Verlag: cbj Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Tagebuch der Callie Snow - Drama, Baby! E-Book

Emma Chastain  

(0)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Tagebuch der Callie Snow - Drama, Baby! - Emma Chastain

Die kleine Schwester von Bridget Jones –
Highschool-Drama vom Feinsten

Der süße Mike, mit dem Callie in den Ferien im Freibad gejobbt hat, kommt neu an die Highschool. Doch bevor Callie in Ruhe abwägen kann, ob sie sich als Sophomore mit einem Freshman abgeben kann, hat sich Klassenzicke Reese Mike bereits gekrallt. Als dann auch noch Mac wieder auftaucht, der Callie letztes Schuljahr so viele Nerven gekostet hat, ist das Chaos perfekt.

Meinungen über das E-Book Das Tagebuch der Callie Snow - Drama, Baby! - Emma Chastain

E-Book-Leseprobe Das Tagebuch der Callie Snow - Drama, Baby! - Emma Chastain

Emma Chastain

Aus dem Amerikanischen von Mareike Weber

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage 2018

© 2018 by Emma Chastain

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

The Year of Living Awkwardly – Chloe Snow’s Diary bei Simon Pulse,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing Division

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe:

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Mareike Weber

Umschlaggestaltung: Suse Kopp, Hamburg

Umschlagmotive: © Shutterstock/Borysevych.com

Yellow LED Font: handmadefont.com

MI · Herstellung: AJ

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-20295-8V001

www.cbj-verlag.de

Für

Anita Lannom

Mittwoch, 10. August

OMG. Ich glaub, Mike steht auf mich.

Vielleicht! Ich meine, sicher bin ich mir nicht. Aber es war irgendwie seltsam heute auf der Arbeit.

Es war heiß, aber am Himmel hingen dicke Regenwolken, sodass niemand ins Freibad kam. Mike und ich saßen auf unseren Hockern am Kiosk, aßen Twizzlers-Fruchtgummi und redeten darüber, wo wir am liebsten leben würden, wenn wir endlich der verflucht idyllischen Provinz von New England entkommen wären.

»In Berlin wahrscheinlich, oder Istanbul«, sagte Mike.

»Definitiv New York«, sagte ich. »Oder vielleicht Bermuda, da kann ich auf ’ner Vespa rumkurven.«

Er schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Das wäre zu langweilig, immer da zu leben. Aber für unsere Hochzeitsreise wäre es vielleicht was.«

Völlig entgeistert starrte ich ihn an. So was hatte er noch nie zu mir gesagt! Er ist ein Jahr jünger als ich! Er weiß, dass ich gerade erst von Mac sitzen gelassen wurde, der eigentlich eine Freundin hatte, aber trotzdem die ganze Zeit mit mir rummachte!

Mike sah etwas nervös aus, aber irgendwie auch zufrieden mit sich.

»Na klar«, sagte ich nach einer Ewigkeit. »Ich hab gehört, es gibt dort rosa Sand.«

Die Sache mit Mike ist, er ist so ziemlich gleich groß wie ich, also ist es leicht, ihm in die Augen zu gucken, diese tief liegenden Augen mit den ultralangen Wimpern, die sich manchmal fast verhaken.

Ich sehe, dass er gut aussieht, aber es bringt nichts in mir zum Kribbeln. Könnte ich je auf Mike stehen? Den guten, alten Mike, meinen Pool-Kollegen, den Typen, der mich damit unterhält, das Alphabet zu rülpsen, wenn es uns langweilig wird?

Donnerstag, 11. August

Okay, ich glaub, ich hab mir das gestern alles nur eingebildet. Heute waren bestimmt hundert Grad im Kiosk und ich kam fast um vor Hitze.

»Ich schwitze wie ein Schwein«, sagte ich zu Mike. »Und ich glaub, ich hab mein Deo vergessen.«

Er versuchte, unter meiner Achsel zu schnüffeln und ich stieß seinen Kopf weg.

»Ja, du hast es definitiv vergessen«, sagte er und fächelte sich mit der Hand Luft zu.

So gehen wir normalerweise miteinander um: wie Geschwister. Geschwister, die sich kabbeln.

Dann quatschten wir über alles Mögliche: a) ob Hunde ein Bewusstsein für Zukunft haben oder nicht, b) welche ekligen Gerüche wir insgeheim mögen (Benzin, Stinktiere) und c) ob kleine Ohrstöpsel besser sind als große Kopfhörer oder umgekehrt. Nicht gerade eine erotisch aufgeladene Unterhaltung, Gott sei Dank.

Freitag, 12. August

Würg. E-Mail von Mom.

Liebste Callie,

ich weiß, dass du wütend auf mich bist und ich respektiere das. Du musst dich nicht gezwungen fühlen, auf dieses Schreiben zu reagieren – aber du sollst wissen, dass mich eine Antwort überglücklich machen würde, solltest du dich doch dazu durchringen können.

Javi und ich haben uns in unserem neuen Domizil in San Miguel gut eingelebt. Wir haben ein Zimmer für dich reserviert. Am Abend sitzen wir auf dem Balkon und nippen an unserem Tequila, während an den Berghängen unter uns die Lichter angehen, als wollten sie mit den Sternen um die Wette funkeln.

Ich habe die erste Fassung meines Romans fertig und ihn in eine Schublade gelegt, wo ich ihn eine Weile liegen lassen werde, bevor ich noch einmal mit frischem Blick darangehe. Während ich warte, werde ich meine Yoga-Übungen vertiefen. Ich hab ein paar Straßen weiter ein entzückendes kleines Studio entdeckt. Nun, mein Schatz, ich denke jede Minute an dich und ich schicke dir ganz viel Liebe.

Für immer

Deine

Mommy

Ich fing einen Entwurf an.

Veronica,

Erinnerst du dich an den Tag, als du nach Mexiko abhautest, um an deinem (wahrscheinlich furchtbaren) Roman zu arbeiten, und mich und Dad einfach sitzen ließest? Erinnerst du dich, wie du so getan hast, als würdest du nur ein paar Monate weg sein, wo du doch wusstest, dass du nie zurückkommen würdest? Weißt du noch, wie du auf unserer Grillparty am 4. Juli aufgetaucht bist, mit deinem SEHR VIEL JÜNGEREN Lover Javi, und mich vor all meinen Freunden blamiert hast und mir dann gesagt hast, dass du und Dad euch scheiden lassen werdet? Oh, warte, das war ja alles erst im letzten Jahr, also erinnerst du dich bestimmt daran. Ich erinnere mich auch. Schreib mir nicht mehr.

Callie

Doch dann löschte ich den Entwurf wieder. Ich will ihr keine Aufmerksamkeit schenken. Sie hat sie nicht verdient.

Samstag, 13. August

Dad machte den Abwasch und sang dabei »The Surrey with the Fringe on Top«. Man würde es gar nicht denken, wenn man ihn so anguckt, schließlich ist er ein mittelalter Rechtsanwalts-Dad, der selbst am Wochenende Hemd mit Kragen trägt, aber er steht total auf Musicals. Und es muss vererbbar sein, denn ich mochte Musicals auch schon immer.

Er merkte, dass ich ihn anstarrte und hörte auf zu singen.

»Zu laut?«, fragte er.

»Nee, klingt schön.« Ich sagte ihm nicht die Wahrheit, nämlich dass ich dagestanden hatte und mir Sorgen um ihn gemacht hatte. Ich mache mir im Moment ständig Sorgen um ihn. Meistens stelle ich mir vor, wie er bei einem Autounfall ums Leben kommt. Das macht mir am meisten Angst, vielleicht weil es mir so wahrscheinlich vorkommt, dass es wirklich passieren könnte.

»Ich muss in ein paar Minuten los«, sagte Dad.

»Du gehst aus? Das wusste ich nicht. Ich hätte Tris eingeladen, wenn—«

»Warte mal, Callie.« Er drehte das Wasser ab und sah mich an. »Ich gehe mit Miss Murphy was trinken.«

»Oh. Okay.«

Meine Stimme musste komisch geklungen haben, denn er sagte: »Du hast doch gesagt, dass ich mal wieder mit ihr ausgehen sollte, also dachte ich …«

»Ist in Ordnung. Es macht mir nichts aus.«

Fieberhaft wischte ich einen Topf trocken und stellte ihn scheppernd in den Schrank.

»Komm schon, Callie.«

»Es ist nur … Bitte geht nicht irgendwo in der Nähe hin. Ich will nicht, dass die Leute euch sehen und sich in der Schule über mich lustig machen.«

»Glaubst du, dass würden sie tun?«

Ich nahm das Nudelsieb in die Hand und musterte es. »Da klebt noch überall Pasta dran.«

»Oh, tatsächlich. Gib noch mal her.«

»Die würden sich definitiv über mich lustig machen«, sagte ich. »Definitiv.«

»Okay.« Er beugte sich über das Sieb und schrubbte es mit dem Schwamm. »Wir können ja ein paar Orte weiter fahren.«

Ich faltete das Geschirrtuch einmal in der Mitte, und dann noch einmal. »Du weißt schon, dass sie in diesem Jahr wieder meine Englischlehrerin ist?« Ich war mir sicher gewesen, dass sie wieder die neunte Klasse unterrichten würde, aber nein, anscheinend wird sie mich durch die Highschool verfolgen wie ein Fluch.

Er nickte, ohne mich anzusehen. »Ich hab es in deinem Stundenplan gesehen.«

Ich wartete, aber er sagte nichts mehr. Ich weiß nicht, was ich hören wollte. Vielleicht so etwas wie Ich kann mir vorstellen, wie seltsam es für dich sein muss zu wissen, dass die Frau, die dein Lieblingsfach unterrichtet, auch mit deinem Dad ins Bett steigt.

Nachdem wir mit dem Abwasch fertig waren, ging ich betont langsam nach oben, damit es nicht so aussähe, als würde ich aus dem Zimmer stürmen. Warum fühlte ich mich überhaupt danach, aus dem Zimmer zu stürmen?

Ich liebe Miss Murphy. Sie gehörte mir, bevor sie Dad gehörte. Sie war meine Englischlehrerin und sie fand, ich sagte schlaue Dinge über Bücher wie Ethan Frome. Und sie hatte mich, eine unbedeutende Neuntklässlerin, zum Star des Schul-Musicals gemacht. Sie ist lustig und interessant und sie war Theaterregisseurin am Broadway, bevor sie hierher zurückkam, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Ich bewundere sie.

Und ich weiß, meine Mutter hat meinen Vater verlassen und eine Affäre mit einem Matador angefangen. Was hätte Dad da denn tun sollen, zu Hause sitzen und heulen, während sie am Strand saß und mit einem Typen Bier trank, der jung genug war, um ihr Sohn zu sein?

Trotzdem wird mir immer noch etwas schlecht, wenn ich daran denke, dass die beiden andere Leute daten.

Sonntag, 14. August

Ich glaub, heute im Freibad hat ein neues Highschool-Drama seinen Anfang genommen. Reese hatte Dienst als Rettungsschwimmerin. Sie ist die Queen unserer Stufe, die Art Schülerin, von der Erwachsene nicht glauben wollen, wie gemein sie ist, weil sie alle mit ihrer übersprudelnden Liebenswürdigkeit einnimmt und niemand die schwarze Seele darunter erkennen kann. Sie lächelt ständig und zeigt jedem ihre zwei Grübchen. Sie trägt viel Lila. Statt geradeheraus etwas Fieses zu sagen wie »Du meine Güte, Madeline ist über den Sommer ganz schön fett geworden«, sagt sie etwas vordergründig Nettes wie »Ich mache mir solche Sorgen um Madeline.« Sie regiert mit eiserner Hand, aber alle sollen denken, dass sie ja SO nett ist.

Ich habe tierische Angst vor Reese. Gleichzeitig will ich unbedingt, dass sie mich mag. Dafür hasse ich mich.

Jedenfalls, heute Morgen tauchte bei der Arbeit ein Mädchen auf, bevor es voll wurde, und rannte sofort zu Reese rüber. Die beiden kreischten und lagen sich in den Armen.

Mike stieß mir den Ellenbogen in die Seite und versuchte, mir eine Skizze zu zeigen, an der er gerade arbeitete. »Es ist eine Riesenkrake, die den Kiosk verschlingt«, erklärte er, »guck, ich habe dich–«

»SCHSCHSCH«, zischte ich. Ich wollte nichts verpassen.

»Wer ist denn das?«, fragte Mike, als er meinem Blick folgte.

»Das weiß ich auch noch nicht«, sagte ich.

Dann kreischte Reese: »Wie war Paris? Du musst mir alles erzählen!« und ich wusste Bescheid.

»Warte«, sagte ich. »Das ist Noelle Phelps!«

Bevor Noelle nach Paris aufgebrochen war, hatte sie vielleicht gerade mal 40 Kilo gewogen und es war offensichtlich, warum sie neben Reese nur die Nummer zwei sein konnte: Sie himmelte Reese an und sie war ziemlich hübsch, aber eben nicht Reese-hübsch. Sie war dürr und zögerlich und ernst, mit mausbraunem Haar. Doch das Mädchen, das Reese jetzt angrinste, war platinblond und trug eine riesige glamouröse Sonnenbrille. Dann sagte Noelle: »Ich halte diese Hitze nicht mehr aus!« und streifte ihr Strandshirt ab.

»Oh, mein Gott«, sagte ich. »Noelle hat auf einmal einen Busen.«

Mike nickte. »Ich hab sie zwar noch nie vorher gesehen, aber jetzt hat sie definitiv einen Busen.«

Ich hielt ihm meine Hand vor die Augen. »Jetzt sei nicht so pervers.«

»Du hast doch damit angefangen!«, sagte er und schob meine Hand zur Seite.

Reese musterte Noelle von Kopf bis Fuß. »Du siehst fantastisch aus«, sagte sie nachdenklich und ich dachte: Noelle ist erledigt.

Noelle saß stundenlang neben Reese auf dem Rettungsschwimmersitz, was ganz bestimmt nicht erlaubt ist, und die beiden quatschten und lachten die ganze Zeit, aber ich lasse mich nicht täuschen. Noelle steht auf der Abschussliste.

Montag, 15. August

Heute Nachmittag tauchte Mikes dreijähriger Bruder Ben mit seinem Kindermädchen im Freibad auf und rannte herbei, um Mike in die Arme zu springen. Dann guckte er mich an und sagte: »Ich mag deine Unterwäsche.«

»Das ist ein Bikini, Kumpel«, sagte Mike.

Auf einmal kam mir Badekleidung skurril vor. Wir würden ja auch nie nur in Unterwäsche abhängen, warum also standen wir hier kaum einen Meter voneinander entfernt, quasi nackt, bloß weil wir im Freibad waren?

»Er ist echt süß«, sagte ich und sah Ben hinterher, der zum Kinderbecken rüberrannte. »Es ist seltsam – ihr zwei seht euch überhaupt nicht ähnlich.«

»Vielen Dank auch!«

»Nein, ich meinte – ich meinte nicht, dass du nicht süß bist.«

»WIRKLICH!« Er sah mich mit einem zweideutigen Grinsen an.

»Jetzt hör schon auf«, sagte ich und schob ihn zur Seite.

»Ben und ich haben unterschiedliche Väter«, sagte er. »Danke, dass du mir das unter die Nase gerieben hast.«

»Oh, mein Gott, sorry«, sagte ich erschrocken.

»Ich mach doch nur Quatsch, Dummie«, sagte er lachend. »Ich meine, er ist das Kind meiner Mutter und meines Stiefvaters, aber das ist okay. Ich hatte ja schon drei Jahre, um mich daran zu gewöhnen.«

»Du kannst ganz schön nervig sein«, sagte ich.

»Du liebst mich«, sagte er.

»Bestimmt nicht.«

»Du liebst mich so sehr, dass du mich heiraten willst.«

»Jetzt hör schon auf, mir auf die Pelle zu rücken! Du bist ja total verschwitzt und voller Sonnencreme!«

Gott! Er ist so was von unreif!

Dienstag, 16. August

Dad musste heute lange arbeiten, also hab ich Tristan eingeladen vorbeizukommen. Wir sprühten uns von Kopf bis Fuß mit Mückenspray ein, setzten uns auf ein Handtuch im Hinterhof und aßen Cracker und Käse zum Abendbrot.

»Wäre es sehr seltsam, wenn ich mit einem Freshman aus der Neunten zusammen wäre?«, fragte ich.

»Wer?«, fragte Tris.

»Niemand Bestimmtes.«

»Ja, klar.«

»Stell dir einen normalen, etwas kurz geratenen Typen vor. Würden sich alle über mich lustig machen?«

Glücklicherweise hatte Mike die paarmal, als Tris mich im Freibad besucht hatte, zufällig gerade keinen Dienst gehabt, sonst hätte er sofort gewusst, von wem ich sprach.

Tris zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich. Du weißt doch, wie sie alle sind. Sie würden sagen, du vergreifst dich an kleinen Jungen.«

»Das ist doch albern. Keiner beschwert sich darüber, wenn ein Kerl aus der Zwölften mit einem jüngeren Mädchen anbandelt.« Ich ließ mich nach hinten aufs Handtuch fallen. »Ich hasse die Highschool.«

Tris ließ sich neben mich fallen. »Ich hasse sie noch viel mehr.«

Wir sahen hinauf in den Himmel, der immer noch rosa war.

»Roy geht heute Abend in einen Club«, erzählte Tris. »Mit seinen ganzen neuen College-Freunden.«

Ich drehte meinen Kopf, um ihn anzusehen und er drehte seinen Kopf, um mich anzusehen. Zwischen uns waren etwa zwei Zentimeter. Ich konnte sein Tropical Twist-Kaugummi riechen. »Du machst dir doch keine Sorgen, oder?«, fragte ich.

»Nein. Ein bisschen. Ich weiß auch nicht. Wir haben heute zweimal über FaceTime telefoniert. Ich glaub, er vermisst mich.«

»Ich bin sicher, das tut er.«

Tris seufzte.

Ich fragte: »Denkst du, deine Mom hat deinem Dad von dir und Roy erzählt?«

»Wahrscheinlich.«

»Aber du bist dir nicht sicher? Wenn sie es ihm erzählt hätte, würde er dann nicht mal mit dir darüber reden?«

Tris lachte. »Meinst du das jetzt ernst? Das ist das Letzte, was er tun würde. Ich wette, ich werde in zwanzig Jahren mit Mann und Kind nach Hause kommen und er wird immer noch so tun, als ob er keine Ahnung hat, was abgeht.«

»Macht dich das traurig?«, fragte ich.

Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ist schon okay. Mach dir keine Gedanken darüber. Erzähl mir lieber, was mit deinem Dad los ist.«

»Er hat wieder mit Miss Murphy angebandelt«, sagte ich. Ich hätte Tris gern weiter nach seinen Eltern gefragt, aber ich wollte ihn nicht nerven oder zu sehr nachbohren.

»Echt jetzt? Und bist du sauer?«

»Ja, aber eigentlich hab ich keinen Grund dazu. Ich gebe zu: Sie ist genial.«

»Genial als unsere Regisseurin. Nicht als deine Stiefmutter!«

Stiefmutter!?! Um Himmels willen!

Mittwoch, 17. August

Mike hat mich den ganzen Tag über die Highschool ausgequetscht. Wie funktionieren die Schlösser der Schließfächer noch mal? Rechts, links, dann rechts, aber wann genau gibt man die Zahlen ein? Hat tatsächlich mal jemand den Kopf eines Freshmans in die Toilette gesteckt und abgespült oder ist das ein Märchen? Bekommt man am ersten Tag einen Lageplan von der Schule? Werden die Lehrer sauer, wenn man als Freshman zu spät zum Unterricht kommt, weil man sich verlaufen hat?

Apropos Fragerei, gibt es etwas, das weniger sexy ist, als jemand, der nervös herumhampelt und einem Löcher in den Bauch fragt? Ich weiß, ich war letztes Jahr genauso. Ich gebe offen zu, dass ich entsetzlich unsexy gewesen sein muss.

Ich muss immer noch an Mac denken. Ich will es nicht. Ich befehle mir, damit aufzuhören, aber es funktioniert nicht. Es ist nur, er war so selbstbewusst. Und gemein und rücksichtslos und nicht einmal besonders interessant. Aber diese Selbstsicherheit! Die ließ alle seine Fehler verblassen.

Aber genug mit diesem Geschwafel. Ich bin über ihn hinweggekommen. Jetzt muss ich auch über ihn hinweg bleiben.

Donnerstag, 18. August

Heute haben wir eine E-Mail vom Direktor bekommen, mit einem Haufen Infos über Parkgenehmigungen, Nachweis eines Gesundheitstests für Leichtathletik-Schüler, Zugang zu E-Mail-Konten etc. All diese handfesten Beweise dafür, dass die Schule bald wieder beginnen wird, gaben mir ein flaues Gefühl im Magen und ich wollte die E-Mail gerade löschen, als ich ganz unten in der Liste eine erschreckende Ankündigung las: Dieses Jahr gibt es ein neues Event: einen HALLOWEEN-BALL! Sofort schrieb ich Hannah und Tris, um ihnen diese epochale Neuigkeit mitzuteilen.

Ich weiß nicht, ob es an jeder Schule so ist, aber an unserer Highschool geht es bei solchen Veranstaltungen hoch her. Einige flirten. Einige knutschen während der langsamen Songs. Einige machen richtig rum, was gegen die Regeln ist, und werden von einem Aufpasser getrennt, nur um gleich weiterzumachen, sobald der Aufpasser weg ist. Jedes Mal werden Herzen gebrochen und es gibt Geflenne auf der Toilette. Es ist alles total stressig und aufregend und du musst einfach hingehen. Erstens, weil du vielleicht etwas Fantastisches erleben könntest und zweitens, selbst wenn nicht, musst du wissen, was andere Leute erleben, damit du mitreden kannst, wenn die Gerüchteküche brodelt.

Ich mache nichts anderes, als mich hier in meinem Zimmer zu verkriechen und Tagebuch zu schreiben. Ich will mich ändern. Ich will zum Halloween-Ball gehen und ich will, dass mir dort endlich mal was Aufregendes passiert. Etwas, an das ich mich noch erinnere, wenn ich 90 bin. Den Kostümwettbewerb gewinnen oder mitten auf die Tanzfläche springen oder ich weiß auch nicht, mit jemandem rummachen, während ein langsamer Song läuft. Ich schreibe es in Großbuchstaben, als Versprechen an mich selbst: ICH WERDE DAFÜR SORGEN, DASS BEIM HALLOWEEN-BALL ETWAS UNVERGESSLICHES PASSIERT.

Freitag, 19. August

Als ich heute am Beckenrand stand, schlich sich Mike von hinten an, hob mich hoch und warf mich ins Wasser.

»Mann, ich hab meine Turnschuhe an!«, schrie ich ihn an, als ich hochkam und nach Luft schnappte. Er warf sich auf den Rasen und wälzte sich hysterisch lachend im Gras. Was für ein Kindskopf.

Meine Turnschuhe quatschten danach bei jedem Schritt.

Ich war überrascht, dass er mich hochheben kann. Diese Streichholz-Arme sind stärker, als sie aussehen.

Samstag, 20. August

Heute hab ich es Mike heimgezahlt! Ich wartete, bis seine Schicht zu Ende war und er sein T-Shirt angezogen hatte. Wir gingen in Richtung Parkplatz und lästerten über unseren meistgehassten Kunden, einen kleinen Teufel namens Paxon, der seine Süßigkeiten mit 50-Dollar-Scheinen bezahlt, da schubste ich Mike ohne Vorwarnung in den Pool, und zwar dort, wo es am tiefsten ist. Oh, dieser entsetzte Ausdruck auf seinem Gesicht! Ich wünschte, ich hätte ein Foto davon.

Sonntag, 21. August

Hab Hannah die Geschichte mit dem In-den-Pool-Schubsen erzählt. Sie lächelte die ganze Zeit und dann sagte sie: »Das klingt mir aber sehr nach einem Flirt.«

»Was? Nein, nein, nein. Da ist überhaupt nichts.«

»Bist du sicher?«

»Ja!«

Sie sah immer noch skeptisch aus. In dem festen Vorhaben, ehrlich mit ihr zu sein – denn das war ich im letzten Jahr nicht immer gewesen und dadurch hatte unsere Freundschaft einen Knacks bekommen – sagte ich: »Ich schätze, es besteht eine winzige Möglichkeit, dass er auf mich steht.«

»Und du stehst nicht auf ihn?«

»Nein. Überhaupt nicht.«

Sie musterte mein Gesicht. »Wenn das wahr ist, solltest du nicht mit ihm flirten.«

Ich stöhnte. »Ich flirte doch gar nicht mit ihm.«

»Du hast ihn in den Pool geschubst.«

»Oh mein Gott! Ruf die Sittenpolizei!«

»Wenn er wirklich auf dich steht, ist es nicht fair, ihm falsche Hoffnungen zu machen.«

Ich wollte schon etwas Patziges antworten, aber dann fiel mir ein, dass es zwar nervig ist, wenn sie mir Vorträge hält, sie aber in diesen Dingen immer recht hat, also versprach ich, darüber nachzudenken. Und dann gingen wir wieder dazu über, in Vorbereitung auf den Halloween-Ball Internetvideos mit Dance Moves anzugucken.

Montag, 22. August

Ich ging in dem festen Vorsatz zur Arbeit, nicht mit Mike zu flirten, was auch nicht schwer war, weil Reese auf dem Rettungsschwimmersitz saß und gleich am Morgen durchs ganze Freibad krähte: »Ihr zwei seht ja so süß aus da drinnen! Als ob ihr Kaufmannsladen spielt oder Vater-Mutter-Kind!«, und das war Mike und mir so peinlich, dass wir es für die meiste Zeit des Tages kaum wagten, uns anzugucken.

Als Reese Pause hatte, kam sie herübergeschlendert, um sich einen Lolli zu stibitzen.

»Du kennst doch Noelle, nicht wahr?«, fragte sie mich.

»Kann sein«, sagte ich und versuchte, cool zu klingen, obwohl, was ist so cool daran, so zu tun, als ob du jemanden nicht kennst, der seit der Vorschule in deiner Klasse war?

Reese wickelte ihren Lolli aus. »Es ist wirklich erschreckend, wie sehr Leute sich kürzester Zeit ändern können. Sie ist eine meiner besten Freundinnen, aber ich hab das Gefühl, ich kenn sie überhaupt nicht mehr. Ich bin echt die Letzte, die jemanden als Flittchen abstempeln wollte, aber es tut mir leid: Ich finde es einfach nicht richtig, im Urlaub mit mehreren Typen ins Bett zu gehen. Ich mach mir auch Sorgen um ihre Gesundheit, wisst ihr?«

In diesen Mobbing-Workshops erzählen uns die Lehrer immer, dass man sich auf die Seite des Opfers stellen soll. Ich hätte sagen können: »Das klingt aber ganz so, als ob du Noelle doch als Flittchen abstempeln wolltest.« Eine andere Möglichkeit ist, einen Witz zu machen oder »die Situation mit Humor zu entschärfen«, wenn man es hochtrabend ausdrücken will. Ich hätte sagen können: »Wow, wo kann man denn so einen Trip nach Paris buchen?« Ich wusste das alles, aber ich nickte und sagte nichts.

Dann sagte Mike: »Was ist denn falsch daran, im Urlaub mit mehreren Typen ins Bett zu gehen?« Entweder er meinte es wirklich ernst oder er ist ein super Schauspieler.

Reese lachte. »Du bist echt zum Schießen, Mike. Aber es geht nicht nur darum.« Sie sah sich um, als würde sie sich vergewissern, dass auch keiner lauschte, dann beugte sie sich vor. Mike und ich drehten beide die Köpfe zu ihr. »Sie war gestern Abend mit Neveah und Nick unterwegs und Neveah sagt, sie hat Nick voll angebaggert. Sie trug dieses tief ausgeschnittene Top und Nick konnte nicht anders, als die ganze Zeit auf ihren Busen zu starren. Es war nicht seine Schuld. Wenn sie nicht will, dass die Leute ihr auf den Busen starren, sollte sie ihn nicht so zur Schau tragen.«

Reese schüttelte den Kopf und leckte nachdenklich an ihrem Lolli. »Wir hatten schon unsere Kostüme für den Halloween-Ball geplant, aber ich hab ihr geschrieben, dass sie sich jemand anders suchen muss. Was echt traurig ist, aber ich glaub, mit so einer kann ich einfach nicht befreundet sein.«

Nachdem sie gegangen war, flüsterte Mike: »Sie ist eiskalt.«

»Total!«, sagte ich. »Mir war gleich klar, dass sie so eine sexy Freundin nicht neben sich dulden würde.«

»Wird Noelle versuchen, es mit ihr aufzunehmen?«

»Reese vom Thron stoßen oder was?«

Er nickte. Es macht wirklich Spaß, mit ihm über so was zu reden. Er tratscht viel mehr als Hanna und man kann fast so gut mit ihm lästern wie mit Tristan.

»Das würde mich sehr wundern«, sagte ich. »Noelle ist doch im Grunde ganz nett und Reese ist wie eine dieser römischen Herrscherinnen, die ihre Feinde vergiften. Noelle hätte keine Chance.«

Mike schüttelte den Kopf. »Arme Noelle. Glaubst du wirklich, sie hat einen ganzen Haufen Franzosen gevögelt?«

Ich lachte. »Nie im Leben! Bestimmt nicht. Aber das ist doch egal. Sie kann ja nicht beweisen, dass sie es nicht getan hat, oder?«

Wir sahen beide über den Pool hinüber zu Reese, die wieder auf ihrem Sitz saß, die Baseballkappe im Gesicht, unnahbar und schön.

Dienstag, 23. August

Ich fühl mich echt mies, weil ich Noelle nicht einmal ein kleines bisschen verteidigt hab. Was hätte denn im schlimmsten Fall passieren können? Reese hätte beschließen können, dass ich zu ihren Feinden gehöre und mir die nächsten drei Jahre meines Lebens zur Hölle gemacht.

Das ist der Grund, warum niemand für ein Mobbing-Opfer eintritt. Selbstschutz. Oder einfach purer Egoismus, schätze ich. Ich wünschte, ich wäre mutig genug zu denken: Und wenn schon! Soll sie mich doch hassen. Ich werde es überleben. Für diese Person einzustehen ist wichtiger, als meine eigene Haut zu retten. Das würde eine starke, selbstbewusste Person denken. Ich bin schwach und ängstlich. Es ist einfach ätzend. Ich muss mich ändern.

Vielleicht wäre es das, was ich tun könnte, um den Halloween-Ball unvergesslich zu machen. Ich könnte vor allen anderen auf Reese zumarschieren und sagen: »Moment mal, weißt du noch, wie du neulich im Freibad Lügen über Noelle erfunden hast und sie dann für etwas verurteilt hast, das sie gar nicht getan hat? Das war falsch!«

Na ja, da muss ich noch dran arbeiten. Aber die Grundidee ist nicht schlecht.

Mittwoch, 24. August

Noch eine Mail von Mom.

Liebste Callie,

als meine Tochter ist es dein Privileg, mir zu zeigen, dass du wütend bist, indem du dich weigerst, mir zu antworten. Und es ist meine Verpflichtung als deine Mutter, dir weiterhin zu zeigen, wie glühend ich dich liebe, indem ich trotz deines Schweigens nicht aufhöre dir zu schreiben. Ich werde mich bald wieder melden, ob du es nun tust oder nicht.

Deine treue Korrespondentin

Mom

Sie ist so was von albern. Ich ignoriere sie.

Donnerstag, 25. August

Hannah und ich trafen uns nach dem Abendessen bei Tris. Hannahs Mom brachte sie hin. Ihr SUV fuhr gerade vor, als ich auf meinem Fahrrad ankam.

»Süße, warum hast du denn nichts gesagt«, zwitscherte Mrs Egan aus ihrem offenen Fenster. »Ich hole dich doch immer gerne ab.«

»Ich fahr gerne mit dem Rad. Trotzdem danke«, sagte ich, während ich meinen Helm abnahm. Das war natürlich gelogen. Mit dem Fahrrad zu fahren ist oberpeinlich und ich zähle die Tage, bis ich meinen Lernführerschein bekommen kann. Aber ich weiß, wie gern Mrs Egan mich bemitleidet, weil meine Mom weg ist und mein Dad manchmal spät nach Hause kommt, und ich will ihr bescheuertes Mitleid nicht.

Tris, Hannah und ich saßen auf den bequemen Adirondack-Stühlen im Garten, sahen zu, wie die Sterne rauskamen und versuchten, möglichst wenig auf unsere Handys zu gucken.

»Ist euch klar, dass heute in einer Woche die Schule wieder anfängt?«, fragte Hannah.

»Ich hab mich den ganzen Sommer gelangweilt«, sagte Tris, »und nun würde ich alles dafür geben, noch zwei Monate frei zu haben.«

»Die Schule wird bestimmt nicht so grauenhaft wie im letzten Jahr«, sagte ich. »Ich meine, ganz so schlimm kann es doch nicht werden, oder?«

»Wir wissen jetzt wenigstens, wo alles ist.«

»Und es kommt ein Schwung neuer Freshmen!«, sagte ich. »Die sind dann schon mal automatisch uncooler als wir.«

»Genau«, sagte Tris.

»Vielleicht wird die zehnte Klasse ja ganz toll«, sagte ich und glaubte schon fast selbst daran. »Wir haben das schlimmste Jahr hinter uns, aber wir müssen uns noch nicht wegen irgendwelcher SAT-Eignungstests und College-Bewerbungen verrückt machen.«

»Ich mach mich schon verrückt«, sagte Hannah.

»Aber weil du es so willst«, sagte ich. »Du machst dich gerne verrückt. Tris und ich können warten, bis wir Juniors sind.«

»Ich hab mir gestern Abend ein Buch für den PSAT-Übungstest bestellt«, erzählte Tris.

»Du hast doch nicht etwa schon angefangen zu lernen?«, fragte Hannah. »Der PSAT-Test ist doch erst im Oktober!«

»Stopp!«, rief ich. »Wir haben noch immer eine Woche Sommerferien und ihr beide seid gerade dabei, sie zu verderben.«

»Du hast recht«, sagte Tris. »Lasst uns über Sonnenbrand oder Feuerwerk oder so was reden.«

Wir versuchten es, aber es dauerte nicht lange, da diskutierten wir wieder über die unterschiedlichen Testversionen, zwischen denen wir würden wählen können, bis es Zeit war zu gehen.

Freitag, 26. August

Ich glaube, unser Gespräch gestern war ein echter Schock für Hannah. Sie musste den Eindruck gehabt haben, dass Tris und ich das neue Schuljahr zu unorganisiert angingen, denn heute berief sie ein Planungstreffen ein.

»Was planen wir denn?«, fragte Tris. Es war 16 Uhr und wir saßen in Hannahs Wohnzimmer. Sie hatte uns beim Reinkommen gezwungen, unsere Handys in einen Korb zu legen und ich glaube, sie musste sämtliche Fernbedienungen versteckt haben, denn ich konnte sie nirgends finden.

»Verschiedenes«, sagte Hannah. »Ich habe euch die Tagesordnung ausgedruckt.«

Freitag, 26. August

10. Klasse Planungstreffen

Anwesende: Hannah Egan, Tristan Flynn, Callie Snow

Diskussionspunkte:

Akademische Ziele

Außercurriculare Ziele

Persönliche Ziele

Kurzfristige Planung (Halloween-Ball, PSAT)

»Woher weißt du überhaupt, wie man so was macht?«, fragte ich.

»Ich lese einen Blog für Eltern, die ihren Kindern helfen wollen, gut in der Schule zu sein.« (Na klar.) »In dem einen Post hieß es, es hilft, am Anfang des Schuljahres seine Vorhaben aufzuschreiben, damit man zwischendurch überprüfen kann, ob man sich auch daran hält. Hier –« Sie teilte Notizblöcke und Stifte aus. »Okay, erster Punkt. Was sind eure akademischen Ziele?«

»In Mathe nicht einschlafen«, sagte ich.

»Callie! Das hier wird nicht funktionieren, wenn du es nicht ernst nimmst.«

»Alles klar, Mom«, sagte ich und bekam sofort ein schlechtes Gefühl. Meine richtige Mutter war nicht da, um mich anzutreiben und mein Vater war zu beschäftigt, es zu tun. Es war echt nett von Hannah, dass sie uns helfen wollte. Es war mehr als nett: Es war großzügig und fürsorglich.

»Sorry«, sagte ich. »Ich will mich wirklich in Mathe verbessern. Und ich will für den PSAT lernen.«

»Welchen Notendurchschnitt willst du halten?«, fragte Hannah.

»Äh, A minus?«

»Okay, sagte Hannah, »schreib das alles auf. Tris?«

»Ich will in den Englisch-Leistungskurs. Und ich sage mal auch A minus.«

Hannah erklärte, sie wolle A halten und in Chemie und Trigonometrie glänzen, damit sie dann in den Mathe- und Chemie-Leistungskurs kommt und vielleicht auch in den Bio-Leistungskurs.

»Dann jetzt zu den Zielen, die nichts mit dem Lehrplan zu tun haben.«

»Muss ich bescheiden sein?«, fragte Tris.

»Nein, nur ehrlich«, sagte Hannah.

»Ich will wieder eine Hauptrolle im Musical spielen«, sagte Tris.

»Ich auch«, sagte ich.

»Ich bekomm wahrscheinlich keine gute Rolle, aber ich werde mich auch fürs Musical bewerben«, meinte Hannah. Sie sagte es nicht selbstbemitleidend, sondern ganz nüchtern. »Und natürlich werde ich auch weiterhin in der kirchlichen Jugendgruppe mithelfen.«

»Können wir jetzt die persönlichen Ziele machen?«, fragte ich. »Da hab ich nämlich eine ganze Menge. Erstens: Ich will Autofahren lernen! Zweitens: Ich will aufhören, so viel über Jungs nachzudenken und mich auf wichtigere Dinge konzentrieren.« Ich merkte, wie Hannah und Tris es sich nicht verkneifen konnten, sich vielsagende Blicke zuzuwerfen. »Und drittens: Ich will eine bessere Freundin sein. Weniger egoistisch.« Ich hatte gehofft, dass sie sagen würden: »Wovon redest du denn? Du bist doch nicht egoistisch!«, aber die beiden machten nur nachdenkliche Gesichter und nickten, was mir ein ganz mulmiges Gefühl gab.

Tris sagte: »Und ich will nicht mehr so klammern, damit Roy mich nicht für einen nervigen Weichling hält, den er ständig anrufen muss.«

»Ich will nach meinen eigenen religiösen Grundsätzen leben«, sagte Hannah, und wer sie nicht so gut kennt wie Tris und ich, würde nicht wissen, dass sie eigentlich meinte: »Ich will keinen Sex mehr haben, bis ich verheiratet bin.« Es macht mir Sorgen, dass sie ohne Grund Schuldgefühle hat, aber ich sagte nichts dazu, denn hey, es sind schließlich ihre Ziele und wie käme ich dazu, darüber zu urteilen?

Wir schrieben alles auf. Es fühlte sich großartig an – als hätten wir schon angefangen, unsere Pläne umzusetzen, nur indem wir sie zu Papier gebracht hatten.

»Zur kurzfristigen Planung« sagte Hannah. »Was meint ihr zum Halloween-Ball?«

»Also, wir müssen Folgendes machen«, sagte ich. »Erstens: entscheiden, ob wir uns gemeinsam verkleiden oder nicht. Zweitens: herausfinden, ob irgendjemand vorher eine Party schmeißt.«

»Ich will das Ganze überhaupt nicht mitmachen«, warf Tris ein.

»WAS? Das geht nicht!«, rief ich.

»Es wäre einfach zu traurig zuzugucken, wie alle tanzen und rummachen, und die ganze Zeit an Roy zu denken.«

Wir verbrachten den Rest des Abends damit, Tris davon zu überzeugen, dass er mitkommen müsse und kamen gar nicht mehr dazu, über den PSAT zu sprechen, was mir nur recht war.

Samstag, 27. August

Gestern bin ich mit dem Rad zu Hannah gefahren, ohne ihr vorher eine Nachricht zu schicken, und wen traf ich da an? Niemand anderen als Zach Chen, den Gitarre spielenden Mädchenschwarm! Letztes Jahr, als ich noch das reinste Küken war und noch nicht einmal meinen ersten Kuss bekommen hatte, stand er auf meiner Liste von Typen, mit denen ich rumknutschen wollte. Und jetzt saß er hier mit Hannah und ihrer Mutter in der Küche und half Mrs Egan dabei, die Enden von grünen Bohnen abzuschnippeln (Mrs Egan ist die Art Mutter, die am Sonntag das Essen für die ganze Woche plant und gleich nach dem Mittagessen anfängt, die Zutaten fürs Abendessen vorzubereiten). »Hi, Callie«, sagte er, als ich reinkam.

»Callie! Hi! Hatten wir uns verabredet?«, fragte Hannah. Sie sah völlig entgeistert aus.

»Nein. Ich wollte dich überraschen«, sagte ich.

»Bist du in Ordnung?«, fragte Zach Hannah. Sie war ganz blass geworden.

»Mir geht’s gut. Callie, kannst du mir mal das Dings … an deinem Fahrrad zeigen?«

»Äh, klar«, sagte ich.

Wir gingen schweigend zusammen zur Garage.

»Was geht hier ab?«, fragte ich, als sie die Tür hinter uns zugemacht hatte. »Übrigens, das war vielleicht ’ne Nummer mit dem Fahrrad. Du würdest einen miserablen Spion abgeben.«

Sie sah mich verwirrt an. »Du bist nicht sauer?«

»Sauer weswegen?«

»Wegen Zach!«

»Was, weil er da in deiner Küche hockt und ganz offensichtlich verliebt in dich ist?«

»Du meinst, er ist verliebt in mich?« Sie klang ganz aufgeregt.

»Hannah, er schnippelt Gemüse für deine Mom. Das sagt doch alles.«

»Und du hast wirklich nichts dagegen?«

»Meinst du wegen der Kussliste? Ich kann doch jemanden nicht für alle Ewigkeit für mich beanspruchen, nur weil ich seinen Namen in mein Tagebuch geschrieben hab.«

Sie sah immer noch ganz bleich aus. »Du … stehst also nicht auf ihn?«

Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. »Hannah, ich schwöre dir, ich stehe nicht auf ihn. Er ist ganz dein.«

»Okay. Gott sei Dank.«

Wir lächelten uns an.

»Wie lange seid ihr zwei denn schon zusammen?«, fragte ich.

»Wir sind ja gar nicht zusammen. Das ist erst das zweite Mal, dass wir uns treffen. Er hat gestern seine Schwester vom Ballett abgeholt und mir angeboten, mich auch nach Hause zu fahren. Und heute kam eine SMS von ihm, ob er nicht mal vorbeikommen könnte. Kann sein, dass das alles nichts zu bedeuten hat.«

»Ja, ja.«

»Ist doch wahr! Ich will mir keine falschen Hoffnungen machen.«

»Na, dann mach ich mir eben Hoffnungen für dich.«

Sie umarmte mich fest.

Jetzt hat Hannah ihre Verabredung zum Halloween-Ball so gut wie sicher. Ich sollte mich für sie freuen. Und das tue ich ja auch! Oder wenigstens werde ich das bald, sobald ich meine Enttäuschung darüber verdaut habe, dass wir nicht zu dritt hingehen werden, wie wir es geplant hatten.

Sonntag, 28. August

An diesem Donnerstag fängt die Schule wieder an. Der Sommer ist im Grunde zu Ende. Warum, oh, warum hab ich nur so viel davon verplempert, indem ich auf mein Handy geglotzt hab? Warum bin ich nicht ins Fitness-Studio gegangen, um nach den Ferien alle mit meinem verwandelten Körper beindrucken zu können? Warum hab ich nicht einen Hip-Hop-Kurs besucht? Dann hätte ich zu Halloween abtanzen können wie in einem Musikvideo! Und jetzt wird Miss Murphy womöglich Chicago auswählen und ich kann die Hauptrolle nicht bekommen, weil ich die Choreografie nicht auf die Reihe kriege. Eigentlich hätte ich den Sommer dazu nutzen sollen, Mathe in den Griff zu bekommen. Im neuen Schuljahr ist Geometrie dran und ich hab noch nicht einmal gerafft, wozu Algebra gut sein soll. Ich bin eine Schande für mein Geschlecht, weil ich so stereotyp schlecht in allem bin, was mit den sogenannten MINT-Fächern zu tun hat. Ich hab die besten zwei Monate des Jahres echt total verschwendet! Das Einzige, was ich gemacht habe, war an meiner Sonnenbräune zu arbeiten, zu lesen, noch ein bisschen zu lesen, mit Mike zu quatschen, Dads Dinner zu essen und mit Tris und Hannah abzuhängen.

Ich hab meine Meinung geändert: Es war der perfekte Sommer und nun ist er für immer zu Ende.

Montag, 29. August

Jetzt weiß ich, was ich diesen Sommer hätte machen sollen, und ich schäme mich, dass ich so lange gebraucht habe, darauf zu kommen: Ich hätte demonstrieren sollen oder protestieren oder irgendetwas sozial Engagiertes tun. Ich bin die reinste Karikatur einer privilegierten Person. Was genau ist eigentlich mein Problem? Meine Eltern lassen sich scheiden. Was soll’s, das passiert der Hälfte aller Kinder überall auf der Welt. Stimmt, nicht jede Mutter setzt sich in ein anderes Land ab, aber immerhin habe ich eine Mutter. Und einen Vater, der mich liebt. Ich werde nicht verfolgt wegen meiner sexuellen Orientierung oder meines Geschlechts oder meiner Rasse. Verglichen mit fast allen Menschen auf der Welt bin ich reich. Und doch mach ich nichts anderes als rumzujammern und mich um mich selbst zu drehen. Ich will mehr tun als das oder zumindest will ich jede Minute daran denken, wie viel Glück ich hab.

Dienstag, 30. August

Uaaaaaah. Mac hat mir getextet.

Was geht, Große? Hoffe, du bist okay. Vermisse dich.

Eine einfühlsame Nachricht, um sich zu erkundigen, wie es mir geht und Zuneigung auszudrücken? Hatte jemand sein Handy geklaut?

Vielleicht hat das College ihn schon verändert! Das kann vorkommen. Vielleicht hat er begriffen, dass es ein Fehler war, mit mir rumzumachen und mich dann fallen zu lassen. Alle machen mal Fehler. Ich auf jeden Fall! Und man muss den Menschen vergeben und nicht ewig einen Groll gegen sie hegen.

Ich schrieb zurück Ich vermiss dich auch! Nichts hat sich geändert. Mac ist immer noch ein Widerling ersten Grades, der mein Herz gebrochen hat. Er hat immer noch eine Freundin. Er ist immer noch weit weg auf dem College.

Aber er hat mir eine SMS geschickt!

Mittwoch, 31. August

Es ist was Furchtbares passiert.

Mike und ich waren bei der Arbeit. Es war heiß und ganz windstill. Die Äste der Bäume hingen schlaff über den Pool und sahen erschöpft aus. Ich driftete immer wieder ab mit meinen Gedanken und verpasste ständig, was Mike sagte. Als ich ihn zum dritten Mal bat, seinen letzten Satz zu wiederholen, fragte er: »Was ist eigentlich los mit dir?«

»Och …« Ich überlegte zu lügen, aber dann dachte ich, Sch… drauf. »Ich hab gestern eine SMS von Mac bekommen.«

»Mac. Dein Freund aus dem letzten Schuljahr.«

»Ähm, nicht wirklich mein Freund, aber genau der.«

Mike starrte hinüber zum Pool. Reese saß auf ihrem weißen Rettungsschwimmersitz am flachen Ende und frisierte ihre Haare, während sie beobachtete, wie einige Kinder wild herumplanschten.

»Was hat er denn geschrieben?«

»Nichts. Nur, dass er mich vermisst.«

»Und was hast du zurückgeschrieben?«

Ich sah Mike an. Er wich meinem Blick aus. Die ganze Unterhaltung kam mir vor, als würde sie in einem Traum stattfinden. Mike klang so ernst und still und ich wusste auch, warum, aber ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

»Ich hab … ich hab geschrieben, dass ich ihn auch vermisse.«

»Also magst du ihn noch immer.«

»Nein. Ich meine, ich will es nicht. Und ich tue es auch nicht. Ich weiß auch nicht. Ich bin etwas durcheinander.«

Er drehte sich zu mir um. Sag es nicht, dachte ich. Sag es nicht. Sag es nicht.

»Callie, du weißt, dass ich dich mag, oder?«

Diese tief liegenden Augen. Diese langen Wimpern. Und obendrein hohe Wangenknochen und volle Lippen. Und mehr noch, diese nette, lustige Art, diese »Du kannst mit mir über alles reden«-Art. Aber wenn ich ihn anschaue, denke ich nur: Du bist süß. Wenn ich Mac ansah, dachte ich: Ich will dich mit Haut und Haaren verschlingen.

»Mike …«, fing ich an und sah an seinem Gesichtsausdruck, dass er wusste, was ich als Nächstes sagen würde.

»Okay«, sagte er. »Ich musste es dir einfach sagen. Mach dir keinen Kopf drüber.«

»Du bist einer meiner besten Freunde.«

Er zuckte zusammen. Ich hätte aufhören sollen zu reden, aber ich konnte es nicht.

»Ich rede echt gern mit dir«, sagte ich. »Und ich bin gern mit dir zusammen.«

»Ich weiß. Du hast schließlich den ganzen Sommer mit mir geflirtet«, sagte er und klang wütend.

»Hab ich nicht!«, rief ich, auch wenn ich das natürlich getan hatte.

»Ist ja auch egal.«

Wie lange hatte dieses Gespräch schon gedauert? Es kam mir vor, als wäre der Sommer zu Ende gewesen, ein weiteres Jahr wäre vergangen und wir hätten uns durch einen ganzen, völlig anderen Sommer geschleppt.

Ich versuchte, langsam von zehn rückwärts zu zählen, um mich zu beruhigen und gab bei sieben auf. »Du bist um einiges jünger als ich. Ich sehe dich einfach als Freund.«

Er stieß ein bellendes Lachen aus. »Gut, okay. Schon verstanden.«

»Mike.«

»Ist in Ordnung, Callie. Lass uns über was anderes reden.«

Aber wir konnten es nicht. Wir wechselten für den Rest des Tages kaum zwei Worte miteinander.

Reese kam während einer Pause zu uns rüber. »Zu süß, ihr zwei hier drinnen! Wann macht ihr es denn offiziell?«

»Willst du ein Eis oder so was?«, fragte ich.

»Nein, danke. Ich brauch nichts. Könnt ihr glauben, dass das unser letzter Arbeitstag ist? Wartet, ich mach mal ein Selfie mit euch beiden. Meine kleinen Pool-Freunde!«

Als sie gegangen war, sagte Mike: »Das war ja echt das Letzte« und ich sagte: »Das absolut Letzte« und wir grinsten uns fast an. Das tat gut, aber … oh, Mike.

Donnerstag, 1. September

Erster Schultag. Lächelnde Lehrer, saubere Klassenzimmer und alle umarmen sich und sagen sich auf dem Gang Hallo. Das alles wird nicht länger als zwei Wochen vorhalten, aber für den Moment ist es schön.

Mir hatte die ganze Zeit davor gegraut, Mike wiederzusehen, aber als er mir nach der letzten Unterrichtsstunde tatsächlich über den Weg lief, war es okay. Er war mit ein paar Freunden zusammen und er trug Dickies-Shorts, Vans-Turnschuhe und ein schwarzes T-Shirt. Es war seltsam, ihn in Klamotten zu sehen. Ich hab als Erstes Hi gesagt, aber er hat gleich zurückgegrüßt. Als wir aneinander vorbeigegangen waren, dachte ich für eine Sekunde, ich müsste heulen. Wahrscheinlich war mir der erste Schultag doch an die Nieren gegangen.

Mikes Kumpel waren laut und süß und angezogen wie er – Skater-Typen. Ich frage mich, welchen Rang sie im Sozialgefüge ihrer Stufe haben. Wenn ich eine Vermutung anstellen sollte, würde ich sagen, sie sind nicht gerade beliebt, aber sie behaupten, dass ihnen nichts daran liegt, beliebt zu sein, und größtenteils stimmt das wahrscheinlich auch. Weil sie selbstbewusst sind und ihren eigenen Stil haben, werden sie vermutlich von Reese und den anderen beliebten Schülern respektiert.

Während ihrer vier Jahre auf der Highschool werden sie an Macht gewinnen, wenn die anderen in ihrer Stufe allmählich realisieren, dass die vermeintlich coolen Machos vielleicht einen Ball ins Tor schießen können und gut darin sind, andere Leute runterzumachen, aber ansonsten ziemlich minderbemittelt und langweilig sind. Aber das ist nur eine Vermutung.

Nach dem Abendessen machte ich einen Spaziergang mit meinem Hund Snickers. Wir kamen beim Freibad vorbei. Das Tor war jetzt geschlossen. Irgendjemand – vermutlich Reese – hatte dort ein großes Blatt Papier angeklebt und mit einem Edding BIS ZUM NÄCHSTEN SOMMER! daraufgeschrieben und einen Smiley dazu gemalt. Es ist seltsam, dass ich Mike nicht mehr bei der Arbeit sehen werde. Mir kommen ständig Sachen in den Sinn, die ich ihm erzählen will und dann fällt mir ein, dass ich ja gar keine Gelegenheit dazu haben werde. Ich schätze, ich könnte ihm texten – ich hab seine Handynummer – aber bisher haben wir uns nur Nachrichten geschickt wie Bin spät dran, komme in zehnminuten oder Hab vergessen den kassenschluss zu machen. Kannst du das noch machen?

Ich sah auf Snickers hinunter, der mit seinem kleinen Boston-Terrier-Po wackelte, als gäbe es keine Probleme auf der Welt. Ich wünschte, ich wäre ein Hund.

Freitag, 2. September

Das Einzige, wovor ich noch mehr Bammel hatte, als Mike wiederzusehen, war Miss Murphy wiederzusehen. Als ich heute zur Englischstunde ging, war mir so mulmig, dass ich zu 67 % damit rechnete, vor Stress Durchfall zu bekommen.

Miss Murphy lehnte am Whiteboard und sagte Hi zu allen und als ich reinkam, sagte sie »Schön, dich zu sehen, Callie«, auf eine nette, natürliche Art. Kein extra Blickkontakt, kein vielsagender Gesichtsausdruck, kein entschuldigender Ton in ihrer Stimme.

Um das Eis zu brechen, forderte sie uns auf, der Reihe nach unseren Namen zu nennen, unser Lieblingsbuch und unser Lieblingswort. Als ich dran war, sagte ich: »Ich bin Callie Snow. Mein Lieblingsbuch ist Eine Klasse für sich von Curtis Sittenfeld. Mein Lieblingswort ist Mumm.« Miss Murphy lächelte und sagte: »Das kommt hin.«

Ich musterte sie, wie sie da vor uns stand, lachte und die Arme verschränkte, während sie uns zuhörte. Sie trug ein weißes Oxford-Hemd, grüne Hosen und braune Loafer. Sie hatte sich nicht geschminkt. Ihr Gesicht ist leicht gebräunt. Sie hat auch ein paar Fältchen um die Augen, aber die sehen sympathisch aus, wie Lachfältchen eines glücklichen Menschen.

Ich vermisse meine bescheuerte Mutter.

Samstag, 3. September

Als wir gestern zusammen beim Mittagessen saßen, senkte Tris seine Stimme und flüsterte mir zu: »Schon gehört, Noelle hatte einen flotten Dreier, als sie in Paris war.«

»Oh, mein Gott«, sagte ich. »Das ist absoluter Bullshit.«

»Du musst mir ja nicht gleich den Kopf abreißen«, sagte Tris.

»Dieses Gerücht darfst du nicht verbreiten. Das musst du mir versprechen«, sagte ich.

»Ich verspreche es«, sagte er. »Bist du auf einmal mit Noelle befreundet, oder was?«

»Ich hab wahrscheinlich in meinem ganzen Leben nicht mehr als fünf Worte mit ihr gewechselt«, sagte ich. »Aber Reese versucht, sie fertigzumachen, und das ist nicht richtig.«

»Das würde Reese nie tun«, sagte Hannah und klang ehrlich geschockt.

»Sie ist schon dabei, Hannah«, sagte ich und zerknüllte meine braune Sandwichtüte. »Sie ist noch nicht einmal eine gute Lügnerin, aber das spielt keine Rolle! Ein flotter Dreier? Als Nächstes erzählt sie, Noelle hätte irgendeinen Typen auf dem Eiffelturm vernascht und dabei ein Baguette gegessen und eine Baskenmütze getragen, und alle werden ihr glauben. Überhaupt, warum müssen die Leute immer über alle urteilen? Falls Noelle einen flotten Dreier hatte – was nicht der Fall ist – aber falls, na dann, schön für sie!«

»Ey, Mann! Das sehe ich doch auch so!«, sagte Tris. Später textete ich ihm und Hannah, um mich zu entschuldigen. Ich wünschte, ich hätte sie nicht so angeblafft. Wenn ich jemanden anblaffen sollte, dann mich selbst. Vielleicht hätte ich diese ganze Sache im Keim ersticken können, wenn ich Reese an jenem Tag im Freibad die Stirn geboten hätte.

Sonntag, 4. September

Tris ist übers lange Wochenende mit seinen Eltern nach Rhode Island gefahren, also veranstalteten Hannah und ich einen Weiberabend bei mir. Wir machten Eiscreme, das machen wir schon, seit wir acht Jahre alt sind. Sie streut immer Erdnüsse auf ihr Eis, denn sie leidet an Geschmacksverirrung. Wir saßen an der Kücheninsel und ich hatte mein Eis schon halb aufgegessen (Extraportion Schlagsahne und keine Erdnüsse, um Gottes willen), als mir auffiel, dass sie gar nicht aß, sondern nur dahockte und in die Luft starrte.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich.

»Ich glaub, mit Zach hab ich’s vermasselt.«

»Erzähl«, sagte ich.