Das Spiel der Mackenzies - Linda Howard - E-Book

Das Spiel der Mackenzies E-Book

Linda Howard

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Beschreibung

Notlandung in der Wüste! Sunny Miller verdankt Pilot Chance Mackenzie ihr Leben. Doch weiß sie wirklich, was hier gespielt wird? Chance hat eigene Pläne …

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Seitenzahl: 333

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Linda Howard

Das Spiel der Mackenzies

Aus dem Amerikanischen von Sonja Sajlo-Lucich

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses ebooks © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

A Game Of Chance

Copyright © 2000 by Linda Howington

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN Ebook: 978-3-955-76596-5

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

DER ANFANG

Jedes Mal, wenn er zurück nach Wyoming kam, zurück nach Hause, wusste Chance Mackenzie nicht, welches seiner intensiven Gefühle überwog – die Freude oder das Unbehagen. Grundsätzlich war er der Typ Mann, der sich allein wohler fühlte, auch wenn er in den ersten vierzehn Jahren seines Lebens erfahren hatte, was Einsamkeit bedeutet. Wenn er allein war, brauchte er sich keine Gedanken um andere zu machen, und umgekehrt konnte ihn dann niemand mit seinen Sorgen behelligen. Sein Job verstärkte diesen Hang zum Alleinsein noch. Verdeckte Ermittlungen und Anti-Terror-Einsätze erforderten nun mal Geheimhaltung und Argwohn. Er musste ständig auf der Hut sein und durfte keinen an sich heranlassen. Chance vertraute niemandem.

Trotzdem … er hatte eine Familie. Groß, laut, alle enorm erfolgreich und vor allem nicht willens, ihn aus ihrer Mitte gehen zu lassen. Wobei er nicht einmal sicher war, ob er sie verlassen würde, sollten sie es erlauben. Er empfand es immer als verstörend, alarmierend verstörend, in diesen Kreis aus Wärme und Herzlichkeit zu treten, ausgefragt und geneckt zu werden – er wurde tatsächlich gefoppt, ausgerechnet er, ein Mann, den die gefährlichsten Leute der Welt zu Recht fürchteten! Er wurde umarmt und geküsst, bemuttert und angebrüllt und … geliebt, so als wäre er wie jeder andere. Dabei war ihm stets gegenwärtig, dass er nicht war wie andere. Und dennoch zog es ihn zurück, immer und immer wieder, wie magnetisch angezogen von gerade den Dingen, die ihn so irritierten – und nach denen er sich tief in seinem Inneren doch sehnte. Liebe war ein riskantes Unterfangen, er hatte es früh und auf die harte Tour erfahren. Er konnte sich auf niemanden außer auf sich selbst verlassen.

Die Tatsache, dass er bisher überlebt hatte, betrachtete Chance als Beweis für seine Zähigkeit und seine Intelligenz. Weder wusste er, wie alt er war, noch wo sein Geburtsort lag. Auch den Namen kannte er nicht, den er als Kind getragen hatte – oder ob man ihm überhaupt einen Namen gegeben hatte. Er konnte sich nicht an eine Mutter oder einen Vater erinnern, da war niemand, der sich um ihn gekümmert hatte. Viele Leute verdrängten und vergaßen ihre Kindheit einfach, aber Chance konnte sich nicht einmal damit trösten. Dafür gab es zu viele Episoden, die immer wieder und nur allzu deutlich vor sein geistiges Auge traten.

Er sah noch vor sich, wie er Essen stahl, kaum dass er groß genug war, um auf Zehenspitzen die Obstauslagen im Supermarkt erreichen zu können. Da Chance mittlerweile mit so vielen Kindern verschiedenen Alters zu tun und so Vergleichsmöglichkeiten hatte, schätzte er, dass er damals ungefähr drei gewesen sein musste … wenn nicht jünger.

Er erinnerte sich daran, dass er bei warmem Wetter draußen in Straßengräben geschlafen hatte. War es kalt oder fiel Regen, suchte er Schutz in Scheunen, Lagerhallen, Ställen. Kleidung hatte er gestohlen, manchmal, indem er sie einem allein im Garten spielenden Jungen einfach vom Leib zog. Chance war immer stärker als andere Jungen seiner Statur gewesen, einfach aufgrund der körperlichen Anstrengung, am Leben zu bleiben – und er wusste, wie man kämpfte, aus demselben Grund.

Einmal hatte sich ihm ein streunender Hund angeschlossen, ein schwarz-weißer Mischling, der tagsüber neben ihm hertrottete und sich nachts neben ihm zusammenrollte. Chance erinnerte sich daran, wie dankbar er für die Wärme gewesen war. Doch er wusste auch noch, wie er an einem Tag nach einem Stück Fleisch griff, das er aus den Tonnen vor einem Restaurant gestohlen hatte, und der Hund ihn biss. Noch heute waren die Narben auf seiner linken Hand sichtbar. Der Hund hatte das Fleisch gefressen, und Chance war einen weiteren Tag hungrig geblieben. Schon damals verübelte er es dem Hund nicht, schließlich hatte das Tier ebensolchen Hunger gehabt. Doch danach hatte Chance den Hund verscheucht. Es war schwierig genug, für sich selbst etwas zu essen zu stehlen, ohne auch noch einen Hund versorgen zu müssen. Außerdem wusste er eines ganz genau: Wenn es ums Überleben ging, war sich jeder selbst der Nächste. Diese Lektion mochte er im Alter von fünf Jahren gelernt haben, aber er hatte sie sehr schnell verinnerlicht.

Dieses erzwungene Überlebenstraining sowohl auf dem Land als auch in der Stadt bildete die Grundlage dafür, dass er heute so gut war in dem, was er tat. Also hatte seine Kindheit wohl doch auch Gutes bewirkt. Trotzdem … er würde keinem Hund das Gleiche wünschen, nicht einmal dem Köter, der ihn gebissen hatte.

Sein wirkliches Leben hatte an dem Tag begonnen, als Mary Mackenzie ihn am Straßenrand fand, entkräftet von einer unbehandelten Grippe, die zu einer Lungenentzündung geführt hatte. Viel von den darauffolgenden Tagen wusste er nicht mehr, dazu war er zu krank gewesen, nur, dass er in einem Krankenhaus gelegen hatte. Und an die Angst, an die erinnerte er sich. Denn er war dem System in die Hände gefallen, und das hieß, dass er effektiv ein Gefangener war. Natürlich sah jeder ihm an, dass er minderjährig war, noch dazu ohne Papiere. Das würde automatisch das Jugendamt auf die Bildfläche rufen. Sein ganzes Leben hatte er sorgsam darauf geachtet, gerade eine solche Situation zu vermeiden. Er hatte versucht, Pläne für eine Flucht auszuarbeiten, doch seine Gedanken waren wirr und trübe und sein Körper viel zu schwach gewesen.

Woran er sich jedoch erinnerte … da war dieser Engel mit warmen grau-blauen Augen und hellbraunem seidigem Haar, mit kühlen Händen und einer sanften Stimme. Und neben ihr stand ein großer dunkler Mann, ein Halbblut, der sofort die tiefste Furcht in Chance ansprach: "Wir werden nicht zulassen, dass sie dich mitnehmen", hatte der große Mann gesagt, wann immer Chance aus seiner fiebrigen Bewusstlosigkeit auftauchte.

Er traute ihnen beiden nicht, glaubte den Versprechungen des großen Halbbluts nicht. Chance hatte bereits selbst herausgefunden, dass er zum Teil Indianer war. Na und? Das hieß nicht, dass er diesen Leuten mehr trauen konnte als dem verdammten undankbaren Köter. Doch er war zu krank und zu schwach gewesen, um zu fliehen, er hatte ja nicht einmal genug Kraft, um sich zu wehren. Und in diesem hilflosen Zustand hatte Mary Mackenzie ihn irgendwie mit ihrer Fürsorge gefesselt. Er hatte es nie geschafft, sich davon zu befreien.

Er hasste es, wenn andere ihn anfassten. Wenn ihm jemand so nahe kam, dass er ihn berühren konnte, dann war dieser Jemand auch nahe genug für einen Angriff. Gegen die Krankenschwestern und Ärzte, die ihn mit ihren Nadeln und Spritzen traktierten und ihn herumhievten, als wäre er ein Stück Fleisch, konnte er nichts unternehmen. Mit zusammengebissenen Zähnen ertrug er es. Denn er wusste, sollte er sich wehren, würden sie ihn am Bett festbinden. Er wollte frei bleiben, damit er entkommen konnte, sobald er wieder genügend Kraft gesammelt hätte.

Doch sie schien die ganze Zeit über da zu sein. Natürlich wusste er, dass sie irgendwann auch mal das Krankenhaus verlassen haben musste. Dennoch … wenn das Fieber in ihm wütete, war sie es, die sein Gesicht mit einem kalten Tuch abwischte und ihm mit Eiswürfeln die Lippen benetzte. Sie kämmte sein Haar zurück und massierte seine Stirn, wenn sein Schädel zu explodieren schien. Sie war es, die ihn wusch, seit sie erkannt hatte, welche Angst er hatte, sobald die Schwestern es versuchten. Seltsam, aber es war erträglicher für ihn, wenn sie das tat. Seine Reaktion verwunderte ihn selbst.

Sie berührte ihn ständig. Sie ahnte seine Wünsche im Voraus. Sie schüttelte sein Kissen auf, noch bevor ihm bewusst wurde, dass ihm unbequem war. Bevor ihm zu kalt oder zu heiß wurde, regulierte sie die Raumtemperatur. Sie massierte ihm Rücken und Beine, wenn die Fieberkrämpfe seine Muskeln verspannten. Er fand sich überschüttet mit mütterlicher Fürsorge, komplett eingehüllt darin. Es ängstigte ihn zu Tode, doch Mary nutzte seinen geschwächten Zustand aus und überwältigte ihn mit ihrer Liebe, so als sei sie entschlossen, ihm in den wenigen Tagen alles an Mutterliebe zu geben, was er über die Jahre vermisst hatte.

Und irgendwann während der Tage im Fieberwahn begann ihm diese kühle Hand auf seiner Stirn zu behagen. Er horchte, ob er nicht die sanfte Stimme hören konnte, selbst wenn er nicht genügend Kraft hatte, die Lider zu heben. Die Stimme beruhigte ihn und brachte ihm Frieden auf einer tiefen, unbewussten Ebene. Einmal träumte er, er wusste nicht, was, aber als er in Panik aufwachte, lag sein Kopf an ihrer schmalen Schulter. Wie ein kleines Kind hatte er sich an sie geschmiegt. Sie strich ihm unablässig übers Haar und sprach beruhigend auf ihn ein, und er war wieder in den Schlaf geglitten, mit dem Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.

Es wunderte ihn immer wieder, selbst heute noch, wie winzig sie war. Jemand mit einem so eisernen Willen müsste eigentlich zwei Meter groß sein und mindestens hundert Kilo wiegen, dachte Chance manchmal. Dann hätte er verstehen können, wie sie es damals schaffte, das Krankenhauspersonal herumzukommandieren, selbst die Ärzte, bis sie genau das bekam, was sie wollte. Sie war es, die ihn auf vierzehn Jahre schätzte. Er war gut einen Kopf größer als die zierliche Frau, die sich resolut in sein Leben drängte. Doch das war völlig unerheblich – gegen sie war er absolut machtlos, genau wie das Klinikpersonal.

Er konnte nichts gegen seine immer stärker werdende Sucht nach Mary Mackenzies Fürsorge tun, auch wenn ihm klar war, dass er da eine Schwäche entwickelte, die ihn zu Tode ängstigte. Noch nie hatte er für irgendetwas oder irgendjemanden Gefühle verspürt und wusste instinktiv, wie verletzlich ihn das machte. Doch weder das Wissen darum noch der Argwohn konnten ihm helfen. Als es ihm gut genug ging, um aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, liebte er die Frau, die beschlossen hatte, eine Mutter für ihn zu sein, mit der bedingungslosen Liebe eines kleinen Kindes.

Er verließ die Klinik zusammen mit Mary und Wolf, dem großen Mann. Weil er die Frau nicht verlassen konnte, noch nicht, war er bereit, ihre Familie zu ertragen. Nur für eine kleine Weile, so schwor er sich, bis er wieder ganz bei Kräften war.

Sie nahmen ihn mit nach Mackenzie's Mountain, in ihr Heim, in ihre Mitte und in ihre Herzen. Ein namenloser Junge war in jenem Graben am Straßenrand gestorben, an seiner Stelle wurde Chance Mackenzie geboren. Als Chance sich ein Datum für seinen Geburtstag aussuchte – auf Drängen seiner neuen Schwester Maris –, wählte er den Tag, an dem Mary ihn gefunden hatte. Das sagte ihm wesentlich mehr zu als das Datum, an dem die Adoption rechtskräftig wurde.

Er hatte nie etwas besessen. Und dann, seit dem Tag seiner Ankunft auf dem Berg, hatte er plötzlich alles und im Überfluss. Hunger war sein ständiger Begleiter gewesen, nun gab es ausreichend zu essen. Er hatte auch nach Wissen gelechzt, jetzt standen überall Bücher, die er lesen konnte. Mary, Lehrerin bis ins Mark jedes einzelnen ihrer zierlichen Knochen, stopfte ihn regelrecht mit Wissen voll, so schnell er es aufnehmen konnte. Er war daran gewöhnt, sich einen Platz zum Schlafen zu suchen, wann immer und wo immer er konnte. Jetzt nannte er mit einem Mal ein Zimmer sein Eigen, mit einem eigenen Bett, und der Tag verlief in festen Bahnen. Er hatte eigene Kleider, neu, nur für ihn gekauft. Niemand hatte sie vor ihm getragen, und er hatte sie nicht stehlen müssen.

Die größte Veränderung jedoch … bisher war er allein gewesen, plötzlich lebte er in einer Familie. Er hatte eine Mutter und einen Vater, vier Brüder, eine kleine Schwester, eine Schwägerin und einen neugeborenen Neffen, und sie alle behandelten ihn, als sei er von Anfang an dabei gewesen. Er konnte es noch immer kaum ertragen, angefasst zu werden, doch die Mackenzies berührten sich ständig. Mary – Mom – umarmte ihn, zauste ihm das Haar, gab ihm Gutenachtküsse und kümmerte sich um ihn. Maris, seine neue Schwester, nervte ihn bis zum Wahnsinn mit ihren Streichen, genau wie sie es mit ihren anderen Brüdern tat. Und dann würde sie ihre dünnen Arme um ihn schlingen, ihn fest an sich drücken und rufen: "Ich bin ja so froh, dass du zu uns gehörst!"

Bei solchen Gelegenheiten fühlte er sich immer völlig überrumpelt. Und er würde einen argwöhnischen Blick zu Wolf werfen, zu dem großen starken Mann, der der Kopf des Mackenzie-Clans und jetzt auch Chances Dad war. Was mochte er denken, wenn er seine kleine Tochter jemanden wie Chance umarmen sah? Wolf Mackenzie war kein Unschuldslamm, er wusste genau, welche Erfahrungen Chance geprägt hatten, er sah die Härte und die Kampfbereitschaft in dem halb verwilderten Jungen. Ob diese wissenden Augen, mit denen Wolf Mackenzie ihn betrachtete, auch das Blut sahen, das an Chances Händen klebte? Ob Wolf in seinen Kopf sehen konnte und dort die Erinnerung an den Mann finden würde, den er getötet hatte, als er ungefähr zehn gewesen war?

Ja, das große Halbblut wusste genau, was für ein gefährliches wildes Tier er in die Mitte seiner Familie geholt hatte und nun seinen Sohn nannte. Wolf wusste es und liebte ihn trotzdem, wie Mary.

Seine frühe Kindheit hatte Chance gelehrt, wie unbarmherzig das Leben war. Hatte ihn gelehrt, niemandem zu vertrauen, hatte ihn erkennen lassen, dass Liebe verletzlich machte und Verwundbarkeit einen das Leben kosten konnte. Er wusste das alles, und doch konnte er nicht anders, als die Mackenzies ins Herz zu schließen. Diese Liebe, dieser Riss in seiner Rüstung jagte ihm noch immer eine Heidenangst ein, und doch … nur wenn er sich in der Mitte der Familie aufhielt, war er wirklich entspannt. Weil er wusste, dass er bei ihnen sicher war. Er konnte nicht wegbleiben, konnte ihnen nicht den Rücken kehren, auch nicht als erwachsener Mann und fähig, sich selbst zu versorgen. Denn ihre Liebe für ihn und seine für sie nährten seine Seele.

Also hatte er aufgehört, sich gegen sie zu wehren, und hatte stattdessen seine beträchtlichen Talente eingesetzt, um ihre Welt und ihr Leben so sicher wie möglich zu halten. Allerdings machten sie es ihm wirklich nicht leicht, die Familie wurde immer größer: Seine Brüder heirateten und führten ihm damit Schwägerinnen vor, die er liebte, eben weil seine Brüder ihre Frauen liebten und diese nun dazugehörten. Dann kam der Nachwuchs. Als Chance zu den Mackenzies gekommen war, hatte es nur John gegeben, Joes Erstgeborenen. Doch dann folgte Neffe auf Neffe, und irgendwie saßen plötzlich Babys auf Chances Knien. Er wechselte Windeln, hielt Milchfläschchen und ließ zu, dass kleine pummelige Hände nach seinem Finger griffen, um Halt bei den ersten Schritten zu finden. Diese Händchen hatten auch nach seinem Herzen gegriffen, es gab kein Entkommen. Mittlerweile war die Zahl auf zwölf Neffen angewachsen, und es gab eine Nichte, für die er eine ganz besondere Schwäche hatte, sehr zur Belustigung der anderen.

Nach Hause zu fahren war immer eine nervenaufreibende Angelegenheit, und doch sehnte er sich nach seiner Familie. Er hatte Angst um sie und um sich selbst. Er wusste nicht, ob er je ohne die Wärme leben könnte, mit der die Mackenzies ihn einhüllten. Sein Verstand sagte ihm, es sei besser, sich von ihnen zu lösen, sich zurückzuziehen – sowohl von der Freude als auch von der Gefahr, verletzt zu werden. Doch sein Herz führte ihn immer wieder nach Hause.

1. KAPITEL

Chance liebte Motorräder. Die schwere Maschine brummte kraftvoll, während er über die Straße jagte, den Wind in den Haaren, weit in die Kurven gelegt. Kein anderes Motorrad auf der Welt klang wie eine Harley, keines hatte dieses tiefe, sonore Röhren, das durch ihn hindurchtönte. Das Tempo und die Kraft, die in der Maschine steckte, waren eine sinnliche Erfahrung. Die Erregung, mit der sein Körper darauf reagierte, amüsierte Chance immer wieder.

Gefahr war auch erregend. Jeder Krieger wusste das, auch wenn so etwas nicht in der Sonntagsausgabe der Zeitung stand, die die Leute beim Frühstück lasen. Sein Bruder Josh gab offen zu, dass es fast dem intensiven Gefühl glich, mit seiner Frau zusammen zu sein, wenn er einen Kampfflieger auf einem Flugzeugträger landete. Joe, der absolut jedes Flugzeug fliegen konnte, hielt sich zwar mit solchen Kommentaren zurück, aber er grinste jedes Mal wissend.

Was nun Zane und ihn anging, so wusste Chance, dass es Zeiten gab, in denen es ihnen sehr ähnlich ging. Wenn sie mal wieder einer riskanten Situation entkommen waren, in der einem für gewöhnlich Kugeln um die Ohren pfiffen, verlangte es Chance nach einer Frau. Sein Blut summte vor Adrenalin und Testosteron. Er war lebendig und verzehrte sich nach einem anschmiegsamen Körper, um sich verlieren und alle Anspannung abschütteln zu können. Doch meist musste dieser Wunsch beiseitegeschoben werden, bis Chance sich in Sicherheit befand oder häufig sogar das Land verlassen hatte. Er musste warten, bis sich eine Partnerin fand, und vor allem musste er warten, bis er sich beruhigt hatte, um sich zivilisiert und zuvorkommend zu benehmen.

Doch im Moment gab es nur ihn und die Harley, den frischen Wind auf seinem Gesicht und eine bizarre Mischung aus Vorfreude und Angst, endlich nach Hause zu kommen. Wenn Mom ihn ohne Helm auf dem Motorrad sah, würde sie ihm anständig die Leviten lesen; deshalb hatte er ihn auch mitgenommen. Unten am Fuße des Berges würde er halten, den Helm aufsetzen und gemächlich die gewundene Straße hinauffahren. Dad würde sich davon nicht täuschen lassen, aber er würde kein Wort darüber verlieren. Wolf Mackenzie wusste, was für ein Gefühl es war, ungezügelt und ohne Einschränkungen zu leben.

Chance fuhr über eine Anhöhe. Zanes Haus kam in Sicht, eingebettet in das weite Tal. Das Haus war riesig, mit fünf Schlafzimmern und vier Bädern, aber nicht sehr auffällig. Zane hatte sein Haus so gebaut, dass es keine unnötige Aufmerksamkeit erregte. Es wirkte auch nicht so groß, wie es in Wirklichkeit war. Einige Räume lagen unter der Erde. Außerdem hatte Zane beim Bau auf größtmögliche Sicherheit geachtet. Es gab keine toten Winkel oder geschützten Ecken, aus denen jemand hätte angreifen können. Zu erreichen war das Haus nur von einer Straße aus. Es war ausgestattet mit Stahltüren und den raffiniertesten Sicherheitsschlössern. Die Fenster aus kugelsicherem Glas hatten ein kleines Vermögen gekostet. Die Wände waren verstärkt, und im Keller gab es ein Notstromaggregat. Auf dem ganzen Gelände waren Bewegungsmelder installiert, und als Chance die Harley auf die Auffahrt lenkte, wusste er, dass seine Ankunft längst gemeldet worden war.

Zane schloss seine Familie nicht ein, aber falls nötig, waren alle Sicherheitsvorkehrungen vorhanden. Seine Arbeit machte es unerlässlich, so viel Vorsicht wie möglich walten zu lassen. Zane war stets auf Notfälle vorbereitet, er hatte immer einen Plan B.

Chance schaltete den Motor ab und blieb eine Minute sitzen, um seine Sinne wieder auf Normal umzustellen. Er fuhr mit den Fingern durch das vom Wind zerzauste Haar, dann kickte er den Ständer nach unten und stellte die schwere Harley vorsichtig ab. Aus der Satteltasche zog Chance eine dünne Aktenmappe und stieg die Stufen zu der breiten, schattigen Veranda hinauf.

Es war ein warmer Sommertag im August, der Himmel spannte sich wolkenlos blau bis zum Horizont. Pferde grasten friedlich auf den Weiden, einige von ihnen waren an den Zaun getrabt, um die laute Maschine neugierig zu beäugen. Um Barries Blumen summten Bienen, und Vögel zwitscherten in den Bäumen. Wyoming. Zu Hause. Sein Zuhause war nicht mehr weit entfernt. Mackenzie's Mountain, mit dem großen Haus, wo ihm ein neues Leben und alles andere gegeben wurde, das ihm wichtig war.

"Die Tür ist offen." Zanes tiefe Stimme drang aus dem Lautsprecher der Sprechanlage. "Ich bin im Arbeitszimmer."

Chance schob die Tür auf und trat ein, seine Schritte in den schweren Motorradstiefeln lautlos, als er über den Korridor zu Zanes Arbeitszimmer ging. Hinter ihm rastete das Schloss mit einem leisen Klicken wieder ein. Im Haus war es still, was bedeutete, dass Barrie und die Kinder nicht hier waren. Wäre Nick im Haus, würde sie auf ihn zugestürzt kommen und sich in seine Arme werfen, pausenlos auf ihn einplappern und dabei sein Gesicht mit ihren beiden Patschehändchen festhalten, damit sie auch ja seine volle Aufmerksamkeit hatte – als wenn er es wagen würde, sich nicht voll auf sie zu konzentrieren. Nick war wie ein Behälter mit Nitroglyzerin, es war klüger, sie immer im Auge zu behalten.

Seltsamerweise war die Tür zu Zanes Arbeitszimmer geschlossen. Chance stutzte einen Moment, dann trat er, ohne anzuklopfen, ein.

Hinter seinem Schreibtisch saß Zane am Computer. Das Fenster war weit geöffnet und ließ die warme Sommerluft herein. Er lächelte seinem Bruder zu. "Pass auf, wo du hintrittst. Zwerge im Gelände."

Sofort suchte Chance mit seinem Blick den Boden ab, doch die Zwillinge waren nirgends zu entdecken. "Wo?"

Zane lehnte sich mit dem Stuhl zurück und hielt ebenfalls Ausschau nach seinen Sprösslingen. "Unter dem Schreibtisch", sagte er kurz darauf. "Als sie dich gehört haben, sind sie in Deckung gegangen."

Chance hob eine Augenbraue. Seines Wissens versteckten sich die Zwillinge vor nichts und niemandem. Er sah genauer hin und entdeckte vier pummelige Babyhände, die unter Zanes Schreibtisch hervorlugten. "Sie sind nicht sehr gut im Verstecken", bemerkte er. "Ich kann ihre Finger sehen."

"Nun lass sie doch, sie sind noch neu im Geschäft. Sie haben erst diese Woche damit angefangen. Sie spielen 'Attacke'."

"Attacke?" Chance unterdrückte das Lachen. "Und was muss ich jetzt tun?"

"Bleib einfach stehen. Sie werden aus ihrem Versteck stürzen, so schnell sie krabbeln können, und dich bei den Fußknöcheln packen."

"Beißen sie?"

"Noch nicht."

"Na schön. Und was machen sie mit mir, wenn sie mich geschnappt haben?"

"So weit sind sie noch nicht. Noch ziehen sie sich nur an dir hoch und lachen breit." Zane kratzte sich nachdenklich das Kinn. "Vielleicht setzen sie sich ja auf deine Füße, damit du dich nicht bewegen kannst, obwohl … das Stehen macht ihnen im Moment viel zu viel Spaß, sie haben keine Lust, sich hinzusetzen."

Der Angriff kam überraschend, trotz der Warnung. Chance bewunderte die beiden. Sie waren erstaunlich leise. Und erstaunlich präzise. Zwei krabbelnde Babys kamen unter dem Schreibtisch hervor, stürzten sich mit einem gleichzeitig ausgestoßenen triumphierenden Krähen auf seine Fußgelenke und klammerten sich an seiner Jeans fest. Der auf der linken Seite ließ sich auf seinen Fuß plumpsen, entschied sich dann für eine andere Taktik und drehte sich blitzschnell um, um sich aufzurichten. Babyarme umschlangen Chances Knie, und die beiden kleinen Eroberer lachten begeistert.

"Cool." Chance war hingerissen. "Kampfbabys." Er warf die Aktenmappe auf die Schreibtischplatte und beugte sich vor, um die beiden Krieger in Windeln auf seine Arme zu heben. Cameron und Zack strahlten ihn an, beide mit den ersten vier Babyzähnchen in den identischen Gesichtern. Mit weichen Händen tasteten sie Chance das Gesicht ab, zogen an seinen Ohren, griffen in seine Hemdtaschen – der Angriff von zwei strampelnden, außergewöhnlich schweren Marshmallows.

"Grundgütiger", entfuhr es ihm, "die beiden wiegen ja eine Tonne." Schon erstaunlich, wie schnell die beiden in den zwei Monaten, seit er sie zuletzt gesehen hatte, gewachsen waren.

"Sie sind schon fast so schwer wie Nick, wenn auch noch nicht ganz." Die Zwillinge waren kompakt gebaut und zeigten schon jetzt die Anlagen für die typische hünenhafte Mackenzie-Statur, während Nick zierlich wie ihre Großmutter Mary war.

"Wo sind Barrie und Nick überhaupt?", erkundigte sich Chance. Er würde seine hübsche Schwägerin und seine quirlige Nichte gern begrüßen.

"Wir haben eine größere Schuhkrise. Frag nicht."

Chance konnte nicht widerstehen. "Wie kommst du zu einer Schuhkrise?" Er setzte sich mit den Babys auf dem Schoß in einen der breiten Sessel, die vor Zanes Schreibtisch standen. Seine Ohren schienen die Zwillinge nicht mehr zu interessieren, stattdessen begannen sie rege aufeinander einzuplappern und umarmten sich mit Armen und Beinen, so als suchten sie die Nähe zueinander, die sie im Mutterleib erfahren hatten. Ganz unbewusst streichelte Chance den beiden über den Rücken, erfreute sich an der weichen Haut der strampelnden Babys. Alle Mackenzie-Kinder wuchsen mit ständigem Körperkontakt auf, von der gesamten Familie.

Zane verschränkte entspannt die Hände hinter dem Kopf. "Zuerst brauchst du dazu eine Dreijährige, die ihre schwarzen Sonntagsausgehlacklederschuhe mit Inbrunst liebt. Dann machst du den schwerwiegenden taktischen Fehler und lässt sie den 'Zauberer von Oz' im Fernsehen sehen." Es zuckte verräterisch um Zanes Lippen, und seine Augen funkelten belustigt.

Da er seine dreijährige Nichte sehr gut kannte, wusste Chance sofort Bescheid: Nick hatte also entschieden, dass sie unbedingt rote Schuhe brauchte. "Womit hat sie sie zu färben versucht?"

Zane seufzte. "Mit Lippenstift, womit sonst." Es schien Tradition zu werden, dass die Mackenzie-Sprösslinge Lippenstift für ihre Dummheiten benutzten. John hatte damit angefangen, als er im stolzen Alter von zwei Jahren den Lippenstift seiner Mutter dazu verwandte, die Orden auf Joes Gala-Uniform anzumalen. Caroline hatte sich sehr viel mehr aufgeregt als Joe, denn einen neuen Lippenstift in dem Farbton zu finden war schwieriger, als die schmalen Metallstreifen zu ersetzen.

"Konnte man das nicht einfach abwischen?" Die Zwillinge hatten Chances Gürtelschnalle als neues Objekt ihrer Neugier entdeckt. Bevor sie ihm die Hose auszogen, setzte er die Kleinen auf den Boden.

"Schließ die Tür", sagte Zane sofort. "Sonst sind sie weg."

Einen Arm nach hinten ausgestreckt, lehnte Chance sich zurück und versetzte der Tür einen Schubs, gerade noch rechtzeitig. Den beiden fixen Krabblern wäre es fast gelungen zu entkommen. Ihrer Bewegungsfreiheit beraubt, ließen sie sich auf den gepolsterten Po fallen und wägten ihre Möglichkeiten ab, dann machten sie sich auf allen vieren auf Erkundungsreise durch den Raum.

"Natürlich hätte ich das abwischen können", fuhr Zane tonlos fort. "Wenn ich es gewusst hätte. Leider hatte Nick beschlossen, das selbst zu erledigen. Sie hat die Schuhe in die Spülmaschine gesteckt."

Chance brach in lautes Lachen aus.

"Also hat Barrie ihr gestern ein neues Paar besorgt, genau die Gleichen. Du kennst ja Nick, sie weiß sehr genau, was ihr gefällt und was nicht. Nun, sie warf einen Blick auf die Schuhe, zog ein Gesicht und behauptete, sie seien hässlich. Sie weigert sich strikt, sie anzuziehen."

"Das heißt, Barrie ist jetzt mit meiner Lieblingsnichte einkaufen, damit die Kleine sich selbst ein Paar Schuhe aussuchen kann."

"Genau." Zanes Blick wanderte zu seinen Söhnen. Als hätten sie nur auf elterliche Aufmerksamkeit gewartet, gaben beide einen unwilligen Laut von sich und sahen erwartungsvoll zu ihrem Vater.

"Zeit für die Raubtierfütterung." Zane drehte sich mit dem Stuhl und griff in die Kühltasche. Von den beiden Milchflaschen, die er in der Hand hielt, reichte er eine an Chance weiter. "Hier. Greif dir einen von den Zwillingen."

"Auf alles vorbereitet, wie immer." Chance schmunzelte, bevor er sich vorbeugte und eins von den Babys hochhob. Er hielt den Jungen und musterte das von einem tiefen Stirnrunzeln gezierte Gesichtchen. Doch, das war Zack, eindeutig. Chance hatte keine Ahnung, warum er wusste, welchen Zwilling er da hielt. Die Babys glichen sich wie ein Ei dem anderen. Der Kinderarzt hatte sogar vorgeschlagen, ihnen Fußkettchen mit Namen anzulegen. Dabei hatte niemand in der Familie Schwierigkeiten, die beiden auseinanderzuhalten. Zack und Cameron waren individuelle Persönlichkeiten.

"Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als vorbereitet zu sein. Barrie hat vor einem Monat abgestillt, und die beiden warten nicht gerne auf ihr Essen."

Zack ließ die Flasche in Chances Hand keinen Moment aus den Augen. "Warum hat Barrie so früh aufgehört?" Chance setzte sich wieder und legte sich den Jungen in den Arm. "Nick hat doch das ganze erste Lebensjahr Muttermilch bekommen."

"Das wirst du gleich sehen." Das war alles, was Zane sagte, während er sich Cameron bequem in den Arm legte.

Kaum dass Chance das Milchfläschchen in Zacks Reichweite brachte, griff das Baby auch schon danach und begann gierig zu saugen. Zwar ließ der Kleine Chance die Flasche halten, dafür aber umklammerte er mit beiden Händchen Chances Handgelenk und schlang die Beine um seinen Unterarm. Während des Saugens ließ er zufriedene Laute hören und hielt nur ab und zu inne, um Luft zu holen.

Ein ähnliches Geräusch kam von Zanes Schoß, dessen Arm auf die gleiche Weise gefangen gehalten wurde. Und jetzt kaute Zack mit seinen vier Zähnchen auf dem Plastiksauger.

"Kein Wunder, dass Barrie aufgehört hat zu stillen!", entfuhr es Chance.

Zack warf nur einen blasierten Blick auf seinen Onkel, ohne weder Murmeln noch Saugen noch Kauen zu unterbrechen. Schließlich musste der kleine Bauch gefüllt werden.

Zane lachte leise und hob Cam so weit hoch, dass er an einem der pummeligen Beinchen knabbern konnte. Cam bedachte die Unterbrechung mit einem bösen Stirnrunzeln, doch dann überlegte er es sich anders und schenkte seinem Vater ein strahlendes Lächeln mit einem milchverschmierten Mund. Gleich darauf richtete der Kleine jedoch seine volle Aufmerksamkeit wieder auf die Mahlzeit.

Zacks seidenweiches schwarzes Haar strich weich über Chances Arm. Babys zu halten war ein wunderbares Gefühl, auch wenn Chance beim ersten Mal ganz anderer Meinung gewesen war. Damals hatte er John gehalten, Joes erstes Kind, und der arme Kleine hatte sich die Lunge aus dem Hals geschrien, weil er gerade zahnte.

Zu jener Zeit war Chance noch nicht lange bei den Mackenzies gewesen, erst ein paar Monate, und sein Misstrauen gegen all diese Leute war immer noch extrem gewesen. Zwar gelang es ihm – nur mit Mühe –, den instinktiven Drang zum Angriff, wann immer ihn jemand berührte, zu unterdrücken, trotzdem zuckte er jedes Mal zusammen und scheute vor jeder Berührung zurück wie ein wildes Tier. Joe und Caroline kamen zu Besuch, und von ihren Mienen zu schließen, als sie das Haus betraten, musste es eine sehr anstrengende Fahrt gewesen sein. Selbst den ruhigen Joe, der sich immer unter Kontrolle hielt, hatten die fruchtlosen Versuche, seinen Sohn zu beruhigen, mitgenommen. Und Caroline wirkte gehetzt und aufgewühlt in einer Situation, in der Logik keine Lösung brachte. Ihre sonst makellose Frisur saß schief, und in ihren Augen konnte Chance eine Mischung aus Sorge und Ärger erkennen.

Als sie an ihm vorbeikam, blieb Caroline abrupt stehen und drückte ihm das schreiende Baby in den Arm. Chance wollte erschreckt zurückweichen, doch bevor er wusste, wie ihm geschah, hielt er schon den kleinen sich windenden Schreihals. "Hier", sagte Caroline erleichtert. "Vielleicht kannst du ihn beruhigen."

In Chance war Panik aufgeschossen. Fast war es ein Wunder, dass er das Baby nicht fallen ließ. Nie zuvor hatte er ein Baby gehalten, er hatte nicht die geringste Ahnung, was er mit diesem kleinen Wesen anfangen sollte. Andererseits war er zutiefst erstaunt, dass Caroline ihm ihren angebeteten Sohn anvertraute – ihm, dem dahergelaufenen Streuner, den Mary – Mom – mit nach Hause gebracht hatte. Wieso erkannten diese Leute denn nicht, was er war? Warum verstanden sie nicht, dass er aus einer Welt kam, in der die Wahl hieß, zu töten oder getötet zu werden, und dass es besser war, Abstand zu ihm zu halten?

Stattdessen schien niemand es ungewöhnlich zu finden, dass er dieses Baby hielt, selbst wenn es mit weit ausgestreckten Armen geschah.

Und dann senkte sich himmlische Ruhe über das Haus. John hörte verdutzt auf zu brüllen und starrte stattdessen neugierig das neue Gesicht an. Chance legte sich das Baby in die Armbeuge, wie er es bei den anderen beobachtet hatte. Der Kleine sabberte, und Chance nutzte den Latz, um ihm vorsichtig den Mund abzuwischen. John packte die Gelegenheit beim Schopf, griff sich Chances Daumen und kaute erleichtert darauf herum. Chance verzog vor Schmerz das Gesicht, nicht nur waren die Gaumen erstaunlich hart, auch standen die ersten zwei Zähnchen kurz vor dem Durchbrechen. Dennoch, Chance hielt durch und überließ dem Kleinen seinen Daumen. Bis Mom mit einem nassen kalten Waschlappen als Beißringersatz den Raum betrat und ihren Sohn rettete.

Das war Chances erste Erfahrung mit Babys gewesen, und von jenem Tag an fühlte er sich wehrlos und wie Wachs in den Händen der stetig wachsenden Parade von Neffen, die seine vitalen Brüder und Schwägerinnen in die Welt setzten. Es schien sogar schlimmer zu werden, denn bei Zanes dreien stand er auf absolut verlorenem Posten.

"Ach, übrigens, Maris erwartet ihr Erstes."

Chances Kopf ruckte hoch, ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Seine kleine Schwester war seit neun Monaten verheiratet und haderte schon die ganze Zeit über mit sich, wieso sie nicht direkt nach der Hochzeit schwanger geworden war.

"Wann ist es so weit?" Chance verlegte grundsätzlich alle Termine, wenn es darum ging, bei der Ankunft eines neuen Mackenzies dabei zu sein. Dieses Baby würde zwar MacNeil heißen, aber das war eine unwesentliche Nebensächlichkeit.

"Im März. Sie behauptet, dass sie bis dahin wahnsinnig geworden ist, weil Mac sie nicht aus den Augen lässt."

Chance lachte in sich hinein. Außer ihrem Vater und ihren Brüdern war Mac der einzige Mann, der sich von Maris nicht einschüchtern ließ. Wahrscheinlich war das auch einer der Gründe, warum sie ihn so sehr liebte. Wenn Mac entschieden hatte, dass Maris während der Schwangerschaft kürzer zu treten hatte, gab es wenig Hoffnung für sie, dem strengen Reglement zu entkommen.

Mit dem Kopf deutete Zane auf die Aktenmappe, die Chance mitgebracht hatte. "Wirst du mir davon erzählen?"

Zane meinte damit mehr als nur die Fakten, die in der Akte standen, das war Chance klar. Zane wollte wissen, warum sein Bruder persönlich vorbeikam, anstatt die Daten per Computer zu übermitteln. Zane kannte Chances Auftragsplan als Einziger, und laut Plan hätte dieser im Moment eigentlich in Frankreich sein sollen. Chance hatte nicht einmal vorher angerufen, um sich bei seinem Bruder anzumelden.

"Ich wollte kein Risiko eingehen, dass eventuell etwas durchsickert."

Zane zog eine Augenbraue hoch. "Wir haben ein Sicherheitsproblem?"

"Nicht dass ich wüsste. Und ich mache mir nur Sorgen um das, was ich nicht weiß. Wie schon gesagt, niemand darf auch nur den geringsten Verdacht haben. Das hier geht nur dich und mich etwas an."

"Du machst mich neugierig." Zanes blaue Augen funkelten interessiert auf.

"Crispin Hauer hat eine Tochter."

Zwar richtete Zane sich nicht auf, aber seine Miene wurde hart. Crispin Hauer stand seit Jahren ganz oben auf ihrer Liste. Allerdings war der Terrorist ebenso schwer zu fassen wie gefährlich. Noch immer versuchten sie, an ihn heranzukommen, suchten nach irgendeiner Schwäche, um ihm eine Falle stellen zu können. Bisher hatten sie nur eine Heiratsurkunde gefunden. Vor fünfunddreißig Jahren hatte Hauer eine gewisse Pamela Vickery in London geheiratet. Die Frau war nicht lange nach der Hochzeit spurlos verschwunden. Chance ging wie alle anderen auch davon aus, dass Pamela tot war, entweder durch die Hand ihres Ehemannes oder durch die seiner Feinde.

"Wer ist sie?", fragte Zane jetzt. "Und wo ist sie?"

"Sie heißt Sonia Miller, und sie hält sich hier in den Staaten auf."

Zanes Blick wurde lauernd. "Den Namen kenne ich."

Chance nickte. "Ja, sie ist der Kurier, dem letzte Woche in Chicago angeblich die Sendung gestohlen wurde."

Das "angeblich" war Zane nicht entgangen. "Du glaubst, es war eine abgekartete Sache?"

"Wäre gut denkbar. Ich fand die Verbindung, als ich Miss Miller überprüfte."

"Hauer muss doch klar sein, dass sie überprüft wird, wenn sie ein Paket verliert. Vor allem eines mit Unterlagen der Luftwaffe. Wieso sollte er ein solches Risiko eingehen?"

"Vielleicht glaubte er, wir würden nichts finden. Das Mädchen wurde adoptiert. Hal und Eleanor Miller sind als Eltern eingetragen, und deren Weste ist blütenrein. Ich wäre nie darauf gekommen, wenn ich nicht versucht hätte, mir die Geburtsurkunde auf den Bildschirm zu holen. Und siehe da … Hal und Eleanor hatten nie Kinder, es gibt keine Geburtsurkunde für die kleine Sonia Miller. Also fing ich an, ein wenig tiefer zu graben. Und fand die Adoptionsakte."

Zane zeigte sich beeindruckt. Einzusehende Adoptionsakten hatten reichlich Schwierigkeiten verursacht, deshalb waren die Behörden rasch dazu übergegangen, die Akten verschlossen zu halten. Es war äußerst schwierig, an solche Akten heranzukommen. "Hast du Spuren hinterlassen?"

"Keine, die zu uns führen. Ich bin über verschiedene Links gegangen und habe mich dann in das System des Finanzamtes eingehackt, um von dort aus an die Akte zu gelangen."

Zane grinste. Sollte überhaupt jemand merken, dass in diesen Daten geschnüffelt worden war, würde man es vertuschen. Das Finanzamt konnte unmöglich zugeben, dass sein System zu knacken war.

Zack hatte seine Flasche ausgetrunken. Sein Klammergriff lockerte sich, und sein Köpfchen rollte zur Seite, als er kurz gegen den Schlaf kämpfte, der ihn übermannen wollte. Automatisch hob Chance den Kleinen an die Schulter und klopfte ihm leicht auf den Rücken, damit das Baby sein Bäuerchen machen konnte. "Miss Miller arbeitet seit etwas über fünf Jahren als Kurier. Sie hat eine Wohnung in Chicago; die Nachbarn sagen allerdings, sie sei selten zu Hause. Ich muss davon ausgehen, dass es von langer Hand geplant wurde und sie von Anfang an mit ihrem Vater zusammengearbeitet hat."

Zane nickte schweigend. Sie mussten immer das Schlimmste annehmen, es gehörte zu ihrem Job. Nur so konnten sie sich auf alle Situationen vorbereiten. "Hast du dir schon was überlegt?" Er hob Cams Flasche an, nachdem auch dieser seine Mahlzeit beendet hatte, und legte sich das Baby an die Schulter.

"Ich werde mich an sie heranmachen, sie dazu bringen, mir zu vertrauen."

"Sie ist bestimmt nicht besonders zutraulich."

"Lass das nur meine Sorge sein. Ich habe einen Plan." Chance grinste. Normalerweise war das Zanes Spruch.

Zane erwiderte das Grinsen, dann horchte er auf, als ein kleiner Lautsprecher an der Wand einen leisen Klingelton von sich gab. Zane schaute zum Bildschirm. "Stell dich schon mal drauf ein – Barrie und Nick sind zurück."

Sekunden später ging die Haustür auf, und ein lautes Rufen tönte durchs Haus.

"Onkel Chance, Onkel Chance, Onkel Chance!" Das Trippeln von kleinen Füßen begleitete den Jubel, während Nick durch die Halle gerannt kam. Chance hatte kaum die Tür des Arbeitszimmers einen Spalt aufgezogen, als Nick auch schon hereingestürmt kam und auf ihn zustürzte.

Mit seinem freien Arm fing Chance sie auf und zog sie auf seinen Schoß. Ganz große Schwester und ungeachtet der Tatsache, dass ihr Bruder fast genauso groß war wie sie, drückte Nick einen Kuss auf Zacks Wange und tätschelte seinen Kopf, bevor sie ihre volle Aufmerksamkeit auf ihren Lieblingsonkel richtete.

"Bleibst du diesmal bei uns?", fragte sie aufgeregt und bot ihm ihre Wange entgegen. Chance gab ihr einen schmatzenden Kuss und atmete tief den süßen Kleinkinderduft ein, den sie ausströmte. Sie kicherte, als er an ihrem Hals knabberte.

"Nur ein paar Tage", sagte er und enttäuschte sie damit. Nick war mittlerweile alt genug, dass ihr auffiel, wie oft und wie lange er abwesend war. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, versuchte sie, ihren Onkel zu überreden, länger zu bleiben.

Einen Moment lang runzelte sie die Stirn, doch dann ging sie zu wichtigeren Dingen über. Strahlend sah sie ihn an. "Kann ich dann mit deinem Motorrad fahren?"

Chance war sofort auf der Hut. "Nein", sagte er entschieden. "Du kannst es weder fahren noch darauf sitzen, noch dich daran anlehnen – und auch keine Spielzeuge darauf ablegen." Bei Nick schloss er besser von vornherein alle Möglichkeiten aus. Sie verstieß nur selten gegen ein direktes Verbot, aber sie besaß eine enorme Findigkeit, sämtliche Schlupflöcher auszuloten, um Regeln zu umgehen. Chance fiel noch etwas ein. "Und du kannst auch die Zwillinge nicht daraufsetzen." Er glaubte zwar nicht, dass Nick die Babys hochheben konnte, aber … sicher war sicher.

"Danke." Barrie hörte den letzten Zusatz, als sie ins Zimmer trat. Sie begrüßte Chance mit einem Kuss auf die Wange und nahm ihm Zack aus dem Arm, um den Kleinen vor Nicks allzu lebhaften Füßen in Sicherheit zu bringen.

"Auftrag ausgeführt?", fragte Zane. Er saß lässig in den Stuhl zurückgelehnt und betrachtete seine Frau mit einem Ausdruck in den blauen Augen, der deutlich zeigte, dass ihm gefiel, was er sah.