Das stumme Kind - Michael Thode - E-Book

Das stumme Kind E-Book

Michael Thode

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Beschreibung

In einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide kommen der Kinderarzt Andreas Joost und der Rechtsanwalt Thomas Wilke auf grauenhafte Weise ums Leben. Rasch ist klar, es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Männern: Joosts Tochter Anna, ein autistisches Mädchen, das noch nie ein Wort gesprochen hat. Das Geheimnis, das die Beteiligten miteinander verbindet, führt tief in menschliche Abgründe. Und die Zeit zur Aufklärung des Falles drängt - denn der Täter hat bereits sein nächstes Opfer ins Visier genommen ...

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Seitenzahl: 460

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Nachbemerkungen

Leseprobe – Möwenschrei

Über den Autor

Michael Thode, 1974 in Heide/Holstein geboren, studierte Jura und Fachjournalismus in Bayreuth, Göttingen, Kiel und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Kurzkrimis, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. DASSTUMME KIND ist sein erster Roman. Michael Thode lebt mit Frau, Hund und zwei Pferden in der Lüneburger Heide.

Michael Thode

DAS STUMMEKIND

Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Die in diesem Roman verwendeten Zitate ausDas Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wildesind Übersetzungen des Originaltextes(erweiterte und endgültige Fassung, erschienen 1891 beiWard Lock & Co., London)durch Michael Thode

Originalausgabe

Dieser Titel wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: Johannes Wiebel, punchdesign, München,

unter Verwendung von Motiven von © shutterstock/Ultrashock;

shutterstock/serazetdinov; shutterstock/Antonov Roman

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5406-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Annika

Prolog

Autobahnraststätte südlich von Hamburg,dreizehn Jahre zuvor

Vielleicht hätte Andreas Joost sein Schicksal an diesem Abend ein letztes Mal zum Guten wenden können. Dazu hätte er allerdings all seinen Mut zusammennehmen müssen.

Es war seit einigen Stunden dunkel, als er seinen Mercedes-Kombi südlich von Hamburg auf eine Raststätte an der A7 lenkte. Vor ihm spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt und erzeugte so an wenigen Stellen etwas Helligkeit. Den Rest der Szenerie verbarg die Nacht.

In einem abgelegenen Winkel des Rastplatzes parkte Joost den Wagen, nestelte eine Zigarette aus seiner Hemdtasche und steckte sich mit leicht zitternder Hand das Mundstück zwischen die Lippen. Anschließend zog er ein Streichholz mehrmals über die Reibefläche der Pappschachtel, bis das dünne Stäbchen dem Druck seiner Finger nicht mehr standhielt und brach. Er nahm ein neues Streichholz und brauchte zwei weitere Versuche, dann erst flammte der Zündkopf auf. Endlich glomm der Tabak. Er inhalierte den Rauch tief in seine Lungen, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, die quälenden Grübeleien der letzten Tage aus seinem Kopf zu verbannen.

Sosehr Joost sich auch bemühte – die erzwungene Ruhe dauerte nur wenige Augenblicke. Noch bevor der Zigarettenqualm sich aufgelöst hatte, drängten sich die Gedanken an seine Frau Sarah wieder in den Vordergrund. Seit Tagen peinigten ihn dieselben Bilder: Sarah hatte sich in ihrem Krankenhausbett aufgesetzt und schmiegte ihre neugeborene Tochter an sich. Zärtlich strich seine Frau über die Wangen des Säuglings, dann strahlte sie mit einem Ausdruck vollkommenen Glücks.

Für ihn war dieser Anblick kaum zu ertragen.

Einige Male fuhr er mit den Fingern durch sein dichtes Haar und starrte auf das Glimmen des Tabaks. Schließlich bemühte er sich, seine Konzentration auf das bevorstehende Treffen mit der Frau zu lenken, die er den »Eis-Engel« nannte.

Joost hatte den Eis-Engel vor eineinhalb Jahren kennengelernt. Sie hatte zerbrechlich auf ihn gewirkt und seinen Beschützerinstinkt geweckt. Heute wünschte er sich, jemand würde ihn beschützen – vor ihr.

Joosts Gedanken schweiften erneut ab; unwillkürlich musste er an die vergangenen Jahre denken. Schon als Teenager war es sein Traum gewesen, Medizin zu studieren, eine Familie zu gründen und als Kinderarzt zu arbeiten. Spätestens ab dem 45. Geburtstag wollte er sein Leben genießen: mit Landhausvilla, Frau, Kindern, Porsche und ausgedehnten Reisen in die Südsee.

Zunächst verlief alles nach Plan: Er bestand den Medizinertest und das Abitur mit Bravour und erhielt prompt einen Studienplatz an der Medizinischen Hochschule Hannover. Wegen einer harmlosen Allergie musste er keinen Zivildienst leisten und konnte sich im Alter von neunzehn Jahren bereits an der Universität einschreiben.

In den ersten Wochen seines Studiums lernte er Sarah kennen. Sie war ebenfalls Medizinstudentin und entsprach ganz seinem Geschmack: Sie war schlank, sportlich und mit rund einem Meter sechzig nicht allzu groß. Dazu hatte sie dunkelbraune Augen und lange blonde Haare, die sie meist hochgesteckt trug.

Joosts Vater arbeitete als Pilot und seine Mutter als Journalistin: Sie besaßen genug Geld, um sein Studium sehr großzügig zu finanzieren.

Heute, mit vierundzwanzig Jahren, lagen das Physikum und das erste Staatsexamen hinter ihm. Beides hatte er ohne größere Probleme bestanden. Daher hatte er keinerlei Bauchschmerzen, wenn er an das zweite und an das dritte Staatsexamen dachte. Joost war sich im Klaren darüber, dass er zum privilegierten Teil der Gesellschaft gehörte. Er wusste, dass der Lebensstandard, den er genoss, nicht selbstverständlich war – dennoch hatte er nie damit gerechnet, dass seine Situation sich ändern könnte. Ein fataler Fehler.

Wieder führte er die Zigarette an den Mund, umschloss den Filter fahrig mit seinen Lippen und inhalierte den Rauch so tief er konnte. Er hielt den Atem an, bis ihm übel wurde, dann blies er den Rauch an den Plastikhimmel des Mercedes. Er spürte, wie eine ohnmächtige Wut in ihm aufstieg und ihn zu übermannen drohte. Mit beiden Armen holte er weit aus und schlug seine Handballen so heftig gegen das Lenkrad, dass die Asche des verglühten Tabaks auf das Armaturenbrett fiel. Es zogen Bilder durch seinen Kopf, die ihn wütend machten:

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm unaufhörlich vorschwärmte, dass ein Kind ihre Beziehung bereichern würde.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm unablässig vorhielt, dass der Schwangerschaftstest schon wieder negativ ausgefallen war.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihn beharrlich davon zu überzeugen versuchte, dass auch er sich von einem Spezialisten untersuchen lassen müsste.

Er sah Sarah vor sich, wie sie das Gutachten endlos studierte und sich einredete, dass auch Fachleute sich irren konnten.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm wieder und wieder vorwarf, dass seine Eltern die finanzielle Unterstützung reduziert hatten.

Er sah Sarah, Sarah, Sarah!

Als er damals dachte, dass seine Probleme nicht größer werden könnten, war der Eis-Engel in sein Leben getreten. Er hatte dies für eine glückliche Fügung des Schicksals gehalten. Er hatte nicht geahnt, dass von nun an alles noch schlimmer würde! Hätte er damals bloß Nein gesagt!

Doch der Eis-Engel hatte ihn in Versuchung geführt, und er hatte nicht widerstanden.

Joost drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, legte beide Hände auf das Lenkrad und setzte sich aufrecht. Sein Blick fiel in den Rückspiegel, und er musterte sein Gesicht.

Plötzlich war er so entschlossen wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Nur ein kleines Wort trennte ihn davon, zumindest einen Teil seines inneren Friedens wiederherzustellen!

Doch Joost bekam keine Gelegenheit mehr, sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein zu nutzen und sich für das anstehende Gespräch eine Taktik zurechtzulegen. Unvermittelt öffnete sich die Beifahrertür, und der Eis-Engel glitt auf den Sitz neben ihm. Die Frau zog die Tür ins Schloss, legte einen Aluminiumkoffer auf ihren Knien ab und schaute ihn an.

Er drehte den Kopf und starrte auf das Lenkrad. Er brauchte einige Augenblicke, bis er endlich Worte fand: »Ich steige aus!«

Sie lachte kurz auf. »Sie können ruhig sitzen bleiben, Herr Joost!«

Ihre Finger strichen über das Aluminium des Koffers, dann hörte er ein schnelles »Klick-Klick«. Sie hob den Deckel des Koffers an und gab den Blick auf dessen Inhalt frei.

Er staunte.

»Wie besprochen«, sagte sie. »Die ersten zweihundertfünfzigtausend Mark bekommen Sie jetzt. Die restlichen zweihundertfünfzigtausend erhalten Sie, wenn alles abgeschlossen ist.«

Sie ließ den Deckel fallen und verriegelte die Schlösser wieder. Dann stellte sie den Koffer im Fußraum ab. »Ich melde mich, wenn wir so weit sind!«

Joost atmete schwer. Erst als die Hand des Eis-Engels sich um den Türgriff schloss, traute er sich zu fragen: »Wann … wann ist denn alles abgeschlossen?«

Sie wandte ihm das Gesicht wieder zu: »Wie ich Ihnen schon mehrmals gesagt habe: in etwa drei Jahren!«

Er schaute sie an und schwieg. Ihre türkisfarbenen Augen erinnerten ihn an die letzte Island-Reise. Gebannt hatte er damals auf den Gletscher Vatnajökull gestarrt. Dessen Eis wirkte kristallklar – und doch war es unergründlich.

Sie stieg aus und beugte sich noch einmal zu ihm hinunter. »Das ganze Team lässt übrigens herzliche Glückwünsche zur Geburt Ihrer wunderschönen Tochter ausrichten.«

Er zuckte zusammen und schaute sie verblüfft an. »Ach so. Ja … ja«, murmelte er schließlich und ärgerte sich darüber, dass ihm einfach keine passenden Worte einfallen wollten.

Kapitel 1

Döhle,Wohnhaus der Familie Joost,Mittwoch, 04. April, 17:05 Uhr

»Ja, ich komme schon!«, rief Andreas Joost, legte das ausgeblasene Ei vorsichtig zurück in die Pappschachtel und eilte zur Haustür. Das Osterwochenende stand vor der Tür, und morgen früh würde er Anna aus ihrem Wohnheim in Winsen abholen. Er hoffte, dass sie die Eier, die er gerade ausblies, gemeinsam anmalen würden.

Als er die Tür öffnete, erstarrte er. Ungläubig schaute er in ein türkisfarbenes Augenpaar, das das Bild des Gletschers Vatnajökull nach all den Jahren wieder in sein Gedächtnis rief.

Letztes Wochenende hatte er im Heide-Park Soltau in einer der schnellsten und höchsten Holzachterbahnen gesessen. Colossos. 143 Sekunden Fahrzeit, 1500 Meter Streckenlänge, 120 km/h Höchstgeschwindigkeit und bis zu 61 Grad Gefälle. Am Ende der Fahrt hatte er beschlossen, dass er das nie wieder erleben wollte.

»Was … was wollen Sie?«, stammelte er schließlich.

»Darf ich reinkommen?«

Seine Lippen öffneten sich, zitterten und schlossen sich wieder. Ohne seine Antwort abzuwarten, drängte sie sich an ihm vorbei in den Hausflur.

Als der Eis-Engel ihm schließlich am Wohnzimmertisch gegenübersaß, sprach sie den Grund ihres Besuches ohne Umschweife an: »Ich bin in eigener Sache hier.«

Er ahnte, dass Colossos in wenigen Augenblicken mit ihm ein weiteres Mal in die Tiefe stürzen würde. Seine Hände suchten verzweifelt nach Halt.

Während sie den Anlass für ihren Besuch so ruhig darlegte, als würden sie bei einem Glas Rotwein zusammensitzen und über die guten alten Zeiten plaudern, raste für ihn die Achterbahn mit 120 km/h ins Nichts hinab. Er befand sich im freien Fall, und sein Magen begann zu rebellieren.

»… Ich biete Ihnen hunderttausend Euro«, beendete sie ihre Ausführung schließlich.

Joost wünschte sich nichts sehnlicher, als sie aus seinem Wohnzimmer zu schreien, sie aus seinem Haus zu brüllen, sie aus seinem Leben auszulöschen.

Nein!, wollte er schreien.

»Bitte gehen Sie jetzt«, murmelte er.

Zu seiner Verwunderung stand sie tatsächlich auf und ging aus dem Wohnzimmer. Er folgte ihr. Plötzlich drehte sie sich im Flur noch einmal um.

»Herr Joost!« In einem Tonfall, der keinerlei Zweifel an ihrer Entschlossenheit zuließ, sagte sie drohend: »Sie werden mich nicht aufhalten!«

Als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, stürzte er zur Toilette und übergab sich.

Die Fahrt mit Colossos hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 2

SMS von Andreas Joost an Thomas Wilke,Mittwoch, 04. April

***

»Hallo Thomas. Brauche dringend Deine Hilfe. Melde Dich bitte sofort, wenn Du nach Hause kommst!«

SMS von Thomas Wilke an Andreas Joost,Karfreitag, 06. April

Hallo Andreas. Habe gestern alles wie besprochen erledigt. Gruß Thomas.

***

Holm-Seppensen,Wohnhaus von Thomas Wilke,Dienstag, 10. April, 21:05 Uhr

Nachdenklich musterte Rechtsanwalt Thomas Wilke sein Abbild im Spiegel des Badezimmers. Als er gerade ein Kosmetiktuch auf seine wulstigen Lippen presste, um damit die überschüssige Farbe des Lippenstifts zu entfernen, klingelte es an der Haustür. Das Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und beschleunigte seinen Herzschlag.

Wilkes Einstimmung auf diesen besonderen Abend hatte bereits heute Morgen im Gerichtssaal begonnen. Er war wie so häufig als Strafverteidiger eines Mannes aufgetreten, der wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand. Dieser Fall hatte ihm besonders viel Vergnügen bereitet, da es keine Tatzeugen gab, keine objektiven Beweise und keine aussagekräftigen Indizien. Somit stand die Aussage seines Mandanten gegen die des Opfers. In letzter Minute hatte Wilke seinen Mandanten davon abbringen können, ein Geständnis abzulegen. Eindringlich hatte er ihm bei einem Gespräch unter vier Augen erklärt, was man in einem solchen Fall vor Gericht aussagt und wie man sich dort verhalten sollte. Es war eine wirkliche Genugtuung für Wilke gewesen, als er seinen Mandanten im Rahmen der Vernehmung zur Sache hatte empört ausrufen hören: »Die lügt doch! Ich bin unschuldig!«

Durch diesen überzeugenden Auftritt vor Gericht hatte Wilke sein erstes Ziel erreicht: Nun war die junge Frau zu einer Aussage gezwungen und musste den genauen Ablauf der Tat wiedergeben.

Insgeheim verglich er seine Tätigkeit im Gerichtssaal mit dem Genuss eines kostbaren 1955er Graham’s Vintage Porto. Diesen Portwein schätzte er ganz besonders. Erst vor Kurzem hatte sich Wilke davon eine Kiste mit zwölf Flaschen für knapp dreitausendfünfhundert Euro von einem befreundeten Weinhändler aus England schicken lassen. Den kostbaren Tropfen trank er nur bei ganz besonderen Anlässen.

Heute war einer dieser Anlässe: Vor Gericht hatte sich Wilke wie die Spindel eines Korkenziehers mit seinen Fragen tief in die Seele der jungen Frau gebohrt. Ihren Kampf um Glaubwürdigkeit hatte er beglückt verfolgt. Als sie kurz vor Ende der Verhandlung weinend zusammengebrochen war, hatte ein Gefühl tiefer Befriedigung ihn durchströmt. In Gedanken hatte er bereits den Vintage Porto auf seiner Zunge gespürt.

Sein Mandant war freigesprochen worden – für ihn hatte dies nur noch eine nebensächliche Bedeutung. Ein Großteil der Kollegen und Richter, die beruflich mit ihm zu tun hatten, verachteten ihn mittlerweile für seine Auftritte vor Gericht. Hätte man diese Juristen aufgefordert, Wilke mit einem alkoholischen Getränk zu vergleichen, hätten sie wohl eher einen billigen Tafelwein genannt.

Wilkes Einstellung zu Frauen musste man, vorsichtig formuliert, als delikat beschreiben; und die Gründe dafür lagen auf der Hand: Sein Vater hatte früher – ebenfalls als Rechtsanwalt – meist bis tief in die Nacht gearbeitet und war deshalb so gut wie nie für ihn da gewesen, und so hatte seine launenhafte Mutter die Zügel zu Hause fest in ihren Händen gehalten. Hilflos war er ihren Stimmungsschwankungen ausgeliefert gewesen.

Wenn sie gute Laune hatte, ließ sie ihn in Ruhe. Hatte sie dagegen schlechte Laune, machte sie ihm das Leben zur Hölle: Regelmäßig schlug sie ihn und ließ dabei immer erst dann von ihm ab, wenn er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Jedes Mal versuchte er zu verstehen, was er falsch gemacht hatte. Damals wie heute fand er keine Erklärungen.

Als er auf das Gymnasium wechselte, traf er eine weitreichende Entscheidung: keine Tränen mehr!

Als sie ihn das nächste Mal schlug, bemühte er sich eisern, weder zu schreien noch zu weinen. Während er seine Lippen aufeinanderpresste, raste sie vor Wut. Sie fummelte an seiner Gürtelschnalle, riss dabei auch die Knöpfe am Hosenschlitz auf und zerrte schließlich den Ledergürtel aus dem Bund. Die Hose rutschte bis auf den Boden und legte sich so um seine Knöchel, dass er seine Beine kaum bewegen konnte. Dann schlug sie mit dem Gürtel zu. Immer wieder. Zuerst auf den Rücken, dann tiefer. Sie schlug so lange auf ihn ein, bis er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. In diesem Moment war sein Zorn über sich selbst größer als die Wut auf seine Mutter.

Da er einsehen musste, dass er sich in seinem Alter noch nicht gegen sie wehren konnte, konzentrierte er sich auf etwas, das nur er alleine kontrollierte. Ungezügelt stopfte er alles in sich hinein, was essbar war. Stets aß er so lange, bis seine Mutter ihm sagte, es sei genug. Daraufhin sah er sie kurz stumm an und aß anschließend weiter: Er setzte damit ein Zeichen, er hatte die Kontrolle. Allerdings wuchs er dadurch nicht nur in die Höhe, sondern ebenso in die Breite.

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis er endlich schaffte, wonach er so lange gestrebt hatte: Es war egal, wie sehr sie zuschlug, seine Tränen waren versiegt. An dem Tag, an dem er nicht mehr weinte, war sie zunächst irritiert – dann aber schlug sie wie von Sinnen auf ihn ein.

Unvermittelt geschah etwas, womit weder er noch seine Mutter hatte rechnen können: Wilke fühlte mit jedem Schlag eine Art Euphorie, die jede Faser seines Körpers erfasste. Die Schläge versetzten ihn in Ekstase und führten zu einer heftigen Erektion.

Sie zitterte vor Entsetzen, er vor Scham.

Seit diesem Tag schlug Wilkes Mutter ihn nicht mehr. Für ihn war dies aber keinesfalls positiv. Seltsamerweise vermisste er die Schläge, die für ihn in einer höchst befremdlichen Art und Weise auch eine Art von Beachtung darstellten. Stattdessen behandelte sie ihn wie Luft. Für sie existierte er offensichtlich nicht mehr.

Wilkes Mutter war außerordentlich konsequent. Sie bestrafte ihn mit ihrer Missachtung, bis sie etliche Jahre später starb.

Nach dem Abitur zog Wilke nach Hamburg und begann, Rechtswissenschaften zu studieren. Schon bald streifte er regelmäßig über die Reeperbahn und las einschlägige Zeitungsannoncen.

Als eine Domina ihn schließlich zum ersten Mal an ein Andreaskreuz fesselte und mit einer Bullenpeitsche tiefe Striemen auf die Haut seines Rückens schlug, schrie er den angestauten Druck heftig aus sich heraus. Er verspürte trotz der Schmerzen ein unbeschreibliches Wohlgefühl.

Doch je häufiger er sie besuchte, desto seltener fühlte er sich befriedigt. Sie bemerkte dies und herrschte ihn bei einem ihrer Termine an, Frauenkleider überzustreifen. Diese Erfahrung versetzte ihn in Ekstase – seine zitternden Hände waren kaum in der Lage, die Lederriemen der High Heels zu schließen.

Während des Studiums lernte Wilke eine Kommilitonin kennen, die sich in ihn verliebte. Auf ihre Annäherungsversuche reagierte er sehr schüchtern, und es dauerte Monate, bis sie miteinander ins Bett gingen. Es war ein Fiasko. Sie bemühte sich sehr um ihn, doch er bekam keine Erektion. Je länger sie ihn streichelte und küsste, desto wütender wurde er. Schließlich sprang er auf und schlug ihr so heftig ins Gesicht, dass sie rücklings vom Bett stürzte. Während sie benommen auf dem Boden lag, begann er sie zu würgen. Es war wie in einem Rauschzustand: Die Todesangst in ihren Augen führte bei ihm zu einer Erektion. Erst als einer ihrer panischen Fausthiebe ihn im Gesicht traf, realisierte er, was er tat. Schlagartig ließ er von ihr ab und blickte stumm auf seine Hände. Sie starrte ihn ungläubig an und war unfähig zu sprechen. Mit zitternden Händen raffte sie ihre Kleidung zusammen, streifte sie eilig über und verschwand. Er sah sie nie wieder.

Nach diesem Erlebnis vermied er es, sich mit Frauen anzufreunden; stattdessen besuchte er weiterhin in unregelmäßigen Abständen die Domina. Sein Studium beendete er erfolgreich, und im Anschluss an das Referendariat übernahm Wilke die Rechtsanwaltskanzlei, die sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Als kurz nach dem Tod seiner Mutter auch sein Vater verstarb, zog er wieder nach Holm-Seppensen in sein Elternhaus.

Thomas Wilke hatte einige Monate vor dem heutigen Abend von seiner Domina erfahren, dass es ein geschlossenes Internetforum gab, in dem sich Gleichgesinnte mit sadistischen und masochistischen Neigungen austauschten. Sofort war er fasziniert davon. Er schaffte es, Teil dieser Gruppe zu werden, und surfte seitdem täglich unter dem Benutzernamen desperate-sadist durch die virtuelle Welt aus Demütigung und Unterdrückung.

Mit zunehmendem Interesse verfolgte desperate–sadist, dass in diesem Forum regelmäßig über eine Lady Pain geschrieben wurde – eine Domina, die ausschließlich Hausbesuche machte. Es gab von ihr keine Fotos, sondern nur vage Beschreibungen. Das Besondere an Lady Pain war, dass sie nicht nur die gestrenge Herrin spielte: Sie war ebenso bereit, in die passive Rolle zu schlüpfen.

Thomas Wilke hatte bei seiner Domina gelernt, dass das Prinzip der Freiwilligkeit eine wesentliche Voraussetzung für sadomasochistische Rollenspiele war. Es galt das ungeschriebene Gesetz, dass ein Rollenspieler seine Zustimmung durch ein sogenanntes Safeword, das vorher vereinbart worden war, jederzeit und bedingungslos widerrufen konnte. Mit der Äußerung dieses Wortes endete das Spiel sofort.

Im Forum wurde einstimmig berichtet, dass Lady Pain in der passiven Rolle bisher niemals das Safeword benutzt hatte.

Wilke war zunächst der Überzeugung, es wäre für ihn zu gefährlich, eine Domina direkt zu sich nach Hause kommen zu lassen. Er wusste nur zu gut, dass seine Karriere als Anwalt quasi mit einem Peitschenhieb beendet sein konnte, wenn die Leute von seiner sexuellen Veranlagung erfuhren. Doch nach einigen Wochen siegte sein Verlangen über die Vernunft, und er wandte sich über das Internet direkt an Lady Pain.

Es folgte ein kurzer E-Mail-Verkehr, bei dem alle Absprachen getroffen wurden. Er vereinbarte mit ihr, dass er zuerst die passive Rolle spielen würde. Erst danach wollte er den aktiven Part übernehmen.

Sie diktierte den Preis: Eine Sitzung kostete zweitausend Euro. Sollte sie sich länger als vereinbart bei ihm aufhalten, waren noch einmal zweitausend Euro fällig. Der Termin war für heute um 22:00 Uhr angesetzt; in seinem Haussafe lagerten viertausend Euro.

Thomas Wilke war erregt, als er am frühen Abend aus seiner Kanzlei nach Hause zurückkehrte und seine Verwandlung begann.

Zunächst begutachtete er sich intensiv in dem Spiegel, der sich im Bad oberhalb des Marmorwaschtisches über die gesamte Wandbreite erstreckte und von zwei Leuchtern in warmes Licht getaucht wurde. Er hatte lange nach passenden Leuchtern gesucht, die seinem Geschmack entsprachen und seiner Meinung nach optimal in das aus orangerotem italienischem Marmor gefertigte Bad passten. Schließlich hatte er zwei Einzelstücke in einem Hamburger Einrichtungshaus an der Alster gefunden: Sie hatten die Form von Engeln und waren mit Blattgold belegt. Die Engel waren zwar so dick, dass sie unförmig wirkten, aber genau so liebte er sie. Die Engel wurden häufig Zeugen von Wilkes Ritual. Heute war vieles jedoch anders; man könnte fast sagen – intensiver.

Er duschte sich, kämmte die Haare mit Gel streng zurück, zog eine schwarz-rote Leder-Corsage an und streifte einen Stringtanga über. Anschließend rasierte er sich sorgfältig das Gesicht, bis keinerlei Anzeichen von Bartwuchs mehr zu sehen waren.

Als er das Aftershave auftrug, begann er vor Erregung zu keuchen. Das Brennen auf seiner Haut war zwar nicht übermäßig stark, reichte aber aus, um zu einer Erektion zu führen. Der dreieckige Stoff des Strings, unter dem sich sein Penis befand, spannte sich, wodurch der Lederriemen des Tangas stärker in seine Gesäßspalte gezogen wurde. Er stöhnte leidenschaftlich auf und griff nach dem schweren Bilderrahmen, den er mit Bedacht am Rand des Waschtisches positioniert hatte. Hinter dem Glas war die vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografie einer älteren Frau, deren harte Gesichtszüge, streng gekämmte Haare und bohrende Blicke ein beklemmendes Gefühl hinterließen.

Er stellte den Bilderrahmen vor sich auf den Waschtisch, streifte den Stringtanga ab, griff mit der rechten Hand fest um seinen Penis und begann zu masturbieren. Zunächst bewegte er die Hand hastig hoch und runter, dann schlug er seinen Penis immer wieder auf die Kante des Waschtisches. Er spannte seine Gesichtsmuskeln an und presste die Zähne aufeinander.

Seine immer heftiger werdende Atmung strengte ihn zusätzlich an, denn die eng geschnürte Leder-Corsage ließ nur wenig Freiheit für den voluminösen Brustkorb und das üppige Bauchfett. Es dauerte nicht lange, bis aus ihm die Worte herausplatzten: »Jetzt bekommst du Drecksau, was du verdienst!« Dann entlud er sich.

Keuchend stützte er sich auf dem Waschtisch ab, schloss die Augen und versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Noch während er nach Luft japste, trieb sein schlechtes Gewissen ihn dazu, den Bilderrahmen unverzüglich und mit großer Sorgfalt zu reinigen. Als er alle Spuren seines Spermas beseitigt hatte, nuschelte er verschämt: »Entschuldige bitte!«

Schließlich stellte er das Porträt der alten Frau zurück an seinen Platz und setzte seine Verwandlung mit Hilfe von Tages- und Grundierungscreme, Abdeck- und Kajalstift, Puder, Rouge, Lidschattencreme, Wimperntusche, Brauenpuder, Konturen- und Lippenstift fort.

Als Wilke das Ritual abgeschlossen hatte, begutachtete er im Spiegel das Ergebnis seiner Metamorphose.

Wie ein Schmetterling, dachte er.

Wie ein Frosch, hätte wohl ein neutraler Betrachter geurteilt.

Sie ist viel früher hier als verabredet, fuhr es Wilke durch den Kopf, als es zum zweiten Mal an der Haustür klingelte.

Er griff nach dem handbreiten Lederband mit den spitzen Stahlnieten, das neben ihm auf dem Waschtisch lag. Mit geübter Hand schnallte er es so eng um seinen Hals, dass er das Pulsieren des Blutes in der Halsschlagader spüren konnte. Noch einmal blickte er in den Spiegel und atmete so tief ein, wie die Leder-Corsage es zuließ. Danach streifte er einen Bademantel über und verließ das Zimmer.

Sein Weg führte aus dem linken Flügel seines Hauses durch einen kurzen Flur in die Empfangshalle. Auf deren Einrichtung hatte er ganz besonderen Wert gelegt, und so empfand er stets ein Gefühl der Zufriedenheit, wenn er den Raum betrat. Für ihn war der Marmorfußboden nicht einfach weiß-grau, sondern bianco arabescato vagli. Die Wände waren mit hellen Farbtönen – Weiß und Blassrosa – gestrichen und bildeten einen perfekten Hintergrund für die bunten Kunstdrucke der Surrealisten Salvador Dalí und Joan Miró. Über jedem der aufgehängten Bilder hatte Wilke zudem einen Halogenstrahler anbringen lassen, wodurch sie wirkungsvoll in Szene gesetzt wurden.

Als Wilke an der Haustür angekommen war, hielt er kurz inne und blickte auf den Bildschirm, der den Eingang zu seinem Grundstück zeigte. Schemenhaft konnte er eine Person erkennen, die sich mit einer tief ins Gesicht gezogenen Strickmütze und einem fast bis zur Nase um den Hals geschlungenen Schal vor der feuchten Kälte schützte. Er sah zu, wie sie ein weiteres Mal klingelte – er konnte ihre Ungeduld förmlich spüren.

Zögerlich nahm er den Telefonhörer der Gegensprechanlage in die Hand. »Ja … bitte?«

Sie antwortete nicht.

Er beobachtete, wie sich ihr Gesicht langsam in Richtung Videokamera drehte. Gebannt starrte er auf ihre Augen. Auch wenn sie beide sich nicht direkt gegenüberstanden, spürte er förmlich, wie ihr Blick ihn durchdrang und nicht wieder losließ. Als ob er unter Hypnose stünde, betätigte er die Taste des automatischen Türöffners. Er hörte dessen Summen im Telefonhörer, den er immer noch an sein Ohr gedrückt hielt. Einen Augenblick später verschwand seine Besucherin vom Bildschirm.

Thomas Wilke legte den Hörer auf, umfasste den Türgriff und hielt kurz inne. Er dachte noch einmal an das, was er sich in den letzten Tagen überlegt und immer wieder durchgespielt hatte.

Er wollte die Tür nicht zu schwungvoll öffnen, um das Gleichgewicht auf den High Heels nicht zu verlieren. Auf jeden Fall würde er ihr erhobenen Hauptes und mit aufrechter Körperhaltung entgegentreten. Schließlich stellte er als Rechtsanwalt etwas dar. Außerdem wollte er sich darauf konzentrieren, ihr fest in die Augen zu schauen. Auf gar keinen Fall durfte er ihrem Blick ausweichen. Auch hatte er sich lange über eine möglichst unverkrampfte Begrüßung Gedanken gemacht. Noch bis heute Nachmittag hatte er vorgehabt, sie relativ herausfordernd zu empfangen, denn sie sollte von Anfang an wissen, dass er sich nicht alles gefallen lassen würde.

Du bist also Lady Pain?, hatte er zur Begrüßung sagen wollen. Ich bin dein Sklave Thomas und kann es kaum erwarten, deine Peitsche zu spüren!

Er war dann aber zu dem Entschluss gelangt, sie auf eine weniger offensive Art zu begrüßen.

Hallo, ich bin Thomas. Schön, dich endlich kennenzulernen!

Das energische Klopfen an der Haustür holte ihn in die Realität zurück. Ein wenig erschrocken drückte er den Griff so weit wie möglich nach unten und riss die Tür schwungvoll auf. Er musste einen Ausfallschritt nach vorne machen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er fing sich und streckte ihr seine Hand entgegen.

Sie verharrte einen winzigen Augenblick; dann trat sie einen Schritt zur Seite und drängte sich an ihm vorbei ins Haus. Seine dargebotene Hand ignorierte sie.

Plötzlich war er so nervös, dass ihm keiner der Sätze mehr einfiel, die er sich zuvor zurechtgelegt hatte. Dennoch hatte er den Eindruck, dass er zur Begrüßung etwas sagen sollte. »Ähm …«, begann er. »Ähm … ja …«

Wilke spürte eine unerträgliche Hitze in sich aufsteigen. Er schloss die Tür und drehte den Schlüssel so lange im Schloss herum, bis er den Anschlag erreicht hatte. Dann holte er tief Luft und versuchte noch einmal, das Gespräch zu eröffnen.

»Ähm … das ist mein erstes … Na ja, also … Das … das ist mein erstes Mal hier. Ein Freund hat … ähm … hat Sie empfohlen.«

»Sind wir alleine?«

»Ja, ich habe … ähm … ich habe keine Familie. Und meine … ähm … meine Haushaltshilfe … kommt erst am Freitag wieder.«

Sie nickte, verstaute ihre Mütze in einer Tasche ihres Lodenmantels, löste den Schal und fixierte Wilke ohne erkennbare Emotionen.

Er wich ihrem Blick zwar aus, dennoch konnte er seine Augen nicht von ihrem Gesicht lassen. Ihn erregten die hellblonden, streng zurückgekämmten und zu einem Knoten hochgesteckten Haare, das schmale Gesicht, die hohen Wangenknochen und die zarten Lippen.

Sie vergrub beide Hände in ihren Manteltaschen und hob die Augenbrauen.

Wilke spürte, wie die ersten Schweißtropfen von seiner Stirn rannen. »Wir … also … wir könnten dann erst einmal ins Wohnzimmer gehen und ein wenig plaudern. Oder … ähm … oder wir könnten auch gleich …«

»Gleich was?«

»Gleich … gleich … anfangen, meinte ich.«

»Wir fangen gleich an.«

Enttäuschung machte sich in ihm breit. Er hatte sich das erste Treffen mit Lady Pain ganz anders vorgestellt. »Gut, dann … ähm … dann besprechen wir alles Weitere in meinem Studio.«

Wilke ging mit kleinen, eiligen Schritten um sie herum in Richtung Treppe, die mit cremefarbenem Teppichboden ausgelegt war. Er führte seine Besucherin zur Galerie in die erste Etage, wo sie an vollgestopften Bücherregalen vorbeigingen. Sie blieben vor einer Tür stehen, die keinerlei Hinweise darauf gab, dass hinter ihr etwas Besonderes verborgen war.

Er drehte sich kurz zu seiner Besucherin um. »So, da … ähm … da wären wir«, sagte er, drückte die Klinke herunter und stieß die Tür auf. Dann trat er zur Seite, sodass sie direkt in das Zimmer blicken konnte. Ohne zu zögern schritt sie an ihm vorbei und betrat den Ort, der für Wilke eine ganz besondere Bedeutung hatte.

Das Studio war ebenso großzügig bemessen wie das gesamte Haus. Doch im Unterschied zu den übrigen Räumen wurde dieser hier von dunklen Farben beherrscht. Der Boden war mit tiefbraunem Walnussparkett ausgelegt, die Mauern waren in Karminrot gehalten. An jeder Wand befanden sich dimmbare Leuchter, deren Licht dem Raum eine Atmosphäre von Wärme und Geborgenheit verlieh.

Thomas Wilke folgte ihr in den Raum. Sie standen vor einer Vielzahl sadomasochistischer Geräte. An einer der Wände hingen Schlagwerkzeuge, deren Funktion auch für Laien keinerlei Erklärung bedurfte. Kenner der Sadomasochismus-Szene bezeichneten diese Spielzeuge als Rosshaar-Flogger, als Lederpeitschen mit geflochtenen Riemen, als Gummipeitschen mit Rund- oder Vierkantsträngen, als Reitgerten aus Fiberglas und als Bullenpeitschen. Des Weiteren gab es in dem Raum verschiedene Foltergeräte, die es erlaubten, jedes Körperteil zu fesseln, zu quetschen, zu stauchen, zu strecken, zu dehnen oder in anderer Weise zu malträtieren.

»Also«, setzte Wilke nach einer Weile an, »bisher habe ich immer alleine in meinem Studio gearbeitet. Ein Freund aus dem Chatroom hat Sie … Na ja … er hat Sie empfohlen. Das ist mal was anderes, habe ich mir gedacht.«

»Aha«, erwiderte sie, immer noch ohne eine Regung zu zeigen.

Wilke drehte sich auf seinen High Heels um und ging zu der Wand, an der die Schlagwerkzeuge hingen. Er nahm den Rosshaar-Flogger aus weißem Pferdeschweifhaar von der Wand, kehrte zu ihr zurück und streckte ihn ihr entgegen. »Wir sollten erst einmal langsam anfangen«, schlug er vor.

Nachdem sie ihm den Flogger aus der Hand genommen hatte, beugte er sich vor, sodass er ihr direkt in die Augen schauen konnte.

»Und MAYDAY ist unser Safeword. Wenn ich es sage, ist Schluss!«

Sie nickte.

»Ach ja«, fügte er hinzu, wühlte in den Taschen seines Bademantels und holte einen metallenen Gegenstand hervor. »Hier ist der Schlüssel für die … ähm … für die Handschellen. Ein Generalschlüssel, der zu allen Handschellen in meinem Studio passt.«

Sie nahm den Schlüssel an sich und verstaute ihn in ihrer Manteltasche.

Dann ging er in eine der Ecken neben den Peitschen und hängte seinen Bademantel an einem Kleiderhaken auf. »Ach … und noch was. Das Geld … ähm … das Geld gibt’s nachher.«

Sie nickte.

»Ich möchte mit dem Andreaskreuz anfangen. Alleine habe ich es bislang noch nie richtig benutzen können«, erklärte er und blickte in Richtung der Wand, an der zwei massive, x-förmig angebrachte Holzstämme hingen, die mit schwarzem Leder umwickelt und mit silbernen Ziernägeln beschlagen waren. Das Andreaskreuz hatte eine Höhe von zwei Metern fünfzig und eine Breite von einem Meter. An den beiden oberen Enden befanden sich Handschellen, an denen die Handgelenke eines sogenannten Sklaven gefesselt werden konnten. An den beiden unteren Enden waren Lederriemen befestigt, um auch die Fußgelenke fesseln zu können. In der Mitte des Andreaskreuzes gab es einen breiten ledernen Fesselgurt, durch den sich die Bewegungsfreiheit des Sklaven im Taillenbereich auf ein Minimum reduzieren ließ.

Wilke stellte sich mit dem Rücken an das Kreuz und schloss den Fesselgurt fest um seine Hüfte.

»Sie … sie müssten … ähm … können dann den Rest machen«, forderte er sie auf und versuchte, sie aufmunternd anzulächeln, doch er brachte nur ein unsicher wirkendes Grinsen zustande.

Sie reagierte weder auf seine Worte noch auf seine Mimik. Entschlossen ging sie auf ihn zu und warf den Rosshaar-Flogger neben dem Andreaskreuz auf den Boden. Obwohl sie ihre Lederhandschuhe anbehielt, fesselte sie Wilkes Fußgelenke geschickt und so fest, dass er sich nicht selbst hätte befreien können.

»O ja«, stöhnte er.

Dann fesselte sie Wilkes Handgelenke mit den Handschellen an die beiden oberen Enden des Andreaskreuzes. Sie musste sich strecken, um die Fesselung bewerkstelligen zu können. Zusätzlich hatte sie sich auf ihre Zehenspitzen gestellt.

»Das ist gut«, zischte er schwer atmend und schloss die Augen.

Sie zog ein längliches Etui aus der rechten Manteltasche und öffnete es. Dann nahm sie eine Einwegspritze und eine Kanüle heraus.

Wilke presste die Augenlider immer noch aufeinander und wartete gespannt auf den Einsatz des Rosshaar-Floggers. Er spürte die zunehmende Erregung mit jedem Herzschlag, der das Blut durch seinen Körper trieb. Als es ihm schließlich ungewöhnlich vorkam, dass immer noch nichts passiert war, öffnete er vorsichtig die Augen.

Er erstarrte.

»Was soll das?«, platzte es aus ihm heraus. »MAYDAY!«

Während sie die Kanüle in die transparente Durchstechflasche stieß und die Spritze sich mit einer wässrigen Flüssigkeit füllte, klärte ihn die Frau, die er für Lady Pain gehalten hatte, über den Grund ihres Besuchs auf.

»Wir werden uns jetzt über Andreas Joost unterhalten!«

Kapitel 3

Döhle,Wohnhaus der Familie Joost,Dienstag, 10. April, 23:15 Uhr

Noch vor wenigen Minuten hatten Hauptkommissar Rolf Degenhardt, Oberkommissar Jens Vorberg und Kommissaranwärterin Jana Liebisch im in Buchholz in der Nordheide gesessen. Degenhardt und Vorberg arbeiteten für den Zentralen Kriminaldienst der Polizeiinspektion Nordheide. Rolf Degenhardt leitete das Erste Fachkommissariat, und Jens Vorberg war einer seiner fähigsten Kollegen. In ihre Zuständigkeit fielen die sogenannten »Delikte am Menschen«. Jana Liebisch absolvierte an der Polizeiakademie in Nienburg an der Weser den Bachelorstudiengang »Polizeivollzugsdienst« und war den beiden Kommissaren für ein dreimonatiges Ermittlungspraktikum zugeteilt.

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