Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wir fürchten das Unbekannte zurecht. Doch der wahre Schrecken lauert nicht in der Ferne. Er ist überall. Er begleitet uns in unserem Alltag. Durchzieht das Land unserer Geburt. Erwartet uns am einsamsten Ort der Welt, verfolgt uns in unsere Träume und kriecht zu uns in unser Bett, wenn wir uns am sichersten wähnen. Er trägt die Maske des Wahnsinns und verbirgt sich im Vertrauten. Das Grauen ist nur einen Schritt entfernt und lauert geduldig auf seine Beute. Traust du dich hinzusehen? Lass dich von 9 Geschichten in die Welt des phantastischen Horrors und der Schwarzen Romantik entführen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Staffel
Des Nachts
Das träumende Land
Brot und Spiele
Nachtwandler
Das große Fest
Der perfekte Moment
Schizophrenia
Am Ende der Welt
Als ich an jenem windigen Oktoberabend im Jahre 1931 den Brief meines alten Schulfreundes Giles Boneham erhielt, ging meine anfängliche Freude schnell in Sorge über. Wir hatten seit mehr als einem Jahr keinen Kontakt mehr gehalten. Daher rief seine ungewöhnlich kurze Einladung in einer kaum leserlichen Handschrift noch größere Beunruhigung hervor, als allein die flehentlich, mit zittriger Hand gekritzelten Worte es normalerweise getan hätten. So kam ich nicht umhin, aus Sorge um ihn seiner dringlichen Bitte, ihn so bald als möglich zu besuchen, noch am selben Tag nachzukommen.
Dank meines überstürzten Aufbruchs erreichte ich den letzten Zug Richtung Dunwich. Obschon ich erst zu später Stunde mit einer Droschke im dortigen Vorort ankam, suchte ich mir kein Zimmer für die Nacht. Der beschwörende Ton seiner kurzen Zeilen ging mir nach wie vor nicht aus dem Sinn und trieb mich auf direktem Wege auf Giles’ Schwelle.
Als ich den schweren Klopfer ergriff, musste ich voller Überraschung feststellen, dass die Tür nicht richtig ins Schloss gezogen war und sich bei der ersten Bewegung bereits einen Spalt weit öffnete. Einer unheilvollen Ahnung folgend betrat ich das zweistöckige Haus, das sich in den Schatten der beiden Nachbarhäuser duckte, als wollte es übersehen werden.
Der Flur lag in tiefster Finsternis. Im hereinfallenden schwachen Licht der nächtlichen Stadt erkannte ich nur schemenhaft die Möbel, deren Position sich seit meinem letzten Besuch offenbar nicht verändert hatte. Doch nirgendwo machte ich eine Lampe aus, mit der ich meinen Weg und vielleicht auch meine Stimmung hätte aufhellen können.
So ging ich vorsichtig durch den Flur und ließ mich mehr von meinen Erinnerungen als von den kaum erkennbaren Umrissen leiten.
Schließlich gewahrte ich einen schwachen rötlichen Lichtschein unter einer Tür. Als ich näher trat, vernahm ich auch leise das Knistern eines Feuers. Abgesehen davon blieb es im Haus so still wie auf einem Friedhof bei Nacht.
Aus irgendeinem Grund musste ich mich dazu überwinden zu klopfen und dem mit brüchiger Stimme gekrächzten »Herein, mein Freund« Folge zu leisten. Es klang, als spräche Giles aus der tiefsten Gruft zu mir.
Wie nahe dieser Gedanke doch der Wahrheit kam! Als ich ihn sah, blieb mir vor Schreck beinahe das Herz stehen.
Er war alt geworden! Sein einst so athletischer Körper war ausgemergelt, die Haut fahl und die Wangen so eingefallen, dass ich bereits die Form der Knochen darunter erkennen konnte. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und die Lider hingen müde herunter, sodass er mich lediglich zwischen den Wimpern hervor ansah. Seinen Schädel bedeckte kurzes, schlohweißes Haar und auch die Brust unter dem verschlissenen Morgenmantel zierten nur noch weiße Haare. Er schenkte mir ein erschöpftes, zahnloses und gequältes Lächeln.
»Du bist gekommen«, begrüßte er mich mit der Glückseligkeit eines Sterbenden, der ein letztes Mal seine Liebsten sah. Seine Stimme war kaum mehr als ein schwaches Flüstern. »Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«
»Um Himmels Willen, Giles!«, entfuhr es mir voller Entsetzen. »Du siehst schrecklich aus!«
Während ich mich Halt suchend an einem Sessel festkrallte, brachte er ein trockenes Lachen zustande und winkte müde ab.
»Und das ist nichts im Vergleich zu dem, wie es mir innerlich geht. Ich habe gebetet, du würdest nicht kommen, Nicholas.«
Seine Worte verwirrten mich so sehr, dass der Schrecken infolgedessen abflaute. Langsam trat ich näher an ihn heran.
»Wie hätte ich deinem Flehen denn nicht nachkommen können?«
»Bitte verzeih mir, alter Freund, dass ich dir dies hier zumute.«
Vorsichtig ließ ich mich vor ihm in die Hocke sinken. Er hatte sich in seinem Ohrensessel zurückgelehnt und stierte mich entkräftet unter seinen Lidern hervor an. Für einen Moment konnte ich einen Blick in seine trüben Augen werfen: Darin standen neben Müdigkeit auch Angst und der blanke Wahnsinn geschrieben.
»Was ist nur mit dir geschehen?«, fragte ich leise.
»Ich wünschte, du hättest mich das nicht gefragt«, seufzte er und schloss die Augen.
Dessen ungeachtet begann er nach wenigen Augenblicken zu erzählen. Und was ich hörte, ließ mir die Haare zu Berge stehen.
Vor etwas mehr als einem halben Jahr vermittelte ein guter Freund Giles an einen Kunstsammler, der in Boston außergewöhnliche Werke erstanden hatte, welche er nun weiterverkaufen wollte. Da Giles das Ungewöhnliche und Bizarre sammelte, suchte er ihn noch am nächsten Tag auf. Zu seinem Schrecken fand er dort einen Mann, der mit einem Bein im Grabe stand.
Dieser Mann war nur noch das Zerrbild eines Menschen, von Schwindsucht zerfressen und der Geist bereits trübe. Giles vermutete, dass er gerade deswegen die Bilder verkaufen wollte: Um mit dem Geld seine Behandlung zu finanzieren. Oder vielleicht, um seinen Nachlass zu regeln.
Die Bilder jedenfalls standen ihrem Ruf in nichts nach. Es handelte sich um groteske Horrorszenarien: von Pflanzen, die sich von Menschen ernährten; von seltsam gestaltlosen Kreaturen, die im Untergrund auf ahnungslose Opfer lauerten; von Horrorgestalten, die sich hinter dem Vorhang des Sichtbaren versteckten; und vieles mehr. Abstrakte Schreckensbilder in düsteren Farben gemalt. Giles beschrieb es als eine detaillierte Darstellung der tiefsten Höllen: faszinierend und abschreckend gleichermaßen.
Die Bilder hatte der, inzwischen verstorbene, Besitzer von einem Künstler namens Pickman erworben, der noch weitere, viel verstörendere Bilder gemalt hatte. Noch im gleichen Atemzug mahnte der Verkäufer Giles, dass die Gemälde trotz aller grauenhaften Details nicht annähernd an die Realität heranreichten. Auf Nachfrage erzählte er Giles eine Geschichte, die zu abstrus klang, um wahr zu sein. Doch Giles sollte nicht lange über den Bericht schmunzeln können, denn ihm stand das gleiche bevor.
Noch am selben Abend hörte Giles das erste Mal dieses eigentümliche Geräusch, das am ehesten einem Scharren ähnelte. Zu leise, um es einem Tier zuzuordnen, erklang es fortan jeden Abend; es hörte sich nicht wie von Nagern oder Insekten stammend an, sondern vielmehr – so sonderbar dies auch klang – wie man sich das Wachsen von Wurzeln vorstellen mochte!
Obschon Giles mir bei der Heiligen Jungfrau Maria schwor, dass er mir die reine Wahrheit erzählte, so hielt ich diese Worte bereits für ein Ergebnis seiner gepeinigten Seele; Wahnvorstellungen oder Missinterpretationen, ausgelöst von seiner fortgeschrittenen Schwindsucht. Allerdings sollte seine Erzählung noch weitaus phantastischer werden.
In den folgenden Tagen erschöpfte er zusehends. Er fand keine Erholung mehr im Schlaf. Im Gegenteil schien die Nachtruhe seinen Zustand nur zu verschlimmern. Sein Arzt, unfähig die zunehmende Ermattung erklären, gab ihm lediglich Stärkungstinkturen, die anfangs zwar wirkten, doch die Schwäche nur vorübergehend zurückdrängten.
Eines Morgens bemerkte Giles beim Erwachen ein feines, weißes Gespinst, welches gleich einem alten Spinnennetz seine Füße bedeckte. Er kratzte es sich von der Haut und, da er keine plausible Erklärung dafür finden konnte, schob alle Gedanken daran weit von sich. Doch schon am nächsten Morgen fand er sich abermals mit dem selben Phänomen konfrontiert.
Fortan musste er sich jeden Morgen von diesem weißen Etwas, das, kurz nachdem er es von seiner Haut löste, zu Staub zerfiel, befreien. Und es breitete sich in jeder Nacht weiter aus: über seine Knöchel wanderte es langsam die Waden hinauf. Nach zwei Wochen betraf es selbst seine Hände und Arme.
Mit jedem Tag wurde es schmerzhafter, sich davon zu befreien. Als sei es in die Haut gewachsen, blutete er, wo er es herausriss.
Irgendwann blieb ihm keine andere Wahl, als es abzuschneiden. Reste blieben in seiner Haut zurück und breiteten sich spürbar, feinen Wurzeln gleich, darunter aus.
Giles traute sich nicht, dies bei seinem Arzt anzusprechen. Zu groß war die Sorge, dass er an Wahnvorstellungen litt. Also versuchte er alles Erdenkliche: Ignorieren, abschrubben, mit einer Pinzette herausziehen; selbst mit Feuer rückte er dem seltsamen Bewuchs zu Leibe. Nichts verschaffte ihm dauerhaft Linderung.
Ganz im Gegenteil. Erwiesen sich seine Bemühungen beim Entfernen als besonders erfolgreich, war er am nächsten Morgen erheblich matter als sonst.
Tagelang versuchte er sich mit aller Macht wach zu halten, vermied den Schlaf, allerdings übermannte ihn stets irgendwann die Erschöpfung.
Er wechselte das Schlafzimmer, mietete sich in verschiedenen Gasthäusern ein. Vergeblich. Schließlich entschied er sich, sein Heil in der Flucht aus der Stadt zu suchen.
Kaum hatte er den Entschluss gefasst, streckte ihn sein Schicksal nieder: Er wollte gerade das Haus verlassen, da verweigerten seine Glieder ihm den Dienst. Vielmehr ertappte er sich dabei, dass er wider seinen eigenen Willen in die Stube zurückkehrte.
Er sollte niemals mehr die volle Kontrolle über seinen Körper zurückerlangen.
An manchen Tagen vermochte er sich ungehindert zu bewegen, wenngleich es ihn stark ermüdete. Er verließ das Haus nur noch, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Doch schon bald zwang die widernatürliche Schwäche ihn, sich alles nach Hause liefern zu lassen. Wann immer er hingegen einen Versuch zur Flucht unternahm, kam er lediglich bis zur Tür und vermochte keinen weiteren Schritt mehr zu tun. Allein die Tür zu öffnen, lag außerhalb seiner Macht.
Obwohl er in den nächsten Wochen so viel aß wie ein Bergarbeiter und sich, selbst zu kraftlos, sich von dem Wurzelgespinst zu befreien, magerte er zusehends ab und verfiel in eine matte Lethargie. So vegetierte er nun seit fast drei Monaten vor sich hin und beobachtete den eigenen steten Verfall.
Vor fünf Tagen schließlich erwachte er mitten in der Nacht. Er begriff nur langsam, dass er nicht träumte, durch die dunklen Straßen der Stadt zu wandern, sondern sich tatsächlich ganz ohne sein willentliches Zutun auf den Weg durch die einsame Dunkelheit begeben hatte. Giles war zu einem stillen Beobachter der seiner Selbst Tat degradiert. Doch schnell bemächtigte sich eine eisige Gewissheit seiner: Irgendetwas rief ihn; und er musste dem Ruf folgen.
Seine Beine, gelenkt von den zahllosen hyphenartigen Fäden tief in seinem Fleisch, verschafften ihm durch ein halb verfallenes Gebäude in einem heruntergekommenen Viertel Zugang in ein unterirdisches Kellerreich, dessen Existenz er noch nicht einmal geahnt hatte.
Seine nackten Füße fanden selbst in der undurchdringlichen Finsternis sicheren Tritt. Mit jedem weiteren Schritt intensivierte sich das Drängen – und damit die nackte Panik. Was auch immer dort nach ihm rief, es wäre weitaus grauenvoller als all die Schrecken, die Pickmans Werke wiedergaben. Denn dieses Motiv war greifbar und die Leinwand hieß ›Realität‹.
Er merkte zunächst nicht, dass es langsam heller wurde und erste Umrisse sich aus der Dunkelheit schälten. Doch der unmerkliche Glanz verstärkte sich zusehends zu einer gleichmäßigen, kränklich grünen Lumineszenz; schwach, aber hell genug, um seine Umgebung zu erkennen. Dieses kranke Licht ging von einem pelzigen, schimmligen Überzug an den Wänden aus, der Giles entsetzlich an eine leuchtende Version seines eigenen Leidens erinnerte.
Das Drängen wurde nun brennend, verzehrte ihn regelrecht von innen. Wortlose Sätze, die nicht greifbare Bilder hervorriefen, formten sich in seinem Geist; keiner Sprache zugehörig. Und dennoch verstand er sie. Was sie von ihm forderten, ließ ihn Hoffnung schöpfen und zugleich verzweifeln. Er wusste nun, was es von ihm wollte.
Und dann erblickte er es: Inmitten eines Meeres aus feinen weißen, in ungleichmäßigen, die Augen verwirrenden Mustern lumineszierender Hyphen, die wie Seegras hin und her wogten, sich teilweise nach ihm zu recken schienen, befand sich ein Wesen, so grotesk, dass die Augen sich weigerten, es in seiner absonderlichen Ganzheit zu fassen. So menschlich und zugleich so fremd, dass der Verstand es nicht begreifen konnte, ohne daran zu zerbrechen. Ein Wesen, vage menschlich, entfernt wie ein lebender Schimmelpilz und des ungeachtet ganz anders als alles Irdische.
Bei dem Versuch, dieses Ding zu beschreiben, schrillte Giles' Stimme auf und seine Worte verloren sich in sinnlosem Gebrabbel, das sein abruptes Ende in einem hysterischen Lachanfall fand, welches das Grauen erahnen ließ, das ihm begegnet war. Sein Lachen ging schleichend in ein lautes Schluchzen über, bis er schlussendlich hemmungslos weinte.
»Es … tut mir so unendlich leid, Nicholas, mein alter Freund«, brachte er schließlich erstickt hervor. Sein Gesicht war das Zerrbild des Wahnsinns und der Verzweiflung. »Ich hatte keine andere Wahl, als dir zu schreiben. Ich bin aufgezehrt, leer. Ich kann nicht mehr … Du warst schon immer kräftiger als ich und … Es lässt mich sonst nicht scheiden. Ich will nicht mehr, Nicholas! Bitte verzeih mir, dass ich dich für meine Erlösung verdammt habe. Aber es muss endlich ein Ende finden! Bitte verzeih! Vergib mir meine Schwäche! Verzeih, verzeih, verzeih, verzeih!«
Um Vergebung flehend stemmte Giles sich schwerfällig aus seinem Sessel heraus, doch er besaß nicht einmal die Kraft zu stehen. So fiel er wie eine Gliederpuppe zu Boden und kroch auf mich zu. Zitternd und immer weiter um Verzeihung bettelnd griff er meinen linken Schuh und weinte verzweifelte Tränen darauf, die durchscheinende weißliche Spuren auf dem Leder hinterließen.
»Es … ist gut, Giles«, sagte ich verunsichert. »Ich … Gleich morgen werde ich mit einem Arzt wiederkommen. Du wirst sehen, es wird dir bald besser gehen.«
»Du glaubst mir nicht, nicht wahr?«, lachte Giles hysterisch und richtete sich in eine sitzende Position auf. Seine Stimme ging in ein wahnsinniges, gehässiges Kreischen über: »Du wirst schon sehen. Du wirst schon sehen! Du–«
Plötzlich verstummte er. Sein Kopf ruckte zur Seite und er starrte in die Leere der tiefen Schatten einer Zimmerecke. Ein groteskes Grinsen verzerrte sein Gesicht, als er sich mir erneut zuwandte.
»Geh, Nicholas! Lass mir meinen Frieden! GEH! Hinaus mit dir!«
Die plötzliche Wut und Kraft in seiner Stimme ließen mich zurückschrecken. Ich konnte nichts weiter für ihn tun, als bei Anbruch des Tages einen Doktor nach ihm zu schicken, der ihn in die Nervenheilanstalt verbringen würde. Also murmelte ich eine Verabschiedung und floh aus dem Raum. Während ich den dunklen Flur durchschritt, hallte seine Stimme mir nach: ein Wechselbad aus hysterischem Lachen, Flüchen und dem Flehen um Vergebung. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich ihn lebend sah.
Obwohl ich ihm seine Geschichte nicht glaubte, war ich fraglos erleichtert, nicht nur sein Haus, sondern auch das Viertel hinter mir zu lassen.
Als ich auf eine von Gaslaternen beleuchtete Hauptstraße bog, läuteten die Kirchenglocken gerade Mitternacht. Fröstelnd schlug ich meinen Kragen hoch und überlegte, ob es sich lohnte, jetzt noch ein Zimmer zu suchen. Schlaf würde ich in dieser Nacht sicherlich keinen finden.
Wichtiger war hingegen, wo ich nun erst einmal einen Drink – oder ein paar mehr – bekam.
Die Glocken verhallten und die nächtliche Stille der Stadt kehrte wieder zurück. Ich wusste, früher oder später würde ich eine Bar finden, in der noch Betrieb herrschte. Also lenkte ich meine Schritte ein wenig schneller, als ich mir eingestehen wollte, durch die nächtliche Einsamkeit.
Bloß, war mir nicht so, als hätte ich, in dem kurzen Moment des Überlegens, ein leises Scharren vernommen, so als ob sehr kleine Insekten über Stein krabbelten? Oder … als ob Wurzeln sehr schnell wüchsen?
Erstveröffentlichung in „Grauen in der Dunkelheit“, Sarturia Verlag e.K. Autoren Service 2017
Langsam gleite ich aus meinem Traum an die Oberfläche des Bewusstseins. Es ist finster und kalt. Mein Geist weigert sich, endgültig in die Winternacht einzutauchen.
Lieber verharre ich auf dem Rücken und fahre weiter mit der linken Hand durch Katzenfell. Unter der Decke verkündet ein sanftes Vibrieren an meinem Bein, unterbrochen von zufriedenem Seufzen, das Wohlgefallen meines pelzigen Bettgefährten.
Genüsslich dämmere ich in den Schlaf hinüber. Gibt es etwas Beruhigenderes als eine Katze?
Ich erstarre. Mein Herz überspringt einen Schlag und Schweiß bricht an meinem gesamten Körper aus. Meine Lider springen auf. Doch ich wage nicht hinzusehen.
Das glückliche Brummeln wandelt sich in ein tiefes, bedrohliches Knurren, das mir durch Mark und Bein fährt. Hastig kraule ich weiter. Ein zufriedenes Seufzen erklingt und das Vibrieren setzt erneut ein.
Wie gelähmt starre ich an die Zimmerdecke.
Ich besitze gar keine Katze!
Alle Fenster und Türen sind geschlossen.
Meine Finger wandern durch das Fell des Wesens, das nicht existieren dürfte. Die Standuhr im Wohnzimmer schlägt zur dritten Stunde. Noch vier Stunden bis zur Dämmerung.
Erstveröffentlichung in „Anthologie zum 8. Bubenreuther Literaturwettbewerb 2022“, Herausgeber Christoph-Maria Liegener, 2022
