Der Auftrag der Zauberer - Manuel Otto Bendrin - E-Book

Der Auftrag der Zauberer E-Book

Manuel Otto Bendrin

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Beschreibung

Zwei Reisende, zwei verfeindete Magier, ein Ziel: ein magisches Buch Egilmar und Mena werden unabhängig voneinander entsandt, um dem bösen Hexer Aripin ein Buch zu entwenden. Während Mena zielstrebig ist, sieht sie Egilmar als naiv an, und beschließt, ihn für ihre Zwecke auszunutzen. Bald schon hegt Mena Zweifel an den Absichten ihres Herren, dem Zauberer Ratmar. Ist es wirklich weise, sich mit dem Feind zu verbünden, oder steckt hinter Ratmars Drängen ein viel größeres Geheimnis, und Mena ist auch für ihn nur Mittel zum Zweck?

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Table of Contents

Title Page

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Impressum

Manuel Otto Bendrin

Der Auftrag der Zauberer

 

Kapitel 1

Egilmar

Sanft wiegte sich das trockene Gras im warmen Sommerwind. Ein strahlend blauer Himmel spannte sich über der weiten Steppenlandschaft. Seit Tagen blieb der Regen aus, nicht der leiseste Wolkenschleier trübte das Licht.

Schlurfend setzte Egilmar einen Fuß vor den anderen. Das lange, braune Haar klebte ihm schweißnass im Gesicht, welches ein ungepflegter Bart zuwucherte. Sonnenbrand rötete seine Haut und fiebriger Glanz lag in den grünen Augen.

Wie gerne hätte er den Lederharnisch ausgezogen. Das Wollwams darunter. Oder nur die Arm- und Beinschienen. Seine Füße verursachten bei jedem Schritt ein matschiges Quietschen in den schweißfeuchten Lederstiefeln. Doch er wagte es nicht, seinem Pferd noch mehr Last zuzumuten.

Der arme Falbe folgte ihm brav und mit hängendem Kopf, ohne dass er es am Zügel führen müsste. Willenlos vor Durst. Es trug seinen Proviant, der vorrangig aus inzwischen leeren Wasserschläuchen bestand. Sie mussten bald eine Quelle oder einen Bach finden…

Sein Blick glitt erneut zum Himmel. Die Sonne stand noch nahe dem Zenit und am Horizont lockte der dunkelblaue Streifen der Berge in unerreichbarer Ferne. Seit Tagen kamen sie nicht näher.

Egilmar stieß ein trockenes Husten aus und strich sich über die Kehle. Er hatte noch einen halb gefüllten Schlauch voll brackigem Wasser. Doch er wagte nicht, ihn zu leeren. Wer wusste schon, wie lange dieser traurige Rest noch reichen musste?

Als er den Blick senkte, stutzte er. Spielten seine ausgedörrten Sinne ihm einen Streich? Man hatte ihn vor trügerischen Luftspiegelungen nahe der Berge gewarnt, doch fehlte das verräterische Flirren in der Luft, von dem die Leute gesprochen hatten.

Es musste echt sein! Die schwarze Silhouette eines Reiters, der seinen Weg kreuzte! Egilmars Herz machte einen Freudensprung. Ein Reiter bedeutete jemanden, der sich hier auskannte und hoffentlich Wasser bei sich trug.

Er hob beide Hände und winkte aufgeregt. Sein Freudenschrei ging jedoch in einem heiseren Krächzen unter. Sein Pferd spürte die Anwesenheit eines Artgenossen, stellte die Ohren auf und beschleunigte die Schritte. Egilmar tat es ihm gleich.

Der Reiter bemerkte ihn auch ohne seine Rufe. Bald kam er dem winkenden Recken entgegen und kurz darauf standen die beiden sich direkt gegenüber. Während die Pferde einander interessiert begrüßten, starrte der Reiter auf Egilmar herab.

Er trug ein Kettenhemd über einem luftig wirkenden Wams, weiche Wildlederstiefel und eine Lederkappe. Ein dünnes Tuch hing vor seinem Gesicht und schützte ihn vor der sengenden Sonne. Sein Schimmel war kaum größer als ein Pony, aber dessen sehniger Bau wies ihn als guten Läufer aus. Es wirkte deutlich ausgeruhter als Egilmars Tier, was ihm Hoffnung gab.

»Ich grüße Euch, Fremder«, sprach Egilmar mit kratziger Stimme. »Ihr seid wahrlich meine Rettung.«

»Ihr kommt nicht von hier«, stellte sein Gegenüber mit rauchiger Stimme fest.

»Ist dies derart offenkundig?«

Der Reiter nickte und stieg ab. Er war deutlich zierlicher als Egilmar und mehr als einen Kopf kleiner. Das Schwert an seiner Seite wirkte häufig benutzt und gut gepflegt. Ein Krieger.

»Hat man Euch nicht davor gewarnt, diese Gegend ohne einen Führer zu bereisen?«

»Ach, der …« Egilmars Miene verdüsterte sich bei dem Gedanken an den jungen Mann. »Der hat sich vor zwei Tagen zu weit vom Feuer entfernt, als ein paar Mähnenhunde rumstreiften. Armer Kerl.«

»Trauert ihm besser nicht nach. Der dürfte sich gerade quicklebendig in den Hintern beißen, weil Ihr mich getroffen habt«, sagte der Fremde beiläufig. »Wahrscheinlich wärt Ihr schon längst mit einem Messer in der Brust aufgewacht, wenn Euer Führer nicht lieber der Hitze die Arbeit überlassen hätte.«

Egilmar stockte. Sein Magen krampfte sich zusammen.

»Nein!«, sagte er in rechtschaffenem Unglauben.

»Sicher doch. Euer Führer wollte sich gewiss mit eigenen Augen davon überzeugen, ob Ihr ihn auch bezahlen könnt, um dann einen lächerlich niedrigen Preis zu nennen?«

Woher wusste er das?

»Nein.« Egilmar schüttelte den Kopf. »Der Junge war so aufrichtig und lebensfroh. Wieso sollte er?«

»Natürlich war er das. Bei der Aussicht auf Geld.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Und dann auch noch so ein naiver Einfaltspinsel. Leichter kann man kein Geld verdienen.«

Egilmar stieß ein Knurren aus, das seine ausgedörrte Kehle zu einem schmerzhaften Kratzen verzerrte. Das konnte doch nicht wahr sein! Wieso sollte jemand einen aufrechten Mann sterben lassen, um ihn auszurauben? Wenn er Geld gebraucht hätte, hätte er doch nur fragen müssen!

»Und wer sagt mir, dass nicht Ihr der Betrüger seid?«

»Oh, bitte! Ist Euer Ego dermaßen groß, dass Ihr es an mir auslassen müsst?«

»E-go?«, machte Egilmar etwas dümmlich.

»Du liebe Güte! Ihr braucht in vielerlei Hinsicht Hilfe, wie mir scheint.«

Egilmar starrte sein Gegenüber irritiert an. Hatte der andere ihn gerade beleidigt oder zeugten die Worte von tatsächlicher Sorge? Irgendwie hatte er sich diese ganze Reise deutlich anders vorgestellt.

»Wasser reicht«, sagte er schließlich.

»Das wird Euch auch nicht lange helfen. Für wie viele Tage könnt Ihr Euch mit Wasser bevorraten? Und danach? Wollt Ihr Euch auf Euer … bescheidenes … Glück verlassen, um die nächste Wasserstelle zu finden?«

»Bisher hat es doch geklappt.«

»In die Richtung findet Ihr aber keine hilfsbereiten Menschen, mein Guter.« Der Andere schüttelte den Kopf. »Aber genug davon. Ich bringe Euch erst einmal zur nächsten Quelle. Vermag Euer Ross Euch noch zu tragen?«

»Sofern es bald was zu saufen bekommt.«

»Gut. Die nächste Quelle ist eine halbe Stunde von hier. Also auf, wenn Ihr nicht graben wollt.«

Egilmar folgte dem Beispiel seines neuen Reisebegleiters und saß auf. Sein Falbe gab einen unwilligen Laut von sich, ertrug das schwere Gewicht seines gerüsteten Herrn aber geduldig. Mit gutem Zureden spornte der Recke ihn zu einem leichten Trab an.

Der Fremde setzte sich dennoch schnell ein Stück ab und sah immer wieder ungeduldig über die Schulter zurück, ohne etwas zu sagen. Was hätte es auch gebracht? Egilmars Pferd war erschöpft und es nutzte niemandem, wenn er es so kurz vor der ersehnten Rettung zu Tode hetzte.

Immerhin erhielt Egilmar so die Gelegenheit, über die Worte des anderen nachzudenken. Über seinen Führer. Er wusste, dass es überall Wegelagerer und Halsabschneider gab, denen das Leben eines Reisenden weniger wert war als dessen Geld. Doch die Vorstellung, dass ein Hirtenjunge, der doch Dach und Auskommen besaß, Reisende ins Verderben führte, um sie ihres Besitzes zu erleichtern … Unvorstellbar.

Und dennoch sinnig. Hatte sein Meister ihn nicht genau davor gewarnt? Dass die Welt langsam, aber sicher vor die Hunde ging? Das Böse breitete sich aus wie ein Geschwür und es würde nicht aufhören, bis man es herausschnitt.

Plötzlich ging ein leichtes Zittern durch den Leib seines Pferds und riss den Reiter aus den Gedanken. Das Tier stellte die Ohren auf und sog die Luft durch seine geweiteten Nüstern ein. Im nächsten Moment beschleunigte es seine Schritte von allein.

Egilmar ließ die Zügel locker. Kurz darauf hatten sie ihren neuen Führer überholt. Doch Egilmars Falbe hatte bereits die Witterung der Quelle aufgenommen und hielt zielstrebig auf das kühle Nass zu.

Ohne Vorwarnung tauchte ein kleiner Tümpel voll klaren Wassers inmitten des Steppengrases auf. Noch bevor sein Pferd ganz stand, hatte es das Maul gesenkt und sog gierig das belebende Nass ein.

Egilmar rutschte aus dem Sattel und sank neben seinem Tier auf die Knie, um sich Wasser mit den Händen an den Mund zu schöpfen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der andere Reiter absaß und das Gras niedertrat.

Doch erst, als der brennende Durst gestillt war, wandte Egilmar seine Aufmerksamkeit dem Geschehen zu. Er erhob sich und betrachtete das Werk des anderen: Er hatte einen Kreis von etwa fünf Schritt geschaffen und riss gerade mittig das Gras mitsamt der Wurzeln aus. Erstaunt näherte Egilmar sich.

»Ihr wollt lagern? Jetzt schon?«

»Die nächste Wasserquelle ist fast einen ganzen Tagesritt entfernt. Es wäre unsinnig, jetzt weiter zu reiten. In dieser Gegend muss man jeden Schritt wohl planen. Ob man eine oder zwei Nächte mit den Vorräten auskommen muss, macht einen großen Unterschied.«

Egilmar nickte anerkennend und löste die Schnallen seines Lederharnischs. So langsam musste er wirklich einsehen, dass sein Führer schändliches Spiel mit ihm getrieben hatte.

»Ich danke Euch. Ohne Euch wär ich wohl aufgeschmissen.«

»Tot beschreibt es besser.«

Egilmar seufzte leise. Einen sonderlich angenehmen Begleiter gab der Fremde nicht ab. Dennoch konnte man sich seinen Umgang nicht immer aussuchen. Und alles schien besser, als allein durch die karge Landschaft zu irren.

»Ich heiße Egilmar«, stellte er sich vor. »Und wer seid Ihr?«

Der andere hielt kurz inne, bevor er das Gras auf einen Haufen warf. Danach klopfte er sich die Hände ab. Als Egilmar schon keine Antwort mehr erwartete, kam diese endlich: »Mena.«

»Was?« Egilmar lachte kurz. »Hört schon auf, mich zu verarschen. Das ist ein Frauenname.«

»Ach?«

Sein Gegenüber lüftete den Stoff vor seinem Gesicht und Egilmar schnappte erschrocken nach Luft.

»Ihr seid eine Frau?«

Kapitel 2

Mena

Was hatte sie sich da für einen Dummkopf angelacht? Schweigend hob Mena eine Augenbraue, um das Gegenüber skeptisch anzublicken.

Andererseits passte das zum Restbild. Wie konnte jemand sich dermaßen leichtfertig reinlegen und in die Wildnis führen lassen? Wie einem fremden Menschen dermaßen blind vertrauen? Vielleicht sollte sie sich auch dezent zurückziehen. Naivlinge bedeuteten zumeist nichts als Ärger.

»Woran habt Ihr das nur gemerkt?«, schoss sie sarkastisch zurück.

Er blinzelte sie aus großen Augen an, ehe er die Schultern hob.

»Euer Name … das Gesicht …«

Mena setzte zu einer spitzen Antwort an, beließ es dann aber bei einem schweren Seufzen und einem Augenverdrehen. Das Schlimmste an Reisen waren Menschen, die keinen Sinn für Sarkasmus und Ironie besaßen.

»Schon gut, das sollte ein Witz sein«, sagte sie lahm. Alles andere hatte keinen Zweck.

»Oh. Na dann.«

Er gab sich damit zufrieden und begann, sein Pferd abzuladen. Mena beobachtete ihn dabei aus den Augenwinkeln, während sie ihre eigenen Habseligkeiten abpackte. Seine Ausstattung kündete von einer längeren Reise. Wohin er wohl wollte? Hier gab es nichts außer Gras und wenig gastfreundliche Nomaden, denen man nur begegnete, wenn diese es wollten. Und das wollte man selbst eher vermeiden.

Ob ihr Meister sie vor ihm gewarnt hatte? Möglich. Wenngleich er so einfältig wie ein Dreijähriger wirkte. Vielleicht stellte das auch nur eine Fassade dar. Sie musste vorsichtig vorgehen.

»Was starrt Ihr so?«, fragte er plötzlich in die Stille.

Innerlich zuckte Mena zusammen und konnte gerade noch ihre Gesichtszüge unter Kontrolle halten. Er hatte es bemerkt? Also war er deutlich aufmerksamer, als seine Art vermuten ließ. Sie zauberte ein schiefes Lächeln auf ihren schmalen Mund.

»Ihr seid so rot wie ein gekochter Krebs«, antwortete sie leichtfertig. Die meisten Menschen erwarteten solche Oberflächlichkeiten. »Schmerzt das nicht?«

Egilmar rieb sich die Stirn. Abwesend zuckte er die Schultern und grinste ebenfalls schief.

»Ich merk's schon gar nicht mehr.«

Er lachte kurz und sie stimmte pflichtbewusst mit ein. Schnell kehrte ihr Ernst zurück und sie sah ihn mahnend an.

»Ihr solltet umsichtiger sein. Solange Ihr in dieser Einöde seid, steht Ihr jeden Tag durchgehend im gleißenden Sonnenlicht und auf Dauer ist das gefährlich.«

»Ihr seid Heilerin?«, fragte er erstaunt.

Mena setzte zu einer spitzfindigen Antwort an, erinnerte sich jedoch rechtzeitig an seine letzte Reaktion darauf. Also schüttelte sie seufzend den Kopf.

»Nein, aber es ist vorteilhaft, solcherlei Dinge zu wissen.«

»Stimmt wohl …«, brummte er und sah mit seltsam leerem Blick in die Ferne. Nach einer Weile grinste er wieder. »Gut, dass ich Euch getroffen hab. Was schlagt Ihr vor?«

»Bindet Euch Stoff um den Kopf, wie ich es gemacht habe. Wenn möglich, auch vor das Gesicht. Sofern Ihr den Sonnenbrand lindern wollt, macht das Tuch nass.«

Er dankte ihr und kam ihrer Aufforderung nach. Schließlich hatte er sich mehr schlecht als recht eine Tunika um den Kopf gebunden. Mena musste sich bei seinem Anblick das Lachen verkneifen.

Schließlich entledigte er sich seines Lederpanzers und darunter kam ein völlig durchnässtes Wams zum Vorschein. Bewundernd schüttelte Mena den Kopf. Ihr Kettenhemd stellte bereits eine Qual dar, aber dieser Panzer musste ein regelrechter Ofen sein.

Mit seinem Messer in der Hand trat Egilmar auf sie zu. Unwillkürlich spannte sie alle Muskeln an, doch er ging zu einem kargen Busch und hackte sich einen möglichst geraden Ast heraus.

»Ich geh jagen.«

»Hier werdet Ihr neben Nagetieren nur Vögel finden«, erwiderte sie ruhig. »Vielleicht sollte ich besser? Ich habe immerhin Pfeil und Bogen.«

»Habt Ihr etwas gegen gegrillte Ratte?«, spöttelte er. »Keine Sorge, bisher hab ich noch immer etwas gefangen. Ihr solltet Eure Pfeile für Gefahren aufsparen. Diesen Vorteil würde ich nicht aus der Hand geben.«

Mena maß ihn einige Momente düster, doch konnte sie in seinem Gesicht keine Anzeichen Falschheit erkennen. Entweder war er der ehrlichste Kerl der Welt oder ein hervorragender Schauspieler. Sie würde es schon sehen.

Also nickte sie schweigend. Sie sah Egilmar einige Momente hinterher, wie er wenig vorsichtig durch das hohe Gras ging und dabei den Ast anspitzte. Kurz schmunzelte sie. Wenigstens hatte sie jetzt Zeit, sich eine Taktik zu überlegen, mit er sie ihm Antworten entlocken konnte.

Als Egilmar kurz vor Einbruch der Dämmerung zurückkehrte, hatte Mena sich bereits bequem in ihrem Lager eingerichtet. Nach dem Füllen der Wasserschläuche hatte sie alles für ein Lagerfeuer vorbereitet. Mit hinter dem kahl geschorenen Kopf verschränkten Armen lag sie nun im Gras und betrachtete den Mann müßig.

Dieser verharrte irritiert, bevor er die Tunika abnahm und ihr ein erneutes Grinsen schenkte. Anscheinend gehörte er zu jenen mit notorisch guter Laune. Solche Menschen strengten auf ihre ganz eigene Art an.

Er hob ein Steppenhuhn in ihr Sichtfeld und sie nickte anerkennend. Der große, unscheinbare Vogel würde sie nicht nur heute, sondern auch morgen früh satt machen. In seiner Brust steckte noch der geschärfte Ast. Egilmar war also ein treffsicherer Werfer. Gut zu wissen.

Mit einem schweren Seufzen setzte Mena sich auf und ergriff den bereitliegenden Feuerstein. Egilmar ließ sich ihr gegenüber auf den Boden fallen und beobachtete, wie sie das trockene Gras entzündete. Als es ordentlich brannte, warf sie ein paar getrocknete Pferdeäpfel darauf.

Egilmar zog den Spieß aus dem Vogel und sah das Gegenüber fragend an.

»Möchtet Ihr den Vogel rupfen?«

»Warum?«, schoss sie zurück. »Weil ich eine Frau bin?«

Er legte die Stirn in Falten.

»Nein. Weil Ihr vielleicht auch etwas zu unserem Abendessen beitragen wollt?«

Mena betrachtete ihn argwöhnisch, ehe sie erneut seufzte. Dieser Kerl stellte sie vor Rätsel. Demonstrativ ließ sie sich zurückfallen und starrte in den Himmel.

»Ach. Nein. Ich habe Euch heute schon gerettet, damit habe ich mir dieses Essen verdient.«

»Wie Ihr meint.«

Sie schaffte es, ihr Erstaunen zu verbergen. Egilmar bereitete schweigend das Huhn zu, während Mena stumm die Sekunden zählte. Als ihrer Meinung nach genug Zeit verstrichen war, setzte sie sich erneut auf.

»Was sucht Ihr eigentlich hier? In dieser Einöde findet Ihr tagelang nur Gras und dahinter noch unwirtlichere Einöden.«

Egilmar hielt kurz inne und sein Blick wanderte zum Horizont. Ein düsterer Zug umwölkte sein Gesicht.

»Ich such jemanden«, antwortete er.

»Hier?« Mena lachte ungläubig. »Hier findet Ihr nichts außer vielleicht feindselige Nomaden. Und wenn Ihr weiterreist, nur noch Wilde und Ödnis.«

»Dann bin ich auf dem richtigen Weg.«

»Ernsthaft? Ich meine … selbst, wenn irgendwer in dieser Ödnis lebt, dann will er offenkundig nichts mit anderen Menschen zu tun haben. Nicht gefunden werden.«

»Davon geh ich aus.«

»Ihr seid wohl von der hoffnungslos optimistischen Sorte?«

»Opti- was?«

Egilmar blinzelte sie irritiert an. Für etliche Sekunden wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Doch er sah so ehrlich verloren aus, dass sie nicht daran glauben wollte, er könne sich nur dumm stellen.

»Optimistisch?«, wiederholte sie. »Positiv denkend … immer davon ausgehen, dass alles gut wird?«

»Ah.« Sein Gesicht hellte sich auf und verdüsterte sich fast augenblicklich wieder. »Warum sagt Ihr das dann nicht gleich?«

»Weil es kürzer und präziser ist?« Als sich wieder ein leerer Zug in sein Gesicht schlich, seufzte sie. »Genauer.«

»Und warum findet Ihr etwas, das Ihr dauernd erklären müsst, kürzer und genauer?«, hakte er missmutig nach. »Das sieht doch ein Blinder, dass dem nicht so ist.«

»Normalerweise muss ich mich nicht ständig erklären.«

Eigentlich doch. Außer sie sprach mit Meister Ratmar oder einem ihrer Lehrer. Doch allein, weil Egilmar auf seine tumbe Art Recht hatte, konnte und wollte sie ihm nicht zustimmen.

Er hingegen schüttelte entschieden den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Die wenigsten Leute, mit denen ich rede, benutzen solch großen Worte wie Ihr. Einfache Leute, einfache Worte. So ist das Leben. Die meisten Leute sind einfach gestrickt und scheren sich nicht um große Worte.«

»Ich bin eben nicht ›einfach‹.« Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Und es schadet nicht, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die Dinge zu sehen, die über das Essen hinausgehen.«

»Nein.« Er schüttelte erneut den Kopf. Seine Stimme war so ergeben und zugleich vehement, dass ihr Blut in Wallung geriet. »Große Worte sind gefährlich. Leicht kann man sich davon täuschen lassen. Sich selbst täuschen. Und dann hat das Böse leichtes Spiel. Ich bleib lieber bei den einfachen Dingen, die ich auch versteh. Ein Gelehrter beherrscht auch die einfache Sprache.«

Sie hielt inne.

»Und wenn nicht?«

Seine Hand wanderte beinahe beiläufig auf den Griff seines Schwerts, das neben ihm im Gras lag. Der abwesende Zug verhärtete sich zu der unnachgiebigen Maske eines Fanatikers.

»Dann will er mich offensichtlich täuschen und gehört damit nicht zu den Guten.«

Mena ließ die Worte einige Minuten auf sich einwirken, während Egilmar das Abendessen weiter zubereitete. Als der Vogel auf dem Ast, der ihm den Tod gebracht hatte, über dem Feuer briet, lehnte der Krieger sich entspannt zurück und betrachtete den Sternenhimmel.

Also wagte sie einen neuerlichen Anlauf. »Würdet Ihr mich als ›Böse‹ bezeichnen?«

Er rieb sich das stoppelige Kinn, ehe er schweigend den Kopf schüttelte.

»Warum nicht?«

»Ihr könnt Euch erklären. Das würde niemand tun, der Böses im Schilde führt.«

»Ich könnte Euch anlügen und irgendwelche Erklärungen erfinden …«

Jäh kippte die Stimmung und unwillkürlich fröstelte Mena unter Egilmars eisigem Blick. Sekundenlang schwiegen sie, ehe er sich gerade aufsetzte und die Arme vor der Brust verschränkte.

»Euch treibt ein ungesunder Todeswunsch, wie mir scheint.«

Mena schmunzelte. Um seinem unnachgiebigen Blick nicht begegnen zu müssen, starrte sie auf das Huhn im Feuer, das sich unmerklich dunkler verfärbt hatte.

»Nicht wirklich. Ich versuche nur, Eure Gedankengänge zu verstehen. Wie Ihr die Menschen unterteilt und warum. Das scheint mir … lückenhaft.«

»Es ist nicht meine Aufgabe.« Sein Blick ruhte starr wie der einer Schlange auf ihr und verstärkte so ihr mulmiges Gefühl. »Es reicht für meine Zwecke. Die großen Gedanken überlass ich den Denkern.«

»Macht Ihr Euch das nicht ein wenig einfach?«

Sie wusste nicht warum, aber es regte sie ungemein auf, dass er die Macht der Obrigkeit so ungefragt anerkannte. Er wollte sogar, dass sie für ihn dachten! Da brauchte man sich nicht zu wundern, dass die Welt so verkam und die Mächtigen die Schwachen derart leicht unterdrücken konnten.

Der ruhige Gleichmut, mit dem er ihrer Entrüstung begegnete, verschlimmerte das Ohnmachtsgefühl noch. Wie sollte sie gegen solche Menschen ankommen? Die dermaßen resistent gegen Vernunft waren?

»Vielleicht. Aber ich bin eben kein schlauer Mensch. Große Worte, große Gedanken verwirren mich. Hiermit«, er tätschelte sein Schwert beinahe liebevoll, »kann ich umgehen. Warum soll ich mich an etwas versuchen, das ich nicht beherrschen kann? Am Ende mach ich dann alles nur schlimmer. Oder würdet Ihr im Kampf eine Waffe wählen, mit der Ihr nicht umgehen könnt?«

Mena vermochte ihren Zorn nicht aufrecht zu erhalten. Erstaunt sah sie ihn an. So simpel der Gedankengang auch war, so sprach daraus erstaunlich viel Weisheit. Blieb nur die Frage, ob es sich um seine eigenen Worte handelte, oder ob er auch diese nur nachsprach.

Mit einem resignierten Lächeln wandte sie den Blick ab. »Auch wahr …«

Zur Antwort strahlte er sie über das ganze Gesicht an. Irgendwie wirkte er wie ein großes Kind – ein fast zwei Meter großes, muskelbepacktes Kind mit einem Schwert, das fast so groß war wie sie selbst.

Die nächste Stunde verbrachten sie damit, dem Huhn schweigend beim Schmoren zuzusehen und den eigenen Gedanken nachzuhängen.

Als das Fleisch dampfend seinen Duft in der Nacht verteilte und sie sich daran gütlich taten, nutzte Mena die ausgelassene Stimmung des Essens. Nun würde er sich ihr vielleicht öffnen.

»Darf ich fragen«, sie nahm sich einen Flügel und nagte das Fleisch ab, »wen Ihr eigentlich sucht?«

Egilmar kaute mit offenem Mund und entließ Dampfwolken in die junge Nacht. Als er den Bissen heruntergeschluckt hatte, hob er die Schultern.

»Einen bösen Hexer.«

Mena horchte auf.

»Aha? Und warum?«

»Weil er meinem Herrn etwas gestohlen hat, mit dem er die Welt auslöschen könnte. Und das werde ich zurückholen.«

Also doch! Menas Puls beschleunigte, ihre Kehle schnürte sich zu. Vorsichtig beugte sie sich vor und beobachtete ihr Gegenüber dabei genau. Beim ersten Anzeichen von Aggression musste sie die Waffe parat haben.

»Und das ist?«

»Ein Buch.« Egilmar schüttelte bedauernd den Kopf. »Warum auch immer man so gefährliches Wissen in ein Buch schreibt. Wer auch immer das war, hat sich zu Unrecht einen Gelehrten genannt.«

Mena nickte bedächtig. Er schien noch keinen Verdacht geschöpft zu haben.

»Darf ich fragen, wer Euer Herr ist?«

Egilmar hielt inne und betrachtete sie einen Moment lang mit gerunzelter Stirn. Sie hatte sich zu weit vorgewagt! Am Ende wurde selbst der Einfältigste misstrauisch, wenn man zu viele Fragen stellte. Unwillkürlich spannte sie ihre Muskeln an.

Doch er löste lediglich ein weiteres Stück Fleisch von dem Huhn und antwortete mit stolzer Stimme: »Meinold der Große. Erster Magier des Königshauses Terresch.«

Beinahe wäre sie zusammengezuckt. Sie kaschierte es, indem sie ebenfalls erneut zulangte. Der Appetit war ihr jedoch gründlich vergangen. Lustlos schob sie sich das Fleischstück in den Mund. Was sollte sie mit dieser Information anfangen?

Ratmar hatte sie davor gewarnt, dass sie einem Schergen dieses Hexers begegnen könnte. Einem gewieften Betrüger, den sie am besten sofort töten sollte. Darauf, dass es sich dabei um einen Bären von einem Einfaltspinsel handelte, hatte sie niemand vorbereitet.

Oder war das doch alles nur Fassade? Konnte man dieses Maß an Naivität vortäuschen? Hatte er sie ebenfalls erkannt? Sie gezielt abgefangen und sich als hilfloses Opfer eines ruchlosen Führers ausgegeben, um sich ihr Vertrauen zu erschleichen? Doch wofür? Immerhin standen ihre Chancen, ihn im Kampf zu besiegen, realistisch betrachtet, sehr schlecht. Obwohl sich bei diesem Gedanken sofort ihr Trotz regte.

Warum stellte er keine Gegenfragen? Warum antwortete ihr derart leichtfertig? Die gesamte Zeit über hatte sie sich ihren Widersacher als dämonisches Monster ausgemalt. Nun erschien er ihr beinahe lächerlich harmlos.

Sie schüttelte kurz den Kopf, um ihn zu klären. Sie durfte sich nicht einlullen lassen. Musste vorsichtig bleiben.

Mit einem schiefen Lächeln begegnete sie seinem fragenden Blick. Ermahnte sich selbst stumm zur Konzentration.

»Doch nicht etwa der Große Meinold?«, rettete sie sich.

Egilmars Gesicht hellte sich in ehrlicher Freude auf.

»Ihr habt von ihm gehört?« Dann schüttelte er den Kopf und schalt sich selbst: »Natürlich hat sie das. Er ist schließlich berühmt.«

Berüchtigt traf es wohl besser. Doch Mena nickte schweigend. Jetzt hieß es ruhig bleiben und sich überlegen, wie weiter vorgehen. Sie könnte ihn töten, wenn er schlief … Außer, er hatte das Gleiche mit ihr vor.

»Dann reist Ihr ja in wichtiger Mission.«

Egilmar schien unter ihren Worten zu wachsen.

»Das tu ich.« Im nächsten Moment sah er völlig elend aus. »Deswegen darf ich nicht scheitern. Aber es ist auch meine erste Aufgabe, die ich allein ausführe. Und dann hängt gleich das Schicksal der ganzen Welt davon ab.«

Aus einem Reflex heraus streckte sie die Hand aus, um sie ihm tröstend auf den Unterarm zu legen. Das Feuer jedoch hielt sie rechtzeitig davon ab. Glaubte er das, was er sagte, wirklich?

Sie überspielte auch diese Handlung, indem sie sich noch etwas vom Huhn abriss. Wenigstens aß sie dadurch genug … sie senkte die Lider und schob sich den Bissen in den Mund. Während sie das zarte Fleisch zerkaute, traf sie eine Entscheidung.

Ratmar hatte ihr zwar gesagt, sie solle ihren Widersacher fraglos töten, doch ihre Neugier obsiegte. Erst würde sie ihn noch etwas aushorchen. Ein solcher Bär konnte sich unterwegs als nützlich erweisen. Außerdem: Wann hatte sie jemals fraglos einen Befehl befolgt?

Kapitel 3

Mena

Als Egilmar sich mit den ersten Sonnenstrahlen auf seinem Lager regte, hatte Mena bereits fast alle Habseligkeiten an ihrem Sattel befestigt. Obwohl der Mann sehr schnell eingeschlafen war, hatte sie kein Auge zugetan und auf jedes verräterische Geräusch geachtet.

Inzwischen war sie zu dem Schluss gelangt, dass er sie wohl nicht als seine Gegenspielerin erkannt hatte. Perfekt. Man musste die Vorteile ausnutzen, die einem so bereitwillig in die Arme sprangen.

»Guten Morgen, Schnarchnase. Mit Euch in der Begleitung braucht man weder Bär noch Wolf zu fürchten.«

Egilmar setzte sich auf und rieb sich stöhnend das Gesicht. Die rote Haut schälte sich an mehreren Stellen ab. Wenigstens besaß er doch so etwas wie ein Schmerzempfinden. Verschlafen ließ er den Blick über das aufgeräumte Lager wandern.

»Schon im Aufbruch?«, fragte er wenig intelligent.

Einer von der Sorte, die nur langsam aus dem Schlaf in die Gegenwart fanden. Gut zu wissen. Nur für den Fall der Fälle natürlich …

»Man sollte die kühlen Morgenstunden ausnutzen, wenn man das Grasmeer durchqueren will. Habt Ihr Euch denn kein bisschen auf diese Reise vorbereitet?«

Sein Blick blieb an ihr hängen und ein herzhaftes Gähnen trieb den letzten Schlaf aus seinem schlaffen Gesicht. Etwas umständlich rappelte er sich auf und wankte zum Wasserlauf, um sich zu waschen.

»Ich hab alles dabei, was ich brauch«, antwortete er anschließend.

»Außer einer Ahnung, wie Ihr hier zurechtkommt«, berichtigte sie.

»Ich hatte einen Führer. Woher hätte ich wissen können, dass ich ohne ihn auskommen muss? Warum sonst holt man sich einen Führer?«

Sie schmunzelte kurz und warf ihm seine Tunika zu.

»Macht die ordentlich nass. Wenn Ihr Eure Wasserschläuche gefüllt habt, brechen wir auf. Essen könnt Ihr auch unterwegs.«

»Aufbrechen? Wir?«

Egilmar hielt mitten in der Bewegung inne und sah sie völlig irritiert an. Mena setzte ein Lächeln auf, das keinen Widerspruch duldete.

»Natürlich. Allein kommt Ihr niemals lebend an Euer Ziel. Ich kenne die Karten von dieser Gegend und kann Euch also genauso gut führen.«

»Äh …«, machte er etwas überfordert. »Ist das eine gute Idee? Ich meine …«

»Weil ich eine Frau bin und das zu gefährlich für mich wäre?«, schnappte sie.

»Nein!« Er hob abwehrend die Hände. »Junge, habt Ihr so ein großes Problem damit, eine Frau zu sein? Müsst Ihr denn nicht irgendwohin?«

Meinte er das tatsächlich ernst?

»Versteht mich nicht falsch«, fügte er an. »Ich würde mich freuen, wieder einen Führer zu haben, aber wir sind uns nur zufällig begegnet und ich möchte Euch nicht von dem abhalten, was Ihr eigentlich tun wollt. Ich komm schon zurecht. Ihr wisst doch: Die Götter sind mit den Rechtschaffenen.«

Beinahe hätte sie aufgelacht. Wenn dem nur so wäre! Sie bevorzugten wohl eher die Dummen. Doch Mena behielt ein ernstes Gesicht und zuckte lediglich die Schultern.

»Ich bin unterwegs, um Abenteuer zu erleben. Die Welt kennenzulernen und sie vielleicht zu einem besseren Ort zu machen. Von daher passt das ganz gut in meine Pläne.«

Seine Miene hellte sich auf. Da war es wieder, dieses nervende, kindliche Dauergrinsen.

»Das ist ja wunderbar! Mir scheint, wir wurden vom Schicksal zueinander geführt.«

Er schlug ihr kameradschaftlich auf den Rücken. Obwohl das Kettenhemd die größte Wucht abfing, stolperte sie einen Schritt nach vorne. Erschrocken keuchte Mena auf und starrte den Mann aus großen Augen an. Wie viel Kraft mochte erst in einem ernstgemeinten Hieb stecken?

Doch er bemerkte ihren Unglauben nicht. Er hatte sich bereits abgewandt und füllte seinen Wasservorrat auf.

»Ich habe aber eine Bedingung«, sagte Egilmar dabei. »Kein ›Ihr‹ mehr, wo wir doch jetzt Kameraden sind.«

Wenige Minuten später hatte Egilmar seinen Lederpanzer angelegt und sich das triefend nasse Tuch um den Kopf gebunden. Sie saßen auf und mit einem Zungenschnalzen gab Mena das Zeichen zum Aufbruch.

Die erste Zeit ritten sie schweigend nebeneinander her und genossen die kühle Morgenluft. Mit steigender Sonne jedoch drückte die Hitze ihre Lust, miteinander zu sprechen noch weiter, und als Mena zwei Stunden nach Mittag entschied, eine Rast einzulegen, widersprach Egilmar nicht.

Zu seinem Erstaunen versenkte Mena ihr Schwert und ihre Scheide im Boden, um dazwischen eine Wachstuchplane zu spannen. Widerspruchslos gab er seine Waffen her, sodass sie eine, wenngleich niedrige, Überdachung schuf, unter die sie beide passten.

Während die angepflockten Pferde neben ihnen grasten, legten die Menschen sich unter die Plane. Darunter war es zwar noch immer heiß, doch sie entgingen der gnadenlos brennenden Sonne.

»Willst du schon lagern?«, fragte Egilmar, als er eine halbwegs bequeme Position gefunden hatte.

»Nur über die heißen Mittagsstunden«, antwortete sie schläfrig. Die letzte Nacht und die Hitze forderten ihren Tribut. »Die nächsten zwei bis drei Stunden ist es am schlimmsten. Besser, wir nutzen die Dämmerung aus.«

»Du reist wohl viel, was?«

»Viel zu wenig für meinen Geschmack.«

Langsam dämmerte Mena in einen leichten Schlaf hinüber. Sie hörte ihn noch etwas sagen, doch der Sinn seiner Worte erreichte sie schon nicht mehr.

Etwas traf ihre Schulter.

Mena schlug die Augen auf, riss das Messer von ihrem Gürtel und griff nach oben. Ihre Hände fassten ins Leere.

»Ho!«, machte Egilmar entsetzt. »Immer ruhig! Ich bin's doch nur!«

Ihr Blick streifte niedergetretenes Gras und einen Lederstiefel, der sich knapp außerhalb ihrer Reichweite befand. Im nächsten Moment beugte der Träger sich herunter und Egilmars Gesicht tauchte unter der Plane auf.

»Ich wollt dich nicht erschrecken«, sagte er reumütig. »Aber ich glaub, es ist Zeit aufzubrechen.«

Mena grunzte und steckte das Messer zurück. Eigentlich hatte sie doch gar nicht schlafen wollen. Er hätte sie leicht umbringen können! Doch er hatte es genauso wenig getan, wie sie in der Nacht zuvor.

Sie rollte unter der Plane hervor und kam in einer fließenden Bewegung auf die Beine. Ein Blick in den Himmel sagte ihr, dass fast eine Stunde mehr vergangen war als beabsichtigt. Ein Seufzen entwich ihrer Kehle.

»Das ist es definitiv.« Sie bemerkte seinen fragenden Blick und seufzte erneut. »In der Tat.«

Damit gab er sich zufrieden und machte sich daran, das improvisierte Zelt abzubauen. Kurz darauf saßen sie erneut zu Pferd und ritten weiter der untergehenden Sonne entgegen.

»Wie kommt es, dass du dich hier so gut auskennst?«, fragte Egilmar nach einigen Minuten in die Stille.

Mena zuckte die Schultern.

»Ich informiere mich, bevor ich in fremdes Gebiet reise. Karten sind sehr hilfreich.«

»Oh. Karten können so viel Wissen über eine Gegend haben? Ich dachte schon, du kämst von hier.«

Sie lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Allein die Vorstellung war absurd.

»Beim besten Willen, nein. Ich komme weiter aus dem Osten, wo es deutlich feuchter und lebenswerter ist als hier.«

Er ließ seine grauen Augen über die Landschaft wandern: Ein eintöniges Gelbgrün, das nur hier und da ein niedriger Busch durchbrach.

»Mein ich das nur, oder werden die Büsche häufiger?«, fragte er unvermittelt.

»Das stimmt. Und es werden auch immer mehr werden, je näher wir den Bergen kommen. An ihren Ausläufern sammeln sich Feuchtigkeit und die Schneeschmelze bringt Wasser in die Gegend. Aber die Flüsse und Bäche verlaufen viel weiter im Norden.«

»Du weißt viel. Bist du wirklich keine Gelehrte?«

»Genauso wenig wie ein böser Mensch.«

»Das ist gut.«

»Aber erzähl doch mal von dir. Wie kamst du in den Dienst ausgerechnet eines so … großen Magiers? Das ist doch nicht selbstverständlich, oder?«

Anscheinend nahm er an, dass sie in ihrer Pause weniger nach einer nicht beleidigenden Aussage, sondern nach einem einfachen Wort gesucht hatte, denn er schöpfte offensichtlich keinen Verdacht.

»Er hat mich gekauft.«

Mena blinzelte. Gekauft? Und darob entwickelte man eine solch blinde Loyalität? Konnte dieser Mann wirklich so einfältig sein? Oder hatte er sich gerade verraten?

Doch nichts deutete an, dass Egilmar über diese Tatsache ein Urteil fällte. Er nahm es einfach als gegeben. Normal. Als gäbe es keinen Grund, das zu hinterfragen. Konnte jemand diese Naivität überhaupt spielen?

»Oh«, brachte sie schließlich hervor. »Einfach so? Warum dich?«

»Das hab ich ihn nie gefragt.«

»Und wenn du raten müsstest?«

»Es steht mir nicht zu, seine Entscheidungen zu hinterfragen. Das ist Sache von Gelehrten.«

»Du sollst sie ja nicht hinterfragen. Aber willst du es gar nicht wissen? Hast du dich wirklich nie gefragt, warum er dich und nicht irgendein anderes Kind gekauft hat?«

Bedächtig schüttelte er den Kopf. Seine Augen lächelten dabei in einer Glückseligkeit, die sie spontan beneidete. Wie einfach mochte so ein Leben wohl sein?

»Er wird etwas in mir gesehen haben, das all die anderen Kinder nicht hatten. Und wenn ich den Grund kennen müsste, hätte er ihn mir genannt.«

Welch armer, simpler Narr. Zu ihrem eigenen Verdruss spürte Mena Mitleid in sich aufsteigen. Sie durfte sich gefühlsmäßig nicht auf diesen Mann einlassen! Er war immer noch ihr Widersacher und sie wusste noch lange nicht genug, um sagen zu können, ob er sie nicht doch an der Nase herumführte.

»Euer Meister ist zu beneiden. Solch einen treuen Mann an seiner Seite zu wissen.«

»Was?«

Egilmar starrte sie aus großen Augen an, bevor er den Kopf verunsichert zur Seite drehte. Das folgende Schweigen hielt an, bis sie weit nach Einbruch der Dämmerung an einer Quelle Halt machten. In einem etwa zwei Meter messenden Loch sprudelte klares Wasser aus dem Boden und bildete ein schmales Rinnsal, das nach drei Metern wieder im Grund verschwand.

Auch während sie ihr Lager aufschlugen, wich Egilmar ihrem Blick aus. Schämte er sich tatsächlich dafür, dass sie ihn gelobt hatte?

Schließlich brannte ein kleines Feuer und erhitzte einen Topf, in dem Kräuter und Wurzeln köchelten, welche Mena aus dem Boden gegraben hatte. Von der Last der Rüstungen befreit saßen die Reisenden einander gegenüber.

»Wie lange willst du das noch machen?«, durchbrach Mena schließlich das Schweigen.

Er sah kurz fragend auf, starrte aber sofort wieder in die Flammen. Sie seufzte und verdrehte die Augen.

»Du darfst ein Lob ruhig annehmen, ohne dich danach stundenlang selbst zu geißeln.«

Er presste die Lippen aufeinander und schüttelte trotzig den Kopf.

»Stolz ist eine Schwäche, die uns anfällig für die Einflüsterungen unserer Feinde macht.«

»Du liebe Güte!« Mena verdrehte erneut die Augen. »Man darf sich aber kurz freuen. Es sollte einem nur nicht zu Kopf steigen. Das ist ein himmelweiter Unterschied.«

Wieso gab sie ihm überhaupt diesen Rat? Sie sollte schweigen und sich diese Schwäche merken – sie könnte am Ende den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen.

Andererseits, warum auch nicht? Entweder er glaubte das wirklich, und dann war er harmloser als gedacht. Oder er manipulierte sie, was dann auch keinen Unterschied mehr machte. Im Gegenteil: Wenn er glaubte, sie um den Finger gewickelt zu haben, würde er unvorsichtiger werden.

»Es fängt immer klein an«, widersprach er. »Der erste Schritt führt zum zweiten und so weiter.«

»Also beleidigst du lieber dein Gegenüber, indem du das Lob in den Wind schlägst?«

»Beleidigen?« Schreck schwang in seiner Stimme und sein Kopf ruckte hoch. »Wieso?«

»Wenn dir jemand ein Kompliment … ein Lob ausspricht, dann möchte er dir meistens etwas Gutes tun. Dir Anerkennung zeigen. Man sagt zumindest ›danke‹ und lächelt. Aber wenn du darauf reagierst wie ein Sauertopf, den man beleidigt hat … Überlege mal, wie das wirkt.«

»Oh …« Er kratzte sich am Kopf. »Das macht Sinn. Aber … Meinold sagte doch …«

»Na ja, du darfst ja nicht vergessen: Ein Gelehrter muss die einfachen Worte so lernen, wie du die schweren lernen müsstest. Vielleicht hat er sich ungünstig ausgedrückt. Oder es war ein Missverständnis?«

Minuten verrannen, während Egilmar nachdenklich in die Flammen starrte. Endlich sah er wieder zu Mena auf.

»Du bist sehr schlau. Du bist wahrlich eine ungewöhnliche Frau.«

»Danke.«

Sie strahlte ihn an. Ausnahmsweise meinte sie dieses Lächeln sogar ernst.

Kapitel 4

Egilmar

Vier Tage später nahmen die Berge einen guten Teil des Horizonts ein. Egilmar starrte die bläulichen Umrisse voller Erstaunen an, während Mena unbeeindruckt weiterritt.

»So sehen also Berge aus«, murmelte er zu sich, um anschließend die Stimme zu heben: »Wie weit ist es noch?«

Seine Begleiterin hielt ihr Pferd an und drehte sich zu ihm um. Ihre grünbraunen Augen drückten Ungeduld aus.

»Zwei Tage. Mindestens. Wenn du weiter so trödelst, noch länger.«

Egilmar riss die Augen auf.

»Zwei Tage noch? Aber wie groß sind die Berge denn dann?«

Erneut warf sie ihm einen Blick zu, der irgendwo zwischen Misstrauen und Mitleid schwankte. So sah sie ihn oft an. Das Mitleid mochte er noch verstehen – so schauten viele Gelehrte in der Gegenwart von normalen Menschen drein. Doch wieso misstraute sie ihm? Was hatte er ihr nur getan? Oder misstraute sie der ganzen Welt? Solche Menschen gab es schließlich auch.

In den letzten Tagen hatte Egilmar nur wenig über sie erfahren. Mena erwies sich als eine schweigsame Frau, die lieber Fragen stellte, als sie zu beantworten. Das erkannte er natürlich an.

»Sehr, sehr hoch«, antwortete die Frau schließlich amüsiert. »Hunderte, tausende Meter.«

Tausende? Egilmar vermochte sich diese Zahl nicht vorzustellen. Wie viele aufeinandergestapelte Türme mochten das wohl sein? Dreißig? Er schüttelte den Kopf und seufzte. Warum gab es in der Welt überhaupt Dinge von solch ungegenständlicher Größe?

Aber seine Aufgabe bestand auch nicht darin, die Welt zu hinterfragen. So lenkte er den Blick zurück auf Mena und legte die Stirn in Falten.

»Dann trennen sich unsere Wege wohl?«

Er wusste nicht, was er darüber denken sollte. Fürwahr, solch ungewöhnlicher Frau war er noch nie zuvor begegnet: Wortgewandt, schlau, selbstständig auf eine Art, die ihn stark an seine Mutter erinnerte. Eigentlich wollte er mehr erfahren. Woher sie kam und warum sie Abenteuer suchte, statt sich einen Platz als Gelehrte zu verdienen.

Mena legte den Kopf schräg und betrachtete die Berge einige Zeit schweigend. Die Eile auf einmal war auf einmal vergessen.

»Möchtest du das?«

Er hob die Schultern.

»Du hast mir angeboten, mich zu den Bergen zu bringen. Die kann ich nun nicht mehr verfehlen. Daher besteht doch kein Grund mehr für dich, nicht deiner eigenen Wege zu gehen.« Er streichelte seinem Pferd über den Hals. »Wieso solltest du dich in ein Gebiet wagen, das du selbst nicht kennst?«

Als sie sich wieder zu ihm umwandte, blitzten ihre Augen verwegen auf. Die Lust auf Abenteuer stand darin geschrieben. Eine gefährliche Sache, denn sie machte Menschen unvernünftig und übermütig.

»Wieso nicht?«, erwiderte sie. »Unbekanntes Terrain – Gebiet – wird nur durch Erkundung bekannt. Jeder Strich auf einer Landkarte wurde von jemandem ausgeführt, der sich ins Unbekannte gewagt hat.«

Egilmar seufzte. Sie tat dies aus falschen Gründen. Zu unbekümmert. Getrieben von Ehrgeiz.

»Meine Reise ist sehr gefährlich«, erklärte er ruhig. »Bekannte und unbekannte Schrecken warten dort vorne. Der Tod lauert hinter jedem Busch. Und ich möchte nicht, dass du aus reinem Übermut dein Leben verwirkst.«

»Und wie er lauert!« Mena lachte höhnisch. »Der Tod ist so bei der Sache, dass er eingeschlafen ist und nicht vor dem nächsten Frühjahr aufwacht. Du neigst zur Übertreibung. Wie die meisten Heldengeschichten.«

Dabei trieb sie ihr Pferd zu einem leichten Trab an. Egilmar blieb nichts anderes übrig, als es ihr gleichzutun. Dennoch ärgerte ihn die Leichtfertigkeit, mit der sie über seine wichtige Aufgabe sprach. Als würde er nur irgendwohin reiten, um am Ende eine spannende Geschichte erzählen zu können.

»Du solltest nicht so hochmütig sein«, schalt er sie. »Hochmut kommt vor dem Fall. Und es ist stets besser, vom Schlimmsten auszugehen. Niemand hat diese Berge durchwandert und ist lebend zurückgekehrt, daher kann man nicht vorsichtig genug sein.«

Außerdem wartete am Ende seiner Reise ein garstiger alter Magier, der seinen Schatz sicher nicht freiwillig aufgeben würde.

»Bla, bla, bla«, machte sie genervt. »Ihr Männer seid doch alle gleich. Kopfüber in die Gefahr stürzen, aber wehe eine Frau will mal etwas erleben. Dann ist es gleich viel zu gefährlich. Weißt du was? Das kotzt mich an! Das -«

Sie brach ab, als ihr Pferd plötzlich bockte. Es ging hoch und wendete auf den Hinterbeinen. Doch irgendwo rutschte es ab und fiel, wobei es Mena abwarf. Die Frau stieß einen wüsten Fluch aus, als sie in einer steilen Sandkuhle landete und langsam nach unten glitt.

Egilmar zügelte sein Tier augenblicklich und sprang aus dem Sattel. Während er zum Rand des Trichters lief, kämpfte sich Menas Pferd aus dem Sand frei und kam zitternd auf die Beine. Mit ruhigen, beinahe schwimmenden Bewegungen arbeitete die Frau sich langsam zurück zur Kante.

»Du musstest es ja heraufbeschwören«, tadelte Egilmar. »Soll ich dir helfen?«

Mena spuckte schimpfend aus. Sie kam nur langsam in dem stetig nachrutschenden Sand voran.

Egilmar ließ den Blick wandern und schüttelte verblüfft den Kopf. Der Trichter maß etwa drei Meter im Durchmesser und war beinahe ebenso tief. Dennoch hatten sie ihn zwischen dem hohen Gras nicht gesehen. Doch wie kam solch ein Sandloch in eine sonst so üppig bewachsene Gegend?

Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Sie sollten besser verschwinden, bevor dieser Ort sein Geheimnis lüftete.

Egilmar starrte ins tief liegende Zentrum des Trichters und erschrak. Dort bewegte sich etwas!

»Beeil dich!«, rief er aus. »Da ist was hinter dir!«

Mena wandte den Kopf. Als sie sich reckte, um besser sehen zu können, rutschte sie ein gutes Stück zurück.

Kaum sah sie es ebenfalls, stieß sie einen gotteslästerlichen Fluch aus und verdoppelte ihre Anstrengungen. Doch das sorgte nur dafür, dass der Sand unter ihr noch stärker ins Rutschen geriet.

Egilmars Herz setzte einen Schlag aus. Im ersten Moment wollte er sein Schwert ziehen und hinabspringen. Doch er hielt sich gerade noch zurück. Das wäre dumm! Sollte er sein Messer werfen? Nein, das wäre noch dümmer! Pfeil und Bogen? Damit konnte er nicht umgehen.

»Wirf mir ein Seil zu!«, schnauzte Mena ihn an.

Natürlich! Egilmar hatte sich dermaßen im Drang anzugreifen verloren, dass er das Offensichtliche übersehen hatte. Er löste das Seil vom Sattel seines Pferds.

Als er wieder am Trichterrand stand, vergaß er beinahe, zu atmen. In der Mitte befand sich ein riesiger, schwarzer Kopf mit armlangen Klauen am Maul. Der Panzer des Insekts glänzte matt. Knapp unter der Oberfläche bewegten sich sichtbar zwei Beine und verstärkten den Sandrutsch. Mena hatte deutlich an Boden verloren. Ihre Beine traten nur noch Zentimeter von den schnappenden Kiefern entfernt aus.

Egilmar warf das Seil. Die geflochtenen Fasern schlugen hart auf ihrem Kopf auf. Augenblicklich griff Mena danach und Egilmar zog. Sie war schwerer, als er erwartet hatte.

Widerwillig gab die Sandfalle ihre Beute frei. Mit Entsetzen sah Egilmar, dass das Biest sich weiter aus dem Boden wand und seinem Opfer nachsetzte. Er drehte sich um, führte das Seil über seine linke Schulter und stemmte sich mit aller Kraft gegen das Gewicht.

Es gab einen kräftigen Ruck und beinahe im Laufschritt zerrte er Mena aus dem Trichter. Plötzlich ließ der Widerstand nach und Egilmar stolperte zwei Schritte vorwärts. Bereit, sofort zurückzustürmen, fuhr er herum.

Zu seiner Erleichterung kam Mena gerade am Rand des Trichters auf die Beine. Sie riss ihr Schwert aus der Scheide und wandte sich der Falle zu. Schon erwartete Egilmar, das riesige Insekt würde sich gleich auf sie stürzen. Doch nichts geschah.

Mena entspannte sich nach wenigen Sekunden und wich langsam zurück. Egilmar lief an ihr vorbei und warf einen Blick in den Trichter. Gerade noch sah er, wie die Kiefer des Untiers im Sand verschwanden.

Nach kurzem Zögern trat die Frau an seine Seite und blickte ebenfalls hinab. Kopfschüttelnd kehrten die beiden schließlich zu ihren Pferden zurück.

»Ich frage mich, was das war«, sagte Mena unvermittelt.

»Etwas, das dich fressen wollte.«

Nickend rollte sie das Seil auf und reichte es ihm, damit er es zurück in sein Gepäck packen konnte.

»Bist du nicht neugierig? Wir sollten vielleicht herausfinden, was es ist.«

Egilmar stutzte. War sie irre geworden? Mit einem demonstrativen Seufzen saß er auf.

»Ein riesiger Käfer«, antwortete er. »Und wir sollten weiterreiten. Deutlich vorsichtiger.«

Mena warf einen letzten, langen Blick auf den Trichter, ehe sie seinem Beispiel folgte und ihr Tier an seine Seite lenkte. Langsam umritten sie die tödliche Falle.

»Ich verstehe dich nicht«, gestand sie plötzlich. »Wie kannst du nach solch einer Entdeckung weiterreiten, als wäre es etwas Alltägliches? Wenn ich nicht hineingefallen wäre, hättest du es dann einfach ignoriert – nicht beachtet?«

»Ja!«, fuhr er sie an. »Und weißt du, warum? Weil es offensichtlich nicht hierhergehört! Schon meine Mutter hat immer zu sagen gepflegt: ›Wenn etwas aussieht, als würde es nicht an diesen Ort gehören, dann gehört es nicht dahin und ist damit fast immer gefährlich.‹ Dem kannst selbst du nicht guten Gewissens widersprechen.«

Sie setzte zu einer Antwort an, hielt jedoch im letzten Moment inne und legte den Kopf zur Seite. Egilmar brummte. Er mochte vielleicht kein großer Denker sein, aber das einfache Volk war deutlich besser darin zu überleben als alle Gelehrten der Welt zusammen.

»Schon, aber«, setzte sie an und erntete ein genervtes Schnauben. Deutlich giftiger fuhr sie fort: »Manche Risiken – Gefahren – muss man eingehen. Jedes neue Wissen kann von unschätzbarem Wert sein.«

»Aha?« Egilmar warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Ist das wieder eine eurer Gelehrtenweisheiten?«

»Eine Weisheit, die auch für Nichtgelehrte Gültigkeit besitzt. Wenn wir jetzt Wissen über diese seltsame Kreatur sammeln, dann können wir es daheim mit anderen Menschen teilen. Diese sind dann gewarnt und wissen, wie sie im Falle eines Falles richtig reagieren – handeln – müssen. Indem wir uns einer vermeidbaren Gefahr stellen, können wir das Leben anderer sicherer machen.«

»Das Leben von Gelehrten«, stimmte Egilmar zu. »Jeder Mensch mit einem kleinen bisschen Selbsterhaltungstrieb wird sich von allein von so etwas fernhalten.«

Mena schüttelte mit einem leicht höhnischen Lachen den Kopf.

»Du glaubst nicht, wie dumm Menschen sein können. Das fängt bei Kindern an, die es noch nicht besser wissen. Und am schlimmsten sind junge Männer, die kurz vor dem Erwachsensein stehen. Viele würden da hineinspringen, nur um ihre Freunde oder ein Mädchen zu beeindrucken.«

»Und du denkst, die würden das nicht machen, wenn sie wüssten, dass in der Mitte ein hungriger Riesenkäfer wartet?«

»Wenigstens würden sie nicht versuchen, beim Sprung das Zentrum – die Mitte – zu treffen, sondern eher ›wer traut sich am weitesten voran‹ spielen. Damit würden deutlich weniger von ihnen den sicheren Tod finden, als wenn sie es nicht wüssten.«

Egilmar betrachtete sie eine Weile schweigend. Die wenigsten Gelehrten scherten sich darum, ihren Wissensdurst zum Wohle des gemeinen Volkes einzusetzen. Sie hingegen erinnerte ihn stark an Meinold.

Die meisten Gelehrten trugen ihre Köpfe in der Luft und redeten über Dinge, die kein Mensch jemals brauchen würde. Sie sammelten Wissen, um sich wichtiger zu fühlen, als andere. Teilten es ungern und scherten sich nicht darum, ob es der Gemeinheit nutzen könnte. Nicht so Meinold – er gebrauchte seinen Verstand, um den einfachen Leuten zu helfen. Darum vertraute Egilmar ihm blind.

Und Mena hatte dieselbe Art an sich. Bestimmt hatte das Schicksal dafür gesorgt, dass sich ihre Wege kreuzten. In ihr hatte er eine nützliche Verbündete gefunden.

Schließlich zuckte er mit den Schultern und warf einen kurzen Blick über die Schulter. Der Trichter war zwischen dem hohen Gras nicht mehr auszumachen. Verschwunden wie ein böser Traum nach dem Aufwachen.

»Vielleicht hast du recht. Aber es werden mehr Menschen sterben müssen, wenn ich bei meiner Aufgabe scheiter.«

»Aber grundsätzlich verstehst du mich?«

Er nickte.

»Mehr will ich auch nicht.« Sie schmunzelte und zog ihr Tuch wieder zurecht. »Wir haben einiges an Zeit verloren. Werden vor der Dämmerung nicht mehr an der nächsten Quelle ankommen.«

»Der Mond geht früh auf. Das dürfte an Licht reichen.« Egilmar schwieg einen Moment, ehe er das Thema wechselte: »Was wirst du tun, wenn wir die Berge erreichen?«

»Das sehe ich dann. Das ist nicht kartografiertes Land … auf keiner Landkarte aufgezeichnet. Der Gedanke, die Erste zu sein, die eine Karte davon anfertigt, ist sehr verlockend.«

Egilmar dachte schweigend nach. Wie so oft drückte sie sich umständlich aus, aber er meinte, den Sinn ihrer Worte zu verstehen. Und wider besseres Wissens freute ihn das sogar. Zugegeben hatte es ihn geängstigt, wochenlang allein unterwegs zu sein.

»Es wird eine gefährliche Reise. Dort werden noch ganz andere Dinge lauern als dieser riesige Käfer.«

»Du musst es mir nicht noch schönreden«, feixte sie. Wieder schienen ihre Augen regelrecht zu leuchten. »Oder möchtest du mich loswerden?«