Tagebuch - Anne Frank - E-Book
Beschreibung

Die weltweit gültige und verbindliche Fassung des Tagebuchs der Anne Frank, autorisiert vom Anne Frank Fonds Basel.Das Tagebuch von Anne Frank ist Symbol und Dokument zugleich. Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nazi-Verbrecher und Dokument der Lebenswelt einer einzigartig begabten jungen Schriftstellerin.Die vorliegende Ausgabe ist die einzige vom Anne Frank Fonds in Basel autorisierte Fassung des Tagebuchs, von dem es eine erste und eine zweite, spätere Version gibt, die beide von Anne Frank selbst stammen. Sie hatte das von ihr über mehr als zwei Jahre geführte Tagebuch zu einem späteren Zeitpunkt überarbeitet, weil die erste Fassung ihren schriftstellerischen Ansprüchen nicht mehr genügte.Diese Ausgabe enthält den von Anne Frank überarbeiteten Tagebuchtext samt den unverändert aus der ersten Fassung übernommenen Teilen, ohne jene Auslassungen, die Annes Vater Otto Frank aus Diskretion vorgenommen hatte. Mirjam Pressler hat dafür eine neue, dem ungekünstelten Stil des Originals adäquate Übersetzung erarbeitet.Dieser vollständige Text, dessen Authentizität seit der kompletten Wiedergabe aller Werkfassungen in der kritischen Ausgabe der ›Tagebücher der Anne Frank‹ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1988) unbestritten ist, vermittelt ein eindrucksvolles Bild von Anne Franks Gefühls- und Gedankenwelt und nicht zuletzt von ihren Fortschritten als Schriftstellerin.»…werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien.« Anne Frank, 5. April 1944

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EPUB

Seitenzahl:574


Anne Frank

Tagebuch

Edition von Mirjam Pressler (Version d, in Überarbeitung der Fassung von Otto H. Frank)

Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler

FISCHER E-Books

Inhalt

VorwortDas TagebuchAnne und Familie FrankAmsterdam unter den NazisFlucht ins VersteckAnne Frank Tagebuch12. Juni 194228. September 1942 (Nachtrag)Sonntag, 14. Juni 1942Montag, 15. Juni 1942Samstag, 20. Juni 1942Samstag, 20. Juni 1942Sonntag, 21. Juni 1942Mittwoch, 24. Juni 1942Mittwoch, 1. Juli 1942Sonntag, 5. Juli 1942Mittwoch, 8. Juli 1942Donnerstag, 9. Juli 1942Freitag, 10. Juli 1942Samstag, 11. Juli 194228. September 1942 (Nachtrag)Sonntag, 12. Juli 194228. September 1942 (Nachtrag)Freitag, 14. August 1942Freitag, 21. August 194221. September 1942 (Nachtrag)Mittwoch, 2. September 1942Montag, 21. September 1942Freitag, 25. September 1942Sonntag, 27. September 1942Montag, 28. September 1942Dienstag, 29. September 1942Donnerstag, 1. Oktober 1942Samstag, 3. Oktober 1942Mittwoch, 7. Oktober 1942Freitag, 9. Oktober 1942Mittwoch, 14. Oktober 1942Dienstag, 20. Oktober 1942Donnerstag, 29. Oktober 1942Montag, 2. November 194222. Januar 1944 (Nachtrag)Donnerstag, 5. November 1942Montag, 9. November 1942Dienstag, 10. November 1942Donnerstag, 12. November 1942Dienstag, 17. November 1942Donnerstag, 19. Nov. 1942Freitag, 20. November 1942Samstag, 28. November 1942Montag, 7. Dezember 1942Donnerstag, 10. Dezember 1942Sonntag, 13. Dezember 1942Dienstag, 22. Dezember 1942Mittwoch, 13. Januar 1943Samstag, 30. Januar 1943Freitag, 5. Februar 1943Samstag, 27. Februar 1943Donnerstag, 4. März 1943Mittwoch, 10. März 1943Freitag, 12. März 1943Donnerstag, 18. März 1943Freitag, 19. März 1943Donnerstag, 25. März 1943Samstag, 27. März 1943Donnerstag, 1. April 1943Freitag, 2. April 1943Dienstag, 27. April 1943Samstag, 1. Mai 1943Sonntag, 2. Mai 1943Sonntag, 2. Mai 1943Dienstag, 18. Mai 1943Sonntag, 13. Juni 1943Dienstag, 15. Juni 1943Sonntag, 11. Juli 1943Dienstag, 13. Juli 1943Freitag, 16. Juli 1943Montag, 19. Juli 1943Freitag, 23. Juli 1943Montag, 26. Juli 1943Donnerstag, 29. Juli 1943Dienstag, 3. August 1943Mittwoch, 4. August 1943Donnerstag, 5. August 1943Samstag, 7. August 1943Montag, 9. August 1943Dienstag, 10. August 1943Freitag, 10. September 1943Donnerstag, 16. September 1943Mittwoch, 29. September 1943Sonntag, 17. Oktober 1943Freitag, 29. Oktober 1943Samstag, 30. Oktober 1943Mittwoch, 3. November 1943Montagabend, 8. November 1943Donnerstag, 11. November 1943Mittwoch, 17. November 1943Samstag, 27. November 1943Montag, 6. Dezember 1943Mittwoch, 22. Dezember 1943Freitag, 24. Dezember 1943Montag, 27. Dezember 1943Mittwoch, 29. Dezember 1943Donnerstag, 30. Dezember 1943Sonntag, 2. Januar 1944Donnerstag, 6. Januar 1944Donnerstag, 6. Januar 1944Freitag, 7. Januar 1944Mittwoch, 12. Januar 1944Samstag, 15. Januar 1944Mittwochabend, 19. Januar 1944Samstag, 22. Januar 1944Montag, 24. Januar 1944Freitag, 28. Januar 1944Freitag, 28. Januar 1944Sonntag, 30. Januar 1944Donnerstag, 3. Februar 1944Dienstag, 8. Februar 1944Samstag, 12. Februar 1944Montag, 14. Februar 1944Dienstag, 15. Februar 1944Mittwoch, 16. Februar 1944Donnerstag, 17. Februar 1944Freitag, 18. Februar 1944Samstag, 19. Februar 1944Sonntag, 20. Februar 1944Mittwoch, 23. Februar 1944Sonntag, 27. Februar 1944Montag, 28. Februar 1944Mittwoch, 1. März 1944Donnerstag, 2. März 1944Freitag, 3. März 1944Samstag, 4. März 1944Montag, 6. März 1944Dienstag, 7. März 1944Mittwoch, 8. März 1944Freitag, 10. März 1944Samstag, 11. März 1944Sonntag, 12. März 1944Dienstag, 14. März 1944Mittwoch, 15. März 1944Donnerstag, 16. März 1944Freitag, 17. März 1944Samstag, 18. März 1944Sonntag, 19. März 1944Montag, 20. März 1944Mittwoch, 22. März 1944Donnerstag, 23. März 1944Freitagmorgen, 24. März 1944Samstag, 25. März 1944Montag, 27. März 1944Dienstag, 28. März 1944Mittwoch, 29. März 1944Freitag, 31. März 1944Samstag, 1. April 1944Montag, 3. April 1944Mittwoch, 5. April 1944Donnerstag, 6. April 1944Dienstag, 11. April 1944Freitag, 14. April 1944Samstag, 15. April 1944Sonntag, 16. April 1944Montag, 17. April 1944Dienstag, 18. April 1944Mittwoch, 19. AprilFreitag, 21. April 1944Dienstag, 25. April 1944Donnerstag, 27. April 1944Freitag, 28. April 1944Dienstag, 2. Mai 1944Mittwoch, 3. Mai 1944Freitag, 5. Mai 1944Samstag, 6. Mai 1944Sonntagmorgen, 7. Mai 1944Montag, 8. Mai 1944Dienstag, 9. Mai 1944Mittwoch, 10. Mai 1944Donnerstag, 11. Mai 1944Donnerstag, 11. Mai 1944Samstag, 13. Mai 1944Dienstag, 16. Mai 1944Freitag, 19. Mai 1944Samstag, 20. Mai 1944Montag, 22. Mai 1944Donnerstag, 25. Mai 1944Freitag, 26. Mai 1944Mittwoch, 31. Mai 1944Freitag, 2. Juni 1944Montag, 5. Juni 1944Dienstag, 6. Juni 1944Freitag, 9. Juni 1944Dienstag, 13. Juni 1944Freitag, 16. Juni 1944Freitag, 23. Juni 1944Dienstag, 27. Juni 1944Freitag, 30. Juni 1944Donnerstag, 6. Juli 1944Samstag, 8. Juli 1944Samstag, 15. Juli 1944Freitag, 21. Juli 1944Dienstag, 1. August 1944NachwortWar es Verrat?Die VerhaftungDeportationTodÜberlebenEditionsgeschichteOtto Frank und das TagebuchBeweis der EchtheitEntstehen der LesebuchausgabeDie Hinterhausbewohner und ihre richtigen NamenDie HelferKarteHausplanHintergrund und KontextMirjam Pressler: Anne Franks LebenMirjam Pressler: Die Geschichte der Familie von Anne FrankGerhard Hirschfeld: Der zeitgeschichtliche KontextZeittafelGlossarAuswahlbibliographieAnne Frank FondsUNICEF

Vorwort

Das Tagebuch

Zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 in Amsterdam erhielt Anne Frank von ihren Eltern ein Tagebuch geschenkt. Ab diesem Tag schrieb sie darin Briefe an Kitty, ihre imaginierte Freundin.

Anne führte das Tagebuch in den ersten Wochen in der elterlichen Wohnung am Merwedeplain. Doch bald nach ihrem Geburtstag flüchtete die Familie in ein Hinterhaus, in dem sie sich gemeinsam mit vier anderen Mitbewohnern vor den Nationalsozialisten versteckte. Zunächst schrieb sie die Briefe nur für sich selbst, doch im Frühjahr 1944 hörte sie mit ihrer Familie beim verbotenen Abhören eines ausländischen Radiosenders, wie ein niederländischer Minister aus dem Londoner Exil vorschlug, nach dem Krieg eine Sammlung von Tagebüchern und Briefen aus der Zeit der deutschen Besatzung zu veröffentlichen. Unter dem Eindruck dieser Rede entschied sich Anne, nach Kriegsende einen Roman mit dem Titel »Het Achterhuis« zu veröffentlichen; ihr Tagebuch sollte dafür als Grundlage dienen. Sie begann, ihre Aufzeichnungen zu überarbeiten, und versah in ihrer neuen Version die meisten der vorkommenden Personen mit einem Pseudonym.

Annes Tagebuch endet mit dem Eintrag vom 1. August 1944. Drei Tage später, am 4. August, wurde sie, zusammen mit allen anderen Mitbewohnern, im Hinterhaus entdeckt, verhaftet, deportiert und später – mit Ausnahme von Otto Frank, der den Krieg überlebte und als einziger Bewohner des Hinterhauses aus der Lagerhaft zurückkehrte – umgebracht. Bis heute konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob und von wem das Versteck der Hinterhausbewohner verraten wurde.

Anne und Familie Frank

Anne Frank wurde am 12. Juni 1929 als zweite Tochter von Edith und Otto Frank in Frankfurt am Main geboren; ihre Schwester Margot war drei Jahre älter. Die Vorfahren von Ottos Seite stammten aus einer großbürgerlichen deutsch-jüdischen Familie in Frankfurt; Edith, geborene Holländer und ebenfalls Jüdin, war die Tochter eines wohlhabenden Fabrikanten aus Aachen.

Angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland, ökonomischer Schwierigkeiten und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 sah die Familie keine weitere Zukunft für sich in Deutschland. Als Erster zog Otto Frank bereits im Sommer 1933 nach Amsterdam; ihm folgten mit wenigen Monaten Abstand zunächst seine Frau Edith, später Margot und schließlich, im Februar 1934, Anne, die zuletzt für kurze Zeit bei ihrer Großmutter in Aachen gelebt hatte.

In den ersten Jahren in Amsterdam erlebte Anne zunächst eine ganz normale Kindheit. Die Familie wohnte am Merwedeplein, und Anne fand rasch Freundinnnen. Anfänglich besuchte sie den Montessori-Kindergarten, später die Montessori-Schule und schließlich das Jüdische Lyzeum.

Amsterdam unter den Nazis

Nachdem die Deutschen im Mai 1940 die Niederlande besetzt hatten, änderte sich das Leben für die Familie Frank. Am 20. Juni 1942 notierte Anne: »Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3–5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Frisör; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebenso wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit keinerlei Sport treiben; Juden dürfen nach acht Uhr abends weder in ihrem eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen und dergleichen mehr.«

Otto Frank durfte als Jude ab Oktober 1940 keine eigene Firma mehr besitzen; Anne und Margot wurden im Herbst 1941 gezwungen, auf das Jüdische Lyzeum zu wechseln; und die ganze Familie musste, wie all die anderen Juden in Holland, unter ihnen zahlreiche deutsche Emigranten, ab Mai 1942 einen Judenstern sichtbar an der Kleidung tragen.

In dieser Zeit bemühte sich Otto Frank mehrfach und intensiv um die Ausreise seiner Familie aus den Niederlanden – leider vergeblich, denn keines der Länder, in deren Konsulaten er um ein Visum ersuchte, erklärte sich bereit, die – inzwischen staatenlose – Familie aufzunehmen.

Flucht ins Versteck

Was weder Anne noch Margot wusste: Dass ihre Eltern seit einiger Zeit ein Versteck vorbereiteten, in dem die Familie untertauchen konnte. Als Margot Anfang Juli einen Aufruf erhielt, sich zum Einsatz im Arbeitslager zu melden, erfuhren die beiden Mädchen von dem geheimen Versteck in einem Hinterhaus an der Prinsengracht, in das Otto Frank schon seit Monaten unauffällig Kleider, Geschirr, Medikamente etc. gebracht hatte. Und so packten Anne und Margot am Abend des 5. Juli 1942 ein paar Gegenstände in ihre Rucksäcke, mit denen sie am nächsten Morgen die Wohnung verließen. Verabschieden konnte sich Anne nur noch von Mortje, ihrer geliebten Katze.

Am 6. Juli erreichte Anne ihr Versteck, das sie bis zu ihrer Verhaftung am 4. August 1944 nicht mehr verlassen würde.

Anne Frank Tagebuch

Anne Franks erstes Tagebuch, das sie zum 13. Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Zwischen dem 12. und dem 14. Juni 1942 hat Anne Frank unter dem Datum des 28. September 1942 eine Selbstbeschreibung nachgetragen:

 

Hier müssen die 7 oder 12 Schönheiten (nicht meine!) hinkommen, dann kann ich ausfüllen, was ich nicht und was ich doch besitze.

28. Sept. 1942. (selbstgemacht.)

blaue Augen, schwarze Haare (nein)

Grübchen in den Wangen (ja)

Grübchen im Kinn (ja)

Dreieck auf der Stirn (nein)

weiße Haut (ja)

gerade Zähne (nein)

kleiner Mund (nein)

gebogene Wimpern (nein)

gerade Nase (ja)

{bis jetzt schon}

hübsche Kleidung (manchmal)

{viel zu wenig nach meinem Geschmack}

schöne Nägel (manchmal)

intelligent (manchmal)

12. Juni 1942

Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.

28. September 1942 (Nachtrag)

Ich habe bis jetzt eine große Stütze an dir gehabt. Auch an Kitty, der ich jetzt regelmäßig schreibe. Diese Art, Tagebuch zu schreiben, finde ich viel schöner, und ich kann die Stunde fast nicht abwarten, wenn ich Zeit habe, in dich zu schreiben.

Ich bin, oh, so froh, dass ich dich mitgenommen habe!

Sonntag, 14. Juni 1942

Ich werde mit dem Augenblick beginnen, als ich dich bekommen habe, das heißt, als ich dich auf meinem Geburtstagstisch liegen gesehen habe (denn das Kaufen, bei dem ich auch dabei gewesen bin, zählt nicht).

Am Freitag, dem 12. Juni, war ich schon um sechs Uhr wach, und das ist sehr begreiflich, da ich Geburtstag hatte. Aber um sechs Uhr durfte ich noch nicht aufstehen, also musste ich meine Neugier noch bis Viertel vor sieben bezwingen. Dann ging es nicht länger. Ich lief ins Esszimmer, wo ich von Moortje, unserer Katze, mit Purzelbäumen begrüßt wurde.

Kurz nach sieben ging ich zu Papa und Mama und dann ins Wohnzimmer, um meine Geschenke auszupacken. An erster Stelle warst du es, die ich zu sehen bekam und was wahrscheinlich eines von meinen schönsten Geschenken ist. Dann ein Strauß Rosen, eine Topfpflanze und zwei Pfingstrosen. Von Papa und Mama habe ich eine blaue Bluse bekommen, ein Gesellschaftsspiel, eine Flasche Traubensaft, der ein bisschen nach Wein schmeckt (Wein wird ja aus Trauben gemacht), ein Puzzle, Creme, Geld und einen Gutschein für zwei Bücher. Dann bekam ich noch ein Buch, »Camera Obscura«, aber das hat Margot schon, darum habe ich es getauscht, selbst gebackene Plätzchen (von mir gebacken, natürlich, denn im Plätzchenbacken bin ich zur Zeit stark), viele Süßigkeiten und eine Erdbeertorte von Mutter. Auch einen Brief von Omi, ganz pünktlich, aber das ist natürlich Zufall.

Edith Frank-Holländer, Annes Mutter, Mai 1935.

Otto Frank, Annes Vater, Mai 1936.

Dann kam Hanneli, um mich abzuholen, und wir gingen zur Schule. In der Pause bewirtete ich Lehrer und Schüler mit Butterkeksen, dann ging es wieder an die Arbeit.

Ich kam erst um fünf Uhr nach Hause, weil ich zum Turnen gegangen war (obwohl ich nie mitmachen darf, da ich mir leicht Arme und Beine ausrenke) und für meine Klassenkameraden Volleyball als Geburtstagsspiel ausgesucht habe. Sanne Ledermann war schon da. Ilse Wagner, Hanneli Goslar und Jacqueline van Maarsen habe ich mitgebracht, die sind bei mir in der Klasse. Hanneli und Sanne waren früher meine besten Freundinnen, und wer uns zusammen sah, sagte immer: »Da laufen Anne, Hanne und Sanne.« Jacqueline van Maarsen habe ich erst auf dem Jüdischen Lyzeum kennen gelernt, sie ist jetzt meine beste Freundin. Ilse ist Hannelis beste Freundin, und Sanne geht in eine andere Schule und hat dort ihre Freundinnen.

Montag, 15. Juni 1942

Sonntagnachmittag war meine Geburtstagsfeier. Rin-tin-tin[1] hat meinen Klassenkameraden gut gefallen. Ich habe zwei Broschen bekommen, ein Lesezeichen und zwei Bücher. Der Club hat mir ein tolles Buch geschenkt, »Niederländische Sagen und Legenden«, aber sie haben mir aus Versehen den zweiten Band gegeben. Deshalb habe ich zwei andere Bücher gegen den ersten Band getauscht. Tante Helene hat noch ein Puzzle gebracht, Tante Stephanie eine Brosche und Tante Leny ein tolles Buch, nämlich »Daisys Ferien im Gebirge«.

Heute Morgen im Bad dachte ich darüber nach, wie herrlich es wäre, wenn ich so einen Hund wie Rin-tin-tin hätte. Ich würde ihn dann auch Rin-tin-tin nennen, und er würde in der Schule immer beim Pedell oder, bei schönem Wetter, im Fahrradunterstand sein.

Ich möchte noch einiges von meiner Klasse und der Schule erzählen und will mit ein paar Schülern anfangen.

Betty Bloemendaal sieht ein bisschen ärmlich aus, ist es, glaube ich, auch. Sie ist in der Schule sehr gescheit. Aber das liegt daran, dass sie so fleißig ist, denn nun lässt die Gescheitheit schon was zu wünschen übrig. Sie ist ein ziemlich ruhiges Mädchen.

Jacqueline van Maarsen gilt als meine beste Freundin. Aber eine wirkliche Freundin habe ich noch nie gehabt. Bei Jopie dachte ich erst, sie könnte es werden, aber es ist schief gegangen.

Lenij Duijzend ist sehr nervös, vergisst alles mögliche und bekommt Strafarbeit um Strafarbeit. Sie ist sehr gutmütig, vor allem Miep Lobatto gegenüber. Nannie Blitz schwätzt so entsetzlich, dass es nicht mehr schön ist. Wenn sie einen etwas fragt, fasst sie einen immer an den Haaren oder Knöpfen an. Man sagt, dass Nannie mich nicht ausstehen kann. Aber das ist nicht schlimm, weil ich sie auch nicht sehr sympathisch finde.

Henny Mets ist fröhlich und nett, nur spricht sie sehr laut und ist, wenn sie auf der Straße spielt, sehr kindisch. Es ist sehr schade, dass sie eine Freundin hat, Beppy, die einen schlechten Einfluss auf sie hat, weil dieses Mädchen schrecklich schmutzig und schweinisch ist.

Über Danka Zajde könnten ganze Romane geschrieben werden. Sie ist ein angeberisches, tuschelndes, ekliges, erwachsentuendes, hinterhältiges Mädchen. Sie hat Jopie eingewickelt, und das ist schade. Sie weint beim kleinsten Anlass und ist schrecklich zimperlich. Immer muss Fräulein Danka Recht haben. Sie ist sehr reich und hat einen ganzen Schrank voll mit goldigen Kleidern, in denen sie aber viel zu alt aussieht. Das Mädchen bildet sich ein, sehr schön zu sein, aber sie ist gerade das Gegenteil. Danka und ich können einander nicht ausstehen.

Ilse Wagner ist ein fröhliches und nettes Mädchen, aber sie ist sehr genau und kann stundenlang jammern. Ilse mag mich ziemlich gern. Sie ist auch sehr gescheit, aber faul.

Hanneli Goslar oder Lies, wie sie in der Schule genannt wird, ist ein bisschen eigenartig. Sie ist meist schüchtern und zu Hause sehr frech. Sie tratscht alles, was man ihr erzählt, an ihre Mutter weiter. Aber sie hat eine offene Meinung, und vor allem in der letzten Zeit schätze ich sie sehr.

Nannie v.Praag-Sigaar ist ein kleines, gescheites Mädchen. Ich finde sie ganz nett. Sie ist ziemlich klug. Viel ist über sie nicht zu sagen.

Eefje de Jong finde ich großartig. Sie ist erst zwölf Jahre alt, aber ganz und gar eine Dame. Sie tut, als wäre ich ein Baby. Und sie ist sehr hilfsbereit, deshalb mag ich sie auch.

Miep Lobatto ist das schönste Mädchen in der Klasse. Sie hat ein liebes Gesicht, ist aber in der Schule ziemlich dumm. Ich glaube, dass sie sitzen bleibt, aber das sage ich natürlich nicht zu ihr.

(Nachtrag)

Sie ist zu meiner großen Verwunderung doch nicht sitzen geblieben.

Und am Schluss von uns zwölf Mädchen sitze ich, neben Miep Lobatto

Über die Jungen lässt sich viel, aber auch wenig sagen.

Maurice Coster ist einer von meinen vielen Verehrern, aber er ist ein ziemlich unangenehmer Junge.

Sally Springer ist ein schrecklich schweinischer Junge, und es geht das Gerücht um, dass er gepaart hat. Trotzdem finde ich ihn toll, denn er ist sehr witzig.

Emiel Bonewit ist der Verehrer von Miep Lobatto, aber sie macht sich nicht viel daraus. Er ist ziemlich langweilig.

Rob Cohen war auch verliebt in mich, aber jetzt kann ich ihn nicht mehr ausstehen. Er ist heuchlerisch, verlogen, weinerlich, verrückt und unangenehm und bildet sich schrecklich viel ein.

Max van de Velde ist ein Bauernjunge aus Medemblik, aber ganz annehmbar, würde Margot sagen.

Herman Koopman ist auch arg schweinisch, genau wie Jopie de Beer, der ein richtiger Schürzenjäger ist.

Leo Blom ist der Busenfreund von Jopie de Beer und auch vom Schweinischsein angesteckt.

Albert de Mesquita kommt von der Montessorischule und hat eine Klasse übersprungen. Er ist sehr klug.

Leo Slager kommt von derselben Schule, ist aber nicht so klug.

Ru Stoppelmon ist ein kleiner, verrückter Junge aus Almelo, der erst später in die Klasse gekommen ist.

Pim Pimentel tut alles, was nicht erlaubt ist.

Jacques Kocernoot und Pim sitzen hinter uns, und wir lachen uns oft krank (Miep und ich).

Harry Schaap ist der anständigste Junge aus unserer Klasse, er ist nett.

Werner Joseph auch, ist aber zu still und wirkt dadurch langweilig.

Edith Frank mit ihren Töchtern Anne (links) und Margot bei der Hauptwache in Frankfurt am Main, 1933.

Sam Salomon ist ein Rabauke aus der Gosse, ein Mistjunge. (Verehrer!)

Appie Riem ist ziemlich orthodox, aber auch ein Dreckskerl. Jetzt muss ich aufhören. Beim nächsten Mal habe ich wieder so viel in dich zu schreiben, d.h. dir zu erzählen. Tschüs! Ich finde dich so toll!

Samstag, 20. Juni 1942

Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl, Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird. Aber darauf kommt es eigentlich nicht an, ich habe Lust zu schreiben und will mir vor allem alles Mögliche gründlich von der Seele reden.

Papier ist geduldiger als Menschen. Dieses Sprichwort fiel mir ein, als ich an einem meiner leicht-melancholischen Tage gelangweilt am Tisch saß, den Kopf auf den Händen, und vor Schlaffheit nicht wusste, ob ich weggehen oder lieber zu Hause bleiben sollte, und so schließlich sitzen blieb und weitergrübelte. In der Tat, Papier ist geduldig. Und weil ich nicht die Absicht habe, dieses kartonierte Heft mit dem hochtrabenden Namen »Tagebuch« jemals jemanden lesen zu lassen, es sei denn, ich würde irgendwann in meinem Leben »den« Freund oder »die« Freundin finden, ist es auch egal.

Nun bin ich bei dem Punkt angelangt, an dem die ganze Tagebuch-Idee angefangen hat: Ich habe keine Freundin.

Um noch deutlicher zu sein, muss hier eine Erklärung folgen, denn niemand kann verstehen, dass ein Mädchen von dreizehn ganz allein auf der Welt steht. Das ist auch nicht wahr. Ich habe liebe Eltern und eine Schwester von sechzehn, ich habe, alle zusammengezählt, mindestens dreißig Bekannte oder was man so Freundinnen nennt. Ich habe einen Haufen Anbeter, die mir alles von den Augen ablesen und sogar, wenn’s sein muss, in der Klasse versuchen, mit Hilfe eines zerbrochenen Taschenspiegels einen Schimmer von mir aufzufangen. Ich habe Verwandte und ein gutes Zuhause. Nein, es fehlt mir offensichtlich nichts, außer »die« Freundin. Ich kann mit keinen von meinen Bekannten etwas anderes tun als Spaß machen, ich kann nur über alltägliche Dinge sprechen und werde nie intimer mit ihnen. Das ist der Haken. Vielleicht liegt dieser Mangel an Vertraulichkeit auch an mir. Jedenfalls ist es so, leider, und nicht zu ändern. Darum dieses Tagebuch.

Anne (links) und Margot, 1933.

Um nun die Vorstellung der ersehnten Freundin in meiner Phantasie noch zu steigern, will ich nicht einfach Tatsachen in mein Tagebuch schreiben wie alle andern, sondern ich will dieses Tagebuch die Freundin selbst sein lassen, und diese Freundin heißt Kitty.

Meine Geschichte! (Idiotisch, so etwas vergisst man nicht.)

Weil niemand das, was ich Kitty erzähle, verstehen würde, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle, muss ich, wenn auch ungern, kurz meine Lebensgeschichte wiedergeben.

Mein Vater, der liebste Schatz von einem Vater, den ich je getroffen habe, heiratete erst mit 36 Jahren meine Mutter, die damals 25 war. Meine Schwester Margot wurde 1926 in Frankfurt am Main geboren, in Deutschland. Am 12. Juni 1929 folgte ich. Bis zu meinem vierten Lebensjahr wohnte ich in Frankfurt. Da wir Juden sind, ging dann mein Vater 1933 in die Niederlande. Er wurde Direktor der Niederländischen Opekta Gesellschaft zur Marmeladeherstellung. Meine Mutter, Edith Frank-Holländer, fuhr im September auch nach Holland, und Margot und ich gingen nach Aachen, wo unsere Großmutter wohnte. Margot ging im Dezember nach Holland und ich im Februar, wo ich als Geburtstagsgeschenk für Margot auf den Tisch gesetzt wurde.

Ich ging bald in den Kindergarten der Montessorischule. Dort blieb ich bis sechs, dann kam ich in die erste Klasse. In der 6. Klasse kam ich zu Frau Kuperus, der Direktorin. Am Ende des Schuljahres nahmen wir einen herzergreifenden Abschied voneinander und weinten beide, denn ich wurde am Jüdischen Lyzeum angenommen, in das Margot auch ging.

Unser Leben verlief nicht ohne Aufregung, da die übrige Familie in Deutschland nicht von Hitlers Judengesetzen verschont blieb. Nach den Pogromen 1938 flohen meine beiden Onkel, Brüder von Mutter, nach Amerika, und meine Großmutter kam zu uns. Sie war damals 73 Jahre alt.

Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann. Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt. Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben; Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von 3–5 Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Frisör; Juden dürfen zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht auf die Straße; Juden dürfen sich nicht in Theatern, Kinos und an anderen dem Vergnügen dienenden Plätzen aufhalten; Juden dürfen nicht ins Schwimmbad, ebenso wenig auf Tennis-, Hockey- oder andere Sportplätze; Juden dürfen nicht rudern; Juden dürfen in der Öffentlichkeit keinerlei Sport treiben; Juden dürfen nach acht Uhr abends weder in ihrem eigenen Garten noch bei Bekannten sitzen; Juden dürfen nicht zu Christen ins Haus kommen; Juden müssen auf jüdische Schulen gehen und dergleichen mehr. So ging unser Leben weiter, und wir durften dies nicht und das nicht. Jacque sagt immer zu mir: »Ich traue mich nichts mehr zu machen, ich habe Angst, dass es nicht erlaubt ist.«

Im Sommer 1941 wurde Oma sehr krank. Sie musste operiert werden, und aus meinem Geburtstag wurde nicht viel. Im Sommer 1940 auch schon nicht, da war der Krieg in den Niederlanden gerade vorbei. Oma starb im Januar 1942. Niemand weiß, wie oft ich an sie denke und sie noch immer lieb habe. Dieser Geburtstag 1942 ist dann auch gefeiert worden, um alles nachzuholen, und Omas Kerze stand daneben.

Aber es ist noch auszuhalten, trotz Stern, getrennter Schulen, Sperrstunde usw. usw. Margot und ich sind im Oktober 1941 ins Jüdische Lyzeum übergewechselt, sie in die 4. Klasse, ich in die 1.

Uns vieren geht es noch immer gut, und so bin ich dann bei dem heutigen Datum angelangt, an dem die feierliche Einweihung meines Tagebuchs beginnt, dem 20. Juni 1942.

Samstag, 20. Juni 1942

Liebe Kitty!

Dann fange ich gleich an. Es ist schön ruhig, Vater und Mutter sind ausgegangen, Margot ist mit ein paar jungen Leuten zu ihrer Freundin zum Pingpongspielen. Ich spiele in der letzten Zeit auch sehr viel, sogar so viel, dass wir fünf Mädchen einen Club gegründet haben. Der Club heißt »Der kleine Bär minus 2«. Ein verrückter Name, der auf einem Irrtum beruht. Wir wollten einen besonderen Namen und dachten wegen unserer fünf Mitglieder sofort an die Sterne, an den Kleinen Bären. Wir meinten, er hätte fünf Sterne, aber da haben wir uns geirrt, er hat sieben, genau wie der Große Bär. Daher das »minus zwei«. Ilse Wagner hat ein Pingpongspiel, und das große Esszimmer der Wagners steht uns immer zur Verfügung. Da wir Pingpongspielerinnen vor allem im Sommer gerne Eis essen und das Spielen warm macht, endet es meistens mit einem Ausflug zum nächsten Eisgeschäft, das für Juden erlaubt ist, die Oase oder das Delphi. Nach Geld oder Portemonnaie suchen wir überhaupt nicht mehr, denn in der Oase ist es meistens so voll, dass wir immer einige großzügige Herren aus unserem weiten Bekanntenkreis oder den einen oder anderen Verehrer finden, die uns mehr Eis anbieten, als wir in einer Woche essen können.

Anne Frank 1934 in Aachen.

Ich nehme an, du bist ein bisschen erstaunt über die Tatsache, dass ich, so jung ich bin, über Verehrer spreche. Leider (in einigen Fällen auch nicht leider) scheint dieses Übel auf unserer Schule unvermeidbar zu sein. Sobald mich ein Junge fragt, ob er mit mir nach Hause radeln darf, und wir ein Gespräch anfangen, kann ich in neun von zehn Fällen damit rechnen, dass der betreffende Jüngling die Gewohnheit hat, sofort in Feuer und Flamme zu geraten, und mich nicht mehr aus den Augen lässt. Nach einiger Zeit legt sich die Verliebtheit wieder, vor allem, weil ich mir aus feurigen Blicken nicht viel mache und lustig weiterradle. Wenn es mir manchmal zu bunt wird, schlenkere ich ein bisschen mit dem Rad, die Tasche fällt runter, und der junge Mann muss anstandshalber absteigen. Wenn er mir die Tasche zurückgegeben hat, habe ich längst ein anderes Gesprächsthema angefangen. Das sind aber noch die Unschuldigen. Es gibt auch einige, die mir Kusshändchen zuwerfen oder versuchen, mich am Arm zu nehmen. Aber da sind sie bei mir an der falschen Adresse! Ich steige ab und weigere mich, weiter seine Gesellschaft in Anspruch zu nehmen. Oder ich spiele die Beleidigte und sage ihm klipp und klar, er könne nach Hause gehen.

So, der Grundstein für unsere Freundschaft ist gelegt. Bis morgen!

Deine Anne

Sonntag, 21. Juni 1942

Liebe Kitty!

Unsere ganze Klasse bibbert. Der Anlass ist natürlich die anstehende Lehrerkonferenz. Die halbe Klasse schließt Wetten über Versetzungen oder Sitzenbleiben ab. Miep Lobatto, meine Nachbarin, und ich lachen uns kaputt über unsere beiden Hintermänner, Pim Pimentel und Jacques Kocernoot, die schon ihr ganzes Ferienkapital verwettet haben. »Du wirst versetzt«, »von wegen«, »doch …«, so geht es von morgens bis abends. Weder Gs flehende Blicke noch meine Wutausbrüche können die beiden zur Ruhe bringen. Meiner Meinung nach müsste ein Viertel der Klasse sitzen bleiben, solche Trottel sitzen hier drin. Aber Lehrer sind die launenhaftesten Menschen, die es gibt. Vielleicht sind sie ausnahmsweise auch mal launenhaft in der richtigen Richtung. Für meine Freundinnen und mich habe ich nicht so viel Angst, wir werden wohl durchkommen. Nur in Mathematik bin ich unsicher. Na ja, abwarten. Bis dahin sprechen wir uns gegenseitig Mut zu.

Ich komme mit allen Lehrern und Lehrerinnen ziemlich gut aus. Es sind insgesamt neun, sieben männliche und zwei weibliche. Herr Keesing, der alte Mathematiklehrer, war eine Zeit lang sehr böse auf mich, weil ich so viel schwätzte. Eine Ermahnung folgte der anderen, bis ich eine Strafarbeit bekam. Ich sollte einen Aufsatz über das Thema »Eine Schwatzliese« schreiben. Eine Schwatzliese, was kann man darüber schreiben? Aber ich machte mir erst noch keine Sorgen, steckte das Aufgabenheft in die Tasche und versuchte, mich ruhig zu verhalten.

Abends, als ich mit den anderen Aufgaben fertig war, entdeckte ich plötzlich die Eintragung für den Aufsatz. Mit dem Füllerende im Mund fing ich an, über das Thema nachzudenken. Einfach irgendetwas schwafeln und die Worte so weit wie möglich auseinander ziehen, das kann jeder, aber einen schlagenden Beweis für die Notwendigkeit des Schwätzens zu finden, das war die Kunst. Ich dachte und dachte, und dann hatte ich plötzlich eine Idee. Ich schrieb die drei aufgegebenen Seiten und war zufrieden. Als Argument hatte ich angeführt, dass Reden weiblich sei, dass ich ja mein Bestes täte, mich zu bessern, aber ganz abgewöhnen könnte ich es mir wohl nie, da meine Mutter genauso viel redete wie ich, wenn nicht mehr, und dass an ererbten Eigenschaften nun mal wenig zu machen ist.

Herr Keesing musste über meine Argumente lachen. Aber als ich in der nächsten Stunde wieder schwätzte, folgte der zweite Aufsatz. Diesmal sollte es »Eine unverbesserliche Schwatzliese« sein. Auch der wurde abgeliefert, und zwei Stunden lang hatte Herr Keesing nichts zu klagen. In der dritten wurde es ihm jedoch wieder zu bunt. »Anne Frank, als Strafarbeit für Schwätzen einen Aufsatz mit dem Thema: ›Queck, queck, queck, sagte Fräulein Schnatterbeck.‹«

Die Klasse lachte schallend. Ich musste auch lachen, obwohl mein Erfindungsgeist auf dem Gebiet von Schwätzaufsätzen erschöpft war. Ich musste etwas anderes finden, etwas sehr Originelles. Meine Freundin Sanne, eine gute Dichterin, bot mir ihre Hilfe an, um den Aufsatz von vorn bis hinten in Reimen abzufassen. Ich jubelte. Keesing wollte mich mit diesem blödsinnigen Thema reinlegen, aber ich würde es ihm doppelt und dreifach heimzahlen.

Das Gedicht wurde fertig und war großartig. Es handelte von einer Mutter Ente und einem Vater Schwan mit drei kleinen Entchen, die wegen zu vielen Schnatterns von ihrem Vater totgebissen wurden. Zum Glück verstand Keesing Spaß. Er las das Gedicht samt Kommentaren in der Klasse vor, dann noch in anderen Klassen. Seitdem durfte ich schwätzen und bekam nie mehr eine Strafarbeit. Im Gegenteil, Keesing macht jetzt immer Witzchen.

Deine Anne

Mittwoch, 24. Juni 1942

Liebe Kitty!

Es ist glühend heiß. Jeder schnauft und wird gebraten, und bei dieser Hitze muss ich jeden Weg zu Fuß gehen. Jetzt merke ich erst, wie angenehm eine Straßenbahn ist, vor allem eine offene. Aber dieser Genuss ist uns Juden nicht mehr beschieden, für uns sind Schusters Rappen gut genug. Gestern musste ich in der Mittagspause zum Zahnarzt in die Jan Luikenstraat. Von unserer Schule in den Stadstimmertuinen ist das ein langer Weg. Nachmittags schlief ich im Unterricht dann auch fast ein. Ein Glück, dass einem die Leute von selbst was zu trinken anbieten. Die Schwester beim Zahnarzt war wirklich eine herzliche Frau.

Das einzige Fahrzeug, das wir noch benützen dürfen, ist die Fähre. Der Fährmann an der Jozef-Israëls-Kade nahm uns sofort mit, als wir ums Übersetzen baten. An den Holländern liegt es wirklich nicht, dass wir Juden es so schlecht haben.

Ich wünschte nur, dass ich nicht zur Schule müsste! Mein Fahrrad ist in den Osterferien gestohlen worden, und Mutters Rad hat Vater Christen zur Aufbewahrung gegeben. Aber zum Glück nähern sich die Ferien in Windeseile. Noch eine Woche, und das Leid ist vorbei.

Gestern Morgen habe ich was Nettes erlebt. Als ich am Fahrradabstellplatz vorbeikam, rief mich jemand. Ich schaute mich um und sah einen netten Jungen hinter mir stehen, den ich am vorhergehenden Abend bei Wilma getroffen hatte. Er ist ein Cousin um drei Ecken von ihr, und Wilma ist eine Bekannte. Ich fand sie erst sehr nett. Das ist sie ja auch, aber sie spricht den ganzen Tag über nichts anderes als über Jungen, und das wird langweilig. Der Junge kam ein bisschen schüchtern näher und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war erstaunt und wusste nicht so recht, was er wollte. Aber das stellte sich schnell heraus. Er wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule begleiten. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung gehst, dann komme ich mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und kann von allen möglichen Dingen gut erzählen.

Heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird es wohl so bleiben.

Anne

Mittwoch, 1. Juli 1942

Liebe Kitty!

Bis heute hatte ich wirklich keine Zeit zum Schreiben. Donnerstag war ich den ganzen Nachmittag bei Bekannten, Freitag hatten wir Besuch, und so ging es weiter bis heute.

Hello und ich haben uns in dieser Woche gut kennen gelernt, er hat mir viel von sich erzählt. Er stammt aus Gelsenkirchen und ist hier in den Niederlanden bei seinen Großeltern. Seine Eltern sind in Belgien. Für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dorthin zu kommen. Hello hat ein Mädchen, Ursula. Ich kenne sie, sie ist ein Muster an Sanftmut und Langeweile. Nachdem er mich getroffen hat, hat Hello entdeckt, dass er an Ursuls Seite einschläft. Ich bin also eine Art Wachhaltemittel! Ein Mensch weiß nie, wozu er noch einmal gebraucht wird.

Samstag hat Jacque bei mir geschlafen. Mittags war sie bei Hanneli, und ich habe mich tot gelangweilt.

Hello sollte abends zu mir kommen, aber gegen sechs rief er an. Ich war am Telefon, da sagte er: »Hier ist Helmuth Silberberg. Kann ich bitte mit Anne sprechen?«

»Ja, Hello, hier ist Anne.«

»Tag, Anne. Wie geht es dir?«

»Gut, danke.«

»Ich muss dir zu meinem Bedauern sagen, dass ich heute Abend nicht zu dir kommen kann, aber ich würde dich gerne kurz sprechen. Ist es in Ordnung, wenn ich in zehn Minuten vor deiner Tür bin?«

»Ja, in Ordnung. Tschüs!«

Hörer aufgelegt. Ich habe mich rasch umgezogen und mir meine Haare noch ein bisschen zurechtgemacht. Und dann hing ich nervös am Fenster. Endlich kam er. Wunder über Wunder bin ich nicht sofort die Treppe hinuntergesaust, sondern habe ruhig abgewartet, bis er geklingelt hat. Ich ging hinunter. Er fiel gleich mit der Tür ins Haus.

»Hör mal, Anne, meine Großmutter findet dich noch zu jung, um regelmäßigen Umgang mit dir zu haben. Sie meint, ich sollte zu Löwenbachs gehen. Aber du weißt vielleicht, dass ich nicht mehr mit Ursul gehe.«

»Nein, wieso? Habt ihr Streit gehabt?«

»Nein, im Gegenteil. Ich habe Ursul gesagt, dass wir doch nicht so gut miteinander auskommen und deshalb nicht mehr zusammen gehen sollten, aber dass sie auch weiterhin bei uns sehr willkommen wäre und ich hoffentlich bei ihnen auch. Ich dachte nämlich, dass sie mit anderen Jungen ginge, und habe sie auch danach behandelt. Aber das war überhaupt nicht wahr. Und nun sagte mein Onkel, ich müsste Ursul um Entschuldigung bitten. Aber das wollte ich natürlich nicht, und darum habe ich Schluss gemacht. Doch das war nur einer von vielen Gründen.

Meine Großmutter will nun, dass ich zu Ursul gehe und nicht zu dir. Aber der Meinung bin ich nicht und habe es auch nicht vor. Alte Leute haben manchmal sehr altmodische Ansichten, aber danach kann ich mich nicht richten. Ich habe meine Großeltern zwar nötig, aber sie mich auch, in gewisser Weise. Mittwochs abends habe ich immer frei, weil meine Großeltern glauben, ich gehe zum Schnitzen, aber ich gehe zum Treffen der Zionistischen Partei. Das darf ich eigentlich nicht, weil meine Großeltern sehr gegen den Zionismus sind. Ich bin zwar auch nicht fanatisch, aber ich interessiere mich dafür. In der letzten Zeit ist dort allerdings so ein Durcheinander, dass ich vorhabe auszutreten. Deshalb gehe ich nächsten Mittwoch zum letzten Mal hin. Also habe ich mittwochs abends, samstags abends und sonntags nachmittags und so weiter Zeit.«

»Aber wenn deine Großeltern das nicht wollen, solltest du es nicht hinter ihrem Rücken tun.«

»Liebe lässt sich nun mal nicht zwingen.«

Dann kamen wir an der Buchhandlung Blankevoort vorbei, und da stand Peter Schiff mit zwei anderen Jungen. Es war seit langem das erste Mal, dass er mich grüßte, und ich freute mich wirklich sehr darüber.

Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennen zu lernen. Ich hatte Torte und Süßigkeiten geholt. Tee und Kekse, alles gab’s. Aber weder Hello noch ich hatten Lust, ruhig nebeneinander auf den Stühlen zu sitzen. Wir sind spazieren gegangen, und er lieferte mich erst um zehn nach acht zu Hause ab. Vater war sehr böse, fand das keine Art, dass ich zu spät heimkam. Ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht drinnen zu sein. Am kommenden Samstag bin ich bei Hello eingeladen.

Wilma hat mir erzählt, dass Hello neulich abends bei ihr war und sie ihn fragte: »Wen findest du netter, Ursul oder Anne?« Da hat er gesagt: »Das geht dich nichts an.«

Aber als er wegging (sie hatten den ganzen Abend nicht mehr miteinander gesprochen), sagte er: »Anne! Tschüs, und niemandem sagen!« Schwupp, war er zur Tür draußen.

Man merkt, dass Hello in mich verliebt ist, und ich finde es zur Abwechslung ganz schön. Margot würde sagen, Hello ist ein annehmbarer Junge, und das finde ich auch. Sogar mehr als das. Mutter lobt ihn auch über die Maßen. »Ein hübscher, höflicher und netter Junge.« Ich bin froh, dass er der Familie so gut gefällt, nur meinen Freundinnen nicht, die findet er sehr kindlich, und da hat er Recht. Jacque zieht mich immer mit ihm auf. Ich bin wirklich nicht verliebt, oh nein, aber ich darf doch wohl Freunde haben. Niemand findet was dabei.

Mutter will immer wissen, wen ich später heiraten möchte. Aber sie rät bestimmt nie, dass es Peter Schiff ist, weil ich es, ohne mit der Wimper zu zucken, immer ableugne. Ich habe Peter so gern, wie ich noch nie jemanden gern gehabt habe. Und ich rede mir immer ein, dass Peter, nur um seine Gefühle für mich zu verbergen, mit anderen Mädchen geht. Vielleicht denkt er jetzt auch, dass Hello und ich ineinander verliebt sind. Aber das ist nicht wahr. Er ist nur ein Freund von mir, oder, wie Mutter es ausdrückt, ein Kavalier.

Deine Anne

Sonntag, 5. Juli 1942

Beste Kitty!

Die Versetzungsfeier am Freitag ist nach Wunsch verlaufen, mein Zeugnis ist gar nicht so schlecht. Ich habe ein Ungenügend in Algebra, zwei Sechsen[2], zwei Achten und sonst alles Siebenen. Zu Hause haben sie sich gefreut. Aber meine Eltern sind in Notenangelegenheiten sowieso anders als andere Eltern. Sie haben sich nie etwas aus guten oder schlechten Zeugnissen gemacht und achten nur darauf, ob ich gesund bin, nicht zu frech und Spaß habe. Wenn diese drei Dinge in Ordnung sind, kommt alles andere von selbst.

Ich bin das Gegenteil, ich möchte nicht schlecht sein. Ich bin unter Vorbehalt ins Lyzeum aufgenommen worden, ich hätte eigentlich noch die siebte Klasse in der Montessorischule bleiben sollen. Aber als alle jüdischen Kinder in jüdische Schulen mussten, hat Herr Elte mich und Lies Goslar nach einigem Hin und Her unter Vorbehalt aufgenommen. Lies ist auch versetzt worden, aber mit einer schweren Nachprüfung in Geometrie.

Arme Lies, sie kann zu Hause fast nie richtig arbeiten. In ihrem Zimmer spielt den ganzen Tag ihre kleine Schwester, ein verwöhntes Baby von fast zwei Jahren. Wenn Gabi ihren Willen nicht bekommt, schreit sie, und wenn Lies sich dann nicht mit ihr beschäftigt, schreit Frau Goslar. Auf so eine Art kann Lies unmöglich richtig arbeiten, da helfen auch die zahllosen Nachhilfestunden nicht, die sie immer wieder bekommt. Bei Goslars ist das aber auch ein Haushalt! Die Eltern von Frau Goslar wohnen nebenan, essen aber bei der Familie. Dann gibt es noch ein Dienstmädchen, das Baby, Herrn Goslar, der immer zerstreut und abwesend ist, und Frau Goslar, immer nervös und gereizt, die wieder guter Hoffnung ist. In dieser Lotterwirtschaft ist Lies mit ihren beiden linken Händen so gut wie verloren.

Margot Frank, 1940.

Meine Schwester Margot hat auch ihr Zeugnis bekommen, ausgezeichnet, wie immer. Wenn es in der Schule cum laude gäbe, wäre sie sicher mit Auszeichnung versetzt worden. So ein kluges Köpfchen!

Vater ist in der letzten Zeit viel zu Hause, im Geschäft hat er nichts mehr verloren. Ein unangenehmes Gefühl muss das sein, wenn man sich so überflüssig fühlt. Herr Kleiman hat Opekta übernommen und Herr Kugler »Gies und Co.«, die Firma für (Ersatz-)Kräuter, die erst 1941 gegründet worden ist. Als wir vor ein paar Tagen um unseren Platz spazierten, fing Vater an, über Untertauchen zu sprechen. Er meinte, dass es sehr schwer für uns sein wird, ganz und gar abgeschnitten von der Welt zu leben. Ich fragte, warum er jetzt schon darüber sprach.

»Du weißt«, sagte er, »dass wir schon seit mehr als einem Jahr Kleider, Lebensmittel und Möbel zu anderen Leuten bringen. Wir wollen nicht, dass unser Besitz den Deutschen in die Hände fällt. Aber noch weniger wollen wir selbst geschnappt werden. Deshalb werden wir von uns aus weggehen und nicht warten, bis wir geholt werden.«

»Wann denn, Vater?« Der Ernst, mit dem Vater sprach, machte mir Angst.

»Mach dir keine Sorgen darüber, das regeln wir schon. Genieße dein unbeschwertes Leben, solange du es noch genießen kannst.«

Das war alles. Oh, lass die Erfüllung dieser Worte noch in weiter Ferne bleiben!

Gerade klingelt es, Hello kommt, ich höre auf!

Deine Anne

Mittwoch, 8. Juli 1942

Liebe Kitty!

Zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist so viel geschehen, als hätte sich plötzlich die Welt umgedreht. Aber, Kitty, du merkst, dass ich noch lebe, und das ist die Hauptsache, sagt Vater. Ja, in der Tat, ich lebe noch, aber frage nicht, wo und wie. Ich denke, dass du mich heute überhaupt nicht verstehst, deshalb werde ich einfach anfangen, dir zu erzählen, was am Sonntag geschehen ist.

Um 3 Uhr (Hello war eben weggegangen und wollte später zurückkommen) klingelte jemand an der Tür. Ich hatte es nicht gehört, da ich faul in einem Liegestuhl auf der Veranda in der Sonne lag und las. Kurz darauf erschien Margot ganz aufgeregt an der Küchentür. »Für Vater ist ein Aufruf von der SS gekommen«, flüsterte sie. »Mutter ist schon zu Herrn van Daan[3] gegangen.«

Ich erschrak schrecklich. Ein Aufruf! Jeder weiß, was das bedeutet. Konzentrationslager und einsame Zellen sah ich vor mir auftauchen, und dahin sollten wir Vater ziehen lassen müssen? »Er geht natürlich nicht«, erklärte Margot, als wir im Zimmer saßen und auf Mutter warteten. »Mutter ist zu van Daan gegangen und fragt, ob wir schon morgen in unser Versteck umziehen können. Van Daans gehen mit. Wir sind dann zu siebt.«

Stille. Wir konnten nicht mehr sprechen. Der Gedanke an Vater, der, nichts Böses ahnend, einen Besuch im jüdischen Altersheim machte, das Warten auf Mutter, die Hitze, die Anspannung … das alles ließ uns schweigen.

Plötzlich klingelte es wieder. »Das ist Hello«, sagte ich. Margot hielt mich zurück. »Nicht aufmachen!«

Aber das war überflüssig. Wir hörten Mutter und Herrn van Daan unten mit Hello reden. Dann kamen sie herein und schlossen die Tür hinter sich. Bei jedem Klingeln sollten Margot oder ich nun leise hinuntergehen, um zu sehen, ob es Vater war. Andere Leute ließen wir nicht rein. Margot und ich wurden aus dem Zimmer geschickt, van Daan wollte mit Mutter allein sprechen.

Als Margot und ich in unserem Schlafzimmer saßen, erzählte sie, dass der Aufruf nicht Vater betraf, sondern sie. Ich erschrak erneut und begann zu weinen. Margot ist sechzehn. So junge Mädchen wollten sie wegschicken? Aber zum Glück würde sie nicht gehen, Mutter hatte es selbst gesagt. Und vermutlich hatte auch Vater das gemeint, als er mit mir über Verstecken gesprochen hatte.

Verstecken! Wo sollten wir uns verstecken? In der Stadt? Auf dem Land? In einem Haus, in einer Hütte? Wann? Wie? Wo? Das waren Fragen, die ich nicht stellen konnte und die mich doch nicht losließen.

Margot und ich fingen an, das Nötigste in unsere Schultaschen zu packen. Das Erste, was ich hineintat, war dieses gebundene Heft, danach Lockenwickler, Taschentücher, Schulbücher, einen Kamm, alte Briefe. Ich dachte ans Untertauchen und stopfte deshalb die unsinnigsten Sachen in die Tasche. Aber es tut mir nicht Leid, ich mache mir mehr aus Erinnerungen als aus Kleidern.

Um fünf Uhr kam Vater endlich nach Hause. Wir riefen Herrn Kleiman an und fragten, ob er noch an diesem Abend kommen könnte. Van Daan ging weg und holte Miep. Sie kam, packte einige Schuhe, Kleider, Mäntel, Unterwäsche und Strümpfe in eine Tasche und versprach, abends noch einmal zu kommen. Danach war es still in unserer Wohnung. Keiner von uns vieren wollte essen. Es war noch warm, und alles war sehr sonderbar.

Das große Zimmer oben war an Herrn Goldschmidt vermietet, einen geschiedenen Mann in den Dreißigern. Anscheinend hatte er an diesem Abend nichts vor, er hing bis zehn Uhr bei uns rum und war nicht wegzukriegen.

Um elf Uhr kamen Miep und Jan Gies. Miep ist seit 1933 bei Vater im Geschäft und eine gute Freundin geworden, ebenso ihr frisch gebackener Ehemann Jan. Wieder verschwanden Schuhe, Hosen, Bücher und Unterwäsche in Mieps Beutel und Jans tiefen Taschen. Um halb zwölf waren sie wieder gegangen.

Ich war todmüde, und obwohl ich wusste, dass es die letzte Nacht in meinem eigenen Bett sein würde, schlief ich sofort ein und wurde am nächsten Morgen um halb sechs von Mutter geweckt. Glücklicherweise war es nicht mehr so heiß wie am Sonntag; den ganzen Tag fiel ein warmer Regen. Wir zogen uns alle vier so dick an, als müssten wir in einem Eisschrank übernachten, und das nur, um noch ein paar Kleidungsstücke mehr mitzunehmen. Kein Jude in unserer Lage hätte gewagt, mit einem Koffer voller Kleider aus dem Haus zu gehen. Ich hatte zwei Hemden, drei Hosen, zwei Paar Strümpfe und ein Kleid an, darüber Rock, Mantel, Sommermantel, feste Schuhe, Mütze, Schal und noch viel mehr. Ich erstickte zu Hause schon fast, aber danach fragte niemand.

Margot stopfte ihre Schultasche voll mit Schulbüchern, holte ihr Rad und fuhr hinter Miep her in eine mir unbekannte Ferne. Ich wusste nämlich noch immer nicht, wo der geheimnisvolle Ort war, zu dem wir gehen würden.

Um halb acht schlossen auch wir die Tür hinter uns. Die Einzige, von der ich Abschied nehmen musste, war Moortje, meine kleine Katze, die ein gutes Heim bei den Nachbarn bekommen sollte, wie auf einem Briefchen an Herrn Goldschmidt stand.

Die aufgedeckten Betten, das Frühstückszeug auf dem Tisch, ein Pfund Fleisch für die Katze in der Küche, das alles erweckte den Eindruck, als wären wir Hals über Kopf weggegangen. Eindrücke konnten uns egal sein. Weg wollten wir, nur weg und sicher ankommen, sonst nichts.

Fortsetzung morgen.

Deine Anne

Donnerstag, 9. Juli 1942

Liebe Kitty!

So gingen wir dann im strömenden Regen, Vater, Mutter und ich, jeder mit einer Schul- und Einkaufstasche, bis obenhin voll gestopft mit den unterschiedlichsten Sachen. Die Arbeiter, die früh zu ihrer Arbeit gingen, schauten uns mitleidig nach. In ihren Gesichtern war deutlich das Bedauern zu lesen, dass sie uns keinerlei Fahrzeug anbieten konnten. Der auffallende gelbe Stern sprach für sich selbst.

Erst als wir auf der Straße waren, erzählten Vater und Mutter mir stückchenweise den ganzen Versteckplan. Schon monatelang hatten wir so viel Hausrat und Leibwäsche wie möglich aus dem Haus geschafft, und nun waren wir gerade so weit, dass wir am 16. Juli freiwillig untertauchen wollten. Durch diesen Aufruf war der Plan um zehn Tage vorverlegt, sodass wir uns mit weniger gut geordneten Räumen zufrieden geben mussten.

Das Versteck war in Vaters Bürogebäude. Für Außenstehende ist das ein bisschen schwer zu begreifen, darum werde ich es näher erklären. Vater hatte nicht viel Personal, Herrn Kugler, Herrn Kleiman und Miep, dann noch Bep Voskuijl, die 23-jährige Stenotypistin, die alle über unser Kommen informiert waren. Im Lager waren Herr Voskuijl, Beps Vater, und zwei Arbeiter, denen hatten wir nichts gesagt.

Aus: Das Tagebuch der Anne Frank (Fischer Taschenbuch Verlag, 1955, Bd. 77, S. 20).

Das Gebäude sieht so aus: Im Parterre ist ein großes Magazin, das als Lager benutzt wird und wieder unterteilt ist in verschiedene Verschläge, zum Beispiel den Mahlraum, wo Zimt, Nelken und Pfeffersurrogat vermahlen werden, und den Vorratsraum. Neben der Lagertür befindet sich die normale Haustür, die durch eine Zwischentür zu einer Treppe führt. Oben an der Treppe erreicht man eine Tür mit Halbmattglas, auf der einmal mit schwarzen Buchstaben das Wort »Kontor« stand. Das ist das große vordere Büro, sehr groß, sehr hell, sehr voll. Tagsüber arbeiten da Bep, Miep und Herr Kleiman. Durch ein Durchgangszimmer mit Tresor, Garderobe und einem großen Vorratsschrank kommt man zu dem kleinen, ziemlich muffigen, dunklen Direktorenzimmer. Dort saßen früher Herr Kugler und Herr van Daan, nun nur noch Ersterer. Man kann auch vom Flur aus in Kuglers Zimmer gehen, durch eine Glastür, die zwar von innen, aber nicht ohne weiteres von außen zu öffnen ist. Von Kuglers Büro aus durch den langen, schmalen Flur, vorbei am Kohlenverschlag und vier Stufen hinauf, da ist das Prunkstück des ganzen Gebäudes, das Privatbüro. Vornehme, dunkle Möbel, Linoleum und Teppiche auf dem Boden, Radio, elegante Lampe, alles prima-prima. Daneben ist eine große, geräumige Küche mit Durchlauferhitzer und zwei Gaskochern. Dann noch ein Klo. Das ist der erste Stock. Vom unteren Flur führt eine normale Holztreppe nach oben. Dort ist ein kleiner Vorplatz, der Diele genannt wird. Rechts und links sind Türen, die linke führt zum Vorderhaus mit den Lagerräumen, dem Dachboden und dem Oberboden. Vom Vorderhaus aus führt auf der anderen Seite auch noch eine lange, übersteile, echt holländische Beinbrechtreppe zur zweiten Straßentür.

Rechts von der Diele liegt das »Hinterhaus«. Kein Mensch würde vermuten, dass hinter der einfachen, grau gestrichenen Tür so viele Zimmer versteckt sind. Vor der Tür ist eine Schwelle, und dann ist man drinnen. Direkt gegenüber der Eingangstür ist eine steile Treppe, links ein kleiner Flur und ein Raum, der Wohn- und Schlafzimmer der Familie Frank werden soll. Daneben ist noch ein kleineres Zimmer, das Schlaf- und Arbeitszimmer der beiden jungen Damen Frank. Rechts von der Treppe ist eine Kammer ohne Fenster mit einem Waschbecken und einem abgeschlossenen Klo und einer Tür in Margots und mein Zimmer. Wenn man die Treppe hinaufgeht und oben die Tür öffnet, ist man erstaunt, dass es in einem alten Grachtenhaus so einen hohen, hellen und geräumigen Raum gibt. In diesem Raum stehen ein Herd (das haben wir der Tatsache zu verdanken, dass hier früher Kuglers Laboratorium war) und ein Spülstein. Das ist also die Küche und gleichzeitig auch das Schlafzimmer des Ehepaares van Daan, allgemeines Wohnzimmer, Esszimmer und Arbeitszimmer. Ein sehr kleines Durchgangszimmerchen wird Peters Appartement werden. Dann, genau wie vorn, ein Dachboden und ein Oberboden. Siehst du, so habe ich dir unser ganzes schönes Hinterhaus vorgestellt!

Deine Anne

Freitag, 10. Juli 1942

Liebe Kitty!

Sehr wahrscheinlich habe ich dich mit meiner langatmigen Wohnungsbeschreibung ziemlich gelangweilt, aber ich finde es notwendig, dass du weißt, wo ich gelandet bin. Wie ich gelandet bin, wirst du aus den folgenden Briefen schon erfahren.

Nun die Fortsetzung meiner Geschichte, denn ich bin noch nicht fertig, das weißt du. Nachdem wir in der Prinsengracht 263 angekommen waren, führte uns Miep gleich durch den langen Flur und über die hölzerne Treppe direkt nach oben ins Hinterhaus. Sie schloss die Tür hinter uns, und wir waren allein. Margot war mit dem Rad viel schneller gewesen und hatte schon auf uns gewartet.

Unser Wohnzimmer und alle anderen Zimmer waren so voller Zeug, dass man es nicht beschreiben kann! Alle Kartons, die im Lauf der vergangenen Monate ins Büro geschickt worden waren, standen auf dem Boden und auf den Betten. Das kleine Zimmer war bis an die Decke mit Bettzeug voll gestopft. Wenn wir abends in ordentlich gemachten Betten schlafen wollten, mussten wir uns sofort dranmachen und den Kram aufräumen. Mutter und Margot waren nicht in der Lage, einen Finger zu rühren. Sie lagen auf den kahlen Betten, waren müde und schlapp und was weiß ich noch alles. Aber Vater und ich, die beiden Aufräumer der Familie, wollten sofort anfangen.

Wir räumten den ganzen Tag hindurch Schachteln aus und Schränke ein, hämmerten und werkten, bis wir abends todmüde in die sauberen Betten fielen. Den ganzen Tag haben wir kein warmes Essen bekommen, aber das störte uns nicht. Mutter und Margot waren zu müde und zu überspannt, um zu essen, Vater und ich hatten zu viel Arbeit. Dienstagmorgens fingen wir dort an, wo wir am Montag aufgehört hatten. Bep und Miep kauften mit unseren Lebensmittelmarken ein, Vater reparierte die unzureichende Verdunklung, wir schrubbten den Küchenboden und waren wieder von morgens bis abends beschäftigt. Zeit, um über die große Veränderung nachzudenken, die in mein Leben gekommen war, hatte ich bis Mittwoch kaum. Dann fand ich zum ersten Mal seit unserer Ankunft im Hinterhaus Gelegenheit, dir die Ereignisse mitzuteilen und mir gleichzeitig darüber klar zu werden, was nun eigentlich mit mir passiert war und was noch passieren würde.

Deine Anne

Samstag, 11. Juli 1942

Liebe Kitty!

Vater, Mutter und Margot können sich noch immer nicht an das Geräusch der Westerturmglocke gewöhnen, die jede Viertelstunde angibt, wie spät es ist. Ich schon, mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts ist es so etwas Vertrautes. Es wird dich vermutlich interessieren, wie es mir als Untergetauchter gefällt. Nun, ich kann dir nur sagen, dass ich es selbst noch nicht genau weiß. Ich glaube, ich werde mich in diesem Haus nie daheim fühlen, aber damit will ich überhaupt nicht sagen, dass ich es hier unangenehm finde. Ich fühle mich eher wie in einer sehr eigenartigen Pension, in der ich Ferien mache. Eine ziemlich verrückte Auffassung von Untertauchen, aber es ist nun mal nicht anders. Das Hinterhaus ist ein ideales Versteck. Obwohl es feucht und ein bisschen schief ist, wird man wohl in ganz Amsterdam, ja vielleicht in ganz Holland, kein so bequem eingerichtetes Versteck finden.

Unser Zimmer war mit seinen nackten Wänden bis jetzt noch sehr kahl. Dank Vater, der meine ganze Postkarten- und Filmstarsammlung schon vorher mitgenommen hatte, habe ich mit Leimtopf und Pinsel die ganze Wand bestrichen und aus dem Zimmer ein einziges Bild gemacht. Es sieht viel fröhlicher aus. Wenn die van Daans kommen, werden wir aus dem Holz, das auf dem Dachboden liegt, ein paar Schränkchen und anderen netten Krimskrams machen.

Margot und Mutter haben sich wieder ein bisschen erholt. Gestern wollte Mutter zum ersten Mal Erbsensuppe kochen, aber als sie zum Schwätzen unten war, vergaß sie die Suppe. Die brannte so an, dass die Erbsen kohlschwarz und nicht mehr vom Topf loszukriegen waren.

Gestern Abend sind wir alle vier hinunter ins Privatbüro gegangen und haben den englischen Sender angestellt. Ich hatte solche Angst, dass es jemand hören könnte, dass ich Vater buchstäblich anflehte, wieder mit nach oben zu gehen. Mutter verstand meine Angst und ging mit. Auch sonst haben wir große Angst, dass die Nachbarn uns hören oder sehen könnten. Gleich am ersten Tag haben wir Vorhänge genäht. Eigentlich darf man nicht von Vorhängen sprechen, denn es sind nur Lappen, vollkommen unterschiedlich in Form, Qualität und Muster, die Vater und ich sehr unfachmännisch schief aneinander genäht haben. Mit Reißnägeln wurden diese Prunkstücke vor den Fenstern befestigt, um vor Ablauf unserer Untertauchzeit nie mehr herunterzukommen.

Rechts neben uns ist das Haus einer Firma aus Zaandam, links eine Möbeltischlerei. Diese Leute sind also nach der Arbeitszeit nicht in den Gebäuden, aber trotzdem könnten Geräusche durchdringen. Wir haben Margot deshalb auch verboten, nachts zu husten, obwohl sie eine schwere Erkältung erwischt hat, und geben ihr große Mengen Codein zu schlucken.

Ich freue mich sehr auf die Ankunft der van Daans, die auf Dienstag festgelegt ist. Es wird viel gemütlicher und auch weniger still sein. Diese Stille ist es nämlich, die mich abends und nachts so nervös macht, und ich würde viel darum geben, wenn jemand von unseren Beschützern hier schlafen würde.

Sonst ist es hier überhaupt nicht so schlimm, denn wir können selbst kochen und unten in Papis Büro Radio hören. Herr Kleiman, Miep und Bep haben uns sehr geholfen. Wir haben sogar schon Rhabarber, Erdbeeren und Kirschen gehabt, und ich glaube nicht, dass wir uns hier vorläufig langweilen werden. Zu lesen haben wir auch, und wir kaufen noch einen Haufen Spiele. Aus dem Fenster schauen oder hinausgehen dürfen wir natürlich nie. Tagsüber müssen wir auch immer sehr leise gehen und leise sprechen, denn im Lager dürfen sie uns nicht hören.

Anne (rechts) und Spielkameradin Sanne am Merwedeplein, Amsterdam.

Gestern hatten wir viel Arbeit, wir mussten für das Büro zwei Körbe Kirschen entkernen, Herr Kugler wollte sie einmachen. Aus den Kirschenkisten machen wir Bücherregale.

Gerade werde ich gerufen!

Deine Anne

28. September 1942 (Nachtrag)

Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann, dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden. Das ist natürlich eine weniger angenehme Aussicht.

Sonntag, 12. Juli 1942

Heute vor einem Monat waren sie alle so nett zu mir, weil ich Geburtstag hatte, aber nun fühle ich jeden Tag mehr, wie ich mich von Mutter und Margot entfremde. Ich habe heute hart gearbeitet, und alle haben mich ungeheuer gelobt, doch fünf Minuten später schimpften sie schon wieder mit mir.

Man kann deutlich den Unterschied sehen, wie sie mit Margot umgehen und mit mir. Margot hat zum Beispiel den Staubsauger kaputtgemacht, und deshalb hatten wir den ganzen Tag kein Licht. Mutter sagte: »Aber Margot, man sieht, dass du keine Arbeit gewöhnt bist, sonst hättest du gewusst, dass man einen Staubsauger nicht an der Schnur herauszieht.« Margot sagte irgendwas, und damit war die Geschichte erledigt.

Aber heute Mittag wollte ich etwas von Mutters Einkaufsliste abschreiben, weil ihre Schrift so undeutlich ist. Sie wollte das nicht und hielt mir sofort wieder eine gepfefferte Standpauke, in die sich die ganze Familie einmischte.

Ich passe nicht zu ihnen, das merke ich vor allem in der letzten Zeit sehr deutlich. Sie sind so gefühlvoll miteinander, und das will ich lieber sein, wenn ich allein bin. Sie sagen, wie gemütlich wir vier es doch haben und dass wir so harmonisch zusammenpassen. Dass ich es ganz anders empfinde, daran denken sie keinen Augenblick.

Nur Papa versteht mich manchmal, ist aber meistens auf der Seite von Mutter und Margot. Ich kann es auch nicht ausstehen, wenn sie vor Fremden erzählen, dass ich geheult habe oder wie vernünftig ich bin, oder dass sie von Moortje anfangen. Das kann ich überhaupt nicht ertragen. Moortje ist mein weicher und schwacher Punkt. Ich vermisse sie jede Minute, und niemand weiß, wie oft ich an sie denke.

Ich bekomme dann immer Tränen in die Augen. Moortje ist so lieb, und ich habe sie so gern, und ich mache schon Traumpläne, dass sie wieder zurückkommt.

Ich träume hier so schön. Aber die Wirklichkeit ist, dass wir hier sitzen müssen, bis der Krieg vorbei ist. Wir dürfen nie hinausgehen, und Besuch können wir nur von Miep, ihrem Mann Jan, Bep, Herrn Kugler und Herrn und Frau Kleiman bekommen, aber diese kommt nicht, sie findet es zu gefährlich.

28. September 1942 (Nachtrag)

Papi ist immer so lieb. Er versteht mich vollkommen, und ich würde gern mal vertraulich mit ihm reden, ohne dass ich sofort in Tränen ausbreche. Aber das scheint an meinem Alter zu liegen. Ich würde am liebsten immerfort schreiben, aber das wird viel zu langweilig.

Bis jetzt habe ich fast ausschließlich Gedanken in mein Buch geschrieben, aber zu hübschen Geschichten, die ich später mal vorlesen kann, ist es nie gekommen. Aber ich werde in Zukunft nicht oder weniger sentimental sein und mich mehr an die Wirklichkeit halten.

Freitag, 14. August 1942

Beste Kitty!