Das Wort vom Geheimnis der Welt - Perry Schmidt-Leukel - E-Book

Das Wort vom Geheimnis der Welt E-Book

Perry Schmidt-Leukel

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Beschreibung

Biblische Themen und Texte in interreligiöser Perspektive

Perry Schmidt-Leukels Ansatz einer interreligiösen Theologie hat das theologische Gespräch der Religionen auf eine neue Grundlage gestellt. In diesem Buch macht er sichtbar, welche spirituelle Haltung aus diesem Zugang entstehen kann. Es geht darum, sich nicht gegen, sondern mit den anderen religiösen Traditionen der Menschheit vom Geheimnis der Welt rufen zu lassen. Wie das aus christlicher Perspektive gelingen kann, erschließt dieses Buch anhand des Grundtextes des Christentums - der Bibel. Schmidt-Leukel nimmt biblische Themen und Texte zum Ausgangspunkt und deutet sie im Horizont der Religionen.

Ein Buch, das auf besondere Weise das himmlische Geflecht des Glaubens sichtbar macht, das Menschen aus unterschiedlichen Religionen miteinander verbindet.

  • Gemeinsam vor dem Geheimnis der Welt
  • Die spirituelle Verbundenheit der Religionen entdecken
  • Den eigenen Glauben mit den Traditionen anderer Menschen zum Sprechen bringen

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2025

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»Perry Schmidt-Leukel zeigt: Das Verstehen biblischer Texte gewinnt durch die interreligiöse Öffnung an Tiefe. Sie bereichert christliche Theologie und Frömmigkeit. Ein neue Horizonte eröffnendes Buch.«

Christian Grethlein, Professor em. für Praktische Theologie

»Dieses Buch bietet eine Reise in unerkannte Welten. Wer dabei Neues erwartet, wird nicht enttäuscht. Wer neugierig ist, wie Gott sich als Geheimnis der Welt in allen religiösen Traditionen wiederfindet, wird hier theologisch reich beschenkt.«

Andreas Obermann, Professor für Religionspädagogik

»In poetisch dichten und alltagsnah formulierten Texten erzählt Perry Schmidt-Leukel von einer lebenslangen Suche nach Weisheit in den heiligen Schriften der Religionen. Ohne Strittiges zu übergehen, erschließt er achtsam Zeugnisse von Wahrheit und Zuversicht, die über religiöse Grenzen hinweg zu trösten vermögen.«

Traugott Roser, Professor für Praktische Theologie

»Wie reich eine interreligiöse Spiritualität sein kann, zeigt Perry Schmidt-Leukel in diesem Buch. Durch die kreativen Bezüge zu anderen Religionen lässt er ›Gottes Stimme‹ quasi ›in anderen Sprachen‹ vernehmen – vertraut und doch zugleich überraschend anders.«

Paul Knitter, Paul Tillich Emeritus Professor für Theologie und Religionen

Perry Schmidt-Leukel ist Seniorprofessor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie am Exzellenzcluster »Religion und Politik« der Universität Münster.

Pfr. i.R. Achim Riggert ist Erster Vorsitzender von INTR°A. Interreligiöse Arbeitsstelle und Netzwerk, Schwerte.

Dr. Mathias Schneider ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Religion und Moderne der Universität Münster.

Perry Schmidt-Leukel

Das Wort vom Geheimnis der Welt

Biblische Texte interreligiös gelesen

Herausgegeben von Achim Riggert und Mathias Schneider

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

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Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber an den aufgeführten Zitaten ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall nicht gelungen sein, bitten wir um Nachricht durch den Rechteinhaber.

Copyright © 2025 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR)

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: Bibliothek von Alexandria, © BRIAN_KINNEY – Adobe Stock.com

ISBN 978-3-641-33465-9V001

www.gtvh.de

Inhalt

Biblische Texte interreligiös gelesen

Zur Einführung

Achim Riggert und Mathias Schneider

I. Teil

Verborgene Nähe

Unter dem Gewand

Weisheit

Licht und Finsternis

Gottesbilder

»Dem unbekannten Gott«

Heilige Stille

II. Teil

Verkörpertes Wort

Weihnachten

Jesus erkennen

Opfer

»Das habt ihr mir getan …«

»Liebst Du mich?«

Gottes Volk

Maria und Jesus

III. Teil

Gewagte Zuversicht

Bleiben

Beten

Leid

Liebe und Tod

Knechtschaft der Vergänglichkeit

»Wer wird mich … erretten?«

Heilsutopien

Mythos Jenseits?

Nachwort

Schriftenregister

Nachweise

Bildteil

Biblische Texte interreligiös gelesen

Zur Einführung

Achim Riggert und Mathias Schneider

Annäherungen an das Geheimnis

Die Welt ist geheimnisvoll. Wir versuchen sie zu ergründen und zu verstehen, stoßen dabei aber immer wieder an Grenzen. Das gilt erst recht für die Wirklichkeit, die der christliche Glaube und die biblische Botschaft als tiefstes Geheimnis der Welt bezeugen: Gott. Wir können uns Gott annähern, von unseren Erfahrungen mit dem Göttlichen reden, aber das bleibt stets bruchstückhaft und begrenzt (1 Kor 13,9). Es braucht viele verschiedene Perspektiven und Zugänge, um die Vielfalt dieser Erfahrungen zu sehen und besser zu verstehen.

Die in diesem Band versammelten Bibelauslegungen und Meditationen gehen genau von dieser Einsicht aus: Sie beleuchten Gott und das Wort, das von Gott spricht, indem sie nicht nur die Vielfalt biblischer Perspektiven, sondern auch die Vielfalt paralleler Zeugnisse in anderen Religionen einbeziehen. Dazu gehören unter anderem der Koran, die hinduistische Bhagavadgita und buddhistische Schriften. Dabei ist die Bezugnahme auf diese anderen Traditionen von einem tiefen Vertrauen darauf geprägt, dass dies bereichernd und ergänzend, aber zugleich auch herausfordernd ist. Die vorliegenden Texte fußen darin auf einem neuen methodischen Ansatz, der als »interreligiöse Theologie« bezeichnet wird. Was ist damit gemeint? Und was haben andere Religionen überhaupt in christlichen Bibelmeditationen zu suchen?

Wahrheit in Vielfalt

Der interreligiöse Ansatz, der hinter den Meditationen dieses Buches steht, hat ein Markenzeichen: Er bezieht interreligiösen Austausch ganz bewusst und methodisch in seine Überlegungen mit ein, und zwar als interreligiöse Theologie. Diese Form der Theologie geht von zwei wesentlichen Voraussetzungen aus.1

Erstens geht interreligiöse Theologie davon aus, dass die globale religiöse Vielfalt ein Wert ist. Sie plädiert dafür, dass religiöse Vielfalt mit guten theologischen Gründen aus einer pluralistischen Perspektive beurteilt werden kann.2 Damit ist gemeint, dass religiös Andere und ihre historisch gewachsenen Traditionen nicht als ungültig, minderwertig oder von der eigenen Religion überholt angesehen werden. Stattdessen werden religiös Andere in ihrer Suche nach Befreiung und Heil als gleichwertige Partnerinnen und Partner anerkannt: Denn interreligiös arbeitende Theologinnen und Theologen rechnen damit, Wahrheit nicht nur in der eigenen, sondern auch in anderen religiösen Traditionen zu finden.

In einem zweiten Schritt versteht interreligiöse Theologie religiöse Vielfalt als Ressource. Sie sieht ihre theologische Arbeit nicht nur als alleinige Aufgabe der eigenen religiösen Gemeinschaft: Theologie aus dieser Perspektive ist ein Gemeinschaftsprojekt vieler verschiedener Traditionen. Damit wird der interreligiöse Dialog zum zentralen Bestandteil dieses Projektes. So schreibt Perry Schmidt-Leukel an anderer Stelle: »Wenn man religiös bedeutsame Wahrheit nicht mehr länger als etwas versteht, das nur auf die eigene Religion beschränkt ist, dann kann eine theologische Reflexion, die nach Wahrheit sucht, sich nicht länger damit zufriedengeben, nur auf die Quellen der eigenen religiösen Tradition zurückzugreifen.«3

Es ist dabei wichtig, ein mögliches Missverständnis zu vermeiden. In der interreligiösen Theologie geht es keineswegs um die künstliche Erschaffung einer Einheitsreligion. Der Ansatz nimmt vielmehr die Vielfalt der eigenen und die anderer religiöser Traditionen wahr, vergleicht sie und gewinnt aus diesem Vergleich neue Impulse für eine gemeinsame Suche nach Wahrheit. Das geschieht durch einen Perspektivenwechsel: Wer interreligiöse Theologie betreibt, versucht, die Welt durch die Brille des religiös Anderen zu sehen. Dieser Blick in eine andere religiöse Tradition führt zu Veränderungen. Die gewonnenen Eindrücke können ein neues Licht auf das eigene religiöse Selbstverständnis werfen. Aber auch Theologinnen und Theologen aus einer anderen Religion können versuchen, sich in das Selbstverständnis Anderer hineinzuversetzen und ihre Welt aus den Augen Anderer zu sehen – so erhellen sich die verschiedenen Perspektiven gegenseitig. Dies kann einerseits dazu führen, dass manche religiöse Unterschiede nicht mehr als unvereinbar, sondern als Folge verschiedener Blickwinkel verstanden werden, die einander ergänzen und bestärken. Ein Beispiel dafür sind die unterschiedlichen Erfahrungen mit Gott in den Religionen (so im Text Opfer). Andererseits können religiöse Unterschiede Anstöße zum Blick über den eigenen Tellerrand geben, sodass neue Aspekte in den Blick kommen oder wiederentdeckt werden können. Ein Beispiel hierfür ist die christliche Neuentdeckung der Bedeutung der Stille durch die Brille hinduistischer und buddhistischer Traditionen.

Von Gott reden: christlich und interreligiös?

Der Ansatz einer interreligiösen Theologie ist nicht zuletzt darauf angelegt, auch die religiöse Praxis zu verändern. Anstöße in diese Richtung sind in den letzten Jahren in Deutschland insbesondere im Bereich des Religionsunterrichts sichtbar geworden.4 So ist es inzwischen fast zum Standard geworden, die Perspektiven anderer Religionen in den Religionsunterricht einzubeziehen. Ebenso werden neue Modelle eines ökumenischen kooperativen Unterrichts, eines gemeinsamen christlichen Unterrichts oder eines konsequent interreligiösen Unterrichts erprobt und zum Teil bereits flächendeckend praktiziert.

Im Bereich von Predigt, Andacht und Textmeditation sind solche Veränderungen bisher nur punktuell wahrzunehmen. Sie beschränken sich oftmals auf spezifische Kontexte und Interessengruppen. Ein Beispiel dafür ist die langjährige Tradition der christlich-muslimischen Bibelarbeiten auf evangelischen und katholischen Kirchentagen.5 Ein weiteres Beispiel ist das Bemühen im Umfeld des christlich-jüdischen Dialogs, Predigtanregungen und -mediationen zu entwickeln und zu veröffentlichen, die ein »Predigen im Angesicht Israels«, das heißt in Aufnahme von Einsichten aus dem christlich-jüdischen Dialog, befördern. Außerdem gibt es etwa in den USA vereinzelt Theologinnen und Theologen, die sich mit der Theorie des Predigens aus interreligiöser Perspektive befassen.

Diese Ansätze interreligiöser Bibelauslegung und Predigt haben jedoch nach unserem Eindruck in Deutschland nur im Blick auf die Einbeziehung des Judentums eine gewisse anfängliche Breitenwirkung erzielt. Ansonsten ist immer noch eine weitgehende Beschränkung auf die eigene Tradition zu beobachten. Dies mag an der Logik religiöser Verkündigung liegen – insbesondere in herausfordernden Zeiten: Diese Logik ist vor allem darauf ausgerichtet, die Gläubigen in ihrer eigenen Tradition zu bestärken. Ein positives Eingehen auf andere Religionen wird dabei schnell als Ablenkung von der Vertiefung in den eigenen Glauben oder als Schwächung der Bindung an die eigene Religion angesehen. Ebenso wird nicht selten eingewendet, dass ein Bezug auf andere Religionen nur etwas für eine kleine Minderheit der Gläubigen sein könne – für Paradiesvögel oder Intellektuelle ohne Bodenhaftung.

Aber muss das so sein? Im Anschluss an den oben skizzierten Ansatz interreligiöser Theologie zeigen die Meditationen in diesem Band, dass die Einbeziehung nicht nur der jüdischen Tradition, sondern auch anderer religiöser Traditionen eine Bereicherung und Bestärkung für den eigenen Glauben sein kann – und zwar nicht nur für einige wenige, sondern für alle Gläubigen. Das Zeugnis anderer Religionen lenkt demnach nicht ab oder verunsichert, sondern kann tiefer in den eigenen Glauben hineinführen – auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Die Bibelauslegungen und Meditationen dieses Bandes laden dazu ein, andere Religionen in die alltägliche Praxis des Predigens und Bibelauslegens einzubeziehen – eben nicht nur zu besonderen Anlässen, sondern jederzeit, insbesondere auch in regelmäßigen Gottesdiensten, Andachten und Feiern. Das ist das Besondere und Nichtselbstverständliche dieser Sammlung. Ihre Beiträge sind dementsprechend hauptsächlich aus Predigten erwachsen, die Perry Schmidt-Leukel in Gottesdiensten der Universitätsgemeinde in Münster gehalten hat. In diesen Gottesdiensten hat er den interreligiösen Ansatz erprobt und weiterentwickelt.

Früchte interreligiösen Lesens und Auslegens

Wie kann der interreligiöse Ansatz den eigenen Glauben im Einzelnen vertiefen oder sogar erweitern? Eine passende Antwort auf diese Frage können Sie vermutlich selbst am besten geben, sobald Sie die Meditationen in diesem Buch gelesen haben. An dieser Stelle möchten wir im Vorgriff einen Blick darauf werfen, welche Früchte interreligiösen Lesens und Auslegens sich in den Texten dieses Buches spiegeln. Zur Illustration geben wir in einem Kasten jeweils kurze Beispiele aus den Auslegungen – so gewinnen Sie gleichzeitig auch einen ersten Eindruck davon, worum es in diesem Buch geht.

Bestärkung

Der erste positive Effekt kann als interreligiöse Bestärkung bezeichnet werden. Dabei kommen Aussagen der eigenen Tradition zu einem Thema ins Gespräch mit ähnlichen Texten aus anderen Traditionen. Gemeinsamkeiten, die dabei entdeckt werden können, bringen eine neue Intensität ins Spiel: Die Texte bestätigen und intensivieren ihre Bedeutung wechselseitig – sie rücken einander ins beste Licht, anstatt sich gegenseitig aufzuheben oder zu verwässern.6 Und dabei kann zugleich heilsam deutlich werden, dass nicht nur die eigene Religion Gutes, Wahres und Schönes zu verkünden hat.

Ein Beispiel: Ein Herzstück des Buches ist der Text Wer wird mich … erretten?, ein fiktiver Dialog zwischen Paulus und dem buddhistischen Meister Shantideva. Aus ihrem Gespräch geht hervor, dass nicht nur Paulus, sondern auch Shantideva eine Frage umtreibt, die wohl den meisten religiösen Menschen schon begegnet ist: Woher kommt es, dass ich trotz besserem Wissen nicht den Weg zu Gott (beziehungsweise den Pfad zur Erleuchtung) einschlage, sondern Begierden und Selbstsucht nachhänge? Das dialogische Hin und Her zwischen Paulus‘ Briefen und Shantidevas Leitfaden für den Erleuchtungsweg – ihre gemeinsame Lektüre der jeweils anderen Religion – liefert überraschende Antworten darüber, wie wir diesem spirituellen Dilemma entkommen können.

Sehhilfe

Andere Religionen können auch eine »Sehhilfe« bedeuten, um ein in mehreren Religionen vorkommendes Motiv (z.B. Licht, Stille) oder auch religiöse Kunstwerke (Text Maria und Jesus) in einem neuen Licht zu betrachten. Durch die vergleichende Betrachtung treten neue Facetten des Motivs oder Kunstwerks zu Tage: So entwickelt sich ein erweitertes Bild, das ohne den Blick in die andere Tradition nicht entstanden wäre.

Interreligiöse »Sehhilfen« werfen ein neues Licht auf die Rolle der eigenen religiösen Perspektive im Lernprozess. Zum einen erfolgt der Blick in die andere Tradition nicht aus einer Vogelperspektive, die über allen Religionen schwebt, sondern ist im eigenen Glauben verwurzelt, der aber durch die Einsichten anderer Religionen wächst. Zum anderen wird die eigene Blickrichtung nicht absolut gesetzt, sondern bleibt offen für die Wahrheit des Anderen – und damit für Erweiterungen und Ergänzungen.

Ein Beispiel: Der Text Das habt Ihr mir getan kreist um das berühmte Bibelwort: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Dieses Wort kommt in sehr ähnlichen Formulierungen tatsächlich nicht nur in der christlichen, sondern auch in der buddhistischen und islamischen Tradition vor. Es wirft damit Fragen auf, die für alle drei Traditionen relevant sind: Wie kann beispielsweise ein Handeln am »Geringsten« gleichzeitig ein Handeln an Jesus/Buddha/Gott sein? Zwar stellen alle drei Religionen diese Frage sehr ähnlich, aber ihre Antworten variieren aufgrund ihrer Unterschiede, durch die sie sich aneinander reiben und Funken schlagen, die die Frage auf provokante, neue Weise erhellen.

Wiederentdeckung

Durch andere Religionen können auch vergessene oder vernachlässigte Lehren und Praktiken der eigenen Tradition wiederentdeckt werden. Das Eintauchen in andere Religionen kann so ein wichtiger Beitrag dazu sein, verschüttete Ressourcen für die Beantwortung religiöser Fragen wiederzufinden, die gegenwärtig besonders relevant sind.

Ein Beispiel: Die Vorstellung, dass der endliche Mensch dem unendlichen Gott in der »heiligen Stille« gegenübertreten kann, ist ein uralter Gedanke christlicher Spiritualität. Kontemplative Praktiken des Schweigens sind jedoch im Laufe der Zeit vielerorts eher in den Hintergrund christlicher Praxis getreten. Im Text Heilige Stille geht es um die Wiederentdeckung dieser Stille als wichtiges Element christlichen Betens und Meditierens. Hinduistische und buddhistische Traditionen, in denen das Schweigen eine wichtige Rolle spielt, bieten hier einen wichtigen Impuls zur Wiederentdeckung spiritueller Schätze des Christentums.

Korrektiv

Korrekturen stehen im Mittelpunkt des vierten Lerneffekts, des Korrektivs. Keine religiöse Tradition ist frei von problematischen Aspekten. Ein Hören auf kritische Stimmen aus anderen Religionen kann dabei helfen, diese Aspekte klarer zu benennen und neue Lösungsansätze zu finden. Die Bereitschaft, sich von der Kritik anderer Religionen korrigieren zu lassen, ist nach Catherine Cornille nur mit einer Haltung der Demut möglich, die sich der Begrenztheit und Ergänzungsbedürftigkeit der eigenen Tradition bewusst bleibt.7 Selbstkritik ist ein ehrlicher – und notwendiger – Teil des interreligiösen Ansatzes.

Ein Beispiel: Problematische Aspekte des Christentums, die in den Meditationen angesprochen werden, sind etwa religiös motivierte Gewalt in biblischen Texten (Text Gottesbilder), die unheilvolle Verwechslung menschenähnlicher Gottesbilder mit dem unabbildbaren Gott selbst (Text Weihnachten) oder die zerstörerischen Auswirkungen eines christlich motivierten Judenhasses (Text Gottes Volk). Die Texte demonstrieren, dass die islamische und jüdische Tradition kritische Impulse zur Korrektur dieser problematischen Aspekte geben können.

Nicht jede Meditation in diesem Buch stellt einen biblischen Text ins Zentrum. Manchmal ist der Ausgangspunkt eine Figur wie Maria, ein Motiv wie das Jenseits oder einfach ein gravierendes existentielles Problem, das mehrere Religionen umtreibt. Besonders bedrängend ist die wohl viele Menschen umtreibende Frage nach dem Sinn menschlichen Leidens. Im Text Leid beleuchtet der Autor das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln: Dabei kommt die Idee des Karmas ebenso zur Sprache wie der Sündenfall, das Kreuz Jesu oder die berühmten Klagen Hiobs.

Der Ansatz, die Bibel interreligiös zu lesen, schließt nicht aus, sich auch einmal nur auf die eigene Tradition zu beschränken. Wie der Text Jesus erkennen zeigt, muss nicht jede Meditation explizit andere Religionen miteinbeziehen. Das schließt aber nicht aus, dass auch solche Überlegungen, die sich nur auf Quellen der eigenen Religion beziehen, im vollen Bewusstsein eines interreligiösen Horizonts formuliert sein können.

Einladung zu einer Entdeckungsreise

Als Liturg und Lektor in Gottesdiensten des Autors konnten wir einige positive Wirkungen einer interreligiösen Herangehensweise selbst hautnah miterleben. Uns hat dabei zum Beispiel nicht selten überrascht, wie viele parallele Motive es in den verschiedenen Traditionen gibt, die sich gegenseitig erhellen: sei es nun im Blick auf den Ort, wo Gott zu finden ist (Text Unter dem Gewand) oder im Blick auf die Bedeutung von Licht und Finsternis (Text Licht und Finsternis).

Ebenso ging uns auf, wie ein interreligiöser Blick neue Perspektiven auf biblische Texte eröffnen kann, die eingefahrene Deutungen überwinden und Raum für neue Einsichten schaffen. Ein Beispiel dafür ist die berühmte Areopagrede von Paulus in Apostelgeschichte 17: Der Autor und Prediger interpretiert die Rede ausgehend vom jüdischen Bilderverbot und kommt so zu einem ganz anderen Verständnis als die traditionelle Interpretation, die die Areopagrede als Blaupause für eine christliche Missionsstrategie gegenüber anderen Religionen deutet (Text Dem unbekannten Gott).

Aber natürlich können unsere Beispiele nicht alle möglichen positiven Wirkungen eines interreligiösen Lesens und Auslegens abbilden. Genau wie der interreligiöse Dialog selbst ist dies ein offener Prozess: offen für neue, unerwartete Einsichten, offen für zusätzliche Perspektiven, offen für Zustimmung und Widerspruch – und vor allem offen dafür, von Ihnen erkundet und weiter meditiert zu werden. Wir laden Sie ein, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben, deren Sehenswürdigkeiten der Autor in seiner Auslegung unter dem Titel Dem unbekannten Gott beschrieben hat: Machen Sie sich »auf den Weg nach Athen, nach Rom, Jerusalem, Safed, Iona, Benares, Bodhgaya, Henan, Kyoto und vielleicht ja eines Tages auch nach Mekka« – und entdecken Sie »die Stimme Gottes in fremden Sprachen«. 

1Eine ausführlichere Beschreibung interreligiöser Theologie findet sich in Perry Schmidt-Leukel, Wahrheit in Vielfalt. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie, Gütersloh 2019.

2Detailliert geschildert werden diese Gründe in Perry Schmidt-Leukel, Gott ohne Grenzen, Gütersloh 2005.

3Schmidt-Leukel, Wahrheit in Vielfalt, 28.

4Siehe beispielsweise die umfangreiche Diskussion in Gotthard Fermor/Thorsten Knauth/Rainer Möller/Andreas Obermann (Hg.), Dialog und Transformation. Pluralistische Religionspädagogik im Diskurs, Münster 2022.

5Siehe dazu auch die Methode des »Scriptural Reasoning«, die beschrieben wird in Martin Rötting, »Gemeinsam Heilige Schriften lesen. Scriptural Reasoning«, in Martin Rötting/Simone Sinn/Aykan Inan (Hg.), Praxisbuch Interreligiöser Dialog. Begegnungen initiieren und begleiten, St. Ottilien 2016, 461–470.

6Vgl. Catherine Cornille, Meaning and Method in Comparative Theology, Hoboken – Chichester 2020, 117. Siehe auch Perry Schmidt-Leukel, Das himmlische Geflecht. Buddhismus und Christentum – ein anderer Vergleich, Gütersloh 2022, 358–359.

7Vgl. Catherine Cornille, The Im-Possiblity of Interreligious Dialogue, New York 2008, 9–58.

I. Teil

Verborgene Nähe

Unter dem Gewand

Denn Gott, der sprach: »Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!«, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.

Zweiter Brief an die Korinther 4,6–10

Wie jemand, der nicht weiß, dass unter seinen Füßen ein goldener Schatz verborgen ist, immer und immer wieder über ihn hinwegschreitet und ihn doch niemals findet, so leben all die Wesen jeden Augenblick in der Welt Gottes (»Brahmas«) und finden ihn doch nicht, weil er vom Schleier der Illusion verborgen ist.

Aus der hinduistischen Chandogya-Upanishad 8,3,2

Es verhält sich wie mit einem Schatz,

der im Haus eines armen Menschen verborgen ist.

Der Besitzer ist sich dessen nicht bewusst

und der Schatz kann nicht sprechen.

Seit langer Zeit schon ist er im Dunkeln vergraben,

denn es gibt niemanden, der von ihm weiß.

Wenn Du einen Schatz besitzt, aber davon nichts weißt,

so führt dies zu Armut und Leid.

Wenn das Auge des Buddha auf die empfindenden Wesen blickt,

dann erkennt er, dass obwohl sie in den fünf Welten

der Wiedergeburt umherirren,

sie dennoch einen großen Schatz in ihren Körpern tragen,

der ewig und unwandelbar ist.

Wenn der Buddha dies erkennt, dann verkündet er die Lehre

zum Wohl aller Wesen,

und versetzt sie in die Lage, die Schatzkammer der Weisheit zu finden,

und den großen Reichtum, der darin liegt,

weit füreinander zu sorgen.

Aus dem buddhistischen Tathagatagarbha-Sutra

Von dem islamischen Mystiker Bayezid Bistami (9. Jh.) wird der Ausspruch überliefert:

»Unter meinem Gewand ist nichts als Gott«.

Daraufhin versuchten seine Schüler ihn zu töten.1

Die Suche nach dem Verborgenen übt auf uns eine starke Anziehung aus. Sie ist das Motiv zahlreicher Erzählungen und Romane. Sie steckt hinter dem Reiz von Kriminalgeschichten ebenso wie hinter dem eines sogenannten »investigativen Journalismus«. Sie bewegt Forscher und Abenteurer zu ihren Reisen und kann immer noch junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in ihrer Suche nach neuen Erkenntnissen antreiben. Menschen ersteigern für relativ viel Geld ungeöffnete Koffer, die an Flughäfen liegen geblieben und nie mehr zugestellt wurden, nur um zu erfahren, was sich in diesen verbirgt. Die Enthüllung des Verborgenen befriedigt nicht nur unsere Neugier, sie hat etwas Pikantes, Aufreizendes, Erregendes. Aber sie kann auch als unangenehm und bedrohlich empfunden werden, vor allem dann, wenn man selbst von solchen Enthüllungen betroffen ist. Man denke etwa nur an die erregte öffentliche Aufmerksamkeit, die einst die Diskussion um die Einführung von sogenannten Bodyscannern an internationalen Flughäfen begleitete. Der Blick unter unser Gewand ist vielen von uns unangenehm.

Die vorangestellten Texte greifen das Motiv des Verborgenen und seiner Enthüllung auf. Sie sprechen dabei von einer grundsätzlichen Dialektik der Religion beziehungsweise des Menschen, so wie die Religion menschliches Leben thematisiert. Nach diesen Texten geht es dabei um einen Schatz, der verborgen – oder bewahrt – ist in etwas vermeintlich ganz anderem:

in einem »zerbrechlichen«, »tönernen« oder »irdenen« Gefäß, wie es bei Paulus wörtlich heißt,vergraben direkt unter unseren Füßen, wie es der Text aus den Upanischaden sagt,der unwissend versteckt ist in der Hütte eines Armenoder der sich schlichtweg unter unserem »Gewand« verbirgt.

Der Schatz selbst ist »ewig und unwandelbar«, wie der buddhistische Text sagt; ist »Gott, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist«, wie Paulus schreibt. Das Gefäß hingegen ist armselig, zerbrechlich, irdisch, leiblich, so wie der Leib eben von der Erde stammt. Man sieht es dem Gefäß nicht an, dass es diesen Schatz enthält. Aus diesem Grund verbirgt das Gefäß den Schatz. Blickt man allein auf das Gefäß, dann kann man es gar nicht als ein Gefäß erkennen. Es scheint nichts anderes zu sein als das Zerbrechliche, Armselige, Erdhafte, eben als das, wovon wir wissen, dass es unter unserem Gewand ist.

Indem die Texte von dieser Dialektik handeln, spricht sich in ihnen das Bewusstsein aus, dass Göttliches immer in einer irdischen, menschlichen Form erscheint – einer Form, die nur zu leicht das Göttliche verbirgt. Ich denke, dass sich hierin ein tiefes Verständnis für die Natur von Religion bekundet. Nur zu leicht kann Religion als ein rein menschliches Phänomen wahrgenommen werden. Dies gilt auf mehreren Ebenen.

Zunächst gilt es besonders für ihre wissenschaftliche Betrachtung. Religion erscheint hier als ein kulturelles Phänomen, das sich nach rein historischen, soziologischen, politologischen, ökonomischen, psychologischen und vielleicht noch ästhetischen Gesichtspunkten analysieren und verstehen lässt. In aller Regel fördert diese Betrachtungsweise zahlreiche Aspekte zutage, die an dem irdisch-menschlichen Charakter von Religion keinerlei Zweifel aufkommen lassen. Wie in allen anderen Bereichen des Lebens geht es auch in der Religion oft genug um Kampf, um Macht, um Geld, um Einfluss, um den Erhalt von Institutionen oder um den Versuch, sie zu überwinden, um Verdrehungen, Verleumdungen, Verklemmungen und nicht selten um psychische Verrenkungen.

Selbst heroische Gestalten, wie die traditionellen und modernen Heiligen, erscheinen bei näherer Betrachtung als Menschen – nicht nur mit einigen allzu menschlichen Eigenschaften, sondern auch mit recht bedenklichen Seiten, die ihre Schatten auf den Glanz vermeintlicher Heiligkeit werfen. Auch Heilige Schriften sind davon nicht frei. Die historisch-kritische Analyse macht sie nicht nur als menschliche Texte verstehbar, sondern vermag auch Aspekte aufzuzeigen, die wenig mit Heiligkeit zu tun haben. Denken wir nur an jene Aussagen des Matthäusevangeliums, die »den Juden« kollektiv die Schuld am Tod Jesu zuweisen (Mt 27,25), oder entsprechende Aussagen des Johannesevangeliums, in denen wiederum kollektiv den Juden vorgeworfen wird, Nachkommen Satans zu sein (Joh 8,43–45).

Die in der Wissenschaft geläufige Betrachtung von Religionen als historischen, sozio-kulturell und psychologisch erklärbaren Phänomenen kann leicht dazu führen, nur diese irdische, menschliche Seite wahrzunehmen. Dass dahinter – oder gar darin – ein göttlicher Schatz verborgen sein soll, wird nicht wahrgenommen. Zumindest scheint dies für eine sogenannte Außenperspektive zuzutreffen. Denken wir einmal daran, wie wir selbst andere Religionen sehen, die wir ja gewöhnlich aus einer solchen »Außenperspektive« wahrnehmen. Haben wir uns hier nicht längst an eine rein historische, eben »religionsgeschichtliche« Betrachtung gewöhnt oder an eine rein sozio-politische Betrachtung? Wenn es jedoch um die eigene Religion geht, dann mag unsere Perspektive vielleicht etwas differenzierter sein. Ein Theologe wie Karl Barth konnte seine eigene Religion, das Christentum, durchaus als ein menschliches Phänomen interpretieren, eben als eine »Religion«, die Menschenwerk und als solche nach Barth sogar Ausdruck des Unglaubens ist. Zugleich war ihm jedoch bewusst, dass es im Falle des Christentums auch noch eine andere Seite gibt – dass es hier inmitten der religiösen Gestalt des Christentums auch immer wieder zu echter Gottesbezeugung kommt, die in uns einen Glauben hervorruft, der nicht als rein menschliches Phänomen verstanden werden kann. Für alle anderen Religionen hingegen lehnte Barth eine solche Dialektik ab. Dies scheint etwas mit dem Verhältnis von Innen- und Außenperspektive zu tun zu haben. Barth nimmt den anderen Religionen gegenüber genau jene Außenperspektive ein, die ein konsequenter Atheist gegenüber allen Religionen an den Tag legt.

Allein die Innenperspektive vermag uns scheinbar mehr sehen zu lassen als nur die »tönerne«, »irdische« Gestalt der Religion, die der Außenstehende wahrnimmt. Allein die Innenperspektive zeigt uns diese Gestalt als ein Gefäß, in dem sich etwas anderes, Göttliches, verbirgt. Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch, das ich während meiner eigenen Zeit als Doktorand eines Abends mit einem muslimischen Studenten führte. Dieser erzählte mir sehr offen, dass er von Zeit zu Zeit auch im Neuen Testament lese und dort immer wieder auf Stellen stoße, die er aufrichtig bejahen könne. Wenn er jedoch den Koran lese, dann sei dies etwas ganz anderes. Er tat sich schwer damit, hierfür die richtigen Worte zu finden. Aber so wie ich ihn verstand, wollte er sagen, dass für ihn das Lesen oder Rezitieren des Korans mit ganz anderen Empfindungen, Gefühlen, ja religiösen Erfahrungen verbunden ist als etwa die Lektüre des Neuen Testaments. Dieses Gespräch ist mir lange Zeit nachgegangen. Und mit der Zeit verwunderte mich das, was er mir mitteilen wollte, immer weniger. Zwar hatte ich bei meinen damaligen Versuchen, den Koran zu lesen, keine solchen Erfahrungen wie er, aber ich kannte sie aus meinem eigenen Umgang mit dem Neuen Testament. Genau dieser Sachverhalt schien mir auf paradoxe Weise die Wahrheit dessen zu bestätigen, was mir mein muslimischer Kommilitone sagen wollte. Er las den Koran aus der Innenperspektive des Glaubens und genau hierdurch wurde ihm der Koran zum Medium einer spirituellen Erfahrung, die sich der Außenperspektive verbirgt.

Das lässt mich auf das zurückkommen, was Paulus aus seiner Innenperspektive heraus schreibt. Rein äußerlich sieht seine Situation so aus: »von allen Seiten in die Enge getrieben«, »nicht ein noch aus wissen«, »gehetzt« sein, »niedergestreckt« sein, »Todesleiden« erfahren. Doch obwohl er in die Enge getrieben ist, erlebt er »Raum«, Freiheit; obwohl er nicht mehr ein noch aus weiß, sieht er sich doch vor Verzweiflung bewahrt; obwohl er Anfeindung und Hetze erleidet, empfindet er sich als »nicht verlassen« und, als Höhepunkt seiner Paradoxien: Obwohl er niedergestreckt wird, empfindet er sich nicht als vernichtet. Er erfährt Leben mitten im Tod. Genau darin sieht er sich Christus verbunden. Von dieser Resonanz zwischen seiner eigenen Erfahrung und seinem Verständnis Christi spricht Paulus auch, wenn er zu Beginn dieser Passage schreibt: Gott »ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi« (Vers 6). Natürlich: Auch und gerade Jesus Christus erscheint aus einer reinen Außenperspektive in einem ganz anderen Licht. Vielleicht als Idealist, als religiöser Träumer oder doch nur als Fanatiker, als religiöser Spinner, als einer von so vielen, deren Leben aufgrund ihrer religiösen Einbildungen katastrophal endete. Ein göttlicher Glanz kann auf dem leidenden Antlitz Christi aus der Außenperspektive kaum wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung erschließt sich vielmehr nur einer Innenperspektive, die im Weg Christi einen Widerhall eigener Erfahrungen erblickt.

Hierin liegt vielleicht eine der wichtigsten Funktionen von Religion. Indem sie religiöse Erfahrung bezeugt, kann sie uns zugleich für diese Erfahrung öffnen. Ritus, Liturgie, Gebet, Meditation können uns hinweisen, sensibilisieren, aber auch direkt einweisen in die Wahrnehmung jener inneren Dimension des verborgenen Schatzes. Doch vor allem brauchen wir hierzu Menschen, die selbst aus dieser Erfahrung heraus leben, und uns dadurch helfen können, den Schatz im eigenen Innern zu finden.

Gegenüber einer reinen Außenperspektive auf Religion ist es wichtig, auf diese Innenperspektive hinzuweisen. Dabei geht es letztlich um viel mehr als lediglich um Religion. Es geht um das Verständnis der Welt und besonders um den Menschen selbst: Ist der Mensch erschöpfend erkannt, wenn er oder sie allein unter kulturellen, historischen, soziologischen, psychologischen, biologischen und zunehmend neurophysiologischen Aspekten gesehen wird? Oder ist all dies nur ein Gewand, unter dem sich anderes verbirgt? Ein tönernes Gefäß, eine armselige Hütte, die in Wahrheit einen Schatz enthält? Diesen Schatz erfährt Paulus als die Befähigung zu einer inneren Haltung, die angesichts seiner Situation völlig paradox erscheint: Seine Erfahrung von Freiheit, von Zuversicht, Geborgenheit, von Leben lässt sich nicht aus seinen konkreten Lebensumständen ableiten. Es ist für ihn ein Aufleuchten Gottes in seinem Herzen, eine Kraft, die ihm von Gott her zufließt. Der hinduistische Text spricht vom Schleier der Illusion, der verbirgt, was doch die letzte Wahrheit ist, nämlich, dass wir, ohne es zu ahnen, bereits in der »Welt Gottes« leben. Der buddhistische Text bezeichnet das Verborgene als den Schatz der Weisheit und des Mitgefühls. Wenn ich sage, dass es bei der richtigen Wahrnehmung von Religion letztlich um die richtige Wahrnehmung der Welt und des Menschen geht, dann meine ich genau diesen Aspekt: In der inneren Erfahrung des Menschen scheint etwas auf, das seine rein »irdische« Deutung übersteigt.

Und doch gehören der Schatz und sein irdenes, zerbrechliches Gefäß eng zusammen. So wichtig es ist, gegenüber der bloßen Wahrnehmung des irdenen Gefäßes auf den darin verborgenen Schatz zu verweisen, so wichtig ist es auch, gegenüber der Wahrnehmung des Schatzes den irdenen Charakter des Gefäßes zu betonen. Nur zu gern wird nämlich aus der Innenperspektive des Glaubens heraus das irdene Gefäß übersehen oder sogar bewusst verneint. Alles was mit guten Gründen kritisch über Religion zu sagen ist, ist ebenfalls Teil dieser Wirklichkeit – aber eben nur ein Teil. Es gilt daher, Religion – und damit den Menschen selbst – weder zu reduzieren, noch zu idealisieren.