Das Testament eines Excentrischen - Jules Verne - E-Book

Das Testament eines Excentrischen E-Book

Jules Verne.

3,8

Beschreibung

Bei dieser Ausgabe handelt es sich um den zweiten Band des Werkes. "Das Testament eines Exzentrischen" (auch "Das Testament eines Exzentrikers" oder "Das Testament eines Excentrischen") ist ein Roman des französischen Autors Jules Verne. Der Roman wurde erstmals 1899 von dem Verlag Pierre-Jules Hetzel unter dem französischen Titel "Le Testament D’Un Excentrique" veröffentlicht. Band I erschien am 3. August und Band II am 20. November 1899. Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien 1900 unter dem Titel "Das Testament eines Excentrischen". Der englische Titel des Romans lautet "The Will of an Eccentric".

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 312

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,8 (16 Bewertungen)
8
0
5
3
0



Inhaltsverzeichnis

I. Der NationalparkII. VerwechseltIII. Im SchneckenschrittIV. Die grüne FlaggeV. Die Höhlen von KentuckyVI. Das Thal des TodesVII. Im Hause der South Halsted StreetVIII. Der Faustschlag des Reverend HunterIX. Zweihundert Dollars täglichX. Die Wanderfahrten Harris T. Kymbale'sXI. Das Gefängniß von MissouriXII. Sensationelle Mittheilungen für die »Tribune«XIII. Die letzten Wechselfälle im Match HypperboneXIV. Die Glocke der OakswoodsXV. Die letzte ExcentricitätFußnotenImpressum

I. Der Nationalpark

In der Mittagsstunde des 15. Mai hatte Max Real im Postamte des Fort Riley das am nämlichen Tage in Chicago für ihn aufgegebene Telegramm erhalten. Zehn – durch fünf und fünf Augen – war die Zahl, die beim zweiten für den ersten Partner vorgenommenen Auswürfeln herausgekommen war.

Rechnete man dem achten Felde, dem Staate Kansas, jetzt zehn hinzu, so wäre der Spieler damit nach einem der Felder von Illinois gelangt. Damit aber hatte er den Spielregeln nach die ihm zugefallene Zahl doppelt zu rechnen, so daß er durch zwanzig Augen nach dem achtundzwanzigsten Felde, nach dem Staate Wyoming, zu gehen hatte.

»Ein glückliches Ereigniß! sagte Max Real, als er mit Tommy nach dem Hôtel zurückgekehrt war.

– Wenn mein Herr befriedigt ist, antwortete der junge Bursche, so muß ich's ja auch sein...

– Er ist davon befriedigt, erklärte Max Real, und zwar aus folgenden zwei Gründen: erstens ist die vorgeschriebene Reise nicht lang, denn Kansas undWyoming stoßen an einer Ecke beinahe zusammen, und zweitens werden wir Muße haben, die herrlichste Gegend der Vereinigten Staaten, den Nationalpark des Yellowstone, den ich noch nicht kenne, zu besuchen. Mir lächelt ein guter Stern – wahrhaftig! Wie schön, daß für mich zehn Augen geworfen wurden, die ja doppelt zu zählen sind und mich nach Wyoming führen! Verstehst Du das, Tommy ... verstehst Du's?

– Nein, lieber Herr!« gestand Tommy ehrlich ein.

Tommy hatte in der That noch keine Vorstellung von den sinnreichen Wechselfällen des Edeln Vereinigte Staatenspiels, die den jungen Maler so sehr entzückten.

Darauf kam jedoch wenig an; jedenfalls konnte sich Max Real beglückwünschen über den Ausfall des zweiten Wurfes, wenn er damit auch noch hinter Lissy Wag und dem Kommodore Urrican zurückblieb, welch letzterer freilich, wie der Leser weiß, jetzt verurtheilt war, die Partie aufs neue anzufangen. Die Max Real bevorstehende Fahrt brachte ja nicht nur keine Anstrengung mit sich, sondern gestattete dem ersten Partner obendrein, den erwähnten naturschönen Theil von Wyoming zu besuchen.

Da er hierauf möglichst viel Zeit verwenden wollte und doch nur über die vierzehn Tage vom 15. bis zum 29. Mai zu verfügen hatte, beschloß er, die kleine Stadt am Fort Riley sofort zu verlassen.

In Cheyenne, der Hauptstadt von Wyoming, war es, wo Max Real die nächste, an seine Adresse abgesendete Depesche vorfinden sollte – vorausgesetzt, daß die Partie nicht schon vorher von einem andern Betheiligten gewonnen war. Hodge Urrican fehlten ja nur noch zehn Augen, um das dreiundsechzigste undletzte Feld zu erreichen, da er gleich durch den ersten Wurf, seinen Mitbewerbern weit voraus, nach dem dreiundfünfzigsten Felde gekommen war.

»Ich glaube, er ist es im Stande, der schreckliche Mensch! hatte Max Real gesagt, als die Zeitungen jenes Resultat verkündigten. Dann ist es nichts mit der Erbschaft, und ich könnte Dich nicht kaufen, armer Tommy! ... Na, mindestens hab' ich dann die Gegend am Yellowstone besucht! Feiler Sclave, schnüre unser Bündel, und vorwärts nach dem Nationalparke!«

Sehr geschmeichelt ging der »feile Sclave« ohne Zögern daran, die letzten Vorbereitungen zur Abreise zu erledigen.

Hätte Max Real sich vom Fort Riley unmittelbar nach Cheyenne begeben wollen, so wäre es ihm möglich gewesen, die vierhundertfünfzig Meilen mittelst der beide Ortschaften verbindenden Eisenbahnen im Laufe eines einzigen Tages zurückzulegen. Da er aber beabsichtigte, bis zu dem nordwestlichen Theile Wyomings, wo der Nationalpark lag, hinauszugehen, betrug die von ihm zu überwindende Strecke mindestens das doppelte.

Selbstverständlich hatte der junge Mann sofort nach Empfang seiner Depesche sich beeilt, die Eisenbahnfahrpläne durchzusehen, um den kürzesten Weg herauszufinden. Dabei ergab sich übrigens, daß zwei Linien der Union Pacific ihm eine fast gleichmäßig schnelle Beförderung versprachen.

Die eine verläuft von Kansas aus nach Nebraska, erreicht über Marysville, Kearney City, North Platte, Ogallalla und Antelope die südöstliche Grenzecke von Wyoming und führt dann nach Cheyenne.

Die andre geht über Salina, Ellis, Oakley, Monument und Wallace erst bis Monotony dicht an der Grenze vonColorado, wendet sich hierauf nach Denver, der Hauptstadt des Staates, berührt ferner Jersey, Brighton, La Salle und Dover, überschreitet hier die Grenze von Wyoming und endigt ebenfalls in Cheyenne.

Dem zweiten Wege gab die violette Flagge – wir wissen, daß das die Farbe des ersten Partners war – den Vorzug. In Cheyenne angelangt, gedachte sich Max Real die weitere Reiseroute zusammenzustellen, um in kürzester Zeit am Viereck des großen Nationalparks einzutreffen.

Am Nachmittage des 16. reiste er, sein Malgeräth mit sich führend, schon ab; Tommy trug das übrige Gepäck, und so bestiegen beide den Zug. Unübersehbar, ohne jede Erhebung oder Senkung des Bodens, dehnen sich die westlichen Ebenen von Kansas aus, die der von den Weißen Bergen in Colorado kommende Arkansasfluß bewässert. Hier fand der Bahnbau keinerlei Schwierigkeiten. Je nach der fortschreitenden Befestigung von Schienen auf den Schwellen rückte die Locomotive nach, und dabei wuchs die im Bau begriffene Strecke täglich um mehrere (amerikanische) Meilen. Diese endlosen Steppen boten dem Auge des Künstlers freilich nichts sehenswerthes, dagegen sollte sich die Landschaft weiter hin zu ihrem Vortheil verändern und in den Berggegenden Colorados geradezu zu einer herrlichen werden.

In der Nacht überschritt der Zug die geometrische Grenze beider Staaten und traf noch am frühen Morgen in Denver ein.

Max Real fand auch nicht ein Stündchen Zeit, sich diese Stadt ein wenig anzusehen. Der Zug ging sofort nach Cheyenne weiter, und wer diesen nicht benutzte, hatte dann gleich vierundzwanzig Stunden zu warten. Die hundert Meilen (160 Kilometer) langeStrecke, die das prächtige, von den Gipfeln des Long Peak überragte Panorama der Snowy Ranges im Westen liegen ließ, wurde schnell zurückgelegt.

Was ist nun Cheyenne? ... Es ist der Name eines Flusses und einer Stadt, doch auch der der Indianer, die früher in dieser Gegend siedelten, eigentlich aber»les Chiens«(die Hunde) hießen, woraus die Volkssprache allmählich Cheyennes gemacht hat.

Die Stadt ist aus dem Lagerplatze hervorgegangen, auf dem sich einst die ersten Goldsucher tummelten. Auf deren Zelte folgten Hütten und auf die Hütten wirkliche Häuser, die nun bald Straßen und Plätze begrenzten. Dann schlang sich das Bahngeleis um den Ort herum, und heute zählt Cheyenne nahezu zwölftausend Einwohner. Erbaut in der Höhenlage von tausend Toisen (1950 Meter) bildet es jetzt eine wichtige Station der Pacificeisenbahn.

Der Staat Wyoming hat keine natürlichen Grenzen; ihn umschließen nur solche, die geodätisch aufgestellt sind, d. h. grade Linien, die im vorliegenden Falle ein verlängertes Viereck bilden. Das Land ist von mächtigen, durch tiefe Thäler getrennten Bergen erfüllt, aus denen der Colorado, die Columbia und der Missouri entspringen. Und wenn ein Land diese drei Wasserläufe geboren hat, die in der amerikanischen Hydrographie eine so wichtige Rolle spielen, ist es auch würdig, einen Stern den andern hinzuzufügen, die in der Flagge der Vereinigten Staaten glänzen.

Seiner Gewohnheit gemäß beobachtete Max Real das strengste Incognito. Cheyenne wußte nicht, daß es an diesem Tage einen der Mitspieler im Match Hypperbone beherbergte. Man erwartete diesen hier nicht so zeitig und tröstete sich damit, ihn am 29. Mai aufseinem Posten zu finden. Der junge Mann entging dadurch allen Empfangsfeierlichkeiten, den Magen schädigenden Banketten und lästigen Ehrenbezeugungen, die ihm von der leicht erregbaren Bevölkerung gewiß nicht erspart worden wären und wobei sich die Frauen, die in dem glücklichen Staate Wyoming sogar Stimmrecht haben, jedenfalls am meisten hervorgethan hätten.

Am Morgen des 16. Mai angekommen, traf Max Real sofort die nöthigen Anstalten, sich nach dem Nationalpark zu begeben. Mit etwas mehr Zeit zur Verfügung, hätte er die Reise zu Wagen, mit der Post, ausführen, nach Belieben da oder dort verweilen und das Gebiet der Laramie Ranges durchstreifen können. Diese Ranges sind Hochebenen, deren Thonboden vor Zeiten der eines ausgedehnten Sees war und der noch zahllose, leicht zu überschreitende Creeks zeigt, die nach launischen Windungen in den North Forth und den La Platte River münden; er hätte die wunderbaren, Kreise bildenden Höhen dieses orographischen Systems, die herrlichen Thäler und dichten Waldungen, sowie das vielarmige Netz der Zuflüsse des Columbiastromes besuchen können und daneben noch die weitere Umgebung mit dem über zweitausend Toisen aufragenden Union Peak, dem Haydn und dem Fremont Peak, sowie den wild zerklüfteten Ouragansbergen oder Wide Water Mountains, von denen vielleicht der Name Oregon herrührt, durch die oft Windstöße und Stürme hereinbrausen, so daß sie mit dem nicht weniger wilden Commodore Urrican wetteifern können.

Ja, sich in dieser Weise, im Wagen, zu Pferde, zu Fuße, in voller Freiheit fortzubewegen, nach Belieben an den schönsten Stellen dieses Gebietes Halt zu machen, sein Zelt hier oder da aufzuschlagen, ohnevon der Zeit gedrängt zu sein – etwas verlockenderes hätte es für einen Maler ja nicht geben können, und Max Real hätte seine Reise mit Begeisterung unter solchen Verhältnissen durchgeführt. Leider mußte er aber daran denken, daß er nicht nur Künstler, sondern auch Partner, daß er nicht sein eigner Herr, sondern ein Spielball des Zufalls war, daß er von dem Fallen zweier Würfel abhing und dem Zwange unterlag, stets bestimmte Termine einzuhalten und sich wie ein Bauer auf dem Schachbrett hin und her schieben zu lassen. Im Grunde fühlte er sich dadurch wirklich erniedrigt.

»Ein Bauer, den das Schicksal in seiner Weise von einem Felde zum andern schiebt, sprach er für sich, ja, ich bin jetzt wahrlich nicht viel andres! ... Das ist ein Aufgeben jeder Menschenwürde für die schwache Aussicht, unter Sieben die Erbschaft des excentrischen Verstorbenen einzustecken! Ich werde über und über roth, wenn dieser schwarzbraune Tommy mich nur ansieht! ... Ich hätte den Meister Tornbrock zum Teufel jagen, nicht an dieser albernen Partie theilnehmen sollen, von der es klug und weise wäre, sich zur großen Genugthuung eines Titbury, Crabbe, Kymbale und Urrican zurückzuziehen. Ich spreche nicht von der sanften, bescheidnen Lissy Wag, denn dieses junge Mädchen sah mir gar nicht besonders erfreut aus, zu der Gruppe der Sieben zu gehören. Ja ... zum Kuckuck ... das thät' ich auf der Stelle und bliebe in Wyoming, so lange es mir gefiele, wenn nicht mein braves Mütterchen wäre, die es mir nicht verzeihen könnte, die Flinte ins Korn geworfen zu haben! ... Da ich nun aber einmal in dem unvergleichlichen Yellowstonelande bin, will ich auch alles sehen, was in zehn Tagen zu sehen irgend möglich ist!«

Das war der gewiß nicht zu verwerfende Gedankengang Max Real's, als er die Reisewege studiert hatte, die den Verhältnissen am besten zu entsprechen schienen. Wäre er übrigens so gereist, wie er's wünschte, so hätte er nicht allein manche Verzögerungen erfahren, sondern sich auch mancherlei Gefahren ausgesetzt. Die Ebenen und die Thäler des Innern von Wyoming sind keineswegs sicher, wenn man allein durch sie hinzieht. Abgesehen von dem gelegentlichen Zusammentreffen mit wilden Thieren, Bären und andern Raubthieren, die hier hausen, sind auch noch Ueberfälle durch Indianer, vor allem durch nomadisierende Sioux, zu befürchten, von denen noch lange nicht alle in den ihnen vorbehaltenen »Reservationen« untergebracht sind.

Bei den Expeditionen, die die Bundesregierung 1870 zur Erforschung des Gebiets des Yellowstone aussandte, wurde den Herren Doane, Langford und Doctor Haiden auch eine militärische Bedeckung beigegeben, um sie bei der Erledigung ihres Auftrages zu schützen. Zwei Jahre später, am 1. März 1872, erklärte der Congreß diese Gegend als »Nationalpark« – ein Gebiet, das aus mehr als einem Grunde ein achtes Weltwunder genannt zu werden verdient.

Zwei Ueberlandlinien verbinden New York mit San Francisco: die erste, die Union Pacific, die von Granger aus den Namen Oregon Short Line annimmt, verläuft über Ogden und ist in runder Zahl dreitausenddreihundertachtzig Meilen (5490 Kilometer) lang; die zweite, fünftausenddreihundert Meilen (8540 Kilometer) lange Linie berührt Topeka, Denver und andre wichtige Orte und mündet bei Cheyenne in die erste ein. Von dieser Stadt aus verläuft die Eisenbahn durch Wyoming, Utah, Nevada undCalifornien und endigt an der Küste des Stillen Oceans.

In Utah, und zwar in Ogden, zweigt sich ein Schienenstrang ab, der in Pocatello wieder die Union Pacific erreicht, von wo aus die Oregon Shat Line bis Helena City in Montana emporsteigt. Diese Linie kommt in kurzer Entfernung am Nationalpark vorbei, dessen Gebiet zum kleinern Theile den ersten beiden Staaten, zum größern Theile dem letztgenannten Staate angehört.

Die Entfernung von Cheyenne nach Ogden beträgt nur fünfhundertfünfzehn Meilen (828¾ Kilometer), und die von Ogden nach Monida, der dem Nationalpark am nächsten gelegenen Station, nur vierhundertfünfzig Meilen (724 Kilometer), die ganze Strecke ist also noch nicht tausend Meilen lang. Aus dem Vorstehenden ergiebt sich, daß Max Real, der auf kürzestem Wege den nordwestlichen Theil von Wyoming erreichen wollte, dieser zweiten Linie den Vorzug geben mußte, die, wenn er sie eine kleine Strecke weiter verfolgte, ihm auch zum Besuche Ogdens Gelegenheit bot.

Noch am Abend – ebenso unerkannt bei ihrer Abreise wie bei ihrer Ankunft – bestiegen Max Real und Tommy den Zug und durchflogen die langen sumpfigen Ebenen von Laramie in ungestörtem Schlafe bis zur Station Benton City, einer jener Städte, die im Far West wie Pilze aus der Erde aufschießen und zuerst meist recht ungesund sind, bald aber durch die schnell fortschreitende Bodencultur entgiftet werden. Ohne daß die beiden Reisenden wieder erwacht wären, ließ der Zug längs des Bettes der Muddy Fork Laramie, Rawlius, Halville, Granger, Separation, die Buttes-Roires und den Green River hinter sich, der sich mitdem Grand River vereinigt und den Colorado bildet, gelangte nach der Station Aspen an der Grenze von Utah, drang auf das Gebiet dieses Territoriums ein und hielt am Morgen des 17. in Ogden.

Hier sendet die Union Pacific, wie schon erwähnt, vor der Umkreisung des Großen Salzsees, nach Westen zu eine vierhundertfünfzig Meilen lange Seitenlinie bis Helena City aus. Von demselben Punkte aus verläuft noch eine zweite nach Süden, die Ogden mit der Great Salt Lake City verbindet, mit der Hauptstadt des Staates, der großen Mormonenansiedlung, die so viel, doch nicht immer zu ihrem Vortheil, von sich reden gemacht hat.

Mit einem kleinen Umweg von sechsunddreißig Meilen hätte Max Real diese berühmteste unter allen Binnenstädten des Westens besuchen können. Er sah dennoch davon ab, schon im Hinblick auf die Möglichkeit, daß die Wechselfälle der Partie ihn noch einmal nach der Stadt der Heiligen der letzten Tage, nach dem Ehefrauenparadies Brigham Young's und seiner mehrfach beweibten Glaubensgenossen führen könnten.

Der 17. Mai diente ihm nur dazu, bis Idaho zu gelangen. Der Zug rollte dabei im Osten der Grenze von Wyoming längs des Fußes der Bear River Mountains hin, kam an den Utah Hot Springs (heißen Quellen von Utah) vorüber und überschritt bei Oxford die Grenze von Idaho.

Dieses gehört zu dem Becken der Columbia. Reich an Bodenschätzen, lockt es eine lärmende Menge von Goldwäschern heran, doch siedelten sich auch immer mehr Landwirthe daselbst an, die die südlichen Ebenen in naher Zukunft in ertragreiches Ackerland verwandelt haben dürften. Die jetzt zweitausendfünfhundert Einwohnerzählende Boise City ist die Hauptstadt des Territoriums, das auch noch verschiedene Reservationen umschließt, die den Schwarzfüßen, den Lochnasen und den Aleneherzen-Indianern überlassen sind. Außerdem leben hier noch zahlreiche Chinesen inmitten der Bevölkerung von Weißen.

Montana wieder ist, wie schon sein Name andeutet, ein bergerfülltes Land. Eines der größten der Union, ungeeignet für den Landbau, dagegen sehr geeignet für die Viehzucht, ist es auch reich an Gold-, Silber- und Kupferlagern. Unter allen Staaten ist es der, in dem die Indianer des Far West die ausgedehntesten, ihnen reservierten Gebiete bewohnen, vor allem die Stämme der Plattköpfe, der Dickbäuche, der Raben, Modoks, der Cheyennen und Assiniboinen, deren unbequeme Nachbarschaft der Amerikaner freilich mit recht scheelen Augen ansieht.

Virginia City, die Hauptstadt des Staates, schien anfänglich ebenso aufblühen zu sollen, wie so viele andre Städte in den Gebieten des Westens. Heute ist sie hinter Butte City und Helena auffällig zurückgeblieben, obwohl auch bei der ersten dieser zwei wieder eine Abnahme der Bevölkerung zu beobachten ist.

Selbstverständlich giebt es schnelle und bequeme Beförderungsmittel zwischen dem Nationalpark und der Station Monida, wo der erste Partner den Zug verließ, und diese werden sich noch vermehren, je nachdem der Strom von Touristen aus der Alten und der Neuen Welt anschwillt, die von der Bundesregierung eingeladen werden, das Gebiet des Yellowstone zu besuchen.

Max Real konnte Monida also, dank einem vorzüglich eingerichteten Postwagenverkehr, sofort verlassen,und einige Stunden später kam er mit Tommy glücklich an seinem vorläufigen Ziele an.

Die Nationalparke sind, so könnte man sagen, für das Gebiet der Republik dasselbe, wie die mit Bäumen bestandenen Plätze für die Großstädte. Neben dem des Yellowstone sind bereits andre als solche schon geschaffen worden oder es steht das doch in kurzer Frist bevor – z. B. der Crater Lake, in dem vulcanischen Landestheile des Nordwestens, oder die Amerikanische Schweiz, der »Garten der Götter«, der in den Bergzügen Colorados einen prächtigen Rahmen hat.

Gegen Ende 1872 wurde dem Senate und dem Repräsentantenhause ein Bericht erstattet und ein Antrag unterbreitet, der dem Congreß vorgelegt werden sollte.

Es handelte sich dabei um den Vorschlag, einen Gebietstheil der Union von fünfundfünfzig Meilen (88'5 Kilometer) Länge und fünfundsechzig Meilen (104'5 Kilometer) Breite in der Umgebung der Quellen des Yellowstone und des Missouri unter den Schutz des Staates zu stellen und der privaten Ausbeutung zu entziehen. Diese Gegend sollte für alle Zukunft einen Nationalpark bilden, der dem amerikanischen Volke zur Erholung und zum Genusse einer herrlichen Natur vorbehalten bliebe.

Nach seiner Erklärung, daß die von den angegebenen Grenzen umschlossene Bodenfläche zu jeder nutzbringenden Cultur ungeeignet sei, fuhr der Antragsteller fort:

»Das vorgeschlagene Gesetz würde die Einkünfte des Staates in keiner Weise schmälern, von aller Welt aber begrüßt werden als eine Maßnahme im Geistevernünftigen Fortschritts, als ein Ehrentitel für den Congreß und die ganze Nation.«

Der betreffende Antrag wurde ohne Widerspruch angenommen. Der Nationalpark des Yellowstone wurde der Verwaltung durch den Staatssecretär des Innern überwiesen, und wenn ihn auch bis jetzt noch nicht die ganze Welt besucht hat, so ist doch zu erwarten, daß das mit der Zeit geschehen werde.

In diesem von der Natur bevorzugten Winkel der ungeheuern Bodenfläche der Vereinigten Staaten bietet sich sonst, wie es scheint, keine Aussicht auf eine lohnende Cultur, weder auf den Höhen, noch in den Thälern oder auf den im Mittel siebentausend Fuß (2133 Meter) hoch gelegenen Ebenen. Hier herrscht ein so rauhes Klima, daß fast kein Monat ohne Frosttage vergeht. An die Aufzucht von Vieh, das der zu niedrigen Temperatur unterliegen müßte, ist ebensowenig zu denken, wie an eine Mineralienausbeute aus dem im allgemeinen vulcanischen Boden, der mit Eruptivgestein übersäet, von plutonischen Ausbrüchen zerklüftet und von einem Rahmen von Bergen umschlossen ist, deren Gipfel bis zu tausend Toifen über das Meer aufsteigen.

Eigentlich das nutzloseste Stück Land der Erde, ist es doch eines der berühmtesten, dessen Werth freilich nur durch seine Schönheiten und natürlichen Merkwürdigkeiten, denen die Menschenhand nichts hinzuzufügen vermöchte, bedingt erscheint.

Die Menschenhand hat aber doch nicht gerastet, wenigstens in der Absicht, Lustreisende aus allen fünf Erdtheilen heranzuziehen, deren Massenzuzug der amtliche Bericht voraussah und hervorrief. Der Verkehr durch dieses durcheinandergewürfelte Labyrinth ist durchbequem fahrbare Straßen erleichtert. Vielfach erheben sich Unterkunftsstätten, deren Eleganz mit ihrer vornehmen Bequemlichkeit wetteifert. In dem ganzen Gebiete kann man sich mit völliger Sicherheit bewegen. Höchstens wäre zu befürchten, daß hier ein Badeort entstände, eine ungeheure Quellenstadt, der Scharen von Kranken, angelockt durch die heißen Quellen des Fire Hole und des Yellowstone, zuströmten.

Uebrigens sind, wie Elisée Reclus berichtet, diese Nationalparke schon zu ungeheuern Jagdgründen der Leiter von Finanzgesellschaften geworden, die alle dahinführenden Bahnlinien und die bedeutendsten Hôtels besitzen. So ist z. B. das Etablissement der Terrasse Mammoth zum Mittelpunkte eines wirklichen Fürstenthums geworden. Wer hätte es glauben mögen? ... Ein Fürstenthum inmitten der großen Republik von Nordamerika!

Hier war es also, wo Max Real – leider zu einer Jahreszeit, in der sehr viele Gäste diese Karawanserai bevölkerten – die ganze, ihm zur Verfügung stehende Zeit verbrachte. Glücklicherweise vermuthete in ihm niemand einen Theilnehmer am Match Hypperbone, denn sonst wäre er überall von Hunderten von Zudringlichen begleitet oder, richtiger, belagert worden. Jetzt konnte er sich dagegen frei bewegen und die Naturmerkwürdigkeiten bewundern, die auf Tommy freilich nicht denselben tiefen Eindruck machten, und konnte mehrere Skizzen zeichnen, die der junge Schwarze stets für weit schöner als die natürlichen Vorbilder erklärte. Max Real dagegen vergaß die wirklich unvergeßlichen Wunder des Nationalparks gewiß nicht.

»Wenn ich nur, sprach er wiederholt für sich, darüber nicht außer Acht lasse, am 29. in Cheyenne zusein! Großer Gott! Was würde mein gutes Mütterchen dazu sagen!«

Es ist in der That ein prächtiges Stück Erde, dieses Thal des Yellowstone, begrenzt von basaltischen Gebilden, aus denen man große Paläste ausmeißeln könnte, ringsum beherrscht von zerrissenen Bergspitzen, unterbrochen von weißen Gipfeln, aus deren Schneedecke tausendfach verzweigte Rios und Creeks nach den düstern Fichtenwäldern hinabrinnen, und durchfurcht von Canons mit senkrechten, nahe aneinander stehenden Wänden, die endlose Gänge bilden. Hier kommt eine wilde, durch Erdbeben erschütterte Natur zu bezauberndem Ausdruck. Hier dehnen sich Lavafelder aus und Ebenen, worauf vulcanische Auswurfstoffe kleine Berge bilden; hier prangen aus schwärzlichen Steilwänden geschnittene Reihen von Säulen mit gelben und rothen Streifen, die der polychromen Architektur als Vorbilder dienen könnten; hier lagern die Ueberreste der durch den Auswurf der jetzt erkalteten Krater versteinerten Wälder, und verspürt man noch immer die ungeheure Arbeit unterirdischer Kräfte, die sich in dem Durchbruch und dem Aufsprudeln von zweitausend warmen und heißen Quellen verräth.

Und was soll man von dem Yellowstonesee und seinen mit Obsidianen bestreuten Ufern sagen, dessen Spiegel in der Höhe von siebentausend Fuß erglänzt? Dieses dreihundertdreißig Quadratmeilen (854 Quadratkilometer) große Becken mit krystallklarem Wasser enthält mehrere bergige Inseln, und an manchen Stellen, nicht nur am Rande, sondern auch auf seiner Oberfläche, brechen Dampfwolken hervor. Es ist ein tiefes, im übrigen stilles Gewässer, worin es von Forellenwimmelt und das von Gebirgsbildungen von unvergleichlicher Schönheit beherrscht wird.

Im Anblick dieser Wunderwelt sammelte Max Real unverlöschliche Erinnerungen, ohne nach Stunden und Tagen zu fragen. Ein unermüdlicher Tourist, besuchte er die Umgebungen des Yellowstonesees und in seiner weiteren Nachbarschaft die Wasseransammlungen, die von zerfaserten Algen fast purpurroth gefärbt waren. Er stieg hinauf bis zu den herrlichen Becken der Mammoth Springs und badete in den kreisförmig darum liegenden Basaltbehältern, die mit lauwarmen Wasser gefüllt und von aufsteigenden Dampfblasen bewegt find. Er stand betäubt von dem mächtigen Rauschen vor den zwei Yellowstonefällen, die auf der Strecke einer halben Meile (800 Meter) als Wasserstürze, Stromschnellen und Cascaden durch ein enges, von Lavafelsen begrenztes Bett dahinsausen und sich endlich durch einen Sprung von hundertzwanzig Fuß in feinsten Wasserstaub auflösen. Er lustwandelte zwischen den Feuercanälen, die neben dem Bergstrome des Fire Hole münden. In diesem, von dem wilden Nebenarme des Madison zernagten Thale sprudeln warme Quellen zu Hunderten hervor und steigen Schlammfontainen und Geyser auf, mit denen sich die berühmtesten Geyser Islands nicht messen können.

Und welch sinnberückendes Bild bietet längs seiner Ufer der launenhaft gewundene Fire Hole, der an einer Art Lagune entspringend nach Norden hin ausfließt, Auf allen Absätzen des Gebirgsstocks, die sich bis zu seinem Bett hinunter fortsetzen, folgt ein Krater dem andern, und aus allen brodeln Geyser mit bezeichnenden Namen auf. Hier findet man den Old Faithful (den Alten Getreuen) mit seinen regelmäßigenAusbrüchen, deren »Treue« jetzt allerdings, wo unregelmäßige Eruptionen häufiger auftreten, etwas ins Wanken gekommen zu sein scheint. Hier erhebt sich ferner das »Feste Schloß« am Rande eines sumpfigen Teiches in Form eines alten Wartthurms, dessen Mauern von dem Regen sich niederschlagenden Dampfes überschwemmt werden. Weiter die »Ruche« (der Bienenkorb) mit unregelmäßiger Schachtmündung, deren Rand sich über den Erdboden wie der Rest eines weiten, dickwandigen Thurmes erhebt – endlich der »Große Geyser–, mit alle zweiunddreißig Stunden auftretenden Ausbrüchen, der »Riese«, dessen flüssige Wolken hundertzwanzig Fuß hoch aufwirbeln, und die »Riesin«, die die ihrigen gar zweihundert Fuß hoch hinaufschleudert.

Im oberen Becken entfaltet sich der »Fächer« mit seinen in allen Farben des Regenbogens spielenden Lamellen, sobald ein Sonnenstrahl darauf trifft. Unfern davon rauscht der »Excelsior« auf, dessen Mittelsäule von etwa fünfzig Meter Umfang mit ihrem mächtigen Wasserschwalle Trümmer von Felsgestein und aus der Kruste der Erde losgerissene Lavastücke emporschleudert. Eine Meile (1609 Meter) von hier trifft man auf den »Geyser der Grotte« oder richtiger der »Quelle«, der gewaltige Steinblöcke rund um Bogenbildungen, die Mündungen düstrer Höhlen, worin plutonische Kräfte unausgesetzt thätig sind, mit zierlichen Wasserguirlanden umfaßt. Endlich schäumt hier der »Blutgeyser«, der Ausstoß eines Kraters mit röthlichen Thonwänden, die er im Vorüberströmen benagt, so daß er eine Garbe von Blut auszuspeien scheint.

Das ist das auf der Erde ohnegleichen dastehende Gebiet, dessen Thäler, Cañons und Seegegenden Max Real durchwanderte und von einem Wunder zum andernkommend mit immer wachsendem Entzücken betrachtete. Hier in der von dem Fire Hole und dem obern Yellowstone bewässerten Ecke Wyomings, dessen Boden unter den Füßen zittert wie die Wand eines Dampfkessels, mischen, amalgieren und verbinden sich allerlei tellurische Stoffe unter der Wirkung des unterirdischen Feuers, das unveränderlich von dem Centralherde genährt wird und das durch tausend Mündungen geräuschvoll hervorbricht. Hier kommt es zu den unerwartetsten Naturerscheinungen, ähnlich denen, die in einer Feerie der Stab des Zauberers hervorzurufen scheint – in dem überwältigend schönen Nationalpark des Yellowstromes, für den man in allen Theilen der Erdkugel vergeblich nach einem Rivalen suchen würde.

II. Verwechselt

»Ich glaube nicht, daß er angekommen ist...

– Warum wollen Sie das nicht glauben?

– Weil in meiner Zeitung davon nichts gemeldet wird.

– O, dann ist Ihre Zeitung nur schlecht unterrichtet, denn die Mittheilung findet sich in der meinigen ganz ausführlich.

– Dann geb' ich mein Abonnement auf...

– Woran Sie sehr recht thun würden...– Gewiß, denn es ist unverzeihlich, daß es einer Zeitung, wenn es sich um so wichtige Thatsachen handelt, an der nöthigen Information fehlt und daß deren Leser nicht einmal erfahren ...

– Ja, ja ... wirklich unverzeihlich!«

Dieses Zwiegespräch entwickelte sich zwischen zwei Einwohnern von Cincinnati, die auf der hundertsechzig Toisen (312 Meter) langen Hängebrücke lustwandelten, welche nahe der Mündung des Laking den Ohio überspannt und die Hauptstadt mit ihren zwei, auf dem Gebiete Kentuckys liegenden Vororten Newport und Covington verbindet.

Der Ohio, »der schöne Strom«, trennt nämlich im Süden und Südosten den Staat gleichen Namens von Kentucky und Westvirginien. Im Osten begrenzt ihn eine grade nordsüdliche Linie gegen Pennsylvanien, im Westen eine solche gegen Indiana, im Norden eine westöstliche Linie gegen Michigan, bis auf die ziemlich große Strecke, wo er an den Eriesee stößt.

Überschreitet man die erwähnte Brücke, deren Eleganz mit ihrer Kühnheit wetteifert, so eröffnet sich dem Auge ein Ausblick nach der gewerbfleißigen Stadt, die sich am rechten Stromufer neun Meilen (14.5 Kilometer) bis nach den sie an dieser Seite einrahmenden Hügeln ausdehnt. Weiter schweift der Blick nach Osten zu über den Edenpark und eine Bannmeile mit Villen und kleineren Landhäusern, die unter üppigem Grün fast ganz verschwinden.

Den Ohio mit seinen europäischen Baumarten und Dörfern kann man treffend mit einem europäischen Strome vergleichen. In seinem Oberlaufe von dem Alleghany und der Monowghila, im Mittellaufe von dem Muskingum, dem Sicoto. den beiden Miami unddem Liking gespeist, und im Unterlaufe von dem Kentucky, dem Green River, dem Wabash, Cumberland, Tennessee und andern Nebenflüssen noch weiter verstärkt, ergießt er sich endlich bei Cairo in den Mississippi.

Immer plaudernd betrachteten die beiden Männer – bereit Namen und gesellschaftliche Stellung nicht zu kennen, die Nachwelt vielleicht noch bedauern wird – durch die tausend Drahtseile der Brücke die Fährboote, die den Strom nach allen Seiten durchfurchten, die Dampfer und die Flußschiffe, die diesen hinauf- oder hinunterfuhren und dabei entweder den stromaufwärts gelegenen oder die beiden stromabwärts erbauten Viaducte passierten, mittelst derer Eisenbahnen die beiden Nachbarstaaten verbinden.

Uebrigens herrschte an diesem Tage, dem 28. Mai, auch zwischen andern, ebenso wie jene zwei unbekannten Seilten eine lebhafte Unterhaltung, ebenso in den Industrie- und Handelsquartieren, wie in den Werkstätten und Fabriken, deren man in Cincinnati fast siebentausend zählt – in allen Brauereien, Mehlgeschäften, Raffinerien, Schlachthäusern und auf den Märkten wie auf den Vorplätzen der Bahnhöfe, wo erregte und lärmende Gruppen zusammenstanden. Freilich schien es nicht so, als ob diese ehrbaren Bürger den obern Classen, den Gelehrten- oder Künstlerkreisen angehörten, die hier die Universitätscurse und die reichhaltigen Bibliotheken besuchen und in den werthvollen Sammlungen und Museen der Stadt ihren Studien obliegen. Das unruhige Treiben beschränkte sich vielmehr auf den niedrig gelegenen Theil der Stadt und erstreckte sich nicht nach den reichen Quartieren, den modernen Straßen, nach den Squares undden schattenkühlen Parks mit prächtigen Bäumen, darunter den Nußbäumen, nach denen Ohio den Beinamen Buckeye State bekommen hat.

Wer sich durch die Menschenmengen drängte und auf deren Gespräche lauschte, hörte da etwa folgendes:

»Haben Sie ihn denn gesehen?

– Nein; er ist gestern sehr spät am Abend angekommen, dann hat man ihn sofort in einen geschlossen Wagen gesteckt und sein Begleiter hat ihn ...

– Wohin denn gebracht?

– Das weiß niemand, und es wäre doch so interessant, es zu wissen...

– Freilich ... freilich! Na, er ist ja nicht nach Cincinnati gekommen, um sich hier nicht zu zeigen. Ich denke, man wird ihn ausstellen ...

– Ja, übermorgen, sagt man, bei Gelegenheit der großen Ausstellung von Spring Grove.

– Das wird ein schönes Gedränge geben!

– Halb todttreten werden sich die Leute!»

Dieses Urtheil bezüglich des Helden des Tages wurde indeß nicht allseitig getheilt. Vorzüglich eine Menge Angestellte aus den großen Schlachthäusern, wo man alle körperlichen Eigenschaften höher als geistige Vorzüge, Größe, Umfang und Muskelentwickelung höher als die Intelligenz des Individuums zu schätzen pflegt, zuckten wie mitleidig die Achseln.

»Es wird wohl alles gehörig übertrieben sein, sagte der eine.

– Wir werden hier wohl manchen haben, der ihm mindestens gleichkommt, meinte ein andrer.

– Ueber sechs Fuß hoch, wenn man den Reklamen trauen darf...– Sechs Fuß, von denen keiner zwölf Zoll hat...

– Na, das wird sich ja bald zeigen ...

– Er scheint aber doch gute Aussicht zu haben, alle seine Concurrenten zu schlagen

– Bah! Man prahlt vom Record halten... das lockt das Publicum heran ... und schließlich sieht es sich betrogen ...

– Wir werden uns hier nicht anführen lassen..

– Kommt er nicht aus Texas? fragte ein stämmiger Bursche mit breiten Schultern und kräftigen, noch mit Blut aus dem Schlachthaus befleckten Armen.

– Graden Wegs ... aus Texas, antwortete einer seiner ebenso robusten Kameraden.

– Nun ... warten wir das Weitere ab ...

– Ja, ja ... ruhig abwarten. Es ist schon von auswärts so mancher hierhergekommen, der besser gethan hätte, zu Hause zu bleiben ...

– Zugegeben ... Doch wenn er nun den Preis davonträgt? Möglich ist es immerhin, und gar so sehr erstaunen würd' ich darüber nicht!«

Man sieht, daß die Schätzungen weit auseinandergingen – im ganzen jedenfalls nicht zur besonderen Genugthuung John Milner's, der am Tage vorher in Cincinnati mit dem zweiten Partner, Tom Crabbe, eingetroffen war, welchen die Entscheidung der Würfel aus der Hauptstadt von Texas nach der von Ohio verwiesen hatte.

In Austin hatte John Milner ja zu Mittag am 17. Mai die telegraphische Mittheilung über die die indigoblaue Flagge – den berühmten Faustkämpfer aus Chicago – betreffende Auswürfelung erhalten.Entschieden konnte Tom Crabbe von sich behaupten, daß er im Glück sitze, und selbst mit mehr Berechtigung als Max Real, obwohl dieser, dank der zu verdoppelnden Augenzahl, einen großen Schritt vorwärts gethan hatte. Für ihn hatte Meister Tornbrock zwölf Augen geworfen, die höchste Zahl, die mit zwei Würfeln zu erzielen ist. Da diese Zahl den Partner aber ebenfalls nach einem der Felder von Illinois brachte, hatte auch er sie doppelt zu nehmen, und Tom Crabbe machte damit also einen Sprung vom elften nach dem fünfunddreißigsten Felde.

Hierdurch wurde er nach den volkreichsten Landestheilen des Innern der Vereinigten Staaten gewiesen, wo es an schnellen und bequemen Verkehrsmitteln nicht mangelt, das Reisen also ganz anders erleichtert ist, als in den Grenzländern des Bundesgebiets.

John Milner wurde darum auch vor der Abfahrt von Austin vielfach beglückwünscht. Gleichzeitig erhöhten sich die Wetten, Tom Crabbe stieg im Curs, und zwar nicht allein in Texas, sondern auch in manchen andern Bundesstaaten, vor allen auf den Wettmärkten in Illinois, wo die Agenten ihn mit eins gegen fünf, also weit höher »placieren« konnten, als Harris T. Kymbale, den bisherigen Favoriten.

»Und schonen Sie ihn ... schonen Sie ihn ja recht sorgsam! empfahlen die Leute dem John Milner. Vernachlässigen Sie nichts in der Voraussetzung, daß er eine meteoreisenfeste Gesundheit und eine Musculatur von Chromstahl habe! ... Er muß ohne Havarie am Ziele anlangen!

– Verlassen Sie sich aus mich, erklärte darauf der Traineur. In der Haut Tom Crabbe's steckt jetzt nicht dieser, sondern John Milner.

– Und ferner, fügten die Warner hinzu, keine Seefahrt mehr, mag sie kurz oder lang sein, da die Seekrankheit geeignet erscheint, ihn leiblich und geistig aufzulösen.

– O, das Uebel ist ja nicht von Dauer gewesen, erwiderte John Milner. Doch fürchten Sie nichts ... zwischen Galveston und New Orleans gehen wir jetzt nicht zu Schiffe. Wir benutzen bis Ohio nur die Eisenbahn und legen wie Lustreisende täglich nur kurze Strecken zurück ... wir haben ja vierzehn Tage vor uns, nach Cincinnati zu kommen.«

Diese Stadt war es bekanntlich, die nach der Bestimmung des Testators aus dessen Karte das fünfunddreißigste Feld bildete, und Tom Crabbe überholte damit, mit Ausnahme des Commodore Urrican, alle übrigen Mitspieler.

Ermuthigt, gehätschelt und geliebkost von seinen Parteigängern, würbe Tom Crabbe am genannten Tage nach dem Bahnhofe begleitet, in einen Wagen gehißt und, mit Rücksicht auf den Temperaturunterschied zwischen Texas und Ohio, sorgfältig in Decken gehüllt. Dann setzte sich der Zug in Bewegung und brauste graden Weges der Grenze von Louisiana zu.

Vierundzwanzig Stunden ruhten die Reisenden in New Orleans aus, wo sie noch wärmer als das erstemal empfangen wurden – eine Folge davon, daß sich die Cursnotiz des berühmten Boxers immer in aufsteigender Linie bewegte. Tom Crabbe war in allen Agenturen »gesucht« und »stieg« in allen Städten der Union. Ein Fieber war es, eine wirkliche Tollheit! Auf mindestens fünfzehnhunderttausend Dollars schätzten die Zeitungen die Summen, die auf den Kopf des zweiten Partners schon bei seiner Fahrt von derHauptstadt von Texas nach der Metropole von Ohio gesetzt waren.

»Welcher Erfolg! sagte John Milner für sich, und welch ein Empfang wartet unser in Cincinnati! ... Ein wahrer Triumphzug muß es werden ... ich habe darüber so meine Gedanken.«

Auch Barnum berühmten Andenkens würde gewiß den Plan John Milner's getheilt haben, durch den dieser die Neugier des Publicums anreizen und auf Tom Crabbe lenken wollte.

Dabei handelte es sich nicht, wie man vielleicht zu glauben versucht wäre, etwa darum, die Ankunft des Champions der Neuen Welt laut und mit großem Auswand von Reclame anzukündigen, die besten Boxer von Cincinnati zu einem Zweikampf herauszufordern, aus dem Tom Crabbe voraussichtlich als Sieger hervorging, und dann seine Wanderfahrt fortzusetzen – obgleich John Milner nicht abgeneigt war, auch eine solche Vorstellung zu veranstalten, wenn sich dazu eine passende Gelegenheit darbot.

Er wollte sich in Cincinnati vielmehr in strengstes Incognito hüllen, wollte die große Menge der Spieler bis zum letzten Tage ohne Nachricht über ihren Favoriten lassen und womöglich den Glauben erwecken, daß dieser verschwunden sei und am entscheidenden 31. jedenfalls nicht an der bestimmten Stelle erscheinen werde. Dann wollte er ihn in einer Weise wieder auftauchen lassen, daß man sein Erscheinen begrüßen müßte wie das des Elias, wenn der Prophet jemals wieder vom Himmel herabsteigen sollte, um seinen Mantel von der Erde zu holen.

John Milner hatte nämlich durch die Zeitungen erfahren, daß am 30. des laufenden Monats in Cincinnatieine große Thierschau stattfinden sollte, eine Ausstellung, wo gehörnte und andre Vierfüßler durch Preise ausgezeichnet werden sollten, auf die diese einen großen Werth zu legen scheinen. Das war eine prächtige Gelegenheit, Tom Crabbe in Spring Grove auf der Thierschau auszustellen, wenn alle bereits verzweifelten, ihn je zu sehen, und noch dazu am Tage vorher, wo er sich im Postamte der Metropole zu melden hatte.

Natürlich fiel es John Milner gar nicht ein, mit seinem Gefährten über dieses Vorhaben zu sprechen. So fuhren denn beide, ohne jemand davon benachrichtigt zu haben, und aus Vorsicht erst von der nächsten Bahnstation außerhalb Orleans, wohin sie sich zu Wagen begeben hatten, nach Eintritt der Dunkelheit ab, so daß sich am andern Morgen die ganze Stadt verwundert fragte, was wohl aus ihnen geworden sein möge.

John Milner schlug auch nicht denselben Weg ein, den er früher eingehalten hatte, um sich von Illinois nach Louisiana zu begeben. Das Schienennetz ist übrigens im mittleren und östlichen Theile der Vereinigten Staaten so engmaschig, daß es die Eisenbahnkarten wie mit einem Spinnengewebe bedeckt. So durchmaßen denn, ohne sich zu übereilen, ohne daß die Anwesenheit Tom Crabbe's irgendwo geahnt wurde, in der Nacht fahrend und am Tage ausruhend und immer besorgt, keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen, die indigoblaue Flagge und ihr Traineur die Staaten Mississippi, Tennessee und Kentucky und trafen am 20. mit Tagesanbruch in einem bescheidenen Hotel des Vorortes Covington ein. Von hier aus hatten sie nur noch den Ohio zu überschreiten, um auf dem Boden Cincinnatis zu stehen.

Bis hierher war der Plan John Milner's also glücklich in Erfüllung gegangen und Tom Crabbe unerkannt vor den Thoren der Metropole angelangt. Selbst die bestunterrichteten Tageszeitungen wußten nicht, was aus ihm geworden war – von New Orleans aus hatte man seine Spur verloren. – Der Leser dürfte sich wohl auch fragen, was die im Vorhergehenden wiedergegebenen Gespräche zu bedeuten hätten und was John Milner, wenn er sie mit anhören konnte, wohl gedacht haben möchte.

Ohne Zweifel hielt er sich für berechtigt, eine überraschende Wirkung zu erwarten – ebenso bei der ganzen Bevölkerung Cincinnatis, die ja an seinem Erscheinen im Postamte am 31. Mai verzweifeln mußte, wie vorzüglich unter den Wettenden, die beträchtliche Summen auf ihn gesetzt hatten, wenn Tom Crabbe am Vortage des Datums, wo er sich im Postamte vorzustellen hatte und nachdem alle Echos der Vereinigten Staaten vergeblich um Nachricht über ihn befragt worden waren, inmitten der zahlreichen Besucher der Thierschau von Spring Grove auftauchte.

Wer weiß indeß, ob John Milner nicht besser gethan hätte, die beiden Wochen, über die er bei der Abreise aus Texas verfügte, zu einer Vorstellungsrundfahrt seines berühmten Schülers durch Ohio zu verwenden. Dieser Staat mit seinen drei Millionen siebenmalhunderttausend Einwohnern nimmt in der nordamerikanischen Republik ja die vierte Stelle ein. Er hätte also doch ein Interesse daran haben müssen, seinen Schüler ebenso als Theilnehmer am Match Hypperbone, wie als »Licht« in der Welt der Boxer von Stadt zu Stadt, von Flecken zu Flecken zu führen und ihn in den bedeutenderen Städten Ohiosauszustellen. Deren giebt es viele, die auch recht wohlhabend sind, und Tom Crabbe hätte da den besten Empfang gefunden.

Versteifte sich John Milner nicht geradezu auf seinen Theatercoup, so hätte er gewiß daran gedacht, den vorzüglichen Boxer in Cleveland zu zeigen, in jener prächtigen Stadt am Eriesee, ihn auf der Euklidavenue, der schönsten aller Alleestraßen der Union, spazieren zu führen und mit ihm durch die breiten, regelmäßigen, von wunderschönen Ahornbäumen beschatteten Straßen zu lustwandeln. Die Stadt verdankt ihren Reichthum der Ausbeutung von Mineralölquellen, deren Becken mit ihrem Hafen, dem belebtesten am Eriesee, in Verbindung stehen. Der Handelsverkehr hier überschreitet den Werth von zweihundert Millionen Dollars. Von Cleveland hätte sich Tom Crabbe dann nach Toledo und nach Sandusky, ebenfalls zwei Binnenseehäfen und Sammelplätzen der Fischerflottillen, begeben müssen, und weiter nach den Industriecentren, die ihre Lebenskraft aus dem Ohio ebenso schöpfen, wie die Organe des menschlichen Körpers aus dem Blute der Pulsadern, nach Starbenville, Marietta, Gallipolis und vielen andern. Hier wäre auch noch Columbus, der Sitz der Regierung des Staates, zu nennen, eine neunzigtausend Seelen zählende Stadt mit prächtigen öffentlichen Gebäuden und außerdem einer der reichsten Niederlagsplätze für Bodenerzeugnisse, sowie der Mittelpunkt einer regen Metallindustrie und Kohlengewinnung.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß von hier aus Schienenstränge nach allen Richtungen ausstrahlen, nach den fruchtbaren Ackerbaubezirken, den Getreidefeldern, auf denen der Maisanbau vorherrscht, den Tabakpflanzungen und Weingärten, die anfänglichwieder verkümmern zu sollen schienen, aber fröhlich gediehen, als die europäischen Reben durch amerikanische ersetzt worden waren, nach den üppig grünen Ebenen und den Waldungen mit schönen Baumarten, wie Akazien, Zirbelkiefern, Zucker- und rothem Ahorn, Schwarzpappeln und Platanen mit einem Stammumfang von dreißig bis vierzig Fuß, die sich fast mit den riesigen Sequoias des Westens messen können. Das von der Natur mit so freigebiger Hand bedachte Ohio, einer der mächtigsten Staaten der Union, sendet darum auch von den fünfunddreißig Senatoren und hundert Abgeordneten seines eignen Gesetzgebenden Körpers zwei Senatoren und fünfundzwanzig Abgeordnete nach dem Bundescongreß.

Hierzu kommt noch eine ausgebreitete Viehzucht und ein lebhafter Viehhandel des Landes, der die Schlachthäuser von Chicago, Omaha und Kansas reichlich versorgt, was die Lebhaftigkeit seiner Märkte erklärt und damit auch die der Ausstellung von Rindern, Schafen und Schweinen, die am 30. dieses Monats abgehalten werden sollte.

An eine solche Kreuz- und Querfahrt, die John Milner nicht wenig aufgehalten hätte, war aber nicht zu denken. Tom Crabbe wird, auch in bedeutenderen Städten, nicht auftreten. Er ist ohne Unfall und Beschwerde nach Art eines Vergnügungsreisenden an der Grenze von Kentucky angekommen. Während seines Aufenthalts in Texas hat er sich vollkommen erholt und seine frühere Körperkraft wiedererlangt. Auch unterwegs hat er nichts davon verloren, er ist in »bester Form», und welch ein Triumph muß es werden, wenn er vor den Leuten in Spring Grove erscheint!

Am nächsten Tage wollte John Milner, doch wohl verstanden, ohne Begleitung seines neugierigen Genossen, einen Gang durch die Stadt machen.

»Tom, sagte er zu diesem, bevor er das Hotel verließe ich lasse Dich zurück und Du wirst mich hier erwarten.«

Da es nicht danach aussah, als wollte ihn John Milner wegen seiner Absicht erst befragen, hatte Tom Crabbe darauf nichts zu antworten.

»Du wirst unter keinerlei Vorwand aus dem Zimmer gehen,« setzte John Milner hinzu.

Tom Crabbe wäre jedenfalls ausgegangen, wenn man es von ihm verlangt hätte; jetzt wurde ihm das Gegentheil empfohlen, folglich blieb er, wo er war.