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Christus hatte das Reich Gottes verheißen. In dieser Veröffentlichung geht es um die Frage, ob er dieses Reich bereits aufgerichtet hat, als er am Karfreitag und am Ostermorgen der Schlange von 1. Mose 3 den Kopf zertreten hat, oder ob wir auf die Aufrichtung seines Reiches noch warten müssen. Hat mich Christus bereits erlöst, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, wie Luther im Kleinen Katechismus schreibt, oder darf ich das erst für die Zukunft erhoffen? Bin ich jetzt schon sein eigen, lebe und diene ich jetzt schon unter ihm in seinem Reich in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, oder wird das erst in einem noch zukünftigen Tausendjährigen Friedensreich der Fall sein?
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Das Problem
Wo ist Christus?
Das Königreich Jesu
Ewiges Leben
Die Sündlosigkeit der Gotteskinder
Bildhafte Rede
Kopernikus und die Bibel
Israel und die Gemeinde
Offenbarung 20
Röm. 8,18-23 - ein dunkles Gotteswort
Das nachpfingstliche Verständnis der Tausendjährigen Heilszeit
Der Sauerteig der Pharisäer
Viele Prediger verkünden, daß wir das in Offenb. 20 beschriebene Tausendjährige Friedensreich in der Zukunft zu erwarten haben. So hatte der schwäbische Theologe Bengel Jesu Wiederkunft für das Jahr 1836 vorhergesagt. Viele schwäbische Pietisten wanderten daraufhin nach dem Osten aus, so weit in Richtung Kaukasus, wie sie kamen. Denn dort, wo sich ihrer Meinung nach der Garten Eden befand, werde Christus wiederkommen.
Wenn viele wie die damaligen Auswanderer ein- und demselben Irrtum erlegen sind, dann müssen sie diesen aus der gleichen Quelle geschöpft haben. Aus der Bibel können sie ihn jedenfalls nicht haben, da das Gotteswort keine Irrtümer enthält. Die damaligen Auswanderer haben sich auf andere Menschen verlassen, sie haben dem vertraut, was damals in Württemberg allgemein gepredigt worden war. Doch im Gotteswort heißt es: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt“ (Jer. 17,5). Außerdem ermahnt uns Christus: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus“ (Matth. 23,8-10). Weil Jesu Warnung mißachtet worden war, deshalb haben sich Gläubige von irgendwelchen angeblichen „Lehrern“ der Schrift verführen lassen, Jesus Christus in Richtung Kaukasus entgegenzugehen.
Heute werden die Gläubigen von vielen angeblichen „Lehrern“ der Schrift belehrt, die Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 und die nachfolgenden politischen Ereignisse in einer Weise zu deuten, wie sie nachfolgender Refrain eines Kirchenliedes ausdrückt: „Schon die Zeiten sich bereiten, Daß des Menschensohn auf Erden, Tausend Jahr’ das Zepter führt. Wie wird’s werden hier auf Erden, Wenn der Herr regiert im Frieden, tausend Jahr’“. „Schon die Zeiten sich bereiten“ – diese Deutung des Weltgeschehens als Auftakt zur Errichtung des Tausendjährigen Reiches verführt „Gläubige“, aktiv in die Weltpolitik einzugreifen. Als der amerikanische Präsident Bush im Jahre 2003 behauptet hatte, Jesus hätte ihm befohlen den Irak anzugreifen, und dann einen Krieg gegen diesen Feind Israels begann, da hatten besonders in Amerika viele Prediger für diesen Krieg gehetzt. Die militärische Niederlage entlarvte den amerikanischen Präsidenten dann als Lügenpropheten und die Greueltaten seiner von ihm als „Soldaten Christi“ bezeichneten Schergen entlarvten ihn zusätzlich noch als Gotteslästerer.
Was ist, wenn das Desaster im Irak den militärischen Niedergang Amerikas einleitet, das die Schutzmacht Israels ist? Was ist, wenn dieser Staat von der Landkarte verschwindet? Viele Ungläubige, die die Bibel nicht kennen, haben lediglich gehört, daß die Gründung und der Erfolg des Staates Israel Etappen bei der Aufrichtung von Jesu Königsherrschaft in Jerusalem seien. Ein Untergang Israels würde wie die Vorhersage von Jesu Wiederkunft im Jahre 1836 und wie der angebliche Befehl Jesu zum Angriff auf den Irak das Vorurteil begünstigen, daß die Bibel kein Buch der Wahrheit sei, sondern lediglich Material für religiöse Wahnvorstellungen liefere.
Und in der Tat denken viele „Freunde“ des Staates Israel ohnehin nicht in Wahrheitskategorien. Wenn man sie auf die Verbrechen bei der Staatsgründung und auf den heutigen Staatsterrorismus hinweist, dann tun sie das als Verleumdung ab. Und in der Tat kann jede Aussage, die nicht der Bibel entnommen ist, erstunken und erlogen sein. Doch daß im Jahre 1948 im Nahen Osten ein Staat gegründet werden wird, steht auch nicht in der Bibel, noch steht darin, daß dieser Staat unter dem besonderen Segen und Schutz Gottes stehe. Trotzdem wird das gepredigt. Schändliches gilt als Lüge, Lobpreisungen aber als Wahrheit – wie man es braucht. Das ist die Tradition der falschen Propheten zur Zeit des Alten Testaments, die nur das verkündigt hatten, was die Leute hören wollten. So auch heute: Woher eine Aussage kommt, ob sie in der Bibel steht oder auf andere Weise zuverlässig bezeugt ist, spielt keine Rolle. Sondern man blickt auf die vermeintliche „Heilsgeschichte“, die über die Staatsgründung Israels zur Aufrichtung von Jesu Königsherrschaft in Jerusalem verlaufe. Aussagen werden danach bewertet, ob sie dieses Geschichtsbild stützen oder gefährden. Bei diesem Verständnis von „Heilsgeschichte“ rückt Jesu Golgathasieg aus dem Zentrum des Glaubens und wird zu einer Etappe auf dem Weg zum Tausendjährigen Reich abgewertet.
Beim Verständnis des Tausendjährigen Reiches geht es um die Frage, was Jesu Sieg von Golgatha bewirkt hat. Hat Jesus dort den Teufel bereits besiegt, oder wird er das erst in Zukunft noch tun? Sind folgende Worte aus Luthers Kleinem Katechismus bibelgemäß oder nicht: "... der (Christus) mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; ... auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe ..."? Hat Christus das bereits getan, oder wird er es erst noch tun, wird er mich erst noch von der Gewalt des Teufels erlösen? Werde ich erst noch sein eigen sein? Werde ich erst in Zukunft in seinem Reiche unter ihm leben?
Mir sagte einmal ein Jude, Jesus sei nicht der Messias, denn der Messias wird die Sünde beseitigen. Jetzt gibt es aber noch viel Sünde. Ein anderer Jude, der sich zu Jesus bekennt, vertrat mir gegenüber die Überzeugung, daß Jesus zwar der Messias ist. Doch als Messias sei er noch nicht gekommen, sondern werde erst zu Beginn des Tausendjährigen Friedensreiches als Messias kommen.
In der Zeitschrift der politischen "Partei Bibeltreuer Christen" (PBC) lesen wir: "Christen ... warten zusammen mit Israel auf den Messias".1 Auf welchen Messias? Auf den Messias, der gemäß der Prophetie Jesajas auf Golgatha für unsere Sünden gestorben und am Ostermorgen auferstanden ist? Die Aussage, Christen würden "zusammen mit Israel auf den Messias" warten, verrät, daß die zentralsten Ereignisse der Weltgeschichte, daß Kreuzigung und Auferstehung, nicht mehr das Zentrum des Glaubens sind. Kreuzigung und Auferstehung werden auf diese Weise zu Details des Glaubens abgewertet, die man leugnen könne, ohne daß dadurch die Gemeinsamkeit des Glaubens an den Messias grundsätzlich in Frage gestellt würde.
Der Messias Jesus Christus und das Friedensreich Gottes gehören in der Tat zusammen. Der Apostel Paulus schreibt, daß Gott "uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe" (Kol. 1,13). Wie das? Wo leben wir eigentlich? Leben wir in der Welt oder leben wir im Reich Christi? Doch es gibt noch eine weitere ähnliche Frage: Jesus hat seinen Jüngern verheißen: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matth. 28,20). Dann ist er zum Himmel aufgefahren. Wo ist Christus eigentlich? Befindet er sich im Himmel, oder ist er bei seinen Jüngern bzw. bei uns?
1 Pfr. Bernd Benicke in: SALZ und LICHT, Jan. - Juni 1998, S. 5.
Da Christus zum Himmel aufgefahren ist, muß er doch jetzt im Himmel sein. Wie kann er denn zur gleichen Zeit auch bei uns sein? Das gleiche Problem begegnet uns im 11. Psalm. Dort heißt es: "Der HERR ist in seinem heiligen Tempel, des HERRN Thron ist im Himmel" (Ps. 11,4). Wo ist Gott wirklich, im Tempel oder im Himmel? Ist etwa Gottes himmlischer Thron leer, wenn Gott im Tempel gegenwärtig ist? Wenn wir so fragen, machen wir einen entscheidenden Fehler. Wir übertragen unsere innerweltlichen Vorstellungen vom dreidimensionalen Raum mit Länge, Breite und Höhe auf Gott.
Gottes Wohnen an einem Ort dürfen wir nicht so massiv räumlich auffassen, daß Gott nicht gleichzeitig auch an einem anderen Ort anwesend sein könnte. In Jer. 23,23f lesen wir hierzu: "Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR." Ganz unräumlich müssen wir es verstehen, wenn es heißt: "Der HERR ist nahe denen, die zerschlagenen Herzens sind" (Ps. 34,19) oder "Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen" (Ps. 45,18). In Jes. 57,15 sind die Aussagen, daß Gott im Himmel, im Heiligtum und im Herzen wohnt, aneinandergefügt, ohne daß eine innere Spannung zwischen den drei Aussagen erkennbar wäre: "Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig thront und dessen Name heilig: In der Höhe und im Heiligen throne ich und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind."
Daß Gott überall ist, zeigt sehr eindrucksvoll der 139. Psalm: "HERR, du erforschst und kennst mich. Du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, du verstehst meine Gedanken von ferne. Mein Gehen und mein Liegen prüfst du und bist mit allen meinen Schritten vertraut. Denn es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon völlig kennst. Hinten und vorn hast du mich umschlossen und legtest deine Hand auf mich. Die Erkenntnis ist mir zu wunderbar, zu hoch. Ich erfasse sie nicht. Wohin kann ich vor deinem Geiste gehen und wohin vor deinem Angesicht fliehen? Wenn ich zum Himmel stiege, so bist du dort, und wenn ich mir die Unterwelt zum Lager machte, du bist da! Nähme ich Flügel der Morgenröte, ließe mich nieder am äußersten Meer, auch dort würde deine Hand mich führen und deine Rechte mich erfassen" (Ps. 139,1-10).
Wir sehen, daß Gott überall ist, wo er sein will, ohne daß dazu eine Ortsveränderung notwendig wäre. Das gleiche ist auch in anderen Bibelstellen ausgesagt: Gott füllt Himmel und Erde. Vor ihm kann sich niemand verbergen (Jer. 23,24). "So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet, und was für eine Stätte meiner Niederlassung?" (Jes. 66,1).
Nicht körperhaft zu verstehen sind Aussagen wie "das Antlitz" (2. Mose 33,20), "der Arm" (Ps. 44,4; 79,11; 89,11.14), "die Hand" (4. Mose 11,23) oder "die Rechte" (2. Mose 15,6; Ps. 118,15f) Gottes. Auch Gegenstände in der Hand Gottes wie zum Beispiel "Becher" (Jer. 25,15f) oder "Rute" (Hiob 9,34; 21,9; Ps. 89,33) dürfen wir nicht materiell auffassen.
Wenn Gott in unser innerweltlich-räumliches Geschehen eingreift, treten dabei häufig auch Engelmächte in Erscheinung. Sie werden zuweilen als "Bote des HERRN" bezeichnet. Engel gehören einerseits der außerirdischen Wirklichkeit Gottes an; aber wenn sie einen Auftrag zu erfüllen haben, können sie in konkreter Gestalt, die Länge, Breite und Höhe hat, mit den innerweltlichen Dingen in Berührung treten.
Der Engel ist eine Erscheinung Gottes und kann von Gott sogar in erster Person sprechen (Richt. 2,1). Er überbringt den Menschen eine Botschaft Gottes (1. Mose 16,17; 21,17f; 22,11f. 15ff; 4. Mose 22,22ff). In anderen Fällen erscheint er in Gestalt einer Feuerflamme (2. Mose 3,2), in einer Stimme (1. Mose 22,11) oder im Traum (1. Mose 31,11). Dann erscheint er wieder in körperlicher Gestalt, die sich nicht von dem Aussehen der Menschen unterscheidet (Richt. 6,11).
Der Bote des HERRN hat aber nicht ständig einen menschlichen Körper. Er lebt in einem anderen Bereich, nimmt nur gelegentlich die Erscheinung eines Leibes mit bestimmten Größenmaßen an, spricht mit Menschen und erfüllt so seinen Auftrag. Die Frage nach der Beschaffenheit und dem Aufenthaltsort des Engels außerhalb seines besonderen Auftrags birgt weit schwierigere Probleme in sich. Aufschlußreich für diesen Fragenkreis sind die biblischen Berichte über den Übergang in einen anderen Bereich. Nach Richter 6,21 verschwindet der Engel, das heißt, er verliert seine Körperlichkeit unmittelbar an dem Ort, an dem er mit Gideon geredet hat. Auch nach dem Verschwinden des Engels vernimmt Gideon noch die Stimme des HERRN.
Nach einer anderen Schilderung des Richterbuches (13,223) erscheint der Bote des HERRN ebenfalls als ein Mensch, der sich in seinem Aussehen nicht von anderen Menschen unterscheidet. Es fehlen Aussagen darüber, wie er diese Erscheinungsform angenommen hat. Wirklicher Mensch ist der Gottesbote jedoch nicht, denn er verweigert Speise. Nachdem er seinen Auftrag erfüllt hat, geht er in der Opferflamme auf (Richter 13,20). Was in der Flamme aufgeht, unterliegt einer Wandlung, die darin besteht, daß ein Gegenstand seine körperliche Ausdehnung in Länge, Breite und Höhe, sein Gewicht und andere Kennzeichen seiner Gestalt verliert. In dieser Wandlung erfolgt auch die Rückkehr des Engels des HERRN aus dieser Welt des Körperhaften in seinen eigentlichen Bereich.
Ähnlich verhält es sich bei der Himmelfahrt des Propheten Elia (2. Kön. 2,11). Der feurige Wagen mit den feurigen Rossen entreißt den Elia dem Blickfeld der Menschen. Eine Schilderung, ob und wie Elia eine Grenze überschritten hätte, die den Himmel als den Bereich Gottes von unserer Welt trennt, fehlt.
In die gleiche Richtung weisen auch Aussagen des Buches Hiob. Nach Hiob 1,6 tritt Satan in die Versammlung der Gottessöhne. Diese Begebenheit zeigt, daß der Bereich Gottes kein Ort ist, der räumlich von dem Bereich Satans geschieden ist.
Auch in der Verkündigung Jesu werden Vorgänge im Jenseits angesprochen, die mit unserem räumlichen Denken unvereinbar sind. Der arme Lazarus wurde im Unterschied zum reichen Mann von den Engeln in Abrahams Schoß getragen (Luk. 16,22f). Bedeutet das, daß ein anderer, der schon vorher in Abrahams Schoß war, diesen Platz verlassen mußte? Und wenn weitere Verstorbene in Abrahams Schoß getragen werden, muß Lazarus dann diese Stelle räumen? Jesu Worte vom Lazarus in Abrahams Schoß machen deutlich, daß wir uns den Himmel und "Abrahams Schoß" nicht räumlich vorstellen dürfen.
Gegen die Auffassung, daß der Himmel ein räumlicher Ort sei, spricht auch das Herrenwort, daß die Schutzengel der Kinder allezeit das Gesicht von Jesu Vater im Himmel sehen (Matth. 18,10). Denkt man räumlich, so müßte man fragen: Wohin blicken die Schutzengel eigentlich: zu Gott oder zu den Kindern?
Daß Ortsbezeichnungen wie "innen" und "außen" nicht immer räumlich gemeint sind, zeigen folgende Herrenworte: "Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe" (Matth. 7,15). "Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen schön aussehen, inwendig aber sind sie voll von Totengebein und aller Unreinheit. So auch ihr: Von außen erscheint ihr den Menschen gerecht, inwendig aber seid ihr voll von Heuchelei und Gesetzlosigkeit" (Matth. 23,27f). Hier kritisiert Jesus den geistlichen Zustand der Pharisäer, nicht aber die Beschaffenheit der Haut und der inneren Organe.
Zeitgenossen Jesu haben sich sogar das Reich Gottes als sichtbare Königsherrschaft vorgestellt. Sie wollten von Jesus wissen, wann dieses Gottesreich kommt. In seiner Antwort korrigiert Christus diese falschen Vorstellungen und verweist auf die anders geartete geistliche Gottesherrschaft: "Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man's mit Augen sehen kann; man kann auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: da! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch" (Luk,. 17,20f).
Im Reich Gottes ist das Materielle ohne Bedeutung. Sogar die leibliche Abstammung von Abraham ist unwichtig (Joh. 8,39). Jesus bezeichnet sich selbst als "das Brot des Lebens" (Joh. 6,48) und nennt das seine Speise, daß er den Willen dessen tut, der ihn gesandt hat (Joh. 4,34). Der samaritischen Frau bietet Jesus "lebendiges Wasser" an (Joh. 4,10). Er gebraucht hier die Sprache der Propheten, die ebenfalls geistliche Gaben mit dem Begriff "Wasser" umschrieben hatten.3 Doch die Samariterin versteht nicht, was Jesus meint, und denkt nur an das Wasser, das man mit Gefäßen schöpft (Joh. 4,11). Ähnlich wie der Samariterin ging es auch Jesu Jüngern, als Christus sie vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer warnte (Matth. 16,6f).
Ein weiterer Begriff mit immaterieller Bedeutung ist das Wort "Welt". Wenn wir von der "Weisheit der Welt" (1. Kor. 1,20) lesen, dann ist für uns offensichtlich, daß es nicht um die Materie geht, aus der die Welt besteht. Die Materie dieser Welt ist eine Schöpfung Gottes. Wenn die "Welt" aber trotzdem negativ gewertet wird (1. Joh. 2,15-17), muß also mehr als nur die materielle Seite gemeint sein.
Im griechischen Neuen Testament gibt es das Wort "Äon", das gewöhnlich mit "Welt" übersetzt wird. Ein Bedeutungsunterschied der Vokabeln "Welt" (griechisch: kosmos) und "Äon" liegt darin, daß "Welt" im Unterschied zu "Äon" auch eine materielle Bedeutung hat. Ansonsten kann die Bedeutung von "Äon" in die von "Welt" übergehen, so z. B. im Gleichnis Jesu vom vierfachen Ackerfeld (Mark. 4,19; Matth. 13,22). Dort ist davon die Rede, daß "die Sorgen des Äons" das Wort Gottes wie Dornen ersticken. In anderen Zusammenhängen bedeutet "Weisheit dieses Äons" (1. Kor. 2,6) das gleiche wie "Weisheit der Welt" (1. Kor. 1,20; 3,19). Sowohl "Welt" (1. Joh. 2,15-17) als auch "Äon" (Röm. 12,2; 2. Kor. 4,4; Gal. 1,4) werden in gleicher Weise negativ gewertet.
Die Bibel bezeugt, daß es neben diesem4 Äon auch noch einen zukünftigen5 Äon, ein anderes Reich, gibt, in das der Gläubige nach seinem Tode eingeht. Doch dieser andere Äon liegt nicht nur in der Zukunft. Die Gläubigen sind schon jetzt von dem gegenwärtigen bösen Äon erlöst (Gal. 1,4) und haben die Kräfte des zukünftigen Äons "gekostet" (Hebr. 6,5). Wenn wir im Johannesevangelium wiederholt lesen, daß die Gläubigen jetzt schon "ewiges Leben"6haben, so steht für "ewig" im griechischen Urtext ein Wort, das von Äon abgeleitet ist. Dieses Eigenschaftswort kann sich doch nicht auf den gegenwärtigen von der Bibel negativ gewerteten Äon, sondern nur auf den künftigen Äon beziehen. Wenn die Gläubigen schon jetzt Leben des zukünftigen Äons haben, so kann doch diese Wirklichkeit nicht nur zukünftig sein, sondern ist bereits hier und heute da. Das heißt: Während der Gläubige in dieser Welt unter dem alten Äon leidet, führt er gleichzeitig ein Leben im zukünftigen Äon. Damit ist er nicht unähnlich seinem König Jesus Christus, der nach biblischen Aussagen gleichzeitig in zwei Äonen lebte. Während er den Jüngern den Vater verkündigte, war er gleichzeitig im Schoß des Vaters (Joh. 1,18).
In der Frage, ob der Himmel, in den Christus aufgefahren ist, und die Hölle Orte im räumlichen Sinne sind, unterscheidet sich die lutherische von der reformierten Theologie. So polemisierte ein reformierter Prediger im Jahre 1594 gegen die unräumliche Betrachtungsweise der Lutheraner: "Dazu geben sie für, daß der himel, in den Christus gefahren und in den er uns zu sich wil nemen, auch allenthalben sey und sich erstrecke durch Himel, Erden und Helle, und daß derhalben der Herr nicht ein haarbreit von der erden auffahren dörffen, daß er mit seinem leibe zum Vatter käme. Denn in jrem himel [dem Himmel der Lutheraner!], der allenthalben ist, lauffen Engel und Teuffel durcheinander, und die Engel haben jren himel bey sich wie die Teuffel jre Helle mit sich führen, welches grewlich zu hören ist".7 So erscheint die biblische Verkündigung jemandem, der seine Vorstellungen von der Räumlichkeit der Welt so absolut setzt, daß er meint, selbst Gott in seinem Bereich sei den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen.
Wenn der Bereich Gottes nicht den Gesetzen des dreidimensionalen Raumes von Länge, Breite und Höhe unterliegt und wenn die Gläubigen jetzt schon ewiges Leben haben, so stellt sich die Frage, ob es in jener Welt überhaupt eine Zeit gibt. Diese Frage könnte man auch folgendermaßen formulieren: Kann jemand vor dem Jüngsten Tag in den Himmel oder in die Hölle kommen? Daß diese Frage zu bejahen ist, zeigen Jesu Worte vom reichen Mann und armen Lazarus (Luk. 16,19-31). Der arme Mann wird mit Namen genannt. Das deutet darauf hin, daß Lazarus eine lebende Person gewesen war. Auch in der Zeit, als Lazarus schon im Himmel und der reiche Mann schon in der Hölle war, lebten die Brüder des reichen Mannes noch auf der Erde. Wenn es so gewesen wäre, daß sowohl Lazarus als auch der reiche Mann im Grabe auf das Jüngste Gericht hätten warten müssen, so hätte ja Jesus über ein Ereignis in der Zukunft, über ein Ereignis nach dem Jüngsten Tag, gesprochen. Aber nach dem Jüngsten Tag leben keine Brüder mehr auf der Erde, die noch zu warnen wären. Doch Jesus spricht ausdrücklich davon, daß zur selben Zeit Lazarus im Himmel, der reiche Mann in der Hölle und die Brüder auf der Erde sind.
Daß man schon im Himmel sein kann, während andere noch auf der Erde leben, zeigt Jesu Zusage, die er einem der beiden mit ihm Gekreuzigten gegeben hat: "Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" (Luk. 23,43). Diese Worte Jesu deuten darauf hin, daß die Gesetze des dreidimensionalen Raumes von Länge, Breite und Höhe im Bereich Gottes nicht gelten. Wir wissen, daß Jesus nach seinem Tode im Grabe lag und dann als Auferstandener bei den Jüngern war. Bedeutet das, daß der damals Mitgekreuzigte in der Zeit zwischen Karfreitag und Himmelfahrt ohne Christus im Paradiese war?
Von manchen Theologen, die es für unmöglich halten, daß der Mitgekreuzigte noch vor dem Weltende mit Christus im Paradies gewesen sein kann, wird die entsprechende Bibelstelle folgendermaßen übersetzt: "Wahrlich, ich sage dir heute: 'Du wirst mit mir im Paradiese sein'" (Luk. 23,43). Solche Übersetzung ist rein sprachlich auch möglich, denn in der Zeit der Apostel waren in der griechischen Schrift noch keine Satzzeichen gebräuchlich. Doch warum soll man die Bibelstelle so deuten, daß Jesus vom Kreuz aus verkündigt, daß er heute mit dem Mitgekreuzigten spricht, nicht aber gestern oder morgen? Daß er heute mit ihm spricht, war doch für alle Hörer offensichtlich. Somit kann sich das Wort "heute" nur auf den Tag beziehen, an dem der Mitgekreuzigte im Paradiese sein wird.
Klar und ohne Probleme in bezug auf den Zeitablauf sind folgende Worte des Apostels Paulus: "Ich werde aber von beidem bedrängt: Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein; es ist viel besser. Aber das Bleiben im Fleische ist nötiger um euretwillen" (Phil. 1,23f). Der Apostel befindet sich also in einem Zwiespalt. Einerseits möchte er lieber tot sein, damit er bei Christus ist, anderseits weiß er, daß er von den Gemeinden noch gebraucht wird. Warum dieser Zwiespalt? Wenn es so wäre, daß der Apostel im Grabe auf den Jüngsten Tag warten müßte, anstatt sofort bei Christus zu sein, warum sollte er sein Sterben herbeisehnen? Wenn er nach dem Tode doch noch nicht bei Christus sein könnte, sondern nur nutzlos im Grabe liegen müßte, warum hat er denn Lust abzuscheiden?
Was geschieht zwischen dem Tod eines Menschen und dem Jüngsten Tag? Wenn wir sterben, dann ist für uns Weltende, dann ist der Jüngste Tag, dann sind wir bei Christus. Andere sterben nach hundert Jahren. Dann ist für sie das Weltende gekommen, das Jüngste Gericht, dann sind sie bei Christus. Der Zeitabschnitt, den wir mit Kalender und Uhr markieren, reicht nur bis zu unserem Tod, nicht aber darüber hinaus. Wir dürfen Kalender Stoppuhr und auch das Metermaß nicht in jene Welt mitnehmen.
Das Verständnis des anderen Äons, in dem die Eigengesetzlichkeit von Raum und Zeit nicht mehr gilt, wirkt sich auch in der Abendmahlslehre aus. Nach den Einsetzungsworten heißt es bei der Brotgabe (1. Kor. 11,24): "Das ist mein Leib". Dieses Brot ist den Gegebenheiten der Welt, auch den Eigengesetzlichkeiten des Raumes mit Länge, Breite und Höhe, unterworfen. Die Frage, ob das auch für den Leib Christi im Abendmahl gilt, ist gleichzeitig eine Frage nach der Räumlichkeit des Leibes Christi.
In den theologischen Streitigkeiten hierüber sind unterschiedliche Ansichten erkennbar. Die eine Auffassung kommt in der römisch-katholischen Lehre von der Verwandlung zum Ausdruck. Man lehrt, daß das Abendmahlsbrot, die Hostie, in einer heiligen Handlung in den Leib Christi umgewandelt werde. Dann ist dieser Leib den Gesetzen der Diesseitigkeit unterworfen. Er kann gewogen, gemessen und transportiert werden. Es ist nicht möglich, daß an dem Ort, an dem eine geweihte Hostie ist, sich gleichzeitig eine zweite befindet. Wenn diese Gedanken konsequent verfolgt werden, ist der Leib Christi, in den die Hostie verwandelt worden sei, nicht derselbe Leib, den Christus in den Tod gegeben hat. Vielmehr verselbständigt sich das geweihte Brot im theologischen Denken, so daß auch die Opferhandlung, die mit dem geopferten Leib zusammenhängt, nicht mehr ausschließlich als der einmalige Opfergang des Gekreuzigten verstanden wird. Es entsteht vielmehr die Idee einer Wiederholung des Opfers in zeitlicher und räumlicher Entfernung vom Sterben Jesu Christi. Je massiver der jeweilige theologische Denkstil die Gesetze des Raumes und der Zeit auch auf Gottes eigenen Bereich anwendet, um so stärker muß der Wiederholungsgedanke die Abendmahlstheologie mitprägen.
Nach einer anderen Auffassung, die innerhalb der reformierten Richtung des Protestantismus vertreten wird, ist im Brot des Abendmahls der Leib Christi überhaupt nicht enthalten. Der Auferstandene ist im Himmel. Daher könne im Sakrament sein Leib nicht mit dem Mund empfangen werden. Wie der Mensch nicht leiblich in den Bereich Gottes eindringen kann, so könne auch der Leib Christi nicht wirklich im Brot des Abendmahls, in der Hostie, sein.
Das klingt zunächst bei einem Vergleich mit der Theorie der Umwandlung wie das andere Extrem. In Wirklichkeit wird in beiden Fällen die weltliche Eigengesetzlichkeit des Raumes so absolutgesetzt, daß sie auch für den Leib Christi gelten soll.
Wir können nicht anders denken als in den Kategorien des dreidimensionalen Raumes mit Länge, Breite und Höhe und der eindimensionalen Zeit. Doch viele Bibelaussagen sind mit diesen unseren menschlichen Denkkategorien nicht zu erfassen. Auf den Gegensatz von unserem Denken zu den Schriftaussagen reagieren Reformierte anders als Lutheraner. Reformierte behaupten einfach, die Schrift widerspräche nicht unserer gläubigen Vernunft. Die einzelnen Bibelworte biegen sie dann so zurecht, daß das in der Tat der Fall zu sein scheint.
Dieser Umgang mit der Bibel wirkt sich z. B. beim Verständnis von Christi Himmelfahrt aus. Da wir nicht anders als in den Kategorien des dreidimensionalen Raumes denken können, verstehen Reformierte Christi Himmelfahrt in der Weise, daß Jesus mit extrem hoher Geschwindigkeit durch das Weltall gesaust sei, um den Himmel zu erreichen, den sie hinter irgendeinem Fixsternsystem vermuten. Da Reformierte es von vornherein für absurd halten, daß der Himmel anders als räumlich sein könnte, unterstellen sie jedem, der die Himmelfahrt nicht als Ortswechsel versteht, er würde nicht glauben, daß Jesus aufgefahren ist gen Himmel.
