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Als wäre es damit nicht genug, dass sich David an der Schule outet, weil er schwul ist, finden seine Mitschüler in seinem Vornamen den Bezug zur jüdischen Abstammung. Das reicht aus, um ihn unerträglichen Quälereien auszusetzen. Als sich allerdings Gewalt gegen die beteiligten Schüler und Schülerinnen richtet, stellen sich Polizei und Beteiligte die Frage, wer sogar vor Mord nicht zurückschrecken könnte, um die Schuldigen zu bestrafen. Ein ergreifendes Plädoyer gegen Mobbing und Vorverurteilungen. Menschlichkeit kann sogar bei denen fehlen, von denen man es besonders erwarten dürfte. Davids Weg beschreibt den vieler Schüler nicht nur in Deutschland.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
H.C. Scherf
D A V I D
Psychothriller
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1. Auflage / Dezember 2025
Copyright © 2025 by H.C. Scherf
Ewaldstraße 166, 45699 Herten
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Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: VercoDesign, Unna
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Lektorat/Korrektorat: Heidemarie Rabe
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D A V I D
von H.C. Scherf
Manche Liebe begleitet dich ein Leben lang, tief verwurzelt in deinem Herzen, ohne Hoffnung, sie jemals zu leben.
Jacqueline Drahosch-Kosma
1
Nur kurz war das Knarren direkt über ihr zu vernehmen, was Karin für einen Moment aufschrecken ließ. Doch schnell beruhigte sie sich wieder, da dieses alte Haus, das ihre Eltern erst vor weniger als zwei Jahren gekauft hatten, immer wieder bewies, dass Holz in den Wänden und Decken arbeitete und auf geringste Temperaturunterschiede reagierte. Außerdem hegte sie den Verdacht, dass sich in den Zwischendecken Mäuse eingenistet hatten. Ein anzügliches Grinsen zeigte sich auf ihrem Gesicht, als sie das Fenster auf dem Smartphone aufploppen sah. Sven hatte ihr wieder einmal einen flotten Spruch per Messenger zugeschickt, worin er ihr klarmachen wollte, dass sie ihm fehlte, während er nach dem Duschen auf dem Bett lag. Anfangs hatte sie es bereut, sich auf den Typ überhaupt eingelassen zu haben, da er als Draufgänger in der Schule bekannt war und jedem Rock nachstieg. Doch er sah verdammt gut aus und erfüllte im Bett alle geheimen Wünsche eines pubertierenden Mädchens. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass er nun auch sie erobert hatte. Nach anfänglichem Unmut war es ihr schließlich egal, solange ihre Eltern nichts davon mitbekamen. Sex mit ihm war gut und nur darum ging es ihr. Heimlich über gute Kanäle hatte sie sich die Pille besorgt und war somit vor bösen Überraschungen geschützt. Sollten ihre Eltern doch glauben, dass sie die Jungfräulichkeit mit in die spätere Ehe nahm. Außerdem stach bei ihr das Argument, dass sie selbst schon drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern zur Welt kam. Sie sollten folglich sehr vorsichtig agieren, da sie zumindest in diesem Punkt im Glashaus saßen. Das Thema Verhütung war immer schnell vom Tisch, wenn Karin an ihr Geburtsdatum erinnerte.
Karin verdrehte die Augen, als dieses Knarren wieder über ihr zu hören war, doch nun weiter rechts, Richtung Treppe. Schon so manche Stunde der Nachtruhe wurde ihr damit geraubt, sodass der Wunsch sich in ihr verstärkte, endlich die Achtzehn zu erreichen, damit sie dieses ungeliebte Haus verlassen konnte. Freiheit bedeutete ihr viel und versprach ein Leben ohne Einschränkungen durch die Eltern, die immer wieder an ihr herumnörgelten. Entschlossen zog sie ihr T-Shirt hoch und filmte ihre immer noch relativ kleinen, aber schon erkennbaren Brüste. Nach kurzem Zögern lud sie die Datei hoch und schickte sie kommentarlos Richtung Sven, der Sekunden später mit einem WOW antwortete.
Wenn du das jemandem zeigst, ist es aus zwischen uns, damit das mal klar ist. Das ist nur für dich.
In seiner Antwort beteuerte Sven, dass er ihr dafür sein Ehrenwort geben würde. Trotzdem bereute Karin schon jetzt, dass sie das Foto überhaupt gesendet hatte. Eine nicht erklärbare Unruhe befiel sie, als sie das Smartphone auf das Schränkchen neben sich ablegte und sich auf die Seite legte. Immer wieder tauchte das Bild vor ihren geschlossenen Augen auf, wie sich Sven mit seinem durchtrainierten Körper auf sie wälzte und seine Hand gleichzeitig ihren Slip nach unten zog. Unwillkürlich streckte sie ihm sogar jetzt im Halbschlaf das Becken entgegen und ein leises lüsternes Stöhnen entfuhr ihrem Mund.
Sie versteifte sich allerdings augenblicklich, als sie eine schwere Hand auf ihren Lippen spürte, die jeden weiteren Ton erstickte. Eine zweite Hand legte sich um ihren schlanken Hals und nahm ihr fast die Luft zum Atmen. Karin versuchte, sich aufzurichten, was jedoch schon im Ansatz scheiterte. Selbst das wilde Strampeln ihrer Beine veränderte nichts an ihrer Lage. Ganz im Gegenteil – der Druck um ihren Hals erhöhte sich lediglich und sie rang wild nach Luft. Kurz bevor sie die Besinnung verlor, lockerte sich der Druck und es drang wieder Sauerstoff in ihre Lungen. Schließlich spürte sie die Hand auf ihrer Schulter. Brutal wurde ihr Körper herumgerissen, sodass sie auf dem Bauch landete und den Kopf zur Seite drehen musste, um nicht im Kissen zu ersticken. Nun konnte sie zumindest einen Teil des maskierten Mannes erkennen, der sich über sie gebeugt hatte. Dass es ein Mann war, dessen war sie sich sicher, als er ein tiefes Brummen von sich gab. Ihr Atem stockte, als ihr der Slip über die Beine und schließlich über die Füße abgestreift wurde. Sie war nun nur noch mit dem dünnen Shirt bekleidet und wartete jeden Moment darauf, dass ihr auch das entrissen würde. Halbwegs erleichtert stellte sie fest, dass es nicht geschah und die Gestalt zögerte. Doch im Inneren war sie sich sicher, wie das hier und heute enden würde. Irgendwann einmal hatte sie davon gehört, dass es für das Opfer einer Vergewaltigung schonender wäre, wenn es die Gegenwehr einstellen würde. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie eh keine Chance gegen diesen kräftigen Kerl haben würde. Karin versuchte, diesen inneren Kampf gegen das Unvermeidliche aufzugeben und alles geschehen zu lassen. Sie schaffte es sogar, die anfängliche Verkrampfung etwas zu lösen. Sekunden später wurde sie von der Gestalt des Vergewaltigers fast komplett verdeckt und sie ertrug mit Entsetzen, wie er in sie eindrang. Der Schmerz war so groß, dass sie laut aufschrie.
»Oh Gott, tut das weh. Bitte nicht – bitte nicht. Ich tue alles, was du willst, aber nicht so. Bitte nicht.«
Ihr Bitten und Betteln war nutzlos, bis er endlich stöhnend verharrte. Nur sehr langsam wälzte er sich von seinem Opfer herunter und drückte Karin brutal in das Kissen. Seine Stimme meinte sie schon einmal gehört zu haben, doch hatte sie nicht die Möglichkeit, sie einzuordnen. Der Druck in ihrem Nacken wurde unerträglich und die Luft entwich unaufhörlich aus ihren Lungen. Wie durch einen imaginären Nebel vernahm sie nun die Stimme des Fremden.
»Genauso fühlt es sich an, wenn etwas geschieht, was du eigentlich nicht möchtest, Karin. Schmerzen können so vielfältig sein, egal, ob es physische oder psychische sind. Sie verletzen dich tief in deinem Inneren und lassen dich leiden. Nun spürst du sie hoffentlich ansatzweise. Aber das ist erst der Anfang, denn ich werde dich fortan spüren lassen, was du anderen Menschen angetan hast. Deine Unschuld kann ich dir nicht mehr nehmen, aber deine Seele. Du wirst es jedes Mal zu spüren bekommen, wenn du anderen Unrecht antust. Denke immer daran, bevor du dich über deine Mitmenschen lustig machst. Heute hast du es überlebt. Ob es auf Dauer so sein wird, kann ich nicht versprechen. Doch tust du jemandem weh, werde ich wiederkommen und dir etwas antun.«
Karin war nicht fähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Sie befand sich in einem Schockzustand, der ihr die Sinne zu rauben drohte. Sie nahm kaum wahr, dass der Druck auf ihr plötzlich nachgab und sie allein im Zimmer war. Noch immer glaubte sie, den Besucher in sich zu spüren. Zumindest der Schmerz war noch vorhanden und sie versuchte nach einigen Minuten, die Position zu wechseln und sich auf den Rücken zu wälzen. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen und sie versuchte, die Gestalt des Fremden im Raum auszumachen. Nichts. Nicht ein Indiz war vorhanden, dass sich noch vor wenigen Augenblicken jemand hier aufgehalten und ihr das Unsägliche angetan hatte. Wieder zuckte sie zusammen, als sie von unten das Geräusch der Haustür und die Schritte auf der Treppe vernahm. Nur langsam öffnete sich die Tür ihres Zimmers. Das Gesicht von Sybille Holthaus erschien, die kurz danach wieder die Tür schloss.
»Sie schläft schon, Rainer. Ich hätte gewettet, dass sie noch mit dem Typen aus der Schule telefoniert. Lass uns auch ins Bett gehen. Ich bin müde vom Tanzen.«
2
»Warum wirfst du deine Sachen einfach in die Ecke, David? Haben wir dir nicht beigebracht, deine Sachen ...?«
Längst hatte der groß gewachsene schlanke Junge die Tür seines Zimmers hinter sich zugeschlagen, sodass Marita Kolmar unschlüssig davor verharrte, um schließlich doch anzuklopfen. Als von der anderen Seite keine Reaktion erfolgte, lehnte sie die Stirn gegen das Türblatt und versuchte ihr Glück, indem sie leise mit ihm sprechen wollte.
»Haben sie es wieder geschafft, dich so fertigzumachen, dass du nicht einmal mit deiner Mutter darüber reden möchtest? Es wird nicht besser dadurch, mein Schatz, dass du es in dich hineinfrisst. Ich höre dir zu, David – das weißt du. Auch dein Vater tut es, wenn du es nur zulässt. Darf ich zu dir reinkommen?«
Als sich David immer noch nicht äußerte, nahm Marita Kolmar all ihren Mut zusammen und trat ein. Sie stürzte auf den am Boden liegenden Jungen zu und schlang ihre Arme um seine Schultern. Immer wieder schüttelte sie ihn und wischte seine Tränen mit dem Saum ihres Kleides ab. Schließlich trat auch ihr das Wasser in die Augen, da sie ahnte, was sich in ihrem Sohn derzeit abspielte. Viel zu oft schon musste sie ihn trösten, weil er besonders in der Schule, aber auch schon auf offener Straße angefeindet worden war. Heute musste es wieder besonders schlimm gewesen sein, das erkannte sie sofort. Immer wieder strich ihre Hand über sein langes, schwarz gelocktes Haar, bis er ihre Hand schließlich wegstieß und sich aus ihrer Umarmung befreite. Diese Reaktion war ihr nicht unbekannt und sie ließ es zu, dass er sich auf das Bett warf. Zögerlich setzte sie sich auf die Bettkante und wartete ab, bis er bereit war, über das Geschehene zu berichten. Minuten des Schweigens musste sie hinnehmen, bis David endlich den Kopf hob und seine Arme um die Mutter schlang. Lange hielten sich beide eng umschlungen, bevor die ersten Worte Davids Mund verließen.
»Warum habt ihr mich mit diesem Vornamen gestraft, Mama? Warum musste es gerade David sein? Ich bin kein Jude und habe mit deiner Familie nichts zu tun, die vor gefühlt hundert Jahren hierherzog. Musstest du unbedingt der Forderung von Oma Haviva nachgeben? Das lastet jetzt wie ein Fluch über mir. Jeder in der Schule und in der Nachbarschaft weiß um diese Abstammung und sieht es als Makel. Ich halte das nicht mehr aus.«
Wieder zuckten seine Schultern und er drückte seine Mutter noch enger an sich heran. Schon oft hatte er diese Frage an sie gerichtet, ohne dass sie die richtigen Worte der Klarstellung dafür gefunden hatte. Auch ihr Mann Hannes hatte ihr oft genug vorgeworfen, dass sie damals auf die Namensgebung des Jungen bestanden hatte. Viel zu groß war der Druck und der Einfluss ihrer Familie. Seine Seite hatte ihn schon sehr früh auf mögliche Schmähungen hingewiesen, obwohl zu dem Zeitpunkt keiner ahnen konnte, wie sich dieser verfluchte Antisemitismus in Deutschland und anderen Ländern ausbreiten würde. Natürlich bereute sie heute ihren Entschluss, wusste aber, dass eine Namensänderung jetzt auch nichts mehr ändern würde. Das funktionierte nur, wenn sie die Stadt wechseln würden.
»Du musst endlich lernen, das zu akzeptieren, Schatz.«
Marita Kolmars Körper versteifte sich, als sie von ihrem Sohn ungewöhnlich schroff weggestoßen wurde.
»Was sagst du da? Ich soll akzeptieren, dass man mich ächtet? Ich soll den schrecklichen Menschen in der Schule gestatten, mich anzuspucken oder in der Dusche zu schlagen? Ist es das, was du damit sagen willst? Muss ich der Fußabtreter der Schule sein? Ich glaube einfach nicht, was du von mir verlangst. Das sagt meine eigene Mutter zu mir. Mehr hast du nicht an Ratschlägen für mich?«
Bittend hielt sie David ihre Hände entgegen, der sie energisch wegdrückte.
»Ich habe das anders gemeint, mein Junge.«
»Wie hast du es denn gemeint? Was genau habe ich daran missverstanden, als du sagtest, dass ich den Kopf einziehen und alles ertragen soll, Mama? Das, was du meinst, geht nur für einen begrenzten Zeitraum. Es kommt der Tag, da möchtest du es nicht mehr nur ertragen. Dann möchtest du nur ...«
»Sag so was nicht, mein Junge. Sprich es gar nicht erst aus, denn es wäre Sünde vor dem Herrn.«
Betroffen blickte David auf seine Mutter hinab, als hätte er einen Geist gesehen.
»Denkst du wirklich, dass ich mir deshalb das Leben nehmen würde? Glaubst du daran, dass es irgendwann so schlimm werden könnte, dass ich diesen Gedanken wirklich verfolgen könnte? Das bringe ich nicht fertig, Mama. Das schaffe ich nicht.«
»Nein, nein, mein Junge. Das habe ich nicht sagen wollen. Aber du hast mir Angst gemacht mit deiner Andeutung. Ich werde dich beschützen und zu dir halten, so lange ich lebe.«
Nun irritierte Marita Kolmar das milde, fast mitleidige Lächeln ihres Jungen, der plötzlich so erwachsen wirkte. Er erhob sich und stellte sich ans Fenster. Er starrte auf die wenigen vorbeiziehenden Wolken am durchweg blauen Himmel, bevor sich seine Mutter neben ihn stellte und einen Arm auf seine Schulter legte. Beide warteten darauf, dass einer das Gespräch fortsetzte. Als der rote Hyundai die Auffahrt herauffuhr, wussten beide, als sie sich kurz ansahen, dass sie dem Vater die neue Attacke verschweigen mussten. Er würde harschere Worte dafür finden als seine Ehefrau und sofort eine Reaktion einfordern. Als wäre nichts geschehen, empfing Marita ihn an der Haustür und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dazu musste sich die mittelgroße Frau auf die Fußspitzen stellen, da Hannes Kolmar stattliche hundertneunzig Zentimeter maß. Die Statur hatte David unzweifelhaft von ihm geerbt. Ihre Seite glänzte durch geringere Körpergröße.
Hannes Kolmar saß am Küchentisch und teilte sein Rührei in kleinere Haufen. Ohne aufzusehen, stellte er die Frage, die sowohl Marita wie auch David erstaunt aufsehen ließ. Seine Stimme besaß die gewohnte Ruhe, die Fremde immer im Unklaren darüber ließ, in welcher Stimmung er sich befand.
»Was in Gottes Namen stimmt mit euch nicht? Ihr verschweigt mir etwas. Gute Schauspieler seid ihr beide nun wahrlich nicht. Was ist passiert?«
»Aber wie kommst du darauf, dass ...?«, versuchte Marita ihn abzulenken.
»Bitte beleidige nicht meine Intelligenz, Marita. Ich erkenne, wenn einen von euch etwas bedrückt.« Er wandte sich an David. »Was hat man dir heute wieder angetan? Komm mir nicht mit Ausflüchten. Ich weiß genau, wie Mobbing gegenüber Menschen wie dir aussehen kann. Ist wieder was in der Dusche passiert oder auf dem Schulhof?«
Davids Gesicht verfärbte sich rot und seine Hände zitterten unkontrolliert, was der Mutter nicht entging. Ihre Hände legten sich schützend über die von David und pressten sie fest gegen die Tischplatte. Hannes Kolmar entging das nicht, während er beängstigend langsam das Besteck neben den Teller legte und die Hände über dem Teller faltete. Es war spürbar, dass er sich zur Ruhe zwingen musste.
»Hat man dich geschlagen?«
»Nein, Vater, niemand hat mich geschlagen. Es war ganz anders, als du denkst.«
»Warum hast du dich nicht gewehrt, David? Wie lange willst du noch den Prügelknaben für diese Brut spielen? Sie werden niemals von dir ablassen, wenn du ihnen nicht zeigst, dass du dagegenhalten kannst. Tu einem von ihnen weh und sie werden dich respektieren. Klappt das nicht, nimm dir den Nächsten vor und verletze ihn, wie sie dich verletzen. Irgendwann werden sie verstehen und vorsichtiger werden. Hat dich wieder jemand wegen ...?«
»Nein, Vater, mit der Schwulentour habe ich mich abgefunden und ihnen den Spaß genommen, da ich nicht mehr darauf reagiere.«
»Verdammt, David, dann spuck es endlich aus, was sie jetzt mit dir anstellen. Du kannst doch nicht ewig der Spielball von diesem Gesocks sein. Ich will jetzt wissen, was man ...!«
Die Stimme von Hannes Kolmar hatte nun doch einen bedrohlicheren Ton angenommen, sodass Marita sich einschaltete.
»Merkst du nicht, dass du ihn quälst? Es tut ihm nicht gut, wenn du ihn auch noch niedermachst. Er leidet so schon genug. Nicht wahr, mein Schatz?«
Mit den letzten Worten rückte sie näher an David heran und strich ihm über das Haar. Der versuchte allerdings, dieser Zärtlichkeit zu entkommen, indem er etwas zur Seite rückte. Seine Stimme klang ärgerlich, als er sich an die Mutter wandte.
»Papa hat recht. Ich bin ein Versager und komme gegen die anderen nicht an. Ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht so bin wie alle. Warum ist das so? Ist es wirklich so schlimm, wenn man sich nicht für Mädchen interessiert? Und jetzt kommt noch das mit dem Namen hinzu.«
»Was ist mit deinem Namen, David? Bist du nicht zufrieden damit?«
»Ich schon, aber die anderen nicht. Warum habt ihr mir einen jüdischen Namen gegeben? Mutter hat es mir ja schon erklärt, doch du hättest es verhindern müssen.«
Die Blicke, die die Eltern austauschten, sagten mehr als jedes Wort. Der Vorwurf darin war unverkennbar. Doch sie hatten vereinbart, das Thema nie wieder auszuwalzen. Maritas Hand suchte die ihres Sohnes, der sie ihr jedoch wieder entzog. Hannes Kolmar nahm den Faden wieder auf und versuchte sogar, den Grund zu verharmlosen.
»Hast du jemals darüber nachgedacht, warum man dir genau den Namen gab? Er hat eine bestimmte Bedeutung. David bedeutet im Jüdischen so viel wie Geliebter oder Liebling. Du siehst, dass man dir den Namen in gutem Glauben an deine Zukunft gab. Man erkennt deine Empathie tagtäglich in dem, was und wie du es tust. Mich wundert, dass deine Schulkameraden den jüdischen Ursprung überhaupt entdeckt haben. Viele Jungen in Deutschland heißen schließlich David.«
Marita Kolmar wollte die Diskussion auf ihre besondere Art abschließen, indem sie das Thema wechselte und somit nicht befriedigend abschloss.
»Komm, David, iss dein Abendbrot. Morgen wird die Welt sicher wieder ganz anders aussehen.«
Statt sich über die neue und scheinbar entspanntere Situation zu freuen, sprang David auf und hetzte die Treppe hinauf, um in seinem Zimmer zu verschwinden. Fast wäre er gestolpert, als er immer zwei Stufen auf einmal nehmen wollte. In seinem Zimmer warf er sich auf das Bett und vergrub das Gesicht in seinem Kopfkissen.
3
Die Mädchengruppe hatte sich wie üblich am Südeingang des Gymnasiums versammelt, um sich über das vergangene Wochenende auszuquatschen und das Programm der anstehenden Abifeier zumindest in groben Zügen zu bereden. Momentan waren die Jungs, die sie ständig beobachteten, relativ unwichtig. Im Vordergrund stand lediglich, unter welches Thema man die Feier stellte und was dazu getragen wurde. Fest stand bisher, dass man die Abifeier nicht wie üblich in die Aula verortete, sondern dass es eine besondere Location sein sollte. Voraussetzung war, dass es weit weg von dem Standard sein sollte, was üblicherweise genutzt wurde. Abschlussfeiern wurden natürlich nach der letzten Prüfung geplant und fanden im Zeitraum Mai bis Juni statt. Trotzdem oder gerade deshalb kam die Idee auf, eventuell Halloween vorzuverlegen und dazu einen aufregenden Kostümball zu veranstalten. Die Idee wurde fast einstimmig angenommen und sollte im größeren Kreis, zu dem auch die Jungs gehörten, diskutiert werden. Alle jubelten über den Entscheid.
»Was ist mit dir los, Karin? Du hast die Idee doch als Erste eingebracht und jetzt jubelst du nicht mit. Du ziehst ein Gesicht, als hätte man dir was aufs Maul gehauen. Freu dich doch wenigstens ein bisschen, dass deine Idee gut ankam. Ich überlege mir schon, als was ich dort auftauche. Was ist heute los mit dir? Ist die Periode ausgeblieben?«
Bevor Karin antworten konnte, erklang die Schelle, die das Pausenende anzeigte. Veronika Felten, Karins beste Freundin, hakte sich unter und mischte sich mit der Tischpartnerin unter die schnatternden Mädchen, die teils obszöne Bemerkungen gegenüber den Jungen machten, die ebenfalls die Treppen hochliefen. Sie waren in der Klasse in der Überzahl und nutzten diesen Vorteil stets aus. Noch immer, selbst als sie beide am Tisch saßen und auf den Lehrer warteten, blickte Veronika ihre Freundin fragend an.
»Was denn nun? Willst du es mir nicht sagen oder ist es so schlimm, dass du es nicht einmal mir erzählen kannst? Du bist schwanger! Ja, ich sehe es dir an. Du hast dir ein Balg eingehandelt. Gib es zu. War es Sven? Du bist doch ständig um ihn rum. Hat er nicht aufgepasst?«
Karins Reaktion hätte Veronika warnen sollen, denn diese erstarrte augenblicklich und verfärbte sich. Veronika streckte ihr beide Hände entgegen und versuchte, den Fehler wiedergutzumachen.
»Schon gut, schon gut, Karin. Das war nur ein Scherz. Habe das nicht so gemeint.« Sie konnten alle die Schritte auf dem Flur hören, die das Herannahen von Herrn Volmer ankündigten, bei dem es gleich Mathe gab. Und doch konnte sie die Spitze nicht zurückhalten. »Falls ich doch recht habe, und du darüber reden willst - du weißt, dass du immer mit mir ...«
»Guten Morgen, Leute«, eröffnete Lehrer Volmer die Stunde und kam sofort auf den Punkt. »Bevor wir den heutigen Unterrichtsstoff beginnen, habe ich als euer Klassenlehrer eine Bemerkung zum Freitag zu machen, an dem etwas an dieser Schule geschah, das wir alle überhaupt nicht gerne sehen.« Sofort ebbte das Gemurmel ab und Volmer besaß die volle Aufmerksamkeit sämtlicher Schüler und Schülerinnen. »Ich spreche von Mobbing in seiner ungehörigsten Form. Ihr alle wisst, dass ich an dieser Schule als Vertrauenslehrer arbeite und solche Geschichten immer bei mir landen. Ich betone an dieser Stelle noch mal, dass sich jeder, der das erleben muss, an mich wenden kann. Im aktuellen Fall ist das nicht geschehen, was mich traurig macht, denn ich muss mich fragen, ob ich etwas falsch mache, dass ich nicht mit ins Vertrauen gezogen werde. Doch es ist am Ende bei mir gelandet und ich möchte das ansprechen. Weiß jemand von euch, worüber oder sogar, über wen ich spreche?«
Das eisige Schweigen zog sich wie ein Nebel über alle Tische und doch waren viele Blicke auf eine Person gerichtet. David Kolmar wäre am liebsten in ein tiefes Loch gesprungen und hätte sich unsichtbar gemacht. Er hasste seinen Lehrer Volmer in diesem Moment, obwohl der es als Letzter verdient hätte, solche Emotionen erleben zu müssen.
»Also niemand, stelle ich fest. Dann mache ich an dieser Stelle einen Vorschlag, wenn ihr gestattet. Da ich mir sicher bin, dass jeder von euch den angesprochenen Fall kennt, gehe ich davon aus, dass sich niemand von euch öffentlich outen möchte. Ihr habt die Gelegenheit, mir in meinen Briefkasten, der vor dem Lehrerzimmer hängt, einen Brief zu werfen, in dem er mir einen Zeitpunkt und einen Treffpunkt nennt, darüber vertraulich zu reden. Niemand wird davon erfahren. Das verspreche ich hoch und heilig. Ich möchte lediglich eure Beweggründe für so was erfahren. Es ist nicht richtig. Das – davon bin ich überzeugt – weiß jeder von euch. Und doch geschieht es. An dieser Schule möchte ich diese Dinge nicht erleben, denn sie führen niemals zu einem guten Ende. Aber was erzähle ich euch da. Ihr seid alle so intelligent, um euch vorzustellen, wie ihr euch fühlen würdet, wenn genau das mit euch passiert. Wenn sich das jeder klar vor Augen führt, dürfte die größte Gefahr gebannt sein. Eines dürfte jedem von euch klar sein: Gewalt erzeugt Gegengewalt.« Volmer hatte längst seine Mappe auf dem Schreibpult abgelegt und wanderte durch die Tischreihen. »Diejenigen unter euch, die glauben, sich selbst erhöhen zu können, indem er oder sie einen anderen kleinmacht, werden sehr schnell erkennen, dass sie nicht die Bewunderung der anderen Schüler erreichen, sondern im Grunde nur von den Feiglingen hofiert oder missbraucht werden. Ich rate dazu, sich nicht zum Werkzeug anderer machen zu lassen, denn dann seid ihr nur Schafe in einer Herde, die ohne wirklichen Führer und willenlos üblen Instinkten folgen. Doch willenlose Schafe laufen Gefahr, selbst einmal das Opferlamm zu werden. Stellt euch also dem entgegen, was nur nach Mobbing riecht. Erst dann seid ihr zum Führer geeignet.« Volmer beendete seinen Vortrag und seine Runde. Er kramte einen Schnellhefter aus der Mappe und knallte ihn bewusst hart auf das Pult. »So, liebe Schafe, dann lasst uns Theorie pauken, damit ihr bald eure Abiprüfung bestehen könnt. Bei den Noten unterscheiden wir nämlich nicht zwischen Leithammel und Opferlamm. Da wird nach Leistung beurteilt. Deshalb nennt man es auch Reifeprüfung.«
Kaum hatte Karin das Schultor erreicht, wurde sie von Veronika am Ärmel zurückgezogen. Verärgert wirbelte diese herum und blickte mit blitzenden Augen in die ihrer Freundin. Sie waren sich rein figürlich ebenbürtig, wobei sie sich lediglich in der Haarfarbe unterschieden. Wo Karin mit blonden Locken punkten konnte, versuchte Veronika es mit einem krassen Rotton und einem Fransenschnitt. Wo Karin eine wohlgeformte Nase vorweisen konnte, existierte bei Veronika eine leicht knubbelige Version, die sie bereits als Kind einem Nasenbeinbruch zu verdanken hatte. Doch auf eine besondere Art wirkte auch sie sehr attraktiv und nicht weniger anziehend auf die Jungs. In dem Punkt stand sie ihrer Freundin in nichts nach.
»Was soll das? Ich muss nach Hause und habe wenig Zeit. Wenn du wieder mit deiner beschissenen Vermutung ankommst, dass ich schwanger wäre, trete ich dir in den Hintern. Es ist nichts und damit lass es gut sein. Tschüss.«
Wenn Karin glaubte, dass Veronika sich damit zufriedengab, hatte sie sich getäuscht, denn sie verstellte ihr einfach den Weg.
»Du meinst, dass ich mich damit abspeisen lasse? Wir sind Freundinnen und damit sozusagen verpflichtet, der anderen immer die Wahrheit zu sagen. Ich weiß, dass du etwas vor mir verbirgst – und das will ich wissen. Hat es irgendwas mit dem zu tun, worüber Volmer heute sprach? Du hast dich so seltsam verhalten. An anderen Tagen hättest du bestimmt eine deiner Bemerkungen abgelassen. Diesmal nicht. Und das ist verdächtig. Oder hat es was damit zu tun, dass ihr David fertiggemacht habt? Ich will das jetzt wissen. Vorher lasse ich dich nicht vorbei.«
In Karin baute sich kalte Wut gegen die Klassenkameradin auf, die sie jedoch schnell wieder hinunterwürgte, da Veronika wohl doch aus Sorge um ihr Wohlergehen gefragt hatte. Schließlich entschloss sie sich dazu, ihr die Wahrheit zu erzählen.
»... und plötzlich war er wieder verschwunden. Ich weiß, dass ich seine Stimme irgendwoher kenne, kann dir allerdings nicht sagen, wer das gewesen sein könnte.«
»Das ist absolut krass, Karin. Wer ist so verrückt, um dich ... na du weißt schon? Könntest du dir vorstellen, dass sich David so an dir gerächt haben könnte? Aber der kennt sich doch gar nicht damit aus.«
Karin ließ den Kopf hängen und die Beine über den Balken schaukeln, auf den sich die beiden Freundinnen niedergelassen hatten. Sie schüttelte den Kopf.
»Das hätte ich gemerkt, verdammt. Ich kenne seine Stimme und ... so was merkt man doch, wenn es einer ist, mit dem man tagtäglich zu tun hat. Oder etwa nicht?«
»Das kann ich dir nicht sagen, Karin. Ich habe bisher meinen Freiern beim Sex immer ins Gesicht sehen können. Das, was du mir erzählt hast, klingt so ... so unwahrscheinlich.«
Karin sprang vom Balken und baute sich mit hochrotem Kopf vor Veronika auf.
»Willst du damit sagen, dass ich die Story nur erfunden habe? Mir tut noch immer alles weh und ich kann kaum auf die Toilette gehen.«
»Jetzt mach mal halblang, du empfindliche Zicke. Ich glaube dir ja. Hast du deinen Eltern davon erzählt?«
»Hast du sie nicht mehr alle, Veronika? Soll ich denen vielleicht auch erzählen, was Sven mit mir veranstaltet? Die gehen prompt mit mir zum Arzt, der dann feststellt, dass ich tatsächlich keine Jungfrau mehr bin und regelmäßig Verkehr habe. Und hast du noch nie davon gehört, welche Fragen die Bullen an dich richten, wenn du die einschaltest? Das mach ich nicht mit.«
Veronika nickte zu jeder Bemerkung der Freundin und schien zu überlegen.
»Was, wenn der perverse Typ aus deinem Schlafzimmer das wahr macht, was er dir angedroht hat? Was machst du, wenn er jetzt öfter bei dir erscheint, um ... na du weißt schon?«
»Dann werde ich mich darauf vorbereiten und ihm was abschneiden. Das wird sich nicht wiederholen.«
»Genau, Karin, dann mach ihn fertig und lass ihn verbluten. Er hat es nicht anders verdient.« Der Gedanke schien Veronika zu gefallen, denn sie strahlte über das ganze Gesicht und sprang nun ebenfalls vom Balken. Sie legte ihren Arm um die Freundin und führte sie Richtung Ausgang.
»Was ist da eigentlich genau passiert, als du mit den Jungens hinter David her warst? Der Volmer regt sich doch nicht umsonst so über einen Ulk auf.«
»Das war schon heftig, was die mit ihm gemacht haben, muss ich zugeben. Das war keiner der üblichen Scherze. So genau kann ich dir das aber nicht beschreiben, da ich nicht in die Jungendusche konnte, ohne aufzufallen.« Karin war stehen geblieben und richtete den Blick auf den Sandhügel, den sie mit dem Schuh vor sich aufhäufte. »Ich habe nur immer gehört, wie er schrie, dass sie damit aufhören sollen. Das hörte sich gar nicht gut an und er muss Schmerzen gespürt haben. Ich habe mich irgendwann verzogen, da die Gefahr bestand, dass jemand von den Lehrern das hört. Dann erklär denen mal, was ich als Mädchen in dem Duschbereich treibe. Ich habe nur später gesehen, wie David nach Hause gehumpelt ist.«
»Das klingt übel, muss ich zugeben. Was hältst du davon, wenn wir das dem Volmer erzählen?«
Veronika blickte ihre Freundin erstaunt an, als sie von ihr weggestoßen wurde und in das von Zorn verzerrte Gesicht sah.
»Hast du einen Vogel? Sven war dabei und ich habe keine Lust, ihn wegen der Tunte David zu verlieren. Sven ist das große Los im Bett. So weit kommt das noch. Ist David doch selbst schuld, wenn er einer von diesen Schwuchteln ist. Der ist doch total krank und obendrein noch ein Jude, wie man mir sagte.«
»Und was ist so schlimm daran, wenn er Jude ist?«
»Das weiß ich auch nicht, aber alle anderen sagen, dass das Scheiße ist.«
Veronika sagte nichts dazu und verließ den Spielplatz in Begleitung einer Freundin, von deren Zuneigung sie von nun an nicht mehr zu hundert Prozent überzeugt war.
4
Wieder war es eines der Plastik-Steuerkreuze an der Playstation, das klemmte und Sven zum Fluchen brachte. Er warf den gesamten Controller neben sich auf die Couch und griff nach der Dose mit dem Energydrink. Sofort verzerrte sich das Bild auf dem Fernsehgerät und verschwand kurz darauf völlig. Stattdessen erschien groß und deutlich ERROR. Genervt schaltete Sven auf einen Kanal, von dem er wusste, dass man dort vierundzwanzig Stunden am Tag Horrorfilme sehen konnte. Seine Füße legte er auf den Glastisch und schob damit die geblümte Vase beiseite, die seine Mutter zum Entsetzen aller dort platzierte und stets mit einer einzelnen Rose zum Gedenken an ihren verstorbenen Mann versah. Die Tüte Paprikachips, die er sich zum Abendessen gönnte, füllten seinen Mund, während er einer brutalen Szene folgte, in der eine Frau nackt an einem Seil baumelte und mit einem Messer traktiert wurde. Ihm rang das lediglich ein dämonisches Grinsen ab. Das erstarb jedoch augenblicklich, als er etwas Kaltes, Spitzes an seinem Hals spürte. Sven musste husten, da ihm einer der Chips in die Kehle gerutscht war. Sofort drang die scharfe Klinge leicht in seine Haut ein und sorgte für eine geringe Blutung.
»Du wirst dich doch wohl nicht verletzt haben, mein Freund. Das täte mir leid.«
Die Stimme des Fremden hinter Sven wirkte dumpf, was sicher auf die Maske zurückzuführen war, die er sich über das Gesicht gezogen hatte. Doch in ihr schwang auch ein gefährlicher Unterton mit, der Sven zur Vorsicht mahnte. Trotzdem regte sich in ihm erster Widerstand.
»Bist du dir sicher, dass du dir für einen Überfall nicht das falsche Haus ausgesucht hast? Hier ist nichts zu holen außer wertlosem Hausstaub. Außerdem kommt jeden Augenblick mein Vater nach Hause. Der ist Polizist und wird dir was aufs Maul hauen.«
Sven glaubte, hinter der Maske ein leises Kichern gehört zu haben. Augenblicke später wusste er, dass er sich nicht getäuscht hatte.
»Ich wusste gar nicht, dass es in diesem Hause spukt. War dein Vater nicht schon vor drei Jahren bei einem Autounfall umgekommen? Ich bin gespannt darauf, wie er heute aussieht. Doch jetzt wollen wir wieder zurück in die Realität kommen. Leg beide Hände auf den Tisch und versuche, alles zu vermeiden, was ich als Angriff auslegen könnte. Meine Reflexe sind nicht mehr die Besten und ich könnte dir den Hals versehentlich durchschneiden. Also – ich zähle bis drei. Eins ...«
Schon bei zwei lagen beide Hände des Jungen zitternd auf der Glasplatte. Seine Augen waren geschlossen und seine Lippen zuckten, als würde er zu Gott beten. Stockend kamen die Worte über seine Lippen.
»Ich tue alles, was du willst. Sage mir nur, was du ausgerechnet von mir willst. Ich kenne dich nicht und habe niemandem etwas getan.«
»Und genau über diesen Punkt wollte ich mit dir diskutieren, Sven? «
»Woher kennst du meinen Namen?«
»Den kennt doch sogar jedes Mädel im Stadtteil, weil du alles anfällst, was auch nur einen Brustansatz zeigt und nicht schnell genug auf einen Baum kommt. Die Unschuld vom Lande bist du folglich nicht. Aber mich interessiert weniger, was und mit wem du es in fremden Betten treibst, obwohl du noch grün hinter den Ohren bist. Du hast noch ganz andere Makel, die mich und viele andere Menschen gewaltig stören. Du hältst dich für einen tollen Hecht, der sich über andere erheben kann. Der bist du allerdings nicht, sondern nur ein mieser kleiner Furz, dem die Natur zu wenig Grips und nur ein Mindestmaß an Mitgefühl verpasst hat. Gute Manieren und Empathie sind dir fremd, da man dich wohl falsch erzogen hat.«
Als Sven die Hände von der Tischplatte lösen wollte, verstärkte sich der Druck der Klinge auf seinen Hals. Er presste sie wieder auf das Glas und gleichzeitig seine Zähne aufeinander. Der Besucher hatte seine Mutter angegriffen, was für ihn als Angriff gegen ihn selbst gewertet wurde. Niemand auf dieser Welt durfte sie beschimpfen.
»Lass meine Mutter aus dem Spiel. Sie ist das Beste, was ich kenne.«
»Na, wenigstens etwas an dir gibt es, was man als positiv beschreiben kann. Du hasst nicht die ganze Welt. Doch das reicht nicht aus, um ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft zu werden. Du Dreckskerl hast dir alle Mühe gegeben, um deinen schlechten Ruf zu festigen. Ein Dreck bist du und glaubst wohl, dass man nur bestehen kann, wenn man sich über andere erhebt. Die scheinbar Schwachen zu drangsalieren, macht aus einem Mistkerl wie dir noch lange keinen Helden. Ganz im Gegenteil. Angst zu verbreiten, kaschiert eigentlich nur die eigene Schwäche, denn damit wurdest du gut versorgt. Wenn du dich jetzt im Spiegel sehen würdest, könntest du nachvollziehen, was ich meine.«
Sven warf den Kopf nach hinten und zeigte Spuren von Trotz. Er versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen.
»Ich habe keine Angst vor dir und deinem Messer. Du besitzt nicht den Mut, um jemanden umzubringen, und willst dich nur wichtigmachen vor mir.«
Kaum hatte Sven das ausgesprochen, wurde sein Kopf nach vorne geschlagen und gleichzeitig riss ihn der Besucher von der Couch hoch. Svens Schrei vermischte sich mit dem Geräusch der umherfliegenden Chipstüte, deren Inhalt sich weit über den Tisch ausbreitete. Er wurde durch das Zimmer auf den Flur gestoßen und fand sich Sekunden später im Badezimmer wieder. Mit eiserner Hand hielt ihn der Fremde im Nacken gepackt und presste gleichzeitig das Messer gegen seinen Hals. Ein dünnes Rinnsal des Blutes rann an Svens Hals entlang. Im großen Wandspiegel konnte der Gepeinigte die blitzenden Augen durch die Schlitze der Maske erkennen. Dessen Stimme war nun noch einen Ton schärfer geworden, als er in Svens Ohr zischte.
»Sieh dir dein mieses Gesicht genau an. Sieht so ein mutiger Kerl aus, der behauptet, keine Angst vor dem Tod zu haben? Ich erkenne hier nur einen bibbernden kleinen Mistkerl, der sich gerade in die Hosen pinkelt. Du riechst nicht nur nach ekligem Urin, sondern auch nach Angst. Ist das wirklich so toll? Ich meine damit, Angst zu spüren. Ist es das, was du gerne bei anderen siehst? Macht das wirklich so geil? Es ist das Letzte, was ein Mensch spüren möchte, und du kleiner Dreckskerl glaubst, Herr über diese Angst zu sein? Das bist du nicht, denn sie hat jetzt Besitz von dir ergriffen. Ich werde dir nun die Halsschlagader aufschneiden und danach den Rettungsdienst anrufen. Es heißt, dass die innerhalb von acht Minuten hier sein würden. Ich kann dir nicht sagen, wie viel Blut du in der Zeit verloren haben wirst. Das ist mir eigentlich auch egal. Aber zu deiner Information will ich dir verraten, dass du abkratzen wirst, wenn du etwa dreißig bis vierzig Prozent deines Blutes verloren hast. Dann erfolgt der Volumenmangelschock und deine Organe können nicht mehr versorgt werden. Bete also, dass sie sich beeilen und dir dein beschissenes Leben mit einer Blutkonserve erhalten können.«
Der Fremde ließ seine Warnung mehrere Sekunden wirken und stellte befriedigt fest, dass diese Panik nicht ausblieb. Svens Augen quollen erkennbar aus den Höhlen und sein Mund verzerrte sich zu einem Schrei, als die Messerklinge seinen Hals seitlich aufschnitt und der erste Blutstrahl hervorschoss. In aller Ruhe tippte der Besucher die Notrufnummer ins Smartphone und gab die Adresse durch, nicht ohne auf die Art der Verletzung hingewiesen zu haben. Mit einem letzten Blick auf den Verletzten, der jetzt wimmernd versuchte, die Wunde mit der Hand zu verschließen, verließ er den Raum. Das Letzte, was Sven vor seiner Ohnmacht wahrnahm, war das Zuschlagen der Haustür.
5
»Was willst du denn jetzt schon wieder? Du gehst mir auf den Nerv, Veronika.«
Mit einer wilden Geste wischte Karin die Hand der Freundin von der Schulter, mit der sie die Schulkameradin zurückhalten wollte. Veronika ließ jedoch nicht locker und lief hinterher.
»Hast du es wirklich noch nicht gehört? Die ganze Schule spricht davon und ausgerechnet du willst mir verkaufen, dass du noch nicht das von Sven weißt? Du wirst von Tag zu Tag zickiger und eingebildeter.«
Als hätte Karin ein Stromschlag getroffen, blieb sie wie angewurzelt stehen. Blitzschnell drehte sie sich um und riss am Revers der Freundin.
»Was soll ich verdammt noch mal wissen? Mach nicht so ein verdammtes Geheimnis darum und spucke es endlich aus.«
Jetzt war es Veronika, die ihre Position auskostete und sich abwandte. Sofort riss Karin an ihrer Jacke und trat nun etwas kleinlauter auf.
»Komm, mach nicht so ein Geschiss um das Ganze und klär mich auf. Hat der Spinner vielleicht etwas über uns erzählt oder sogar ein Foto von mir gezeigt?«
»Ein Foto von dir? Gibt es da etwas, von dem ich wissen sollte, Zicke? Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Erzähl, sonst erfährst du von mir nicht eine Silbe. Erst du, dann ich.«
Karin wusste, dass sich ihr vorlautes Verhalten wieder einmal gegen sie wandte. Warum in aller Welt hatte sie das Foto auch nur erwähnt? Jetzt war es raus und ihr blieb nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu verraten. Es blieb eine Lotterie, bei sie sich nicht sicher sein konnte, ob Veronika das für sich behalten würde. Sie musste es riskieren, um in der Sache weiterzukommen.
»Sven hat mich bekniet, um ein Foto von meinen Titten zu bekommen. Ich bin ja nicht doof und habe ihm eines aus einem Magazin fotografiert und hochgeladen. Jetzt glaubt der naive Sack tatsächlich, dass das meine Titten sind, die er auf seinem Telefon hat. Hat der das etwa ...?«
