leicht angewidertem Blick die Liege betrachteten, begann sie mit zunehmendem Entsetzen zu begreifen, was geschehen war.
Alles in ihr sträubte sich gegen das Unfassbare, das sich vor ihr abzeichnete. Sie blickte weg, dann sah sie wieder hin, nur um gleich darauf wieder die Augen abzuwenden. Gleichzeitig bemühte sie sich krampfhaft um klare Gedanken, als könnte sie das Entsetzliche durch logisches Denken ungeschehen machen. Verstört sah sie den Mann von der Botschaft an, der sie schließlich im Flüsterton darüber aufklärte, was vorgefallen war.
Langsam nahm das Ungeheuerliche, das sie bislang nur dunkel geahnt hatte, Konturen an: Swjetlana war mit dem Dildo getötet worden. Jemand hatte ihr diesen offenbar so tief in den Hals gesteckt, dass sie sich übergeben musste und an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt war.
Möglicherweise war die Bewegung der Abteiltür, die Sylvia durch den Dämmer des in sie einsickernden Schlafmittels noch bemerkt hatte, durch den Mörder ausgelöst worden. Hätte sie also auf die Schlaftablette verzichtet, wäre Swjetlana womöglich noch am Leben. Dafür wäre sie allerdings jetzt unter Umständen selbst tot. Denn da der Mörder in der Dunkelheit ja gar nicht sehen konnte, wen er tötete, sondern sich nur an der Platznummer orientierte, galt der Anschlag auf die schlafende Swjetlana offensichtlich ihr!
Sobald Sylvia diese Zusammenhänge klar geworden waren, schossen ihr tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Was sie am meisten beunruhigte, war, dass der Mörder inzwischen wahrscheinlich bemerkt hatte, dass er die Falsche getötet hatte. Sicher wartete er nun nur auf die passende Gelegenheit, um seinen Mordanschlag zu wiederholen.
Hinzu kam, dass er die Tat nicht allein begangen haben konnte. Jemand musste ihm gesagt haben, welches Sylvias Platz war. Am wahrscheinlichsten war, dass es sich dabei um die Zugbegleiterin handelte, die für ihren Waggon zuständig war und bei der man sein Ticket für die nächtlichen Fahrkartenkontrollen abgeben musste. Ferner war davon auszugehen, dass jemand Swjetlana festgehalten hatte, damit die anderen nichts von dem Anschlag mitbekämen. Der Mörder musste also einen Komplizen haben.
Der Gedanke, dass diese lebensfrohe Frau direkt unter ihr auf bestialische Weise ermordet worden war, ohne dass sie etwas davon bemerkt hatte, versetzte Sylvia in eine Art Schockzustand. Außerdem plagten sie heftige Schuldgefühle. Denn es war ja in Wahrheit ihr Leben, das auf diese Weise ausgelöscht werden sollte.
Hätte ihr nach allem, was vor ihrer Abreise geschehen war, nicht klar sein müssen, dass ihre Gegner zu allem fähig waren? War es nicht naiv und grob fahrlässig von ihr gewesen, sich ganz allein in ein solches Abenteuer zu stürzen?
Andererseits – hätte sie wirklich wissen können, dass ihr ein Mordanschlag drohte? Gut, sie hatte im Rotlichtmilieu recherchiert und war dort ganz offensichtlich auf die Spur von Frauenhändlern gestoßen, die mit ihren Opfern alles andere als zimperlich umgingen. Aber sie hatte doch noch gar nichts herausgefunden, womit sie den Banden hätte gefährlich werden können! Warum trachteten sie ihr also mit dieser Brutalität nach dem Leben?
Oder hatte der Anschlag vielleicht ganz andere Gründe? Hatte sie es hier mit ganz anderen Gegnern zu tun, die sie nur durch die Art des Verbrechens mit ihrem letzten Fall in Verbindung brachte? Aber um wen sollte es sich dabei handeln? Sie hatte doch bislang noch in gar keinen schwerwiegenderen Kriminalfällen ermittelt!
Nahtoderfahrungen
Die Aufregung, dazu die stickige Luft im Abteil und der viel zu kurze, abrupt beendete Schlaf – das alles verursachte Sylvia heftige Kopfschmerzen. Sie musste unbedingt etwas frische Luft schnappen.
Von dem Botschaftsmitarbeiter wusste sie, dass an der nächsten Station, bei der es sich bereits um einen Vorort ihres Reiseziels handelte, die Kriminalpolizei zur Spurensicherung in den Zug kommen sollte. Anscheinend hoffte man, auf dem Vorstadtbahnhof den Menschenauflauf, den die Nachricht von einem Mord in einem der wichtigsten Fernzüge unweigerlich nach sich ziehen musste, besser unter Kontrolle halten zu können als am Hauptbahnhof. Da der Zug wohl einige Zeit an der Station halten würde, beschloss Sylvia, sich anzuziehen und auf dem Bahnsteig ein wenig auf und ab zu gehen.
Glücklicherweise hatte sie in der dicken Unterwäsche geschlafen, die sie sich extra für die Reise zugelegt hatte. So konnte sie sich trotz der vielen Menschen in und vor dem Abteil problemlos ankleiden. Das größte Problem für sie war, dass sie ihre Stiefel unter Swjetlanas Liege abgestellt hatte, die von den beiden Uniformierten zur Sperrzone erklärt worden war. Sie musste all ihre Zeichensprachkünste aufbieten, um sie von der Harmlosigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen.
Als sie unter die Liege griff, hüpfte eine der kleinen Katzen auf sie zu. Nur mit Mühe konnten die beiden Sicherheitsbeamten sie davon abhalten, auf die Tote zu klettern. Was wird nun aus ihnen werden, dachte Sylvia mechanisch, während sie krampfhaft an dem verkrümmten Etwas vorbeisah, das vor ihr unter der zerwühlten, verschmutzten Decke lag. Dann griff sie nach ihrem Mantel, verstaute Pass und Geldbeutel darin und begab sich zum Ausgang.
Kurz darauf hielt der Zug an, und sie trat mit anderen Reisenden nach draußen. Ein eiskalter Wind pöbelte sie an, sobald sie den Zug verließ. Bibbernd nahm sie sich vor, nur die fünf Waggons bis zum Ende des Zuges abzugehen und dann wieder einzusteigen – zumal ihr natürlich klar war, dass die Kriminalbeamten auch ihr noch einige Fragen stellen würden.
Als sie schon wieder auf dem Rückweg zu ihrem Waggon war, fiel ihr Blick auf eine junge Frau, die Teigwaren verkaufte. Da sie ein nervöses Hungergefühl verspürte und Angst hatte, beim erneuten Betreten des stickigen Abteils Kreislaufstörungen zu bekommen, trat sie auf die Verkäuferin zu und deutete gestenreich an, was sie haben wollte.
Trotz des Gedränges, das wegen eines am gegenüberliegenden Gleis einfahrenden Zuges herrschte, lächelte die Frau sie freundlich an. Umstandslos nahm sie einen Dollar als Bezahlung an – Sylvia hatte noch keine Gelegenheit gehabt, Geld zu wechseln – und wickelte dann ihre "búlotschka"10 in ein Stück Papier.
Sylvia wollte gerade nach dem Brötchen greifen, als sie plötzlich einen heftigen Stoß in ihrem Rücken spürte. Die Verkäuferin versuchte noch, sie festzuhalten, doch der Stoß war zu stark: Sie taumelte und fiel geradewegs vor den einfahrenden Zug, der nur noch wenige Meter von ihr entfernt war.
Sie hörte das ohrenbetäubende Kreischen der Bremsen, das Pfeifen der Lokomotive, die Schreie der Wartenden … Im letzten Moment warf sie sich zur Seite – und fand sich zwischen dem einfahrenden und einem weiteren, am gegenüberliegenden Bahnsteig wartenden Zug wieder.
Solidarität unter Outlaws
Einen Augenblick lang blieb sie benommen liegen. Ihr Herz raste, ihr Atem ging stoßweise wie bei einem gehetzten Tier. Mechanisch richtete sie sich auf. Ihre Knie zitterten, ihr wurde schwarz vor Augen. Sie musste sich an dem stehenden Zug festhalten, um nicht gleich wieder umzufallen.
An den Fenstern des einfahrenden Zuges sah sie neugierige und entsetzte Augenpaare an ihr vorübergleiten, die ihr eine Ahnung von dem Aufruhr vermittelten, in dessen Mittelpunkt sie gleich stehen würde. Eben diesen Aufruhr wollte sie aber unter allen Umständen vermeiden, da sie befürchtete, bei einer erneuten Kontrolle ihres Visums in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten. Außerdem war anzunehmen, dass ihr der Mörder noch auf dem Bahnsteig auflauerte.
Also tastete sie sich vorsichtig an dem haltenden Zug entlang. Sie hoffte, irgendwo eine Einstiegsmöglichkeit zu finden, durch die sie auf die andere Seite der Waggons gelangen und dort in der Menge untertauchen könnte.
Als der Zug, der sie beinahe überrollt hätte, unter lautem Quietschen zum Stillstand kam, öffnete sich in dem wartenden Zug plötzlich eine Tür. Eine dicke, asiatisch aussehende Frau lehnte sich heraus und winkte Sylvia zu sich heran.
"Sssh!" zischte sie. "Zachodí! Býstro!"11
Sylvia verstand zwar nichts von dem, was die Frau sagte. Angesichts der unzweideutigen Gestik der Zugbegleiterin war das aber auch gar nicht nötig. Rasch lief sie zu der geöffneten Waggontür.
Die Frau half ihr in den Zug und geleitete sie zu dem kleinen Abteil vorne neben der Tür, das für die Zugbegleiterinnen reserviert war. Dort redete sie weiter beschwichtigend auf Sylvia ein. Offenbar ging sie davon aus, dass diese auf der Flucht vor der Polizei war.
Sylvia vermutete, dass die Zugbegleiterin sie vom Fenster der Waggontür aus bemerkt hatte. Da sie Sylvias Sturz auf das Gleis von ihrer Position aus nicht gesehen haben konnte, hatte sie sich wohl ihren eigenen Reim auf das Herumirren der gehetzten Frau zwischen den Zügen gemacht.
Welchem Umstand, fragte Sylvia sich, hatte sie aber die spontane Hilfsbereitschaft zu verdanken? Hatte sie dabei vielleicht einfach von einer Art nationenübergreifender Solidarität unter den Outlaws dieser Erde profitiert?
Wie auch immer – in dem Abteil der Zugbegleiterin war sie jedenfalls erst einmal in Sicherheit. Es war kaum anzunehmen, dass man dort nach ihr suchen würde. Andererseits konnte sie auch nicht einfach in dem Zug bleiben. Er kam aus einer der südlich an Russland grenzenden asiatischen Republiken und war auf dem Weg nach Moskau, hätte sie also wieder an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückgebracht.
Um kein Aufsehen zu erregen, ging die Zugbegleiterin gleich wieder zur Waggontür zurück. Sylvia blieb allein in dem Abteil zurück. Was sollte sie nun tun?
Mechanisch sah sie sich in dem Abteil um. Dabei fiel ihr Blick auf die diversen Waren, die in den Ecken aufgestapelt waren. Augenscheinlich betätigte sich ihre Retterin nebenbei noch als Händlerin. Unter anderem verkaufte sie große graue Wolltücher, die hervorragend dafür geeignet schienen, auf unauffällige, weil landestypische Weise das Gesicht zu verdecken.
Sobald die Zugbegleiterin zurückkam, deutete Sylvia auf die Tücher und gab ihr mit einer stummen Geste zu verstehen, dass sie eines davon kaufen wollte. Die Frau war sofort ganz Händlerin und zeigte Sylvia mit den Fingern den Preis für die Tücher an. Dazu pries sie ihre Ware gestenreich an und murmelte etwas von "wyssokokátschestwo"12.
Da ihr der Sinn nicht nach langem Gefeilsche stand, zahlte Sylvia einfach die geforderten 30 Dollar. Hocherfreut über das unerwartete Geschäft, bot die geschäftstüchtige Zugbegleiterin ihr daraufhin sogar noch an, ihren Mantel gegen den ihrer Kundin zu tauschen. Offenbar hatte sie sehr genau verstanden, wozu diese das Tuch benötigte.
Sylvia dachte einen Augenblick nach. Rein ökonomisch betrachtet, war dies kein sehr vorteilhafter Tausch für sie. Für einen innen mit Schafswolle ausgekleideten Ledermantel bekam sie eine wattierte, schon etwas speckig wirkende Jacke aus nachgemachtem Kaninchenfell. In ihrer Situation zählte für sie jedoch allein die Tarnung, die ihr die Jacke ermöglichte. So willigte sie schließlich auch in diesen Teil des Handels ein.
In ihren neu erworbenen Mantel gehüllt, das graue Wolltuch tief ins Gesicht gezogen, trat sie auf den Bahnsteig hinaus. Überall waren Uniformierte zu sehen, die den Zug von außen absuchten, während andere innen durch die Gänge der Waggons schritten.
Verwirrt fragte Sylvia sich, nach wem die Männer suchten: Nach ihr? Oder nach der Person, die sie vor den Zug gestoßen hatte?
Einem unbestimmten Gefühl folgend, entschied sie schließlich, dass von der Riege der Uniformierten keine Hilfe zu erwarten sei. So betrat sie endgültig den steinigen Weg der Flucht. Obwohl sie das Opfer, nicht die Täterin war, kam sie sich selbst wie eine Verbrecherin vor.
Wie die Geschichte wohl ausgegangen wäre, wenn sie sich damals den Polizisten gestellt hätte? Wenn man sie nach Deutschland zurückgeschickt hätte, wäre sie wahrscheinlich kein zweites Mal nach Russland eingereist. So aber drang sie immer tiefer in dieses Labyrinth ein, das ihr Leben für immer verändern sollte.
4. Die verschwundene Freundin
Erwachen in einem Alptraum
Stunden später erwachte Sylvia frierend in einem Hotel, wo sie sich unter der dünnen Wolldecke zusammengekrümmt hatte wie ein Säugling im Mutterleib. Durch das altersschwache Fenster drangen die Geräusche der Straße kaum gefiltert ins Zimmer: die Motorengeräusche der Autos, die an der Kreuzung vor dem Hotel ständig abbremsten und wieder anfuhren, die Lautsprecherdurchsagen vom nahen Bahnhof und das Knattern der an- und abfahrenden Züge.
Sylvia wunderte sich, wie sie bei dem Lärm so lange hatte schlafen können. Offenbar war sie völlig erschöpft gewesen, als sie sich gegen Mittag ein Zimmer in dem Hotel gegenüber dem Hauptbahnhof genommen hatte.
Der Vorortzug, mit dem sie ins Stadtzentrum gefahren war, hatte für die Strecke mehr als drei Mal so lange gebraucht wie der Schnellzug. Statt – wie geplant – am frühen Morgen, erreichte sie ihr Ziel daher erst am späten Vormittag.
Es kam ihr so vor, als hätte der Zug mehr gestanden als sich fortbewegt. Immer neue Menschen waren eingestiegen, während kaum jemand den Zug verließ. Schon nach kurzer Zeit waren alle Sitzplätze belegt gewesen, und es hatte sich im Mittelgang eine lange Schlange von Passagieren gebildet, die mit ausdruckslosen Gesichtern in den trüben Tag hineinfuhren. In der stickigen Luft war Sylvia trotz der Kälte fast froh gewesen, dass die Fenster nicht richtig schlossen.
Da sie ursprünglich vorgehabt hatte, sich nur kurz auf dem Bett auszustrecken, hatte sie die Vorhänge nicht zugezogen. So erzeugten die Scheinwerfer der um die Ecke fahrenden Autos nun einen permanenten Lichtertanz an den Wänden. Es war schon fast ganz dunkel, was bedeutete, dass sie mindestens vier Stunden geschlafen haben musste.
Ihr war schlecht vor Hunger. Schließlich hatte sie seit dem vorigen Abend nichts mehr gegessen. Aber der Gedanke, vom Bett aufzustehen und sich in dieser fremden, kalten Welt auf Nahrungssuche zu begeben, war ihr so unerträglich, dass sie sich lieber auf die andere Seite drehte, um weiterzuschlafen.
Der Versuch, das dumpfe Vergessen künstlich zu verlängern, trieb aber nur ihr Herz zu sinnloser Raserei an. Ein einziger, furchtbarer Gedanke pulste durch ihr Gehirn: Ein Mensch war ihretwegen ermordet, nein: auf brutalste Weise hingerichtet worden!
Sie hatte das Gefühl, selbst kein Recht mehr zu haben auf dieses Leben. Ihr war, als hätte sie es sich widerrechtlich angeeignet von einem anderen Menschen, der im unfreiwilligen Tausch für sein Leben ihren Tod erhalten hatte. Dabei war sie doch nach Russland gekommen, um Leben zu retten!
Nataschas Sorgen
Sie musste an Natascha denken. Sie sah sie wieder vor sich, wie sie zum ersten Mal in ihr Büro gekommen war. Nun ja: Büro war vielleicht zu viel gesagt. Sie hatte einfach einem Zimmer der Wohnung, die sie ein paar Wochen nach der Trennung von Melanie gemietet hatte, durch Schreibtisch, Computer und Sitzecke einen büroähnlichen Anstrich verliehen.
Was ihr zuerst an Natascha aufgefallen war, war diese Mischung aus Schüchternheit und aufreizender Kleidung, von der ihre äußere Erscheinung geprägt war. Mit ihrem Minikleidchen und dem Pferdeschwanz, zu dem sie ihre braunen Haare zusammengebunden hatte, wirkte sie wie eine 15-Jährige. Dabei behauptete sie, schon über 20 zu sein. Sie sprach fließend Deutsch, mit einem weichen Akzent, der ihrer Stimme einen zerbrechlichen Klang verlieh.
Natascha erklärte ihr, dass sie aus Russland komme, aus einer Stadt an der Wolga. "Ich … ich habe ein ganz großes Problem", sagte sie dann, "und Sie … auf Ihrer Website stand … ich meine: Sie sind doch Privatdetektivin?"
Angesichts der offensichtlichen Verwirrung ihrer neuen Klientin lud Sylvia diese zunächst einmal in ihre Rattanecke ein. Dort stellte sie den Teller mit den Gästekeksen vor sie hin und bot ihr Tee oder Kaffee an. Natascha ließ sich eine große Tasse Kaffee bringen, die sie mit beiden Händen umschloss.
"Wot"13, begann sie stockend zu erzählen, "es geht um meine Freundin …" Sie sagte "Fröindin", wobei sie die Lippen zu einem leichten Schmollmund vorwölbte. "Oxana heißt sie, sie ist vor ein paar Wochen nach Deutschland gereist, und jetzt ist sie … sie ist verschwunden!"
"Was meinen Sie mit 'verschwunden'?" fragte Sylvia nach. "Hat sie sich nur eine Zeit lang nicht bei Ihnen gemeldet, oder wissen Sie auch nicht, wo sie sich aufhält?"
"Nun ja", räumte Natascha ein, "für eine Vermisstenanzeige wäre es wohl noch zu früh. Aber wissen Sie, das alles … das sieht Oxana einfach nicht ähnlich. Sie hatte mir doch fest versprochen, sich gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland bei mir zu melden!"
Sylvia sah, dass die Augen ihrer Besucherin feucht wurden. Vorsichtig, um sie nicht unnötig aufzuregen, wandte sie ein: "Manchmal passieren ja auch unerwartete Dinge, und dann vergisst man so etwas einfach. Da muss man doch nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen!"
Weinerlich erwiderte Natascha: "Doch, bei Oxana schon. Sie hat mich ja sogar angerufen, wenn wir uns an der Uni mal einen Tag lang nicht gesehen haben!"
Hellhörig geworden, erkundigte Sylvia sich: "War die Reise Ihrer Freundin denn rein privater Natur? Ich meine: Ist sie einfach nur als Touristin nach Deutschland gekommen, oder wollte sie hier arbeiten?"
"Sie hat jemanden kennengelernt", erklärte Natascha. "Einen Geschäftsmann, der russische Waren nach Deutschland einführt – und umgekehrt, glaube ich. Der wollte ihr einen Job in seiner Firma verschaffen, weil sie doch so gut Deutsch spricht."
Sie sah von ihrer Kaffeetasse auf und blickte Sylvia aus ihren traurigen Augen an: "Wissen Sie, Oxana möchte Übersetzerin werden, genau wie ich. Da kam ihr das Angebot gerade recht, wegen der Sprachpraxis und auch, um etwas Geld zu verdienen. Als ich nach zwei Wochen noch immer nichts von ihr gehört hatte, habe ich versucht, sie anzurufen – Oxana hatte mir die Visitenkarte des Mannes dagelassen. Unter der Telefonnummer, die darauf angegeben war, meldeten sich aber irgendwelche fremden Leute. Die haben gar nicht verstanden, von was ich rede!"
Seufzend ergänzte sie: "Deshalb bin ich Oxana schließlich nachgereist. Ich bin gleich zu der Adresse gefahren, die auf der Visitenkarte stand. Aber von der Firma, die der Mann angeblich leitet, war nirgends etwas zu sehen. Ich habe bei den Nachbarn geklingelt, aber die hatten auch noch nie etwas davon gehört. Verstehen Sie jetzt, warum ich mir solche Sorgen um Oxana mache?"
Ja, jetzt verstand Sylvia sie natürlich. So, wie die Dinge lagen, stand zu befürchten, dass es hier um eine Form von Frauenhandel ging.
"Hier scheinen in der Tat ein paar Nachforschungen nötig zu sein", sagte sie daher. "Sie müssten mir jetzt nur noch eine Adresse geben, unter der ich Sie erreichen kann."
Die scheinbar harmlose Bemerkung ließ Natascha endgültig in Tränen ausbrechen. "Wissen Sie", gestand sie Sylvia, "ich habe mir das Geld, das ich für das Touristenvisum bei der Botschaft vorweisen musste, doch nur geliehen! Ich wollte einfach irgendwie nach Deutschland kommen, um nach Oxana zu suchen. Über meine Unterkunft habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Und jetzt … jetzt ist hier alles so teuer, dass ich mir nur eine Übernachtung auf der Parkbank leisten kann!"
In der Situation blieb Sylvia kaum etwas anderes übrig, als Natascha anzubieten, vorübergehend bei ihr zu wohnen. Allerdings tat sie dies keineswegs ungern, denn Natascha war ihr nicht nur vom ersten Augenblick an sympathisch, sondern erschien ihr auch auf eine seltsame Art vertraut. Hinzu kam, dass ihr Besuch mit der Umstellung auf die Winterzeit zusammenfiel. An den plötzlich viel zu langen Abenden war Sylvia froh, eine Mitbewohnerin im Haus zu haben.
Testosterontrunkene Männer
Anfangs übernachtete Natascha auf dem Sofa. Nachdem sie sich aneinander gewöhnt hatten, kam ihnen das jedoch beiden albern vor, und sie schliefen gemeinsam in Sylvias breitem Futon-Bett. Oft legte eine den Arm um den Körper der anderen, ohne dass das Bedürfnis nach Nähe jemals in diese Gier umgeschlagen wäre, die das fremde Sein nur noch als Objekt der eigenen Lust wahrnimmt.
War dies, hatte Sylvia sich damals gefragt, nicht einer der wesentlichen Vorzüge der Beziehungen von Frauen untereinander – dass man zärtlich zueinander sein kann, ohne dass gleich dieser bedrohlich harte Knüppel aufragt, der mit seinem Fordern und Drängen die körperliche Geborgenheit in ein Gefühl des Ausgeliefertseins umschlagen lässt?
Nicht, dass sie etwas gegen Ekstase einzuwenden gehabt hätte. Aber es musste, fand sie, eben auch diese anderen, stilleren Formen von körperlicher Nähe geben. Außerdem schien es bei Männern ja oft gar nicht um Ekstase, sondern schlicht ums Abreagieren zu gehen. Und hätten sie sich dafür nicht genauso gut mit einer dieser Sex-Puppen vergnügen können? Schließlich stellten diese künstlichen Gebilde den weiblichen Körper ja exakt so dar, wie testosterontrunkene Männer ihn sich erträumten: als hilflos grimassierendes Opfer selbstverliebter Eroberungslust.
Mit diesen Träumen sah Sylvia sich in den folgenden Wochen mehr konfrontiert, als ihr lieb sei konnte. Denn sie hatte ja keinerlei Anhaltspunkte für die Suche nach Nataschas Freundin. Also hatte sie keine andere Wahl, als Abend für Abend jene Orte aufzusuchen, um die sie zuvor stets einen großen Bogen gemacht hatte. Zusammen mit Natascha klapperte sie systematisch einen Straßenstrich nach dem anderen und die einschlägigen Nachtclubs der Stadt ab.
