Mord im Reichstag! - Nadja Dietrich - E-Book

Mord im Reichstag! E-Book

Nadja Dietrich

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Beschreibung

Was für ein Schock für Lidia Afanasjewna! Beim Saubermachen der Toiletten im Reichstag findet sie eine Leiche. Wer war der tote Politiker? Und warum wird in den Nachrichten behauptet, er sei in seinem Büro verstorben? Soll da vielleicht etwas vertuscht werden? Neugierig geworden, beginnt Lidia Afanasjewna mit Recherchen im Umfeld des Toten. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen! Zum Glück ist sie nicht allein: Lutz, ein ehemaliger Stasi-Offizier, die geheimnisvolle Leona, eine Schönheit aus dem Rotlichtmilieu, und nicht zuletzt ihre Familie leisten ihr tatkräftige Unterstützung. Und dann ist da noch Aljoscha, der Mann ihrer Träume … Das Ebook ist eine überarbeitete Fassung des zuerst 2017 (unter dem Titel Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau) erschienenen Werks.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Nadja Dietrich

 

 

Mord im Reichstag!

Ermittlungen einer Putzfrau

 

 

 

 

 

 

Literaturplanet

 

 

 

Impressum

 

 

© Verlag LiteraturPlanet, 2022

Im Borresch 14

66606 St. Wendel

 

 

 

http://www.literaturplanet.de

 

 

Über dieses Buch: Was für ein Schock für Lidia Afanasjewna! Beim Saubermachen der Toiletten im Reichstag findet sie eine Leiche. Wer war der tote Politiker? Und warum wird in den Nachrichten behauptet, er sei in seinem Büro verstorben? Soll da vielleicht etwas vertuscht werden?

Neugierig geworden, beginnt Lidia Afanasjewna mit Recherchen im Umfeld des Toten. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen! Zum Glück ist sie nicht allein: Lutz, ein ehemaliger Stasi-Offizier, die geheimnisvolle  Leona, eine Schönheit aus dem Rotlichtmilieu, und nicht zuletzt ihre Familie leisten ihr tatkräftige Unterstützung. Und dann ist da noch Aljoscha, der Mann ihrer Träume …

 

Über die Autorin: Nadja Dietrich hat lange in Russland gelebt und gearbeitet. Der vorliegende Roman ist nach Das russische Labyrinth (2008) ihre zweite Veröffentlichung bei LiteraturPlanet. Das Ebook ist eine überarbeitete Fassung des zuerst 2017 (unter dem Titel Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau) erschienenen Werks. Ein Interview zu der Neuveröffentlichung findet sich auf LiteraturPlanet. Ein dritter Roman ist in Vorbereitung und wird in Kürze erscheinen.

 

Cover-Bild: Pop-Art-Bild des Reichstags (LP)

Nach einer halb durchwachten Nacht beginnt die neue Arbeitswoche für Lidia Afanasjewna viel zu früh am Morgen. Missmutig flüchtet sie sich in die Arme von Aljoscha – dem Mann ihrer Träume, der leider tatsächlich nur in ihren Träumen existiert.

 

I. Die Saat des Bösen

 

Ausbruch aus dem Fernseher

 

Man konnte durchaus nicht sagen, dass diese Woche gut begonnen hätte für Lidia Afanasjewna. Genau genommen hatte ihre Pechsträhne sogar schon am vergangenen Abend eingesetzt, als das Mantra der Verhöre in einem Late-Night-Krimi sie in den Schlaf gewiegt hatte. Prompt hatte der Böse ihre fehlende Wachsamkeit ausgenutzt, um sich aus seinem Fernsehkäfig zu befreien und in ihre gute Stube einzudringen. Nun stand er da und sann, seiner Natur gemäß, auf Böses.

Er war genauso schwarz wie in der nächtlichen Gasse, wo die Guten ihn gestellt hatten. Nur die Augen leuchteten zombiehaft aus seinem finsteren Antlitz heraus. Lidia Afanasjewna wollte um Hilfe rufen und weglaufen, sich in Sicherheit bringen vor diesem Unhold, der schon durch seine bloße Anwesenheit die Umgebung verpestete. Aber der Schlaf hatte sie gefesselt und geknebelt, sie brachte keinen Ton heraus und war wie verwachsen mit ihrem Fernsehsessel.

Heimtückisch sah der Böse sich um und suchte nach einem Objekt für seine finsteren Absichten. Endlich schien er etwas Passendes gefunden zu haben, um seine Mordlust zu befriedigen. "Na warte – dir drehe ich den Hals um", hörte Lidia Afanasjewna ihn zwischen den Zähnen hindurch zischen.

Ihr stockte der Atem, aber zu ihrer Erleichterung kam der Böse nicht auf sie zu, sondern ging in Richtung des kleinen Aquariums, das in einer Ecke des Raumes auf einer Kommode stand. Ehe Lidia Afanasjewna sich über das Aquarium wundern konnte – denn sie war sich sicher, nie eines besessen zu haben –, hatte der Böse den darin schwimmenden Fisch auch schon an der Gurgel gepackt und ihm ein Messer an die Kehle gehalten.

Lidia Afanasjewna stutzte: Hatten Fische denn überhaupt eine Gurgel? Sie kam jedoch nicht dazu, diese Frage zu vertiefen, denn im selben Augenblick wurde ihr klar, dass sie selbst der Fisch war, den abzustechen der Böse im Begriff war. Ein heiserer Schrei entrang sich ihrer Kehle, der genug Schreckenspotenzial besaß, um nicht nur den Bösen in die Flucht zu schlagen, sondern auch sie selbst aus ihrem Sessel hochfahren zu lassen.

 

Nachdem alles gut überstanden ist, sitzt Lidia Afanasjewna mit Igor, Julia und deren neuem Freund bei Kaffee und Kuchen zusammen. Sie lassen die Dinge noch einmal Revue passieren, schmieden aber auch Pläne für die Zukunft.

 

Gestohlene Zeit

 

Beim Aufwachen blickte Lidia Afanasjewna zunächst misstrauisch in die Ecke, in der eben noch das Aquarium gestanden hatte. Auch als sie sich endlich traute, sich von ihrem Sessel zu erheben, bewegte sie sich mit äußerster Vorsicht durch den Raum, als hätte der Böse sich nur im Nebenzimmer versteckt, um in einem geeigneten Moment wieder über sie herzufallen. Dabei signalisierte ihr doch schon allein das veränderte Fernseh-Mantra, das nun aus der Anpreisung von Einzelteilen eines unfassbar günstigen Kaffeeservices bestand, dass der Böse vertrieben worden war.

Im Bad zeigte der Spiegel ihr ein teigiges Gesicht mit hervorquellenden Augen, über dem eine blonde Dauerwelle den Dreizack des Poseidon zu imitieren schien. Eine Bemerkung Igors – des Mannes, der einmal ihr Herzallerliebster gewesen war – schoss ihr durch den Kopf: "Du siehst ja aus wie ein Karpfen, der einen Hai verschluckt hat! Lass doch endlich mal deine Schilddrüse untersuchen!"

Sie schüttete sich Wasser ins Gesicht, um das Feuer der Gedanken im Keim zu ersticken. Beim Dösen auf dem Fernsehsessel war ihr Kopf zur Seite hin abgeknickt, ein hartnäckiger Schmerz pochte in ihrem Nacken und sandte Stromschläge durch ihre Adern. Sie hatte einfach keine Kraft, sich jetzt dem aufgewühlten Schlamm am Grund ihres Lebens zu widmen.

Lidia Afanasjewna verordnete sich eine Schmerztablette und tastete sich dann durch den dunklen Flur zum Schlafzimmer vor. Die Lampe war schon seit Wochen kaputt, sie war es längst leid, Igor immer wieder daran zu erinnern. Allerdings hätte das Gesäge, in dem er seinen allabendlichen Rausch ausklingen ließ, auch Taubstummen den Weg gewiesen.

Sie wollte sich schon in die Kissen sinken lassen, da fiel ihr Blick auf den Funkwecker. "4.55 Uhr!" riefen die Leuchtziffern ihr zu. 4.55 Uhr? Lidia Afanasjewna hatte das Gefühl, belogen zu werden, ja, beraubt worden zu sein. Das also war es, was der Böse verbrochen hatte! Obwohl er sich höchstens fünf Minuten in ihrer Wohnung aufgehalten hatte, war nun auf einmal die ganze Nacht vorbei. Er hatte ihr also im wahrsten Sinne des Wortes "die Zeit gestohlen"!

Aber alles Klagen half ja nichts. Das Einzige, was sie jetzt noch tun konnte, war, dem Wecker seinen Feldwebeltriumph zu nehmen und ihn an seinem durchdringenden Morgenappell zu hindern.

 

Aljoscha-Träume

 

Während Igor sich grunzend auf die andere Seite wälzte, begab Lidia Afanesjewna sich in die Küche. Sie schaltete die Kaffeemaschine ein, dann trottete sie ins Bad. Mechanisch griff sie nach ihren Schminkutensilien, um aus dem Gespenst, das sie war, einen halbwegs vorzeigbaren Menschen zu machen.

Wieder in der Küche, schenkte sie sich eine Tasse Kaffee ein, die sie stehend in kleinen Schlucken trank. Geistesabwesend blickte sie aus dem Fenster. Zu der frühen Stunde gab es da draußen kaum etwas, an dem ihr Blick sich festhalten konnte. Die meisten Fenster des gegenüberliegenden Hochhauses waren noch verdunkelt, nur einige wenige starrten schon auf den freien Platz herab, der sich zwischen den beiden Häuserblöcken erstreckte. Keine Bewegung, kein Leben war zu erkennen.

Lidia Afanasjewna ließ ihren Blick ganz nach oben wandern, zum Dachgeschoss, das von ihrer Position im dritten Stock aus nur schemenhaft zu erkennen war. Dort oben, dachte sie, musste Aljoscha wohnen. Ja, sagte sie sich, das ist der einzige ihm angemessene Ort.

Was er heute wohl tun würde? Aljoscha beschäftigte sich ja jeden Tag mit etwas anderem, so dass man nie sicher sein konnte, welche Seite seiner Person er einem zuwenden würde. Er war niemals der, als den man ihn zu kennen meinte, er war stets ein anderer. Aber heute – da war sich Lidia Afanasjewna ganz sicher –, heute würde er ein Künstler sein. Wer weiß, vielleicht war er sogar schon aufgestanden, schaute wie sie aus dem Fenster und brütete über den Entwürfen der Werke, die er an diesem Tag zu gestalten gedachte.

Lidia Afanasjewna schloss für einen kurzen Moment die Augen. Sie sah Aljoscha vor seiner Staffelei stehen, den Pinsel in der Hand, mit kühnem Strich fuhr er über die Leinwand und verwandelte malend das Haus, in dem Lidia Afanasjewna wohnte, in einen Palast aus einer anderen Welt. Die Fenster wirkten wie Bullaugen in seinem Bild, das Haus glitt wie ein Unterseeboot durch die Nacht, und wenn man die Bullaugen lange genug ansah, weiteten sie sich zu Sternentoren, durch die man in eine andere Welt entschweben konnte.

 

Sinnlose Eile

 

Lidia Afanasjewna riss die Augen auf: Schon 5.25 Uhr! Sie musste sich beeilen, wenn sie die S-Bahn noch erreichen wollte. Also im Laufschritt: Mantel übergeworfen, in die Stiefel geschlüpft, Schal umgebunden, den Hausflur mit dem hallenden Klick-Klack ihrer Absätze erfüllt.

Unwillkürlich wich sie zurück, als sie die Haustür öffnete. Ein eisiger Januarwind biss ihr in die Haut, Tränen stiegen ihr in die Augen und liefen als dünne Rinnsale über ihre Wangen. Da hätte sie sich die Schminkmaskierung ja auch sparen können! Wahrscheinlich hätte sie als das Gespenst, das sie davor gewesen war, noch weniger erschreckend gewirkt als der Zombie, den die zerlaufende Wimperntusche nun aus ihr machte.

Eine Anzeigentafel, an der sie auf dem Weg zur S-Bahn-Station vorbeikam, zeigte minus 10 Grad an – eine Temperatur, bei der auch Weichen gerne einmal einfroren. Da würde doch nicht etwa …? – Doch, genauso war es: Die ganze Hetze war umsonst gewesen. "Bitte beachten Sie", knarzte es aus dem Lautsprecher am Bahnsteig, "dass es wegen einer Störung im Betriebsablauf zu Verspätungen kommt. Wir bitten um Ihr Verständnis."

Lidia Afanasjewna vergrub die Hände tief in ihren Manteltaschen, zog den Schal noch enger um ihren Kopf und stapfte fröstelnd auf und ab. Wie auf einer Bob-Bahn jagte der Wind durch die Bahnhofsschneise, wie eine Gruppe Halbstarker trieb er seinen Schabernack mit den Wartenden, die sich nirgends vor ihm in Sicherheit bringen konnten.

Der einzige Ort, der ein wenig Schutz geboten hätte – eine hinten und an den Seiten von Stellwänden umgebene Bank – war fest in Raucherhand. Vor die Wahl zwischen Erfrierungs- und Erstickungstod gestellt, erschien Lidia Afanasjewna das Erfrieren als die angenehmere, irgendwie natürlichere Variante. Das änderte sich allerdings, je länger die Warteminuten sich hinzogen.

Gerade als sie sich die Frage stellte, ob der Erstickungstod nicht doch angenehmer – weil schneller und, vor allem: wärmer – wäre, war aus der Ferne das erlösende Rattern des herannahenden Zuges zu hören. Glücklicherweise war es noch so früh, dass er trotz der Verspätung nicht hoffnungslos überfüllt war. Lidia Afanasjewna fand sogar noch einen Sitzplatz am Fenster, was den Vorteil bot, dass sie ihren Kopf, der ihr auf einmal viel zu schwer vorkam, von zwei Seiten abstützen konnte.

Im Vergleich zu dem zugigen Bahnsteig wirkte die Luft im Innern des Zuges ausgesprochen stickig. Die Fenster waren beschlagen, Lidia Afanasjewna fand sich in einer Glasglocke wieder, in der nichts zu sehen war außer den müden Spiegelbildern der anderen Fahrgäste, deren Köpfe willenlos im Takt der S-Bahn hin- und herschaukelten – wenn ihre Gesichter nicht gerade von Smartphones hypnotisiert wurden oder hinter Zeitungswänden verschwanden.

 

Aljoschas Augen

 

Die Augen zu schließen und in den Augen von Aljoscha zu versinken, war eins für Lidia Afanasjewna. Dunkel und geheimnisvoll leuchteten seine Pupillen ihr entgegen, mit dieser leichten Melancholie, wie sie bei einfühlsamen Männern häufiger vorkam. Darüber verlor sich die Stirn im Gestrüpp seiner Locken, in deren weiche Pracht Lidia Afanasjewnas Finger schon so oft knisternd eingetaucht waren.

Mitfühlend ruhte sein Blick auf ihr. "Aber Lidia Afanasjewna, meine Liebe, Teure – was haben Sie denn? Sie sind ja ganz blass!"

"Ach, Aljoscha", seufzte sie, "ich bin es einfach leid …"

"Aber was denn, Lidia Afanasjewna", hakte Aljoscha vorsichtig nach. "Was sind Sie leid?"

"Nun, dieses ganze Leben", erklärte Lidia Afanasjewna. "Ich ertrage es einfach nicht mehr. Wenn dieser Zug mein Leben wäre, würde ich einfach an der nächsten Station aussteigen und den Zug in die entgegengesetzte Richtung nehmen."

"So schlecht ist Ihr Leben doch gar nicht", wandte Aljoscha ein. Seine sanft dahinplätschernde Stimme war Balsam für ihre Seele, auch wenn ihr nicht gefiel, was er sagte.

"Sie sind nicht allein", fuhr er fort, "Ihre Töchter haben, wie man so sagt, 'eine gute Partie' gemacht, Sie haben eine gemütliche, nach Belieben beheizbare Wohnung, dazu eine feste Stelle – also führen Sie doch eigentlich das, was man als 'geregeltes Leben' bezeichnen würde."

"Aber genau das ist ja das Problem!" maulte Lidia Afanasjewna. Sie war ein wenig enttäuscht, dass Aljoscha nicht verstand, was sie meinte. Oder war es nur Höflichkeit, was ihn ihr Leben gegen sie selbst in Schutz nehmen ließ?

"Gerade weil mein Leben so geregelt ist, kommt es mir vor wie eine ausgelutschte Zitrone", erklärte sie. "Ein Tag ist wie der andere, nie passiert etwas Neues, Überraschendes … Ob ich heute oder in 20 Jahren auf den Friedhof übersiedle, ist doch im Grunde einerlei."

"Es gibt aber einige Menschen, die dankbar wären, wenn sie so leben könnten wie Sie", beharrte Aljoscha, seine christliche Seite hervorkehrend – die einzige Facette seiner Person, die Lidia Afanasjewna nicht sonderlich schätzte.

"Nun gut", gestand sie ihm zu, "es mag ja sein, dass dieses Leben von außen betrachtet recht komfortabel erscheint. Davon werde ich aber auch nicht glücklicher! Nicht allein zu sein, ist doch kein Wert an sich – wenn ich an meinen Igor denke, scheint mir eher das Gegenteil der Fall zu sein. Und eine feste Stelle zu haben, mag einem ja Sicherheit geben. Wenn es sich dabei aber um eine Putzstelle handelt, ist die feste Stelle eben auch eine feste Kette an den Füßen, ein Stacheldraht, der einen von seinen Träumen trennt."

Lidia Afanasjewna verzog verächtlich das Gesicht. "Putzfrau! Wozu habe ich mich da denn durch das Übersetzerstudium gequält? Soll ich mich etwa als Simultandolmetscherin für Staubmilben betätigen?"

"Immerhin haben Sie die Ehre, Ihrer Arbeit im deutschen Bundestag nachgehen zu dürfen", bemerkte Aljoscha mit einem feinen, mehrdeutigen Lächeln.

Lidia Afanesjewna winkte ab. "Besser bezahlt ist die Arbeit deshalb auch nicht!"

"Aber doch wohl etwas angenehmer, als wenn Sie Ihren Dienst in, sagen wir, einem Fußballstadion versehen müssten", gab Aljoscha zu bedenken.

Nun war es an Lidia Afanasjewna, vieldeutig zu lächeln. 'Wenn du wüsstest …', dachte sie. Aber sie schwieg lieber, um Aljoscha seinen Kinderglauben an den untadeligen Lebenswandel der Volksvertreter nicht zu nehmen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, setzte Aljoscha hinzu: "Gut, die Arbeit als Putzfrau hat natürlich immer etwas damit zu tun, den Dreck anderer Leute wegmachen zu müssen. Aber vergleichen Sie das doch einmal mit Ihrem früheren Leben in Ihrem russischen Heimatdorf, mit all dem Staub im Sommer, dem Morast, in den er sich im Frühjahr und im Herbst verwandelt hat, mit der Kälte, die im Winter durch die Ritzen Ihres Holzhauses gekrochen ist – erscheint es Ihnen da nicht doch als Privileg, jetzt in einem vollklimatisierten Gebäude mit modernsten Maschinen und den effektivsten Reinigungsmitteln den kaum vorhandenen Dreck des Vortags beseitigen zu müssen?"

 

Schmerzliche Erinnerungen

 

Lidia Afanasjewna spürte, wie sich unter ihren geschlossenen Augenlidern Tränen ansammelten. Wie erstaunlich unsensibel es doch von Aljoscha war, sie auf ihre alte Heimat anzusprechen!

Natürlich hatte er nicht Unrecht mit dem, was er sagte. Es war ihnen damals wirklich sehr unbehaglich zumute gewesen in dem kleinen Holzhaus, das sich den Jahreszeiten stets angepasst hatte, anstatt einen Ausgleich zu ihnen zu bieten. Eben deshalb hatten sie ja plötzlich alle das Deutsche in sich entdeckt, um guten Gewissens in das Land der Vorfahren ihres Mannes übersiedeln zu können.

Igor, der damals noch nicht einmal das Wort "Deutsch" hätte buchstabieren können, hatte sich auf einmal an seinen deutschstämmigen Vater erinnert, obwohl der die Mutter seines Sohnes – hierin nicht gerade ein Musterbeispiel deutscher Tugend – noch vor der Geburt hatte sitzen lassen. Und sie selbst war Woche für Woche mit dem Bus in die Stadt gefahren, um ihr kümmerliches Schul-Deutsch auf ein einigermaßen alltagstaugliches Niveau zu bringen. Dabei hatte sie sich stets auch um besondere Pünktlichkeit bemüht. Ja, tatsächlich hatte sie damals, bevor sie die deutschen Züge näher kennengelernt hatte, hierin eine typisch deutsche Tugend gesehen.

Natürlich war ihr klar, dass der Blick zurück heute manches verklärte, was damals gerade ihre Ausreise befördert hatte. Andererseits traten durch den Abstand von mittlerweile fast zwanzig Jahren, die sie nun schon in Deutschland lebte, auch die positiven Aspekte ihres damaligen Lebens deutlicher hervor. Dazu zählten gerade auch die dünnen Holzwände ihres einstigen Hauses, die Tatsache also, dass die Grenzen zwischen Innen und Außen fließender gewesen waren, als es in Deutschland der Fall war.

In ihrer alten Heimat waren Innen und Außen wie durch einen osmotischen Prozess miteinander verbunden gewesen. Das galt sowohl für das Verhältnis zur Natur als auch für das zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Der eigene Wohnungsbereich war zwar auch dort ein Schutzraum gewesen, doch hatten die Türen im Sommer offen gestanden, und auch im Winter hatte man andere zwanglos besuchen können.

Es gehörte zu den Dingen, an die sie sich am schwersten hatte gewöhnen können: dass die Deutschen auch ihr Privatleben wie die Abläufe in einem Betrieb bis ins kleinste Detail durchorganisieren und man für alles Termine machen muss. Nie würde sie das pikierte Gesicht ihrer damaligen Nachbarin vergessen, als sie, frisch aus Russland angekommen, einfach bei ihr geklingelt hatte, um sich vorzustellen.

Natürlich hatte sie den Mangel, den sie im russischen Winter oft gelitten hatten, keineswegs vergessen. Eben weil sie seinerzeit auch mit alltäglichen Dingen hatten sparen müssen, hatten ihr die Kartoffeln aber nie mehr so gut geschmeckt wie damals, gegen Ende des Winters, wenn jede einzelne eine kleine Kostbarkeit dargestellt hatte.

Und nie mehr hatte sie Feste so genossen wie die aus jener Zeit, als sich im beginnenden Frühling die Vorfreude auf die wärmer werdenden Tage in unbändige Lebensfreude übertragen hatte. Jeder hatte etwas zu diesen Festen beigetragen – der eine einen selbst gefangenen Fisch, der andere das lange aufgesparte letzte Glas Kompott, und natürlich hatte nie ein Mangel an Samogon, dem selbst gebrannten Schnaps, geherrscht. An die Alkoholvergiftung, die ihr Bruder sich dabei einmal zugezogen hatte, wollte sie allerdings lieber nicht zurückdenken …

"Aber Lidia Afanasjewna, Teuerste! Sie weinen ja! Habe ich Sie womöglich mit irgendetwas verletzt?"

Lidia Afanasjewna war so in ihren Gedanken versunken, dass sie Aljoscha ganz vergessen hatte. Gerne ließ sie es sich gefallen, dass er ihr über die Wangen strich und ihre Tränen trocknete. "Ach, Aljoscha!" seufzte sie, während seine Arme sie umfingen wie eine weite, sternenreiche Steppennacht. "Halt mich ganz fest!"

Sie wusste natürlich, dass manch einer ihre Gefühle für Aljoscha kitschig gefunden und ihr heimliches Getuschel mit ihm pubertär genannt hätte. Das aber war ihr ganz egal. Sie war überzeugt, dass hieraus nur die Missgunst derer sprach, die der Empfindung einer so vollendeten, Trost bringenden Harmonie, wie Aljoscha sie erleben ließ, nicht fähig waren.

 

Beim Putzen im Bundestag macht Lidia Afanasjewna eine furchtbare Entdeckung – eine Entdeckung, die ihr ganzes Leben verändern wird.

 

II. Großväterliche Gerüche

 

Der Science-Fiction-Kokon

 

Lidia Afanasjewnas große Leidenschaft waren Science-Fiction-Geschichten. Vor allem die Vorstellung eines Sternentors, durch das man einfach in einen anderen Teil des Kosmos entschwinden kann, hatte es ihr angetan. An grauen Tagen wie diesen waren derartige Phantasien für sie wie ein Kokon, in den sie sich vor den Zumutungen des wirklichen Lebens zurückziehen konnte.

So verwandelten ihre Augen auch jetzt den dunklen Flur des Reichstagsgebäudes, den sie zu putzen hatte, in einen Fluchttunnel aus der Welt, in der sie gefangen war. Ihre Hände dirigierten nicht etwa eine Kehrmaschine, sondern einen Detektor zum Aufspüren des Raumschiffs, das hinter einer der links und rechts abgehenden Türen auf sie wartete.

Lidia Afanasjewna war sich durchaus bewusst, dass dies ein absurder Gedanke war. Aber als Science-Fiction-Fan war sie natürlich auch eine begeisterte Hobby-Astronomin. Und so wusste sie, dass das Universum von lauter Dingen durchdrungen war, die ebenso unsichtbar wie unverständlich waren: von dunkler Materie, schwarzen Löchern, Gravitationswellen und kleinsten Teilchen, die eben jetzt, in diesem Moment, durch sie hindurchglitten, ohne dass sie es bemerkte.

Wie es schien, war das Universum in seinem Aufbau dem Menschen so fremd, dass es dem Verstand entglitt, sobald man versuchte, es mit dessen Kategorien zu fassen. War aber unter diesen Umständen das Absurde nicht die einzig adäquate Form, um sich seinem Wesen anzunähern?

Eingesponnen in ihren Science-Fiction-Kokon, öffnete Lidia Afanasjewna geduldig eine Tür nach der anderen und vollführte dahinter ihr Putzritual. Sie wischte mit dem Staubtuch den nicht vorhandenen Staub von den Tischen, ging mit dem Staubsauger auf den schmutzabweisenden Teppichböden Gassi, angelte mit behandschuhten Fingern in den halb leeren Papierkörben. Nirgends waren außergewöhnliche oder gar außerirdische Phänomene zu verzeichnen. Aus allen Räumen schlug ihr derselbe sterile Geruch entgegen, dem sie mit ihren Putzmitteln eine dezente antiseptische Note hinzufügte.

Auf den Schreibtischen bereiteten sich die Monitore auf das Blendwerk des Tages vor, während hinter den Fenstern die Stadt lustlos erwachte. Die Sitzecken in den größeren Räumen warteten mit etwas Krümelfutter für den Staubsauger auf, hier und da garniert mit expressiven Flecken, die von den Aufputschmitteln der Vorwoche kündeten. Noch ergiebiger waren in dieser Hinsicht die Sitzungsräume, in denen die Stühle einander andächtig gegenüberstanden und die Tischkreise darauf warteten, dass ihre zeremonielle Hülle mit Leben erfüllt würde.

 

Entsetzen in der Herrentoilette

 

Es machte Lidia Afanasjewna allerdings gar nichts aus, dass sie vergeblich nach dem Außergewöhnlichen Ausschau hielt. Allein die Erwartung, dass es sich hinter der nächsten Tür ereignen könnte, half ihr schon durch den Morgen. Mit eben dieser Erwartung öffnete sie auch die Tür, hinter der ihr – gemessen an ihren Science-Fiction-Träumen – meist die größte Enttäuschung bereitet wurde: die Tür zu den Orten männlicher Entleerung.

Vertraut mit den feinsten Geruchsnuancen auch dieser Welt, bemerkte Lidia Afanasjewna sogleich, dass an diesem Morgen etwas anders war als sonst. Umwehte sie hier für gewöhnlich eine Geruchswolke, die sie an den Schweinestall großmütterlicherseits erinnerte, so empfing sie dieses Mal eher eine leicht süßliche Duftnote, wie sie ihr von der Schnapsbrennerei großväterlicherseits her vertraut war.

Aufmerksamer als sonst besprühte sie die Waschbecken im Eingangsbereich, die aber außer dem üblichen Glanzverlust durch den Seifenfilm und die abgeschrubbten Hautpartikel keine Besonderheiten aufwiesen. Als sie über die breite Spiegelwand wischte und in ihr Gesicht mit den unter einem Kopftuch zusammengebundenen Haaren blickte, in die geistesabwesenden Augen, die mitten durch sie hindurchzusehen schienen, redete sie sich sogar selbst ins Gewissen: "Du wirst noch in der Klapsmühle enden, wenn du so weitermachst! Eine Kloschüssel ist eine Kloschüssel, nichts weiter, sie deutet auf nichts hin als auf sich selbst."

Tatsächlich war auch an der Reihe der Urinale, die sie als Nächstes abschritt, nichts Außergewöhnliches festzustellen. In manchen Sieben hatte sich ein Kaugummi verfangen, ein Abfluss war verstopft, in zwei Fällen war nicht abgespült worden, so dass sich der Urinstein nur durch eine Spezialbehandlung beseitigen ließ. Alles wie immer, keine besonderen Vorkommnisse. Und doch umwölkte sie – hier noch stärker als im Eingangsbereich – nach wie vor dieser eigenartige Geruch, der ihr fremd und vertraut zugleich vorkam.

Erst als sie in den Gang zwischen den Toilettenkabinen einbog, deutete sich eine Lösung für das Geruchsrätsel an. Der Boden neben den Kloschüsseln war von getrockneten Urinspritzern bedeckt, unter den Klobrillen klebten Schamhaare, die teilweise von dunklen Flecken verfärbt waren. So weit war alles normal. Aus der hintersten Kabine jedoch ragte etwas heraus, das, wie Lidia Afanasjewna sogleich erkannte, dort nicht hingehörte. Bei genauerem Hinsehen stellte sie fest, dass es sich dabei um zwei Schuhe handelte, aus denen jeweils eine graue Socke hervorsah.

Da die Schuhe zur Seite geneigt waren und sich überdies vor der Kabine befanden, war nicht davon auszugehen, dass derjenige, dem die Schuhe gehörten, auf dem Klo saß. Eher sah es so aus, als würde er neben der Kloschüssel liegen. Vielleicht, dachte Lidia Afanasjewna, war hier jemandem schlecht geworden. Aber warum geschah dies ausgerechnet jetzt, zu dieser frühen Stunde, und dann noch an einem Montagmorgen – zu einem Zeitpunkt also, zu dem sie noch nie jemanden auf diesem Gang angetroffen hatte?

Widerstrebend und doch magisch angezogen von dem Außergewöhnlichen trat Lidia Afanasjewna näher an die Kabine heran. Vorsichtig stieß sie die angelehnte Tür auf. Ihr Blick fiel auf eine Falten schlagende Anzughose, die am Bund von den leeren Ärmeln eines verrutschtenJacketts umkränzt war. Schlaff lagen sie auf dem Boden, schlaff und reglos wie der Körper, der in dem zerknitterten Anzug steckte.

Der Kopf, der aus dem Hemd mit der gelockerten Krawatte herausschaute, war zur Seite geneigt und stützte sich an der Kloschüssel ab, als wollte er dieser etwas anvertrauen. Dem entsprach auch der geöffnete Mund, auch wenn das, was darin zu erahnen war, auf Lidia Afanasjewna seltsam starr und eingetrocknet wirkte. Allerdings visierten die Pupillen nicht das Ziel an, auf das die Haltung des Kopfes hindeutete, sondern waren auf die Decke gerichtet und schienen sich zudem, in einer angestrengt wirkenden Verrenkung, gegenseitig zu suchen, als wollte eine in der anderen Halt finden.

 

Das Fragegewitter

 

Lidia Afanasjewna hielt sich reflexartig die Hand vor den Mund. Ihre Augen waren, in einer Geste instinktiven Mitgefühls, weit aufgerissen. Vorsichtig, als könnte das, was da auf dem Boden lag, sie unvermutet anspringen, trat sie einen Schritt zurück, dann noch einen, bis die unsichtbare Brücke zwischen ihrem Blick und diesen die Leere trinkenden Pupillen sich verflüchtigt hatte.

Sie schloss die Augen und dachte an Aljoscha – oder vielmehr: Sie beschwor ihn, zu erscheinen und sie in die Arme zu nehmen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, ihn herbeizuphantasieren, er kam einfach nicht. Typisch Mann, dachte Lidia Afanasjewna. Immer wenn man sie braucht, sind sie nicht da.

Zitternd tastete sie nach ihrem Handy und wählte die 1-1-0. "Hallo? Ist dort die Polizei? Ich habe hier einen Toten gefunden …"

Ein Sturm von Fragen prasselte auf sie ein: Wo genau sie sich befinde, ob sie sich sicher sei, dass die Person tot sei, ob sie den Leichnam berührt habe, wie sie heiße und wer ihr Arbeitgeber sei. Es folgte die Anweisung: "Fassen Sie nichts an und bleiben Sie, wo Sie sind! Wir sind gleich bei Ihnen."

Lidia Afanasjewna hörte sich die Fragen geduldig beantworten und sah sich noch gehorsam nicken, als die körperlose Stimme an ihrem Ohr das Gespräch längst beendet hatte. Mechanisch trat sie auf den Flur hinaus, wo sie mit der unbewussten Zielstrebigkeit einer Schlafwandlerin auf das Fenster am Ende des Korridors zuschritt.

Sie öffnete das Fenster und sog tief die frische Morgenluft ein. Und hier, wo der Wind den von anderen Welten getränkten Atem des nahen Flusses heranwehte, fand sie endlich Aljoscha wieder. Sie warf sich ihm in die Arme, sie hüllte sich in seine männliche Dunkelheit wie in einen langen, wärmenden Mantel, der sie die winterliche Welt vergessen ließ.

Kurze Zeit darauf zuckte sie heftig zusammen. Jemand hatte sie von hinten an der Schulter berührt. Sie drehte sich um und blickte in das eigenschaftslose Gesicht eines Mannes in mittleren Jahren. "Entschuldigung", sprach er sie mit gedämpfter Stimme an, "haben Sie uns angerufen?"

"Ob ich Sie angerufen habe … Ja, ich … ich glaube schon …" Sie war noch ganz benommen von Aljoschas Umarmung, ihre Augenlider zuckten unter dem plötzlich anbrandenden Licht.

Als sie wieder zu sich kam, stellte sie erstaunt fest, dass der Mann, der sie angesprochen hatte, mit nur einem weiteren Kollegen angerückt war. Beide trugen überdies keine Uniformen, sondern waren in Zivil gekleidet.

Wahrscheinlich der Sicherheitsdienst, die Vorhut der eigentlichen Polizei, dachte sie, und trottete hinter dem Mann her, der sie in einen Nebenraum geleitete. Dort sah sie sich einem weiteren Fragegewitter ausgesetzt, dessen Resultate ihr Gegenüber parallel zu ihren Antworten in einem Notebook festhielt: Wie sie den Toten gefunden habe, ob sie sofort die Polizei angerufen habe, ob sie noch jemand anderen benachrichtigt habe, ob sie auch wirklich nichts angefasst habe …

"Sie werden verstehen, dass es sich bei einem Toten im Bundestag um eine sehr heikle Angelegenheit handelt", redete der Mann ihr schließlich noch ins Gewissen. "Ich muss Sie daher bitten, vorerst mit niemandem darüber zu sprechen." Dabei sah er ihr fest in die Augen.

Lidia Afansjewna nickte geistesabwesend.

Der Mann klappte sein Notebook zu. "Von unserer Seite war's das dann erst mal. Sie können jetzt nach Hause gehen. Halten Sie sich aber bitte zu unserer Verfügung."

"Aber … Ich bin doch noch nicht fertig mit der Arbeit", wandte Lidia Afanasjewna schüchtern ein.

Der Mann verzog die Mundwinkel, vielleicht wollte er lächeln. "Doch – für heute sind Sie fertig. Keine Angst: Wir regeln das mit Ihrem Chef!"

Das Verhalten der Männer kam Lidia Afanasjewna irgendwie merkwürdig vor. In den Fernseh-Krimis wirkten die Tatorterkundungen immer viel aufwändiger, viel akribischer …

Aber vielleicht war es ja auch ein Fehler, von der Fernsehrealität auf die echte Realität zu schließen. Oder handelte es sich bei den Männern am Ende doch um Außerirdische, die den Toten zu Forschungszwecken in ihr Raumschiff entführen wollten? Doch als sie sich auf dem Weg zum Ausgang zu Aljoscha umdrehte und sah, wie dieser halb belustigt, halb missbilligend den Kopf schüttelte, beschloss sie, diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen.

 

Aus einem Labyrinth seltsamer Träume erwachend, wird Lidia Afanasjewna von ihrem Mann auf einen Fernsehbericht über den von ihr gefundenen toten Politiker aufmerksam gemacht. Daran kommt ihr einiges merkwürdig vor.

 

III. Dunkle Mächte

 

Deutschland sucht die Super-Putzfrau

 

Grelles Licht kitzelte Lidia Afanasjewna an ihren Lidern. Sie befand sich in einem Fernsehstudio, als Teilnehmerin einer Reality-Show, in der Deutschlands Top-Reinigungskraft gesucht wurde. Alle Kandidatinnen mussten einen Gang putzen, der nach oben hin offen war. So konnten die Zuschauer per Televoting darüber abstimmen, welche Bewerberin ihre Arbeit am besten ausführte.

Gerade saß sie für das übliche Vorgeplänkel dem Moderator der Sendung gegenüber. "Und Sie kommen also aus Russland?" wollte der smarte Fernsehmann wissen.

Lidia Afanasjewna hasste derartige Fragen. Als könnte sie in zwei Sätzen ihr Verhältnis zu ihrer alten Heimat umreißen – noch dazu vor Publikum! So beschloss sie, den Traum – denn um einen solchen musste es sich ja wohl handeln – an diesem Punkt zu verlassen.

Angestrengt suchte nach dem Ausgang aus dem Traum. Was war ihr noch gleich widerfahren, bevor sie sich schlafen gelegt hatte? Richtig, sie war früher als sonst nach Hause gekommen, Igor hatte noch – oder schon? – am Frühstückstisch gesessen.

"Schon Feierabend?" hatte er sie gefragt, als sie die unterwegs besorgten Brötchen auf den Küchentisch legte. "Iss was passiert?"

"Ja, stell dir vor, es hat einen Toten gegeben!" Sie war zu erschöpft gewesen, um ihm die ganze Geschichte zu erzählen.

Igor hatte sie ungläubig angesehen: "Einen Toten? Und was hast du damit zu tun?"

"Na, ich habe ihn gefunden."

"Du hast ihn gefunden? Und wo soll das gewesen sein?"

"Auf dem Klo, wenn du's genau wissen willst."

Daraufhin war ein kurzes Schweigen eingetreten. Igor hatte ihr zugesehen, wie sie ein Brotmesser aus dem Küchenschrank nahm, um die Brötchen durchzuschneiden. Dann hatte er kurz aufgelacht und trocken angemerkt: "Also weißt du, manchmal frage ich mich, wer von uns beiden jeden Abend sein Wodkachen trinkt …"

Dunkel erinnerte sich Lidia Afanasjewna noch daran, dass sie zwei Brötchen durchgeschnitten und sich anschließend auf die Eckbank hatte fallen lassen. Erst dort hatte sie bemerkt, wie müde sie war. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich mit einem ausgiebigen Frühstück für die frühmorgendliche Aufregung zu entschädigen. Aber jetzt war es ihr doch verlockender erschienen, sich noch einmal hinzulegen.

 

Im Scheinwerferlicht der Außerirdischen

 

Beruhigt drehte Lidia Afanasjewna sich auf die andere Seite: So war das also gewesen. Sie hatte sich ein Vormittagsnickerchen genehmigt, inzwischen war es Mittag, die Wolkendecke war aufgerissen, und nun schien die Sonne ins Zimmer herein.

Sie stutzte. Die Sonne? Aber das war doch gar nicht möglich! Das Schlafzimmerfenster war nach Westen ausgerichtet, im Winter bekam man sie hier doch gar nicht zu sehen.

Lidia Afanasjewna warf sich wieder auf den Rücken. Als sie blinzelnd die Augen öffnete, hatte sie eher den Eindruck, in eine sehr helle Lampe zu blicken, fast wie auf einem Operationstisch.

War sie etwa nach ihrem grausigen Fund im Reichstag zusammengebrochen? Hatte man sie in ein Krankenhaus gebracht? Aber wenn jemand einen Schock hatte, musste er doch nicht operiert werden! Befand sie sich vielleicht eher in einer Zahnklinik? Sollte ihr der Zahn gezogen werden, der ihr schon so lange Probleme bereitete? Und erinnerte sie sich unter dem Einfluss der Narkose womöglich an Dinge, die in Wahrheit schon viel länger zurücklagen?

Lidia Afanasjewna nahm alle Kraft zusammen und bemühte sich – dem Betäubungsmittel zum Trotz, das man ihr offensichtlich gespritzt hatte – an der Lampe vorbei in das Gesicht des Operateurs zu blicken. Dort, wo dessen Kopf hätte sein sollen, sah sie jedoch nur ein schwarzes Loch, aus dessen Innerem ihr zwei glühende Sternenhaufen entgegenleuchteten.

Die Außerirdischen! schoss es ihr durch den Kopf. Also hatte sie mit ihren Vermutungen doch richtig gelegen …

"Verdammt noch mal, Lidia, jetzt wach doch endlich auf!"

Seltsam, dachte Lidia Afanasjewna: Woher die Außerirdischen wohl ihren Namen kannten? Und warum packten sie sie mit solcher Gewalt an den Schultern? Wahrscheinlich schüttelten sie gerade ihr Gehirn aus dem Schädel, um es genauer untersuchen zu können. Da sie dann das Gesehene nicht mehr würde deuten können, beschloss sie, die Augen ganz weit aufzureißen – immerhin würde sie so vor ihrem Tod noch einmal einen echten Außerirdischen zu Gesicht bekommen.

Schemenhaft zeichnete sich im Gegenlicht eine Gestalt ab. Wie eine Weltraumreisende, die auf einem fremden Planeten gestrandet ist, blickte Lidia Afanasjewna in das hagere Gesicht eines Mannes, dessen Haupt vom Heiligenkranz des Alters gekrönt war. Es war Igor. "Na endlich!" rief er aus. "Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf. Komm schnell – im Fernsehen berichten sie gerade über deinen Toten!"

Lidia Afanasjewna sah ihn verständnislos an: "Meinen Toten?" Ihr Geist weilte noch immer in einer anderen Galaxie. Als sie begriff, wovon Igor redete, war dieser schon wieder verschwunden, als wäre er selbst nur ein Komet, der kurz die Umlaufbahn ihres Planeten gestreift hatte. Schlaftrunken folgte sie ihm ins Wohnzimmer.

 

Ungereimtheiten

 

Bedauernde Worte dröhnten ihr aus dem Fernseher entgegen: "… leitet eine Polarströmung weiterhin kalte Luftmassen nach Deutschland. In den nächsten Tagen bleiben uns die frostigen Temperaturen daher erhalten …"

"Jetzt hast du den Bericht verpasst!" nörgelte Igor. Er hatte sich mit zerschlissener Jogging-Hose und T-Shirt auf das Sofa gelümmelt, die Hausschlappen hingen lose an seinen bloßen Füßen.

Lidia Afanasjewna seufzte. Wenn sie daran dachte, dass sie diesen nahen Verwandten des Affen einmal attraktiv gefunden und sogar zwei Kinder mit ihm gezeugt hatte …

"Ich habe dir doch schon hundert Mal gesagt, dass die Sendezeiten heutzutage keinerlei Bedeutung mehr haben!" meckerte sie zurück. "Bestimmt ist der Bericht längst im Internet abrufbar – garniert mit allerlei Kommentaren und Zusatzinformationen."

Igor brummte etwas Unverständliches und sah dann zu, wie seine Frau den Computer hochfuhr. Ein paar Klicks, und der Bericht ploppte auf dem Monitor auf. Mit der Eleganz einer Riesenechse wälzte sich Igor von seinem Lümmelplatz und bezog hinter seiner Frau Position.

In getragenem Ton verkündete eines der üblichen Nachrichten-Models: "Der langjährige Bundestagsabgeordnete Richard Groß ist heute Morgen tot in seinem Berliner Büro aufgefunden worden. Laut Angaben der Pressestelle des Bundestags ist er an plötzlichem Herzversagen gestorben. Groß war in diversen Ausschüssen aktiv, zuletzt hat er den Verteidigungsausschuss geleitet. Darüber hinaus …"

"Nun sag schon", bedrängte Igor sie. "Ist das der Mann, von dem du erzählt hast?"

Lidia Afanasjewna starrte auf das Porträt des Toten, das während der Berichterstattung am oberen Bildrand eingeblendet wurde. "Ich denke schon …", murmelte sie.

"Was soll das heißen: Du denkst schon?" ereiferte sich Igor. "Entweder er war es, oder er war es nicht – das ist doch ganz einfach!"

Lidia Afanasjewna klickte den Bericht weg und rief einen Videoclip auf, in dem der Abgeordnete zu sehen war.

"Und?" drängelte Igor weiter. "Bist du dir jetzt sicher?"

"Ich weiß nicht …", zögerte Lidia Afanasjewna. "Der Tote hat irgendwie anders ausgesehen … Außerdem habe ich dir doch gesagt, dass ich ihn auf dem Klo gefunden habe – in seinem Büro war ich ja gar nicht!"

Igor machte eine wegwerfende Handbewegung. "Wahrscheinlich hast du mal wieder geträumt. Warum sollte man die Leiche denn an einen anderen Ort bringen?"

Lidia Afanasjewna drehte sich zu Igor um: "Möchtest du gerne tot auf dem Klo gefunden werden?"

"Nein, aber …"

"Na also!" schnitt sie ihm das Wort ab. "Denk doch einfach mal nach: Ein Mitglied des Hohen Hauses, das auf dem Scheißhaus verendet – das stärkt nicht gerade das Ansehen des Parlaments. Aber mich stört sowieso eher etwas anderes an dem Bericht …"

"Nämlich?" fragte Igor ungeduldig, während seine Frau sich schon wieder schweigend durch die Kommentarleisten klickte.

"Die Todesursache", entgegnete sie knapp, während sie einen Kommentar überflog, in dem es um die Belastungen ging, denen moderne Politiker ausgesetzt sind.

"Wieso?" hielt Igor dagegen. "Herzversagen ist doch eine ganz normale Todesursache."

"Eben!" bekräftigte Lidia Afanasjewna. "So etwas könntest du letztlich auf jeden Totenschein schreiben. Wenn du mit deiner Raucherlunge einen Berg hochrennst, kriegst du auch einen Herzkasper. Die eigentliche Ursache für deinen Tod ist dann aber das ewige Gequalme und Herumlungern auf dem Sofa."

"Was hast das denn jetzt damit zu tun?" beschwerte sich Igor. Aber da seine Frau ihn ignorierte und sich weiter durch die Berichte im Netz klickte, beschloss er, sich erst einmal auf dem Balkon mit einer Zigarette zu beruhigen.

 

Lutz, ein ehemaliger Stasi-Offizier, schaut überraschend bei Lidia Afanasjewna vorbei. Als er hört, dass der tote Politiker nicht dort gefunden worden ist, wo Lidia Afanasjewna ihn entdeckt hat, ist für ihn klar: Hier ist eine Verschwörung im Gange.

 

IV. Ein Besuch von Lutz

 

Deutsch-Sowjetische Freundschaft

 

Lidia Afanasjewna war noch immer ganz in ihre Internet-Recherche vertieft, als es plötzlich an der Tür klingelte. Da Igor natürlich nicht daran dachte, seine Zigarettenmeditation auf dem Balkon zu unterbrechen, musste Lidia Afanasjewna selbst zur Tür gehen. Und das, obwohl sie noch im Morgenmantel war!

Vor der Tür stand Lutz, der mal wieder rein zufällig zur Mittagszeit bei ihnen vorbeigekommen war. "Sdrastzvuj, milaja maja", begrüßte er sie in seinem sächsischen Russisch. Lachend setzte er hinzu: "Ich wollte nur mal kurz was für die deutsch-sowjetische Freundschaft tun."

Lidia Afanasjewna seufzte innerlich. Sie wusste genau, was "deutsch-sowjetische Freundschaft" für Lutz bedeutete: Einforderung russischer Gastfreundschaft. Und wenn Lutz um die Mittagszeit vorbeikam, war klar, dass er, der alternde Junggeselle, mal wieder "wie bei Muttern" speisen, sprich: bekocht werden wollte. Aber da Lutz ein alter Freund der Familie war, ließ Lidia Afanasjewna sich nichts anmerken. Wenigstens störte er sich nicht an ihrem Morgenmantel – wahrscheinlich bestärkte dieser ihn sogar noch in seiner Vorstellung russischer Gastlichkeit.

"Lutz – das ist aber eine Überraschung!" rief sie aus. "Komm doch rein – ich wollte gerade das Mittagessen aufsetzen."

"Mach dir meinetwegen mal keine Umstände", wehrte Lutz höflich ab, während er eintrat. "Guck dir mal meinen Kamelhöcker da vorne an" – er zeigte auf seinen in der Tat recht stattlichen Bauchansatz. "Davon kann ich problemlos noch ein Weilchen zehren."

Er lachte sein meckerndes Lachen, hängte seine wattierte Jacke an die Garderobe und zog seine Mütze aus, unter der ein akkurater, grau schimmernder Bürstenhaarschnitt zum Vorschein kam. "Na, dann mal rein in die gute Stube, was?" sagte er voller Vorfreude auf den angekündigten Mittagstisch.

"Guck mal, wer da ist, Igor!" rief Lidia Afanasjewna ihrem Gatten zu, der gerade seine Zigarette ausdrückte, als sie mit Lutz ins Wohnzimmer trat.

"Sieh mal an – der Herr Offizier!" begrüßte Igor den Gast, in Anspielung auf dessen frühere Tätigkeit beim Ministerium für Staatssicherheit. Im Unterschied zu Lidia Afanasjewna war seine Freude über den Besuch nicht geheuchelt. Denn er wusste, dass seine Frau nun ein anständiges Mittagessen zubereiten würde, während er sich sonst wohl die Reste vom Vortag hätte aufwärmen müssen.

"Ich überlass euch dann mal euren Männergesprächen", rief Lidia Afanasjewna den beiden zu, bevor sie sich in ihre Rolle als Küchenmamsell fügte. Sie war noch nicht einmal böse deswegen. Es kam ihr durchaus entgegen, sich zurückziehen zu können. Lutz hatte eine recht laute Stimme, von der sie schon häufiger Kopfschmerzen bekommen hatte – und nach der halb durchwachten Nacht und dem morgendlichen Schock tat ihr ohnehin der Kopf weh.

 

Der Verdacht

 

Glücklicherweise fand sie in der Tiefkühlung noch Seelachsfilets und eine Packung Rosenkohl. Dazu würde sie ein wenig Kartoffelbrei anrühren, und fertig war das Mittagessen.

Das Kochen verlief dann allerdings doch nicht so ungestört, wie sie gehofft hatte. Sie hätte es sich ja denken können! Natürlich ließ Igor es sich nicht nehmen, vor Lutz mit dem Hauch der Geschichte zu prahlen, der ihn – vermittelt durch seine Gattin – angeweht hatte. Schon als Lidia Afanasjewna die Bestecke auf dem Tisch verteilte, wurde sie daher von Lutz mit Fragen gelöchert – während die Männer sie sonst, in Erinnerungen oder Fachsimpeleien über Fußball schwelgend, in solchen Situationen meist übersehen hatten wie die Bedienung im Restaurant.

"Was höre ich da?" bestürmte Lutz sie, sobald sie sich in der Tür zeigte. "Dieser tote Politiker hat gar nicht in seinem Büro das Zeitliche gesegnet?"

"Stimmt", bestätigte Lidia Afanasjewna, "den habe ich auf der Toilette gefunden. Neben der Kloschüssel, um genau zu sein."

"War er verletzt?" wollte Lutz wissen.

"Nein", überlegte Lidia Afanasjewna, "das heißt … So genau habe ich ihn mir gar nicht angeschaut. Blut war jedenfalls keins zu sehen, wenn du das meinst."

"Hmm", murmelte Lutz, "wahrscheinlich vergiftet … Und du hast dann also die Polizei angerufen?" vergewisserte er sich, obwohl Igor ihm das natürlich schon erzählt hatte.

Lidia Afanasjewna nickte. "Ja, klar, das hätte doch jeder so gemacht."

Systematisch, wie bei einer offiziellen Zeugenbefragung, bohrte Lutz weiter: "Aber die Männer, die dann gekommen sind, sahen gar nicht aus wie Polizisten?"

"Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, wie Polizisten aussehen, wenn sie einen Mordfall untersuchen", relativierte Lidia Afanasjewna. "Ich hatte ja vorher noch nie mit Kriminalbeamten zu tun."

"Wie viele waren es denn?" hakte Lutz nach.

"Zwei", entgegnete Lidia Afanasjewna wahrheitsgemäß, ehe sie sich wieder in die Küche begab, um sich den Essensvorbereitungen zu widmen.

"Das waren garantiert Leute vom Geheimdienst!" hörte sie Lutz das Geschehen deuten, während sie den Raum verließ. "Die Brüder kenne ich, schließlich war ich selbst lange genug bei dem Verein."

 

Geheimdiensttheorien

 

Ja, Lutz und der Geheimdienst … Vor dem Herd, beim Blick auf die in der Pfanne brutzelnden Fischfilets, gingen Lidia Afanasjewna all die Geschichten durch den Kopf, die Lutz von seiner Zeit als "Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit" erzählt hatte: dass die "NADO" 1989 die Konterrevolutionäre mit Waffen versorgt habe und es ein Blutbad gegeben hätte, wenn er, Lutz, nicht die Anordnung zum Öffnen der Grenze erteilt hätte; oder dass Helmut Kohl – ein "ganz falscher Fuffziger, das könnt ihr mir gloobn" – ursprünglich von der Stasi angeworben worden sei, um die Wiedervereinigungspläne des Westens zu vereiteln, sich dann aber von der Verklärung als "Kanzler der Einheit" den schickeren Eintrag in den Geschichtsbüchern erhofft habe.

Es waren alles Geschichten von phantasierter Allmacht, imaginäre Racheakte an jenen, die ihn, den langjährigen Abteilungsleiter einer bedeutenden Behörde, zum Kaufhausdetektiv degradiert hatten. Als solchen hatte Lidia Afanasjewna ihn nämlich kennengelernt, damals, als ihre Tochter Julia ein Parfum eingesteckt hatte, das sie sich nicht leisten konnte, und Lutz, als er ihren russischen Akzent bemerkte, aus Gründen der "internationalen Solidarität" Gnade vor Recht hatte ergehen lassen.

Lidia Afanasjewna drehte die Filets noch einmal um, dann richtete sie das Essen auf den Tellern an und trug diese ins Wohnzimmer.

"Ah, Freitagsfreuden – und das an einem Montag!" witzelte Lutz, als die Hausherrin den Teller vor ihn hinstellte. Er aß mit großem Appetit den halben Teller leer – wobei er nicht mit Lob an der "erstklassigen Köchin" sparte –, dann kam er wieder auf die mysteriösen Ereignisse zu sprechen, deren Zeugin Lidia Afanasjewna geworden war.

"Also, ich möchte euch ja keene Angst machen", resümierte er, bedeutungsvoll die Stimme senkend. "Aber an eurer Stelle würde ich mich von jetzt an doch etwas mehr in Acht nehmen. Für mich riecht das Ganze stark nach einem Komplott. Ich sage euch: Da soll etwas vertuscht werden!"

Igor sah ihn verständnislos an: "Mag ja sein … Aber was hat das mit uns zu tun? Wir haben den Toten doch gar nicht gekannt!"

"Aber ihr – oder zumindest deine liebe Gattin hier – seid in der Angelegenheit die einzigen Zeugen. Mitwisser von etwas, das unter den Teppich gekehrt werden soll. Und so etwas hat der Geheimdienst gar nicht gern", erklärte Lutz mit vollem Mund.

"Dann beschaffst du uns jetzt wahrscheinlich falsche Pässe, damit wir nach Mauritius auswandern können?" witzelte Lidia Afanasjewna.

Lutz schüttelte den Kopf. "Da wärt ihr vor dem Geheimdienst auch nicht sicher", stellte er klar, ohne auf den scherzhaften Ton einzugehen. "Diese Leute operieren heute doch weltweit. Stichwort: globale Vernetzung. Nein, ich würde euch eher zu prophylaktischen Maßnahmen raten."

"Und wie sollen die aussehen? Wir wissen doch noch nicht einmal, worum es bei der ganzen Sache geht!" gab Igor, ebenfalls kauend, zu bedenken.

"Nun, vor allem sollten wir selbst versuchen, die mysteriösen Vorgänge aufzuklären", führte Lutz aus. "Nichts ist mächtiger als die Wahrheit. Wenn die wissen, dass wir wissen, was sie wissen, werden sie sich drei Mal überlegen, ob sie gegen uns vorgehen. Man muss dann nur die entsprechenden Dokumente an einem sicheren Ort deponieren und die Gegenseite davon in Kenntnis setzen, dass die Informationen im Fall der Fälle an die Öffentlichkeit gelangen würden."

"Entschuldige, Lutz", wandte Lidia Afanasjewna ein, "aber das klingt mir doch ein wenig zu abenteuerlich. Wie willst du denn überhaupt an diese Informationen herankommen? Wir haben dafür doch keinerlei Ansatzpunkte!"

Aber Lutz ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. "Lasst das mal meine Sorge sein!" entgegnete er geheimnisvoll. "Ich kenne da so einige Leute aus meiner aktiven Zeit … Einer arbeitet sogar beim Sicherheitsdienst des Bundestags, der schuldet mir noch einen Gefallen."

Damit schob er sich das letzte Stück Fisch in den Mund und legte das Besteck auf den Teller. "Noch mal ein Hoch auf die Köchin!" schnurrte er. "Das war wirklich ein ganz feines Fresschen."

Lidia Afanasjewna hatte verstanden: Der hohe Besuch hatte nichts gegen einen Verdauungskaffee einzuwenden. Sie räumte die Teller zusammen und ging in die Küche, um die Kaffeemaschine anzuwerfen.

Während die Maschine zischend ihre Arbeit aufnahm, stellte sie sich ans Fenster und ließ den Blick zum gegenüberliegenden Wohnblock schweifen, zu der Wohnung, in der Aljoscha jetzt vielleicht auch gerade am Fenster saß und zu ihr herübersah. Was er wohl zu der ganzen Angelegenheit sagen würde? Ob er ihr auch raten würde, der Sache auf den Grund zu gehen? Oder würde er sie nicht eher in seinen Armen in die unermesslichen Weiten des Sternenhimmels entführen, wo es überhaupt keine Rolle spielte, ob und wo auf diesem Planeten Leichen gefunden wurden?

Der Tote, den Lidia Afanasjewna im Reichstag gefunden hat, soll sich nach Lutz' Informationen häufiger im Rotlichtviertel um den Bahnhof Zoo herumgetrieben haben. Was Lidia Afanasjewna dort entdeckt, wirft aber zunächst einmal ganz neue Fragen auf.

 

V. Unerwartete Begegnung

 

Heißer Informanten-Tipp

 

L

idia Afanasjewna empfand eine stille Genugtuung. Glücklicherweise hatte das Wetter sich nicht an das Diktat seiner Propheten gehalten und war über Nacht umgeschlagen. Mildere Westwinde hatten sich über alle Statistiken und Algorithmen hinweggesetzt und – wie es die Wetterauguren wohl ausgedrückt hätten – einen Keil in die herrschende Kaltfront geschlagen. So war an die Stelle des pöbelnden Ostwinds nun ein scheuer Nebel getreten, der orientierungslos um die Gebilde des städtischen Lebens tastete.

Die Luft war so feucht, dass man in den Lichtkegeln der Straßenlaternen feinste Tröpfchen tanzen sehen konnte. Fast war es Lidia Afanasjewna, als würde sie an einer Hafenmole entlangspazieren.

Die zuckenden Lichter, die sich hier und da in den Nebel hineinfraßen, nahm sie als Leuchtbojen wahr, die den Fischern bei der Einfahrt in den Hafen den Weg wiesen. Und die Körper, die sich immer wieder aus dem Nichts des Nebels materialisierten und sich dann wie in einem obszönen Traum darboten, waren für sie wie Schiffe, die den Winter über am Kai vertäut waren und von den gegen die Hafenmauer schlagenden Wellen geschaukelt wurden. Bei einigen hatte sie allerdings Zweifel, ob es im Frühling gelingen würde, sie noch einmal seetüchtig zu machen.

Ja, Lutz hatte Wort gehalten. Gleich nach ihrer Unterhaltung hatte er seinen Bekannten vom Sicherheitsdienst angerufen und ihn zu dem verstorbenen Politiker befragt. Tatsächlich war diese "Quelle", wie Lutz sich ausdrückte, nicht ganz unergiebig gewesen. "Ich sage nur: Bahnhof Zoo", hatte er am Telefon geraunt.

Natürlich war Lidia Afanasjewna sofort klar gewesen, dass Lutz damit nicht auf konspirative Treffen im Zoologischen Garten oder den Schmuggel seltener Tierarten anspielte. Dafür kannte sie ihre neue Heimatstadt mittlerweile schon zu gut.

Allerdings erschien ihr die Vorstellung, dass ein Mitglied des deutschen Bundestags in dieser Schmuddelecke der Stadt nach Drogen oder käuflichem Sex suchen könnte, doch etwas zu abenteuerlich. Solche Leute hatten dafür doch ganz andere Möglichkeiten! Wer genug Geld hatte, würde wohl eher diskret einen speziellen Zimmerservice ordern – zumal man als Politiker auch stets Gefahr lief, erkannt und an die Medien verkauft zu werden. Oder war es denkbar, dass eben diese Gefahr der Reiz war, der Kick, den jemand suchte, der sein Leben sonst in einem sterilen, wohlbehüteten Umfeld verbrachte?

"Pass auf", hatte Lutz – ganz der MfS-Offizier, der einen Einsatzplan bespricht – Lidia Afanasjewna am Telefon erklärt.

---ENDE DER LESEPROBE---