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Die unter dem Titel ‚Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis‘ veröffentlichten drei Vorlesungen aus dem Jahr 1959 zählen zum Besten, was Fromm je über die therapeutische Beziehung und den Umgang mit Patientinnen und Patienten mitgeteilt hat. Entscheidend ist eine urteilsfreie und solidarische Beziehung „von Herz zu Herz“ (‚core-to-core‘) und das Erleben, dass das, was im Patienten vor sich geht, einem als Psychoanalytiker und Psychoanalytikerin nicht fremd ist. Gerade weil Fromm nie seine Art zu therapieren systematisch zur Darstellung gebracht hat, stellen diese Vorträge unverzichtbare Quellentexte dar und sind für psychotherapeutisch Arbeitende und therapeutisch Interessierte gleichermaßen eine echte Entdeckung. Aus dem Inhalt • Das Unbewusste ist der ganze Mensch • Voraussetzungen für das Verstehen eines Patienten • Entfremdung als besondere Form der Unbewusstheit • Entfremdetes und authentisches Selbsterleben • Das Verstehen des gesellschaftlichen Unbewussten • Das Bezogensein aus der Mitte • Über Grenzen von Psychoanalytikern
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Veröffentlichungsjahr: 2015
(Dealing with the Unconscious in Psychotherapeutic Practice)
Erich Fromm(1992g [1959])
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer FunkAus dem Amerikanischen von Rainer Funk.
Der 1959 am William Alanson White Institute in New York gehaltene Vortrag wurde erstmals in deutscher Übersetzung von Rainer Funk 1992 unter dem Titel Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis in Band 7 der „Schriften aus dem Nachlass“, der den Titel Gesellschaft und Seele. Sozialpsychologie und psychoanalytische Praxis trägt, beim Beltz Verlag in Weinheim veröffentlicht. Reprint als Heyne Sachbuch 1995 beim Heyne Taschenbuchverlag in München. Überarbeitet fand der Beitrag 1999 Aufnahme in Band XII der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag), S. 201-236. – Die Erstpublikation der Vorträge in der englischen Originalsprache unter dem Titel Dealing with the Unconscious in Psychotherapeutic Practice erfolgte 2010 in E. Fromm, Beyond Freud: From Individual to Social Psychoanalysis, S. 83-122, bei der American Mental Health Foundation, New York.
Die E-Book-Ausgabe der einzelnen Beiträge dieses Sammelbandes orientiert sich an der Textfassung in Band XII der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, S. 201-236.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1992 by The Estate of Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.
Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis
1. Das ganzheitliche Verständnis des Unbewussten
a) Das Unbewusste ist der ganze Mensch
b) Individuelle und gesellschaftliche Verdrängung
c) Die Unbewusstheit des Erlebens
d) Die Fähigkeit zu paradoxem Erleben
2. Entfremdung als besondere Form der Unbewusstheit
a) Das psychologische Verständnis von Entfremdung
b) Entfremdung in der psychoanalytischen Praxis
c) Fanatismus als Phänomen der Entfremdung
d) Entfremdetes und authentisches Selbsterleben
e) Von der Angst und ihren gesellschaftlichen Kompensationsversuchen
3. Konsequenzen für die therapeutische Beziehung
a) Was Psychoanalyse nicht ist
b) Voraussetzungen für das Verstehen eines Patienten
c) Das Bezogensein aus der Mitte
d) Ganzheitliches Erleben in der therapeutischen Beziehung
e) Das Verstehen des Patienten in seiner Ganzheit
f) Das Verstehen des gesellschaftlichen Unbewussten
4. Aspekte der therapeutischen Arbeit
a) Die Einschätzung der Veränderungsmöglichkeiten des Patienten
b) Über Grenzen von Psychoanalytikern
c) Faktoren und Wirkungen des therapeutischen Prozesses
Literaturverzeichnis
Der Autor
Der Herausgeber
Impressum
Gebraucht man den Begriff „Verdrängung“, wie er gewöhnlich bei Freud und in der psychoanalytischen Literatur benützt wird, dann denkt man in erster Linie an etwas, das bewusst war und dann verdrängt wurde.[1] Nach meinem Verständnis bezeichnet das Unbewusste sowohl etwas, das einmal bewusst war, als auch etwas, dessen wir noch nie gewahr wurden. Deshalb wäre es wohl angebrachter, statt von Verdrängung von Dissoziation zu sprechen, weil man mit Dissoziation beiden Aspekten besser gerecht wird: dem, dessen wir einmal bewusst waren, und dem, dessen wir noch nie gewahr wurden. Allerdings bringt der Begriff „Dissoziation“ [im Unterschied zum Begriff „Verdrängung“] nicht mehr so gut zum Ausdruck, dass etwas zurückgedrängt wird.
Ich möchte für jene Art von Dissoziation, um die es mir geht, nämlich für das, dessen wir uns noch nie bewusst waren, ein einfaches Beispiel geben. Sie haben schon oft das Gesicht eines Ihnen wohlbekannten Menschen gesehen. Seit Jahren schon kennen Sie ihn. Eines Tages sehen Sie sein Gesicht völlig neu; Sie sehen es plötzlich gleichsam mit einem größeren Maß an Wirklichkeit. Sie sehen eine Wesensart, die sehr viel wirklicher ist als alles, was Sie bisher gesehen haben. Für einen Augenblick haben Sie tatsächlich das Gefühl, dass dieses Gesicht völlig anders ist und dass Sie es noch nie zuvor gesehen haben. Was ging hier vor? Sie wurden sich einer Wirklichkeit dieses Gesichtes bewusst, deren Sie sich zuvor nie bewusst waren. Das Gesicht war immer das gleiche und der Mann oder die Frau waren immer dieselben. Auch Sie selbst waren immer derselbe, doch Sie hatten einen Schleier vor Ihren Augen und konnten nicht sehen. Sie waren sozusagen halb blind, und plötzlich öffneten sich Ihre Augen, und Sie konnten sehen.
Der gesamte Prozess des Bewusstmachens von Unbewusstem kann als Prozess des Sehens beschrieben werden. In der mythologischen Literatur gibt es deshalb das Symbol des Blinden, des völlig Blinden, der dann zum Sehenden wird. Teiresias ist blind und wird sehend. Ödipus wird blind und schließlich sehend; Goethes Faust wird genau in dem Augenblick blind, als er sieht, und beschreibt es als ein inneres Strahlen.
Die Vorstellung von Verdrängung, bei der man von dem spricht, was zwar in einem da [XII-204] ist, dessen man sich aber noch nie bewusst war, setzt voraus, dass in Wirklichkeit alles in uns ist. Um es anders auszudrücken: Wir wissen alles, doch wir wissen nicht, was wir wissen. Wenn ich annehme, dass ich jemanden noch nie so wahrgenommen habe, wie ich ihn jetzt sehe, dann bedeutet dies bei meiner Betrachtungsweise, dass ich ihn in Wirklichkeit bereits zuvor kannte; allerdings war ich mir dieser Kenntnis nicht bewusst. Hätte ich ihn wirklich nicht gekannt oder wäre ich in Wirklichkeit blind gewesen, dann könnte ich nur von einer neuen Einsicht, und nicht von einer verborgenen, unterdrückten, unbewussten Einsicht sprechen, die ans Tageslicht kam.
Ich glaube tatsächlich, dass wir alles in uns haben. Dies meine ich nicht nur in dem Sinne, dass wir alle Menschen sind und uns nichts Menschliches fremd ist. Es gibt in uns das Kind, den Kriminellen, den Verrückten, den Heiligen, den Durchschnittsmenschen. Ich glaube nicht nur, dass dies alles in uns ist, sondern dass wir uns all dessen auch gewahr sind und es spüren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Dies ist einer der Gründe, warum die Wahrheit und warum der Verweis auf die Wirklichkeit (was für mich in diesem Zusammenhang das Gleiche bedeutet) eine so besondere Wirkung auf Menschen hat. Die Wahrheit rührt nur etwas an, das sie eigentlich schon wissen. Ist die Saite aber einmal berührt, dann können diese Menschen fast nicht mehr anders, als zu antworten.
Die Lüge berührt nicht die Wirklichkeit. Die Lüge bewegt nichts. Man kann tausend Lügen daherbringen; es tut sich nichts, weil man etwas Fiktives, etwas Unwirkliches berührt. Sobald man aber die Wirklichkeit anrührt, das heißt sobald man die Wahrheit sagt, versucht etwas im Menschen zu antworten, weil das, was man sagt, auf etwas trifft, das dieser Mensch weiß und doch nicht weiß. Natürlich ist dieser Vorgang nicht so einfach, dass ein Mensch zwangsläufig reagiert. Es kann eine derart große Abwehr gegen das eigene Reagieren geben – also das, was wir Widerstand nennen –, dass er nicht antworten wird. Und doch ist es unsere Hoffnung, ist es die Hoffnung für die Menschheit überhaupt, dass die Wahrheit uns frei macht, wie das Neue Testament [Jo 8,32] sagt.
