Das unsterbliche Nashorn - Dorothea Flechsig - E-Book
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Das unsterbliche Nashorn E-Book

Dorothea Flechsig

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Beschreibung

Der verwaiste Junge Florin wächst bei Elvira Schirra, einer älteren liebevollen Dame, in der Großstadt auf. Er geht nicht zur Schule und in keinen Sportverein. Niemand soll von ihm erfahren. Er besitzt weder eine Geburtsurkunde, noch einen Pass, auch keine Krankenversicherungskarte, nicht einmal einen Nachnamen. Als Elvira genauso unbemerkt verschwindet wie er geboren wurde, schlägt sich der 12-jährige Florin allein in der Großstadt durch. Doch das bleibt nicht lange unbemerkt. Schließlich kommt er aufs Land in eine richtige Familie. Er geht zur Schule und findet Freunde. Bei einem ungewöhnlichen Meteorschauer passiert etwas Unglaubliches. Seitdem bewahren Florin und seine Freunde ein großes Geheimnis. Als Florin als alter Mann im Sterben liegt, erzählt er seine ungewöhnliche Lebensgeschichte und gibt sein Geheimnis preis. Er hat die Altenpflegerin Mila ausgesucht, um sich zu offenbaren. Er bittet sie, sich um ein uraltes Nashorn zu kümmern. Ist seine Geschichte wahr? Ein spannender Jugendroman mit einer großen Prise Magie, über die Kraft von tiefen, inniglichen Wünschen, über die Kraft der Liebe und den schwierigen Weg der Selbstfindung. Was wäre unser Leben ohne Rätselhaftes, Unerklärliches, ohne magische Momente?

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DOROTHEA FLECHSIG arbeitete viele Jahre als Journalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine. Inzwischen veröffentlicht sie Geschichten für Kinder. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin und unterrichtet Erwachsene und Kinder im Kreativen Schreiben.

KATRIN INZINGER arbeitet als Illustratorin, Character-Designerin, Trickfilmzeichnerin und Storyboarderin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

DOROTHEA FLECHSIG

DAS UNSTERBLICHE NASHORN

Illustrationen von Katrin Inzinger

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Kleiner Dreckspatz Aurelia – Wasch dich doch mal!

Kleine Nachteule Aurelia – Schlaf doch mal!

Kleines Klammeräffchen Aurelia – Lauf doch mal allein!

© 2021 Glückschuh Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Einband und Illustrationen: Katrin Inzinger

Satz: Uta Munzinger

Buch ISBN 978-3-943030-78-5

E-Book ISBN 978-3-943030-79-2

www.glueckschuh-verlag.de

INHALT

1. Kapitel:Ori, das kleine Nashorn

2. Kapitel:Please help!

3. Kapitel:Zweisam statt einsam

4. Kapitel:Eine behütete Kindheit

5. Kapitel:Der Verlust

6. Kapitel:Allein auf der Welt

7. Kapitel:Der Verrat

8. Kapitel:Ein anderes Leben

9. Kapitel:Der erste Schultag

10. Kapitel:Sternschnuppen-Regen

11. Kapitel:Florins Nachname

12. Kapitel:Die Dachpost

13. Kapitel:Das Wiedersehen

14. Kapitel:Nächtlicher Besuch

15. Kapitel:Die Prüfung

16. Kapitel:Das Ritual

17. Kapitel:Das goldene Medaillon

1. Kapitel

Ori, das kleine Nashorn

Die meisten Kinder haben eine Familie. Viele haben eine Mutter und einen Vater. Manche streiten mit Geschwistern und vertragen sich wieder. Vielleicht springt auch freudig ein schwanzwedelnder Hund am Gartenzaun hoch, wenn die Kinder aus der Schule zurück nach Hause kommen, und im Sommergarten duftet es nach Rosen und Jasmin. In der Online-Werbung flimmern solche Familien auf dem Bildschirm. Sie lachen und feiern und liegen sich in den Armen. Aber es gibt auch Kinder, die haben weder einen Gartenzaun noch einen Hund, geschweige denn Geschwister, nicht einmal einen Vater und auch keine Mutter.

Es gibt so unzählige Möglichkeiten aufzuwachsen. Es ist immer die Frage, wer wann wo und wieso aufeinandertrifft. Leben ist Bewegung und Begegnung. Was wäre das Leben ohne Rätselhaftes, Unerklärliches, ohne magische Momente? Ich habe allerlei Menschen getroffen und ihre Geschichten gehört. Seit langer Zeit pflege ich an Lebensjahren reiche Menschen. Ich mag das Wort „Alte“ nicht. Das klingt so verbraucht. Ihr Leben war in mancher Hinsicht ganz anders, als sie jung waren. Ob es damals besser war als heute? Ich kann das nicht beurteilen, ich bin mein Dasein so gewöhnt, wie es jetzt ist. Die meisten Menschen finden, so schön wie in ihrer Kindheit sei es nicht mehr. Aber einige Dinge sind bis heute gleichgeblieben. Nur wenige Begegnungen sind von kurzer Dauer, hinterlassen aber lebenslang einen tiefen, bleibenden Eindruck. Solche Momente sind wahre Magie.

Wenn ich auf Ori angesprochen werde, schwindle ich genauso, wie es Florin lange getan hatte. Wenn ich gefragt werde, warum ich ein kleines Nashorn besitze, das mir nur bis zu den Knien reicht, und woher ich es habe, antworte ich: „So, wie es manchmal kleinwüchsige Menschen gibt, gibt es auch in der Welt der Tiere allerlei Variationen in der Größe.“ Mein Mini-Nashorn sei ein Geschenk eines Zirkusdirektors gewesen, erzähle ich, als dieser seinen kleinen Wanderzirkus hätte aufgeben müssen. „Wie süß“, zwitschern viele erstaunt und wollen Ori berühren. Zum Glück mag er Streicheleinheiten. Ori kann Gesten von Menschen verstehen. Er ist überhaupt das liebste und friedlichste Nashorn, das ich kenne.

Ehrlich gesagt, kenne ich nur Ori. Ich bin bisher noch keinem weiteren Nashorn begegnet.

Seitdem aber hat sich vieles in meinem Leben zum Guten verändert. Daher will ich euch nun die wahre Geschichte erzählen, beginnend mit dem ungewöhnlichen und wunderbaren Leben von Florin Fabricius. Von ihm habe ich Ori bekommen. Er hat mir das Nashorn anvertraut. Aber das eigentliche Geheimnis, nämlich woher Florin Fabricius den Dickhäuter hatte, ist eine andere Geschichte. Damit ihr auch diese verstehen könnt, beginne ich nur wenige Tage nach Florins Geburt.

2. Kapitel

Please help!

Florin wuchs bei Elvira Schirra, einer ehrwürdigen Dame, mitten in der Großstadt auf. Ihr kleines Häuschen stand in einem Innenhof versteckt, unter einem großen Kastanienbaum. Der Schornsteinfeger musste immer erst durch zwei Hinterhöfe gehen, um zum Haus von Elvira zu gelangen. Es wurde einst in den Zwanzigern des 20. Jahrhunderts für den damaligen Hausmeister errichtet. Seinerzeit stand rund um das winzige Fachwerkgebäude eine Textilfabrik, in der glitzernde Kleider und edle Anzüge genäht wurden. Nun waren dort großzügige Wohnungen untergebracht.

Elvira wohnte seit vielen Jahrzehnten in diesem denkmalgeschützten kleinen Haus. Sie war, schon bevor Florin in ihr Leben trat, ein wenig wunderlich. Sie lobte ihre Topfpflanzen bei kräftigem Wuchs und belohnte sie, indem sie ihnen „Das Veilchen“ von Mozart auf dem Klavier vorspielte. Sie hatte allerlei Berufe in ihrem Leben ausgeübt. Eine Zeit lang hatte sie an einer Musikschule Klavier unterrichtet. In ihrem kleinen Wohnzimmer stand ein Klavier eng zwischen Bücherregale gequetscht, auf dem sie hingebungsvoll spielte. Sie saß oft am geöffneten Fenster und befahl den Spatzen, nicht so laut zu streiten, sie sprach mit Krähen und Tauben und sie hatte eine Vorliebe für Zahlen. Sie zählte Dinge wie: Fenster in Hausfassaden, leere Parkbänke, Flugzeuge am Himmel, alles Mögliche. Sie sagte, Zahlen würden sie beruhigen. Ihre Lieblingszahlen waren die 2 und die 9, die 29 und die 92. Aber ihre Glückszahl war die 8.

Elvira war nicht Florins echte Großmutter. Aber für Florin war sie seine ganze Familie. Sein Zuhause. Florin liebte sie. So, wie andere Kinder ihre Mama lieben oder ihren Papa, oder eben ihre leibliche Oma. Er war ihr sehr dankbar. Denn hätte es Elvira nicht gegeben, wäre Florin bestimmt in einem Kinderheim groß geworden. Ohne sie hätte er vielleicht nie sein musikalisches Talent entdeckt. Florins Gabe war das Spiel mit den Tasten auf dem Klavier.

Alles, was Florin von seiner echten Mutter besaß, war sein Vorname. Er hatte weder eine Geburtsurkunde noch einen Pass. Es ist nicht einmal sicher, ob er in Deutschland geboren wurde. Jahrelang feierte er mit Elvira seinen Geburtstag am 25. Dezember. An diesem Datum hatte ihn Elvira mit zu sich in ihr kleines Reich genommen. An diesem besonderen Tag buk sie ihm jedes Jahr gleich zwei Kuchen: einen Stollen und eine Quarktorte mit Mandarinen. Sie scherzte immer, ein bisschen Entschädigung müsste dafür sein, dass er bei einer schrulligen Oma aufwuchs.

Florin konnte sich weder an seine Mutter noch an seinen Vater erinnern. Er wusste nicht einmal ihre Namen. Es gab auch kein Foto. Nichts. Noch nicht einmal einen Nachnamen. Alles, was er konnte und wusste, hatte ihn Elvira gelehrt.

Ganz genau zwölf Jahre, sechs Monate und drei Tage haben Florin und Elvira zusammengelebt. Daran erinnerte sich Florin so exakt, weil Elvira auch die Tage zählte, die sie gemeinsam verbrachten. Sie betonte immer, dass mit ihm für sie ein neues Zeitalter begonnen hatte: die Florinzeit.

Ihr gemeinsames Leben nahm also am ersten Weihnachtsfeiertag, und zwar am späten Abend, seinen Anfang.

Elvira hatte einen ungewohnt starken Drang verspürt, noch einmal an die frische Luft zu gehen, obwohl es schon finster war. So erzählte sie es Florin auf jeden Fall immer. Sonst mied sie die Straßen in der Dunkelheit. Es war aber, als ob sie etwas lockte, ein sehnsuchtsvolles Gefühl, die sicheren eigenen vier Wände zu verlassen. Ein plötzliches unaufhaltsames Verlangen, sich unter freien Himmel zu begeben. Sie band ihr Kopftuch um, nahm den grauen Mantel vom Haken und verließ ihr kleines Haus. Als sie nach oben blickte, sah sie, dass der Himmel voller Sterne war. Sie hielt inne und staunte. Eine hauchdünne Schicht Schnee bedeckte die sonst schmutzigen Straßen. Auf Balkonen und hinter Fenstern flimmerte feierliches Licht. Es roch nach dem feinen Schnee. Die kühle Abendluft wirkte reiner und frischer als tagsüber. Es schien so, als ob überall Familien glücklich zusammensitzen und gemeinsam viel Zeit verbringen würden. Elvira fühlte sich besonders einsam und sie dachte voller Schmerz an ihren geliebten verstorbenen Mann. Langsam ging sie den Gehweg entlang. Sie begann, weiße Autos zu zählen. Parkende weiße Autos und vorbeifahrende. Bei acht hielt sie inne. Sie konnte das seltsame Geräusch erst nicht zuordnen. Aus einem düsteren Hauseingang vernahm sie ein eigenartiges Keuchen und Wimmern. Verängstigt blieb sie stehen. Zuerst dachte sie, es sei ein verletztes wildes Tier. Ein Stadtfuchs vielleicht oder ein Waschbär. Plötzlich tauchte aus dem düsteren Eingang eine junge Frau aus der Dunkelheit auf. Blass, geradezu kreideweiß, stellte sie sich überraschend vor Elvira und drückte ihr ein Neugeborenes, das in eine Wolldecke gewickelt war, fest in die Arme. Sie sah Elvira bittend an und sprach kraftlos in einem Gemisch aus englischen Wörtern und gebrochenem Deutsch: „Please, help! Please! Name Florin.“ Ihre Augen blickten flehend, leidend. „Take care of him! Promise, nimm Du!“ Ihr Blick war so traurig und eindringlich, dass Elvira sich nicht von ihrem Gesicht abwenden konnte. Zart berührte die junge Mutter die Wange ihres Sohnes. Küsste ihn auf die Stirn. Mit zitternden Fingern streichelte sie dem unschuldigen Geschöpf über den Kopf. Dann taumelte sie seltsam vor und zurück. „Promise, verspreche!“, hauchte sie und Elvira verstand, obwohl sie kaum Englisch konnte. „Ja, yes, ich schwöre! Ich gebe Ihnen mein Wort!“ Mit einem kurzen Seufzen kippte die Frau nach vorne auf Elvira und glitt an ihr hinunter. Elvira hielt das Baby in ihren Armen und konnte die Frau nicht halten. „Was ist denn mit Ihnen?“ Sie begann zu rufen: „Hilfe! Hilfe! Wir brauchen einen Arzt!“

Die unbekannte Frau lag vor ihren Füßen, quer auf dem nassen Bürgersteig im schmelzenden Schnee. Elvira hielt Florin fest. Sie kannte sich nicht aus mit Babys. Sie hatte keine eigenen Kinder und die fremde Frau hatte sie noch nie gesehen.

Was sollte sie tun? Nach dem Tod ihres Mannes hatte Elvira bescheiden und zurückgezogen gelebt, allein, aber zufrieden. Nun hielt sie den winzigen Florin im Arm. Eine junge Frau lag ihr zu Füßen auf dem Asphalt. Reglos. Elvira wollte nochmals um Hilfe rufen, aber ihre Stimme blieb weg. Nur einen eigenartigen Luftstoß brachte sie hervor. Niemand war zu sehen. Kein Mensch, weder auf der Straße noch an einem der Fenster. Die Straße war wie leergefegt. Elvira bückte sich vorsichtig mit dem Kind im Arm und rüttelte mit einer zitternden Hand an der Schulter der Frau. Auf deren schwarzgelocktem Haar blieben einzelne Schneeflocken liegen. Ihr Gesicht war bleich und ihr Blick starr. Sie rührte sich nicht. Auch kein Atem war zu sehen. Tot. Elvira sah den kleinen Florin wie gebannt an. Sie blickte um sich, und wie von einer unerklärlichen Macht getrieben, machte sie sich davon. Ohne nachzudenken, lief sie, das Baby auf dem Arm, mit eiligen Schritten davon. Sie huschte mit dem Winzling unbemerkt durch beide Hinterhöfe und verschwand in ihrem kleinen Haus. Im Dunkeln lehnte sie an der Tür und atmete schnell. Sie schnappte nach Luft. In ihren Ohren hörte sie ihr Herz pochen.

3. Kapitel

Zweisam statt einsam

Als ihr Atem ruhiger wurde, legte Elvira das Bündel aufs Sofa im Wohnzimmer. Sie schob ihren Sessel davor, damit es nicht hinunterfallen könnte. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und atmete durch. „Ach, herrje! Was habe ich nur getan?“, sprach sie zu sich selbst. Sie sah den Winzling an und schämte sich. „Ich habe ein Baby genommen und eine Tote allein auf der Straße zurückgelassen“, murmelte sie.

Elvira konnte nicht ruhig sitzen, stand auf und lief im Zimmer auf und ab. Währenddessen verzog das Baby seinen Mund, mit den winzigen Armen und Beinen fing es an zu strampeln und wild herumzufuchteln. Es begann unzufrieden zu quengeln und dann bitterlich zu weinen.

„Was mach ich jetzt? Was mach ich jetzt? Ich kann das nicht!“, murmelte Elvira. Sie versuchte, tief in den Bauch zu atmen, rechnete 8 x 92 und zählte dann in Achterschritten von 736 rückwärts: 728, 720, 712. Das half ihr, und so konnte sie sich etwas beruhigen. Vorsichtig nahm sie Florin in die Arme, wiegte ihn hin und her und sang leise ein Schlaflied: „Schlaf, Kindlein, schlaf! Dein Vater hüt’ die Schaf. Die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein.“ Sie verstummte traurig. Bei der Zeile „die Mutter schüttelt’s Bäumelein“ musste sie an die Frau denken, die nur einen Block weiter verlassen, tot und allein auf dem Gehweg im Kalten lag.

Elvira schämte sich. Florin weinte wieder. Sie streichelte den Kleinen über die Wange und wiegte ihn. Aber das gefiel Florin gar nicht. Sein forderndes Quengeln wurde immer energischer, bis er laut schrie. Elvira wurde unsicher. Sie legte Florin zurück aufs Sofa. Aufgeregt lief sie im Wohnzimmer hin und her. Sie wollte wieder zählen, aber vor lauter Sorge um den Kleinen konnte sie sich nicht konzentrieren. „Was mach ich denn jetzt? Was mach ich denn jetzt?“, murmelte sie.

Sie setzte sich ans Klavier und spielte: „Der Mond ist aufgegangen …“ Das half. Florin lauschte der Musik. Er wurde still. Mit seinen blauen Augen sah er zur Decke, dann aus dem Fenster in die sternklare Nacht. Sein Blick wirkte, als ob sein unschuldiges Wesen zwischen Himmel und Erde hin- und herflattere und sich nicht entscheiden könne, wo es lieber verweilen wollte. Elvira spielte weiter. Das Baby beruhigte sich und schlief ein.

Jetzt sah Elvira ihn genauer an. Wie zart und weich seine Haut war. Er war ein sehr hübsches Baby. Gut genährt, mit flaumigen, weichen, dunklen Haaren und einer kleinen hübschen Nase. Er hatte winzige, zarte Fingerchen. Als Elvira sie streichelte, griff er danach und umklammerte sie.

„Florin heißt du. Das ist ein blumiger, schöner Name. Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich“, flüsterte sie. Elvira wischte sich Tränen aus dem Gesicht. Sie klemmte noch einige Kissen zwischen Sessel und Sofa und schaute dann auf die Wanduhr. Für das Baby benötigte sie wichtige Dinge, wie beispielsweise ein Fläschchen, Milchpulver und Windeln. Der Spätkauf um die Ecke hatte noch 36 Minuten geöffnet. Das Baby alleinzulassen, löste ein großes Unbehagen in ihr aus, aber sie wusste keinen anderen Ausweg. Schnell zog sie alle Vorhänge zu, nahm ihre Geldbörse, einen Korb und verließ das Haus.

Schon von Weitem sah sie einen Krankenwagen auf der Straße parken. Zwei Männer schoben eine zugedeckte Liege in das Auto. Elvira ging langsam weiter. Ihr Herz pochte. Ein Rettungsarzt sprach ins Mobiltelefon: „Nein, die Frau ist bereits tot. Nein, keine Papiere.“