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Die Fortsetzung von «Das Licht in den Wellen», der mitreißenden Familiengeschichte zwischen New York und Föhr, erscheint im Februar 2026. Inge Martensen und ihre Urenkelin Swantje haben es endlich nach New York geschafft! Die Stadt hat sich verändert, seit Inge sie als junge Frau zum ersten Mal sah. Hier hat sie einen großen Teil ihres schillernden Lebens verbracht, sich verliebt, eine Familie gegründet. Sie hat Momente großen Glücks erlebt – und großer Trauer. Ende der 1970er-Jahre nimmt Inges Leben noch mal eine überraschende Wende – und es verschlägt die Nordfriesin ausgerechnet nach Sizilien. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem arbeitsreichen Leben begreift Inge, was es bedeuten kann, loszulassen. Eine neue Leichtigkeit durchströmt sie. Und doch zieht es sie zurück zu den beiden Inseln ihres Lebens: der kleinen mitten in der Nordsee und der großen auf der anderen Seite des Atlantiks. Föhr und Manhattan. Wie soll Inge sich jemals zwischen den beiden Welten entscheiden, denen ihr Herz gehört? Und wie kann sie Swantje helfen, ihren Weg im Leben zu finden?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Janne Mommsen
Roman
Eine Nordfriesin in Sizilien: Die Geschichte von Inge Martensen geht weiter.
Inge und ihre Urenkelin Swantje sind in New York angekommen! Die Stadt hat sich verändert, seit Inge sie als junge Frau zum ersten Mal sah. Hier hat sie sich verliebt, eine Familie gegründet. Sie hat Momente großen Glücks erlebt – und großer Trauer. Ende der 1970er-Jahre nimmt Inges Leben noch mal eine überraschende Wendung – und es verschlägt die Nordfriesin ausgerechnet nach Sizilien. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem arbeitsreichen Leben begreift Inge, was es bedeuten kann loszulassen. Und doch zieht es sie zurück zu den Inseln ihres Lebens: Föhr und Manhattan. Wie soll Inge sich jemals zwischen den beiden Welten entscheiden, denen ihr Herz gehört? Und wie kann sie Swantje helfen, ihren Weg im Leben zu finden?
Eine vier Generationen umspannende Familiengeschichte zwischen Föhr, Manhattan und Sizilien – voller Fernweh und Herz.
Janne Mommsen hat in seinem früheren Leben als Krankenpfleger, Werftarbeiter und Traumschiffpianist gearbeitet. Inzwischen lebt er als freier Autor in Hamburg. Mommsen hat eine Weile in Nordfriesland gewohnt und kehrt immer wieder dorthin zurück, um sich der Urkraft der Gezeiten auszusetzen. Die Frage, wie ausgerechnet der Manhattan zum Nationalgetränk der Föhrer wurde, hat ihn schon immer beschäftigt. Und so widmet er sich in seiner Dilogie diesem besonders spannenden Kapitel der friesischen Geschichte. Das Salz in der Luft ist der zweite Band nach Das Licht in den Wellen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Lübbeke Naumann Thoben, Köln
Coverabbildung Grażyna Smalej; AGIP/Bridgeman Images
ISBN 978-3-644-02149-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Maite und Tammo
Aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.
Thales von Milet (um 625–545 v.Chr.)
Am späten Vormittag glitt Tom mit seinem Surfboard am Nieblumer Strand ins Wasser und hielt zwischen der Südspitze von Sylt und der Nordspitze Amrums auf die offene See zu. Der Wind wehte heftig aus Nordwest, die Wellen trugen weiße Schaumköpfe. Die Flut lief gerade auf, das Wasser wurde schnell tiefer. Um das Segel auf Kurs zu halten, musste er sich voll ins Rigg hängen. In diesem Moment gab es nur die Nordsee, den Himmel, den Wind und ihn. Vor der Sonne jagte der Sturm hoch aufgetürmte Wolkengebilde vorbei, deren Schatten auf der Wasseroberfläche immer neue Muster bildeten. Alles um ihn herum leuchtete. Über ihm krächzten zwei Möwen, die in der Luft zu stehen schienen, das Meersalz kitzelte seine Nase. Niemand sonst war zu sehen, für die meisten Surfer war die Saison im Oktober längst beendet.
Hinter den Inseln frischte die Brise noch einmal spürbar auf. Eine kleine graue Wolke erschien, aus der es heftig zu schütten begann, die Tropfen prasselten ihm erbarmungslos ins Gesicht. Er hielt durch, bis er auf der anderen Seite der Regeninsel wieder ins Sonnenlicht glitt. Da meldeten sich seine Handgelenke und Knie mit leichtem Schmerz, der ihm wieder einmal klarmachte, dass jeder Törn der letzte sein konnte. Dass er mit Ende sechzig immer noch auf dem Brett stand, war nach seinem Bandscheibenvorfall ein kleines Wunder. Aber er wollte sich nicht unterkriegen lassen und nicht auf alles hören, was die Ärzte ihm rieten.
Es war höchste Zeit umzukehren. Er musste an seinen Vater denken, ein erfahrener, umsichtiger Skipper, der bei einem Sturm ertrunken war. Der Wind drehte auf Nordost, Tom musste gegen ihn kreuzen. Das verlangte ihm alles an Kraft und Geschick ab. Die Schmerzen ignorierte er, was sollte er auch anderes tun? Hier draußen war er auf sich gestellt, es durfte einfach nichts passieren.
Nachdem er wieder auf den Nieblumer Strand geglitten war, ließ er sich neben sein Brett in den Sand fallen und japste nach Luft. Es dauerte deutlich länger als sonst, bis sich sein Körper beruhigt hatte. Er schaute auf seine wasserdichte Armbanduhr – fast ein Uhr. In einer Viertelstunde war er bei der Feuerwehr in Oldsum verabredet. Er schleppte Brett und Segel zu seinem uralten Landrover, der hinter den Dünen parkte. Dort tauschte er den Neoprenanzug gegen ein ausgewaschenes dunkelrotes Sweatshirt, kurze Bluejeans und weiße Sneakers.
Auf der Fahrt im offenen Wagen wurde ihm in den Shorts zu kalt, deswegen drehte er die Heizung voll auf und ließ sich warme Luft auf die nackten Beine pusten.
Vorm Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr in Oldsum puzzelte Ortsgruppenführer Eike gerade an einem Notstromaggregat herum. Der Mittvierziger verzog nie das Gesicht, weder wenn er sich freute noch wenn er traurig war. Dadurch wirkte Eike immer gleichbleibend mürrisch, was er eigentlich gar nicht war. Die Freiwillige Feuerwehr Oldsum war sein Ein und Alles, und davon profitierte das ganze Dorf. Notfälle mussten sie hier selbst in den Griff bekommen, wenn es irgendwo brannte, hätte es einen Tag gedauert, bis Hilfe vom Festland die Insel erreichte.
«Guddai, Eike», grüßte Tom.
«Mhm», brummte Eike, ohne aufzuschauen.
Was Tom im Stillen übersetzte in: «Moin, Tom, schön, dich zu sehen, wie geht es dir?» Er trat näher heran und legte seine Hand aufs Gehäuse des Notstromaggregats: «Was hat er denn?»
«Finger weg!», fauchte Eike.
«Ich hab gar nichts gemacht!» Tom kam gleich zum Thema: «Sag mal, wegen Moms Gebuursdai, geht da alles klar?»
In der Blaskapelle, die am 21. Februar beim hundertsten Geburtstag seiner Mom auftreten sollte, spielten Feuerwehrleute von der ganzen Insel.
«Wir marschieren über dieDorfstraße zu euch ins Ual Skinne Wiartshüs», kündigte Eike an.
Die traditionelle Gaststätte hatte Tom bereits für das Festessen gemietet, was Mom besonders freuen würde, denn hier hatte sie als Mädchen einmal gearbeitet.
«Was will Inge für Musik haben?», erkundigte sich Eike, während er konzentriert mit einem zierlichen Schraubenzieher an dem Aggregat herumfummelte.
Tom überlegte. «Auf jeden Fall Min eilun Feer und New York, New York, ansonsten alles von Woodstock.»
«Woodstock? Ernsthaft?»
«Moms Lieblingsplatte.»
Eike grinste. «Die Alten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.»
«So ist das.»
«Kriegen wir hin.»
Tom staunte immer wieder, wie vielfältig das Repertoire der Feuerwehrkapelle war.
«Wir haben am 21. nur ein Zeitproblem.» Eike kratzte sich am Kinn.
«Wieso?»
«Da spielen wir auch beim Biikebrennen.»
Am 21. Februar wurden auf der Insel traditionell riesige Feuer entzündet, mit denen die bösen Geister des Winters vertrieben werden sollten.
«Vergiss nicht, der Inselbote wird über Inge schreiben, vielleicht kommt das Fernsehen! Das ist beste Werbung für euch.»
Eike stand auf und nahm einen Plastikkanister in die Hand. Tom nahm an, dass er mit dem Inhalt den Tank für das Aggregat füllen wollte. Stattdessen stellte er wortlos zwei Wassergläser auf die Motorhaube eines Löschzugs, der in der halb offenen Garagentür stand, und befüllte sie mit der dunkelbraunen Flüssigkeit aus dem Kanister. Tom wusste Bescheid: Das Nationalgetränk von Föhr hatte jede und jeder auf der Insel fertig gemixt bei sich stehen. Der Manhattan bestand im Wesentlichen aus einem Teil Bourbon und zwei Sorten Vermouth. Um die Mittagszeit trank Tom sonst nie Alkohol, aber bei Eike war das ein Ritual und musste sein.
Sie stießen an.
«Sünjhaid.»
«Sünjhaid.»
Eikes Manhattan-Mischung war extrem bourbonlastig. Tom bemühte sich, nach dem ersten Schluck nicht das Gesicht zu verziehen.
«Und Inge ist noch in New York?», erkundigte sich Eike.
«Jo.»
«Länger?»
«Ja, irgendwas ist da drüben mit Swantje im Busch, nix Genaues weiß man nicht.» Seine fast zwanzigjährige Enkelin, die Mom auf die Reise begleitete, betrieb eine gut gehende Trachtenschneiderei in Borgsum. Mom wollte ihr hoffentlich nicht einreden, dass sie die für irgendwelche Spinnereien in New York aufgab! Das hatten schon ganz andere probiert und waren gescheitert. «Meike mischt da bestimmt auch irgendwie mit.»
Seine Cousine kam ursprünglich auch von Föhr, lebte aber seit ihrem achtzehnten Lebensjahr in New York.
«Wie geht’s Meike denn?» Eike kannte sie noch von damals.
«Sie haut in New York immer noch auf den Putz und tut so, als wenn sie nicht älter wird.»
Eike nickte. «Wie wir alle.»
«Tied löppt.»
«Kannst wohl sagen.»
Nach dem Manhattan ließ Tom den Landrover stehen und wanderte zu Fuß in die kleine reetgedeckte Friesenkate am Rand des Nachbarortes Dunsum, wo er und Mary wohnten.Unglaublich, er warnun schon vierzig Jahre mit seiner Frau zusammen.
Plötzlich fing es an zu pladdern, seine Shorts und Shirt waren bald pitschenass. Zu Hause streifte er sich einen dunkelblauen Seemannspullover über und zog eine graue Jogginghose an. Mary hatte im Wohnzimmer den Kamin in Gang gesetzt, das machte sie in der kühlen Jahreszeit gerne schon mal tagsüber. Das trockene Holz knackte im Feuer, Tom setzte sich neben sie auf die Couch.
Mary war immer die treibende Kraft in der Familie gewesen, sie hatte den Laden zusammengehalten. Als von seiner Seite eine Zeit lang kaum Geld hereinkam, war sie sich für keine Arbeit zu schade gewesen. Sie hatte Englischnachhilfe gegeben, an der Nieblumer Tankstelle ausgeholfen, eine kleine Landwirtschaft betrieben, Tischlerarbeiten an Booten ausgeführt. Immer war sie am Wühlen und Machen gewesen, jeder Euro, der reinkam, war für sie ein guter Euro. Darauf, dass Mary eine Tochter «aus gutem Hause» war, aufgewachsen gegenüber dem Central Park an der noblen Fifth Avenue, wäre auf Föhr niemand gekommen. Zu ihrem Vater hatte Mary nach der Heirat mit Tom keinen Kontakt mehr gehabt, was traurig war: Ihr Sohn Jan hätte seinen Großvater gerne kennengelernt. Doch David war bereits 2005 auf den Bahamas gestorben, ohne sich jemals wieder bei seiner Tochter gemeldet zu haben. Daran hatte Mary ziemlich zu knabbern, das merkte Tom immer wieder, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen, das bewunderte Tom. Er hingegen konnte nicht mal kleine Sticheleien seiner Mom übergehen. Insgesamt hatte er deutlich weniger Antrieb als seine Frau. Klar konnte auch er arbeiten, aber in seinem tiefsten Inneren war er der surfende Hippie geblieben. Lieber hatte er mit Jan, als der noch klein war, am Strand gespielt, als für irgendwen zu schuften.
«Jetzt, wo ich das Fest durchorganisiert habe, wird Mom nicht mehr absagen», sagte er zu Mary.
«Wieso ist es dir eigentlich so wichtig, dass Ingma groß feiert?», fragte sie. «Lass sie das doch entscheiden, vielleicht ist es ihr einfach zu viel, das ist doch auch okay.»
Er sah sie verständnislos an. «Sie ist der Insel auch was schuldig.»
«Nonsens, wieso das denn? Sie schuldet niemandem etwas.»
«Ach, das wird großartig, die Feuerwehrkapelle spielt für sie, obwohl gleichzeitig Biikebrennen ist.»
«Und wenn sie gar nicht aus New York zurückkommt?»
«Dann hole ich sie persönlich dort ab!»
Am hundertsten Geburtstag seiner Mom wollte er es in Oldsum krachen lassen, davon ließ er sich nicht abbringen. Von diesem Fest würde man auf Föhr noch lange reden.
«Du hast echt ’ne Macke», meinte Mary lächelnd.
«Swantje sollte am besten gleich mit zurückkommen», sagte er. «Mit Meike und Mom driftet sie in New York doch total ab.»
«Wie kommst du darauf?»
«Du kennst doch Mom! Die setzt ihr irgendwelche Flöhe ins Ohr, von wegen Modekarriere in New York.»
«Inge hat es da schließlich auch geschafft.»
«Mal im Ernst, wenn jemand nach Föhr gehört, dann ja wohl Swantje.»
«Die Deern ist zwanzig, da kann sie sich doch mal woanders umsehen.»
«Kannst du dir Swantje in der New Yorker Modeszene vorstellen? Ein zartes Friesen-Girl wie sie wird dort doch von den Haien gefressen.»
«Sagt der Mann, der in New York geboren und aufgewachsen ist.»
«Das kannst du nicht mit heute vergleichen, damals waren ganz andere Zeiten. Dass New York nicht hinterm Deich liegt, wird Swantje schnell merken.»
Er stand auf, nahm ein Holzscheit aus dem Eisenkorb und legte ihn ins Feuer. Dann schob er mit der Kaminschaufel die glühende Asche zusammen.
«Und wenn sie trotzdem drüben bleiben will?», fragte Mary.
Tom winkte ab. «In erster Linie geht es mir um Mom. Sie muss zur Ruhe kommen, New York ist zu viel für sie.»
«Findet sie das auch?»
«Am besten, sie kommt noch vor Heiligabend zurück. Dann kann sie sich bis zu ihrem großen Tag noch ein bisschen ausruhen.»
«Ich glaube, sie will an ihrem Hundertsten einfach keinen Rummel haben, das ist alles.»
«Toll, und deswegen geht sie ausgerechnet nach Manhattan, wo es ja bekanntlich total still ist …»
«New York ist genauso ihre Heimat wie Föhr», gab Mary zu bedenken. «Da hat sie deinen Vater kennengelernt und einen großen Teil ihres Lebens verbracht, vergiss das nicht.»
«Am besten, ich fahre rüber und hole sie persönlich ab, auf mich wird sie hören.»
Er rührte mit dem Eisenhaken im Feuer herum.
«Was machen die drei eigentlich genau in New York?», fragte Mary.
«Irgendwas mit Mode.»
«Was genau?»
«Totalen Quatsch, der zu nichts führt!» Tom schnappte sich sein Handy. «Wie spät ist es drüben gerade?»
Mary schaute auf ihre Uhr. «Neun.»
«Dann ist Mom schon wach.»
Nach dem vierten Klingeln meldete sich die Mailbox. Tom bestätigte noch einmal, dass mit der Feuerwehr in Oldsum alles klarging, obwohl Mom es eigentlich längst wusste.
Während draußen die Dämmerung einsetzte, blickten Mary und er stumm in die Flammen.
Inge wachte vom Piepsen ihres Handys auf und streckte sich erst einmal in dem großen Bett mit dem verschnörkelten Metallrahmen nach allen Seiten aus. Das Gästezimmer ihrer Nichte Meike war wirklich nicht nach ihrem Geschmack eingerichtet, der kitschige Kristallleuchter an der Decke, die Porzellanengel in allen vier Zimmerecken, die Fotos von Sonnenuntergängen, das war nicht ihres. Sie mochte es skandinavisch schlicht, klare Formen, Holz in Verbindung mit Metall. Was sie aber nie wieder missen wollte, war die Fernbedienung, mit der sie die blickdichten Vorhänge vor den bodentiefen Fenstern vom Bett aus öffnen konnte. Wenn morgens auf Knopfdruck die Hochhäuser der Lower East Side und der Himmel zum Vorschein kamen, war das wie Kino. Eine Weile lag sie einfach nur da und genoss den Blick vom 18. Stock auf Manhattan.
Sie nahm ihr Handy vom Nachttisch und setzte die Lesebrille auf. Das Display zeigte einen Anruf ihres Sohnes auf der Mailbox an. «Vergiss es, Tom», murmelte sie. Er hatte bereits dreimal angerufen, um sie nach Föhr zurückzuordern, möglichst noch vor Weihnachten. Als wenn ihn das etwas anging!
Es klopfte an der Tür. «Ja?»
Ihre Urenkelin Swantje steckte den Kopf hinein. «Moin, Ingma, Frühstück ist fertig.»
Inge zog sich in aller Ruhe an, was immer etwas Zeit in Anspruch nahm, dann verließ sie das Schlafzimmer.
Im größten Raum von Meikes Fünfzimmerwohnung gab es eine riesige anthrazitfarbene Liegecouch, die an zwei Seiten von ebenfalls bodentiefen Fenstern umgeben war. Meike und Swantje hatten es sich dort unter Wolldecken bequem gemacht und blickten hinaus. Gerade schwebte ein silberner Zeppelin mit Coca-Cola-Aufschrift über den Hochhäusern hinweg. Auf dem Couchtisch standen Tabletts mit frisch gebackenen Waffeln, Ahornsirup und italienischem Kaffee, dessen Bohnen Meike aus einem sizilianischen Spezialgeschäft in der Lower East Side bezog. Im Hintergrund lief Cool Jazz, durch den großen Raum waberten unaufgeregte Trompetentöne.
Nach dem ausgiebigen Frühstück wandte sich Inge an Meike und Swantje: «Ich würde euch gerne mein New York von damals zeigen, was haltet ihr davon? Lasst uns zum Deli fahren, wo ich angefangen habe, und dann geht es rüber zum Segelclub. Ich bin zu neugierig, wie es da heute aussieht!» Und sie fügte für ihre Urenkelin hinzu: «Das sind auch hervorragende Orte für dich, um Kontakte zu knüpfen.»
«Inwiefern?», fragte Swantje.
«Ich weiß nicht, was aus meinem Deli geworden ist, aber die Lower East Side ist eine angesagte Gegend für Kreative. Und die Geldleute im Segelclub entscheiden letztlich, was in der Stadt läuft, auch in der Mode.»
Meike hatte lange in der New Yorker Modebranche gearbeitet. Über ein paar Beziehungen hatte sie erreicht, dass Harper’s Bazaar Swantjes Entwürfe von modernen Friesentrachten zu sehen bekam. Morgen hatte Swantje dort ein Meeting, eine Riesenchance! Unabhängig davon musste sie für ihre Kreationen selber Abnehmer finden, Firmen und Boutiquen, dazu brauchte sie Kontakte, Kontakte und nochmals Kontakte.
Für den Ausflug gingen sich alle umziehen. Meike wählte eine schwarze Lederhose, dazu einen flauschig-weißen Flanellpullover und High Heels von Manolo Blahnik. Swantje entschied sich für klassische Bluejeans, Wollpullover und dunkelblaue Seemannsjacke, anschließend half sie Inge in ihren grauen Wintermantel. Im voll verspiegelten Aufzug fuhren sie in die Tiefgarage. Gott sei Dank stand Meikes roter Tesla direkt neben dem Eingang. Inge stieg mit der Unterstützung ihrer Nichte auf der hinteren rechten Seite ein.
«Der angemessene Platz für die Präsidentin!», rief sie. Vorne, wo früher das Armaturenbrett gewesen war, leuchtete ein riesiges Computerdisplay auf. «Oh, kann man während der Fahrt auch Fernsehen gucken?», scherzte sie.
«Das auch», erklärte Meike ungerührt. «Wir sind immer mit dem Internet verbunden.»
«Läuft das noch unter ‹Auto› oder schon unter ‹Flugzeug›?»
Meike lachte. «Damals war dein Thunderbird einer der coolsten Wagen seiner Zeit, heute ist es dieser.»
Sie zog ihre Manolos aus, denn mit solch hohen Absätzen konnte kein Mensch Auto fahren, das tat sie lieber in ihren Seidensocken.
Inge nickte. «Zugegeben, der Thunderbird mit seinen zwei Sitzen war total unpraktisch. Aber gefühlt hatte er 1000 PS unter der Haube, und ich habe wer weiß wie viele Tickets bekommen, weil ich immer zu schnell war. Das war mir der Spaß wert.» Sie fügte hinzu: «Natürlich waren die Autos damals nicht gut für die Umwelt, das weiß ich heute auch …»
Zum ehemaligen Deli-Store war es nicht weit, aber zu Fuß hätte sie die Strecke nicht geschafft. Mit dem Wagen dauerte es trotzdem viel länger, überall blockierten Lieferwagen den Verkehr, ein Polizeiauto des NYPD forderte mit eingeschalteter Sirene Durchfahrt, Fußgänger rannten kreuz und quer über die Straße. Der ganz normale New-York-Wahnsinn, der nie anders gewesen war, auch nicht zu Inges Anfangszeit Ende der Vierzigerjahre.
«Meine Spezialität im Deli war damals mein Kartoffelsalat», erzählte sie. «Ich habe ihn mit asiatischem Curry und anderen Gewürzen verfeinert, die ich um die Ecke in Chinatown besorgt habe. Ich habe ihn Tante Inge’s special potato salad genannt. ‹Tante Inge› klang für Amerikaner exotisch, das kam gut an. Die Leute haben uns die Bude eingerannt, auf New Yorker Partys wurde er neben Hummer und Kaviar als Spezialität gereicht. Einmal haben wir für einen Empfang in der Manhattan Bank dreißig Eimer davon geliefert!»
Diese Story hatten Meike und Swantje zigmal gehört, aber Inge war stolz darauf, und zu Recht: Ihr Kartoffelsalat hatte ihr in New York alle Türen geöffnet, ohne ihn wäre ihr Leben anders verlaufen.
«Ich bin gespannt, ob du im Laden noch etwas von damals wiedererkennst», meinte Meike.
«Irgendwas bleibt immer.»
Einen Block weiter bog Meike in eine Seitenstraße und hielt vor einem unscheinbar aussehenden Haus. «Hier muss es sein.»
Im Schaufenster waren schwarze Ledermäntel und -jacken mit glänzenden silbernen Nieten ausgestellt. Rechts daneben befand sich ein Schuhladen, links ein Coffeeshop. Meike half ihr aus dem Wagen.
Inge schaute sich nach allen Seiten um. «Nichts sieht hier aus wie damals», stellte sie fest.
«Drinnen ist es ganz bestimmt noch wie früher», meinte Meike augenzwinkernd.
«Davon gehe ich aus.»
Swantje ging voran und hielt den beiden die Tür auf.
Inge riss die Augen auf. Wände und Decke im Inneren des Ladens waren schwarz bemalt, in offenen gläsernen Vitrinen, die einzeln mit hellen Spots angestrahlt wurden, lagen Peitschen, Handschellen, Zaumzeug und Seile zum Fesseln. Ein Mann mittleren Alters kam auf sie zu, Lippen und Nase gepierct, Hals und Arme voller Tattoos. Er trug eine Lederweste, kurze schwarze Lederpants, dazu braune Reitstiefel.
«Hi, I’m John, mit welcher Gemeinheit kann ich euch dienen?»
«Wow, was für eine Ansage», sagte Meike kichernd. «Like it!»
«Hi, ich bin Inge, ich habe hier früher gearbeitet.»
John lächelte. «Dann kennst du dich ja aus.»
«Na ja, es liegt ein paar Jährchen zurück.»
«Und du standest damals schon auf Lack und Leder?», staunte er.
«Nein, wir haben Sandwiches und Salate verkauft. Ich war berühmt für meinen Kartoffelsalat. Dort war der Kühlschrank für die Milchflaschen.» Sie deutete auf einen Stuhl mit diversen Fesselvorrichtungen. «Gibt es hier irgendetwas, was noch von früher sein könnte?»
John überlegte. «Vielleicht in meinem Büro.»
Er führte sie hinter den Kassentresen in ein kleines Zimmer mit altem Schreibtisch und hohen Regalen. Der Raum war vom Fußboden bis zur Decke weiß gekachelt, bis auf eine durchgehende Reihe mit Windmühlenmotiven in Dunkelblau.
«Die hat Gerd sich damals von Föhr kommen lassen», jubelte Inge. «Hier haben wir das Fleisch zubereitet!» Ihr damaliger Chef stammte wie sie aus dem kleinen Föhrer Inseldorf Oldsum.
«Furchtbar.» John schüttelte sich.
«Wieso?»
«Ich bin Veganer.»
«Sag mal, kennst du zufällig Leute aus der Modeszene?», erkundigte sich Inge beiläufig. «Meine Urenkelin möchte in New York ihre Kollektion unters Volk bringen.»
«Was hast du für Vorstellungen, wen ich kenne?», fragte John. «Ich bin ein ganz normaler Spießer und möchte auch nichts anderes sein.»
«I beg your pardon.»
Einen Moment standen sie sich betreten gegenüber.
«Und du warst berühmt für deinen Kartoffelsalat?», fragte John.
Inge nickte.
«Ich bin es für meine Kekse.» Er lächelte. «Ich backe sie das ganze Jahr, nicht nur zu Weihnachten, bitte nehmt Platz!»
Er deutete auf einen niedrigen Tisch, um den Lederstühle standen. Sie setzten sich, und John kam mit einer großen Blechdose mit Weihnachtsmotiven wieder, die mit hellen Keksen gefüllt war. Dazu stellte er Teekanne und Tassen auf den Tisch.
«Greift zu!», forderte er sie auf, während er allen einschenkte.
Die Kekse waren mit Rosinen gespickt und schmeckten vorzüglich.
«Splendid», befand Inge. «Und die Rosinen machen den Keks auch nicht zu süß.»
«Deswegen habe ich Ingwer dazugetan.»
«Mmh, doch, für mich harmoniert das perfekt miteinander – very delicious!»
Beim Abschied reichte ihm Meike ihre Visitenkarte. «Falls einer deiner Freunde doch jemanden aus der Modeszene kennt …»
John lächelte und gab ihnen links und rechts ein Wangenküsschen, dann rief er Swantje zu: «Warte, ich habe noch was für dich, was zu deinen Stiefeln passt!»
«Ich gehe schon mal vor», sagte Inge. «Thank you so much for everything, darling.»
Sie hakte sich bei Meike ein und ging zum Wagen. Kurze Zeit später kam Swantje mit einer Peitsche heraus.
«Es war schön, deinen Arbeitsplatz kennenzulernen, Ingma!», sagte sie und ließ die Peitsche knallen. «Und jetzt husch, husch in den Wagen!»
Alle lachten.
Für einen Tag Mitte Oktober war es erstaunlich warm, an die 30 Grad. Meike schaltete die Klimaanlage aus und ließ alle Fenster herunter. Dazu lief ihre Lieblingsmusik aus den Sechzigern und Siebzigern. Als sie über den East River fuhren, kam Elton Johns erster Hit Crocodile Rock aus den Lautsprechern. Swantje kannte ihn nicht, aber Meike und Inge sangen jede Zeile textsicher mit: I remember when rock was young, me and Suzie had so much fun …
Mit wehenden Haaren zischten sie über die Brooklyn Bridge aus New York heraus Richtung Long Island, um in Inges ehemaligem Segelclub ihren Lunch einzunehmen. Nach ihrer Zeit im Deli-Store hatte Inge das Restaurant dort ganz nach oben gebracht, zusammen mit ihrem Mann Hauke.
«Hier ist auch dein Großvater Tom aufgewachsen», erklärte sie Swantje.
Die Bebauung zu beiden Seiten des Highways wurde auf Long Island niedriger, schließlich säumten fast nur noch Einfamilienhäuser den Straßenrand.
«Tante Inge hat damals einen besseren Kiosk in ein Gourmetrestaurant verwandelt», sagte Meike. «Hier gingen die reichen New Yorker ein und aus. Ich habe in meiner Anfangszeit dort gekellnert und so die wichtigsten Leute der Stadt kennengelernt. Die haben mir in New York viele Türen geöffnet.» Sie lächelte. «Ich war ja genauso ein Föhrer Landei wie wir alle.»
«‹Leute› ist gut! Das waren überwiegend Männer», erinnerte Inge sie. «Und du warst ein junges hübsches Ding, ich habe mir einige Sorgen um dich gemacht.»
Meike winkte ab.
«Du hast sie alle geschickt um den Finger gewickelt, das muss ich schon sagen.»
Ihre Nichte warf ihr einen zärtlichen Blick durch den Rückspiegel zu. «Ach was, mein großes Vorbild warst immer du, Tante Inge.»
«Ich verrate euch mal was», Inge zog eine zerfledderte Stoffpuppe aus ihrer Jacke. «Das Geheimnis meines Erfolgs ist Telse. Sie kommt von der Hallig Langeneß und wurde hundertmal geflickt. Telse hat mich mein Leben lang begleitet und mir immer Glück gebracht.»
«Mehr hat es nicht gebraucht?», fragte Swantje.
«Na ja, ich habe auch viel gearbeitet. Wobei das allein kein Garant für irgendetwas ist. Im Nachhinein weiß ich nicht mal, ob es richtig war. Ich hätte wahrscheinlich mehr Zeit mit Tom verbringen sollen …»
«Hat er sich denn jemals beschwert?», fragte Meike.
«Das nicht.»
«Na siehste.»
«Bestimmt hängt im Club irgendwo ein Bronzeschild mit deinem Namen», spekulierte Swantje.
Inge streckte den Hals zur Wagendecke und lächelte. «Davon gehe ich aus. Und ich denke, dort wird dir auf jeden Fall irgendwer in Sachen Mode weiterhelfen können.» Sie freute sich riesig, dass sie in ihrem Alter noch etwas für ihre Urenkelin tun konnte. «Das Clubrestaurant wird ein Fest!»
«Falls es nicht auch inzwischen ein Sadomasoladen ist», warnte Meike.
Kurze Zeit später bogen sie auf das Gelände des Segelclubs ab. Das große Backsteingebäude mit dem umlaufenden Balkon im Obergeschoss erinnerte an eine Südstaatenvilla und hatte gleichzeitig etwas Britisch-Aristokratisches. Es lag direkt an der Manhasset Bay, im Wasser davor lagen die Jachten an den Stegen.
«Ist es nicht ein Traum?» Inge blickte über die Bucht.
Nirgendwo hatte sie länger gelebt. Was hatten sie hier für Feste und Bankette ausgerichtet, mit einer exquisiten Küche, die ihresgleichen suchte. Sie hatte sich immer neue Köstlichkeiten einfallen lassen, um ihre Gäste zu verwöhnen, darauf war sie bis heute stolz. Vor allem hatte sie hier die glücklichste Zeit mit ihrem Mann Hauke und ihrem Sohn Tom verbracht. «Einmal hat sich ein Wal in die Bucht verirrt», erinnerte sie sich.
«Den haben wir mit Booten zurück aufs offene Meer dirigiert, angeführt von deinem Föhrer Ururgroßvater, Swanee.»
«Warst du eine gute Seglerin, Ingma?», fragte Swantje.
«Ich muss zugeben, dass mir Boote immer zu eng waren. Am liebsten habe ich im sicheren Hafen mit Freunden einen Drink auf dem Achterdeck genommen.»
«Wie mit Paul McCartney?»
«Ach, den habe ich nur einmal getroffen. Den jungen De Niro auch, ach ja, und Jack Nicholson, aber den habe ich in der Hektik gar nicht erkannt.»
Der Parkplatz vor dem Gebäude war voll, aber zufällig fuhr gerade jemand direkt vor der Eingangstür weg.
Meike schoss blitzschnell in die Lücke und lächelte ihre Tante an. «Endlich wieder da, oder?»
«Welcome at Inge’s restaurant», rief die. «Wie wunderbar!»
Sie sah sich wieder mit ihrer Viererclique von damals vor dem Clubhaus am Wasser sitzen: Giovanni, Gerd, Karolina und sie. Alle hielten einen Manhattan in der Hand, lachten und erzählten.
Langsam stieg sie aus, ihre Stöcke ließ sie im Wagen. Zusammen gingen sie zum Eingang, da schoss ein durchtrainierter Mann in schwarzem Anzug auf sie zu und stellte sich ihnen in den Weg.
«Sorry, this is private property!»
Inge lächelte. «Ich habe ein wichtiges Anliegen.»
«Sind Sie Clubmitglied?»
«Seit Ewigkeiten.»
«Macht es Ihnen etwas aus, Ihren Ausweis zu zeigen, Madam?»
«Mein Name ist Inge Martensen, ich habe dieses Restaurant Jahrzehnte geführt.»
«I’m sorry, Madam, ich habe die strikte Anweisung, nur Mitglieder hineinzulassen.»
«Mich kennen hier alle! Tante Inge – sagt Ihnen das nichts, Sir?»
«Ich arbeite erst seit zwei Wochen hier.» Der Security-Mann räusperte sich. «Es tut mir leid, Madam. Ich wünsche Ihnen alles Gute, bleiben Sie gesund.»
Das war eine Niederlage, da gab es nichts zu beschönigen.
«Wir hätten reservieren sollen.» Meike zückte ihr Handy. «Das haben wir gleich.»
Inge winkte ab. «Nein, für heute ist es genug … Es war auf jeden Fall schön, hier gewesen zu sein.»
Das wollte Meike auf keinen Fall so stehen lassen. «Gerade deswegen sollten wir jetzt ins Restaurant gehen. Ich kümmere mich darum.»
Inge spürte, dass ihr plötzlich schummrig wurde. «Sorry, mir geht es gerade nicht so gut …»
Meike und Swantje hakten sie links und rechts unter und brachten sie zurück zum Tesla. Swantje setzte sich neben sie auf den Rücksitz.
Meike am Steuer schaute in den Rückspiegel. «Alles okay, Tante Inge?»
Inge warf einen letzten Blick auf die Bucht. «Mir ist gerade eine schöne Erinnerung gekommen. Aber sie ist zugleich äußerst schmerzhaft. Es begann mit einem großartigen Fest, das meine beste Freundin Karolina bedürftigen Kindern bereitet hatte.»
«Hört sich spannend an.»
«Wirklich?»
«Ich fahre währenddessen schon mal los, okay?», schlug Meike vor. «Bis Manhattan brauchen wir mindestens eine Stunde.»
«Also gut», sagte Inge. Und begann zu erzählen.
Die Sonne stieg als riesige gelbe Scheibe auf und tauchte die Meeresbucht in ein zartes Licht. Es war absolut windstill, der Himmel spiegelte sich auf der glatten Wasseroberfläche. Inge wanderte den schmalen Küstenpfad hinter ihrem Haus entlang und atmete die salzige Atlantikluft ein. Kurz entschlossen streifte sie ihre Segelschuhe ab und ging barfuß durchs Wasser. Es war kühler als erwartet, aber nach ein paar Schritten gewöhnte sie sich daran.
Alles hier war ihr vertraut. Dabei würde bald nichts mehr sein wie zuvor, in wenigen Monaten begann ein neuer Lebensabschnitt. Einerseits freute sie sich darauf, andererseits stimmte es sie melancholisch: Sie wurde Ualmam, Großmutter!
Bis jetzt hatte Inge sich als alterslos empfunden, meist fühlte sie sich jünger, als sie war. Änderte sich das nun? Sie musste an Rotkäppchendenken, das Märchen hatte ihre eigene Ualmam ihr oft als Kind erzählt. Bisher hatte Inge immer mit Rotkäppchen mitgefühlt, jetzt wurde sie die Großmutter! War ihr kleiner Tom nicht erst gestern noch in der Bootshalle des Segelclubs herumgestromert? Und nun wurde er schon Vater? War das kein Irrtum? Und bedeutete das, dass für sie nun der sogenannte «Herbst des Lebens» begann?
Stopp, dafür war es viel zu früh! Zudem machte es sie traurig, dass ihr Enkelkind am anderen Ende der Welt aufwachsen würde. Aber sollte sie deswegen ihre Existenz auf Long Island aufgeben und wieder auf ihre Heimatinsel ziehen? Nach dem Tod ihres Mannes war sie zunächst nach Föhr gegangen und erst vor Kurzem wieder in die USA zurückgekehrt. Warum konnte ihre Familie nicht zusammen an der Manhasset Bay wohnen, und alles wäre gut? Wie bei allen anderen Familien um sie herum?
Auf jeden Fall wollte sie bei der Geburt ihres Enkelkindes dabei sein. Und noch etwas war für sie gesetzt: Tom hatte sie immer «Mom» genannt, wie in den USA üblich. Wenn sie auf Föhr war, wollte sie von ihrem Enkelkind auf Friesisch mit «Ualmam» angesprochen werden, auf keinen Fall mit «Granny» oder deutsch «Oma».
Als sie nach dem Spaziergang ins Restaurant zurückkehrte, lag das Gebäude des Segelclubs in der hellen Morgensonne. Ihr Chefkoch Julio Cervantes kam gerade vom Großmarkt wieder, den Lieferwagen voller Fisch und Fleisch. Inge packte beim Ausladen mit an, was für sie selbstverständlich war. Julio stand heute Abend mit sechs Köchen in der Restaurantküche. Früher hatten Hauke, sie und ihre Angestellte Betsy das oft zu dritt gestemmt – wie hatten sie das nur hinbekommen?
Heute war ein Ausnahmetag, Inge hatte ihre engsten Freunde zum Grillen an den kleinen Strand eingeladen: Karolina, die sie bei ihrer ersten Überfahrt von Föhr nach Manhattan kennengelernt hatte und die seitdem ihre beste Freundin war, ihre Freunde Giovanni und Jack vom Segelclub sowie Gerd, ihren früheren Chef aus dem Deli. Voller Vorfreude deckte sie den Tisch. Vorsichtshalber spannte sie zwei orangefarbene Sonnenschirme auf, damit es in der Hitze auszuhalten war.
Gegen Mittag rauschten die vier in Giovannis schneeweißem Buick-Cabrio aus Manhattan an. Ihr grau melierter italienischer Freund war wie immer lässig-elegant gekleidet, mit weißer Hose und weißem Hemd. Jack, der Älteste von ihnen, erschien in Bluejeans und Jeansweste über dunkelrotem T-Shirt, seine grauen Haare reichten ihm bis über die Schulter. Gerd trug einen braunen Cordanzug, Karolina hatte ihr neues türkisfarbenes Sommerkleid angezogen, das ihr hervorragend stand.
Sie umarmten sich herzlich und stießen als Allererstes mit einem Glas Manhattan an, das war Tradition.
«Sünjhaid!»
Den friesischen Trinkspruch hatte Inge allen beigebracht. Sie stand mit Gerd am Grill, es gab Steaks, Fisch, buntes Gemüse und Salate, die sie schon am Vorabend vorbereitet hatte. Ihren besonderen Geschmack bekamen sie dadurch, dass Inge sie eine Nacht kühl – nicht kalt! – stehen ließ. Wein, Bier, Sekt und Wasser mit Eiswürfeln standen bereits auf dem Tisch.
Nach ihrem letzten Treffen vor vier Wochen war so viel passiert, sie mussten über alles reden! Irgendwann erhob sich Karolina und schlug mit einem Löffel gegen ihr Glas.
«Ich habe ein Attentat auf euch vor», kündigte sie an.
Alle wurden still und blickten sie neugierig an.
«Ich möchte im Club eine Charity-Veranstaltung für meinen Kindergarten organisieren. Hier haben alle genug Geld, es sollte möglichst viel für meine Kinder zusammenkommen.»
Karolina war als Anwältin in New York sehr erfolgreich, hatte aber nie vergessen, dass das Leben für sie als Geflüchtete auch anders hätte verlaufen können. Neben großen Firmen vertrat sie immer wieder auch Mandanten, die völlig mittellos waren. Vor einem Vierteljahr hatte sie ein Haus in der Bronx gemietet und dort einen Kindergarten eingerichtet. Viele Clubmitglieder hatten Möbel gespendet, Giovanni, Gerd und Jack hatten beim Tapezieren und Streichen geholfen.
«Laden wir einfach im Advent die üblichen New Yorker Finanzhaie ein und machen ein Fundraising», schlug Jack vor.
«Sehr gut», sagte Karolina. «Sorgst du für die Werbung?»
«Klar, gerne.»
Jack war immer noch Geschäftsführer seiner Werbeagentur in Manhattan, hatte sich aber inzwischen aus dem Operativen zurückgezogen.
Giovanni wirkte noch nicht überzeugt. «Mir ist das nicht genug.»
«Wieso, was stellst du dir vor?», fragte Karolina.
«Ich finde, wir holen die Kids morgens ab und veranstalten hier im Club das tollste Kinderfest aller Zeiten.»
Jack sah das eher kritisch. «Einmal raus aus den Slums, unter Reichen feiern und dann wieder zurück ins Ghetto?»
«Ich weiß, wovon ich rede», sagte Giovanni. «Ich bin auf einem ärmlichen Bauernhof in Sizilien aufgewachsen. So ein Fest wäre der Höhepunkt meines Lebens gewesen, aber davon habe ich nicht mal zu träumen gewagt.»
«Also gut», sagte Karolina. «Wann wäre ein guter Termin?»
Immerhin neigte sich der Sommer gerade dem Ende zu.
«Die Boote werden bald ins Winterquartier gebracht – im Grunde bleibt nur nächster Samstag», überlegte Giovanni.
«Klingt sportlich», meinte Jack.
«Ach, das kriegen wir hin», sagte Inge.
«Wer lädt die Kinder ein?»
Inge und Karolina schauten sich an. «Wir», sagten sie im selben Moment.
«Gleich übermorgen, am Montag.» Karolina sah ihre Freundin fragend an. «Hast du Zeit?»
«Dafür immer!»
