Das Ziel im Blick - Igna Kramp - E-Book

Das Ziel im Blick E-Book

Igna Kramp

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Beschreibung

Was will ich eigentlich in meinem Leben? Warum und wozu will ich es? Und woran orientiere ich mich damit? Wie verhalten sich meine kleinen und größeren Ziele zueinander? Wie finde ich heraus, was das letzte Ziel meines Lebens oder meiner Gemeinschaft oder Organisation ist? Und was hat das mit Gott zu tun? Igna Kramp geht diesen Fragen nach und hat versucht schlüssige Antworten zu finden. Das Buch gibt Impulse aus der Tradition der Exerzitien für einen reflektierten und respektvollen Umgang mit Zielen.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Igna Kramp

Das Ziel im BlickLeben und arbeiten auf gutem Grund

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Igna Kramp CJ, Stefan Kiechle SJ und Stefan Hofmann SJ

Band 98

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Igna Kramp

Das Ziel im Blick

Leben und arbeiten auf gutem Grund

Der Umwelt zuliebe verzichten wir bei unseren Büchern auf Folienverpackung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

© 2023 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

ISBN

978-3-429-05941-5

Das eBook finden Sie in unserem Online-shop

ISBN 978-3-429-06639-0 (PDF)

ISBN 978-3-429-06640-6 (ePub)

Inhalt

Einleitung

Prinzip und Fundament der Exerzitien

Auf das Ziel schauen

Sich ausrichten

Frei werden

Unterscheiden

Prinzip und Fundament für mein Leben

Berufung finden

Entscheidungen treffen

Alltag gestalten

Liebe leben

Prinzip und Fundament für die Kirche

Ziel der Kirche

Mittel in der Kirche

Was sich mit Prinzip und Fundament ändert

Anmerkungen

Einleitung

Was will ich eigentlich? Warum und wozu will ich es? Und woran orientiere ich mich dabei? Wie immer ich diese Fragen für mich beantworte, eines ist klar: Wenn ich kein Ziel habe, bleibt auch der Weg unklar. Jede Route ist dann gleich gut oder schlecht, ich lasse mich treiben wie in einem Schiff, dessen Kompass verloren oder dessen Ruder zerbrochen ist. Habe ich dagegen ein Ziel, kann ich mich dahin orientieren und herausfinden, wie ich am besten dorthin komme. Ich wähle von verschiedenen Möglichkeiten die beste aus, um das Ziel zu erreichen.

»Zielorientierung« ist heute in aller Munde – aber noch gar nicht so lange. Natürlich ist es nicht neu, Ziele zu haben, wohl aber, von »Zielorientierung« zu sprechen. Das Wort hat erst in den letzten Jahrzehnten in den Duden hineingefunden. Seit den achtziger Jahren werden in Unternehmen in verschiedenen Varianten »smarte« – also kluge – Ziele formuliert: spezifisch sollen sie sein, d.h. präzise formuliert; messbar sollen sie sein, um sie überprüfen zu können; attraktiv, damit man Lust hat, sich danach auszustrecken; realistisch, um sich etwas vorzunehmen, was man auch erreichen kann; terminiert schließlich, um eine begrenzte Strecke vor sich zu haben, die bewältigt werden kann. Solche »klugen« Zielformulierungen helfen, um effektiv zu arbeiten. Wer damit arbeitet, wird sich diese Vorgehensweise möglicherweise auch für persönliche Entscheidungen zu eigen machen. Aber ist damit schon das Wesentliche zum Thema Zielorientierung gesagt?

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. – »Was immer du tust, tue es klug und beachte das Ziel.«1 Der alte Merksatz scheint zunächst dasselbe zu sagen wie das Konzept der smarten Ziele. Aber anders als bei diesen geht es in ihm nicht nur um die nächsten konkreten Ziele, sondern zugleich um das letzte Ziel. Denn das lateinische Wort finis bedeutet nicht nur Ziel, sondern auch Ende und Vollendung. Im metaphorischen Sinn kann es auch »Gipfel« oder »das Höchste« bedeuten. Dieses letzte Ziel soll immer wieder in den Blick genommen werden (re-spicere heißt jawieder-ansehen), also den nötigen Respekt bekommen, damit unser Leben gelingt. Was die smarten Ziele klug macht, lässt sie im Angesicht dieses letzten Zieles – ob man es nun im Sinne eines ganzheitlichen Lebensglücks oder als Vollendung des Lebens von Gott her und auf ihn hin versteht – allzu vorläufig wirken. Konkrete Etappenziele sind erst einmal hilfreich; wenn ich mich aber immer nur von einem Ziel zum nächsten hangle, was ist dann mit dem letzten Ziel meines Lebens? Bezogen auf das Kollektiv: Was ist mit dem letzten Ziel, um dessent-willen es meine Gemeinschaft oder Organisation überhaupt gibt? Wahrhaft kluge Ziele sollten also nicht allein präzise, überprüfbar, attraktiv, realistisch und terminiert, sondern auch in Berührung mit dem letzten Ziel meines Lebens bzw. meiner Gemeinschaft oder Organisation sein. Sonst sind sie zwar für den konkreten Alltag hilfreich, aber nicht für mein Leben als Ganzes oder die sinnvolle Existenz meiner Gemeinschaft oder Organisation über die Zeiten hinweg.

Wie aber finde ich heraus, was das letzte Ziel meines Lebens bzw. meiner Gemeinschaft oder Organisation ist? Im Grunde verbirgt sich hinter dieser Suche die alte Frage: Wofür sind wir auf Erden? Liegt es ganz in unserer Subjektivität, dieses letzte Ziel für uns zu definieren, oder gibt es so etwas wie ein uns vorgegebenes Ziel des Menschseins bzw. des Christseins? Oder liegt die Wahrheit in der Mitte zwischen diesen beiden Polen, indem es einen objektiv gesetzten Rahmen gibt, innerhalb dessen wir unser Ziel finden?

In den ignatianischen Exerzitien sind beide Dimensionen wichtig, die der persönlichen Suche nach der Führung Gottes wie auch die des objektiven Rahmens einer lebendigen kirchlichen Tradition, in dem diese Suche sich vollzieht. Was ist meine Berufung? Darauf gibt es nicht einfach eine objektiv gesetzte Antwort. Sie findet sich in den Exerzitien oder in einem geistlich geprägten Alltag, indem »unmittelbar der Schöpfer mit seinem Geschöpf wirkt und das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn« (EB 15).

Das gilt analog auch für die Gemeinschaft: Wohin führt Gott seine Kirche? Auch hier gibt es nicht einfach eine zeitlose Antwort, auch wenn die Sendung der Kirche durch alle Zeiten geht. Sie findet sich vielmehr zu jeder Zeit neu im gemeinsamen Hören und im geistlichen Gespräch, in der lebendigen Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Für die Suche des Einzelnen wie der Gemeinschaft der Kirche braucht es stets die lebendige Begegnung mit dem Wort Gottes und den Überlieferungen des Glaubens, und nicht zuletzt die gemeinsame geistliche Unterscheidung, um aufrichtig und kritisch zu prüfen, ob hier wirklich der eine, lebendige und wahre Gott führt. Dieses Buch will dazu anregen, von den ignatianischen Exerzitien her nach dem letzten Ziel und guten Entscheidungen auf dieses Ziel hin zu fragen. Es geht um die Frage nach der persönlichen Berufung und dem persönlichen Lebensglück im Angesicht Gottes. Es geht aber auch um die Frage, was heute unsere Berufung als Kirche ist und wie wir sie gemeinsam suchen können.

Prinzip und Fundament der Exerzitien

Ignatius von Loyola stellt seinen Geistlichen Übungen einen kurzen Text mit der Überschrift »Prinzip und Fundament« voran (EB 23). Es handelt sich dabei, wie auch der Titel anklingen lässt, um die Grundlage der Geistlichen Übungen. Diese Grundlage hilft nicht nur für geistliche Intensivzeiten wie Exerzitien, sondern auch für eine geistliche Ausrichtung des Alltags. Denn es geht darin um die Frage nach dem letzten Ziel unseres Lebens und Handelns und wie wir uns danach ausstrecken können. Man könnte es auch als eine Art Koordinatensystem beschreiben, das dem Menschen einen Rahmen für die Suche nach seiner Identität und Berufung aufzeigt. In gleicher Weise kann dieser Rahmen auch einer Gemeinschaft oder Institution helfen, ihren Auftrag besser zu erkennen und umzusetzen.

Zu Beginn der Übungen – oder im weiteren Sinne des Suchprozesses – soll dem Menschen, der sich auf den Weg macht, der Text von »Prinzip und Fundament« vorgelegt werden. Er soll von Anfang an wissen, in welches philosophisch-theologische bzw. spirituelle Koordinatensystem er sich begibt und inwieweit er diesem – und damit dem weiteren Weg – zustimmen kann. Dabei soll Raum für seine persönliche Suchbewegung sein: »Man erläutert ihm das Fundament so, dass er selbst Gelegenheit hat, zu finden, was er sucht«2, formuliert Ignatius. Im Letzten soll allerdings nicht nur einer gedanklichen Grundlage zugestimmt werden, sondern die Frucht der Auseinandersetzung mit dem »Fundament« soll sein, »dass wir uns gänzlich in die Hände Gottes unseres Herrn ergeben«3. Es geht darum, »mit weitem Herzen und mit Großmut« den Weg der geistlichen Entscheidungsfindung zu beginnen (vgl. EB 5). Das soll sehenden Auges geschehen, mit einer intrinsischen Motivation. Deshalb die Auseinandersetzung mit dem Text von »Prinzip und Fundament«. Sich der Führung Gottes anzuvertrauen, wird je leichter fallen, umso vertrauter die Landkarte ist, auf der der Weg gesucht wird, der selbst notwendigerweise noch unbekannt bleibt. Im Nachdenken über den Text des »Fundamentes« wird die eigene Bereitschaft erkundet, in ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch einzutreten und Gott darin die Führung zu überlassen. Dieser ursprüngliche erste Schritt in den Geistlichen Übungen soll auch in diesem Buch am Anfang stehen. Im ersten Kapitel wird dem Leser »Prinzip und Fundament« vorgelegt und ihm die Gelegenheit gegeben, in der Auseinandersetzung damit »zu finden, was er sucht«. In den folgenden beiden Kapiteln geht es dann darum, wie »Prinzip und Fundament« für das eigene Leben und die Gemeinschaft der Kirche fruchtbar werden kann.

Auf das Ziel schauen

Was ist mein letztes Ziel? Ignatius formuliert: »Der Mensch ist geschaffen, um Gott unseren Herrn zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten« (EB 23). Genau genommen wird hier nicht das letzte Ziel formuliert, das der Mensch hat oder haben sollte – ob er dazu seine Zustimmung gibt, liegt bei ihm –, sondern das Ziel Gottes mit dem Menschen. Wozu hat Gott ihn geschaffen? Man könnte es kurz zusammenfassen: Zum Lob Gottes und zu seinem Lebensglück. Ist das zu frei interpretiert? Die Ehre Gottes gegen das Glück des Menschen auszuspielen oder umgekehrt würde dem Text sicher nicht gerecht. »Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch; das Leben des Menschen die Anschauung Gottes«, formuliert Irenäus von Lyon.4 Gotteslob und Menschenglück widersprechen sich nicht. Trotzdem ist die Zuordnung und genaue Formulierung im »Fundament« zu beachten: Als Ziel wird formuliert, Gott zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen; die Rettung der Seele, d.h. die ganzheitliche Vollendung des Menschen, sein Heil und Glück, wird dazugeschenkt und ist nicht das direkte Ziel.

Ein Beispiel dafür: Eine junge Ärztin meldet sich freiwillig bei einer Hilfsorganisation für einen Einsatz in einem armen Land im globalen Süden, wo medizinische Versorgung bitter nötig ist. Sie tut dies aus ihrem christlichen Glauben heraus und weil sie den Menschen dort helfen möchte. Am Anfang tut sie sich schwer, mit den einfachen Lebensbedingungen zurechtzukommen und auf vieles zu verzichten, was sie in ihrem Alltag in Deutschland gewohnt war. Nach einigen Monaten spielt das aber keine Rolle mehr, und würde man sie fragen, würde sie sagen: »Ich bin glücklich.« Ihr Ziel war es nicht, glücklich zu werden. Aber das Glück hat sich eingestellt, als sie sich gemäß ihrem Glauben und ihrer Zuneigung zu benachteiligten Menschen entschieden hat. Sie hat ihr Leben gefunden.

Ignatius spricht davon »seine Seele zu retten« – das klingt nach der Frage nach dem gnädigen Gott, wie sie zur gleichen Zeit wie Ignatius Martin Luther stellte, nach einer ängstlichen Sorge um das eigene Seelenheil. Tatsächlich war dies zur Zeit des Ignatius eine brennende Frage, da die vorherrschende Theologie einerseits die eigenen Anstrengungen des Menschen für sein Heil sehr betonte und ihn andererseits völlig im Unklaren darüber ließ, ob seine Anstrengung je genügen könnte.5 Das hat nicht nur Luther, sondern auch viele andere, auch Ignatius, vorübergehend an den Rand der Verzweiflung gebracht. Angesichts dessen ist beachtlich, dass Ignatius in »Prinzip und Fundament« nicht die Rettung der eigenen Seele als Ziel formuliert, sondern Lob und Ehre Gottes. Das Heil wird dann dazugeschenkt.

Die »Rettung ihrer Seele« ist heute für sehr viele Menschen nicht mehr die erste Frage, und dies nicht unbedingt aus religiöser Lauheit, sondern auch aus einem gesunden Gottvertrauen heraus. Nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit der Reformation wurde die Vorstellung, sich das Heil verdienen zu müssen, überwunden. So würden wir nicht mehr sagen, dass wir »unsere Seele retten« könnten oder müssten. Ein bleibend interessanter Aspekt für heute ist daran aber der Ernst, den insbesondere endgültige Entscheidungen haben. Von diesem Ernst können wir in einer Kultur, in der der Trend eher dahin geht, Entscheidungen immer wieder zu revidieren und sich selbst stetig neu zu erfinden, heute wieder lernen. Ob wir es wollen oder nicht: Entscheidungen haben eine gravierende Wirkung darauf, ob unser Leben glückt und wie wir mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit Gott in Beziehung sind oder eben auch nicht. Das gilt dann für das Ganze unseres Lebens auch in seiner eschatologischen Dimension. Der Tod deckt auf, was das Leben