Das Schloss im dunklen Moor - Victoria Holt - E-Book

Das Schloss im dunklen Moor E-Book

Victoria Holt

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Beschreibung

Kann sie ihrem eigenen Verstand noch trauen? Yorkshire, 19. Jahrhundert. Um ihrem tristen Elternhaus zu entkommen, akzeptiert die junge Catherine den raschen Heiratsantrag von Gabriel Rockwell und folgt ihm auf dessen abgelegenes Familienanwesen Kirkland Revels. Doch schon bei ihrer Ankunft spürt Catherine, dass nicht nur das alte Gemäuer, sondern auch die Familie ihres Ehemannes ein dunkles Geheimnis verbirgt. Kurz darauf soll sich ihre schreckliche Vorahnung bewahrheiten: Eine Woche nach ihrer Ankunft stirbt Gabriel unter mysteriösen Umständen. Allein und schwanger, gerät Catherine ins Visier unheimlicher Ereignisse: Eine schattenhafte Gestalt in Mönchskutte verfolgt sie, und die alten Mauern bergen ein Grauen, das ihren Verstand zu zerbrechen droht. Kann sie die Wahrheit ans Licht bringen, bevor sie selbst Kirkland Revels zum Opfer fällt? Ein düsterer historischer Liebesromane für alle Fans von »Jane Eyre«, »Sturmhöhe« oder den Romanen von Felicity Whitmore.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Yorkshire, 19. Jahrhundert. Um ihrem tristen Elternhaus zu entkommen, akzeptiert die junge Catherine den raschen Heiratsantrag von Gabriel Rockwell und folgt ihm auf dessen abgelegenes Familienanwesen Kirkland Revels. Doch schon bei ihrer Ankunft spürt Catherine, dass nicht nur das alte Gemäuer, sondern auch die Familie ihres Ehemannes ein dunkles Geheimnis verbirgt. Kurz darauf soll sich ihre schreckliche Vorahnung bewahrheiten: Eine Woche nach ihrer Ankunft stirbt Gabriel unter mysteriösen Umständen. Allein und schwanger, gerät Catherine ins Visier unheimlicher Ereignisse: Eine schattenhafte Gestalt in Mönchskutte verfolgt sie, und die alten Mauern bergen ein Grauen, das ihren Verstand zu zerbrechen droht. Kann sie die Wahrheit ans Licht bringen, bevor sie selbst Kirkland Revels zum Opfer fällt?

eBook-Neuausgabe November 2025

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1962 unter dem Originaltitel »Kirkland Revels« bei Doubleday & Co., New York

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1962 by Victoria Holt

Die deutsche Erstausgabe erschien 1979 unter dem Titel »Das Schloss im Moor«

Copyright © der deutschen Erstausgabe Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1979

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: IGP (ah)

 

ISBN 978-3-69076-359-2

 

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Victoria Holt

Das Schloss im dunklen Moor

Aus dem Englischen übersetzt von Arno Ullmann

 

Kapitel 1

 

Ich erinnere mich deutlich an den Tag. Es war Frühling, ein frischer Wind wehte über die Moore. Nach dem Lunch war ich von Haus Glen weggeritten, und immer, wenn ich das Haus verließ, war ich froh, dass ich ihm entronnen war. Diese Empfindung beherrschte mich, seit ich von meiner Schule in Dijon nach Hause zurückgekehrt war; vielleicht bestand sie schon immer, nur dass ein junges Mädchen sie deutlicher spürt als ein Kind.

Das Haus war bedrückend. Wie konnte es anders sein – war es doch von jemandem beherrscht, den es nicht mehr gab. In den ersten Tagen nach meiner Rückkehr nahm ich mir vor, die Vergangenheit nie wieder Herr über mich werden zu lassen. Ich war damals neunzehn und hatte gelernt, der Gegenwart ins Gesicht zu sehen, die Vergangenheit zu vergessen und die Zukunft vertrauend zu erwarten.

Heute verstehe ich, dass ich ein bereites Opfer für das Geschick war, das auf mich wartete.

Sechs Wochen, bevor es sich ereignete, war ich von der Schule zurückgekommen, in der ich vier Jahre verbracht hatte, ohne je zu Hause, in Yorkshire, gewesen zu sein. Die Reise nach Hause durch halb Frankreich und England war lang und teuer und meine Erziehung kostspielig genug. Während der Schuljahre hatte ich mir in Gedanken ein Elternhaus aufgebaut, das bei Weitem anders war als die Wirklichkeit. Daher der Schock bei meiner Ankunft.

Von Dijon war ich in Begleitung meiner Freundin Dilys Heston-Browne und ihrer Mutter gereist. Es geschah auf Wunsch meines Vaters. Mrs. Heston-Browne brachte mich zur St.-Pancras-Station, setzte mich in ein Abteil erster Klasse, und ich fuhr allein von London nach Harrogate. Dort sollte ich abgeholt werden.

Ich hatte meinen Vater an der Bahn erwartet. Ich hatte gehofft, dass Onkel Richard da sein würde. Das aber war lächerlich, denn Onkel Richard hätte mich bestimmt in Dijon abgeholt, wenn er in England gewesen wäre.

Wer auf mich mit einem Jagdwagen wartete, war Jemmy Bell, meines Vaters Stallknecht. Es war ein anderer Jemmy als der, den ich zuletzt vor vier Jahren gesehen hatte. Zu entdecken, dass jemand, den ich so gut zu kennen glaubte, meinen Vorstellungen nicht mehr entsprach, war der erste kleine Schock.

Jemmy pfiff beim Anblick meines großen Koffers. »Donnerwetter, Miss Cathy«, sagte er, »sieht so aus, als ob Sie sich zu einer richtigen jungen Dame ausgewachsen hätten.« Er sah sprachlos auf meinen flaschengrünen Samtreisemantel mit den Keulenärmeln und den breitkrempigen, mit einem Gänseblümchenkranz dekorierten Strohhut.

»Wie geht es Vater?«, fragte ich. »Ich hatte angenommen, dass er mich abholt.«

Jemmy schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf. »Das Zipperlein plagt ihn«, sagte er, »kann das Rütteln vom Wagen nicht vertragen. Außerdem ...«

»Außerdem was?«, fragte ich hastig.

»Nun ...«, Jemmy zögerte eine Zeit lang, »er ist gerade in einer schlechten Stimmung ...«

Ein Angstschauer überlief mich, ich erinnerte mich dieser Stimmungen, die durch meine Kinderjahre gegeistert waren. »Bitte still sein, Miss Cathy, Ihr Vater hat seine schlechte Stimmung ...« Und wir gingen dann auf Zehenspitzen und unterhielten uns flüsternd. Mein Vater war dann verschwunden; wenn er wieder unter uns auftauchte, war er blasser als sonst und hatte tiefe Schatten unter den Augen; er schien nicht zu hören, wenn er angesprochen wurde. Er ängstigte mich. In der Schule hatte ich die schlechten Stimmungen aus meiner Erinnerung verdrängt.

»Ist mein Onkel nicht zu Hause?«, fragte ich schnell. Jemmy schüttelte den Kopf. »Hat sich länger als sechs Monate nicht sehen lassen. Wird wohl noch seine anderthalb Jahre wegbleiben.«

Onkel Richard war Schiffskapitän, er hatte mir geschrieben, dass er auf der anderen Seite des Globus viele Monate zu tun hätte.

Ich war niedergeschlagen. Wie glücklich wäre ich gewesen, hätte er mich zu Hause empfangen!

Wir fuhren über Feldwege, die so eng waren, dass ich Acht geben musste, damit das Astwerk mir nicht den Hut vom Kopf streifte. Bald würde sich die Szene ändern und wir von den säuberlichen Feldern und schmalen Fahrwegen in eine wildere Landschaft überwechseln, das Pferd würde kräftig zu klettern haben und ich den Geruch der freien Moore spüren.

Bei dem Gedanken an sie stieg Freude in mir auf, ich verstand plötzlich, dass ich Heimweh nach ihnen gehabt hatte.

Und da war unser Dorf, Glengreen – ein paar Häuser um die Kirche geschart, das Wirtshaus, der Markt und die Hütten. Weiter fuhren wir, an der Kirche vorbei auf die weiße Toreinfahrt zu, durch die Allee. Und da lag Haus Glen vor mir, kleiner als ich es im Gedächtnis hatte, mit geschlossenen Fensterläden, durch die die Spitzenvorhänge erkennbar waren. Ich wusste, dass hinter den Fenstern schwere Samtportieren hingen, die keinen Lichtstrahl durchließen. Wäre Onkel Richard zu Hause gewesen, hätte er die Vorhänge zurückgezogen, die Läden aufgestoßen.

Als ich aus dem Wagen stieg, kam Fanny, die uns hatte ankommen hören, aus dem Haus, um mich zu begrüßen.

Sie war ein deftiges Exemplar einer Yorkshire-Frau, die hübsch hätte sein können, es aber nicht war.

Sie sah mich prüfend an und sagte in ihrem trockenen Akzent:

»Du bist dünn geworden da drüben.«

Ich lächelte. Es war ein seltsamer Empfang von jemandem, der mich vier Jahre nicht gesehen hatte und für mich die einzige ›Mutter‹ gewesen war, an die ich mich erinnern konnte. Aber Fanny war niemals zärtlich mit mir umgegangen; ihre Gefühle zu zeigen, hätte sie ›affig‹ gefunden, wie sie es ausdrückte. Nur wenn sie etwas auszusetzen hatte, kam sie aus sich heraus. Aber sie kannte meine einfachen Bedürfnisse genau; sie sorgte gewissenhaft für meine Ernährung und Kleidung, erlaubte mir aber keine Rüschen und Krausen und das, was sie ›Firlefanz‹ nannte. Sie hielt sich etwas darauf zugute, einem die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen und ihre – oft brutale – Meinung offen auszusprechen.

Als sie meine Kleidung musterte, zuckte ihr Mund in einer Weise, die ich nicht vergessen hatte. Sie konnte fast nie vergnügt lächeln, umso mehr aber eine Grimasse amüsierter Verachtung zeigen.

»So was trägt man also dort drüben?«

Ich nickte kühl. »Ist Vater zu Hause?«

»Hallo, Cathy ...« Es war seine Stimme, er kam die Treppe zur Halle herunter. Er sah blass aus, mit Schatten unter den Augen. Zum ersten Mal sah ich ihn mit den Augen des Erwachsenen und dachte: er sieht ratlos aus.

»Vater!«

Wir umarmten uns. Obgleich er sich bemühte, Wärme zu zeigen, spürte ich, dass sie nicht von Herzen kam. Ich hatte das Gefühl, dass meine Heimkehr ihn nicht freute, dass er es lieber gehabt hätte, wenn ich in Frankreich geblieben wäre.

Und nach fünf Minuten in der düsteren Halle war es wieder da: die Bedrückung und die Sehnsucht, dem allen zu entfliehen.

Wie anders wäre meine Rückkehr gewesen, hätte Onkel Richard mich erwartet.

 

Ich ging in mein Zimmer, wo Sonnenstrahlen durch die Spalten der Fensterläden drangen. Ich öffnete Fenster und Läden, Licht durchflutete den Raum. Er lag im Obergeschoss, ich blickte auf das Moor. Freude überfiel mich. Es war unverändert, es entzückte mich. Wie oft war ich jubelnd auf meinem Pony dort hinausgeritten, begleitet von einem der Stallknechte. Wenn Onkel Richard zu Hause war, ritt er mit mir. Wir kanterten und galoppierten, unsere Gesichter dem Wind dargeboten. Wir hielten bei der Schmiede, setzten uns, ein Pferd wurde beschlagen, wir tranken ein Glas von Tom Entwhistles hausgemachtem Wein, den Geruch von gesengtem Horn in der Nase.

Meine Gedanken wanderten zurück zu den alten Tagen. Morgen werde ich wieder in die Moore reiten – diesmal allein. Wie endlos schien doch dieser erste Tag! Ich strich durch das Haus, durch all die Räume, die dunklen Zimmer, aus denen die Sonne ausgeschlossen war. Wir hatten zwei ältliche Bedienstete, Janet und Mary. Fanny hatte sie gewählt und ausgebildet. Jemmy Bell hatte zwei Jungen als Stallgehilfen, sie sorgten auch für den Garten. Mein Vater war ohne eigentlichen Beruf – das, was man einen Gentleman nannte. Er hatte Oxford mit Auszeichnung beendet, ein wenig doziert, als passionierter Archäologe in Griechenland und Ägypten gearbeitet. Nach seiner Verheiratung war meine Mutter mit ihm gereist, sie hatten sich kurz vor meiner Geburt in Yorkshire niedergelassen, wo Vater beabsichtigte, über archäologische und philosophische Sujets zu schreiben.

Die Schwierigkeit meines Vaters bestand nach Onkel Richards Meinung darin, dass er zu begabt war, wohingegen er, Onkel Richard, zu nichts taugte und deshalb zur See gegangen war.

Wie oft hatte ich gewünscht, Onkel Richard möchte mein Vater sein!

Mein Onkel lebte zwischen zwei Reisen bei uns, er war es, der mich in der Schule besuchte. Er stand in dem weiß getünchten Empfangsraum, wohin Madame la Directrice ihn geführt hatte, mit gespreizten Beinen, die Hände in den Taschen, als ob ihm die Welt gehörte. Er hatte mich hochgehoben, wie er es schon mit dem Kind getan hatte. Ich glaube, er würde mit mir als alter Frau genauso verfahren. »Behandeln sie dich gut?«, fragte er, bereit, sich mit jedem zu schlagen, der es nicht tat.

Er führte mich aus, kutschierte mich in einem gemieteten Wagen durch die Stadt, kaufte mir neue Kleider, weil er bemerkt hatte, dass meine Mitschülerinnen eleganter als ich angezogen waren. Er versorgte mich laufend mit Geld. Das war der Grund, warum ich mit einem Koffer voller Kleider nach Hause kam, die, nach der Versicherung der Couturière aus Dijon, direkt aus Paris stammten.

Aber ich war sicher, dass Kleider mich wenig zu ändern vermochten. Ich war sehr verschieden von den Mädchen, mit denen ich in meinen Dijoner Jahren zusammengelebt hatte. Dilys Heston-Browne sah einer Londoner Saison entgegen, Marie de Freece würde in die Pariser Gesellschaft eingeführt werden. Die beiden waren meine Busenfreundinnen; bevor wir auseinander gingen, hatten wir uns lebenslange Freundschaft geschworen. Ich zweifelte, ob ich sie je wiedersehen würde.

Der erste Tag schien nicht zu enden. Nach der ereignisreichen Reise lebte ich im brütenden Schweigen des Hauses, als hätte sich nichts geändert, seit ich es verlassen hatte.

In der Nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich lag und dachte an Onkel Richard, meinen Vater, Fanny, die Hausgenossen. Es erschien mir eigenartig, dass Vater geheiratet und eine Tochter hatte, Onkel Richard dagegen Junggeselle geblieben war. Ich erinnerte mich an Fannys verzerrten Mund, wenn sie von Onkel Richard sprach, ihre Miene, die besagte, dass sie mit seiner Art zu leben nicht einverstanden und überzeugt war, es werde eines Tages ein schlechtes Ende mit ihm nehmen. Nun verstand ich. Onkel Richard hatte keine Frau gehabt, sicherlich aber eine Menge Freundinnen. Ich hatte einmal seinen scheuen Blick aufgefangen, mit dem er Tom Entwhistles Tochter ansah, ein Mädchen, über das die Leute sich die Mäuler zerrissen. Ich war Zeuge mancher ›schönen Augen‹, die er Frauen gemacht hatte.

Aber er besaß keine Kinder, und so hatte er sich der Tochter des Bruders angenommen und behandelte sie wie seine eigene.

Bevor ich in dieser Nacht zu Bett ging, hatte ich mein Gesicht im Spiegel der Frisiertoilette geprüft. Die Kerzenbeleuchtung ließ es – obschon nicht schön und nicht einmal hübsch – weich erscheinen. Meine Augen waren grün, mein Haar schwarz und glatt; wenn ich es löste, fiel es schwer auf die Schultern. So getragen, würde es um vieles attraktiver sein, als in zwei Flechten um den Kopf gelegt. Mein Gesicht war blass, die Backenknochen hoch, mein Kinn markant und aggressiv. Mein Gesicht war das eines Menschen, der sich behaupten musste. Vor allem in jenen Tagen der Kindheit, wenn Onkel Richard nicht zu Hause war – und er war die meiste Zeit abwesend. Ich war ein derbes Kind mit zwei dicken schwarzen Zöpfen und trotzigen Augen. In der Schule, wo ich Einblick in das Familienleben anderer bekam, war mir aufgegangen, was ich als Kind damals gesucht hatte: Liebe. Weil ich keine Liebe fand, war ich trotzig und zornig. Ich erfuhr sie in einer gewissen Weise nur, wenn Onkel Richard zu Hause war. Er behandelte mich mit überschwänglicher, besitzhungriger Zuneigung – aber es war nicht die wärmende Liebe von Eltern.

Vielleicht wusste ich das in jener ersten Nacht noch nicht, sondern erst viel später; vielleicht war es eine nachträgliche Erklärung für die Heftigkeit, mit der ich mich in die Beziehung zu Gabriel stürzte.

Aber etwas geschah mir in dieser Nacht. Ich schlief lange nicht ein und wurde plötzlich durch eine Stimme aus dem Halbschlaf geweckt, wobei ich nicht sicher war, ob ich sie wirklich gehört oder nur geträumt hatte.

»Cathy!«, rief die Stimme flehentlich und schmerzvoll, »Cathy, kehre zurück.«

Erschreckt fuhr ich auf. Mein Herz schlug heftig. Es war das einzige Geräusch in dem so vollkommen stillen Haus. Ich saß lauschend. Dann fiel mir ein, dass ich schon einmal, bevor ich nach Frankreich gegangen war, in der Nacht wach geworden war, weil ich gedacht hatte, jemand hätte nach mir verlangt.

Es überlief mich kalt. Nein, ich hatte nicht geträumt, jemand hatte meinen Namen gerufen.

Ich stand auf und steckte eine Kerze an. Ich ging zum Fenster, das ich weit offen gelassen hatte. Ich lehnte mich hinaus und blickte auf das Fenster gerade unter mir. Es war, wie seit je, das Zimmer meines Vaters.

Nun verstand ich, dass der Ruf wie der in jener Kindheitsnacht von meinem Vater gekommen war, der im Schlaf nach Cathy verlangte.

Auch meine Mutter hieß Catherine. Meine Erinnerung an sie ist verblasst, es ist mehr die an eine Erscheinung als an einen Menschen von Fleisch und Blut.

Woher kam Vaters Trauer? Träumte er, nach all den Jahren, immer noch von der Toten? Vielleicht erinnerte ich ihn an sie, das war möglich, ja ziemlich sicher. Vielleicht hatte meine Heimkehr alte Erinnerungen wachgerufen, alte Schmerzen, die er lieber vergessen hätte.

 

Lang waren die Tage, still das Haus. Es war ein Haushalt betagter Leute, Menschen, deren Leben der Vergangenheit angehörte. Die alte Auflehnung rührte sich in mir. In dieses Haus gehörte ich nicht.

Ich sah meinen Vater bei den Mahlzeiten, nach denen er sich in sein Arbeitszimmer zurückzog, um an dem Buch weiterzuschreiben, das nie beendet werden würde. Fanny kümmerte sich um den Haushalt, gab mit den Händen und Augen Anordnungen. Sie war eine Frau, die mit Zungen- und Lippengeräuschen kommandieren konnte. Die Dienerschaft fürchtete sich vor ihr, sie hatte Entlassungsvollmacht und hielt sie mit der Drohung herannahenden Alters in Schach, mit der Anspielung auf Beschäftigungslosigkeit, wenn sie die Stellung bei uns verlieren würden.

Nie war ein Stäubchen auf den Möbeln zu entdecken. In der Küche duftete es zweimal wöchentlich nach frisch gebackenem Brot. Der Haushalt lief wie geölt. Wie sehnte ich mich nach ein wenig Unordnung!

Das Schulleben fehlte mir, das mir im Vergleich mit meines Vaters Haus als eine Kette erregender Abenteuer vorkam. Ich dachte an den Lebensabschnitt, der rückblickend so begehrenswert heiter gewesen war.

Es war ein Brief Dilys’, der Heimweh nach diesen Tagen in mir auslöste. Sie bereitete sich auf die Londoner Saison vor, das Leben hielt für sie alle Versprechungen bereit. Sie schrieb: »Meine liebe Catherine, ich habe kaum eine Minute für mich. Ich wollte Dir schon vor einer Ewigkeit schreiben, aber immer war etwas, das mich abhielt. Meine Sitzungen bei der Schneiderin reißen nicht ab. Ach, wenn Du doch meine Kleider sehen könntest! Mutter hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich gesehen werden soll. Sie stellt Listen von den Leuten zusammen, die zu meinem ersten Ball geladen werden sollen. Jetzt schon, stell Dir vor! Wie wünschte ich, dass Du bei mir wärst! Nun erzähle mir von Dir ...«

Wie verschieden ihr Leben von dem meinen war! Ich machte verschiedene Ansätze zu einem Brief an sie, aber was hatte ich ihr zu berichten: innere Not und Melancholie. Dilys würde nicht verstehen, was es heißt, keine Mutter zu haben, die für einen Zukunftspläne macht, und einen Vater, der von seinen eigenen Problemen so beansprucht ist, dass er nicht einmal meine Gegenwart zur Kenntnis nimmt.

So ließ ich es denn.

Ich fand das Haus von Tag zu Tag unerträglicher und verbrachte die meiste Zeit im Freien. Ich ritt täglich aus. Fanny lächelte über mein Reitkostüm, das letzte Pariser Modell und ein Geschenk Onkel Richards, aber es war mir gleichgültig.

Eines Tages sagte sie: »Dein Vater verreist heute.« Ihr Gesicht war eine Maske, völlig ausdruckslos. Ob sie mit dieser Reise einverstanden war oder nicht, war nicht zu erkennen – nur dass sie mit einem Geheimnis zurückhielt, das ich jedenfalls nicht erfahren sollte.

Dann erinnerte ich mich, dass Vater oft über Nacht abwesend war und erst am nächsten Tag zurückkehrte. Auch dann bekamen wir ihn nicht zu sehen; er schloss sich in seinem Zimmer ein, die Mahlzeiten wurden ihm hinaufgebracht. Erschien er wieder, sah er sehr verstört aus und war noch einsilbiger als sonst.

»Er geht also immer noch ... weg?«

»Regelmäßig«, antwortete sie, »einmal im Monat.«

»Fanny«, fragte ich eindringlich, »wohin geht er?« Fanny hob die Schultern, wie um anzudeuten, dass das sie und mich nichts anginge. Aber ich glaubte, sie wusste es.

Den ganzen Tag dachte ich an ihn. Und dann kam mir eine Erleuchtung. Vater war noch nicht sehr alt – um die vierzig herum. Es war möglich, dass Frauen ihm noch etwas bedeuteten. Das war es – mein Vater musste eine Geliebte haben, die er regelmäßig besuchte, aber nicht heiraten würde, da sie meine Mutter nicht ersetzen konnte. Nach dem Besuch bei dieser Frau kehrte er reuig zurück, weil er meine schon lange tote Mutter noch immer liebte und glaubte, ihr Andenken entheiligt zu haben.

Er kam am nächsten Abend wieder, und alles spielte sich so ab, wie ich es schon kannte. Ich sah ihn nicht bei seiner Rückkehr; ich wusste nur, dass er sich in seinem Zimmer aufhielt, dass er zu den Mahlzeiten nicht erschien und das Essen nach oben gebracht wurde.

Als er sich wieder zeigte, sah er so verzweifelt aus, dass ich das Bedürfnis empfand, ihn zu trösten.

Ich sagte beim Abendessen zu ihm: »Vater, du bist doch nicht krank?«

»Krank?« Er hob unmutig die Augenbrauen. »Wie kommst du darauf?«

»Du siehst so blass und erschöpft aus, als ob dich etwas bedrückt.«

»Ich bin nicht krank«, sagte er und mied meinen Blick.

Ein Ausdruck von Ungeduld huschte über sein Gesicht. Aber so leicht wollte ich mich nicht abweisen lassen.

»Sieh mal, Vater«, sagte ich entschieden, »ich habe das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Vielleicht kann ich dir behilflich sein.«

Er sah mich an, jetzt eher kühl statt ungeduldig. Meine Beharrlichkeit war ihm lästig, und er hielt sie für Neugier.

»Liebes Kind«, sagte er, »du fantasierst.«

Er nahm Messer und Gabel auf und widmete sich mit betonter Aufmerksamkeit dem Essen. Der Fall war für ihn erledigt.

Danach wurde unsere Unterhaltung noch gezwungener, einige Male antwortete er nicht, wenn ich ihn ansprach. Im Hause hieß es, dass er wieder unter einer ›schlechten Stimmung‹ litt.

Ein neuer Brief von Dilys kam. Sie beklagte sich, dass ich nichts von mir hören ließ. Wieder versuchte ich eine Antwort, aber was konnte ich ihr schreiben? Dass ich in diesem Haus verzweifelt einsam war? O Dilys, du bist glücklich, dass du die Schule hinter dir hast, ich bin eine Gefangene, die sich in die Schule zurückwünscht!

Ich zerriss den Brief und ging zum Stall, um meine Stute Wanda zu satteln, die nach meiner Rückkehr mein Eigen geworden war.

Das war der Tag, an dem Gabriel Rockwell und Freitag in mein Leben traten.

Ich war wie gewöhnlich hinaus ins Moor geritten und über den Torfgrund zum Feldweg galoppiert, als ich die Frau und den Hund sah. Sie zerrte ihn an einem Strick mit sich. Der jammervolle Zustand des Tieres veranlasste mich, mein Pferd zu verhalten. Die Frau war eine Zigeunerin. Das überraschte mich nicht weiter, viele von ihnen lagerten im Moor. Sie kamen zum Haus, verkauften Wäscheklammern und Körbe und boten Heidekraut an. Fanny machte kurzen Prozess mit ihnen.

»Von mir können sie nichts erben«, pflegte sie immer zu sagen, »nichts als faule Tunichtgute, die ganze Bande.«

Ich hielt neben der Frau und sagte: »Warum tragen Sie den Hund nicht? Er ist zu schwach, um zu gehen.«

»Was geht Sie das an?«, fragte sie und blickte mir mit ihren Knopfaugen unter einem Schopf ergrauender Haare ins Gesicht. Dann änderte sich ihr Ausdruck. Sie hatte mein elegantes Reitkostüm und mein gepflegtes Pferd bemerkt.

»Nicht ein Stück Brot ist mir über die Lippen gekommen, liebe Dame, diesen Tag und gestern. Es ist heilige Wahrheit und kein Wort gelogen.«

Sie sah keineswegs verhungert aus, im Gegensatz zum Hund. Er war ein kleiner Bastard mit Terriereinschlag. Trotz seines jammervollen Zustandes waren seine Augen wach und sprechend. Ich war tief betroffen von der Art, wie er mich ansah – als ob er mich beschwören wollte, ihn zu retten. Ich fühlte mich sofort zu ihm hingezogen, und ich wusste, dass ich ihn nicht im Stich lassen würde.

»Der Hund ist am Verhungern«, sagte ich.

»Gott segne Sie, gute Dame, nicht einen Bissen hatte ich mit ihm zu teilen die letzten zwei Tage.«

»Der Strick würgt ihn. Können Sie das nicht sehen?«

»Aber anders kommt er nicht mit. Tragen würde ich ihn, wenn ich nur die Kraft hätte. Ein wenig zu essen, und sie käme wieder.«

»Ich kaufe den Hund«, sagte ich spontan, »ich gebe Ihnen einen Shilling dafür.«

»Einen Shilling! Ach, liebe Dame, es würde mir das Herz zerreißen, mich von ihm zu trennen. Wir waren so lange zusammen. Wir trennen uns nicht – für einen Shilling.«

Ich suchte in meinen Taschen nach Geld. Ich wusste, dass sie schließlich den Shilling nehmen würde. Aber zu meiner Bestürzung entdeckte ich, dass ich ohne Geld ausgeritten war. Fanny hatte mir mit Fleisch und Zwiebeln gefüllte Pasteten zurechtgemacht für den Fall, dass ich nicht rechtzeitig zum Lunch zurück sein würde. Aber es war nicht anzunehmen, dass die Zigeunerin sich damit zufriedengab. Sie wollte Geld, es war ihren gierigen Augen anzusehen.

Sie beobachtete mich gespannt. Flehend ruhte der Blick des Hundes auf mir.

»Hören Sie«, sagte ich, »ich habe kein Geld mitgenommen ...«

Ungläubig schürzte sie die Lippen und riss heftig an dem Strick des Hundes. Er duckte sich und heftete seine Augen auf mich.

Ich überlegte, ob ich die Frau auffordern sollte, zu warten, bis ich Geld von zu Hause gebracht hatte, oder ob ich sie bestimmen könnte, mir den Hund zu geben und sich das Geld in Haus Glen abzuholen. Aber ich wusste, es war zwecklos. Sie würde mir so wenig trauen wie ich ihr.

In diesem Augenblick tauchte Gabriel auf. Er galoppierte über das Moor auf die Straße zu. Auf das Geräusch wandten die Frau und ich uns um. Er saß auf einem schwarzen Pferd, das seine Männlichkeit überbetonte. Seine Eleganz war in diesem Augenblick auffallend. Der dunkelbraune Rock und die Reithose waren von feinstem Schnitt und Material. Später kam es mir merkwürdig vor, einen Fremden um einen Shilling angegangen zu haben, damit ich einen Hund kaufen konnte. Aber damals tauchte er auf wie ein Ritter in schimmernder Wehr. Über seinen regelmäßigen Zügen lag ein schwermütiger Schatten. Das beeindruckte mich sofort, obwohl es bei dieser ersten Begegnung nicht so zu Tage trat wie später.

Als er die Straße erreichte, rief ich ihn an: »Bitte, halten Sie einen Augenblick«, und wunderte mich gleichzeitig über meine Verwegenheit.

»Ist etwas los?«, fragte er.

»Dieser Hund ist am Verhungern.«

Er hielt und sah uns prüfend an, den Hund, die Zigeunerin und mich.

»Armer, kleiner Kerl«, sagte er.

Seine sanfte Stimme gab mir die Gewissheit, dass ich nicht vergebens bei ihm Hilfe gesucht hatte.

»Ich möchte ihn kaufen«, erklärte ich, »aber ich habe kein Geld bei mir. Würden Sie mir einen Shilling leihen?«

»Hören Sie«, winselte die Frau, »ich verkaufe ihn nicht. Nicht für einen Shilling verkaufe ich ihn. Er ist mein guter, kleiner Hund. Was soll ich ihn verkaufen?«

»Sie waren mit einem Shilling einverstanden!«, gab ich zurück. Sie schüttelte den Kopf und zerrte den Hund zu sich. Wieder überkam mich Mitleid mit dem kleinen Geschöpf. Bittend sah ich den jungen Mann an. Er stieg lächelnd vom Pferd, steckte seine Hand in die Tasche und sagte: »Hier sind zwei Shilling. Entweder – oder!«

Die Frau konnte ihre Freude über eine so große Summe nicht verbergen. Sie hielt eine schmutzige Hand auf. Er warf ihr angewidert das Geld hin. Dann nahm er ihr den Strick aus der Hand. Sie ging eilig davon, aus Angst, er könnte den Handel rückgängig machen.

»Danke«, rief ich, »tausend Dank!«

Der Hund wimmerte, diesmal, schien mir, vor Freude.

»Zuerst muss er fressen«, sagte ich und stieg vom Pferd, »glücklicherweise habe ich Fleischpasteten in der Tasche.«

Ich nahm den Hund hoch, setzte mich mit ihm ins Gras und gab ihm meinen Lunch in kleinen Brocken zu fressen. Er verschlang sie heißhungrig. Der junge Mann hielt die Pferde und sah zu.

»Wie soll ich Ihnen nur danken?«, wandte ich mich an ihn. »Was wäre geschehen, wenn Sie nicht zufällig vorbeigekommen wären! Sie würde ihn mir nie gegeben haben.«

»Lassen wir das«, sagte er, »wir haben ihn jetzt.«

Ich spürte, dass ihm an dem Geschick des Hundes so viel lag wie mir. Von diesem Augenblick an wurde der Hund zu einem Band zwischen uns.

»Ich werde ihn mit nach Hause nehmen und ihn pflegen«, sagte ich, »glauben Sie, dass er sich wieder erholen wird?«

»Sicherlich. Er ist ein zäher, kleiner Bastard, aber bestimmt nicht der Hund für die Samtkissen einer Dame.«

»Dann passt er ja zu mir«, antwortete ich.

»Füttern Sie ihn oft und regelmäßig.«

»Zu Hause werde ich ihm in Abständen warme Milch geben.«

Der schwermütige Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes war verschwunden, als er der Zigeunerin den Hund abkaufte und ihn mir überreichte. Ich hätte gern etwas über die Ursache der Schwermut bei einem so jungen Menschen erfahren, der ohne Zweifel mit irdischen Gütern reich gesegnet war. Meine Wünsche waren zwiespältig: einmal wollte ich bleiben und mehr über den Mann erfahren, ein andermal den Hund nach Hause bringen und ihn füttern. Aber ich wusste, was ich zu tun hatte: Ich musste erst den Hund versorgen.

»Ich muss gehen«, sagte ich.

»Ich werde ihn tragen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, half er mir beim Aufsteigen. Er ließ mich den Hund halten, während er das Pferd bestieg, dann nahm er ihn unter den Arm und sagte: »Wohin?«

Ich wies ihm die Richtung, und wir setzten uns in Bewegung. In zwanzig Minuten erreichten wir Glengreen, fast ohne ein Wort zu sprechen. Am Tor von Haus Glen hielten wir an.

»Er gehört Ihnen«, sagte ich, »Sie haben bezahlt.«

»Dann gebe ich ihn Ihnen zum Geschenk.« Seine lachenden Augen trafen die meinen. »Aber unter einer Bedingung. Ich möchte wissen, ob er am Leben bleibt oder nicht. Darf ich kommen und mich erkundigen?«

»Natürlich.«

»Morgen?«

»Wenn Sie wollen.«

»Nach wem soll ich fragen?«

»Nach Miss Corder ... Catherine Corder.«

»Vielen Dank, Miss Corder. Gabriel Rockwell wird Sie morgen besuchen.«

 

Fanny war über die Anwesenheit des Hundes entsetzt. »Nicht auszudenken, Hundehaare im ganzen Haus, Haare in der Suppe und Flöhe in unseren Betten.«

Ich fütterte den Hund selbst. Mit Brot und Milch, in regelmäßigen Abständen am Tage und einmal in der Nacht. Ich fand einen passenden Korb, den ich in meinem Schlafzimmer aufstellte. Es war die glücklichste Nacht seit meiner Rückkehr. Ich fragte mich, warum ich mir als Kind nie einen Hund gewünscht hatte. Aber jetzt hatte ich ja einen.

Er merkte, dass ich sein Freund war. Seine Augen sagten mir, dass er meine Bemühungen um ihn verstand. Er würde mein Freund sein, solange er lebte. Ich überlegte, wie ich ihn nennen sollte, er musste schließlich einen Namen haben. Dann fiel mir ein, dass ich ihn an einem Freitag gefunden hatte. Er sollte Freitag heißen.

Schon am nächsten Morgen hatte er sich erholt. Jetzt, da ich mich nicht mehr um den Hund sorgen musste, wartete ich auf Gabriel und dachte über den Mann nach, der an meinem Abenteuer teilgenommen hatte. Ich war ein wenig enttäuscht, als er vormittags nicht erschien, und traurig, weil ich befürchtete, dass er uns vergessen haben könnte. Ich wollte mich bei ihm bedanken. Freitag verdankte seinem rechtzeitigen Erscheinen das Leben.

Um drei Uhr nachmittags kam er. Ich war mit dem Hund in meinem Zimmer, als ich vor dem Haus Hufschläge hörte. Freitags Ohren stellten sich, er wedelte, als ob er wüsste, dass der andere Mensch, dem er für immer dankbar sein würde, in der Nähe war.

Ich sah vorsichtig aus dem Fenster, damit Gabriel mich nicht entdeckte, wenn er zufällig nach oben blicken sollte.

Dann ging ich schnell nach unten, um einen unfreundlichen Empfang zu verhindern. Ich trug ein dunkelblaues Samtkleid – mein bestes – und hatte meine Flechten als Krone auf dem Kopf angeordnet.

Ich trat in die Auffahrt hinaus, als er heranritt. Er zog seinen Hut in einer Weise, die Fanny als ›affig‹ bezeichnet hätte, aber ich fand es elegant und überaus höflich.

»Sie sind also gekommen«, sagte ich. »Freitag – so habe ich den Hund getauft – geht es schon viel besser.«

Er stieg ab. Ich rief nach einem Stalljungen, um das Pferd unterstellen, tränken und füttern zu lassen.

»Treten Sie ein«, sagte ich, und als Gabriel in die Halle kam, schien das Haus von seiner Gegenwart heller zu werden. »Kommen Sie mit in das Wohnzimmer«, sagte ich, »ich werde Tee bringen lassen.«

Er folgte mir die Treppen hinauf, und ich erzählte ihm von Freitag. »Ich werde ihn herunterbringen, damit Sie sehen, wie er sich erholt hat.«

Im Wohnzimmer zog ich die Vorhänge beiseite und öffnete die Fensterläden. Als Gabriel mir gegenübersaß und mich anlächelte, wurde mir bewusst, dass ich mich in meinem blauen Samtkleid mit dem geflochtenen Haar sehr von dem Mädchen im Reitkostüm unterscheiden musste.

»Es freut mich, dass Sie ihn retten konnten«, sagte er.

»Sie haben das getan.«

Er strahlte.

Auf mein Läuten erschien Janet. Als ich sie aufforderte, Tee zu bringen, machte sie ein Gesicht, als hätte ich den Mond bestellt.

Fünf Minuten später betrat Fanny das Zimmer; sie sah unwirsch aus. Es ärgerte mich. Sie würde sich damit abzufinden haben, dass ich nun die Herrin war.

»Aha, Besuch«, sagte sie ungnädig.

»Ja, Fanny, wir haben Besuch. Seien Sie so freundlich, dafür zu sorgen, dass der Tee nicht zu lange dauert.«

Fanny verzog den Mund. Ich konnte sehen, wie sie auf eine Antwort sann. Ich drehte ihr aber den Rücken zu und sagte zu Gabriel:

»Kommen Sie von weit her?«

»Vom ›Schwarzen Hirsch‹ in Tomblersbury.«

Ich kannte Tomblersbury. Es war ein kleines Dorf wie das unsere, fünf, sechs Meilen von hier.

»Sie wohnen im ›Schwarzen Hirsch‹?«

»Ja, für kurze Zeit.«

»Dann sind Sie in den Ferien?«

»So kann man es nennen.«

»Stammen Sie aus Yorkshire, Mr. Rockwell – aber ich frage wohl zu viel?«

Fanny hatte den Raum verlassen. Kein Zweifel, dass sie mein Zusammensein mit einem Herrn für unpassend hielt. Soll sie! Höchste Zeit, dass sie – und mein Vater – begriffen, dass das Leben, zu dem ich gezwungen war, nicht nur sehr einsam, sondern auch einer jungen Dame mit meiner Erziehung nicht angemessen war.

»Nein«, antwortete er, »fragen Sie bitte, so viel Sie wollen. Wenn ich nicht antworten kann, werde ich es Ihnen sagen.«

»Wo sind Sie zu Hause, Mr. Rockwell?«

»Kirkland Revels. Das Haus liegt in dem Dorf – oder vielmehr an der Dorfgrenze – von Kirkland Moorside.«

»Kirkland Revels! Das klingt lustig!«

Sein Gesichtsausdruck zeigte mir: er war zu Hause nicht glücklich. Eigentlich hätte ich meine Neugier für seine privaten Angelegenheiten beherrschen sollen, aber es fiel mir außerordentlich schwer.

»Kirkland Moorside?«, sagte ich schnell. »Ist das weit von hier?«

»Einige dreißig Meilen.«

»Sie verbringen also in diesem Gebiet hier die Ferien und machten einen Ritt durch die Moore, als ...«

»... als sich unser kleines Abenteuer ereignete. Sie können darüber nicht glücklicher sein als ich.«

Ich war erleichtert, dass die trübe Stimmung beseitigt war, und sagte: »Entschuldigen Sie mich, ich hole jetzt Freitag.«

Als ich mit dem Hund zurückkehrte, war Vater im Zimmer. Ich vermutete, dass Fanny auf seiner Anwesenheit bestanden hatte und dass er selbst es schicklich fand. Gabriel erzählte ihm gerade, wie wir den Hund erworben hatten. Mein Vater zeigte sich von der besten Seite, er hörte aufmerksam zu. Ich war zufrieden, dass er Interesse aufbrachte, obgleich ich an seiner Echtheit zweifelte.

Freitag machte einen Versuch, Gabriel zu begrüßen, dessen lange, elegante Finger das Ohr des Hundes zärtlich streichelten.

»Er mag Sie«, sagte ich.

»Aber Sie haben den ersten Platz in seinem Herzen.«

»Ich habe ihn entdeckt«, erwiderte ich, »und will ihn immer bei mir haben. Darf ich Ihnen zurückgeben, was Sie der Frau gezahlt haben?«

»Ich will nichts davon wissen«, sagte er.

»Ich möchte das Gefühl haben, dass er mir allein gehört.«

»Er gehört Ihnen. Als Geschenk. Aber ich bestehe auf meiner stillen Teilhaberschaft. Wenn Sie erlauben, komme ich wieder, um mich nach seiner Gesundheit zu erkundigen.«

»Gute Idee, einen Hund im Haus zu haben«, sagte mein Vater.

Mary brachte den Teewagen mit warmen Biskuits, Brot, Butter und Kuchen. Als ich aus der silbernen Teekanne eingoss, glaubte ich, den glücklichsten Nachmittag seit meiner Rückkehr aus Frankreich zu erleben. Ich war zufrieden wie in den Zeiten, als Onkel Richard nach Hause gekommen war.

Erst später verstand ich warum: es war jetzt etwas im Haus, das ich lieben konnte. Ich besaß Freitag. Zu dieser Zeit dachte ich noch nicht daran, dass auch Gabriel zu mir gehörte. Das kam später.

 

Während der nächsten zwei Wochen besuchte Gabriel regelmäßig Haus Glen. Nach einer Woche war Freitag völlig gesund. Seine Wunden waren verheilt. Gute Ernährung tat das Übrige.

Er schlief bei mir in seinem Korb, folgte mir auf Schritt und Tritt. Das Haus, mein Leben hatten sich geändert, seit er da war.

Und dann war da Gabriel.

Er wohnte weiter im ›Schwarzen Hirsch‹. Ich fragte mich warum. Es war vieles um Gabriel, was ich nicht verstand. Es gab Zeiten, da er frei und offen von sich sprach, andere, in denen ich den Eindruck hatte, dass er sich gewaltsam zurückhielt. Er machte oft Ansätze, ich merkte sein Bedürfnis, sich auszusprechen, aber er brachte es nicht fertig. Er verschwieg ein Geheimnis, vielleicht etwas, das er selbst noch nicht ganz bewältigt hatte.

Wir waren enge Freunde geworden. Mein Vater schien ihn gernzuhaben – jedenfalls hatte er keine Einwände gegen seine häufigen Besuche. Das Hauspersonal hatte sich an ihn gewöhnt, selbst Fanny hatte sich mit ihm abgefunden, solange wir unter aller Augen miteinander sprachen.

Nach einer Woche sagte er, dass er bald heimreisen wolle, aber am Ende der zweiten Woche war er immer noch da. Er schien sich selbst zu betrügen, sich vorzunehmen zu gehen und Ausreden zu erfinden, um zu bleiben.

Ich fragte nicht weiter nach seinem Elternhaus, obwohl ich gern mehr darüber gewusst hätte. Ich hatte mir vorgenommen, niemals zu drängen, sondern zu warten, bis er sprach.

So redeten wir über mich. Gabriel hatte keine Hemmungen, was mich betraf, und – seltsam genug – ich ihm gegenüber auch nicht. Ich erzählte ihm von Onkel Richard, ich schilderte ihn, seine sprühenden grünen Augen und seinen schwarzen Bart.

»Sie und er müssen sich sehr ähnlich sein«, sagte Gabriel einmal bei einem solchen Gespräch. »Er macht den Eindruck eines Menschen, der es wagt, gefährlich zu leben. Ich meine, der handelt, ohne erst lange die Konsequenzen zu bedenken. Sind Sie auch so?«

»Kann schon sein.«

Er lächelte, und in seine Augen kam ein abwesender Ausdruck, als ob er mich irgendwo anders sähe, in einer anderen Situation, nicht an der Stelle, wo wir gerade zusammen waren.

Schon dachte ich, dass er sich jetzt aussprechen würde, aber er schwieg, und ich drängte ihn nicht.

Ich ahnte, dass etwas Ungewöhnliches um Gabriel war, das mich hätte warnen sollen, mich nicht allzu sehr mit ihm einzulassen. Aber ich war so einsam. Ich verlangte nach freundschaftlichem Umgang mit Altersgenossen, und das seltsame Wesen Gabriels zog mich an.

Und wir trafen uns weiter. Wir liebten es, ins Moor zu reiten, die Pferde anzubinden, uns im Gras auszustrecken, und, die Arme unter dem Kopf verschränkt, in den Himmel zu sehen. Fanny hätte ein solches Benehmen höchst unpassend gefunden. Aber ich war entschlossen, Konventionen beiseitezuschieben, eine Haltung, die, wie ich wusste, Gabriel entzückte. Später erfuhr ich warum.

Ich ritt jeden Tag aus und traf ihn an einer verabredeten Stelle, weil ich Fannys Blicke nicht ertragen konnte, wenn er zum Haus kam. Aber trotzdem war es unmöglich, einen jungen Mann täglich zu treffen, ohne ins Gerede zu kommen. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft fragte ich mich oft, ob Gabriel dessen gewahr wurde und ob es ihn so störte wie mich.

Von Dilys hatte ich einige Wochen nichts gehört. Ich nahm an, dass sie zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt war, um Zeit zum Schreiben zu haben. Jetzt aber konnte ich ihr schreiben, weil ich etwas zu erzählen hatte. Ich beschrieb ihr, wie wir den Hund gefunden hatten und wie er mir ans Herz gewachsen ist. In Wirklichkeit aber wollte ich über Gabriel berichten. Meine Gefühle für Freitag waren eindeutig, die für Gabriel verschwommen.

Er interessierte mich. Ich sah unseren Verabredungen mit mehr als nur mit der Freude eines einsamen Mädchens entgegen, das endlich einen Freund gefunden hat. Dauernd erwartete ich eine Überraschung, die Enthüllung eines Geheimnisses, das mir anzuvertrauen er immer wieder Ansätze gemacht hatte. Ich war überzeugt, dass er, wie mein Vater, Beistand brauchte und dass Gabriel, im Gegensatz zu meinem Vater, meine Hilfe annehmen würde.

Natürlich konnte ich Dilys all das nicht anvertrauen, vor allem nicht, weil ich meiner selbst nicht sicher war. So schrieb ich einen Brief in unverbindlichem Plauderton, glücklich, dass sich etwas ereignet hatte, das zu berichten sich lohnte.

Drei Wochen nach unserer ersten Begegnung schien Gabriel zu einem Entschluss gekommen zu sein. Von dem Tage an, an dem er über sein Elternhaus sprach, änderten sich unsere Beziehungen.

Wir lagen im Moor ausgestreckt, er sprach und rupfte dabei Grasbüschel aus.

»Ich möchte wissen, was Sie über Kirkland Revels denken«, sagte er.

»Ich fände es sicher höchst interessant. Es ist sehr alt, nicht wahr? Alte Häuser haben eine große Anziehungskraft auf mich.«

Er nickte, und wieder trat der abwesende Blick in seine Augen.

»Revels«, sagte ich, »was für ein schöner Name. Er hört sich an, als ob die Leute, die dem Haus den Namen gegeben haben, in ihm viel Spaß erwarteten.«

Er lachte auf. Eine kleine Pause entstand, bevor er weitersprach. Was er sagte, klang wie auswendig gelernt.