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Nach zwei Jahren kehrt Nora für den Sommer nach Hawaii zurück. Sie freut sich auf ihre Großeltern und zugleich fürchtet sie das Wiedersehen mit Kai, dem Bruder ihrer besten Freundin Malia. Sie glaubt, ihre Gefühle für ihn längst hinter sich gelassen zu haben, doch schnell zeigt sich, dass dem nicht so ist. Seine unerwarteten Annäherungsversuche verwirren sie und die Freundschaft zu Malia gerät unter Druck. Während Nora sich fragt, ob Kai nur mit ihr spielt, muss sie eine Entscheidung treffen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Sandra Todorovic
Deep Rush
Wenn wir fallen
Roman
Band 1
Für Elisa
Danke für deine Unterstützung
© 2025 Sandra Todorovic
Korrektorat: Nadine Löhle
Cover: Maria Lüders, Maryjo Design
Verlag: Bookrix
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Diese sind: Trauerbewältigung
Kapitel 1
Nora
Mit dem Koffer rechts neben mir, stand ich vor der Tür meiner Großeltern auf Hawaii. Zwei Jahre waren vergangen. So lange war ich nicht mehr in Honolulu gewesen. Ich hatte es so sehr vermisst. In Kalifornien fühlte ich mich wohl, aber hier war ich zuhause. Hier war mein Herz.
Mit einundzwanzig kehrte ich zurück, auch wenn es nur für einen Sommer war. Die Semesterferien hatten begonnen, und ich würde sie auf Hawaii verbringen. Einige meiner alten Freunde treffen, Orte besuchen, die mir wichtig waren, und neue Erinnerungen schaffen.
Ich legte meine Finger um den Griff des gelben Koffers, dann ging ich die Stufen hinauf. Meinen Großeltern hatte ich eine falsche Ankunftszeit gesagt, damit ich sie überraschen konnte. Ich klingelte, hörte Schritte, und die Tür öffnete sich.
»Nora«, sagte Grandma meinen Namen, als wäre ich ein Omen. »Was tust du denn schon hier?« Auf ihrem Gesicht breitete sich ein glückliches Lächeln aus. Sie trat vor und umarmte mich herzlich. »Richard, Richard. Nora ist hier«, rief sie ins Haus hinein, nachdem sie mich losgelassen hatte. »Komm, mein Schatz.« Sie ging vor.
Ich stellte den Koffer im Eingang ab und begrüßte meinen Großvater, der ein Aloha-Hemd trug.
»Grandpa, hast du dich für mich schick gemacht?«, fragte ich lächelnd.
Er sah an sich hinab. »Es ist, als hätte mir heute jemand ins Ohr geflüstert, ich solle es anziehen, und zack, stehst du da.« Sein Lächeln legte sein Gesicht in Falten. Dieses Strahlen von ihm hatte mir so sehr gefehlt.
»Wir hatten dich morgen erwartet«, sagte meine Großmutter.
»Ich wollte euch überraschen.«
»Das ist dir gelungen. Hast du Hunger? Ich koche dir etwas.«
»Jetzt lass sie doch erst ankommen«, griff Großvater ein.
Grandma hob die Arme. »Ja, ja, ja. Ich verstehe. Gehen wir hoch. Das Zimmer ist schon bereit.«
Ich folgte ihr die knarrenden Holzstufen hinauf, vorbei an den Bildern. Familienfotos, verblasst vom Licht. Alles war wie immer, als wäre ich nie weg gewesen. Eine Reise in die Vergangenheit.
Oben öffnete Grandma die Tür am Ende des Flurs. »Hier.« Sie drückte sie ganz auf.
Das Zimmer roch nach frischen Leinen und Seeluft, die durch die gekippten Fenster hereinzog. Das Haus war nicht weit entfernt vom Meer. Auf dem Bett lag eine Tagesdecke mit blauen Streifen. Daneben stand ein kleiner Blumenstrauß auf dem Nachttisch.
»Danke, Grandma. Es sieht sehr gemütlich aus.«
Sie lächelte zufrieden. »Pack erst einmal aus«, sagte sie sanft und drehte sich zur Tür. »Wenn du willst, mache ich dir nachher einen Eistee.«
Ich nickte. »Das wäre fantastisch.«
Sie blieb einen Moment in der Tür stehen, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann ging sie.
Ich schob den Koffer neben das Bett. Der Blick durch das Fenster auf den Garten weckte Kindheitserinnerungen. Meine Schwester und ich hatten hier Stunden mit Spielen verbracht. Alles hatte in tausend verschiedenen Farben geblüht. Ich hatte mich wie eine Fee gefühlt, während ich durch den Garten geflitzt war, weil es wie ein Märchenreich gewirkt hatte.
Ich atmete tief durch und setzte mich auf das Bett.
Der Koffer musste ausgepackt werden. Eigentlich hätte er auch einfach für heute da stehen bleiben können, aber das hätte mich nervös gemacht. Hatte ich Ordnung um mich herum, hatte ich auch Ordnung in meinem Inneren. Ich konnte es nicht unerledigt lassen. Kontrolle gab mir Sicherheit, auch wenn es nur etwas so Banales wie das Auspacken eines Koffers betraf.
Ich setzte mich auf den Boden, legte den Koffer hin und öffnete den Reißverschluss, dann sortierte ich die Kleidung, die sich darin befand, in die helle Kommode ein, die im Zimmer stand.
Für diesen Sommer hatte ich mir fest vorgenommen, endlich mal loszulassen. Nicht immer so verbissen zu sein. Ich war mir sicher, Hawaii würde mir guttun.
Auf der Kommode befanden sich einige eingerahmte Bilder. Meine Großmutter hatte sich die Mühe gemacht, sie aufzustellen. Sie hatte gewusst, dass es mich freuen würde, in die vertrauten Gesichter aus meiner Vergangenheit zu blicken. Meine Familie, meine Freunde und Kai. All diese Fotos hatte ich gemacht.
Mit den Fingern fuhr ich über den matten Holzrahmen des einen Bildes, das Kai im Wasser zeigte. Den Kopf gerade so über der Oberfläche. Ich erinnerte mich noch genau, wie ich abgedrückt hatte. Eins meiner letzten Fotos, bevor wir vor fünf Jahren nach Kalifornien gezogen waren. Ich hatte es hiergelassen, weil ich es nicht ertragen hätte, es anzusehen. All die Worte, die ich mich nie getraut hatte auszusprechen, hätten mich verfolgt.
Kai Morgan, der Bruder meiner besten Freundin und meine erste Liebe, auch wenn er nichts davon ahnte.
Ich atmete aus und trat von der Kommode zurück. Die Klamotten waren ordentlich verstaut, der Koffer verschlossen. Ich hatte ihn unters Bett geschoben.
Als ich die Treppen wieder hinunterging, schimmerte das Licht auf den weißen Fliesen. Es roch nach Zitrone. Draußen hörte ich das Rascheln von Blättern und das gedämpfte Klirren von Eiswürfeln im Glas.
Meine Großmutter saß im Garten auf einem Stuhl unter dem großen Baum, ein Glas Eistee in der Hand. Sie trug ein blasses Leinenkleid, das sie jünger aussehen ließ, als sie war.
Barfuß lief ich über das Gras. Es kitzelte mich leicht zwischen meinen Zehen.
»Hast du ausgepackt?«, fragte sie und schenkte mir ein Glas Eistee ein, noch bevor ich sie erreicht hatte.
Als ich dann bei ihr war, beugte ich mich zu ihr, küsste sie flüchtig auf die Wange und setzte mich neben sie. »Ja.« Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas. »Wo ist Grandpa?«, fragte ich danach.
»Er widmet sich vermutlich seinem neuen Hobby.«
Im nächsten Moment hörte ich seine Stimme von hinten. »Ich bin hier. Ich habe etwas für dich.«
Er kam mit einer Kameratasche über der rechten Schulter aus dem Haus. Seine grauen Haare standen in alle Richtungen, als hätte er sich mit den Händen hindurch gestrichen. Er war groß, schlank, und sein Gesicht hatte diese unauslöschbare positive Ausstrahlung.
»Richard. Was hast du mit deinen Haaren gemacht?«, fragte Grandma und lachte.
»Nichts.« Schnell versuchte er, sie wieder zu bändigen, während er auf uns zukam.
»Dein Großvater ist jetzt auch unter die Fotografen gegangen«, sagte Grandma mit einem Schmunzeln, ohne sich die Mühe zu machen, die Ironie zu verbergen.
»Seitdem du bei unserem letzten Besuch von deiner Uni erzählt hast, hat es mich nicht mehr losgelassen.«
Er stellte sich vor mich hin, öffnete die Tasche und holte mehrere Ausdrucke heraus, die er mit beiden Händen wie kleine Schätze präsentierte. Landschaften, ein paar Detailaufnahmen und ein verblüffend stimmungsvolles Bild von Grandma am Fenster.
»Was sagst du, Nachwuchsfotografin?«
Ich nahm die Fotos einzeln in die Hand und ließ mir Zeit, sie zu betrachten. »Du hast ein gutes Auge. Wirklich. Die Linienführung hier«, ich zeigte auf das Bild mit dem Fenster, »und der Schattenverlauf ist schön. Natürlich, nicht zu gewollt.«
Er grinste. »Ich wusste es. Was habe ich dir gesagt, Rose?«
»Ich bin beeindruckt, Richard.« Grandma nippte an ihrem Glas.
»Komm mit. Ich zeige dir meine Dunkelkammer.«
Ich stellte das Glas auf den Tisch, folgte ihm durch das Haus und hinunter in den Keller. Die Luft war kühler und roch leicht chemisch. Er legte den Schalter um. Rotes Arbeitslicht erfüllte den Raum. Es hingen einige frisch entwickelte Fotos auf Leinenfäden, mit Klammern befestigt. Auf einem sah man die Rückseite eines Vogels, der gerade aufflog. Auf einem anderen das Meer in der Morgendämmerung.
»Du kannst die Dunkelkammer gern mitbenutzen, solange du hier bist«, sagte er und legte die Hand auf meine Schulter. »Ich weiß, du arbeitest digital, aber vielleicht gefällt dir das Gefühl, das Bild selbst aus dem Wasser zu holen.«
Ich schaute ihn an. »Danke, Grandpa.«
Es war mir nicht neu, ein Bild zu entwickeln, aber ich sagte nichts, um ihm nicht die Freude zu nehmen.
Er lächelte, dann ging er einen Schritt zurück und betrachtete die Fotos an der Wand.
Ich stellte mich neben ihn. Mein Blick blieb an einem Bild vom Meer hängen. Je länger ich es anblickte, umso mehr schien es mir, als würde sich das Wasser darauf bewegen. Als Fotografin war es mir wichtig, nicht nur den Moment einzufangen, sondern auch die Seele dieses Augenblicks.
Plötzlich hörte ich meinen Namen.
»Nora?«
Die Stimme kam mir bekannt vor. »Wer ist das?«, fragte ich leise und drehte meinen Kopf in Richtung Tür.
»Nora!«, wurde es lauter.
Mein Herz begann, schneller zu schlagen, weil ich die Stimme erkannt hatte. Es war Malia.
»Grandpa, habt ihr Malia angerufen?«
Er nickte lächelnd.
»Danke.« Ich küsste ihn auf die Wange.
»Geh schon. Bevor sie noch das Haus auseinandernimmt auf der Suche nach dir.«
Ich verließ die Dunkelkammer und ging wieder nach oben, dann folgte ich den Stimmen, die mich hinaus in den Garten führten.
Malia stand neben dem weißen Gartentisch aus Metall, in einem violetten lockeren Kleid, das vom Wind leicht bewegt wurde. Die braunen Haare waren etwas heller, seit wir das letzte Mal telefoniert hatten. Und als sie mich entdeckte, kreischte sie meinen Namen.
Wir rannten wie im Film aufeinander zu. Ihre Arme legten sich um mich, und meine fanden ihren Rücken. Ich wusste nicht, ob wir lachten oder ob es einfach Geräusche zwischen Atmen und Freude waren.
»Ich kann nicht glauben, dass du wirklich hier bist«, murmelte sie, ohne sich zu lösen.
»Ich auch nicht.«
Sie trat ein kleines Stück zurück und sah mich an. »Wir haben diesen Sommer viel zu erleben.«
Neben uns erhob sich meine Großmutter aus dem Stuhl. »Ich gehe ins Haus.«
Malia griff nach meiner Hand und zog mich mit sich unter den Baum. Wir setzten uns auf den Rasen. Die Äste des Baumes warfen Schatten über uns. Früher hatten wir hier gelegen und uns Pläne erzählt, die größer gewesen waren als die Insel, auf der wir lebten.
»Du wirkst wie du, aber auch irgendwie nicht«, sagte sie und musterte mein Gesicht.
»Wir telefonieren jede Woche. Ich sehe nicht anders aus als letzte Woche.«
»Ja, aber es ist nicht das Gleiche.«
»Malia, du warst vor einem Jahr bei mir in Kalifornien. Es sind keine zwanzig Jahre vergangen.«
»Es fühlt sich aber so an. Warum ist Fiona nicht dabei?«
»Um es mit ihren Worten zu sagen: ‚Ich muss meine Miete bezahlen und habe keine Zeit, um mit dir um die Welt zu reisen.‘ Außerdem soll ihr Chef ein Arsch sein.«
Malia lachte. »Pflichtbewusst wie eh und je.«
»Aber sie hat recht. Sie ist Anwältin. Sie kann nicht einfach so weg, nur weil ich das so entschieden habe.«
»Sie liebt dich trotzdem. Irgendwo unter ihrer fiesen Fassade.«
Ich lachte. »Sie war nur zu dir fies.«
Malia stand auf und wischte sich das Gras von den Händen. »Es ist erst Nachmittag. Wir sollten etwas unternehmen, um deine Ankunft zu feiern.«
»Jetzt sofort? Ich habe den halben Tag im Flugzeug verbracht. In Kalifornien ist es fast schon Abend.«
»Du bist in Honolulu. Geh duschen. Ich warte auf dich.«
»Du bist ganz schön penetrant.« Ich grinste und schüttelte den Kopf. »Okay. Gib mir zehn Minuten.«
Ich ging zurück ins Haus. Im Bad band ich meine langen blonden Haare zu einem lockeren Knoten, stellte mich unter die Dusche und ließ das Wasser über meine Haut laufen, als könnte es mir die Müdigkeit nehmen.
Wenig später stand ich im Zimmer und zog ein hellblaues Sommerkleid an. Das Sonnenlicht fiel durch das Fenster auf meine nackten Schultern. Ich nahm das Haarband aus meinen Haaren, bürstete sie und schlüpfte in flache Sandalen.
Malia wartete in der Küche auf mich. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf der Arbeitsplatte.»Du siehst aus wie eine verdammte Postkarte«, stellte sie fest.
»Kitschig oder schön?«
»Natürlich schön. Du weißt, dass ich das toll finde. Sieh mich an. Ich bin das Klischee eines Girls. Gehen wir, ich fahre.«
Sie hatte ihren Wagen noch, den sie von ihrem Vater zum sechzehnten Geburtstag bekommen hatte. Das Radio rauschte leise, während wir durch die vertrauten Straßen fuhren. Ich lehnte mich zurück, ließ den Blick durch die Stadt schweifen, die ich liebte.
Chinatown empfing uns mit einem Durcheinander aus Farben, Stimmen und Gerüchen. Malia parkte ein paar Straßen weiter. Wir liefen durch die Gassen, vorbei an Secondhandläden, einem kleinen Friseursalon mit Neonlicht, dann blieben wir vor einem Fotogeschäft stehen.
Analog Dreams war in feinen Buchstaben auf dem Schaufenster geschrieben.
»Du hast mir erzählt, du möchtest mehr analog fotografieren«, sagte Malia.
Wir betraten das Geschäft.
Drinnen roch es nach Staub, Fotopapier und alten Geräten. Ich streifte durch die engen Regalreihen, ließ die Finger über verbeulte Kameragehäuse gleiten, vergilbte Poster und Schachteln mit alten Negativen. Es war wie eine Zeitkapsel. Ich betrachtete Polaroids in einer Holzkiste, las die handgeschriebenen Zettel mit Preisen und Typenbezeichnungen. Alles war vertraut und zugleich fremd.
Wir blieben länger als geplant und vergaßen die Uhrzeit, während wir mit dem Verkäufer redeten, der uns erklärte, dass man mit Digitalkameras nicht das Gleiche einfangen konnte. Ich war nicht ganz dieser Meinung. Als wir wieder draußen waren, war das Licht weicher geworden.
Neben dem Laden war ein kleiner Imbiss. Wir holten uns Nudeln in dampfenden Pappschalen und setzten uns auf eine niedrige Mauer am Rand eines begrünten Platzes.
Ein Musiker spielte Gitarre. Ein Kind rannte lachend seinem Vater hinterher. Malia schob ihre Sonnenbrille ins Haar und rührte die Sauce unter die Nudeln.
»Ich hab das vermisst«, sagte sie, »mit dir einfach irgendwo zu sitzen. Ohne Plan. Obwohl du eigentlich nie ohne Plan bist, wenn ich darüber nachdenke.«
»Es reicht, wenn du für uns beide planlos bist.« Ich lächelte. »Müssen wir so oft machen, wie es geht, bis ich wieder fliege. Ich habe mir vorgenommen, diesen Sommer lockerer zu sein. Spontaner.«
»Auf jeden Fall. Ich muss zwischendurch mal arbeiten. Dad hält es für sehr lehrreich. Als ob ich mit einundzwanzig nicht wüsste, dass man arbeiten muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kai darf in seinem Aquarium Meeresforscher spielen, und ich muss Dad in der Praxis helfen.«
Während sie weitersprach, kreiste ich mit meiner Gabel in meinem Essen. Meine Gedanken schweiften vom Thema ab.
Jetzt wo sie ihn erwähnt hatte, versetzte sein Name mir einen Stich ins Herz. Auch nach all der Zeit vermochte er es, etwas in mir auszulösen. Ich hatte es vermieden, sie nach ihm zu fragen, nicht einmal beiläufig. Auch am Telefon hatte ich mich zurückgehalten. Sonst hätte sie mich gefragt, warum ich ihm nicht selbst schreiben würde, und ich wollte ihr nicht erklären, weshalb ich es nicht tat.
»Warum bist du so still?«, fragte Malia und sah mich an.
»Ich hör dir zu.«
Sie ließ mich nicht aus den Augen. »Ich glaube, ich weiß, was los ist.«
Ich wollte reagieren, aber die Worte hingen irgendwo zwischen Hals und Brustkorb fest. Ich lächelte nur.
»Es ist wegen Chris, oder?«
Ich nickte und stopfte mir eine Gabel voll Essen in den Mund.
»Keine Sorge, ich helfe dir dabei, ihn hinter dir zu lassen.«
Es war nicht Chris. Definitiv nicht Chris. Ich hatte ihn gemocht, und für ein halbes Jahr hatte es sich gut angefühlt. Aber er war nicht Kai.
Kapitel 2
Nora
Als ich aufwachte, war es noch dunkel im Zimmer. Der Ventilator an der Decke surrte. Draußen war nur das leise Knacken der Holzverkleidung zu hören. Ich tastete nach meinem Handy. 5:48 Uhr. In Los Angeles wäre es jetzt fast neun gewesen. Der Zeitunterschied verschob meine Müdigkeit.
Ich blieb noch einen Moment liegen, horchte in das ruhige Haus hinein. Dann stand ich auf, zog mir einen leichten Pullover über und schlich barfuß durch den Flur in die Küche. Der Boden war kühl unter meinen Füßen. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein, füllte Wasser nach und wartete. Es dauerte nicht lange, bis der Duft von Kaffee den Raum erfüllte. Ich nahm die dampfende Tasse, lehnte mich an die Anrichte und blickte in den Garten. Die Dunkelheit wich langsam.
Diese Stille am Morgen, wenn alle und alles noch schlief, wenn meine Gedanken das Lauteste im Raum waren, mochte ich am liebsten.
Nach dem letzten Schluck kehrte ich in mein Zimmer zurück. Ich zog meinen Badeanzug an, band meine Haare zu einem lockeren Zopf, putzte mir die Zähne, schlüpfte in Shorts, ein helles Top und ein Jeanshemd. Meine Kamera lag griffbereit. Ich nahm sie und verstaute sie in meinen Rucksack, wo auch mein Strandtuch war. Dann ging ich wieder hinunter und verließ das Haus durch die Seitentür, die zur Garage führte.
Ich öffnete das Tor so leise wie möglich, um niemanden zu wecken, und schob das mintgrüne Fahrrad meiner Großmutter ins Freie und stieg auf. Die Pedale quietschten leicht, als ich losfuhr. Es war angenehm warm, ohne die Schwere des Tages.
Die versteckte Bucht lag etwas südlich vom Haus. Touristen verirrten sich selten dorthin. Nur wer den schmalen Trampelpfad durch das Gebüsch kannte, fand sie.
Ich stellte das Rad an einen Baum, schlüpfte aus meinen Sandalen und lief durch den feinen Sand. Der Strand war leer, das Meer war ruhig. Ich setzte meinen Rucksack ab, holte die Kamera hervor und machte einige Aufnahmen. Dann legte ich sie zurück in den Rucksack, zog meine Kleider aus und ging ins Wasser.
Die erste Berührung war kühl, aber nicht kalt. Ich tauchte ein, schwamm ein paar kräftige Züge, bis der Boden unter mir verschwand. Etwas weiter draußen, drehte ich mich auf den Rücken und ließ mich treiben. Die Sonne war warm auf meiner Haut. Es war derselbe Ozean, der Kalifornien umspülte, aber hier fühlte es sich anders an. Ich wusste nicht, warum, aber hier fühlte ich mich vollkommen frei. Egal welche Sorgen ich hatte, das Meer nahm sie mit, so lange, bis ich wieder an Land war.
Unerwartet schlug mir eine Welle ins Gesicht. Ich erschrak, kippte zur Seite und verlor die Orientierung. Die Strömung hatte sich verändert. Noch bevor ich Luft holen konnte, traf mich die nächste Welle. Ich schluckte Wasser, kämpfte mich nach oben, doch das Meer schien mich immer tiefer hinabzudrücken. Mein Brustkorb zog sich zusammen. Salzwasser brannte in meiner Nase, die Luft blieb mir weg. Panisch ruderte ich mit den Armen
Plötzlich spürte ich eine Hand. Sie glitt unter meine Achsel, der andere Arm legte sich über meine Brust und brachte mich in Rückenlage. Keuchend rang ich nach Luft und hustete.
Er schwamm mit mir Richtung Ufer. Ich fühlte seinen Oberkörper hinter meinem Rücken. Mein Herz raste, doch ich klammerte mich an die Hoffnung, in Sicherheit zu sein.
Das Wasser wurde flacher. Ich hörte das Brechen der Wellen um uns herum und spürte, wie sich unter meinen Füßen Sand abzeichnete. Er setzte mich vorsichtig ab, stützte meinen Rücken, bis meine Knie den Boden berührten. Ich kippte nach vorn, hustete und spuckte. Ich war völlig erschöpft vom Kampf gegen das Ertrinken. Die Welt flimmerte vor meinen Augen. Die Luft brannte in meinen Lungen, aber ich atmete wieder.
Ich blieb auf den Knien sitzen, hielt mich mit den Händen im Sand, während mein Atem stoßweise kam. Mein Blick war noch verschwommen, Salz klebte in meinen Wimpern. Er verharrte neben mir, eine Hand leicht an meinem Arm, als wollte er sicherstellen, dass ich nicht umkippte.
Langsam hob ich den Kopf. Die Sonne stand tief,blendete und leuchtete über seinen Schultern. Ich brauchte einen Moment, um ihn zu erkennen. Er war größer, als ich ihn in Erinnerung hatte. Das Licht schmeichelte den Konturen seines Gesichts. Dunkles Haar. Die braunen Augen waren wie eingefroren, als würde er gerade entscheiden, ob das, was er sah, wirklich echt war. Seine Haut war sonnengebräunt. Das Wasser, das von seinen nassen Haaren tropfte, schien dies in Zeitlupe zu tun. Und auch wenn ich völlig durchnässt war, zitternd vor Kälte und Aufregung, merkte ich, dass mein Herz schneller schlug, nicht nur, weil ich fast gestorben wäre.
»Nora?«, fragte er.
Es war Kai, der mich gerettet hatte. Ausgerechnet Kai.
Anstatt etwas zu sagen, starrte ich ihn nur an.
»Hast du ein Handtuch dabei?« Seine Stimme war ruhig.
Ich deutete auf meinen Rucksack.
Er ging ein paar Schritte durch den Sand, holte mein Handtuch heraus und kam zurück. Er legte es mir um die Schultern, während ich immer noch frierend da saß.
»Danke«, sagte ich und drehte mich, um mich hinzusetzen.
Als ich zu ihm hochsah, fiel mir auf, dass er mit den Kleidern ins Meer gesprungen war.
Er zog sein weißes T-Shirt aus und wrang es, bis es nicht mehr tropfte, dann warf er es sich über die tätowierte Schulter. Das Tattoo ging bis zu seinem Ellbogen, und es war nicht das einzige Tattoo, das seinen Oberkörper bedeckte.
Kai nahm neben mir Platz, winkelte die Beine an und legte seine Arme über die Knie. Sein Blick schweifte über das Wasser, das wieder ruhig ans Ufer rollte, als hätte es nie versucht, mich zu verschlucken.
Ich bemerkte, wie ich ihn erneut anstarrte. Sofort drehte ich meinen Kopf weg.
»Wenn ich gewusst hätte, dass ich heute Mitch Buchannon sein muss, hätte ich meine rote Badehose angezogen«, witzelte er, vermutlich, um die angespannte Situation aufzulockern.
»Ich bin eigentlich eine gute Schwimmerin. Es hat mich überrascht«, sagte ich und zog das Handtuch fester um mich. Meine Stimme war leiser, als ich beabsichtigt hatte.
»Ich habe nicht erwartet, dass wir uns so wiedersehen, Nora.«
Ich spürte seinen Blick auf mir, auch wenn ich stur nach vorne schaute.
»Es war sicher nicht so geplant.«
»Du hattest also einen Plan, für unser Wiedersehen?«
Verdammt. Was hatte ich da bloß gesagt?
Ich sah ihn an. Die Sonne spiegelte sich in seinen Augen, dabei ließ sie kleine Lichtpunkte darin tanzen.
»Nein, so war das nicht gemeint … Ich wollte nur sagen …«
Er grinste. »Ganz ruhig, Nora. Ich mache Spaß. Es war klar, dass wir uns treffen werden. Vielleicht nicht ganz so dramatisch beim nächsten Mal.«
