Das Tal der Angst - Sir Arthur Conan Doyle - E-Book

Das Tal der Angst E-Book

Sir Arthur Conan Doyle

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  • Herausgeber: Kein & Aber
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Holmes hatte die Filzpantoffeln aus der Halle mitgebracht. Wie Ames beobachtet hatte, waren beide Sohlen dunkel von Blut. "Seltsam!" murmelte Holmes, als er im Licht des Fensters stand und sie minutiös untersuchte. "Wirklich höchst seltsam!" Mit einer seiner raschen, katzenhaften Bewegungen bückte er sich und legte einen Pantoffel auf die Blutspur auf dem Sims. Er passte genau.

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Seitenzahl: 301

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INHALT

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ÜBER DEN AUTOR

Sir Arthur Conan Doyle wurde am 22. Mai 1859 in Edinburgh geboren. Er studierte Medizin und praktizierte von 1882 bis 1890 in Southsea. Reisen führten ihn in die Polargebiete und nach Westafrika. 1887 schuf er Sherlock Holmes, der bald seinen »Geist von besseren Dingen« abhielt. 1902 wurde er zu Sir Arthur Conan Doyle geadelt. In seinen letzten Lebensjahren (seit demTod seines Sohnes 1921) war er Spiritist. Er starb 1930 in Crowborough/Sussex.

ÜBER DAS BUCH

In Arthur Conan Doyles viertem Roman Das Tal der Angst erreicht Sherlock Holmes eine verschlüsselte Botschaft. Für ihn und Dr. Watson ist klar: Sie steht in Zusammenhang mit ihrem Erzfeind Professor Moriarty. Doch ehe die beiden handeln können, geschieht ein grausamer Mord.

INHALTSVERZEICHNIS

TEIL IDie Tragödie von Birlstone

Die Warnung

Mr. Sherlock Holmes doziert

Die Tragödie von Birlstone

Dunkelheit

Die Personen des Dramas

Ein Licht dämmert herauf

Die Lösung

TEIL IIDie Scowrers

Der Mann

Der Logenmeister

Loge 341, Vermissa

Das Tal der Angst

Die dunkelste Stunde

Gefahr

Eine Falle für Birdy Edwards

Epilog

TEIL I

Die Tragödie von Birlstone

DIE WARNUNG

»Ich denke …« sagte ich.

»Das wäre ratsam«, bemerkte Sherlock Holmes unwillig.

Ich glaube, ich bin einer der langmütigsten Sterblichen; dennoch muß ich gestehen, daß mich diese hämische Unterbrechung ärgerte.

»Also wirklich, Holmes«, sagte ich unwirsch, »manchmal ist es mit Ihnen kaum auszuhalten.«

Er war zu sehr in seine Gedanken versunken, um meinen Vorwurf unverzüglich zu erwidern. Vor ihm stand sein nicht angerührtes Frühstück; auf eine Hand gestützt, starrte er auf einen Zettel, den er soeben aus einem Umschlag gezogen hatte. Dann nahm er den Umschlag selbst, hielt ihn vor das Licht und musterte sehr sorgfältig Vorderseite und Falzklappe.

»Das ist Porlocks Handschrift«, sagte er nachdenklich. »Wenn ich sie auch erst zweimal zu Gesicht bekommen habe, hege ich doch keinen Zweifel daran, daß das Porlocks Handschrift ist. Das griechische ›e‹ A1 mit dem eigenartigen Schnörkel oben ist bezeichnend. Wenn das Schreiben jedoch von Porlock kommt, dann muß es eine Sache von äußerster Wichtigkeit sein.«

Er sprach eher mit sich als mit mir, aber mein Ärger verschwand hinter dem Interesse, das seine Worte in mir erweckten.

»Wer ist denn dieser Porlock?« fragte ich.

»Porlock ist ein nom de plume, Watson, ein reines Erkennungszeichen, hinter dem sich allerdings eine gerissene, schwer faßbare Persönlichkeit verbirgt. In einem früheren Brief hat er mir frank und frei mitgeteilt, daß das nicht sein richtiger Name sei und er mir nicht zutraue, ihn unter den wimmelnden Millionen dieser großen Stadt jemals aufzuspüren. Porlock ist wichtig, nicht seinetwegen, sondern wegen des großen Mannes, mit dem er in Verbindung steht. Stellen Sie sich den Lotsenfisch neben dem Hai vor, den Schakal neben dem Löwen – irgend etwas Unbedeutendes verbündet mit etwas Furchtbarem. Nicht nur etwas Furchtbarem, Watson, nein, Unheilvollem – im höchsten Grad Unheilvollem. Daher gehört er in meine Interessensphäre. Habe ich Ihnen gegenüber schon einmal Professor Moriarty A2 erwähnt?«

»Den berühmten wissenschaftlichen Verbrecher? In Ganovenkreisen ebenso berühmt wie …«

»Sie machen mich schamrot, Watson«, murmelte Holmes abwehrend.

»Ich wollte sagen, ›wie er der Öffentlichkeit eine unbekannte Größe ist.‹«

»Touché – eindeutig touché!« rief Holmes. »Sie entwickeln einen gewissen Hang zu pfiffigem Humor, den ich Ihnen nicht zugetraut hätte; ich muß lernen, mich dagegen zu wappnen. Aber wenn Sie Moriarty einen Verbrecher nennen, sprechen Sie in den Augen der Justiz eine Verleumdung aus, und da liegen Glanz und Gloria der Sache. Der größte Ränkeschmied aller Zeiten, der Organisator jedweder Teufelei, das Zentralgehirn der Unterwelt – ein Gehirn, das die Geschicke ganzer Nationen im Guten wie im Schlechten lenken könnte: das ist unser Mann. Aber er ist über jeden gemeinen Verdacht so erhaben – so gefeit gegen jede Kritik – und so bewundernswert in seiner Fähigkeit, die Fäden in der Hand und sich selbst im Hintergrund zu halten, daß er Sie schon für die Worte, die Sie eben geäußert haben, vor Gericht zerren könnte und Ihre Jahresrente A3 als Schmerzensgeld für seine verletzte Ehre einstriche. Immerhin ist er der gepriesene Verfasser von Dynamik eines Asteroiden – einem Buch, das solch luftige Höhen der reinen Mathematik erklimmt, daß man behauptet, es habe sich in der gesamten Fachpresse kein Kopf gefunden, der imstande wäre, das Werk zu rezensieren. Ist das ein Mann, den man verleumdet? Der schandmäulige Doktor und der verunglimpfte Professor – so sähe die Verteilung Ihrer Rollen aus. Das ist eben Genie, Watson. Aber solange mich die kleineren Ganoven am Leben lassen, ist gewiß noch nicht aller Tage Abend.«

»Möge ich es miterleben!« rief ich inbrünstig aus. »Aber Sie haben vorhin von diesem Porlock gesprochen.«

»Ah, ja – der sogenannte Porlock ist ein Glied in der Kette, in kleinem Abstand allerdings von dem großen Brocken, an dem sie hängt. Unter uns gesagt, Porlock ist nicht gerade ein starkes Glied. In jener Kette stellt er sogar die einzige Schwachstelle dar, soweit ich das bisher überprüfen konnte.«

»Aber keine Kette ist stärker als ihr schwächstes Glied.«

»Genau, mein lieber Watson. Daher die außerordentliche Bedeutung von Porlock. Verlockt von rudimentären Anwandlungen eines Bedürfnisses nach Recht und ermutigt durch das klug dosierte Stimulans einer gelegentlichen Zehn-Pfund-Note, die ihn auf Umwegen erreichte, hat er mir ein- oder zweimal Vorabinformationen zukommen lassen, die von Wert waren – und zwar von jenem höchsten Wert, der es möglich macht, einem Verbrechen zuvorzukommen und es zu verhindern, statt es zu rächen. Gewiß würden wir feststellen, daß diese Nachricht von der erwähnten Art ist, hätten wir nur den Schlüssel dazu.«

Erneut strich Holmes das Stück Papier auf dem unbenutzten Teller glatt. Ich erhob mich, beugte mich über ihn und starrte auf die merkwürdige Mitteilung, die folgendermaßen lautete:

534 K2 13 127 36 31 4 17 21 41

DOUGLAS 109 293 BIRLSTONE

26 127 171

»Werden Sie daraus schlau, Holmes?«

»Es ist offensichtlich der Versuch, eine Geheiminformation zu übermitteln.«

»Aber welchen Nutzen hat eine verschlüsselte Nachricht ohne den Schlüssel?«

»In diesem Fall überhaupt keinen.«

»Wieso betonen Sie ›in diesem Fall‹?«

»Weil es viele Geheimschriften gibt, die ich mit der gleichen Leichtigkeit lese, mit der ich die Apokryphen der Seufzerspalte zu entziffern pflege. Solche durchsichtigen Spielereien ergötzen die Intelligenz, ohne sie zu erschöpfen. Aber das hier ist etwas anderes. Es handelt sich ganz klar um einen Hinweis auf die Wörter einer Seite in irgendeinem Buch. Solange ich allerdings nicht weiß, welche Seite und welches Buch, bin ich machtlos.«

»Aber weshalb ›Douglas‹ und ›Birlstone‹?«

»Weil dies offensichtlich Wörter sind, die nicht auf der fraglichen Seite stehen.«

»Warum hat er denn das Buch nicht angegeben?«

»Der Ihnen eigene Scharfsinn, mein lieber Watson, jene angeborene Schlauheit, die Ihre Freunde so sehr entzückt, würde Sie doch gewiß davon abhalten, Schlüssel und Nachricht in denselben Umschlag zu stecken. Gerät er in die falschen Hände, ist es um Sie geschehen. So aber muß schon beides sein Ziel verfehlen, um Schaden anrichten zu können. Unsere zweite Post ist bereits überfällig, und ich wäre sehr überrascht, wenn sie uns nicht entweder einen weiteren Brief mit einer Erklärung oder, was wahrscheinlicher ist, eben jenes Buch brächte, auf das sich diese Ziffern beziehen.«

Nur ein paar Minuten später erwies sich Holmes’ Berechnung als richtig, denn Billy, der Hausbursche, erschien tatsächlich mit dem Brief, den wir erwartet hatten.

»Dieselbe Handschrift«, bemerkte Holmes, als er den Umschlag öffnete, »und sogar unterschrieben«, fügte er frohlockend hinzu, nachdem er den Brief entfaltet hatte. »Na also, wir kommen vorwärts, Watson.«

Seine Stirn umwölkte sich jedoch, als er den Inhalt überflog.

»Meine Güte, das ist aber sehr enttäuschend! Ich fürchte, Watson, all unsere Hoffnungen werden zunichte gemacht. Ich hoffe nur, daß unserem Porlock nichts zustößt.

›Lieber Mr. Holmes‹, schreibt er, ›ich werde diese Angelegenheit nicht weiter verfolgen. Es ist zu gefährlich. Er verdächtigt mich. Ich kann sehen, daß er mich verdächtigt. Er ist ganz unerwartet bei mir aufgetaucht, nachdem ich eben diesen Umschlag adressiert hatte, um Ihnen den Kodeschlüssel zu schicken. Ich konnte ihn gerade noch wegstecken. Wenn er ihn bemerkt hätte, wäre es mir schlecht ergangen. Aber ich habe Argwohn in seinen Augen gelesen. Bitte verbrennen Sie die verschlüsselte Nachricht, die Ihnen jetzt nicht mehr von Nutzen sein kann. – FRED PORLOCK.‹«

Eine kurze Zeit lang saß Holmes da, den Brief zwischen den Fingern biegend, und starrte mit gerunzelter Stirn ins Kaminfeuer.

»Trotzdem«, sagte er schließlich. »Vielleicht hat das gar nichts zu bedeuten. Vielleicht meldet sich nur sein schlechtes Gewissen. Da er selber weiß, daß er ein Verräter ist, hat er vielleicht deshalb die Anschuldigung in den Augen des anderen gelesen.«

»Der andere ist vermutlich Professor Moriarty?«

»Kein Geringerer. Wenn einer aus dieser feinen Gesellschaft von einem ›Er‹ spricht, weiß man sofort, wer damit gemeint ist. Für sie alle gibt es nur einen allesbeherrschenden ›Er‹.«

»Aber was kann er denn tun?«

»Hm! Das ist eine weitreichende Frage. Wenn man einen der ersten Köpfe Europas zum Gegner hat, hinter dem die versammelten Mächte der Finsternis stehen, gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Immerhin ist Freund Porlock offensichtlich von Sinnen vor Angst. Vergleichen Sie doch gütigerweise einmal die Handschrift der Nachricht mit der auf dem Umschlag, der laut Porlock vor diesem unheilschwangeren Besuch beschriftet worden ist. Da ist die Schrift klar und fest; im Brief dagegen ist sie kaum lesbar.«

»Warum hat er denn überhaupt geschrieben? Warum hat er die Sache nicht einfach fallenlassen?«

»Weil er befürchten mußte, daß ich in diesem Falle Nachforschungen über ihn anstellen und ihn dadurch möglicherweise in Schwierigkeiten bringen würde.«

»Zweifellos«, sagte ich. »Es ist allerdings« – ich hatte die eigentliche verschlüsselte Nachricht in die Hand genommen und beugte den Kopf darüber – »fast zum Verrücktwerden, wenn man bedenkt, daß dieser Zettel vielleicht ein wichtiges Geheimnis birgt und es außerhalb des Menschenmöglichen ist, es zu ergründen.«

Sherlock Holmes hatte das unangetastete Frühstück weggeschoben und seine unappetitliche Pfeife A4 entzündet, die Gefährtin seiner tiefsten Gedankengänge.

»Das ist die Frage!« sagte er; er lehnte sich zurück und starrte zur Zimmerdecke. »Vielleicht gibt es doch noch einige Punkte, die Ihrem eines Machiavelli würdigen Intellekt entgangen sind. Lassen Sie uns das Problem im Licht der reinen Vernunft betrachten. Der Hinweis dieses Mannes gilt einem Buch. Das ist unser Ausgangspunkt.«

»Der ist aber reichlich vage.«

»Dann wollen wir mal sehen, ob wir ihn nicht schärfer eingrenzen können. Nun, da ich mich darauf konzentriere, erscheint mir die Sache eigentlich weniger unergründlich. Welche Anhaltspunkte haben wir, was dieses Buch angeht?«

»Keine.«

»Na, na, ganz so schlimm steht es doch sicherlich nicht. Die verschlüsselte Nachricht beginnt mit einer dicken 534, nicht wahr? Als erste Arbeitshypothese können wir annehmen, daß 534 die betreffende Seite bezeichnet, die als Schlüssel dient. Somit ist aus unserem Buch schon ein dickes Buch geworden, was uns sicherlich ein Stück weiterbringt. Welche weiteren Anhaltspunkte haben wir hinsichtlich der Beschaffenheit dieses dicken Buches? Das nächste Zeichen lautet K2. Was folgern Sie daraus, Watson?«

»Zweifellos das zweite Kapitel.«

»Das wohl kaum, Watson. Ich bin sicher, Sie werden mir zustimmen, daß durch die Angabe der Seitenzahl die Bezeichnung eines Kapitels unerheblich geworden ist. Und daß die Länge des ersten Kapitels, wenn wir uns auf Seite 534 erst im zweiten befänden, geradezu unerträglich gewesen sein müßte.«

»Kolumne!« rief ich.

»Brillant, Watson. Sie sprühen heute früh vor Geist. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn es nicht Kolumne bedeutet. Wie Sie sehen, beginnt vor unserem geistigen Auge nun ein dickes Buch zu erstehen, zweispaltig, wobei die Spalten eine beträchtliche Länge aufweisen müssen, da eines der Wörter in dem Schriftstück als das zweihundertdreiundneunzigste bezeichnet wird. Haben wir damit die Grenzen dessen, was uns vernünftige Überlegung liefert, schon erreicht?«

»Ich fürchte, ja.«

»Sie tun sich bestimmt Unrecht. Lassen Sie es noch einmal sprühen, mein lieber Watson. Noch ein Geistesblitz. Wenn es ein seltenes Buch wäre, dann hätte er es mir geschickt. Er hatte aber – bevor seine Pläne durchkreuzt wurden – die Absicht, mir den Schlüssel in diesem Umschlag zu übersenden. So schreibt er jedenfalls in seinem Brief. Dies scheint darauf zu deuten, daß er angenommen hat, ich würde es mir ohne Schwierigkeiten beschaffen können. Er besitzt es und stellt sich vor, daß auch ich es besitze. Kurz gesagt, Watson, es handelt sich um ein sehr verbreitetes Buch.«

»Was Sie da sagen, klingt allerdings einleuchtend.«

»Somit haben wir das Feld unserer Suche auf ein dickes, zweispaltiges und weitverbreitetes Buch eingeengt.«

»Die Bibel!« rief ich triumphierend.

»Gut, Watson, gut! Aber, wenn ich so sagen darf, noch nicht gut genug. Auch wenn ich das als Kompliment für mich selbst gelten ließe, könnte ich Ihnen schwerlich ein Buch nennen, das mit geringerer Wahrscheinlichkeit bei einem von Moriartys Helfershelfern in Griffnähe läge. Überdies gibt es die Heilige Schrift in so zahlreichen Ausgaben, daß er kaum annehmen kann, daß auch nur zwei Exemplare die gleiche Paginierung aufweisen. Hier dagegen handelt es sich zweifellos um ein Standardwerk. Er weiß ganz genau, daß seine Seite 534 mit meiner Seite 534 vollkommen übereinstimmt.«

»Das würde aber nur auf wenige Bücher zutreffen.«

»Genau. Darin liegt unsere Rettung. Unsere Suche beschränkt sich auf Standardwerke, die jedermann zu besitzen pflegt.«

»Das Kursbuch!«

»Da gibt es ein paar Schwierigkeiten, Watson. Der Wortschatz des Kursbuches ist zwar kräftig und knapp, aber beschränkt. Sein Wortvorrat wäre zur Übermittlung einer allgemeinen Nachricht kaum ausreichend. Das Kursbuch können wir also streichen. Ich fürchte, aus dem gleichen Grund ist auch ein Wörterbuch nicht zulässig. Was bleibt dann noch übrig?«

»Ein Almanach.«

»Hervorragend, Watson! Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie damit nicht den Punkt getroffen hätten. Ein Almanach! Prüfen wir nach, ob Whitaker’s Almanack A5 unseren Ansprüchen genügt. Er ist weitverbreitet. Er hat die erforderliche Seitenzahl. Er ist zweispaltig gedruckt. Sein Wortschatz ist zwar anfangs etwas zurückhaltend, wird aber, wenn ich mich recht entsinne, gegen Ende ziemlich verschwatzt.« Er nahm den betreffenden Band vom Schreibtisch. »Hier haben wir Seite 534, Spalte zwei, ein ansehnlicher Block Gedrucktes; er schildert, wie ich feststelle, Handelswesen und Rohstoffbestände von Britisch-Indien. Notieren Sie kurz die Wörter, Watson. Nummer dreizehn lautet ›Mahratta‹ A6. Kein besonders verheißungsvoller Anfang, fürchte ich. Nummer hundertsiebenundzwanzig ist ›Regierung‹, was immerhin einen Sinn ergibt, wenn auch wenig in bezug auf uns und Professor Moriarty. Nun, probieren wir weiter. Was macht die Mahratta-Regierung? O weh! Das nächste Wort lautet ›Schweinsborsten‹. Wir sind erledigt, mein guter Watson! Es ist aus.«

Er hatte in scherzhaftem Ton gesprochen, aber das Zucken seiner buschigen Augenbrauen verriet seine Enttäuschung und Verärgerung. Ich saß hilflos und betrübt da und starrte ins Kaminfeuer. Die lange Stille wurde durch einen plötzlichen Ausruf von Holmes unterbrochen, der zu einem Schrank stürzte, von dem er mit einem weiteren Band in gelbem Leinen zurückkehrte.

»Das ist der Preis dafür, Watson, daß wir zu sehr auf dem neuesten Stand der Dinge sein wollen«, rief er. »Wir sind unserer Zeit voraus und müssen dafür wie üblich büßen. Da heute der siebte Januar ist, haben wir uns schon den neuen Almanach zugelegt. Es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß Porlock seine Nachricht der alten Ausgabe entnommen hat. Das hätte er uns zweifellos mitgeteilt, wenn der Brief mit der Erklärung geschrieben worden wäre. Sehen wir einmal nach, was die Seite 534 für uns hat. Nummer dreizehn lautet ›Dort‹, das klingt schon vielversprechender. Nummer einhundertsiebenundzwanzig heißt ›ist‹ – ›Dort ist‹« – Holmes’ Augen glänzten vor Erregung, und seine dünnen, nervösen Finger zuckten, als er die Wörter auszählte – »›Gefahr‹. Ha! Ha! Ausgezeichnet! Schreiben Sie das auf, Watson. ›Dort ist Gefahr – kann – sehr – bald – geschehen – gewisser‹. Dann haben wir ja den Namen ›Douglas‹ – ›reich – Landgut – Birlstone – Überzeugung – ist – dringend‹. Na also, Watson! Was halten Sie nun von der reinen Vernunft und ihren Früchten? Wenn unser Gemüsehändler so etwas wie Lorbeerkränze hätte, würde ich Billy danach schicken.«

Ich starrte auf die seltsame Nachricht, die ich, während er sie entschlüsselte, über dem Knie auf einen Bogen Kanzleipapier gekritzelt hatte.

»Was für eine sonderbare und ungereimte Art, sich mitzuteilen!« sagte ich.

»Im Gegenteil, er hat seine Sache bemerkenswert gut gemacht«, sagte Holmes. »Wenn man eine einzelne Druckspalte nach Wörtern absucht, mit deren Hilfe man das ausdrücken will, was man zu sagen hat, kann man kaum erwarten, auch jedes gewünschte Wort zu finden. Zwangsläufig muß man dann einiges der Intelligenz des Empfängers überlassen. Der Sinn ist doch vollkommen klar. Irgendeine Teufelei ist im Gange gegen einen gewissen Douglas, wer immer das sein mag, der, soweit hier steht, als reicher Gutsherr auf dem Lande lebt. Außerdem ist er sicher – ›Überzeugung‹ kommt dem beabsichtigten ›überzeugt‹ so nahe wie möglich –, daß es dringend ist. Womit wir unser Ergebnis hätten – nach einem kleinen Musterstück fachmännischer Analyse.«

Bei seinen guten Leistungen empfand Holmes die unpersönliche Freude des echten Künstlers; ebenso grämte er sich finster, wenn er unter dem hohen Niveau blieb, das er anstrebte. Er schmunzelte noch immer über seinen Erfolg, als Billy mit Schwung die Tür öffnete und Inspektor MacDonald von Scotland Yard in den Raum geleitete.

In jenen frühen Tagen gegen Ende der achtziger Jahre hatte Alec MacDonald noch längst nicht den landesweiten Ruhm errungen, den er heute genießt. Er war ein junges, aber schon angesehenes Mitglied der Kriminalpolizei und hatte sich in verschiedenen Fällen, die ihm anvertraut worden waren, bereits ausgezeichnet. Seine hochgewachsene, starkknochige Gestalt ließ auf außerordentliche Körperkräfte schließen, während der große Schädel und die tiefliegenden, glänzenden Augen nicht weniger deutlich auf seinen schneidenden Verstand hinwiesen, der unter den buschigen Augenbrauen hervorblitzte. Der Mann war schweigsam, akkurat, ein wenig stur und sprach mit hartem Aberdeen-Akzent. Schon zweimal in seiner Laufbahn hatte ihm Holmes zu Erfolgen verholfen, wobei sein eigener Lohn einzig in der intellektuellen Freude am jeweiligen Problem bestanden hatte. Aus diesem Grund waren Zuneigung und Respekt des Schotten gegenüber seinem Amateurkollegen tiefempfunden, und das ließ er auch offen erkennen durch die Freimütigkeit, mit der er Holmes in jeder schwierigen Lage konsultierte. Mittelmaß kennt nichts Erhabeneres als sich selbst, Talent jedoch erkennt Genie sofort, und MacDonald hatte genügend Talent zu seinem Beruf, daß er keine Demütigung erblickte in der Bitte um die Hilfe eines Mannes, der in Hinsicht auf seine Gaben und Erfahrungen in Europa bereits einzig dastand. Holmes neigte nicht zu Freundschaften, aber dem großgewachsenen Schotten gegenüber war er duldsam, und er lächelte jetzt, als er ihn sah.

»Sie sind offenbar mit den Hühnern aufgestanden, Mr. Mac«, sagte er. »Ich wünsche Glück auf Ihrer Jagd nach fetten Würmern. Aber ich fürchte, es bedeutet wohl, daß etwas Ungutes im Gange ist.«

»Wenn Sie statt ›fürchten‹ ›hoffen‹ gesagt hätten, käme das wohl der Wahrheit näher, würd ich meinen, Mr. Holmes«, erwiderte der Inspektor mit wissendem Grinsen. »Na gut, ein winziges Schlückchen würde die rauhe Morgenkälte vielleicht vertreiben. Nein danke, so früh rauche ich noch nicht. Ich muß mich gleich wieder auf den Weg machen, weil ja die ersten Stunden eines Falles die kostbaren sind, was niemand besser weiß als Sie. Aber – aber …«

Der Inspektor hatte plötzlich innegehalten und starrte absolut fassungslos ein Blatt Papier auf dem Tisch an. Es war der Bogen, auf den ich die rätselhafte Botschaft gekritzelt hatte.

»Douglas!« stammelte er. »Birlstone! Was ist denn das, Mr. Holmes? Menschenskind, das ist ja Hexerei! Wo, um alles in der Welt, haben Sie diese Namen her?«

»Es ist eine verschlüsselte Botschaft, die Dr. Watson und ich mal eben entziffert haben. Aber warum – was stimmt nicht mit den Namen?«

Der Inspektor blickte uns nacheinander wie betäubt vor Verblüffung an.

»Nur so viel«, sagte er, »daß Mr. Douglas von Birlstone Manor House heute früh auf schreckliche Weise ermordet worden ist.«

MR. SHERLOCK HOLMES DOZIERT

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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