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Der Beitrag ‚Das Undenkbare, das Unsagbare, das Unaussprechliche‘ entstand auf Grund einer Tonbandaufzeichnung eines Vortrags, den Erich Fromm im Jahr 1977 auf einem von Boris Luban-Plozza organisierten Balint-Treffen auf dem „Monte Verità“ in Ascona gehalten hat. So entstand ein frei und persönlich gesprochener Text, bei dem Fromms Stärke, komplizierte Zusammenhänge mit einfachen Worten und verständlich zur Darstellung zu bringen, zum Zug kommt. An einfachen Beispielen verdeutlicht Fromm, welche Macht das Soziale Unbewusste und Verdrängte für das Denken und Handeln jedes Menschen hat.
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2016
Erich Fromm(1978b)
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk[1]
Erstveröffentlichung unter dem Titel Das Undenkbare, das Unsagbare, das Unaussprechliche in Psychologie heute, Weinheim (Julius Beltz Verlag), Band 5 (November 1978), S. 23-31.
Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an der vom Herausgeber überarbeiteten Fassung im (virtuellen) Band 10 der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, S. 301-311.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1978 by Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2016 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2016 by Rainer Funk.
In diesem Beitrag möchte ich auf den Unterschied zwischen den Begriffen des Undenkbaren, des Unsagbaren und des Unaussprechlichen aufmerksam machen: das Undenkbare, das nicht gedacht werden kann, das Unsagbare, das gedacht, aber nicht gesagt werden kann, und das Unaussprechliche, das zwar gesagt werden kann, das aber tabu ist. Worin unterscheiden sich diese Begriffe?
Das Undenkbare
Zunächst einmal das Undenkbare – also etwas, das nicht gedacht werden kann. Ich spreche jetzt vom Undenkbaren nicht im philosophischen oder logischen Sinn; vielmehr spreche ich hier im empirischen Sinn von dem, was in einer ganz bestimmten Gesellschaft nicht gedacht werden kann. Denn wir wissen sehr wohl, dass das, was in einer Gesellschaft undenkbar ist, in einer anderen überhaupt nicht undenkbar ist. Dafür gibt es viele Beispiele. Allgemein kann man sagen, das Undenkbare kann nicht gedacht werden, weil es außerhalb aller äußeren oder inneren Erfahrungen liegt, die in einer Gesellschaft gemacht werden können. Ich möchte einige Beispiele machen für das, was undenkbar ist.
In der neolithischen Gesellschaft, etwa um das Jahr 8 000 v. Chr., ist die Idee des Privateigentums undenkbar. Dass jemand etwas hat, was nur ihm gehört und also „privat“ ist, das heißt, dass er das, was ihm gehört, von einem anderen wegnehmen kann – dieser Begriff des Eigentums im Sinne des Privateigentums existiert in der neolithischen Gesellschaft nicht. Ein solches Verständnis und ein solcher Begriff fehlen auch in vielen noch heute existierenden Gesellschaften wie zum Beispiel bei den Pueblo-Indianern in Nordamerika. Der Begriff existiert nicht; er kann nicht gedacht und natürlich auch nicht gesagt werden, weil die Institution des Privateigentums erst mit einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung aufkommt.[2]
Das gilt natürlich noch viel mehr für ein [X-302] Wort wie „Kapital“. „Kapital“ ist ein ganz moderner Begriff, wenn auch die Sache, die er bezeichnet, in gewisser Weise schon in der römischen Antike da ist. Er bezeichnet Werte und Güter, die zur Erzeugung anderer Güter mit einem Profit für den Erzeugenden gebraucht werden können. Der Begriff „Kapital“ ist also ein ganz neues Wort, das einer vergleichsweise jungen Form gesellschaftlichen Lebens zugehört.
