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Dank Hanreks heldenhaftem Einsatz herrscht endlich wieder Frieden im Königreich. Doch auch Helden können Fehler machen und Hanreks Fehler verhilft dem grausamen Drachen Schtarak zu seiner Geburt. Und diesmal ist es nicht allein das Königreich, das in Gefahr ist, sondern der Drache droht in seinem Hass die ganze Welt zu vernichten. Erneut muss Hanrek sich mit seinen Freunden auf eine gefährliche Reise begeben, die ihn mitten ins Land der Drachenkrieger führt. Versinkt die Welt in Terror und Chaos oder bringt Hanrek den Mut und die Kraft auf, sich dem übermächtigen Drachen zu stellen?
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Stefan Krauß
Das verschleierte Tor
Die Drachenflüsterer von Narull - Band 2
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Gedicht
Prolog
Namensgebung
Narull
Die Bibliothek
Der Befehl
Das verschleierte Tor
Die Tochter des Primus
Die Brut des Drachen
Der Verrat des Gelehrten
Der Drachenspiegel
Schtaraks Rache
Die Chronik der Drachen
Die Hüterin der Zukunft
Der Erfinder des Drachenkämpfers
Die Tochter des Königs
Der Drachenfelsen
Der Drachentöter
Die Geburt
Epilog
Impressum neobooks
Erde, darin brüte ich
Erde, darin lebe ich
Erde, die belausche ich
Erde, diese leitet mich
Erde, Feuer, Wasser, Stein,
Hanrek wird mein Schicksal sein.
Feuer, darauf warte ich
Feuer, daraus schlüpfe ich
Feuer, heiß wie ein Vulkan
Feuer, damit kämpfe ich
Erde, Feuer, Wasser, Stein,
Hanrek wird mein Schicksal sein.
Wasser, meine Glut entfacht
Wasser, löscht mein Feuer nicht
Wasser, das löscht meinen Durst
Wasser, zeigt mich fürchterlich
Erde, Feuer, Wasser, Stein,
Hanrek wird mein Schicksal sein.
Kalten Stein, den hasse ich
Kalter Stein, der bindet mich
Kalter Stein, er schützet dich
Kalter Stein, drin tragt ihr mich
Erde, Feuer, Wasser, Stein,
Hanrek wird mein Schicksal sein.
Mit schnellen Schritten folgte Lucek dem Weg, der sich als dunkles Band zwischen den weiß verschneiten Bäumen im Park entlang schlängelte. Der Mond war schon aufgegangen und spendete dank des hellen Schnees so viel Licht, dass er keine Lampe brauchte. Sein Stock klickte bei jedem Auftreffen auf dem gefrorenen Boden des Weges. Obwohl es schon spät war und die Sonne schon untergegangen war, empfand er heute die Kälte als nicht so schlimm wie sonst. Es war heute für die Jahreszeit ein warmer Tag gewesen. Aber auch an so einem vergleichsweise milden Tag öffnete Lucek kaum ein Mal den Mantel. Die Narull gingen an so einem Tag ganz ohne Mantel aus dem Haus, aber Lucek, als jemand, der im Königreich geboren und aufgewachsen war, konnte darauf nicht verzichten.
Im Laufe der Zeit hatte Lucek die Bräuche und Denkweise der Menschen in Narull verstehen gelernt und er hatte erkannt, dass sie sich nicht wesentlich von denen der Menschen im Königreich unterschieden. Der größte Unterschied wurde durch das Wetter und die Kälte hervorgerufen, die jeden Tag und alles beeinflusste. Wenn Lucek an die Kälte dachte, fröstelte ihn. So auch jetzt. Eine kühle Windböe blies durch die Bäume. Hatte er tatsächlich die Kälte heute als nicht so schlimm empfunden?
Lucek zog im Gehen den Mantel enger um sich und krümmte sich etwas, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Dass er dabei den Kopf senkte, rettete ihm das Leben. Etwas surrte an Luceks linkem Ohr vorbei und blieb mit einem unverkennbaren Geräusch hinter ihm in einem Baum stecken. Ein Pfeil.
Lucek ließ sich augenblicklich fallen und rollte sich über seine rechte Schulter ab. Auf allen Vieren kroch er, so schnell er konnte, vom Weg herunter und suchte Schutz hinter einem Busch. Atemlos spähte Lucek nach allen Seiten, konnte aber nichts erkennen. Der Schuss musste von vorne gekommen sein. Er überlegte, ob er um Hilfe rufen sollte, aber er tat es nicht. Noch war der Schütze wahrscheinlich in der Nähe und wartete auf eine zweite Chance. Durch Hilferufe würde Lucek dem Attentäter verraten, wo er sich genau befand, vielleicht waren es sogar mehrere, die ihm aufgelauert hatten. Statt zu rufen, entfernte er sich vorsichtig weiter vom Weg. Vielleicht gelang es ihm, an den Attentäter heranzukommen und ihn gar unschädlich zu machen. Er musste es versuchen, sonst würden die Attentate nie aufhören. Wenn er den Attentäter zu fassen bekäme, konnte er über ihn an die Auftraggeber herankommen. Lucek wollte ihnen zeigen, dass es gefährlich war, ihm aufzulauern.
Seit vier Jahren war er nun Botschafter in Narull. Die Aufgabe, die er hier übernommen hatte, war schwerer, als er gedacht hatte. Pioras Vater, der Primus von Narull, war zwar der gewählte Erste unter den Fürsten des Landes, aber die Fürsten wollten sich nicht immer unterordnen. Demzufolge gab es viele Strömungen im Land und die Machtverhältnisse wechselten ständig. Lucek musste sich mit vielen Fürsten auseinandersetzen und oft genug benötigte er sein ganzes diplomatisches Geschick, um nicht für fremde Zwecke missbraucht zu werden und am Ende unter die Räder zu geraten.
Piora war als Tochter des Primus eine der begehrtesten Heiratskandidatinnen in Narull und als Pioras Lebensgefährten wurden Lucek Achtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht. Er hatte einige Privilegien, aber er war auch ein Angriffspunkt für Neid, und das wiederum brachte einige Unannehmlichkeiten mit sich. Außerdem gab es etwas sehr beängstigendes. Es wurden Anschläge auf ihn verübt. Erst waren es nur Attacken auf sein Eigentum gewesen, man hatte sein geliebtes Pferd getötet, sein Haus war in Brand gesteckt worden, und nachdem er ein neues Haus bezogen hatte, war dort eingebrochen und alles verwüstet worden. All das waren Warnungen, die ihn ängstigen und zurück ins Königreich verjagen sollten, da war er sicher. Als er sich nicht hatte verjagen lassen, hatten einige Zeit später die Anschläge auf sein Leben begonnen. Bis gestern hatte er zwei davon bereits erfolgreich und mit viel Glück überlebt.
Piora und ihr Vater hatten alles versucht um herauszufinden, wer hinter den Anschlägen auf sein Leben und sein Eigentum steckte, aber es gab zu viele mögliche Auftraggeber. Und da Lucek nicht mit einer Leibgarde herumlaufen wollte, musste er in Kauf nehmen, dass er gefährlich lebte.
Vorsichtig begann Lucek einen weiten Bogen durch den Wald zu schlagen, der ihn, wie er hoffte, in den Rücken des Schützen brachte. Er hatte erst die Hälfte des Bogens hinter sich gebracht, als er vor sich in der Nähe des Weges eindeutige Kampfgeräusche hörte.
Etwas schneller aber weiterhin vorsichtig näherte er sich der Stelle, von der er die Geräusche hörte. Und tatsächlich, dort kämpften zwei Männer einen Kampf auf Leben und Tod. Sie rangen miteinander, wälzten sich im Schnee und kämpften um das gleiche Messer. Lucek war verwirrt. Wer waren die Männer? Wahrscheinlich war einer der beiden der Attentäter, aber wer war der andere? Hatte der zweite Mann den Attentäter zufällig dabei ertappt, wie er auf Lucek geschossen hatte? Nur welcher der beiden war der Attentäter, er würde dem anderen gerne helfen, aber wenn er dem Falschen half, was dann?
Lucek blieb weiter versteckt. Er würde abwarten müssen und dann den Sieger angreifen.
Plötzlich brach, nicht weit von der Stelle an der Lucek versteckt war, ein weiterer Mann aus dem Gebüsch. Er stürzte sich, in der Hand eine riesige Keule, auf die beiden Kämpfenden und hieb mit ihr auf den Kopf des einen Kämpfenden ein. Es gab einen dumpfen Schlag und der Getroffene sank bewusstlos auf den Boden.
Jetzt wo sie sich nicht mehr im Schnee wälzten, sah Lucek, dass der bewusstlose Mann riesig war. Lucek hoffte, dass er nur ohnmächtig war. Der Kämpfer, der mit dem Riesen um das Messer gerungen hatte, hatte lockiges Haar und im Gesicht eine große Hakennase. Der andere, der ihm zu Hilfe geeilt war, hatte glattes langes Haar. Sein Gesicht war mit einem Schnurrbart geschmückt. Beide waren in helle Mäntel gehüllt, sodass man sie vor dem Hintergrund des Schnees fast nicht ausmachen konnte. Nervös sicherten sie nach allen Seiten. Offensichtlich rechneten sie mit einem weiteren Angriff. Lucek rührte sich nicht.
Ganz außer Atem und in abgehackten Sätzen sagte der Lockige.
„Mann, das war knapp. Ein paar Mal hat er mich beinahe erwischt. Der hat Kraft wie ein Exzard. Warum hat das so lange gedauert?“
„Ich musste vorher die Gegend nach einem zweiten Attentäter absuchen.
„Und?“
„Ich habe keinen gefunden.“
„Was ist mit Lucek? Hat er überlebt?“
„Ich weiß es nicht. Ich hoffe es für uns. Wenn nicht, verarbeitet Piora uns zu Exzardenfutter und verfüttert uns an ihren neuen Liebling.“
„Und wie bekommen wir den Koloss jetzt zu der Stelle, an der Lucek zu Boden gegangen ist. Ich denke, es ist keine gute Idee, ihn hier liegen zu lassen. Und trennen sollten wir uns besser auch nicht.“
„Du hast recht, jetzt wo wir endlich einen dieser Schweine erwischt haben, darf er uns auf keinen Fall wieder entkommen.“
Während er das sagte, verschnürte er mit Stricken und wenigen geübten Griffen den überwältigten Attentäter, der noch nicht wieder zu sich gekommen war. Als er fertig war, hievte er ihn hoch und wuchtete ihn sich auf die Schulter. Ächzend und stöhnend machte er sich auf den Weg zu der Stelle, an der Lucek beinahe angeschossen worden war.
„Vielleicht nehmt ihr mich besser mit.“, sagte Lucek und trat dabei aus seinem Versteck.
Die beiden Männer wirbelten herum. Der Mann, der den Attentäter auf den Schultern getragen hatte, ließ seine Last ohne viel Federlesens von seiner Schulter gleiten, sodass diese mit einem ungesunden Krachen auf dem Boden aufschlug. Einen Bruchteil später standen beide Männer Lucek mit gezogenem Schwert gegenüber.
Es dauerte eine Sekunde, in der sich Lucek fragte, ob er einen Fehler gemacht hatte, aber dann senkten die beiden ihre Schwerter.
„Also hat er es überlebt. Unversehrt?“
Dies war eine Frage an Lucek.
„Ja, ich hatte Glück.“
Lucek ging zu dem Attentäter, der jetzt stöhnend auf dem Boden lag. Wahrscheinlich hatte ihn der Sturz wieder zu sich gebracht. Lucek stieß ihn mit dem Fuß an.
„Wer ist der Kerl, und wie kommt ihr dazu, ihn zu überwältigen?“, und dann, um es ihnen leichter zu machen, fügte er hinzu, „Ihr habt mich beschattet.“
Die beiden Männer schauten sich verlegen an, dann antwortete einer der beiden.
„Ähm. Ja. Oder besser gesagt, wir haben den Auftrag, dich vor solchen Anschlägen zu beschützen.“
Und der andere ergänzte.
„Heimlich. Du durftest es nicht erfahren.“
„Und was den Kerl betrifft, jetzt haben wir eine Chance etwas aus ihm herauszubringen.“
„Und Piora hat euch dazu den Auftrag gegeben?“, fragte Lucek in beleidigtem Tonfall. „Ich dachte, ich hätte ihr klar gemacht, dass ich keine Leibgarde will.“
Die beiden aus der Leibgarde, wie Lucek sie genannt hatte, schauten sich an.
„Was glaubt ihr, wie viele Mordanschläge ihr noch überlebt?“
„Hm.“, Lucek merkte, dass er gerade sehr undankbar war.
„Ihr habt recht. Vielen Dank, dass ihr den hier erwischt habt. Ich denke, wir gehen trotzdem zu der Stelle, an der auf mich geschossen wurde. Wir sollten den Pfeil mitnehmen.“
Kurze Zeit später zog der Mann mit dem Schnurrbart den Pfeil aus dem Baum und betrachtete ihn eingehend. Überrascht zeigte er ihn seinem Kumpanen, bevor sie ihn an Lucek weitergaben. Lucek erkannte sofort, was die beiden Männer so überrascht hatte. Der Pfeil war für die guten Flugeigenschaften wie üblich mit einer Gänsefeder im Schaft gefertigt worden. Doch diese Gänsefeder war nicht weiß sondern sie war von tiefem Schwarz. Außerdem verliefen um den Schaft drei rot markierte Einkerbungen.
Der lockige Leibgardist ging zu dem Mordbuben, zückte sein Messer, schlitzte ihm den rechten Ärmel auf und streifte ihn hoch. Auf seinem Unterarm fand er drei blutrote Streifen, die sich in kurzem Abstand wie Armreife um den Arm wanden. Mit einem Brummen kniete er sich neben den Assassinen. Mit einem kräftigen Druck auf die Wangen presste er ihm den Kiefer auseinander und blickte ihm in den Mund. Der Mann war jetzt wieder wach und versuchte sich dem schmerzhaften Griff zu entwinden, aber er hatte keine Chance. Mit hasserfüllten Augen starrte er den Leibgardisten an.
„Dieser Mann wird uns gar nichts erzählen, denn er ist stumm.“
Er hatte es bereits vermutet, aber jetzt hatte er Gewissheit. Die Zunge des Attentäters war herausgeschnitten worden.
...
Seine Beine trugen den braun gelockten kleinen Jungen den Berg hinauf wie noch nie zuvor in seinem Leben, denn er war sich der Wichtigkeit seines Auftrags bewusst. Sein Atem ging schwer keuchend und die Seite schmerzte ihn. Endlich gelangte er an den Weinberg mit seinen vielen langen grünen Reihen, die sich malerisch den Berg entlang zogen. Trotz seiner Schmerzen zwang er sich dazu, weiter an der Stirnseite des Weinbergs entlang zu laufen und er spähte dabei in jede der Reihen hinein. Dann endlich hatte er gefunden, was er suchte, und er blieb stehen. Sein Vater hatte sich bereits nach ihm umgedreht und schaute ihn erwartungsvoll an.
„Papa, Papa, du musst schnell nach Hause kommen, das Kind kommt. Schnell.“
Hanrek ließ die Hacke fallen, mit der er zwischen den Weinstöcken gearbeitet hatte.
„Was sagst du? Wer hat das gesagt, Franzisko?“
„Mama hat es gesagt.“
Achtlos ließ Hanrek die Hacke und seinen Rucksack liegen und lief seinem Sohn entgegen.
„Warum hat sie dich nicht zu Leria geschickt? Die ist bei der Geburt viel wichtiger als ich.“
„Sie hat Finella hingeschickt.“
„Gut. Komm her, Franzisko. Wenn es richtig losgeht, werden wir Männer zwar meistens aus dem Haus geschickt, aber jetzt wird deine Mutter uns sicher brauchen.“
Kurze Zeit später kamen sie den Berg hinunter geeilt. Das verschlafene kleine Dorf, in das Hanrek mit seinem Sohn auf den Schultern lief, hieß Vartel und lag im westlichen Gebirge oberhalb der kleinen Stadt Ventef. Es hatte ein mildes Klima und der Wein wuchs dort sehr gut. Das Dorf lag außerdem günstig in der Nähe der Nord-Süd Verbindung, die den kalten Norden mit dem warmen Süden verband.
Das Haus, das Hanrek jetzt eilig betrat, war im Stil der Häuser im Norden des Königreichs gebaut, auch wenn es dadurch nicht zu den anderen Häusern im Dorf passte. Hanrek hatte es selbst gebaut, aber natürlich hatten ihm seine Nachbarn kräftig dabei geholfen. Sie waren skeptisch gewesen ob des ungewöhnlichen Baustils, aber das war ihm egal gewesen. Vom mit Steinen ausgelegten Fußboden führte eine Holztreppe zu den Schlafkammern und mit seinen dreckigen Stiefeln und polternd eilte Hanrek diese jetzt hinauf.
Miria lief barfuß in ihrem weißen Nachtgewand vor dem Bett auf und ab, hielt sich mit einer Hand den Bauch und mit der anderen Hand stützte sie sich am Bett ab. Man merkte ihr an, dass sie froh war, dass Hanrek gekommen war.
Hanrek lächelte Miria an und schloss sie liebevoll und vorsichtig in seine Arme. Einen Moment genossen die beiden die Umarmung, dann führte Hanrek seine schwerfällige Frau vorsichtig die Treppe hinunter und hinaus ins Freie. Er wollte prüfen, wie es dem ungeborenen Leben im Bauch seiner Frau ging und nach einem kurzen Moment sagte er zufrieden.
„Ja, du hast recht. Es kommt und es geht ihm gut.“
Sie lächelten sich glücklich an. Unterdessen schaute Franzisko neugierig zu seinen Eltern hinauf. Geistesabwesend streichelten ihm Miria und Hanrek über seine braunen Locken.
Hanrek hatte die Gabe, eine außergewöhnliche Fähigkeit, die ihm ermöglichte, zu erspüren, wie es den Lebewesen in seiner Umgebung ging. Genau das hatte er gerade bei Miria getan, und er hatte gespürt, dass die Geburt unmittelbar bevorstand.
Der Steinboden im Haus verhinderte aber, dass Hanrek die Gabe fließen lassen konnte. Flüsterer so nannten die Drachenkrieger aus dem Norden die Menschen, die über diesen zusätzlichen Wahrnehmungssinn verfügten. Auf Stein war er jedoch selbst bei einem so starken Flüsterer, wie Hanrek einer war, völlig nutzlos.
Nachdem Hanrek jetzt beruhigt war, führte er Miria vorsichtig wieder die Treppen hinauf in die Schlafkammer und danach gab es für ihn kein Halten mehr. Er drehte sich um und stürmte die Holztreppe wieder hinunter. Es gab viel zu tun.
***
Bis die Hebamme kam, hatte Hanrek sich die Hände sauber geschrubbt, er hatte Wasser auf dem Ofen erhitzt und die feinen weißen Leinentücher bereitgelegt.
„Hm.“ brummte die Hebamme Leria zufrieden, als sie sah, dass bereits alles vorbereitet war. Finella, Hanreks Tochter und die Zwillingsschwester von Franzisko hing ihr am Rockzipfel. Sie lief nun zu ihrem Vater hinüber und Hanrek nahm sie auf den Arm.
„Gut gemacht, Finella.“, lobte er sie und zur Hebamme gewandt, „Ich gehe mit den Kindern hinaus, bleibe aber in Hörweite, falls ich gebraucht werde. Es müsste eine problemlose Geburt werden, der Kopf des Jungen ist nicht sehr groß und er liegt in der richtigen Position.“
Der Kopf der Hebamme zuckte hoch und sie starrte ihn verdattert an. In barschem Ton antwortete sie ihm.
„Wohl ein Hellseher, was?“
Dann brummte sie schimpfend und hörbar vor sich hin von überklugen Männern, die taten, als wären sie Hebammen. Und dann zornig wieder zu Hanrek gewandt sagte sie.
„Wir werden sehen, was es für ein Kind wird. Wenn es ein Mädchen wird, ist es auch in Ordnung und hoffen wir, dass es diesmal eine einfachere Geburt wird. Ich glaube nicht, dass es diesmal wieder Zwillinge werden.“
Hanrek wusste, dass es keine Zwillinge waren, aber er hielt sich zurück. Die Hebamme wusste nichts von seiner Gabe und dabei wollte es Hanrek belassen. Stattdessen schnappte er sich Finella und Franzisko und ging mit ihnen hinaus und weiter zum Nachbarhaus, in dem Dresson sein treuer Freund wohnte.
Das Warten zehrte an Hanreks Nerven. Nervös ging er in Dressons Haus auf und ab, während Dresson liebevoll mit Finella und Franzisko spielte. Hoffentlich ging alles gut. Die Geburt der Zwillinge war schwer gewesen und eine furchtbare Tortur für Miria. Auch jetzt hörte man sie immer wieder schreien. Hanrek wollte nicht hinhören, denn jeder Schrei tat ihm körperlich weh, doch stattdessen spitzt er die Ohren, um den einen leisen erlösenden Schrei hören zu können. Und dann endlich kam der dünne Protestschrei eines neugeborenen Kindes aus seinem Haus. Die Geburt seines Sohnes war gelungen und sein Freund Dresson war der erste der vielen Gratulanten, die ihn überschwänglich beglückwünschten.
...
Die junge Dame, die vor der Tür nervös hin und her ging, war ungewöhnlich gut gekleidet. Das dunkelblaue Seidenkleid, das sie trug, war extra für sie geschneidert worden und hatte ein Vermögen gekostet. Die dazu passenden weichen Schuhe hatten exakt die gleiche Farbe. Die junge Dame war aber nicht nur gut gekleidet, sie sah auch sehr gut aus. Ihre langen blonden Haare fielen ihr in Locken über die Schulter und sie rahmten ihr leicht gebräuntes makelloses Gesicht ein. Ihre blauen Augen leuchteten daraus hervor wie Edelsteine in einem kostbaren Ring. Und da sie außer ihrer Schönheit auch noch sehr aufgeweckt und intelligent war, war sie für jeden jungen Mann im Königreich die begehrteste Partie, die man sich vorstellen konnte.
Aber all das würde Pilroos nicht vor dem Zorn ihres Vaters schützen, der immer dann über sie herein brach, wenn sie wieder einmal etwas angestellt hatte. Und sie hatte etwas angestellt.
Das blaue Kleid war ein Geschenk ihres Vaters gewesen und sie hatte es extra für das bevorstehende Gespräch angezogen, da sie festgestellt hatte, dass ihr Vater nachsichtiger mit ihr war, wenn sie gut gekleidet war.
Am Abend vorher war sie nicht so gut angezogen gewesen. Pilroos war in unscheinbarer Arbeiterkleidung, ihr auffälliges Haar unter einer Mütze versteckt aus der Burg in die Stadt geschlichen. Sie hatte einfach raus gemusst. Sie kam sich oft so eingesperrt vor. Seit man sie vor fast acht Jahren entführt hatte, gab es für ihren Vater fast nur ein einziges Ziel. Er wollte seine Tochter nicht noch einmal verlieren und daher war alles darauf ausgerichtet, Pilroos zu schützen und zu behüten. Es schnürte ihr die Luft ab.
Pilroos ging weiter auf und ab und wartete darauf, dass sie in das Amtszimmer ihres Vaters gerufen wurde. Ihre weichen Schuhe machten dabei auf dem schönen Holzboden fast keine Geräusche. Sie musste sich langsam eine Taktik ausdenken, um ihrem Vater den Wind aus den Segeln zu nehmen. Vielleicht sollte sie in Tränen ausbrechen und ihm versprechen, dass sie es nie wieder tun würde, aber ob er ihr das glauben würde. Sie war nicht so gut im Lügen.
Sie könnte ihm aber auch von dem schönen cremefarbenen Stoff erzählen, den sie gestern Abend auf dem Markt gesehen hatte. Vielleicht würde ihr Vater sich ablenken lassen, wenn sie ihm beschreiben würde, was man daraus für ein schönes Kleid machen könnte. Aber es war ihr gestern Abend nicht um einen schönen Stoff gegangen, deshalb war sie nicht ausgebüxt. Im Gegenteil, Pilroos wollte endlich einmal dem geordneten bequemen Leben in der Burg mit seinen schönen Kleidern und dem ganzen Zeremoniell entkommen. Sie hatte eine Fleischrolle aus der Hand gegessen und Wasser direkt aus dem Brunnen getrunken. Sie hatte endlich einmal eine Gelegenheit gehabt unter normale Menschen zu kommen, statt behütet wie eine Prinzessin in der Burg zu sitzen. In den Straßen von Kiroloom wurde niemand verhätschelt. Wenn man nicht aufpasste, dann geriet man schnell unter die Räder eines Ochsenkarrens, und auf seine Geldbörse musste man auch sorgfältig aufpassen.
Nein, von dem cremefarbenen Stoff würde sie nicht anfangen. Eine andere Möglichkeit wäre über die Behandlung von Malte zu jammern. Er hatte sie gestern, nachdem er sie in der Schenke gefunden hatte nicht gerade zart behandelt. Ihr Arm schmerzte ihr immer noch von seinem harten Griff. Aber wahrscheinlich würden sie dann beide Ärger bekommen, sie fürs Ausreißen und Malte für sein rohes ungehobeltes Verhalten.
Pilroos seufzte. Am besten würde sie einfach ertragen, was immer der Zorn ihres Vaters auch für sie bedeuten würde.
Bei ihrer Wanderung vor der Tür des Amtszimmers beobachtete Malte Pilroos aufmerksam. Seine Augen folgten ihr bei jedem Schritt und seine Augen blickten nicht freundlich. Sein Blick war nervtötend. Pilroos hatte den Verdacht, dass er sie bewachte, damit sie sich nicht davon stahl.
„Schönes Kleid.“
Pilroos drehte sich zu dem ihr zugewiesenen Beschützer um. Malte war nur etwas größer als sie, dafür war er um so breiter und muskulöser und er hatte einen riesigen Brustkorb. Pilroos verglich ihn gerne mit den Hunden, die die Wächter der Burg gerne für ihre Rundgänge benutzten. Diese Hunde waren eher klein aber sehr breit gebaut und außerdem hatten sie ein eingedrücktes Gesicht. Auch das war eine Gemeinsamkeit, die die Hunde mit Malte hatten. Nur das Sabbern der Hunde passte nicht zu Malte, denn im Allgemeinen hatte er sehr gute Manieren. Er war jetzt das erste Mal aus der Rolle gefallen, seit sie ihn kannte. Seit gestern Abend war er jedoch rücksichtslos und respektlos zu ihr. Wahrscheinlich hatte sie mit ihrer Flucht aus der Burg nicht nur ihren Vater getroffen.
Im Moment lehnte Malte an der Wand zwischen zwei Fensternischen, doch er war alles andere als entspannte. Der Zorn ihres Vaters war eines, aber etwas anderes war es, wenn Malte sie respektlos behandelte. Wenn das zur Gewohnheit wurde, dann konnte er ihr das Leben ganz schön schwer machen. Sie musste die Verhältnisse wieder gerade rücken, ihm etwas klar machen und den Respekt einfordern, der ihr zustand. Sie neigte den Kopf und betrachtete Malte von oben bis unten. Dann sagte sie mit der süßesten Stimme, die ihr möglich war.
„Schöne Uniform.“
Malte schaute verdutzt.
„Und dein Säbel. Schön blank und wirklich schön.“
„Was soll das jetzt?“
„Was soll was? Ich dachte, wir tauschen Komplimente aus.“
Malte sagte nichts.
„Hör zu. Ich werde meinem Vater nichts darüber erzählen, dass du seine Tochter ziemlich grob behandelt hast.“
„Pah.“ Malte schüttelte den Kopf.
„Ich denke, das wird mein kleinstes Problem sein. Meines und das der zehn anderen Wachen, die du mit deiner Flucht in Misskredit gebracht hast und die morgen unehrenhaft entlassen werden.“
Pilroos blieb der Mund offen stehen.
„Unehrenhaft entlassen?“, fragte sie kleinlaut.
Malte sagte nichts. Sein Gesicht war jetzt wie eine Maske.
Einen Moment lang starrte Pilroos den Mann noch an. Dann drehte sie sich um und nahm ihre Wanderung wieder auf.
Unehrenhafte Entlassung. Was hatte sie nur getan? Schuldgefühle stiegen in ihr auf. Alle ihre Beschützer sollten dafür bestraft werden, dass sie die Burg verlassen hatte. Da war der lustige Fridek und der bärbeißige Zanto und all die anderen, die jetzt auf die Straße gesetzt werden würden.
Das war ungerecht. Das war sehr ungerecht. Warum würden sie dafür bestraft werden, dass Pilroos in der Burg die Decke auf den Kopf gefallen war? Ihr Schritt wurde aggressiver. Warum durfte sie nicht tun und lassen, was sie wollte? Sie war schließlich die Tochter des Königs und sie durfte weniger als die Tochter des Bäckermeisters, der jeden Morgen die süßen Kuchen in die Burg lieferte. Es war so ungerecht. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Unehrenhafte Entlassung.
Ohne dass sie es sich bewusst vorgenommen hatte, hatten ihre Schritte sie direkt zur Tür geführt. Kurz entschlossen klopfte sie energisch an der schweren Holztür und drückte die eiserne Türklinke herunter. Die Tür schwang auf und gab den Weg frei ins Amtszimmer des Königs. Der König saß an seinem Schreibtisch und ihm gegenüber saß ein wichtig aussehender Mann. Sie hatten ihr die Köpfe zugedreht und überraschte neugierige Blicke empfingen sie. Pilroos schloss die Tür hinter sich und ging mit entschlossenem Schritt weiter in das Zimmer hinein.
„Vater. Ich muss dringend mit dir reden.“
...
Ein kalter Wind pfiff vom steilen Gipfel hinunter in die grüne fruchtbare Ebene. Das war nichts Ungewöhnliches im nördlichen Teil des Königreichs, auch wenn es Sommer war. Ungewöhnlich war jedoch die Ruhe, die über dem Gipfel lag. Kein Vogel zwitscherte, keine Grille zirpte. Es herrschte angespannte Ruhe, wie die Ruhe vor einem heftigen Sturm. Ein Sturm stand bevor, doch kein Sturm, wie ihn diese Berge normalerweise erlebten mit orkanartigen Böen, Regen, Schnee oder Hagel.
Es begann mit einem leichten Zittern, das fast so sanft war wie der leichte Schlag eines Schmetterlings. Doch es blieb nicht bei diesem Zittern. Aus dem leichten Zittern wurde ein starkes Vibrieren und einen kurzen Moment später brach sich eine Explosion aus der Erde Bahn und schleuderte Asche und glühende Lava hoch hinaus in die Luft. Wie befreit von einem Korken floss angetrieben durch angestauten Druck die rot glühende Lava aus den Tiefen des Berges und ergoss sich über die Hänge. Erst floss sie schnell, da sie glühend heiß war, doch allmählich kühlte sie ab und bremste ihre ungestüme Fahrt den Berg hinunter. Schließlich wälzte sie sich nur noch wie eine mit einer dreckig schwarzen Kruste überzogene Zunge Schritt um Schritt vorwärts. Stunde um Stunde schob sie sich weiter ins Tal und überdeckte alles mit neuem heißem Gestein.
Das Wesen wusste nicht was kommen würde, aber es wusste, dass etwas kam. Wie mit angehaltenem Atem lauerte es auf die kommende Veränderung, eine Veränderung, die sich durch das Zittern und Beben angekündigt hatte. Und dann kam die Veränderung. Die Erlösung nahte in Form von rot glühender Lava und sie schob sich langsam über die Steine, die das goldene Drachenei rund herum berührten. Erst langsam und dann immer schneller wurden diese Steine erhitzt, bis sie selbst fast rot glühten. Die Hitze übertrug sich auf das Ei, bis auch dieses glühend heiß wurde.
Endlich. Endlich meine Geburt.
Mit einer Explosion kleiner als der Vulkanausbruch und doch in seinen Auswirkungen für die Welt viel entscheidender, brach die Schale auseinander und in einer Fontäne aus Felsbrocken und heißem Gestein wurde der Drache geboren.
Einen Moment lang war er von seiner Geburt selbst so überwältigt, dass er wie benommen da saß. Das Feuer aus der Lava züngelte an dem Geschöpf hoch, das etwa die Größe eines kleinen Pferdes hatte. Die Flügel hingen ihm an den Seiten herunter wie Fremdkörper. Langsam hob er einen der Flügel empor. Er drehte seinen großen Kopf und schaute ihn verwundert an. Dann, als er verstand, streckte und dehnte er beide Flügel zu ihrer vollen Größe aus, faltete sie sorgfältig und legte sie voller Stolz und Genugtuung an seinen lang gezogenen Körper an, sodass sie sich perfekt seitlich anpassten.
Er sog mit einem tiefen Atemzug die glühend heiße Luft, die um ihn herum waberte, in seine Lungen, und dann schrie er all seinen Hass, all seine erlittenen Qualen und eine unbändige Genugtuung aus sich heraus, schrie sie heraus als Herausforderung an die Welt, die ihm all die Jahrhunderte so viel Leid angetan hatte. Und mit dem Schrei kam aus seinem tiefsten Inneren die Glut, die ihn so oft und so lange gequält hatte, sie kam heraus und wurde zu einer Flamme, heißer als die Glut der ihn umgebenden Lava. In einem großen tödlichen Strahl schoss sie aus seiner furchterregenden mit langen spitzen Zähnen gespickten Drachenschnauze hervor. Dort wo die Flamme auf die Steine traf, begannen die Steine Blasen zu schlagen. Und als der Schrei beendet und der Strahl aus Feuer verebbt war, verkündete er der Welt seinen Namen.
Ich bin Schtarak. Ich bin geboren.
Dann stieß er sich mit seinen kräftigen mit scharfen Krallen bewährten Hinterbeinen ab, breitete die Flügel aus und erhob sich mit gewaltigen Flügelschlägen majestätisch in die Lüfte.
Alle Flüsterer der Welt hatten den Ruf gehört und sie wussten, dass ein Drache geboren war.
...
Hanrek war gerade dabei, im Garten seinen neugeborenen Sohn in den Armen zu wiegen, als die gewaltige Stimme in seinem Kopf zuschlug. Fast hätte er seinen Sohn fallen lassen. Alexo fing an zu schreien. Fahrig legte Hanrek sein Kind auf eine Decke, die auf dem Boden ausgebreitet lag.
Diese grausame Stimme. Sie war fremd und doch war sie Hanrek beängstigend vertraut, wenn auch nicht willkommen. Er hörte sie fast jede Nacht in seinen Albträumen, die ihn seit der Zeit quälten, als er das Drachenei zum ersten Mal berührt hatte. Augenblicklich war die Angst wieder da und Hanrek brach der Schweiß aus. Aber woher kam diese Stimme jetzt?
Und dann erinnerte er sich an den Namen. Schtarak. Nicht nur die Stimme auch den Namen hatte er schon einmal gehört und einen Geistesblitz später hatte sich alles in seinen Gedanken geordnet, die geheime Geschichte, das goldene Drachenei, der Drache im Ei. Es überspülte Hanrek förmlich. Der Drache war geschlüpft. Aber es konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Er hatte das Drachenei doch sicher in die Berge gebracht. Niemand war in der Lage, das Ei zu finden. Es war nicht möglich. Das Ei lag sicher in einem Grab, dicht umgeben von Steinen, gut versteckt an einer kaum zugänglichen Stelle in den Bergen. Niemand kannte diese Stelle außer ihm. Nein. Die Stimme musste einen anderen Ursprung haben. Es konnte, es durfte nicht dieselbe Stimme aus dem Drachenei sein. Hanrek atmete ein paar Mal beruhigend ein und aus. Er ließ seine Gabe strömen und nahm den Frieden der Bäume im Garten in sich auf. Langsam verließ ihn die Panik und wurde zu einer ertragbaren Angst. Jetzt konnte er wieder einigermaßen klar denken.
Er zwang sich, die geheime Geschichte noch einmal durchzugehen und in Gedanken zitierte er die Geschichte an der entsprechenden Stelle.
... Lasst mich ein paar Hintergründe erklären. Es ist acht Jahre vor der Herrschaft von Schtarak dem Schrecklichen, doch wann genau die Herrschaft von Schtarak beginnt, wird durch das Handeln von Hanrek und seiner Kameraden bestimmt werden ...
Er kannte den Namen Schtarak aus der geheimen Geschichte.
Gedankenverloren streichelte Hanrek seinen Sohn, der laut weinte. Eigentlich weinte Alexo in seinen Armen nie. Hanrek wusste immer, was der Grund war, wenn er weinte. Aber im Moment konnte Hanrek sich nicht auf ihn konzentrieren. Er hatte den Kopf voll mit einem schrecklichen Namen und mit einem noch schrecklicheren Verdacht.
Alarmiert durch das Weinen kam Miria in den Garten. Sie schaute ihren Mann fragend an.
„Hanrek.“
Es kam keine Antwort, so versunken war Hanrek in seine Gedanken.
„Hanrek!“
Diesmal rief Miria ihn mit lauter Stimme und ihr Mann schreckte hoch.
„J ... Ja.“
Jetzt war Miria wirklich alarmiert. Ihr Sohn schrie nun aus Leibeskräften und Hanrek saß abwesend dabei. Was ging hier vor? Hanrek merkte plötzlich, dass Alexo schrie und er nahm ihn vorsichtig von der Decke hoch in seine Arme. Sofort hörte der Säugling auf zu weinen. Ein paar Schluchzer, die aus dem tiefsten Innern kamen, schüttelten ihn noch und dann hatte er sich wieder beruhigt.
Nach wie vor war Miria beunruhigt.
„Hanrek.“
Hanrek drehte sich zu ihr um und das Gesicht, dem Miria entgegensah, trug nicht dazu bei, sie zu beruhigen. Er sah blass und angespannt aus und eine tiefe Sorgenfalte hatte sich in seine Stirn eingegraben.
Miria ging zu ihrem Mann und nahm ihm den Säugling aus den Händen.
„Hanrek, was ist los?“
Nachdem er jetzt die Hände frei hatte, schlug Hanrek sie vors Gesicht.
„Hanrek, was ist los?“
Mirias Stimme klang jetzt panisch.
„Hanrek, sprich mit mir. Was ist passiert?“
Hanrek zog die Hände herunter, sodass er seine Frau mit einem gequälten Blick ansehen konnte.
„Miria. Ich fürchte ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht. Der Drache ist aus dem Ei geschlüpft.“
...
In den Gehegen der Exzarden herrschte Chaos. Schull fühlte sich an den Eroberungszug im Königreich vor fast acht Jahren zurück erinnert. Damals waren Flammen aus dem Fluss Boon geschlagen, Flammen, die die Form von Drachen gehabt und alle Exzarden fast in den Wahnsinn getrieben hatten.
Doch das Chaos, das er jetzt hier erlebte, war noch um einiges größer als das, was er damals im Königreich erlebt hatte. Die Exzarden gebärdeten sich wie wild und Schull wusste warum. Er hatte wie alle anderen Flüsterer auch die Stimme in seinem Kopf gehört.
Ich bin Schtarak. Ich bin geboren.
Seit diesem Moment versuchten alle Reiter verzweifelt, die Tiere von ihren mörderischen Ketten zu befreien. Die Ketten führten an eine kurze dicke Stange. Und diese Stangen waren so stark befestigt, dass keiner der Exzarden in der Lage war, sie mit Gewalt aus dem Boden zu reißen. Aber das wussten die Exzarden nicht. Jeder Einzelne von ihnen hatte das Weiße in den Augen, den Augen, die sonst so wissend und fast menschlich schauen konnten. Und sie kämpften gegen ihre Ketten an ohne Sinn und Verstand. Die Panik hatte sie vollständig im Griff. In ihren Köpfen war nur noch Platz für die Flucht. Kurz hatte Schull versucht zu Carmeon durchzudringen und Einfluss auf ihn zu nehmen, aber er hatte es sogleich wieder aufgegeben. Es war zwecklos.
Schull lauerte auf seine Gelegenheit, um die Kette von der Stange zu lösen. Carmeon sprang mit aller Macht in die Kette, und wurde fast mit der gleichen Kraft wieder zurückgeschleudert. Doch der Fluchtinstinkt sorgte dafür, dass sein Exzard sofort wieder auf den Beinen war und erneut Anlauf nahm. Schull blieb keine Zeit, die wenigen Schritte vorwärts zu stürmen und den dicken Sicherungsbolzen herauszuziehen. Mit Schrecken sah Schull, dass die Kette, die um Carmeons Hals gelegt war, sich durch die zahlreichen verzweifelten Fluchtversuche zwischen zwei der Panzerplatten geschoben hatte. An einer der Platten war ein Stück der Panzerung heraus gebrochen, sodass der Spalt wahrscheinlich groß genug war für die Kette. Er musste handeln, denn langsam wurde es für das Tier lebensgefährlich. Wenn die Kette zwischen der Panzerung durchkam, läge sie direkt auf dem empfindlichen Fleisch am Hals. Dort verliefen große Blutgefäße, und wenn diese verletzt wurden, würde Carmeon verbluten.
Erneut sprang der Exzard gegen die Kette an und wurde zurückgeschleudert. Diesmal wartete Schull nicht ab. Er schaute nicht, ob sich Carmeon erneut zum Sprung bereit machte. Er schaute nicht, ob sich die Kette noch weiter zwischen die Platten geschoben hatte. Er würde den Bolzen jetzt herausziehen. Mit einigen schnellen Schritten war er bei der Stange. Noch war die Kette locker, sodass er den Sicherungsbolzen würde herausziehen können. Mit fahrigen Fingern zerrte er an der Kette herum und legte den Bolzen frei. Er führte seine Hand in die Lederschlaufe, mit der man den dicken Bolzen herausziehen konnte, und zog mit aller Kraft daran. Nichts geschah. Das Metall hatte sich durch die Fluchtversuche verbogen und ließ sich nicht so einfach herausziehen. Aus den Augenwinkeln sah Schull, dass Carmeon wieder auf die Beine gekommen war. Einen kleinen Moment stand der Exzard benommen da, dann schüttelt er sich und nahm erneut Anlauf. Zwei schnelle Sprünge, dann war er am Ende der Kette. Die Wucht, mit der die Kette gespannt wurde, war riesig. Schull erkannte seinen Fehler, denn er hatte die Hand noch in der Schlaufe. Es gab ein hässliches Geräusch, als ihm das Handgelenk brach.
Der Schmerz nahm ihm den Atem. Es wurde dunkel vor seinen Augen. Nein. Er durfte nicht ohnmächtig werden. Nein. Er durfte nicht nachgeben. Er kämpfte, versuchte nicht an seine Hand und an die Schmerzen zu denken sondern konzentrierte sich auf alltägliche Dinge, den Sand auf dem Boden, das Klirren der Kette, das Schreien der Tiere um ihn herum. Langsam drückte Schull die Dunkelheit vor seinen Augen an die Ränder seines Blickfelds machte sie zu schmalen drohenden dunklen Schatten, die sein Blickfeld einschränkten. Deshalb sah er nicht, wie Carmeon erneut auf die Beine gekommen war, sah nicht, wie knapp der gefährliche Schwanz des Exzarden an seinem Kopf vorbei rauschte und er sah auch nicht, dass er wieder zum Sprung ansetzte. Dann riss die gleiche Wucht wie schon zuvor an dem bereits gebrochenen Handgelenk.
Diesmal hatte Schull dem Schmerz nichts mehr entgegen zu setzen, und es wurde schwarz um ihn herum.
...
Der schwarze Schatten, der durch den Körper am Himmel hinunter auf den Wald geworfen wurde, huschte schnell vorüber. Er verdeckte nur kurz die Sonne und gab dann den Blick auf den strahlend blauen Himmel wieder frei. Urplötzlich stieß dieser Schatten hinab und aus dem Schatten, der aus der Entfernung wie ein großer Raubvogel gewirkt hatte, wurde ein Drache. Der Hirsch, den er auf der Waldlichtung im Blick hatte, spürte die Gefahr nicht, die ihm aus der Luft drohte, denn ein Hirsch hatte von einem Raubvogel nichts zu befürchten. Er scharrte im Schnee und äste dann das freigelegte grüne Gras ab. Dabei bewegte er sich langsam auf der Lichtung voran. Sein riesiges Geweih schob er dabei wie einen Besen vor sich her.
Als er einen eigenartigen Wind hörte, hob er verstört den Kopf und blickte sich um. Im nächsten Moment krallten sich die scharfen Klauen in sein Fell, und der Aufprall des Drachen schleuderte ihn zu Boden. Der Todeskampf des geschockten Hirschs dauerte nicht lange, und Schtarak hatte seine erste Beute gerissen.
Als sein Hunger gestillt war, machte Schtarak sich auf die Suche nach Wasser, um auch seinen Durst zu stillen. Mit schnellen kräftigen Flügelschlägen schwang er sich in die Luft und ließ einen großen roten Fleck auf der ansonsten weißen Waldlichtung zurück. Als der Drache einen Aufwind unter seinen Flügeln spürte, schraubte er sich elegant und Kraft sparend höher und höher in die Luft. Von dort oben sah er schon von Weitem das schmale Band des Flusses Boon, sein nächstes Ziel.
Erneut stieß er hinunter, bis er dicht über dem Fluss dahinglitt. Dann sah er sein Spiegelbild im Wasser des ruhig dahin ziehenden Flusses. Er sah den lang gezogenen Körper, die zu diesem Körper passende Größe seiner weiten Flügel, den langen Schwanz, den er beim Fliegen als Ruder benutzte, die Drachenschnauze mit seinen vielen scharfen spitzen Zähnen. Er bewegte seine noch blutigen Klauen und sah fasziniert, wie sich die Klauen seines Spiegelbildes im Wasser ebenfalls bewegten. Und erst da wurde ihm richtig bewusst, wer er war, wer er bald sein würde, und Stolz machte sich in seinem Inneren breit.
Aber es wuchs auch der Hass auf die, die verhindert hatten, dass er all die vielen Jahrhunderte als der leben durfte, der er tatsächlich war. Wie hatten sie ihm all die Jahre seine Macht, die er in jeder Faser seines Körpers spürte, verwehren können? Aber nicht nur sein Körper war stark, auch sein Geist war mächtig. Er ließ seinen Geist schweifen, erfasste alles rund um ihn herum, kam dann zurück zu seinem Körper und bemerkte die vielen schlecht verheilten übereinander liegenden Schichten von Narben in seinem Gemüt. Die Narben, die er im Ei davon getragen hatte, bei seinen ungezählten Versuchen, seinen Geist schweifen zu lassen.
Er wusste, dass die Narben ihn verändert hatten, dass er anders war, als er sein sollte. Er wusste, dass ihn die Narben verdorben hatten, aber es war ihm egal. Jetzt endlich war er frei. Er war frei, und seine Rache würde fürchterlich sein.
Mit einem letzten grimmigen und verächtlichen Blick auf seine Umgebung zog Schtarak die Flügel an den Körper und stieß stromlinienförmig, wie er jetzt war, in den Fluss hinab. Der Schwung brachte ihn tief unter Wasser.
Seinen Schwanz benutzte er jetzt als Ruder, und mit einigen kräftigen Schlägen erreichte er den Grund des Flusses. Dort stillte er mit dem eiskalten Wasser in gierigen langen Zügen seinen Durst.
Als er sich satt getrunken hatte, spürte er, was er in Zukunft immer spüren würde, wenn er mit Wasser in Berührung kam. Er spürte die Glut in sich, spürte, wie sie sich in seinem Inneren zusammenzog. Einen Moment lang drohte ihn Panik zu überwältigen. Die Glut würde ihn wie schon so oft von innen heraus verbrennen. Aber dann breitete sich Erleichterung in ihm aus, denn es wurde ihm bewusst, dass er die Glut jetzt nicht mehr länger fürchten musste. Immer noch unter Wasser sammelte er die verbliebene Luft in seinen Lungen und entfachte die Glut noch mehr, bis sie explodierte.
Der Strahl, der aus seiner Drachenschnauze katapultiert wurde, verdampfte das Wasser über ihm und schoss als Mischung von Feuer und Dampf wie die weithin sichtbare Fontäne eines Geysirs aus der Oberfläche des Flusses heraus. Und direkt hinter den letzten verdampfenden Tropfen der Fontäne schoss Schtarak aus dem Wasser, breitete die Flügel aus und gewann rasch an Höhe.
Seine Flügel trugen Schtarak jetzt nach Süden. Er flog tief über der Erde und Wälder, Wiesen, Felder, Wege und Dörfer zogen schnell unter ihm dahin, ohne dass er halt machte. Und dann kam er an eine Stadt. Schtarak wusste nicht, dass die Stadt Platef hieß, aber das war ihm auch egal. Einen Moment lang hielt er inne und schraubte sich kreisend nach oben. Von dort hatte er einen guten Überblick über die beträchtliche Anzahl an Häusern auf einem Fleck.
Noch war Schtarak gefährdet, noch war er zu klein, um allen Gefahren trotzen zu können. Auch jetzt war er schon fast jedem Gegner gewachsen, aber es würde noch einige Monate dauern, in denen er sich einen Unterschlupf suchen musste, in denen er sich verstecken musste wie ein gejagtes Raubtier. Er musste erst noch zu seiner vollen Größe heranwachsen. Doch dann würde er diese und andere Städte wieder besuchen. Dann endlich würde seine Rache beginnen.
...
Tagelang hatte Hanrek vor sich hin gebrütet. Nichts hatte ihn ablenken, nichts hatte ihn aufmuntern können. Seine Kinder waren verstört, Miria war ratlos. Keiner hatte ihn bisher so erlebt.
Er hatte einen großen Fehler gemacht und er machte sich Vorwürfe. Immer und immer wieder hörte er die Stimme in seinem Kopf. „Ich bin Schtarak. Ich bin geboren.“
Wieder und wieder sagte er sich in seinem Gedächtnis die geheime Geschichte an der Stelle auf, wo sie von Schtarak dem Schrecklichen berichtete.
Auch mit Miria sprach er darüber und mit Dresson. Beide versuchten ihn davon zu überzeugen, dass er nicht anders hätte handeln können, dass er nur das Beste gewollt hatte, und dass er sich nicht die Schuld für die Geburt des Drachen geben sollte. Woher hätte er wissen sollen, dass das Versteck, das er so sorgfältig ausgewählt hatte, nicht sicher war.
„Ich muss etwas tun.“
„Was willst du denn tun? Du kannst gar nichts tun.“
„Ich weiß. Aber ich muss einfach etwas tun, irgendetwas. Irgendetwas muss mir einfallen.“
„Ich fürchte, Miria hat recht.“, warf Dresson ein.
„Es gibt nichts, was du oder ich oder irgendwer sonst tun könnte. Hanrek, wir reden von einem Drachen. Die Geschichten in den alten Sagen erzählen, dass ein Drache riesig ist, dass er gepanzert ist und dass er einfach unbezwingbar ist.“
Hanrek stöhnte gequält auf und schloss die Augen, als ob er damit die Wirklichkeit ausschließen könnte.
„Du selbst hast gesehen, wie groß und Furcht einflößend ein Exzard ist. Ein Exzard ist gegen einen Drachen wie ein Schoßhündchen. Und er speit Feuer.“
„Ja. Aber bis er so groß ist, wird es vielleicht noch eine Zeit lang dauern. Wenn ich jetzt nichts unternehme, wird alles nur noch schlimmer. Vielleicht besteht jetzt noch die Chance, etwas viel Schlimmeres zu verhindern.“
Miria, Dresson und Hanrek saßen vor dem Haus und redeten sich die Köpfe heiß. Die Kinder schliefen schon seit Stunden.
„Außerdem, irgendeinen Schwachpunkt muss auch ein Drache haben. Er muss einen haben.“
Miria und Dresson schauten sich resigniert in dem schwachen Licht der Nacht an. Sie wussten, warum Hanrek so verzweifelt auf seinem Standpunkt beharrte. Er machte sich schlimme Vorwürfe.
Eine Weile sagte niemand etwas. Dann brach Hanrek die Stille.
„Dresson. Was mir nicht aus dem Kopf geht, ist die geheime Geschichte. Sie hat zum ersten Mal Schtarak erwähnt. Sie hat ihn erwähnt, da war er noch gar nicht aus dem Ei geschlüpft. Die Geschichte erzählte von „der Herrschaft von Schtarak dem Schrecklichen“. Sie hat es gewusst, oder wenn man es genau nimmt, hat sie es sogar erst ermöglicht, dass wir das Ei stehlen konnten, sodass Schtarak am Ende aus seinem Ei schlüpfen konnte.
Dresson nickte.
„Du hast die Geschichte damals nicht zu Ende lesen können. Was hätte die Geschichte erzählt? Ich zermartere mir den Kopf, was als Nächstes gekommen wäre. Hätte sie von Schtarak berichtet, hätte sie davon berichtet, dass ich das Drachenei in der Nähe eines Vulkans verstecken würde, hätte sie uns gewarnt?“
Mittlerweile wurde im ganzen Königreich von einem gewaltigen Vulkanausbruch im nördlichen Gebirge berichtet.
Dresson schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Aber du kannst dir sicher sein, dass ich mich das auch schon unzählige Male gefragt habe. Die Geschichte war sicher nochmal so lang wie der Teil, den ich lesen konnte. Aber vielleicht war der weitere Teil nicht für mich bestimmt.“
Es wurde wieder still. Keiner sagte ein Wort. Die Zikaden zirpten in der Nacht.
Dann brach es aus Hanrek heraus.
„Ich muss den Rest der Geschichte lesen. Vielleicht steht darin, worin die Schwachstelle eines Drachen besteht und wie ich ihn besiegen kann.“
Miria zog erschrocken die Luft ein und Dresson lachte nervös auf.
„Nein. Das ist unmöglich. Ich schätze, das ist ungefähr so einfach, wie einen Drachen zu erlegen. Du kommst nie und nimmer in die Bibliothek. Sie ist zu gut bewacht. Außerdem bist du ein Fremder in Narull. Du würdest in Narull sofort auffallen.“
Hanrek starrte vor sich hin, dann sagte er leise.
„Ich hatte gehofft, dass du mir helfen würdest. Du kennst dich in Narull aus.“
Eine Weile sagte niemand etwas, während die Frage im Raum hing.
„Ja, in Narull kenne ich mich aus und Deserteure sind da immer willkommen.“, Dresson klang ziemlich bitter.
„Das kannst du nicht von ihm verlangen, Hanrek. Wenn er gefasst wird, droht ihm die Todesstrafe. Außerdem kennt man ihn in der Bibliothek und zudem möchte ich dabei auch ein Wörtchen mitreden.“, meldete sich Miria hitzig zu Wort.
„Schließlich redest du gerade darüber, dass der Vater meiner Kinder sich in Lebensgefahr begibt.“
Hanrek blickte sie gequält an.
„Das ist für mich das Schlimmste daran, dass ich euch verlassen müsste. Dich, Finella, Franzisko und Alexo. Die Kinder sind alle noch so klein.“
Es herrschte wieder lange Stille.
„Lass mich darüber nachdenken ...“, bat Dresson, „... vielleicht findet sich ja doch noch ein anderer Weg.“
Hanrek nickte, aber er glaubte nicht daran.
...
In den nächsten Tagen formte sich ein Plan in Hanreks Kopf. Damit man einen Feind bezwingen konnte, brauchte man Wissen über ihn. Das hatte Lucek, wie es Hanrek schien, vor sehr sehr langer Zeit zu ihm gesagt. Damals waren es die Drachenkrieger aus Narull gewesen, die er gemeint hatte. Aber das Gleiche galt auch für den Drachen. Wie sollte man ihn besiegen, wenn man nichts über ihn wusste? Daher musste Hanrek unbedingt in diese Bibliothek in Narull. Vielleicht gab es dort neben der geheimen Geschichte auch noch andere Informationen beispielsweise über Drachen.
Außerdem brauchte man Waffen und Schutz gegen das Ungeheuer. Waffen, die gegen Feuer und rohe Gewalt gefeit waren und da kannte Hanrek nur ein Material. Es mussten Waffen aus Heronussbaum sein, und er wusste schließlich, wie man Gegenstände aus Heronuss herstellte. Er hatte es wahr gemacht, hatte sein Versprechen eingehalten, und war zusammen mit Miria nach Fissool zurückgekehrt. Binderer hatte ihn wie einen Sohn bei sich aufgenommen. Miria und Hanrek hatten im Haus von Meister Binderer gewohnt und der Heronussbaumdrechsler hatte Hanrek fertig ausgebildet. Hanrek war jetzt selbst ein echter Heronussbaumdrechsler, natürlich kein Meister aber ein Geselle.
Und dann war Hanrek zusammen mit seinen Freunden Mico und Jorgen nach Haffkef gereist. Sie hatten Lucek besucht, der zu dieser Zeit Tef gewesen war. Mit Luceks Hilfe hatten sie ihn gefällt, den alten abgestorbenen Baum, das weiße Gerippe, das im Garten der Bruderschaft des Baums stand. Natürlich nachts und heimlich, denn Hanrek und seine Freunde waren nach wie vor gesuchte Verbrecher im Königreich, und manche hätten das Fällen des toten Baumes als ein weiteres großes Verbrechen bezeichnet. Und selbst wenn sie das Fällen selbst nicht als Verbrechen bezeichnet hätten, so doch sicher, dass Hanrek das wertvolle Holz des Baums mitgenommen hatte.
Hanrek wusste es besser. Er hatte den Baum nicht gefällt, um sich an dem Holz zu bereichern, sondern um den kleinen jungen Baum von der Last des alten toten Gerippes zu befreien. Dies war etwas gewesen, was er sich von Anfang an vorgenommen hatte. Hanrek hatte es geschafft, die Nuss unter dem alten toten Heronussbaum zum Keimen zu bringen, hatte damit die Prophezeiung des Baums erfüllt und er fühlte sich nun dem neuen Baum gegenüber verantwortlich. Durch das Fällen des alten Baums hatte er dem jungen Heronussbäumchen die Möglichkeit gegeben, sich nach oben hin frei zu entfalten und darauf war Hanrek stolz.
Und da er durch die Erfüllung der Prophezeiung nun einmal der oberste Bruder der Bruderschaft des Baums war, hatte Hanrek auch keine Skrupel, das Holz für sich zu beanspruchen, denn der Garten, in dem der Baum gestanden hatte, gehörte der Bruderschaft und Hanrek hatte vor, es zum besten Nutzen der Bruderschaft einzusetzen. Auch wenn Hanrek zu Beginn nicht dieser oberste Bruder hatte sein wollen, so war er nun doch froh, Teil der Bruderschaft zu sein. In den letzten Jahren war er enger Bestandteil des Netzes geworden, das die Bruderschaft über Jahrhunderte hinweg gewoben hatte. Er hatte oft die Hilfe der Bruderschaft in Anspruch genommen und er hatte genauso oft seine Hilfe gewährt. Gerade in der Zeit nach dem Überfall der Drachenkrieger waren Hanrek und seine Freunde gesuchte und verfolgte Verbrecher, die sich eine neue geschützte Existenz aufbauen mussten. Das ging nicht ohne Hilfe durch andere.
Das weiße Holz lagerte jetzt in einem großen unterirdischen Lagerraum unter seinem Schuppen, verborgen vor neugierigen Blicken. Nur einige wenige Menschen wussten, dass dieser Schatz in dem unscheinbaren Schuppen vorhanden war.
Es waren ereignisreiche Jahre gewesen. Nicht ganz so ereignisreich wie der Krieg gegen die Drachenkrieger selbst, aber es hatte gereicht, um die Zeit als echtes Abenteuer zu bezeichnen. Und nun drohte ihm ein weiteres Abenteuer. Ein Abenteuer, auf das er gerne verzichtet hätte, um stattdessen in Frieden seine Kinder wachsen zu sehen.
...
Warum kam bei einer Quelle das Wasser langsam und gemütlich aus dem Boden gesprudelt, und wenn man sie abdeckte oder besser gesagt, wenn man es versuchte, warum spritzte das Wasser dann in alle Richtungen und zwar mit einem Druck, dass es viele Schritt weit spritzte?
Er grübelte, schrieb seine Schiefertafel voll, löschte sie und säuberte sie sorgfältig. Auf die jetzt leere Tafel kritzelte er erneut voller Eifer, beschrieb sie mit Zeichnungen und Berechnungen, doch nach einer Weile löschte er auch diese Seite. Geistesabwesend reinigte er die Tafel.
Er wusste, die Lösung war ganz nah, greifbar, in Reichweite, er musste sie nur festhalten, sie nagte an seinem Verstand, wollte gefunden werden. Vielleicht wenn er es noch einmal von der anderen Seite betrachtete. Ja, das sah gut aus. Da war ein Zusammenhang mit dem Platz, den das Wasser hatte. Er wünschte, er könnte nochmal wie schon Jahre zuvor die Quelle in der Wüste sehen, nochmal die Hand darauf pressen, selbst wenn er dabei tropfnass würde, das wäre ihm egal. Oder was wäre, wenn er einen schweren Stein darauf legen würde?
Er fühlte es, er war der Lösung ganz ganz nah. Er entspannte sich und streckte seine gedanklichen Fühler aus. Ja, jetzt, das war der richtige Weg, der richtige Gedanke, ein Hochgefühl begann sich einzustellen, er wusste, er würde das Problem jetzt lösen, wenn er nur noch ...
Ein scharfes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken und alles war verflogen, alles war weg, der ganze schöne Gedankengang, alles war ihm entfallen.
Wo gerade noch ein Hochgefühl gewesen war, breitete sich jetzt Frust aus. Er war so nah gewesen.
Es klopfte erneut.
Energisch schob Binno seinen Stuhl zurück. Wenn es nicht wirklich wichtig war, dann würde er dem Störenfried den Kopf abreißen. Irgendjemand musste für den Frust bezahlen.
Binno ging zur Tür und riss sie wütend auf.
Davor standen seine Freunde Hanrek und Dresson und sofort war sein Ärger vergangen.
Sie fielen sich in die Arme.
In Ventef kannte man Binno nur als den Erfinder, der gegen Auftrag Maschinen baute. Maschinen, die noch niemand hatte oder kannte. Man kam mit einem Problem zu ihm, und Binno versuchte es zu lösen. Neben großartigen Erfolgen gab es dabei leider auch immer wieder Misserfolge.
Mico wohnte ebenfalls in dem verträumten Städtchen Ventef, und Binno hatte sich mit ihm zusammengetan. Mico verkaufte Ideen und Binno sollte sie verwirklichen. Der ehemalige Dieb und Stallbursche Mico ging wie üblich sehr geschickt vor, verkaufte wortgewandt, was der Kunde haben wollte, und stellte dabei Binno ein ums andere Mal vor schier unlösbare Aufgaben.
Und heute kam Hanrek mit einer solchen Aufgabe zu ihm. Nach kurzer Begrüßung kam Hanrek gleich zur Sache.
„Binno, ich brauche deine Hilfe.“
Nachdem ihn seine beiden Freunde nach einem langen Abend und einer kurzen Nacht am nächsten Morgen verlassen hatten, hatte Binno sein Problem mit dem Wasser vergessen. Viel größere Probleme hatten sich in den Vordergrund geschoben, Aufgaben, die ihn die nächsten Monate beschäftigen würden. Aber nachdem sie Mico gleich mitgenommen hatten, bestand nicht die Gefahr, dass dieser ihm auch noch von seinen Kunden Aufträge anschleppte.
Als seine Freunde fort waren, setzte er sich an seinen Arbeitstisch und dachte über diese neuen Aufgaben nach und, wie so oft, vergaß Binno die Zeit und lebte statt dessen in seiner eigenen Welt voller Möglichkeiten und ungelöster technischer Probleme. Er vergaß zu essen und zu trinken, und erst als spät in der Nacht sein Magen unüberhörbar knurrte, erwachte er aus seinen Gedanken, und merkte, dass über den Aufgaben der Tag vergangen war. Als er ausgehungert und durstig, wie er war, ein Stück Brot und dazu etwas Käse hinunter schlang, und das Essen mit einer Kanne kalten Wassers herunter spülte, wurde ihm klar, dass er in der nächsten Zeit häufiger solche Tage haben würde. Hanrek hatte ihm Aufgaben gestellt, die ihn fesselten, die anspruchsvoll waren und zudem waren sie wichtig. Wichtig für seine Freunde und wichtig für das ganze Königreich.
...
Stonek döste vor sich hin. Er konnte nicht schlafen. Das lag aber nicht daran, dass sein Lager unbequem war, unbequem und außerdem kalt war es zweifellos, sondern es lag daran, dass er den ganzen vergangenen Tag schon vor sich hin gedöst hatte. Genau wie die Nacht und den Tag davor und wie die vielen Tage und Nächte zuvor, seit ihn dieser verdammte Tom ins Gefängnis geworfen hatte. Stonek wusste nicht, warum er hier war. Bis auf ein stundenlanges Verhör vor Wochen, in dem man ihn dazu befragt hatte, wie er hieß, wo er herkam, was er die letzten Jahre gearbeitet hatte, wie sein Bruder hieß, wo dieser jetzt war und was er tat, was Stonek im Krieg getan hatte und vielen anderen Fragen, hatte man ihn einfach schmoren lassen. Kein Wort über den Grund, kein Wort darüber, wie lange er hier bleiben sollte, wann man ihn vor Gericht stellte, ob man seine Eltern benachrichtigt hatte oder sonst irgendetwas. Die einzige Begründung, die sie ihm für sein Hiersein gegeben hatten, war: „Der Tom hat es befohlen.“
Die Wärter waren stumm wie Fische und das Essen war widerlich. Es gab nichts zu tun, außer zu warten und zu hoffen oder zu verzweifeln. Er hatte schon tausend Mal die kleine Zelle von vorne bis hinten abgeschritten, jeden Zentimeter der Wand auf eine Möglichkeit für eine Flucht untersucht und tausend Mal geschrien, seine Unschuld beteuert, bis er heiser war, alles ohne jede Reaktion. Sonst gab es nichts zu tun.
Manchmal beobachtete er einen halben Tag lang den Sonnenstrahl, der durch die winzige fensterähnliche Öffnung oben an der Mauer hereinkam, beobachtete, wie der Strahl langsam durch den Raum wanderte, von der Mitte des Fußbodens bis zur Mitte der Mauer ihm gegenüber. Und wenn eine Wolke die Sonne verdeckte und ihm damit die einzige Ablenkung des Tages genommen wurde, dann stieg ein unbändiger Zorn in ihm auf, ein Zorn auf die Ungerechtigkeiten des Lebens, der Ungerechtigkeiten der Welt ihm gegenüber. Bei einer dieser Gelegenheiten hatte er sich die linke Hand gebrochen, als er seiner Wut Luft machen musste und gegen die Wand geschlagen hatte. Seitdem schmerzte ihn die Hand. Oft wachte er nachts auf, weil er sich aus Versehen auf die Hand gelegt hatte.
Er war verlaust und verdreckt. Sein Bart war mittlerweile struppig und ungepflegt, sein in Strähnen herunter hängendes Haar hatte dringend einen Haarschnitt nötig, seine Kleider wurden mehr und mehr zu Lumpen. Aufgrund des schlechten Essens hingen sie ihm sowieso nur noch am Leib herunter. Was tat er hier, was wollten sie von ihm, was warf man ihm vor, er hatte keine Ahnung, er hatte wirklich keine Ahnung. Es gab kein stilles kleines Geheimnis, das diese Behandlung rechtfertigte, er war sich absolut keiner Schuld bewusst. Sein Vater war Tof in Hallkol und damit ein angesehener Bürger, wie konnten sie den Sohn eines angesehenen Bürgers des benachbarten Dorfes einfach einsperren ohne Grund, nur weil es der Tom so befohlen hatte? Er war ratlos und döste weiter vor sich hin.
Stonek schreckte hoch, anscheinend war er jetzt doch eingenickt. Was hatte ihn geweckt? Dann hörte Stonek, was ihn geweckt hatte, es waren schwere Stiefelschritte auf dem Gang zu hören und gerade jetzt hörten die Schritte auf, genau vor seiner Tür. Er setzte sich auf und war hellwach. Das war sehr ungewöhnlich, das war kein einziges Mal in den letzten Wochen vorgekommen. Was ging da vor? Der Schlüssel wurde in das Schloss gesteckt und Stonek hörte, wie das schwere Schloss zurück schnappte, dann wurde der Riegel zurückgeschoben.
Stonek stellte fest, dass er aufgestanden war. Er war bis in die Haarspitzen alarmiert. Dass man ihn mitten in der Nacht aufsuchte, nach all der langen Zeit, war höchst verdächtig, was gab es, das nicht noch bis zum Morgen hätte warten können?
Instinktiv schaute sich Stonek nach etwas um, mit dem er sich verteidigen konnte, aber in diesem Raum gab es nichts als den festgeketteten stinkenden Eimer, seinen Essnapf und den Löffel, beides aus Blech. Das Bett war so befestigt, dass es sich nicht von der Wand lösen ließ. Es gab nichts, was er zur Verteidigung hätte benutzen können. Trotzdem nahm er den Löffel an sich und steckte ihn sich rasch in die Tasche. Man konnte nie wissen. Stonek zog sich zurück an die Wand und brachte zwischen sich und die Tür so viel Abstand wie möglich, viel war es nicht.
Die Tür schwang quietschend auf. Vorsichtig spähte Stonek hinaus in den Gang, konnte aber aufgrund der Dunkelheit rein gar nichts erkennen. Dann hörte er ein schleifendes Geräusch und ein leises Fluchen. Die Tür, die ganz langsam wieder zu geschwungen war, wurde mit einem starken Ruck aufgestoßen, sodass sie erneut quietschend aufschwang und an die Mauer knallte. Stonek hatte die ganze Zeit den Atem angehalten, sein Herz raste, er fühlte hinten den Druck der Wand in seinem Rücken und vorne den Druck der Angst auf seiner Brust, den Löffel hatte er krampfhaft in der Tasche umklammert. Er zwang sich auszuatmen und sich ein klein wenig zu entspannen. Was ging da vor?
Jetzt wurde eine gebückte Gestalt sichtbar, die rückwärts in die kleine Zelle kam. Sie flüsterte.
„Schnell hilf mir mal. Ich denke auf das Bett wäre gut.“
Stonek starrt die Person an, drückte sich noch mehr an die Wand und rührte sich nicht.
Seufzend richtete sich die Gestalt auf und drehte sich um. Dabei konnte Stonek erkennen, dass eine zweite Gestalt zu Boden sank.
Als sich die Person ganz aufgerichtet hatte, erkannte Stonek, dass es sich um einen Mann handeln musste. Der Mann war ungefähr so groß wie er selbst und wirkte muskulös. Einen Moment suchte ihn der Mann mit den Augen in der Dunkelheit, vermutete ihn an der Wand und tastete dann mit seiner Hand nach ihm. Als er ihn tatsächlich berührte, flüsterte er.
„Na, Stonek. Mit mir hast du scheinbar nicht gerechnet“
Stonek sagte nichts, er war zu erstaunt und hatte an dem Flüstern immer noch nicht erkannt, wer der Mann war.
„Stonek. Ich bin es, dein Bruder Hanrek. Was ist los? Erkennst du mich nicht?“
„Ha ... Hanrek. Du. Aber ...“
Und dann war er Hanrek um den Hals gefallen und stammelte wild auf seinen Bruder ein und alles klang ungefähr wie „... ich habe es immer gewusst, dass du mich hier raus holen wirst. Ich habe es immer gewusst ...“
„Ist ja gut. Ist ja gut. Wir müssen uns beeilen. Komm Stonek. Hilf mir den Kerl auf dein Lager zu hieven. Er ist ganz schön schwer.“
