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Der Privatdetektiv Bruno Feldmann macht einen längeren Urlaub am Ijsselmeer. Dort bittet ihn Angela Heine, die ebenfalls mit ihrer Tochter Urlaub dort macht, um Hilfe. Sie berichtet von einem Tagebuch, dass ihr anonym zugestellt worden war. Darin geht es um ominöse, verbrecherische Vorkommnisse während einer archäologischen Ausgrabung in Kenia, die zwölf Jahre zuvor stattgefunden hat. Darin verwickelt ist ihr neuer Chef. Angela wurde bereits bedroht und lebt seitdem in Angst um sich und ihre Tochter. Ihre Freundin Yvonne, die auf ihre Bitte hin diese Geschichte recherchiert hat, ist seitdem spurlos verschwunden. Bruno nimmt den Fall zögernd an. Hilfe bekommt er von dem Journalisten Zachary Poel, der mit seinem Hund Rokko auf Europareise ist. Doch die Täter von damals tun alles, damit ihre Tat nicht auffliegt und sie sind näher, als gedacht.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Der Privatdetektiv Bruno Feldmann macht einen längeren Urlaub am Ijsselmeer.
Dort bittet ihn Angela Heine, die ebenfalls mit ihrer Tochter Urlaub dort macht, um Hilfe.
Sie berichtet von einem Tagebuch, dass ihr anonym zugestellt worden war. Darin geht es um ominöse, verbrecherische Vorkommnisse während einer archäologischen Ausgrabung in Kenia, die zwölf Jahre zuvor stattgefunden hat. Darin verwickelt ist ihr neuer Chef.
Angela wurde bereits bedroht und lebt seitdem in Angst um sich und ihre Tochter.
Ihre Freundin Yvonne, die auf ihre Bitte hin diese Geschichte recherchiert hat, ist seitdem spurlos verschwunden.
Bruno nimmt den Fall zögernd an. Hilfe bekommt er von dem Journalisten Zachary Poel, der mit seinem Hund Rokko auf Europareise ist.
Doch die Täter von damals tun alles, damit ihre Tat nicht auffliegt und sie sind näher, als gedacht.
Besuchen Sie die Autorin im Internet:www.rotraud-falkeheld.de
Diese Geschichte ist reine Erfindung. Jede Person in diesem Buch ist frei erfunden, Namensgleichheiten wären also rein zufällig.
Das Volk der Wajtayi, von dem in dieser Geschichte erzählt wird, gibt es ebenfalls nicht. Allerdings wurde ich vom Volk der Mijikenda an der Küste Kenias inspiriert, deren heilige Stätte Kaya oder Makaya Waldgebiete oder verlassene Siedlungen sind. Die Überreste wurden zu heiligen Orten der Ahnenverehrung. 2008 wurden 10 der 50 bekannten Kayas zum Weltkulturerbe erklärt.
Auch das Feriendorf De Maan ist fiktiv. Angesiedelt habe ich es zwischen Workum und Makkum am Ijsselmeer.
Einige Personen kennen Leser meiner Krimis vielleicht schon. Bruno erscheint zum ersten Mal in „Der Journalist“ und tritt erneut im „Landhaus im Elsass“ in Erscheinung.
Der Journalist Zachary Poel kommt bereits in „Ungelöst“ vor. Ebenso wie Moyra, die hier aber nur in einem Telefngespräch auftritt.
Ich bedanke mich bei Gerhild Heinz und Regina Staub, die diese Geschichte aufmerksam gelesen und korrigiert haben.
Vielen Dank auch an meine Tochter Lydia Held für die technische Unterstützung und die Gestaltung des Covers.
Angela Heine
Mitarbeiterin e. Antiquitätengeschäftes Macht Urlaub am Ijsselmeer
Stella Heine
Angelas Tochter
Bruno Feldmann
Privatdetektiv aus Paderborn, macht Urlaub am Ijsselmeer
Zachary Willem Poel
Journalist aus Büren, z.Zt. mit Hund Rokko am Ijsselmeer
Thorsten Heine
Angelas Ex-Mann
Dana Laube
Thorstens junge Lebensgefährtin
Yvonne Rüsing
Angelas Freundin
Henning Tentzer
Yvonnes Lebensgefährte
Arthur und Irma Heine
Thorstens Onkel und Tante
Kristina
Angelas Schwester
Ulrich Wüllner
Angelas Chef
Wiebke Lorenz und Sophie Lüke
Angelas Kolleginnen
Marijke Verhagen
führt ein Geschäft am Ijsselmeer
Fiona Jansen
Mitarbeiterin eines Reisebüros
Stefanie Brüggen, Jonas Fischbeck Matthias Ilgner, Anna Graf
Polizisten aus Bielefed
Ludger Sanders und Ruwen Hoekstra
niederländische Polizisten
Vom Wajtayi Stamm des 19. Jahrhundert:
Imani
junge Frau des Wajtayi-Stammes
Nadra
Imanis Mutter
Yetro
Imanis Ehemann
Adua
Imanis Tochter
Belay
ein weißes Findelkind
Prolog: Kenia, 1887
Kapitel 1: März 2024
Bielefeld: Ein paar Wochen zuvor
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5: Wochenende vor den Osterferien
Kenia, 1892
Kapitel 6: Dienstag, 19. März
Kapitel 7: Mittwoch, 20. März
Am Ijsselmeer
Kapitel 8: Freitag, 22. März
Kapitel 9: Samstag, 23. März
Kapitel 10: Sonntag., 24. März
Kapitel 11: Montag., 25. März
Kenia, 1893
Kapitel 12: Dienstag, 26. März
Kenia, 1900
Kapitel 13: Mittwoch, 27. März
Kapitel 14: Mittwoch, 27. März
Kenia 1925
Kapitel 15: Mittwoch, 27. März
Kapitel 16: Donnerstag, 28. März
Kapitel 17: Die nächsten Tage
Die junge Imani vom Stamm der Wajtayi stand hinter einem Baum und sah mit großen Augen dem Geschehen zu, das sich ein paar Meter entfernt abspielte.
Sie hatte nicht hierher gehen wollen, hatte es auch nicht gedurft, aber sie war von den Geräuschen der Werkzeuge und von den fremden Stimmen hierher gelockt worden. Und was sie nun sah, raubte ihr den Atem.
Sie wusste, dass überall immer mehr große Häuser der Weißen gebaut wurden. Sie konnte gar nicht verstehen, warum das alles geschah und warum diese Menschen aus den fernen Ländern glaubten, ein Recht zu haben, hier, in Afrika, mitten im Busch, einfach die Bäume umzuhacken und derart große Häuser zu bauen, die keine Familie allein bewohnen konnte, und irgendwelche Felder anzulegen. Aber sie hatte es hingenommen, weil es vermutlich sowieso nicht zu ändern war.
Aber sie wusste auch, dass dies bereits seit vielen Jahren passierte. Früher – vor mehreren Jahrhunderten – hatte ihr Volk hier in diesem Wald gelebt. Sie waren ein großes Volk gewesen, mit reicher Kultur. Sie hatten in dieser Gegend in Holzhäusern gelebt, sie hatten ihren Göttern einen Tempel gebaut und ihnen Statuen als Abbilder aus Stein errichtet. Doch dann kamen die Portugiesen ins Land und breiteten sich aus. Es war schon viele, viele Jahre her, dass sie hier an der Küste, ganz nahe dem Meer, angekommen waren und die Stadt ihrer Vorfahren überfallen hatten. Viele ihres Volkes waren getötet worden. Diejenigen, die überlebt hatten, zogen weit fort und lebten fortan in einer fremden Gegend in einfachen Hütten. Irgendwann zog es sie zur Stätte ihrer Herkunft zurück. Sie bauten sich ein Lager mit einfachen Hütten, das nah genug an der ehemaligen Stadt lag, um sie zu Fuß erreichen zu können.
Der Urwald hatte den Ort zurückerobert, auch der Tempel war völlig überwuchert, aber sie legten das Gebäude wieder frei – ebenso wie die Steinstatuen und beteten hier zu ihren Ahnen und Göttern.
Heute lebten sie noch immer an dem Ort, der gerade so weit entfernt lag, dass sie diese Stätte gut zu Fuß erreichen konnten. Sie verehrten sie als heilige Stätte, wo ihre damals verstorbenen Ahnen als Mittler zu den Göttern für sie sprachen.
So hatte Imani es von den Alten am Lagerfeuer gehört. So wurde die Geschichte ihres Volkes seit Generationen weitergegeben.
Von den Holzhäusern, die hier vor über zweihundertfünfzig Jahren noch gestanden hatten, war nichts mehr zu sehen. Nur die steinernen Statuen und der kleine Tempel standen noch dort und wurden gepflegt und vor Überwucherung bewahrt. Das heißt, sie hatten dort gestanden. Denn nun entstand hier auf dem heiligen Boden ihres Volkes, auf der Stätte ihrer Ahnen, ein Haus der Weißen. Die Statuen lagen umgekippt auf dem Boden, als wären sie nichts wert, als stünden sie einfach im Weg, was vermutlich für die Weißen wirklich so war. Der Tempel stand noch dort, möglicherweise war das Gebäude für die Weißen von Nutzen. Das konnte, das durfte doch nicht sein. Nicht noch einmal.
Imani stand ganz starr vor Schreck dort und hatte Angst, dass die Geister sie bestrafen würden, weil sie nichts unternahm. Aber was sollte sie, ein dreizehnjähriges Mädchen, gegen diese Männer mit ihren Werkzeugen und Waffen ausrichten?
Das einzige, das sie tun konnte, war, zurück ins Lager zu gehen und die Weisen ihres Stammes, den Häuptling und den Medizinmann von dem Frevel zu berichten.
Die Menschen ihres Volkes kamen normalerweise nur an ganz bestimmten Tagen hierher, an diesen heiligen Ort, um mit bestimmten Ritualen die Ahnen zu ehren. Der Schamane rief dann die Geister an, um ihren Schutz zu erbeten und ihre Fürsprache bei den Göttern. Ihr ganzes Dorf begab sich dann hierher. Und nun war dieser heilige Ort durch die weißen Siedler entweiht worden. Wo sollten sie nun ihrer Ahnen gedenken? Wo würden ihre Seelen nun eine Heimat finden?
Imani löste sich endlich aus ihrer Erstarrung und lief ohne ein Geräusch zu machen, durch den Wald zurück zu ihrem Dorf. Dort berichtete sie zuerst ihrem Vater, der zu dem Ältestenrat des Stammes gehörte, von dem, was sie beobachtet hatte. Sie erhielt eine deutliche Ermahnung, weil sie allein dorthin gegangen war, was ihr nicht zugestanden hatte. Aber die Nachricht war so ungeheuerlich, dass die Brisanz und die Wichtigkeit, darüber zu beraten, überwogen.
Der Vater nahm Imani sogar mit zum Medizinmann und zum Häuptling, wo sie selbst ihre Beobachtung kundtun konnte.
„Es tut mir so leid“, erklärte sie schuldbewusst. „Ich bin von meinem Weg abgewichen, auf dem ich Beeren suchen sollte. Doch ich hörte diese Geräusche und Stimmen und bin ihnen gefolgt. Sie führten mich zu dem heiligen Ort unserer Ahnen.“
„Du hast recht getan, Imani, Tochter der Wajtayi. Deine Schritte wurden vom Großen Geist dorthin gelenkt, damit du uns von dem Frevel berichten kannst, der dort geschieht“, erklärte der Schamane. „Doch nun musst du in deine Hütte gehen. Alles Weitere liegt nicht in deinen Händen. Wir werden unter den Weisen beraten, was zu tun ist.
Imani verneigte sich leicht, dennoch ehrerbietig und ging aus der Hütte hinaus. Dann lief sie zur Hütte ihrer Familie, wo ihre Mutter und ihre achtjährige Schwester damit beschäftigt waren, einen nahrhaften Brei zu kochen.
Wo ihre beiden Brüder waren, wusste sie nicht. Jeder hatte seine Aufgaben. Ihre war es gewesen, Beeren zu pflücken, aber die hatte sie bei all der Aufregung verloren.
Es war keineswegs eine große Überraschung, dass der Rat entschied, die Weißen zu vertreiben. Die Wajtayi waren ein friedliches Volk, aber sie wussten nicht, ob sie sich mit Worten verständlich machen konnten. Sie sprachen nicht die Worte des weißen Volkes. Aber vielleicht sprachen die ja Suaheli, immerhin zogen sie ja in dieses fremde Land.
Obwohl Imani ihnen berichtet hatte, erschrak der Häuptling, der gemeinsam mit zwei Kriegern und dem Schamanen die Stätte aufsuchte, zutiefst vor dem, was sie sahen.
Die aus Stein gehauenen Statuen, die die heilige Stätte symbolisierten, waren zerstört worden. Der Tempel wurde als Lagerort benutzt. Bäume waren mit Äxten umgehauen worden. Imani hatte nicht übertrieben, als sie von Entweihung sprach. Ach, wären sie doch öfter hergekommen, aber den Ahnen gebührte es, in Frieden ruhen zu können und nicht ständig auf Bitten ihrer Kinder und Kindeskinder reagieren zu müssen.
Der Häuptling holte tief Luft und sprach einen der Arbeiter an.
Sie fanden tatsächlich einen Mann, der ihre Sprache sprach. Er hatte dieselbe Hautfarbe wie die Wajtayi und der Häuptling konnte nicht verstehen, warum ein afrikanischer Mann für die Weißen arbeitete.
Der Häuptling war ein stolzer Mann, der König seines Volkes, der aufrecht und mit hocherhobenem Haupt, aber ohne Aggressionen dastand und mit einer ausholenden Geste über das Land wies. „Dies ist die heilige Stätte unseres Volkes, des Volkes der Wajtayi, von der aus unsere Ahnen über uns wachen“, erklärte er langsam. „Dieser Ort ist für euch tabu. Wir haben von eurer Regierung die Zustimmung, dass dieses Land unberührt bleibt.“
Der Mann übersetzte. Aber alles, was daraufhin geschah, war Gelächter der anderen, erniedrigendes Gelächter der weißen Männer. Dann trat ein anderer Mann hervor, sagte etwas in den fremden Lauten und derjenige, der ihre Sprache sprach, übersetzte: „Dies ist der Eigentümer des Landes. Er hat die Erlaubnis, auf diesem Land zu bauen. Eure rituellen Stätten interessieren ihn und seine Familie nicht. Und offenbar auch nicht die Regierung.“
Beide Seiten konnten nicht ahnen, dass die zuständigen Stellen in der Regierung dieses Problem noch bearbeiteten, während von einer anderen Stelle die Erlaubnis für den Bau des Hauses erteilt worden war.
Wieder sprach der weiße Mann, der sich der Eigentümer dieses Landes nannte. Wie konnte er das sein? Wie konnte er Eigentum am Land der Wajtayi erwerben, ohne dass diese davon etwas wussten?
Die Übersetzung lautete: „Verschwindet jetzt hier. Ihr seid diejenigen, die nicht hier sein dürfen.“
Der Übersetzer sprach stockend und der Schamane merkte wohl, dass er selbst nur die Worte wiederholte aber nicht dieselbe Arroganz ihren Glauben gegenüber verspürte wie der Eigentümer. Dieser Mann fühlte sich nicht wohl dabei, diese Worte auszusprechen.
„Wie kann es sein, dass wir dieses Land nicht betreten dürfen, dass seit Anbeginn der Menschheit den Wajtayi gehört?“, fragte der Häuptling.
Der Übersetzer wollte nachfragen, aber der Eigentümer war bereits gegangen. Er hob die Arme, berührte die Schulter des Häuptlings. „Es tut mir sehr leid“, sagte er und dann ging er ebenfalls.
Wieso macht er das trotzdem mit? Wieso weigert er sich nicht, für diese Menschen zu arbeiten? Wieso tut er das, wenn es wirklich gegen seine Überzeugung ist, dachte der Häuptling.
Doch sie konnten jetzt in diesem Augenblick nichts unternehmen.
Die vier Wajtayi-Männer waren aufs Übelste gedemütigt worden und der Häuptling schwor an diesem Ort, im Beisein seiner Ahnen und des Schamanen, Rache für diesen Frevel.
Als sie einige Tage später mit Kriegern und Speeren zurückkehrten, um die Eindringlinge von ihrem heiligen Ort zu vertreiben, erlebten sie jedoch eine böse Überraschung.
Die weißen Eindringlinge griffen sofort zu ihren Gewehren und feuerten. Die Krieger der Wajtayi kamen kaum dazu, ihre Speere zu werfen. Die meisten starben im Kugelhagel. Diejenigen, die überlebten, zogen sich zurück.
Die Toten blieben einfach auf dem Boden liegen. Sie wussten, dass sie von den Ahnen aufgenommen wurden, denn sie hatten versucht, ihre heilige Stätte zu verteidigen.
Der Häuptling beschloss, dass der Stamm der Wajtayi diese Gegend verließ, wie es vor langer Zeit schon einmal geschehen war. Sie würden erst zurückkehren, wenn er oder der Schamane das Zeichen der Götter erhalten würde, dass die Zeit der Rache gekommen war.
Bruno Feldmann stand vor dem großen See und atmete tief ein. In der Ferne konnte er ein paar Surfer und Kiter sehen, die einigermaßen gemächlich dahinglitten. Es war heute nicht besonders windig. Vermutlich gutes Anfängerwetter.
Ein Traum war dabei, für ihn in Erfüllung zu gehen. Er war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt und hatte sich endlich einen kleinen Kabinenkreuzer gekauft, auf dem er sich im Hafen aufhalten konnte oder über das Meer fahren – ganz so, wie ihm gerade zumute war.
Unglaublich, dass dies nicht das Meer ist, sondern nur ein See, dachte er. Das Ijsselmeer war schon riesig und die Grenze zur Nordsee war fließend.
Sein großer Traum war es, eines Tages auf dem Boot zu leben. Jetzt hatte er den ersten Schritt dazu getan.
Er hatte in den letzten paar Jahren als Privatdetektiv ganz gut verdient. Das lag sicher vorrangig an dem Fall des ermordeten Journalisten in Paderborn, bei dem er auch die Wahrsagerin Sidonia kennengelernt hatte. Sie beide hatten sogar eine kurze Affäre gehabt, obwohl sie ein paar Jährchen älter war als er. Aber sie war eine faszinierende Frau. Nicht sehr groß, schlank, dunkelhäutig mit wilden Haaren, die zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr so tiefschwarz waren, wie sie wohl früher einmal gewesen waren. Sie trug immer weite, bunte Kleidung, was sicher zu dieser besonderen Aura beitrug, die sie umgab.
Er dachte noch oft an sie. Sie hatten noch ein weiteres Mal zusammengearbeitet, als sie in Frankreich in einen Vermisstenfall hineingezogen worden war. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten und er war ins Elsass gereist, um ihrer Bitte nachzukommen. Aber eine gemeinsame Zukunft hatte von Anfang an keine Chance gehabt. Sie waren beide viel zu unabhängig, als dass sie sich aneinander binden hätten können. Sidonia würde niemals alles aufgeben, um mit ihm auf ein Hausboot zu ziehen und er war nicht mehr jung genug, um für eine romantische Anwandlung einen lang gehegten Traum aufzugeben.
Zu zweit in einem Hausboot zu leben, wäre sowieso viel zu eng. Sie würden sich überall im Weg stehen und fürchterlich auf die Nerven gehen. Nein, diese Art Idealismus war etwas für sehr junge, verliebte Menschen.
Ach, egal. Weg damit. Die große Liebe hatte sie sowieso nicht verbunden. Eine Art Sehnsucht, Anziehungskraft. Mögen taten sie sich auf jeden Fall. Vielleicht könnte sie ihn ja zumindest mal hier in dem kleinen Ort de Maan besuchen kommen.
Wie auch immer: Durch den Fall mit dem Journalisten hatte er Kontakt zu einem Anwalt bekommen, der ihm Aufträge vermittelte. Danach war es ihm finanziell deutlich besser gegangen. Und Geld war nun mal der Schlüssel für manche Traumerfüllung. Wovon sollte er sich sonst ein Boot kaufen?
Er drehte sich um und sah sein Schiff an.
Ein bisschen wie bei „Trio mit vier Fäusten“, dachte er und lachte unwillkürlich dabei. Diese alte Serie aus den 80er Jahren mit den drei Privatdetektiven, die auf dem Kabinenkreuzer Riptide lebten. Da hatte er es doch besser, er hatte das Boot für sich allein. Quincy hatte auch auf einem Boot gelebt und Sunny Crockett von Miami Vice. Er war also in guter Gesellschaft. Aber die Idee war nicht von alten Fernsehserien gekommen. Er war schon als Kind gerne mit seiner Familie am Meer gewesen. Das war einfach sein Element.
Und jetzt war er hier und machte erst mal sechs Wochen Urlaub. Ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn er noch nicht endgültig hier lebte. Aber zur Ruhe setzen konnte und wollte er sich sowieso noch nicht. Das musste noch zehn Jahre warten. Aber vielleicht sollte er mal darüber nachdenken, ob er hier als Detektiv arbeiten konnte. Er hatte jetzt Zeit, sich zu informieren, ob und wie er in den Niederlanden eine Lizenz erhalten konnte. Und er musste noch herausfinden, ob man wirklich ein Boot als festen Wohnsitz nutzen durfte. Überall war das auf jeden Fall nicht erlaubt. Ein paar Steine musste er noch aus dem Weg räumen.
Eine Windböe kam auf, ein Surfer schien damit überfordert zu sein und fiel ins Wasser. Bruno grinste. Fallen gehörte dazu – beim Sport sowie im Leben. Das begann schon mit den ersten Schritten der kleinen Kinder. Und kein Kind der Welt denkt jemals: Das Laufen lerne ich nie. Egal, wie oft es hinfällt. Diesen Gedanken hegen nur Erwachsene. Er hatte auch oft gedacht, dass er es nicht schaffen würde, als Privatdetektiv Fuß zu fassen. Aber er hatte es geschafft.
Und hier zu stehen, war für ihn pures Glück.
Gleich, nachdem er das Schiff gekauft hatte, hatte er sich ein paar Tage frei genommen, um den Kahn zu streichen und den alten Namenszug zu entfernen. Er wollte, dass alles fertig war, wenn er zum ersten Mal für längere Zeit hier wohnen würde.
Er hatte sich entschlossen, seinen Kreuzer SIDO zu nennen. Eine kleine sentimentale Anwandlung an seine vergangene Affäre. Das sollte wohl erlaubt sein. Und hieß es nicht, dass Schiffe immer weibliche Namen hatten? Dieser Name prangte nun also in klaren, schmucklosen Buchstaben am Bug des Schiffes.
Er riss sich aus seiner Starre los und ging die wenigen Schritte zu seinem Schiff und betrat das Deck. Dort ging er eine schmale Stiege hinunter in die Kajüte schüttete sich ein Bier ein und setzte sich mit einem Roman von Ken Follet an das kleine Fenster. Später würde er eine Pizza essen gehen.
Zachary Willem Poel fackelte nicht lange - das hätte auch kaum seiner Natur entsprochen – und plante eine längere Reise zusammen mit seinem Hund Rokko, der im Herbst letzten Jahres bei ihm eingezogen war. Zachary würde niemals sagen, dass er ihn gekauft hatte. Das war viel zu profan und wurde seiner Meinung nach einem so liebenswerten Lebewesen nicht gerecht. Nein, er hatte ihn bei sich aufgenommen.
Rokko war ein zweijähriger Mischlingsrüde, der von einem Tierschutzbund auf den Straßen Rumäniens aufgelesen worden war. Rokko hatte die Größe eines Labradors und relativ lange Haare. Zachary hatte anfangs überlegt, ob wohl ein Collie in der Promenadenmischung steckte, aber es war sowieso gleichgültig und erfahren würde er es wohl nie. Zachary - oder Zac, wie er meistens genannt wurde - und Rokko waren jedenfalls schnell ein gutes Team geworden.
Im September letzten Jahres hatte er in seiner Funktion als Journalist des Zeitungsverlags Paderzeit zusammen mit seiner Kollegin einen Einsatz in der Harzstadt Quedlinburg gehabt. Dieser Einsatz, der sogar aufgrund von Recherchen in der Vergangenheit seiner Kollegin Moyra - oder besser gesagt, deren Mutter - stattgefunden hatte, hatte sich als äußerst gefährlich entwickelt. Am Ende war er angefahren und verletzt in eine Waldhütte verschleppt worden, ein Anwalt war angeschossen und eine Polizistin getötet worden. Und das alles, um einen dreißig Jahre alten Mord zu vertuschen. Nun, am Ende hatte sich immerhin alles aufgeklärt. Aber Zac hatte nach diesem Erlebnis, von dem er behauptete, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein, beschlossen, seine persönlichen Träume nicht länger aufzuschieben. Er hatte Rokko bei sich aufgenommen und würde nun mit seinem Wohnbulli aufbrechen und durch Europa reisen. Geld hatte er gespart, er hatte ja nie viel gebraucht. Er hatte niemanden, für den er sorgen musste, außer seit kurzem Rokko. Und wenn das Geld doch knapp werden würde, könnte er unterwegs irgendetwas jobben.
Zac war seine Globetrotternatur schon in die Wiege gelegt worden.
Er war der Sohn einer englischen Mutter und eines niederländischen Vaters. Die ersten Jahre seiner Kindheit war er in Maastricht aufgewachsen. Als er acht Jahre alt war, war er mit seiner Familie - er hatte noch eine Schwester und einen Bruder - nach Köln übergesiedelt, wo sein Vater ein lukratives Jobangebot erhalten hatte. Noch in der Schule hatte er begonnen, zu reisen. Bereits als Fünfzehnjähriger hatte er ein Jahr im Rahmen eines Schüleraustausches in Kanada verbracht. Danach war er an seine Schule zurückgekehrt, hatte Abitur gemacht und war erst einmal für ein halbes Jahr durch Europa gereist - Niederlande, England, Irland, Schottland - bevor er sein Studium begonnen hatte. Ungefähr auf der Hälfte hatte er ein Auslandsemester in Frankreich eingeschoben. Er sprach fließend Englisch, Französisch und natürlich Niederländisch. Jetzt war er inzwischen vierzig Jahre alt, unabhängig, einen Meter achtzig groß mit einer sportlichen Figur. Seine braunen, langen Haare trug er schon seit seinem zwanzigsten Lebensjahr meist zu einem Catogan oder einem Knoten am Hinterkopf gebunden und glatt rasiert war er nur sehr selten. Seine blauen Augen ließen ihn sanfter erscheinen, als er war. Kurzum, er war durchaus ein attraktiver Mann mit einem Touch zum Naturburschen. Er kleidete sich aber derart nachlässig, trug schlecht sitzende Jeans und schlichte Shirts sowie grundsätzlich Turnschuhe, sodass er trotz seiner Attraktivität keine auffällige Erscheinung war.
Seit fünf Jahren lebte er jetzt in der Nähe von Büren in einem alten Bauernhaus, das er renoviert hatte. Ebenso lange arbeitete er bei der Paderzeit. Für den Verlag hatte er sich als absoluter Glücksgriff erwiesen. Zachary wurde bald der „Feuerwehrmann“ der Paderzeit, der Mann für schwierige Fälle. Derjenige, der in den kompliziertesten Fällen einen kühlen Kopf behielt, der reiste, egal wohin. Er war sogar schon im Kriegsgebiet der Ukraine gewesen, hatte in Katastrophengebieten tatkräftig mit angepackt und fast wie nebenher darüber berichtet, was immer die interessantesten und lebhaftesten Artikel wurden.
Ihm war weder die Zeit wichtig noch der Ort, an dem er sich aufhielt und von dem er berichtete. Als seine Heimat bezeichnete er die Welt. Würde es Flüge auf andere Planeten geben, wäre er sicher auch dort dabei.
Sein Chef hatte geplant, ihn und Moyra nach dem gelösten Fall in Quedlinburg an einer Artikelserie über alte, ungeklärte Mordfälle arbeiten zu lassen. Die Idee fanden beide grundsätzlich gut, wollten aber dennoch nicht selbst daran arbeiten.
Moyra wollte in ihr altes, beschauliches Leben zurück, in dem sie als freie Journalistin Artikel über die Vorkommnisse ihrer Heimatstadt Paderborn schrieb.
Und Zachary, der nach seiner Verletzung nachdenklicher geworden war, wollte keine Wünsche mehr hinausschieben. Und so war Rokko in sein Leben getreten. Zac investierte viel Energie, um ihre Mensch-Hunde-Beziehung zu intensivieren und zu perfektionieren. Er nahm Rokko fast überall mit hin und schon bald konnte der Rüde ohne Leine laufen. Sie wurden ein wirklich gutes Team.
Und dann nahm er seinen nächsten Wunschtraum in Angriff. Die längere Europareise mit dem Bulli, die er jetzt im Begriff war, zu starten.
Erich Maas, der Chef der Paderzeit, hatte zähneknirschend zugestimmt. Zwar war Zac kein Angestellter, sondern freier Mitarbeiter des Zeitungsverlags und brauchte sich keinen Urlaub bewilligen lassen, aber Erich verzichtete auf Zacharys Columnen nur ungern. Er hoffte, dass von unterwegs mal ein Artikel eintrudeln würde. Immerhin benötigte Zac ja Geld.
Zac und Rokko stiegen zufrieden und voller Vorfreude in den bepackten Bulli und fuhren los. Richtung Niederlande, dorthin, wo Zac geboren worden war.
Angela Heine stand zitternd mit einem Glas Sekt in der Hand vor ihrem Häuschen in dem kleinen Feriendorf de Maan am Ijsselmeer und sah dem Sonnenaufgang zu. Es war zu früh, um Sekt zu trinken, das war ihr bewusst und ebenso gleichgültig. Sie brauchte das zur Beruhigung.
Das kleine Häuschen in dem Feriendorf direkt am See gehörte ihr. Sie hatte es zusammen mit ihrem Mann gekauft, als ihre Tochter noch klein war. Es hatte drei Schlafzimmer, wobei sie das dritte nur in den letzten Jahren gebraucht hatte, wenn eine Freundin sie begleitet hatte. Bei der Scheidung von Thorsten hatte sie das Haus behalten, weil ihr dieser Ort einfach mehr bedeutete als ihm. Aber nach Rücksprache hatte ihr Ex-Mann durchaus noch das Recht, mal hierherzufahren und Urlaub zu machen.
Angela kannte in dieser Gegend jeden Fleck, der Ort war zu ihrem zweiten Zuhause geworden. Das Feriendorf, die Dörfer und Städte ringsherum, die Restaurants, die Geschäfte in der Nähe, zu einigen der Inhaber hatte sie inzwischen sogar eine persönliche Bindung geschaffen, wie zu der nette Marijke Verhagen in dem kleinen Supermarkt mit Bäckerei und Bistro.
Ihre Tochter Stella war jetzt zwölf Jahre alt.
Doch dieses war kein Urlaub wie jeder andere. Sonst würde sie hier mit einer Tasse Kaffee oder Tee stehen und dem Sonnenaufgang zusehen, nicht mit Alkohol. Sie würde sich wohl fühlen und voller innerer Ruhe sein. Aber nicht dieses Mal.
Es war zum Glück nicht allzu schwer gewesen, Stella zu erklären, dass sie herfuhren. Das taten sie schließlich oft. Es war dieses Mal nur so spontan gewesen. Die Osterferien hatten noch nicht einmal begonnen. Sie hatte Stella sogar für zwei Tage krank melden müssen, um früher fahren zu können.
Außerdem hatte sie ziemlich spontan Urlaub auf ihrer Arbeitsstelle nehmen müssen, die sie erst vor kurzem angetreten hatte. Aber die hätte sie zur Not sogar aufgegeben. Was hätte sie auch tun sollen?
Seit ihr dieses mysteriöse Tagebuch zugespielt worden war, stand ihr Leben auf dem Kopf und sie hatte keine Ahnung, wie sie da wieder rauskommen sollte.
Jetzt war das Buch sowieso weg. Und sie war bedroht worden.
Und sie hatte gewusst, sie musste fort. Sie musste Stella schnappen und fliehen. Ja, das war dieser Urlaub in Wirklichkeit: Eine Flucht.
Sie war davon gelaufen, nur weg von zu Hause. Aber was sollte sie nun tun? Sie strich sich durch ihre honigblonde Kurzhaarfrisur und kippte den Rest Sekt hinunter. Sie hoffte, in Sicherheit zu sein. Das Buch war ja fort. Aber derjenige, der sie bedroht hatte, konnte sich denken, dass sie die Aufzeichnungen gelesen hatte.
Was sollte das alles überhaupt? Wer und was steckte dahinter? Und war jetzt überhaupt wirklich alles vorbei oder würde man nach ihr suchen?
Und wo war Yvonne? Hatte sie möglicherweise etwas herausgefunden und war auch überfallen worden?
Woher hatte dieser bullige Typ, der sie überfallen hatte, überhaupt gewusst, dass sie dieses Tagebuch hatte? Das wusste doch kein Mensch. Nur der- oder diejenige, der ihr das zugespielt hatte.
Fragen über Fragen. Nein, sie fühlte sich hier nicht sicher. Die Flucht war nutzlos gewesen. Das Häuschen, in das sie geflohen war, gehörte ihr. Könnte der Typ, der sie überfallen hatte, nicht leicht dahinter kommen, wo sie sich verkrochen hatte? Sie brauchte Hilfe. Sie konnte das nicht allein durchstehen. Aber das hatte sie auch gedacht, als sie Yvonne um Hilfe gebeten hatte. Und die war nun verschwunden.
Ihre Gedanken drehten sich in einem unaufhörlichen Kreisel und fanden kein Ziel und keine wirkliche Lösung.
Vielleicht sollte sie ihren Exmann anrufen. Sie verstanden sich einigermaßen gut, hatten weder bei ihrer Trennung noch bei der Scheidung vor ein paar Monaten schmutzige Wäsche gewaschen, wie man so schön sagte. Sie würden auch einigermaßen als Eltern funktionierten, wenn Dana nicht wäre. Seine junge Lebensgefährtin, die wenig Lust hatte, Mutter für eine Zwölfjährige zu spielen. Zuletzt war Thorsten nicht sehr zuverlässig gewesen. Nein, sie wollte ihn nicht anrufen. Er würde ihr nur Vorwürfe machen. Auch wenn dieses Problem ihn etwas anging. Ach, ihr ganzes Leben war auf einmal ein einziger Problemhaufen.
Freitag, 22. März
Marijke Verhagen war Eigentümerin des kleinen Lebensmittelgeschäftes am Ufer des Ijsselmeeres. Hier, wo die Schiffe vor Anker lagen und Urlauber beherbergten und außerdem die kleine Feriensiedlung am Rande des Dorfes lag, lohnte sich ihr Geschäft auf jeden Fall. Sie arbeitete gerne hier. Sie traf immer neue Menschen, kam gut mit den Gästen ins Gespräch und obendrein hatten die meisten gute Laune, denn sie waren ja im Urlaub und genossen ihre freie Zeit.
Sie kannte den neuen Eigentümer des schlichten Kabinenkreuzers, der am liebsten für immer auf dem Boot leben würde, das Ehepaar von der Jacht daneben, die Surfer, die regelmäßig kamen, die Familien aus den Ferienhäusern, besonders diejenigen, die Eigentümer eines Häuschens waren und regelmäßig hier ihren Urlaub verbrachten. Manchmal kamen auch die Kinder allein und holten Brötchen. Die waren dann sehr stolz, dass sie das schon allein machen durften und Marijke belohnte sie oft mit einem Lolli.
Marijke war inzwischen sechzig Jahre alt, ihre beiden Söhne Friso und Thijs waren erwachsen und lebten zu Marijkes Freude nicht allzu weit von ihr entfernt. Mit ihrem Mann Andries verband sie mehr Freundschaft und Gewohnheit als Leidenschaft, was nach über dreißig Ehejahren vielleicht normal, zumindest nicht allzu ungewöhnlich war. Aber dreißig Jahre - vierunddreißig, seit sie sich kennengelernt hatten - verbanden ja auch.
Aber sie hatten heute getrennte Schlafzimmer und unternahmen mehr getrennt als gemeinsam. Immerhin: Sie verstanden sich noch gut. Marijke fühlte sich durchaus wohl mit diesem Arrangement.
Sie hatte ein fröhliches, unkompliziertes, offenes Wesen, mit dem sie auf neue Kunden sofort sympathisch wirkte. Sie war einen Meter fünfundsechzig groß, hatte eine rundliche Figur, ein hübsches Gesicht, das jünger wirkte als sechzig und inzwischen fast graue Haare, die ihr in dicken Locken bis in den Nacken fielen.
Ihr Gesicht leuchtete auf, als sie die nächste Kundin und das junge Mädchen durch die Tür kommen sah. „Angela. Stella. Wie schön, dass ihr auch wieder hier seid. Wann seid ihr angekommen?“
„Gestern erst.“
„Sind schon Ferien in Deutschland? Ich dachte…“,
„Die fangen tatsächlich erst Montag an, aber wir sind schon etwas früher gekommen.“
Marijke runzelte fast unmerklich die Stirn. Das war aber merkwürdig. So weit sie wusste, konnte man nicht so einfach während der Schulzeit in den Urlaub fahren.
„Dann ist deine Freundin sicher nicht dabei, Stella? Oder kommt sie nach?“
Sie spielte darauf an, dass eine Freundin von Angela mit ihrer Tochter schon einige Male dabei gewesen war. Das war besonders für Stella schön, die dann jemanden in ihrem Alter hatte.
„Nein, wir sind allein. Wir sind ziemlich spontan gefahren“, erwiderte Angela.
Marijkes, durch den vielen Kontakt zu immer neuen Kunden, geschulter Blick wurde ernst, als sie in Angelas Augen blickte. Die Kundin lächelte zwar, aber ihre Augen wirkten so traurig. Und dann diese Situation, dass sie spontan noch vor den Ferien in den Urlaub fuhr. War etwas passiert? Bei näherer Betrachtung war traurig auch gar nicht das richtige Wort. Sie wirkten zutiefst verzweifelt, irgendwie gehetzt, vielleicht sogar ängstlich.
„Stella, ich habe dort drüben neue Puzzle, Bücher und Spiele. Magst du dir das einmal ansehen? Vielleicht ist ja etwas dabei, das ihr beide abends mal spielen könnt“, schlug sie dem Mädchen vor.
Stella willigte ein. Mehr, weil sie keine Lust hatte, bei einer Plauderei zwischen ihrer Mutter und der netten Ladenbesitzerin dumm daneben zu stehen als aus Interesse. Aber vielleicht war ja wirklich etwas Nettes dabei.
Sie streifte also in eine Nische im hinteren Teil des Ladens, wo Marijke einige Geschenkartikel, Spielsachen und ähnliches anbot.
Als Stella sich weit genug entfernt hatte, sagte Marijke: „Und jetzt zu dir, Angela. Wir kennen uns schon lange und wir haben sicher nicht allzu viel Zeit, bis deine Tochter zurückkommt. Sooo groß ist mein Angebot nicht.“ Sie lachte kurz auf. „Ich sehe dir an, dass etwas nicht stimmt. Was ist los? Hast du Kummer?“
„Das kann man nicht so schnell erzählen. Es ist tatsächlich etwas passiert, aber damit will ich dich nicht behelligen.“
„Man muss aber mit jemandem reden, wenn man Kummer hat“, entschied Marijke. „Wenn es nicht schnell geht, dann komm nach Ladenschluss auf ein Glas Wein her. Wir setzen uns auf die Bank und du erzählst.“
Aber Angela schüttelte den Kopf. „Ich will Stella nicht allein lassen.“
Marijke zog die Augenbrauen zusammen. Da musste ja wirklich allerhand passiert sein. Stella war immerhin zwölf Jahre alt. Die konnte ohne Probleme ein oder zwei Stunden allein in dem Häuschen bleiben. Außerdem war die Mutter nicht weit weg und Stella kannte den Weg.
„Wenn du mit niemandem redest, kann dir keiner helfen“, gab Marijke zu bedenken.“
„Aber das ist es ja“, brach es aus Angela heraus. „Es könnte Gefahr für diejenigen bedeuten, die davon wissen.“
Stella kam schon wieder zurück, blieb wie angewurzelt stehen und schaute skeptisch von ihrer Mutter zu Marijke.
„Was ist los?“, fragte sie.
„Nichts, alles gut“, erwiderte Angela hektisch.
„Deine Mutter ist wohl noch nicht ganz im Urlaubsmodus angekommen“, versuchte Marijke die Situation augenzwinkernd zu retten. „Bei Erwachsenen dauert es manchmal etwas länger.“
„Ja, sie ist schon ziemlich gestresst in der letzten Zeit“, stimmte Stella zu.
„Du hast offenbar etwas gefunden?“ Marijke wies auf die helle Leinentasche mit dem breiten Schultergurt und dem Fotodruck vom See mit Seglern und Kitern darauf, die über Stellas Schulter baumelte.
Stella nickte strahlend. „Ja, die ist toll. Darf ich die haben, Mama?“
Angela hob die Augenbrauen. „Kauf sie dir doch vom Taschengeld. Da hab ich dir noch nie reingeredet.“
„Ach Mamaaa…“
Angela lachte. Es war nicht so, dass sie Stella jederzeit jeden Wunsch erfüllte, aber dieses Mal machte es ihr nichts aus. „Ja, die ist ja auch wirklich toll.“
Marijke nahm die Tasche entgegen, damit sie den Preis einscannen konnte und wandte sich dann wieder an Angela. „Heute Abend, nachdem ich abgesperrt habe, komme ich zu dir“, entschied sie. Sie merkte, dass Angela etwas einwenden wollte und setzte schnell nach. „Nein, keine Widerrede. Ich bringe eine Flasche Rosé mit und du erzählst mir alles. Wir finden eine Lösung.“
Angela nickte ergeben. Sie wusste ja, dass sie das sowieso nicht allein durchstehen konnte. Aber welche Lösung könnte es geben?
Angela hatte einen anstrengenden Tag gehabt. Die Zweiundvierzigjährige hatte erst vor kurzem einen neuen Job in dem Antiquitätengeschäft von Ulrich Wüllner begonnen. Der mittelgroße, etwas rundliche, aber relativ unauffällige Mann war ein paar Jahre jünger als Angela, die ihn auf Mitte dreißig, höchstens achtunddreißig schätzte. Er hatte das Geschäft vor zehn Jahren gegründet, was für einen so jungen Mann bemerkenswert war. Seitdem hatte er es zu einem florierenden Geschäft ausgeweitet und mittels eines kleinen Nachbarladens, den er vor ein paar Jahren dazugekauft hatte, sogar vergrößert. Man konnte ohne Übertreibung sagen, dass er ein reicher Mann geworden war.
Angela wusste nicht allzu viel über ihren neuen Chef. Interessant war auf jeden Fall, dass er nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften bei Ausgrabungen in Kenia mitgearbeitet hatte, was nicht recht zu seinem Studium zu passen schien, was Angela sich aber überaus interessant vorstellte. Aber Wüllner hatte gelacht, als sie ihm das gesagt hatte und gemeint, es sei eher frustrierend und ernüchternd als interessant gewesen. Dennoch meinte er, würde er ihr recht geben, dass es immerhin eine Erfahrung gewesen war.
Danach hatte er sein Geschäft hier in Bielefeld eröffnet. Seine Exkursion in die Archäologie hatte ihm dabei sicher gute Dienste geleistet, aber auch seine wirtschaftswissenschaftlichen Kenntnisse waren wichtig. Er hat wohl seinen Beruf mit seiner Leidenschaft für Geschichte verbunden, hatte Angela gedacht.
Doch nun trieb es ihn wieder in eine andere Richtung. Ulrich hatte die Erkenntnis gewonnen, dass er noch zu jung war, um für immer dieses Leben zwischen betriebswirtschaftlichen Zahlen und Antiquitäten zu führen. Er wollte sich noch einmal verändern. Er wollte etwas bewirken. Er wollte eine neue Karriere und er wollte Macht. Ja, das war wohl das Wesentliche. Darum wollte er nun in die Politik gehen. Natürlich kam das nicht von jetzt auf gleich. Natürlich engagierte er sich schon eine Weile in der Politik. Nur würde er jetzt einen Schritt weitergehen. Er würde sich in den Stadtrat von Bielefeld wählen lassen und er würde gewählt werden, daran hegte er nicht den geringsten Zweifel. Deshalb hatte er für sein Geschäft auch mehr Unterstützung gebraucht. Angela Heine war dafür ideal. Sie war die angeheiratete Nichte seines alten väterlichen Freundes Arthur Heine. Angela hatte zwar zuvor nicht in einem Antiquitätenladen gearbeitet, aber immerhin im Einzelhandel, im Kundenkontakt. Sie hatte in einem Geschäft für besonderen Modeschmuck gearbeitet, in einer Boutique und zuletzt in einem sehr ansprechenden Laden, in dem es verschiedene Glas- und Keramikartikel gab. Sie hatte also reichlich Erfahrung und das in ganz unterschiedlichen Bereichen. Ulrich hatte diesen letzten Laden aufgesucht und sich von ihr quasi inkognito beraten lassen, bevor er sie eingestellt hatte. Auf den Gedanken war er - ohne sie zu kennen - gekommen, weil Arthur immer in höchsten Tönen von ihr gesprochen und erzählt hatte, wie geschäftstüchtig sie sei.
Tatsächlich war Ulrich beeindruckt davon gewesen, wir gut sie es verstand, die Ware zu arrangieren und zu präsentieren und wie freundlich, sachverständig und man konnte sogar sagen, empathisch ihr Umgang mit den Kunden war. Selbstverständlich hatte er hinterfragt, wer für das Arrangement im Geschäft zuständig war. „Das ist mein Aufgabengebiet“, hatte sie geantwortet. „Natürlich mache ich nicht alles selbst mit meinen eigenen Händen“, dabei hatte sie etwas geziert gelacht, „aber ich entwerfe zumindest das Arrangement.“
„Es ist sehr durchdacht und ansprechend. Ich bin richtig beeindruckt.“
„Dankeschön. Haben Sie sich schon für etwas entschieden?“
„Ich kann mich noch nicht entscheiden, aber ich komme zurück. Das verspreche ich.“
Er war noch dreimal zurückgekehrt. Beim zweiten Mal hatte er sie nicht angetroffen. Sein Fehler. Natürlich war niemand immer im Dienst. Also hatte er gefragt, wann sie wieder im Geschäft sein würde. Beim nächsten Mal hatte er einen Krug gekauft. Und als er dann wieder kam, hatte er ihr einen Job in seinem Antiquitätenladen angeboten.
„Aber… aber ich habe einen guten Job“, hatte sie gesagt.
„Ich erhöhe Ihr Gehalt.“
„Sie wissen gar nicht, was ich verdiene.“
Er lächelte. „Das ist egal. Wissen Sie eigentlich, dass Ihr Onkel Arthur mein Mentor war und auch heute noch ein väterlicher Freund ist?“
„Nein.“ Sie war überrascht. „Woher wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“
Er lächelte etwas verschlagen. „Ich wusste es, bevor ich zum ersten Mal hier war. Ich wollte sie inkognito kennen lernen, weil Ihr Onkel immer in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen hat.“
„Aber er ist gar nicht mein Onkel“, erwiderte sie. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie sich geschmeichelt fühlen oder verärgert sein sollte wegen dieses falschen Spiels, das er getrieben hatte.
„Nein, auch das weiß ich. Der Onkel Ihres Exmannes. Aber Arthur hält wirklich große Stücke auf Sie.“ Er betonte es absichtlich ein weiteres Mal, um ihr zu schmeicheln. Er merkte, dass sie verärgert war, weil er diese Maskerade abgezogen hatte. Vielleicht war er mit der Wahrheit etwas zu direkt herausgeplatzt. Doch seine Worte und sein versöhnliches Lächeln verfehlten seine Wirkung nicht.
Sie lächelte versonnen. „Ja, Arthur und ich haben uns immer gut verstanden.“
„Dann wechseln Sie in mein Geschäft?“
„Immer langsam. Das habe ich damit nicht gesagt. Aber wir könnten uns ja mal unterhalten und alles besprechen.“
Er nickte. „Ein guter Vorschlag. Wann passt es Ihnen?“
„Freitag Nachmittag oder Mittwoch Vormittag?“
„Dann kommen Sie doch Freitag zur Abwechselung in mein Geschäft. Was halten Sie davon?“
So hatte es vor etwa sechs Wochen begonnen. Angela war begeistert gewesen. Noch mehr, als sie hörte, dass er sich von dem Laden zurückziehen wollte, um sich politisch stärker zu engagieren. Das würde ihr viel Freiheit lassen.
Die meisten Verkäuferinnen, die im Antiquitätengeschäft arbeiteten, waren Minijobberinnen, also würden sie ihr ihre Position nicht neiden. Die wollten einen solchen Arbeitsumfang ja gar nicht.
Eine etwas ältere, alleinstehende Frau arbeitete bereits von Anfang an in dem Geschäft, inzwischen nur noch halbtags. Sie würde Angela eine große Hilfe sein, aber auch sie würde ihr die Stellung nicht neiden.
Angela hatte zur Bedingung gemacht, nicht mehr als dreißig Stunden pro Woche zu arbeiten. Das war mehr, als sie es bisher tat. Aber ihre Tochter wurde größer, Stella war jetzt zwölf Jahre alt, ging bis nachmittags in die Schule und war oft mit Freundinnen verabredet. Außerdem konnte sie auch mal eine Weile allein bleiben.
Angela würde mehr verdienen, was nach der Trennung von Thorsten auf jeden Fall von Vorteil war. Thorsten bezahlte zwar seinen Unterhalt, aber er meckerte auch genug darüber, was Angela natürlich egal sein konnte. Scheidung hin oder her: Stella blieb auch seine Tochter.
Die Diskussionen um den Unterhalt hatten enorm zugenommen, seit er mit Dana eine neue Lebensgefährtin hatte. Womöglich planten sie sogar noch Kinder. Oder Dana hatte einfach Angst, selbst zu kurz zu kommen.
Thorsten war zwei Jahre älter als Angela, aber für einen Mann war es ja kein Problem, auch im fortgeschrittenen Alter noch Kinder in die Welt zu setzen, während für eine Frau die biologische Uhr ab Anfang vierzig doch brutal tickte. Thorsten hatte mit ihr nie ein weiteres Kind gewollt, während sie sich gut ein Geschwisterchen für Stella hatte vorstellen können. Aber es hatte sowieso nicht geklappt, obwohl sie es nach einigen Diskussionen versucht hatten. Und nun war Angela gespannt, ob er mit Dana weitere Kinder bekommen würde. Obwohl - gespannt war vielleicht nicht das richtige Wort, eher neugierig - in negativem Sinne. Dana war auf jeden Fall jung genug. Sie war knapp siebzehn Jahre jünger als Thorsten, nicht einmal dreißig Jahre alt. Sie war nicht der Trennungsgrund gewesen. Das war eine andere Affäre gewesen, mit der Thorsten aber nie zusammengelebt hatte. Ihre Beziehung war zu dem Zeitpunkt eigentlich sowieso schon beendet gewesen.
Weg damit. Angela verscheuchte die Gedanken mit einer heftigen Handbewegung. Sie wollte jetzt nicht über Thorsten und Dana oder frühere Affären nachdenken. Ihr tat es auf jeden Fall gut, sich auf eigene Beine zu stellen und selbst nicht finanziell von Thorsten abhängig zu sein.
Dieser Job war auf jeden Fall für ihre Zukunftspläne genau richtig. Sie hatte ihn jetzt erst seit zwei Wochen und sie hatte noch viel zu lernen, soviel war klar. Es war anstrengend, aber sie würde es schaffen.
