Herr der Welt - Jules Verne - E-Book
Beschreibung

Dies ist die illustrierte Version dieses Klassikers. Die Handlung des Romans spielt in den USA. Aus dem Gipfel des Great Eyry, eines Berges in den Appalachen quillt plötzlich Rauch. Die Bewohner der Kleinstadt Pleasant Garden, die am Fuße des Berges liegt, werden durch heftiges Beben aus ihrer Nachtruhe gerissen. Auf dem Gipfel des Great Eyry erscheinen Flammen. Ist der Great Eyry ein Vulkan? ..... (aus wikipedia.de)

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Seitenzahl:264

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Der Herr der Welt

Jules Verne

Inhalt:

Jules Verne – Biografie und Bibliografie

Der Herr der Welt

Erstes Kapitel. Was im Lande vorgeht.

Zweites Kapitel. In Morganton

Drittes Kapitel. Der Great-Eyry.

Viertes Kapitel. Ein Wettrennen des Automobilklubs.

Fünftes Kapitel. In Sicht des Ufers von Neuengland.

Sechstes Kapitel. Der erste Brief.

Siebentes Kapitel. Nun gar drei!

Achtes Kapitel. Um jeden Preis.

Neuntes Kapitel. Ein zweiter Brief.

Zehntes Kapitel. Vogelfrei.

Elftes Kapitel. Auf der Suche.

Zwölftes Kapitel. Die Bucht von Black-Rock.

Dreizehntes Kapitel. An Bord der »Epouvante.«

Vierzehntes Kapitel. Der Niagara.

Fünfzehntes Kapitel. Des Adlers Horst.

Sechzehntes Kapitel. Robur der Sieger.

Siebzehntes Kapitel. Gleich Gott.

Achtzehntes Kapitel. Noch einmal bei der alten Grad.

Der Herr der Welt, Jules Verne

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849613747

www.jazzybee-verlag.de

admin@jazzybee-verlag.de

Cover Design: © Can Stock Photo Inc. / Angelique

Jules Verne – Biografie und Bibliografie

Franz. Schriftsteller, geb. 8. Febr. 1828 in Nantes, gest. 24. März 1905 in Amiens, studierte in Paris die Rechte, muß sich aber schon früh auch den Naturwissenschaften zugewandt haben, denn gleich sein erster Roman, der die Reihe jener originellen, eine völlig neue Gattung begründenden Produkte Vernes eröffnete: »Cinq semainesen ballon« (1863), zeugt von jenem Studium. Der Erfolg, dessen sich diese Schöpfung erfreute, bestimmte ihn, die dramatische Laufbahn, mit der er sich bereits durch mehrere »Comédies« und Operntexte vertraut gemacht hatte, zu verlassen und sich ausschließlich dem phantastisch-naturwissenschaftlichen Roman zu widmen. V. führt seine Leser auf den abenteuerlichsten, stets aber physikalisch motivierten Fahrten nach dem Monde, um den Mond, nach dem Mittelpunkte der Erde, »20,000 Meilen« unter das Meer, auf das Eis des Nordens, auf den Schnee des Montblanc, durch die Sonnenwelt etc., und man kann nicht leugnen, daß er es verstand, die ernste Lehre, wenigstens die große Fülle seiner realen Kenntnisse, mit dem Faden der poetischen Fiktion geschickt zu verweben und dem unkundigen Leser eine gewisse Anschauung von naturwissenschaftlichen Dingen und Fragen spielend beizubringen. Wir nennen hier seine »Aventures du capitaine Hatteras« (1867), »Les enfants du capitaine Grant«, »La découverte de la terre« (1870), »Voyage autour du monde en 80 jours« (1872), »Le docteur Ox« (1874), »Un hivernage dans le glâces«, »Michel Strogoff (Moscou, Ireoutsk)«, »Un capitaine de 15 aus«, »Les Indes noires« (1875), »La maison à vapeur«, »Mathias Sandorf« (1887), »Claudius Bombarnai«, »Le Château des Carpathes« (1892), alle bereits in vielen Ausgaben erschienen und von der Lesewelt verschlungen, auch meist ins Deutsche übersetzt und in Form von Ausstattungsstücken mit nicht geringem Erfolg auf die Bühne gebracht (vgl. »Les voyages an théâtre« von V. und A.Dennery). Die »Œuvres complètes« Vernes erschienen 1878 in 34 Bänden (illustrierte Ausg. 15 Bde.).

Romane:

    Fünf Wochen im Ballon. 1875

    Reise zum Mittelpunkt der Erde. 1873

    Von der Erde zum Mond. 1873

    Abenteuer des Kapitän Hatteras. 1875

    Die Kinder des Kapitän Grant. 1875

    Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. 1874

    Reise um den Mond. 1873

    Eine schwimmende Stadt. 1875

    Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Südafrika. 1875

    Das Land der Pelze. 1875

    Reise um die Erde in 80 Tagen. 1873

    Die geheimnisvolle Insel. 1875 und 1876

    Der Chancellor. 1875

    Der Kurier des Zaren. 1876

    Reise durch die Sonnenwelt. 1878

    Die Stadt unter der Erde. 1878

    Ein Kapitän von 15 Jahren. 1879

    Die 500 Millionen der Begum. 1880

    Die Leiden eines Chinesen in China. 1880

    Das Dampfhaus. 1881

    Die „Jangada“. 1882

    Die Schule der Robinsons. 1885

    Der grüne Strahl. 1885

    Keraban der Starrkopf. 1885

    Der Südstern oder Das Land der Diamanten. 1886

    Der Archipel in Flammen. 1886

    Mathias Sandorf. 1887

    Ein Lotterie-Los. 1887

    Robur der Sieger. 1887

    Nord gegen Süd. 1888

    Zwei Jahre Ferien. 1889

    Die Familie ohne Namen. 1891

    Kein Durcheinander. 1891

    Cäsar Cascabel. 1891

    Mistress Branican. 1891

    Das Karpatenschloss. 1893

    Claudius Bombarnac. 1893

    Der Findling. 1894

    Meister Antifers wunderbare Abenteuer. 1894

    Die Propellerinsel. 1895

    Vor der Flagge des Vaterlandes. 1896

    Clovis Dardentor. 1896

    Die Eissphinx. 1897

    Der stolze Orinoco. 1898

    Das Testament eines Exzentrischen. 1899

    Das zweite Vaterland. 1901

    Das Dorf in den Lüften.1901

    Die Historien von Jean-Marie Cabidoulin.1901

    Die Gebrüder Kip 1903

    Reisestipendien. 1903

    Ein Drama in Livland. 1904

    Der Herr der Welt. 1904

    Der Einbruch des Meeres. 1905

Der Herr der Welt

Erstes Kapitel. Was im Lande vorgeht.

Die Gebirgskette, die mit der amerikanischen Küste des Atlantischen Ozeans parallel verläuft und sich durch Nordkarolina, Virginien, Maryland, durch Pennsylvanien und den Staat New York hinzieht, führt den Namen der Alleghanies oder der Appalachenberge. Sie besteht aus zwei deutlich getrennten Höhenzügen: dem der Cumberland- und dem der Blauen Berge.

Während dieses orographische System – übrigens das bedeutendste dieses Teiles von Nordamerika – sich in einer Ausdehnung von neunhundert Meilen (etwa sechzehnhundert Kilometern) hin erstreckt, übersteigt es im Mittel nirgends die Höhe von sechstausend Fuß. Sein hervorragendster Gipfel ist der 1918 Meter hohe Mount Washington.

Das große Stück Erdenrückgrat, das mit dem einen Ende in das Wasser des Atlantischen Weltmeeres, mit dem anderen in das des St. Lorenzostromes eintaucht, hat auf Alpinisten bisher keine besondere Anziehungskraft ausgeübt. Sein oberster Kamm reicht ja noch nicht in eigentlich hohe Schichten der Atmosphäre hinein; er wirkte also nicht so verlockend, wie die stolzeren Gipfel der Alten und der Neuen Welt. Und doch gab es in dieser Kette einen Punkt, den kein Tourist hätte erreichen können, denn er schien sozusagen unersteigbar zu sein.

War dieser Punkt, der Great-Eyry, aber von den Bergsteigern bis jetzt außer acht gelassen worden, so sollte er doch bald die öffentliche Aufmerksamkeit, ja sogar eine beängstigende Unruhe erwecken, und zwar aus ganz merkwürdigen Ursachen, die ich am Anfang dieser Erzählung schildern muß.

Wenn ich hier meine eigene Person einführe, möge das dadurch entschuldigt werden, daß ich mit einer der außergewöhnlichsten Erscheinungen, deren Zeuge das zwanzigste Jahrhundert sein kann und sein wird, sozusagen recht eng verknüpft gewesen bin, wie sich das im weiteren zeigen wird. Noch manchmal frage ich mich wirklich, ob das, was meine Erinnerung – vielleicht wäre es richtiger zu sagen: meine Phantasie – mir vorgaukelt, sich überhaupt so zugetragen hat, wie es sich mir jetzt darstellt. Bei meiner Eigenschaft als Oberinspektor der Washingtoner Polizei, bei der angebornen Neugier oder Wißbegier, die in mir bis zum höchsten Grade entwickelt ist, und ferner, da ich schon seit fünfzehn Jahren mit den verschiedensten Angelegenheiten beschäftigt und oft mit den heikelsten Aufträgen betraut war, für die ich gerade eine besondere Vorliebe habe... ist es ja nicht zu verwundern, daß meine Vorgesetzten mir auch diese unglaubliche Aufgabe stellten, bei deren – wenigstens versuchten – Lösung ich auf die undurchdringlichsten Geheimnisse stoßen sollte. Für das, was ich im folgenden erzähle, muß ich freilich von vornherein darum bitten, daß man mir aufs Wort glaube.

Für die wunderbaren Tatsachen kann ich leider kein anderes Zeugnis als das meinige beibringen. Will man mir nicht glauben... auch gut... halte das jeder nach Belieben.

Der Great-Eyry steigt aus der malerischen Kette der Blauen Berge auf, die sich im westlichen Teile von Nordkarolina erhebt. Seine rundliche Gestalt erblickt man schon, wenn man über den am Ufer des Satawba-Flusses erbauten Flecken Morganton hinauskommt, noch besser vom Dorfe Pleasant-Garden aus, das dem Berge um einige Meilen näher liegt.

Was ist nun eigentlich dieser Great-Eyry? Rechtfertigt er die Bezeichnung, die ihm die Bewohner der dem Gebiete der Blauen Berge benachbarten Gegend beigelegt haben? Es erscheint ja natürlich, daß sie ihm diesen Namen gaben wegen seiner überwältigend großartigen Silhouette, die unter gewissen atmosphärischen Verhältnissen azurfarbig leuchtet. Wenn aber der Great-Eyry zu einem »Horst« gestempelt wurde, entsteht doch die Frage, ob auf ihm Raubvögel, Adler, Geier oder Kondore nisten. Ist der Berg denn wirklich eine Wohnstätte dieser mächtigen Segler der Lüfte? Sieht man sie in kreischenden Gesellschaften um diesen Zufluchtsort herumschweben, der nur ihnen allein zugänglich ist?... Mit nichten; sie erscheinen hier nicht in größerer Zahl als auf den anderen Gipfeln der Alleghanies. Ja im Gegenteil – und das ist hier wiederholt beobachtet worden – an gewissen Tagen beeilen sich diese Vögel, wenn sie sich dem Great-Eyry genähert hatten, vielmehr, aus seiner Nähe zu fliehen, und nachdem sie ihn mehrmals umkreist haben, fliegen sie mit betäubendem Geschrei nach allen Seiten davon.

Warum also der Name Great-Eyry (etwa: Großer Horst)? Hätte man nicht lieber den Namen »Kessel« wählen sollen, wie man solche in den Berggegenden aller Länder antrifft? Zwischen den ihn umschließenden hohen Wänden findet sich doch jedenfalls eine breite und tiefe Aushöhlung. Ja man kann nicht einmal wissen, ob diese nicht vielleicht einen kleinen See, eine Art vom Regen und Schnee des Winters gespeiste Lagune enthält, wie solche an manchen Stellen und in verschiedenster Höhenlage in der Appalachenkette ebenso wie in mehreren Gebirgszügen der Alten und Neuen Welt vorkommen. Wäre es also nicht richtiger, wenn dieser Felsriefe in der geographischen Namensliste unter einer Bezeichnung, wie der erwähnten, aufgenommen wäre?

Um die ganze Reihe von Mutmaßungen zu erschöpfen, möchten wir auch noch fragen. ob es sich hier nicht um den Krater eines Vulkans handeln könnte, vielleicht um einen schon lange schlummernden Vulkan, der durch Vorgänge in seinem Innern eines Tages doch wieder aus dem Schlafe geweckt werden könnte. Dann wären in seiner Umgebung am Ende gar heftige Ausbrüche, wie die des Krakatoa, oder verhängnisvolle Katastrophen, wie die vom Mont Pelée verursachte, zu befürchten. Nahm man dagegen das Vorhandensein eines Bergsees im Innern an, dann konnte sein Wasser vielleicht in den Schoß der Erde eindringen, durch deren Zentralfeuer verdampft werden und dann die Ebene von Karolina mit einem Ausbruche bedrohen, gleich dem, der 1902 einen Teil der Insel Martinique verwüstet hatte.

Wie zum Hinweis auf eine solche Möglichkeit verrieten einzelne, unlängst beobachtete Erscheinungen, wie das Auftreten von Dampfwolken, die Wirkung von plutonischer Tätigkeit im Innern der Bergmasse. Einmal wollten auf den Feldern der Umgebung beschäftigte Bauern sogar dumpfe und unerklärliche Geräusche vernommen haben.

In der Nacht waren auch Flammengarben in die Höhe geschossen. Aus dem Innern des Great-Eyry wirbelten Dampf- und Rauchwolken empor, und wenn sie der Wind nach Osten zu vertrieben hatte, ließen sie auf der Erde Spuren von Asche und Ruß zurück. Die bleichen Flammen, die von den unteren Wolkenschichten zurückgestrahlt wurden, warfen dann bei der allgemeinen Dunkelheit einen unheimlichen Lichtschein über die Umgebung.

Angesichts dieser seltsamen Erscheinungen kann es nicht wundernehmen, daß man sich hier im Lande ernsthaft beunruhigt fühlte. Zu dieser Beunruhigung gesellte sich noch das dringende Verlangen, zu wissen, woran man sich zu halten habe. Die Zeitungen von Karolina brachten ununterbrochen Mitteilungen über das, was sie »das Geheimnis des Great-Eyry« nannten. Sie erörterten die Frage, ob es nicht etwas zu gefährlich sei, in einer solchen Nachbarschaft zu wohnen. Ihre Artikel erregten gleichzeitig Neugier und Befürchtungen: Neugier bei denen, die, selbst in Sicherheit, sich für die Vorgänge in der Natur interessierten, Befürchtungen bei denen, die Gefahr liefen, deren Opfer zu werden, wenn die jetzt noch örtlichen Erscheinungen sich über die Umgebungen des Berges verbreiteten. Zum größten Teile waren das die Bewohner der Flecken Pleasant-Garden und Morganton, sowie die der Dorfschaften und der zahlreichen zerstreuten Farmen am Fuße der Appalachenberge.

Es war entschieden bedauerlich, daß Bergsteiger noch niemals versucht hatten, in das Innere des Great-Eyry einzudringen. Noch keiner hatte die Felsenwand, die dieses umrahmte, überstiegen, und vielleicht fand sich darin auch nirgends eine Lücke, die den Zugang dahin ermöglicht hätte.

Überragte denn den Great-Eyry auch nicht ein nahegelegener kuppel- oder kegelförmig er Gipfel, von dem aus man ihn in seinem ganzen Umfange hätte übersehen können?... Nein; im Umkreise von mehreren Kilometern kam ihm kein anderer Berg an Höhe gleich.

Der Mount Wellington, eine der mächtigsten Erhebungen in der Alleghanykette, lag dazu in zu großer Entfernung.

Jetzt machte sich aber auf jeden Fall eine eingehende Untersuchung des Great-Eyry nötig. Im Interesse des ihn umgebenden Landstriches mußte man darüber Gewißheit erhalten, ob er einen Krater einschlösse und ob das westliche Gebiet von Nordkarolina von einem vulkanischen Ausbruche bedroht wäre. Es galt jetzt also dringlichst den Versuch, den Berg zu ersteigen und die Ursache der in der letzten Zeit beobachteten Erscheinungen zu ergründen.

Vor einem solchen Versuche, dessen ernste Schwierigkeiten sich niemand verhehlte, bot sich da zufällig noch eine Möglichkeit, die innere Anordnung des Great-Eyry zu besichtigen, ohne den trotzigen Felsen zu erklimmen.

In den ersten Tagen des Septembers sollte nämlich in Morganton ein Ballon mit dem Luftschiffer Wilker aufsteigen. Geschah das bei einer östlichen Luftströmung, so wurde der Ballon nach dem Great-Eyry hin getragen und es eröffnete sich die Aussicht, daß er über diesen vorüberschwebte. Befand er sich dann einige hundert Fuß über dem Berge, so konnte Wilker diesen mit Hilfe eines guten Fernrohres leicht besichtigen, seine Verhältnisse in der Tiefe erkennen und sich überzeugen, ob sich zwischen den hohen Gesteinsmauern ein Vulkanschlot zeigte. Das war ja überhaupt die wichtigste Frage. War diese gelöst, so wußte man auch, ob die Umgebung in näherer oder fernerer Zeit einen Ausbruch zu befürchten hätte.

Der Aufstieg erfolgte in der angedeuteten Weise bei mäßigem, aber stetigem Winde und klarem Himmel. Die Dunstmassen des Morgens hatten sich unter den glänzenden Strahlen der Sonne verflüchtigt. War nun das Innere des Great-Eyry nicht von Nebelwolken erfüllt, so konnte ihn der Luftschiffer in seiner ganzen Ausdehnung übersehen. Stiegen aus dem Innern Dämpfe auf, so mußte er diese wahrnehmen. In diesem Falle mußte man dann zugeben, daß an dieser Stelle der Blauen Berge ein Vulkan mit dem Great-Eyry als Krater vorhanden war.

Der Ballon stieg anfangs gegen fünfzehnhundert Fuß empor und blieb dann eine Viertelstunde lang ziemlich unbewegt stehen. In jener Höhe war kein Wind mehr bemerkbar, obwohl er noch über den Erdboden unten hinwegstrich. Zur größten Enttäuschung geriet der Ballon dann aber in eine andere Luftströmung und schwebte nach Osten zu. Damit entfernte er sich leider von der Bergkette und es schwand jede Hoffnung, ihn dahin zurückkehren zu sehen. Den Bewohnern des Fleckens verlor er sich bald aus den Augen, und später hörte man, daß er in der Nähe von Raleigh, der Hauptstadt von Nordkarolina, gelandet war.

Dieser Versuch war also mißglückt, und man beschloß deshalb, ihn unter günstigeren Verhältnissen zu wiederholen. Zeitweilig waren auch noch andere Geräusche hörbar geworden, während auch gemengte Dämpfe aufstiegen und der Schein von flackernden Flammen sich an den Wolken spiegelte. Daß die herrschende Unruhe dabei nicht abnahm, liegt wohl auf der Hand; die Gegend blieb ja nach wie vor von seismischen oder vulkanischen Erscheinungen bedroht.

In den ersten Apriltagen des laufenden Jahres sollten sich die mehr oder weniger unklaren Befürchtungen gar noch zum wirklichen Schrecken steigern. Die Tagesblätter der Gegend hallten auch von der öffentlichen Beängstigung wider. Das ganze Gebiet zwischen der Bergkette und dem Flecken Morganton sah sich von nahe bevorstehender Zerstörung bedroht.

In der Nacht vom 4. zum 5. April wurden die Einwohner von Pleasant-Garden durch eine von schrecklichem Getöse begleitete Erderschütterung aus dem Schlummer geweckt, und der naheliegende Gedanke, daß der benachbarte Teil des Bergzuges zusammenbrechen könnte, rief eine unbeschreibliche Panik hervor. Alle stürzten, zum Fliehen bereit, aus den Häusern, da sie jeden Augenblick fürchteten, einen Abgrund sich auftun zu sehen, der Farmen und Dörfer auf einer Strecke von zehn bis fünfzehn Meilen zu verschlingen drohte.

Die Nacht war tiefdunkel. Eine schwere Wolkendecke hing drückend über der Erde. Selbst bei hellem Tage wäre der Kamm der Blauen Berge dabei nicht sichtbar gewesen.

Inmitten der herrschenden Finsternis war aber gar nichts zu unterscheiden, kaum konnte man auf das Wehgeschrei antworten, das sich auf allen Seiten erhoben hatte. Bestürzte Gruppen, Männer, Frauen und Kinder, suchten nur noch gangbare Wege zu finden und drängten einander in wirrem Knäuel hier- und dorthin.

»Das ist ein Erdbeben! tönte es von verschiedenen Seiten her.

– Ein Vulkanausbruch!

– Doch woher?

– Vom Great-Eyry!«

Bis nach Morganton verbreitete sich die Schauermär, daß es Steine, Asche, Lava und Schlacken über das Land regne.

Man hätte nun dagegen darauf hinweisen können, daß das Getöse – wenigstens bei einem Vulkanausbruch – hätte deutlicher werden und daß dabei Flammen über den Kamm der Bergkette hätten aufleuchten müssen. Glühende Lavaströme hätten doch auch bei der Finsternis dem Blicke nicht entgehen können. Über dergleichen gab sich aber niemand Rechenschaft; die zum Tode erschreckten Leute versicherten nur, in ihren Häusern Erschütterungen des Erdbodens gefühlt zu haben. Es war ja übrigens möglich, daß solche Erschütterungen durch den Sturz eines riesigen Felsblockes verursacht worden wären, der sich etwa von der Wand der Bergkette abgelöst haben könnte.

Alle warteten, eine Beute tödlicher Angst, und hielten sich fertig, nach Pleasant-Garden oder Morganton zu flüchten.

So verrann eine Stunde ohne weiteren Zwischenfall. Kaum machte sich eine westliche, durch den langen Schirm der Appalachen abgeschwächte Brise bemerkbar, die durch die steifen Nadeln der in der Niederung angehäuften Koniferen hinstrich.

Es geschah also nichts, was die Leute aufs neue erschreckt hätte, und jeder dachte daran, in sein Haus zurückzukehren, da es den Anschein hatte, als ob nichts weiter zu fürchten sei, doch sehnten sich alle danach, daß es endlich wieder hell würde.

Daß hier ein Einsturz erfolgt und jedenfalls ein großes Felsstück von der Höhe des Great-Eyry herabgerollt war, unterlag ja keinem Zweifel. Beim ersten Tagesschein mußte es leicht sein, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, wenn man um den Fuß des Berges, eine Strecke von einigen Meilen, herumging.

Da kam es aber gegen drei Uhr früh zu einem neuen Alarm: über den felsigen Rand des Great-Eyry züngelten plötzlich Flammengarben auf. Von den Wolken wiedergespiegelt, verbreiteten sie in weitem Umkreise eine gespenstige Helligkeit. Gleichzeitig vernahm man ein deutliches Krachen von dem Berge her.

Man fragte sich, ob da oben eine Feuersbrunst ausgebrochen wäre und was wohl eine solche verursacht haben könnte. Das Feuer vom Himmel konnte sie nicht entzündet haben, denn niemand hatte einen Blitz herniederzucken sehen. An Nahrung hätte es einem Feuer freilich nicht gefehlt. Die Alleghanykette ist, ebenso wie der Mount Cumberland und die Blauen Berge, auch hoch oben noch mit Wald bedeckt. Dort sprossen noch zahlreiche Bäume, Zypressen, Fächerpalmen und andere Bäume mit beständiger Belaubung.

»Der Ausbruch!... Der Ausbruch!«

So erschallte es von allen Seiten. Ein Ausbruch! Der Great-Eyry bildet also den Krater eines bis tief in die Eingeweide der Erde hinabreichenden Vulkans? Sollte dieser, nachdem er so viele Jahre, ja vielleicht Jahrhunderte geschlummert hatte, jetzt zu erneuter Tätigkeit erwachen?... Würde sich zu den Flammen noch ein Steinregen, ein Auswurf von glühenden Massen gesellen? Glitten wohl bald geschmolzene Lavamassen herunter, eine Lawine oder ein Feuerstrom, der auf seinem Wege alles verbrannte, der Flecken und Dörfer und Farmen, kurz, die ganze Gegend mit ihren Ebenen, Feldern und Waldungen bis hinaus nach Pleasant-Garden oder Morganton verwüstete?

Jetzt überstieg der Schrecken alle Grenzen... nichts konnte ihn mehr aufhalten. Wahnsinnig vor Entsetzen schleppten die Frauen ihre Kinder fort und stürmten auf den Wegen nach Osten hin, um so schnell wie möglich dem Schauplatze dieser tellurischen Störungen zu entfliehen. Die Männer wieder räumten ihre Häuser aus, packten zusammen, was ihnen am wertvollsten war und setzten die Haustiere in Freiheit, die – Pferde, Rinder und Schafe durcheinander – nach allen Seiten hin zerstoben. Welch schrecklichen Wirrwarr ergab dieser Hause von Menschen und Tieren in der dunkeln Nacht, als er sich dahinwälzte durch die vom Feuer des Vulkans bedrohten Wälder und längs sumpfiger Gewässer, die vielleicht bald austreten sollten. Ja vielleicht fehlte es den Fliehenden zuletzt selbst an Boden, denn würden sie auch noch Zeit finden, sich zu retten, wenn eine Lawine glühender Lava sich herunterwälzte, ihnen den Weg abschnitt und jede weitere Flucht unmöglich machte?

Einzelne der mehr begüterten Farmenbesitzer erwiesen sich jedoch überlegter und hatten sich der sinnlos erschreckten Menge, die sie nicht zurückhalten konnten, nicht angeschlossen.

Sie wagten sich vielmehr bis auf eine Meile nahe an die Bergkette heran und überzeugten sich dabei, daß die Flammen allmählich schwächer wurden und vielleicht gänzlich erlöschen würden. In der Tat schien die Gegend von keinem Ausbruche bedroht zu sein. Kein Stein war in die Luft geschleudert worden, kein Lavastrom schlängelte sich den Bergabhang hinunter und aus der Erde war kein Donnern und Krachen zu vernehmen. Kurz, es zeigten sich keinerlei seismische Störungen, die sonst zuweilen in kürzester Zeit ein ganzes Land durcheinanderwürfeln können.

Unzweifelhaft konnte man dagegen beobachten, daß sich das Feuer im Innern des Great-Eyry abschwächte. Die Rückstrahlung von den Wolken verblaßte allmählich, und das Land umher mußte in kurzer Zeit wieder in tiefer Finsternis liegen.

Die lärmende Menge der Geflohenen war inzwischen auf einer gegen jede Gefahr voraussichtlich geschützten Stelle zum Stillstand gekommen. Schließlich kehrten manche davon zurück, und noch vor dem ersten Tagesgrauen hatten diese sich wieder in verschiedene Dörfer und Einzelgehöfte hineingewagt.

Noch gegen vier Uhr färbten sich die Ränder des Great-Eyry schwach mit einem fahlen Scheine. Die Feuersbrunst erlosch, wahrscheinlich aus Mangel an weiterer Nahrung, und obwohl es noch immer unmöglich war, ihre Ursache zu erkennen, durfte man doch hoffen, daß sie nicht noch einmal aufflackern werde.

Jedenfalls ließ sich annehmen, daß der Great-Eyry nicht der Schauplatz vulkanischer Vorgänge gewesen war. Es schien also nicht so, als ob die Bewohner der Umgebung durch ihn von einem verderblichen Ausbruch oder einem Erdbeben bedroht wären.

Da vernahm man gegen fünf Uhr, als der Kamm des Gebirges noch in nächtliches Dunkel gehüllt war, über diesem ein seltsames Rauschen, eine Art regelmäßiges Keuchen, das von mächtigen Flügelschlägen begleitet war. Und wenn es schon Tag gewesen wäre, hätten die Insassen der Farmen und der Dörfer einen riesigen Raubvogel, ein Ungeheuer des Luftmeers, vorüberschweben sehen können, der, nachdem er sich über den Great-Eyry erhoben hatte, in der Richtung nach Osten verschwand.

Zweites Kapitel. In Morganton

Am 26. April war ich von Washington abgefahren und traf am nächsten Tage in Raleigh, der Hauptstadt von Nordkarolina, ein.

Zwei Tage vorher hatte mich der Generaldirektor der Polizei nach seinem Amtszimmer rufen lassen. Mein Vorgesetzter erwartete mich da mit sichtlicher Ungeduld. Dann hatte ich mit ihm folgendes Gespräch, das die Veranlassung zu meiner Abreise wurde.

»John Strock, begann er, sind Sie noch immer der findige und eifrige Mann, der uns bisher Beweise von diesen Eigenschaften geliefert hat?

– Herr Ward, antwortete ich mit einer Verbeugung, es steht mir nicht zu, Ihnen zu versichern, daß ich von meiner Findigkeit, wie Sie sagen, nichts verloren habe, was aber meinen Eifer betrifft, darf ich wohl erklären, daß dieser noch ganz derselbe geblieben ist...

– Ja ja, ich glaube Ihnen, sagte Herr Ward, und ich richte an Sie auch nur noch die eingeschränktere Frage: Sind Sie noch immer der alte, der begierig ist, jedes Geheimnis zu enthüllen, wie ich Sie von früher her kenne?

– Noch immer, Herr Ward...

– Und dieser Forschungseifer hat keine Abschwächung erlitten dadurch, daß Sie ihn so häufig betätigt haben?

– Ich glaube, in keiner Weise.

– Nun denn, Strock, so hören Sie mich an!«

Der Polizeidirektor war jener Zeit fünfzig Jahre alt, im Besitz aller seiner geistigen Fähigkeiten und sehr gewandt in den wichtigen Aufgaben, die sein Amt ihm auferlegte. Wiederholt hatte er mich mit schwierigen Missionen betraut, die ich zur Zufriedenheit ausgeführt hatte, selbst mit solchen, die die Politik berührten, und ich hatte mich dabei immer seiner vollen Anerkennung zu erfreuen. Seit einigen Monaten war jetzt keine Gelegenheit gewesen, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, und diese unfreiwillige Muße wurde mir schon recht lästig. Ich erwartete also mit einiger Ungeduld, was Herr Ward mir mit zuteilen haben würde, zweifelte aber nicht, daß es sich um eine ernsthafte Sache handelte, wenn er mich deswegen ins Feld schicken wollte.

Und da handelte es sich denn um eine Angelegenheit, die zur Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit nicht allein in Nordkarolina und dessen Nachbarstaaten, sondern auch in ganz Amerika lebhaft beschäftigte.

»Es kann Ihnen nicht unbekannt geblieben sein, begann er, was sich in einem gewissen Gebiete der Appalachen in der Nähe des Fleckens Morganton zugetragen hat?

– Natürlich nicht, Herr Direktor; und diese mindestens seltsamen Vorkommnisse sind meiner Ansicht nach gewiß geeignet, auch die Neugier anderer, als eines Menschen wie ich zu erregen.

– Daß sie seltsam, ja höchst merkwürdig sind, ist ja nicht zu bezweifeln. Es drängt sich dabei aber die Frage auf, ob die betreffenden, am Great-Eyry beobachteten Erscheinungen nicht eine Gefahr für die Bewohner jenes Landesteils in sich bergen, ob sie nicht darauf hindeuten, daß dort ein vulkanischer Ausbruch oder eine heftige Erderschütterung zu befürchten sei...

– Ja freilich, Herr Direktor...

– Es ist also von großem Interesse, zu erfahren, wie es dort steht. Sind wir auch ohnmächtig gegenüber einer gewaltsamen Störung in der Natur, so ist es doch geboten, die bedrohten Leute wenigstens vor der Gefahr, der sie entgegengehen, beizeiten zu warnen.

– Das ist entschieden die Pflicht der Behörden, Herr Ward, antwortete ich. Man wird zu erfahren suchen müssen, was eigentlich da oben vorgeht.

– Gewiß, Strock; mir scheint nur, das wird mit großen Schwierigkeiten verknüpft sein. In der dortigen Gegend behauptet man beständig, es sei unmöglich, die Felsmasse des Great-Eyry zu erklimmen und in dessen Inneres zu dringen. Hat man das aber überhaupt schon ernstlich und unter Verhältnissen versucht, die ein Gelingen in Aussicht stellten? Das glaub' ich nicht, und meiner Ansicht nach müßte ein wohldurchdachter Versuch doch von Erfolg sein.

– Unmöglich ist ja nichts, Herr Direktor, und hierbei handelt es sich am Ende um weiter nichts, als um die erforderlichen Kosten....

– Um einen ganz gerechtfertigten Aufwand, Strock, um Unkosten, die gar nicht in Betracht kommen können, wenn es gilt, eine ganze Bevölkerung zu beruhigen oder einem ihr drohenden Unheil vorzubeugen. Ist es denn übrigens so sicher, daß die Abhänge des Great-Eyry so unersteigbar wären, wie man vielfach behauptet? Wer kann z.B. wissen, ob auf oder in dem Berge nicht eine Verbrecherrotte einen Schlupfwinkel gefunden hat, dessen Zugänge ihr allein bekannt sind?

– Wie, Herr Ward, Sie hätten den Verdacht, daß Verbrecher...

– Es kann ja sein, daß ich mich täusche, Strock, und daß dort alles seine natürlichen Ursachen hat. Gerade hierüber wollen wir aber Klarheit haben, und das sobald wie möglich.

– Darf ich mir eine Frage erlauben, Herr Ward?

– Recht gern, Strock.

– Wenn man nun den Great-Eyry besichtigt und die Ursache jener Erscheinungen kennen gelernt hat, würden wir, wenn dort ein Krater vorhanden ist und etwa ein Ausbruch bevorsteht, imstande sein, das zu verhindern?

– Nein, Strock, natürlich nicht, doch die Bewohner jenes Gebietes würden davon benachrichtigt werden. In den Dörfern würden die Leute wissen, woran sie sind, und die Farmen blieben verschont, von einem Unglücke überrascht zu werden. Wer kann denn jetzt wissen, ob irgendein Vulkan in den Alleghanies Nordkarolina nicht ebenso zu verwüsten droht, wie Martinique durch das Feuer des Mont Pelée?... Die Leute dort müßten sich doch wenigstens in Sicherheit bringen können...

– Ich, Herr Ward, glaube noch immer, daß jenes Gebiet von keiner solchen Gefahr bedroht ist...

– Und ich wünsche es, Strock. Es ist ja übrigens unwahrscheinlich, daß es in diesem Teile der Blauen Berge einen feuerspeienden Berg gibt. Die Appalachenkette ist nirgends von vulkanischer Natur. Dennoch hat man, nach den uns zugegangenen Berichten, aus dem Great-Eyry Flammen auflodern sehen. Man hat geglaubt, Erderschütterungen, mindestens ein Erzittern des Bodens, bis in die Umgebung von Pleasant-Garden wahrzunehmen. Sind das nun Tatsachen oder bloße Einbildungen? Darüber müssen wir Gewißheit haben...

– Mit vollem Rechte, Herr Ward, und zwar ohne Aufschub.

– Wir haben auch beschlossen, Strock, eine Untersuchung jener Erscheinungen am Great-Eyry vornehmen zu lassen. Dazu muß sich jemand unverweilt nach dem Lande begeben, um dort alle Beobachtungen, die man gemacht hat, zu sammeln, der Betreffende muß die Bewohner der Dörfer und der Farmer ausfragen... Wir haben auch schon unsere Wahl getroffen, wem diese Aufgabe zufallen soll, und der Mann sind Sie, Strock...

– O, das freut mich herzlich, Herr Ward, rief ich; seien Sie überzeugt, daß ich nichts vernachlässigen werde, Ihnen Aufklärung zu verschaffen.

– Das weiß ich, Strock; mir schien es von Anfang ein Auftrag zu sein, der Ihnen genehm sein würde.

– Genehm, wie kein anderer, Herr Direktor!

– Sie werden da eine schöne Gelegenheit haben, sich an einer Aufgabe zu versuchen, die ja Ihrem Temperamente entschieden entspricht.

– Ganz sicher, Herr Ward.

– Übrigens werden Sie ganz unbeschränkt sein, nach eigenem Ermessen zu handeln. Macht es sich nötig, eine Besteigung mit Hilfskräften zu veranstalten, so haben Sie, was die Unkosten betrifft, völlig freie Hand.

– Ich werde mein Möglichstes tun, Herr Ward, darin können Sie auf mich bauen.

– Insbesondere, Strock, empfehle ich Ihnen, die größte Vorsicht zu bewahren, wenn Sie dort im Lande Erkundigungen einziehen. Die Leute sind begreiflicherweise noch in sehr erregtem Zustande. Von dem, was man Ihnen erzählt, werden Sie nicht alles für bare Münze ansehen dürfen; vor allem aber hüten Sie sich, eine neue Panik hervorzurufen.

– Das versteht sich.

– Ich werde Ihnen ein Schreiben an den Ortsvorstand von Morganton mitgeben, und dieser mag im Vereine mit Ihnen vorgehen. Doch noch einmal, Strock, handeln Sie klug und vorsichtig; ziehen Sie bei der Untersuchung der Angelegenheit auch nicht mehr Personen zu Hilfe, als unbedingt dazu nötig sind. Sie haben ja schon so manche Proben von Scharfsinn und Geschicklichkeit abgelegt: diesmal rechnen wir darauf, aber ganz besonders auf einen glücklichen Erfolg.

– Wenn mir ein solcher versagt bliebe, Herr Ward, kann es nur daran liegen, daß mir unüberwindliche Hindernisse entgegentreten. denn vielleicht ist es doch unmöglich, ins Innere des Great-Eyry einzudringen. und dann...

– Dann werden wir sehen, was sonst zu tun ist. Ich wiederhole Ihnen, daß wir Sie für den Mann halten, der nach Beruf und natürlicher Anlage für eine schwierige Aufgabe am geeignetsten erscheint, und hier bietet sich Ihnen eine herrliche Gelegenheit, Ihren Spürsinn zu befriedigen.«

Der Polizeidirektor hatte entschieden recht.

Ich fragte also nur noch:

»Wann soll ich aufbrechen?

– Schon morgen.

– Morgen werde ich Washington verlassen haben und übermorgen in Morganton sein.

– Und mich werden Sie durch Briefe oder Telegramme auf dem Laufenden erhalten.

– Das werd' ich nicht unterlassen, Herr Direktor. Jetzt zum Abschiede sage ich Ihnen nochmals besten Dank dafür, mich mit der Untersuchung der den Great-Eyry betreffenden Frage betraut zu haben«

Wie hätte ich jetzt ahnen können, was mir in der nächsten Zukunft bevorstand?

Ich begab mich sofort nach Hause, traf die nötigsten Vorbereitungen zur Abreise, und früh am nächsten Morgen führte mich der Schnellzug nach der Hauptstadt von Nordkarolina.

Am Abend in Raleigh eingetroffen, übernachtete ich daselbst, und am folgenden Nachmittag brachte mich die Eisenbahn, die nach dem westlichen Teile des Staates führt, nach Morganton.

Morganton ist eigentlich nicht mehr als ein Marktflecken. Es liegt auf ebenem Boden von Jurakalk, der sehr reich an Steinkohle ist, weshalb hier auch ein recht lebhafter Grubenbetrieb stattfindet. Daneben hat die Gegend viele reiche Mineralquellen, ein Umstand, der ihr in der schönen Jahreszeit eine große Menge Kurgäste zuführt. Rings um Morganton wird eine ergiebige Landwirtschaft betrieben, und vorzüglich reichlich ist der Ertrag der Getreidefelder zwischen vielen, mit Schilf und Rohr bedeckten sumpfigen Tümpeln. Die Wälder enthalten zahlreiche immergrüne Bäume. Der Gegend fehlt nur das natürliche Gas, die unerschöpfliche Quelle für Kraft, Licht und Wärme, die in den meisten Tälern der Alleghanies so häufig angetroffen wird.