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Er ist der neue König – und geheimer Superheld Kaum hat Alfie den Schwarzen Drachen besiegt und endlich den Thron Englands bestiegen, erwartet ihn und seine Freundin Hayley die nächste große Aufgabe: Eine Armee untoter Wikinger wütet im Land. Alfie muss sich wieder in den geheimen Superhelden Defender verwandeln, um das Königreich zu verteidigen. Eine dunkle Macht hat die muffigen Krieger aus dem Jenseits wiedererweckt. Zum Glück hat Alfie ungeahnte Verbündete … Das zweite spannende Abenteuer des Defenders! »Voller Action und unverschämt lustig!« Derek Landy (Autor von »Skullduggery Pleasant«) Alle Bände der Serie: Band 1: Defender – Superheld mit blauem Blut. Der Schwarze Drache Band 2: Defender – Superheld mit blauem Blut. Angriff der untoten Wikinger
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2017
Mark Huckerby | Nick Ostler
Angriff der untoten Wikinger
Er ist der neue König – und geheimer Superheld
Auch nach seiner Krönung erwarten den vierzehnjährigen Alfie große Aufgaben. Schließlich regiert er nun England und muss es zugleich als geheimer Superheld, als »Defender«, beschützen. Kaum ist die Gefahr des Schwarzen Drachen gebannt, wirft die nächste Bedrohung bereits ihre Schatten voraus. Eine dunkle Macht greift nach dem Thron, und sie bekommt Unterstützung von ungeahnten Verbündeten ...
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Mark Huckerby und Nick Ostler arbeiten als Drehbuchautoren für das englische Fernsehen und schreiben z.B. für die englische Kultserie »Danger Mouse«. 2016 erhielten sie einen Emmy Award.
Ihr erstes Buch, ›Defender – Superheld mit blauem Blut. Der Schwarze Drache‹, wurde 2017 für den Branford Boase Award nominiert.
Die ›Defender‹-Reihe bei FISCHER KJB:
›Defender – Superheld mit blauem Blut. Der Schwarze Drache‹
›Defender – Superheld mit blauem Blut. Angriff der untoten Wikinger‹
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.blubberfisch.de und www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Das englischsprachige Original erschien 2017 unter dem Titel ›Defender of the Realm #2: Dark Age‹ bei Scholastic Ltd, London
© Mark Huckerby und Nick Ostler, 2017
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Punchdesign unter Verwendung einer Illustration von David Wyatt
Satz:
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0299-4
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Widmung
1 Auferweckung der Toten
2 Der Glastonbury Tor
3 Audienz beim König
4 Hüterin der königlichen Pfeile
5 Plünderer
6 Der Unterschlupf
7 Wieder in der Schule
8 Augen zu und durch
9 Das alte York
10 Teufelshunde
11 Blinder Passagier
12 Das Erwachen des Drachen
13 Die Geburtstagsparty
14 Geheimnisse bewahren
15 Goldrausch
16 Das Rabenbanner
17 Die norwegische Königin
18 Holgatroll
19 Die Flüstergalerie
20 Auch das noch
21 Der Berg des Lichts
22 Überfall auf die Downing Street
23 Die Rote Robe wird enttarnt
24 Der Feind im Inneren
25 Ragnarök
26 Vereinigtes Berserkerreich von Großbritannien
27 Unter Belagerung
28 Bruderkampf
29 Der Sturz des Königreichs
30 Exil
Danksagungen
Für unsere Eltern
Richard und Barbara
Stephen und Christine
Richard würde den Tag, an dem er anfing, seinen Bruder zu hassen, nie vergessen.
Sie waren acht Jahre alt und spielten gerade Verstecken im Garten des Buckingham Palace. Alfie war nie besonders gut im Verstecken gewesen. Wegen der vielen Blumen bekam er jedes Mal Heuschnupfen, und Richard brauchte nichts weiter zu tun, als seinem unterdrückten Niesen zu folgen. Aber an jenem Nachmittag kam ihr Vater über den akkurat gemähten Rasen auf sie zugeschritten und bereitete ihrem Spiel ein jähes Ende. Richard wusste noch, wie sehr ihn das überrascht hatte. Seit der Krönung vor einigen Monaten hatten sie ihren Vater kaum zu Gesicht bekommen. Und auch jetzt kam König Henry, wie an seiner Uniform eindeutig zu erkennen war, von einem offiziellen Termin. Sein Gesicht war knallrot angelaufen und leuchtete in der Sonne.
»Da seid ihr ja. Wir haben schon überall nach euch gesucht. Der König von Saudi-Arabien möchte dich gerne kennenlernen. Komm mit, schnell!«
Die Jungen setzten sich gleichzeitig in Bewegung, doch ihr Vater streckte Richard abwehrend die Hand entgegen.
»Du nicht. Nur Alfie.«
Verlegen blickte Alfie seinen Bruder an und zuckte mit den Schultern. Richard blieb einsam auf dem Rasen zurück und sah, wie der König seinen Bruder an die Hand nahm. Er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand mit voller Wucht in den Magen geboxt, und er bekäme keine Luft mehr. Das war der Augenblick, in dem Richard etwas klarwurde. Ganz egal, was er anstellen, ganz egal, wie sehr er sich anstrengen und was er in seinem Leben alles erreichen würde, in den Augen seines Vaters würde er immer die Nummer zwei bleiben. Alfie war der Erbprinz, und er war der Ersatzprinz. Ein Niemand.
Richard beschloss, seine verletzten Gefühle so tief wie nur möglich in seinem Innersten zu vergraben. Er wollte nicht, dass die anderen ihn bedauerten. Wozu auch? Es ließ sich ja sowieso nicht ändern. Also tat er so, als sei er froh über sein Dasein als jüngerer Zwillingsbruder, als würde er die damit verbundene Freiheit genießen. Er brachte hervorragende Leistungen in der Schule und in jeder Sportart, die er ausprobierte. In den Augen seiner Familie und seiner Freunde war er der Lockere, der Sorglose, der Sieger. Selbst, als seine Eltern sich scheiden ließen und er sich einen Monat lang Nacht für Nacht in den Schlaf weinte, redeten alle bloß davon, wie sehr Alfie und seine kleine Schwester Ellie darunter zu leiden hatten. Um Richard kümmerte sich keiner, er war ja schließlich der Reifere, der Stärkere. Richard würde damit schon zurechtkommen.
Als die Brüder dann im Teenager-Alter an die Harrow School wechselten, wurde Richard mehr und mehr bewusst, mit welchen Augen die Außenwelt seine Familie betrachtete. Die Tage, als die königliche Familie noch beliebt gewesen war, als seine von allen geliebte Großmutter Grace noch auf dem Thron gesessen hatte, diese Tage waren längst Vergangenheit. Sein Vater galt als kalt und distanziert, als schlechter Ehemann und abgehobener Monarch. Und dann Alfie und seine unendliche Ansammlung von »Missgeschicken«: dass er die alljährliche Truppenparade mit offenem Hosenladen abgenommen hatte, dass er dem Präsidenten der Vereinigten Staaten versehentlich mitten ins Gesicht geniest hatte, dass er im Müllcontainer einer Pizzeria fotografiert worden war. Es hatte fast den Anschein, als hätte Alfie sich fest vorgenommen, das Haus Arundel endgültig in den Untergang zu treiben. Richard hatte aus reiner Loyalität nie etwas gesagt, aber es war klar, dass seine Familie zum Gespött der Leute geworden war, und dass er nichts dagegen tun konnte. Hatte er zumindest gedacht. Und dann hatte er Professor Lock kennengelernt.
»Fenster zu, Euer Hoheit. Bitte!«
Locks gebieterische Stimme riss Richard aus seinen Erinnerungen. Sie saßen in einem Auto und hatten London bereits ein ganzes Stück hinter sich gelassen. Vor zwei Stunden, bei Einbruch der Dunkelheit, waren sie losgefahren, doch die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Eine Hitzewelle hatte Großbritannien fest im Griff, und sie hockten in einem alten Sportwagen ohne Klimaanlage, zusammen mit einhundertfünfzig Cheeseburgern, die in einem riesigen Sack auf der Rückbank lagen. Sie hatten sechs verschiedene Fast-Food-Läden angesteuert, um möglichst wenig Verdacht zu erregen, aber Richard hatte immer noch keine Ahnung, für wen dieses fragwürdige Festmahl eigentlich gedacht war. Die Hitze und der Fleischgeruch drohten ihn fast zu ersticken, und seine Begleitung machte es auch nicht besser.
»Ich kriege keine Luft hier drin«, beschwerte sich Richard.
»Wenn Euch jemand sieht, bekommt Ihr ganz andere Probleme als das bisschen Gestank«, zischte Lock. »Also seid bitte so nett und macht das Fenster zu.«
Professor Locks Formulierung entsprach zwar den Gesetzen der Höflichkeit, doch sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wie sie gemeint war. Es war ein Befehl, keine Bitte. Richard seufzte, aber es ließ sich nicht viel dagegen sagen. Wie hätte er erklären sollen, wieso er, Prinz Richard, Bruder des Königs und erster Anwärter auf den Thron, mitten in der Nacht durch das ländliche Suffolk kurvte? Und das ausgerechnet in Begleitung von Professor Cameron Lock, einem Mann, der seit den Ereignissen im Verlauf der Krönungszeremonie offiziell als »vermisst, vermutlich tot« galt. Inoffiziell hatte Lock, sollte er jemals gefasst werden, nichts anderes als eine kalte Kerkerzelle in den tiefsten Tiefen des Towers von London zu erwarten.
»Wo fahren wir eigentlich hin?«, wollte Richard wissen, während er das Fenster nach oben kurbelte. »Wozu nehmen wir die ganze Mühe überhaupt auf uns?«
»Ihr werdet schon sehen. Es ist nicht mehr weit«, erwiderte Lock und bog bei einem verbeulten Wegweiser mit der Aufschrift »Hadleigh, 5 km« nach links ab.
Frustriert ließ Richard sich in seinen klebrigen Ledersitz sinken. So war das alles nicht gedacht gewesen. Eigentlich hätte er jetzt auf dem Thron sitzen müssen. Er hätte über die Kräfte verfügen müssen, die untrennbar mit dem Amt verbunden waren. Er war der rechtmäßige Defender. Stattdessen musste er wie eine Ratte durch die Dunkelheit schleichen. Erneut spürte er das sprudelnde Gift, die glühend heiße Wut in seinem Inneren auflodern, die jenes andere Wesen entfesseln wollte, das wie eine Krankheit in seinen Gebeinen schlummerte – den Schwarzen Drachen.
Lock lenkte den Wagen jetzt von der Straße auf einen Schotterweg. Mit knirschenden Reifen hielten sie vor einem verwitterten Schild mit der Aufschrift »St. Mary’s« an.
»Ist es das?«, wollte Richard wissen und betrachtete die Umrisse der alten Kirche vor dem dunklen Nachthimmel.
»Ja. Vergesst die Burger nicht«, erwiderte Lock und kletterte aus dem Wagen.
Richard schleppte den schweren Sack an der Kirche vorbei auf den überwucherten Friedhof, wo der Professor bereits lässig an einem alten Grab lehnte und ihn erwartete. Auf einer benachbarten Wiese blökten Schafe, die sich durch die Ankunft der Fremden in ihrem Schlaf gestört fühlten. Lock holte eine seltsame, klobige Brille aus der Innentasche seines Jacketts. Er setzte sie auf und machte sich an den dicken, weit vorstehenden Gläsern zu schaffen, drehte sie von Stellung zu Stellung und ließ währenddessen den Blick suchend über den Friedhof schweifen.
»Aha! Da!«
Er zeigte an etlichen zerbröckelten Grabsteinen vorbei auf einen großen Hügel in der hinteren Ecke und eilte darauf zu.
»Was ist das?«, wollte Richard wissen und zerrte den Sack mit den Burgern durch einen stacheligen Brombeerbusch.
»Seht selbst«, erwiderte Lock und reichte ihm die merkwürdige Brille.
Richard setzte sie auf und erkannte, wenn auch ziemlich verschwommen, dass der Hügel von einer dicken, hellgrün schimmernden Moosschicht überzogen war. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen.
»Das nennt man Feenfeuer«, fuhr Lock fort. »Für das bloße Auge unsichtbar. Sehr selten. Und durchaus nützlich. Aber jetzt, wenn Ihr nichts dagegen habt, brauchen wir unseren schuppigen Freund …«
»Was? Ich soll mich verwandeln? Davon war bis jetzt aber noch nicht die Rede!«, protestierte Richard.
Als Lock ihm mitgeteilt hatte, dass sie ein paar Hamburger besorgen würden, war er von einer heimlichen Unterredung ausgegangen, aber nicht von einem Einsatz für den Schwarzen Drachen. Die Verwandlung in ein grässliches Monster war alles andere als einfach. Die Schmerzen waren kaum zu ertragen. Es fühlte sich an, als würden alle Knochen seines Körpers gleichzeitig brechen. Aber was noch schlimmer war: Jedes Mal, wenn Richard sich in den Schwarzen Drachen verwandelte, hatte er das Gefühl, als würde ein weiteres Stück seiner Menschlichkeit verlorengehen. Wenn er der Drache war, dann waren seine Sinne so sehr von Wut umnebelt, dass er kaum noch klar denken konnte. Es war, als wollte man das Einmaleins aufsagen, nachdem man sich den großen Zeh angestoßen hatte.
»Ich habe Zeit …«, sagte Lock und kletterte auf einen mit Efeu überwucherten Grabstein.
Richard stieß einen resignierten Seufzer aus. Er hatte mittlerweile gelernt, dass es keinen Zweck hatte, mit dem Professor zu diskutieren. Also schloss er die Augen und konzentrierte sich, entspannte jeden Muskel seines Körpers und erlaubte dem Monster, sich zu erheben. Er hielt den Atem an, als plötzlich seine Arme und Beine ihre Gestalt veränderten. Er sank auf alle viere und grub seine Finger in die Erde, während schwarze Schuppen seine Haut durchbrachen. Dann fielen seine Kleider in Fetzen zu Boden und der zuckende Drachenschwanz kam zum Vorschein. Er stieß ein lautes, schrilles Heulen aus. Seine Kiefer wurden länger, und scharfe Zähne brachen durch sein Zahnfleisch. Zu guter Letzt bildete sich auf seinem Rücken ein einzelner, lederiger Flügel. Von dem zweiten, den der Defender ihm in der Westminster Abbey abgetrennt hatte, war nur noch ein vernarbter Stumpf zu sehen. Seine Verwandlung in den Schwarzen Drachen war jetzt abgeschlossen. Die Schafe auf der Wiese waren verstummt, als könnten sie die Gegenwart eines urzeitlichen Raubtiers spüren.
»Und? Was wollen Sie von mir?«, grollte der Schwarze Drache und scharrte mit seinen schweren Klauen ungeduldig in der Erde.
Lächelnd kratzte Lock eine Handvoll Feenfeuer vom Hügel und trat damit hinter das Ungeheuer.
»Kann sein, dass es gleich ein bisschen brennt …«
Lock streckte die Hand aus und rieb das schimmernde Moos auf den schorfigen Flügelstumpf des Schwarzen Drachen. Das Untier brüllte vor Schmerz und stieß eine Stichflamme aus, mit der es einen Baum in Brand setzte. Der Professor wich zurück und beobachtete, wie der Drache in die Knie ging und sich vor Schmerzen krümmte. Aber dann, begleitet von einem grässlichen Knacken, brach ein neuer Flügel aus dem Stumpf auf seinem Rücken hervor. Der Drache atmete jetzt ein wenig ruhiger und schlug mit seinem frischen Flügel. Er war beeindruckt.
»Sind wir deshalb hierhergekommen?«, stieß er knurrend hervor.
»Nein. Das ist lediglich eine Zugabe. Feenfeuer wächst nur auf ganz bestimmten Grabstätten. Wie heißt es so schön? Sie haben Ihr Ziel erreicht«, erwiderte Lock. »Und jetzt lautet das Gebot der Stunde: Graben. Bitte.«
Rauch quoll aus den Nüstern des Schwarzen Drachen, und er wandte sich dem Hügel zu, ließ sich auf alle viere fallen und schlug seine langen Klauen in die Erde. Währenddessen ballten sich am Himmel über ihren Köpfen in unnatürlichem Tempo dicke, schwarze Wolken zusammen und verdeckten die Sterne. Blitze zuckten über den Himmel, und Regentropfen platschten auf die Grabsteine. Lock schien es überhaupt nicht zu bemerken. Mit angeklatschten Haaren starrte er in das tiefe Loch, das da vor seinen Augen entstand.
TSCHAK.
Der Drache hielt inne. Er war auf etwas Hartes gestoßen. Jetzt packte er mit seinen Klauen zu und wuchtete einen riesigen Gegenstand aus dem nassen Untergrund. Gewaltige Erdklumpen fielen herab und brachten ein langes, verrottetes, hölzernes Schiff zum Vorschein. Majestätisch ragte der geschwungene Bug mit dem Schlangenkopf in die Höhe. An seinem schnittigen Rumpf zogen sich lange Kerben entlang, ähnlich wie an der Kehle eines Wals. Ein einzelner Holzmast ragte aus der Mitte des Rumpfes empor, in dem auf jeder Seite sechs Löcher für die Ruderblätter zu erkennen waren.
»Das alles wegen einem Schiff?«, lachte der Drache.
»Los, hoch«, zischte Lock.
Der Drache flog los und landete auf der Seitenwand des Langschiffs. An Deck befanden sich zehn schlammverkrustete Särge. Sie waren auffallend groß, mit kunstvollen Schnitzereien verziert und mit dicken Lederriemen fest verzurrt worden, als hätten sie eine stürmische Seereise vor sich.
»Stell sie hin«, blaffte Lock.
Der Schwarze Drache hüpfte nach unten, schnitt mit seinen Krallen die Riemen durch und warf die Särge einen nach dem anderen von Bord, bis sie wie Schachfiguren in Reih und Glied senkrecht auf dem Friedhof standen. Nachdem seine Arbeit offensichtlich beendet war, verwandelte der Drache sich wieder in Richard. Zitternd stand er im strömenden Regen und hastete zurück zum Auto, um in seine Ersatzkleider zu schlüpfen. Als er wieder neben Lock stand, hatte der Sturm noch mehr Wucht bekommen. Donnerschläge grollten wie Kanonenfeuer über das Land. Nachdenklich betrachtete Richard die Särge, die da aufgereiht vor ihnen standen.
»Wenn das der Sinn der Sache war, dann hätten wir vielleicht lieber einen Lastwagen mitbringen sollen.«
Lock lächelte. »Nicht nötig.«
Der Professor zog ein kleines Büchlein aus seiner Tasche. Der Einband war rau und dick wie Rindsleder, aber gleichzeitig von einem sanften, goldenen Schimmer umgeben. Lock passte gut auf, dass das Buch nicht nass wurde, schlug es vorsichtig auf und brachte eine steife, vergilbte Seite zum Vorschein. Sie war mit seltsamen Runen und Symbolen beschriftet. Dann las er etwas vor, in einer Sprache, die Richard nicht kannte.
»Inn mesti hermenn!«, rief Lock. »Vaknit ór úendiliga svepnit yðr! Rekjazk!«[1]
Anschließend steckte er das alte Buch wieder ein, klopfte mit den Knöcheln dreimal an den größten, am aufwändigsten verzierten Sarg und trat einen Schritt zurück. Ein Blitz schlug in den Kirchturm ein, und Dachziegel fielen wie riesige Hagelkörner krachend zu Boden. Eine knisternde Spannung lag in der Luft. Irgendetwas hatte sich verändert. Richard erstarrte, als aus dem Inneren des Sarges ein markerschütterndes Stöhnen erklang. Plötzlich sprang der Deckel auf, flog in Einzelteilen davon, und heraus trat der größte Mann, den er je gesehen hatte. Ein gewaltiger Krieger in wurmzerfressenem Pelz und einer rissigen Lederrüstung. Lange rote Haare und ein verfilzter Bart bedeckten ein blutunterlaufenes Gesicht mit der Farbe eines aufgedunsenen Leichnams. Allerdings war der Leichnam sehr lebendig. Der Kerl brüllte noch lauter als der Sturm und rammte seine Streitaxt in den Boden, so dass die Erde bebte. Jetzt sprangen auch die anderen Särge auf, alle gleichzeitig, und noch mehr untote Krieger kamen zum Vorschein, schüttelten die Erde ab und brüllten und röhrten wie wilde Tiere. Es konnte keinen Zweifel geben, womit sie es hier zu tun hatten: Das waren Wikinger.
Lock trat einen Schritt vor, hob die Arme und rief: »GUTHRUM!«
Ob so der Anführer heißt?, überlegte Richard. Jedenfalls drehte der riesenhafte Wikinger sich zu ihnen um und starrte sie durch den strömenden Regen hindurch aus toten, milchig-weißen Augen an.
»Hverr þorir at vakna mik[2]?!«, blaffte er sie an.
Eine Wolke des ekelerregenden Gestanks, der an diesen … diesen Dingern klebte, hüllte Richard ein, und er zuckte zusammen. Es roch wie ein Müllsack voller Fleisch- und Fischreste, der zu lange in der Sonne gestanden hatte.
»Jarl Guthrum inn mesti! Fylgit mik enda skal ék færa þér góða gripi ór gull. En í fyrstu, búum til veizlu«[3], erwiderte Lock gelassen.
Guthrum starrte die beiden eine gefühlte Ewigkeit lang an, dann brach er in langes, tiefes Gelächter aus. Dabei entblößte er seine fauligen Zähne und blies ihnen seinen Atem ins Gesicht, Duftnote »Verstopfter Abfluss«. Aber die Worte des Professors schienen ihm zu gefallen.
»Ich wusste gar nicht, dass Sie untotes Wikingerisch beherrschen«, flüsterte Richard Lock zu.
»Das ist Altnordisch«, erwiderte Lock. »Und das da ist Guthrum, der berühmte Wikingerfürst.«
»Was macht der denn in Suffolk?«
»Er ist hier begraben worden, von dem Mann, der ihn in der Schlacht besiegt hat, Alfred dem Großen. Ach ja, wir sollten nicht erwähnen, dass Ihr mit ihm verwandt seid. Kommt wahrscheinlich nicht so gut an.«
Guthrums Männer stampften mit den Füßen und fuchtelten mit den Armen. Sie schienen irgendwie ungeduldig zu sein.
»Was haben Sie denn zu ihm gesagt?«, wollte Richard wissen.
»Ich habe gesagt, dass ich ihm zu großem Reichtum verhelfen kann, wenn er sich mir anschließt. Für Gold sind Wikinger zu fast allem bereit. Ach ja, und ich habe ihm versprochen, dass wir ihnen etwas zu essen geben. Nach allem, was ich gelesen habe, sind sie nach dem Aufwachen immer ziemlich ausgehungert.«
Richard schnappte sich den Sack mit den Burgern und kippte den Inhalt vor den untoten Wikingern auf den Boden. Wie ein Rudel Wölfe fielen sie darüber her, schubsten einander beiseite und knurrten sich gegenseitig an, um an ihren Teil des Festmahls zu kommen. Nur Guthrum konnte sich unbehelligt den Löwenanteil sichern, wie Richard interessiert feststellte. Schon nach wenigen Sekunden hatten sie alles verputzt. Guthrum blaffte Lock in wütendem Tonfall an.
»Sieht ganz so aus, als wären sie immer noch hungrig«, sagte Lock, und seine Stimme klang ein ganz klein wenig besorgt.
Richard überlegte bereits, wie lange es wohl dauern würde, um sich in den Schwarzen Drachen zu verwandeln und mit Lock zusammen wegzufliegen, da ertönte auf der Wiese neben dem Friedhof ein schrilles Blöken. Einer von Guthrums untoten Kriegern hatte sich ein Schaf geschnappt und war gerade dabei, ihm den Kopf abzubeißen. Die restlichen Wikinger durchbrachen die Friedhofsmauer und fielen über die arme Herde her, um endlich ihren Heißhunger zu stillen.
»Glück gehabt«, stieß Lock erleichtert hervor.
Richard verzog das Gesicht und wandte sich ab, als Guthrum mit einer Hand ein Schaf packte und ihm das Genick brach, bevor er genüsslich anfing es zu verspeisen.
»Wozu brauchen wir denn diese … Monster?«, wollte er wissen.
»Ihr wollt den Thron Eures Bruders erobern? Dann brauchen wir sie«, erwiderte der Professor, während ein greller Blitz den Himmel erhellte. »Es wird einen Sturm geben, wie dieses Land noch keinen erlebt hat.«
[1]
»Erhabene Krieger! Erwacht aus Eurem endlosen Schlaf! Steht auf!«
[2]
»Wer wagt es, mich aufzuwecken?«
[3]
»Großer Fürst Guthrum. Folget mir, und ich verspreche Euch reiche Beute. Doch zunächst nehmt dieses Festmahl ein.«
Wir sinken viel zu schnell!
Alfie und Hayley dachten beide dasselbe, während sie sich an Wyverns Rücken krallten und wie ein Stein aus dem sternenübersäten Himmel dem Boden entgegenplumpsten. Obwohl … Sie hatten es ja selbst genau so geplant. Unbemerkt in den Schatten des kleinen Turms auf der einsamen Hügelspitze zu gelangen würde nicht einfach werden, das wussten sie. Wenn sie zu langsam waren, liefen sie Gefahr, entdeckt zu werden. Aber wenn sie zu schnell waren, dann konnte das Geisterpferd des Defenders nicht rechtzeitig bremsen. Wobei es Alfie gar nicht um sich selbst ging. Er konnte sich ja schließlich auf seine magische Uniform verlassen, die ihn bei einem Sturz vor Schaden bewahren würde. Aber Hayley, die sich von hinten an ihn klammerte, war völlig ungeschützt.
Wie Nadelspitzen bohrte sich der Wind in Hayleys Augen, als sie den Kopf hob und ihr Ziel anvisierte. Sofort wünschte sie, sie hätte es nicht getan. Steinerne Mauern kamen ihr entgegengerast, und im nächsten Augenblick würden sie gegen die Turmspitze krachen! Schon allein bei der Vorstellung taten ihr alle Knochen weh. Aber dann, nur einen Sekundenbruchteil vor dem Aufprall, als sie die Spitze des Turms mit dem fehlenden Dach schon längst hinter sich gelassen hatten und durch den engen Schacht stürzten, hob Wyvern den Kopf und streckte die Beine. Ihre Passagiere wurden platt auf ihren Rücken gepresst, und dann folgte eine Landung wie auf einem weichen Teppich. Wyvern schüttelte ihre flaumige Mähne und wieherte stolz, als wollte sie sagen: »Wieso habt ihr euch eigentlich solche Sorgen gemacht?«
Hayley lachte erleichtert und tätschelte dem Pferd die Flanke. »Ich hatte keine Sekunde lang Zweifel, mein Mädchen«, flüsterte sie.
Schnaubend bäumte Wyvern sich auf, so dass Hayley unsanft auf dem Boden landete.
Alfie unterdrückte ein Grinsen und dachte Sporen, damit Wyvern sich in seine Stiefel zurückzog. Dann reichte er Hayley die Hand.
»Wir können froh sein, dass sie dich überhaupt mitreiten lässt. Du kannst dich geehrt fühlen.« Seine Stimme klang durch den Helm ziemlich gedämpft.
»Geehrt? Ja, genau.« Hayley beachtete Alfies Hand nicht und klopfte sich im Aufstehen den Schmutz von der Jeans. »Nächstes Mal nehme ich den Bus, erinnere mich bitte dran.«
Irgendwo weiter unten im Tal ertönten jetzt vielstimmige Rufe und Schreie, und dazu hörte man das Stampfen Tausender Füße. Es klang wie eine aufmarschierende Armee.
»Es geht los«, sagte Alfie aufgeregt. »Komm.«
Gemeinsam krochen sie durch einen niedrigen Torbogen nach draußen und huschten geduckt weiter, damit ihre Silhouetten nicht zu sehen waren, falls jemand zufällig zu dem einsamen Türmchen auf dem Hügel hochblicken sollte. Es war schon wieder eine heiße, wolkenlose Nacht, und der Mond stand hell am Himmel. Auf den Wiesen am Fuß des Hügels war ein Lichtermeer zu sehen, als ob tausend Sternbilder auf die Erde gefallen wären. Dahinter befand sich ein riesiges, weißes Zelt, das von kräftigen, umherwandernden Scheinwerfern angestrahlt wurde. Jetzt stieß die Menschenmenge unter dem Lichtermeer einen langgezogenen Jubelschrei aus, und dann erfüllte ohrenbetäubender Lärm die Luft.
Musik.
Alfie hob den Arm, und schlagartig verschwand seine Rüstung. Jetzt lag sie in Form der schlaffen Schleiertunika in seiner Hand. Er machte seinen Rucksack auf und stopfte sie zusammen mit den goldenen Sporen hinein. Jeder Nicht-Eingeweihte sah in diesen Dingen nichts weiter als ein zerknittertes altes T-Shirt und zwei neumodische Flaschenöffner. Aber in Wirklichkeit handelte es sich um zwei der wertvollsten königlichen Insignien des Vereinigten Königreichs von Großbritannien. Sie waren absolut unbezahlbar.
»Ich wollte schon immer mal nach Glastonbury«, sagte Hayley und machte es sich bequem, um das Konzert zu genießen.
»Und da wären wir. Na ja, zumindest ganz in der Nähe«, erwiderte Alfie und setzte sich neben sie.
Der Sänger auf der Bühne war schon beim Refrain angelangt, und die Menge stimmte ein und schwenkte ihre Smartphones im Takt. Es war erst ein paar Stunden her, dass Alfie den Namen der Band zum ersten Mal gehört hatte. Da hatte Hayley ihm einen Zeitungsartikel gezeigt, in dem sie als Top-Act des Festivals angekündigt wurde. Und um diese Peinlichkeit wiedergutzumachen, hatte er vorgeschlagen, am Abend heimlich zum Glastonbury Tor zu fliegen. So hieß der Hügel, auf dem der alte Kirchturm stand. Von dort konnten sie das Konzert vermutlich ungefährdet verfolgen.
Seit der Krönungsfeier vor drei Monaten hatten sie beide nur wenig Freizeit gehabt. Tagsüber war Alfie seinen Verpflichtungen als der neue König, Alfred der Zweite, nachgekommen, und nachts hatte er als Defender versucht, das mysteriöse Rätsel von Professor Locks Flucht zu lösen, der bei seinem Transport in den Tower von London spurlos verschwunden war. Es deutete alles darauf hin, dass Alfies verräterischer ehemaliger Lehrer sich irgendwie noch einmal in den Schwarzen Drachen verwandelt und seine Wachen überwältigt hatte – obwohl sie sich eigentlich sicher gewesen waren, dass das Monster bei der Schlacht in der Westminster Abbey endgültig vernichtet worden war. Aber jetzt war die Spur erkaltet, und der Hofmarschall hatte nichts gegen einen freien Abend einzuwenden gehabt. Auch, wenn er natürlich nicht wusste, dass Alfie einen heimlichen Ausflug mit Hayley geplant hatte. Das hätte der alte Zausel garantiert nicht gut gefunden.
Hayley wiederum hatte sich intensiv mit der Verbesserung der Informationsbeschaffung und der Kommunikationsmöglichkeiten befasst, um die Operationsbasis in der Zitadelle auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen. Der Hofmarschall war von all den Änderungen nicht gerade begeistert. Das merkte sie vor allem daran, dass er in regelmäßigen Abständen »Hören Sie auf, alles zu verändern!« rief. Im Gegensatz dazu schienen Brian, das war der Leibwächter des Königs, und die Yeoman Warders einer gewissen Modernisierung nicht abgeneigt zu sein. Allerdings war Hayley mit ihrer neuesten Idee – Zumba für alle, jeden Donnerstagabend – auf relativ wenig Begeisterung gestoßen. Sie wollte die Beefeater ermuntern, ein wenig abzuspecken. Und außerdem … wenn sie wirklich Nacht für Nacht in einem kalten, streng geheimen, unterirdischen Stützpunkt verbringen musste, dann konnte sie auch versuchen, ein bisschen Leben in die Bude zu bringen. Da alle plötzlich immer etwas wahnsinnig Wichtiges zu erledigen hatten, sobald der Kurs losgehen sollte, hatte sie allerdings den Eindruck, dass es nicht ganz einfach werden würde. Doch abgesehen davon, dass sie die Yeoman Warders mit der Aussicht auf ein anstrengendes Fitnessprogramm in Angst und Schrecken versetzt hatte, war eine Sache in den vergangenen Wochen entschieden zu kurz gekommen, und das war der Spaß. Der heutige Abend war dafür eine Entschädigung. So war es zumindest gedacht.
»Was ist denn los mit dir?« Alfie spürte, dass Hayley etwas quälte.
»Meine Gran. Das würde ihr gut gefallen.«
»Deine Großmutter mag die Band?«
Hayley verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Nein, du Idiot. Ich meine, hier zu sein. An einem Ort mit so viel Geschichte. Sie hängt in diesem blöden Pflegeheim fest, und ich habe hier meinen Spaß. Das ist doch irgendwie ungerecht.«
»Na ja, ich könnte ja Wyvern bitten, aber sie hat sich gerade erst daran gewöhnt, dass du ab und zu mitfliegst. Ich weiß nicht, ob sie noch einen blinden Passagier …«
Hayley packte Alfie und drehte ihm den Arm auf den Rücken.
»Also gut, also gut! Keine Witze mehr!«, jammerte Alfie.
Hayley ließ ihn los. »Weißt du was? Für einen Superhelden bist du ziemlich leicht rumzukriegen.«
Alfie rieb sich den Arm. Sehr bedauerlich, dass er seine Defender-Rüstung schon abgelegt hatte.
»Tja, eigentlich müsstest du mir ja treu zur Seite stehen. Sonst lasse ich dir den Kopf abschlagen, wegen verräterischer Umtriebe.«
»Mm-hmm.« Hayley hatte sich schon wieder dem Festival am Fuß des Hügels zugewandt. Die Band spielte das nächste Stück.
»Und falls du dich dadurch besser fühlst«, fuhr Alfie fort. »Ich dürfte eigentlich auch gar nicht hier sein. Ich müsste nämlich dringend mal mit Richard Kontakt aufnehmen.«
Er hatte seinen Bruder seit Wochen nicht gesprochen. Früher hatten sie immer sofort reagiert, wenn der andere sich gemeldet hatte, ganz egal, was sie selbst gerade um die Ohren hatten, aber seit der Krönung hatte Richard sich nach und nach zurückgezogen. Er verbrachte seine Wochenenden nicht mehr im Palast, und seit einiger Zeit reagierte er noch nicht einmal auf Alfies Anrufe.
»Was ist denn los?«, erkundigte sich Hayley. »Ist der kleine Bruder immer noch sauer, weil du ihn vor den Augen der ganzen Welt gedemütigt hast?«
»Ich hab ihm einen Gefallen getan!«, gab Alfie zurück. »Er hat ja keine Ahnung, was für ein Glück er hat.«
»Ja, schon, aber das ist ihm nicht bewusst, oder? Na ja, was soll’s, irgendwann wird er schon drüber wegkommen. Schließlich seid ihr Brüder. Zwillinge sogar.«
Alfie lächelte. Hayley hatte recht. Richard konnte nicht ewig auf ihn sauer sein.
»Ich mache dir einen Vorschlag«, sagte er. »Sobald wir zurück sind, gehst du deine Gran besuchen und ich Rich. Wir verbringen ein bisschen Zeit im Kreis unserer Familien.«
»Einverstanden.« Hayley lauschte dem Chor der Menge, die den nächsten Song mitsang. Das tiefe Wummern der Basstrommel hallte von den Talwänden wider. »Das ist schön, Alfie. Aber es ist nicht dasselbe, oder?« Sie seufzte.
»Dasselbe wie was?«
»Da unten zu sein.«
Alfie sprang auf, schwang sich den Rucksack auf die Schultern und zog Hayley auf die Füße.
»Wo gehen wir hin?«, wollte sie wissen.
»Dreimal darfst du raten!«
Lachend fassten Alfie und Hayley sich an den Händen und rannten in der Dunkelheit den steilen, grasbewachsenen Hügel hinunter.
Zehn Minuten später hüpften sie mit hochgereckten Armen inmitten der Menge zur Musik auf und ab. Alfie hatte eine Kappe aufgesetzt, nur zur Sicherheit, aber hier rechnete kein Mensch damit, dem König zu begegnen. Hier war er nur einer unter vielen. Pulsierende Bässe brachten ihren Körper zum Beben, von den Füßen bis hinauf zu ihren strahlenden Gesichtern. Jetzt, in diesem Augenblick, war er nicht mehr König Alfie, der heimliche Superheld, und sie war nicht mehr Hayley Hicks, die Ausreißerin aus der Sozialbausiedlung. Heute Abend waren sie Teil von etwas Größerem, Teil einer fröhlichen, tanzenden Menschenmenge, vereint mit allen anderen, und das fühlte sich unfassbar großartig an.
Alfie spürte, dass er angestarrt wurde. Es war ein ungutes Gefühl, irgendwo am Rand seines Bewusstseins, und es wurde immer stärker. Hatte ihn womöglich jemand erkannt? Er blickte suchend in die Menge. Kein Problem, alle Blicke waren auf die Bühne gerichtet. Halt, Moment. Da. Am anderen Ende dieses wogenden Waldes aus menschlichen Leibern stand eine Gestalt in einer langen, roten Robe mit Kapuze. Wer immer das sein mochte, er sah aus wie ein Mönch, und während alle anderen um ihn herum nur Augen für die Band hatten, starrte die Rote Robe regungslos in Alfies Richtung. Alfie blinzelte kurz, und dann stand die Gestalt mit einem Mal ungefähr zehn Leute weiter rechts. Wie hat sie das gemacht? Die Rote Robe hatte der Bühne nach wie vor den Rücken zugewandt und stand vollkommen regungslos da, tat nichts anderes, als ihn anzustarren. Und dass Alfie ihr Gesicht nicht sehen konnte, verunsicherte ihn noch mehr. Scheinwerfer wurden über die Menge geschwenkt und – zack –stand die Rote Robe schon wieder woanders.
»Was ist denn los?«, brüllte Hayley ihm ins Ohr und riss ihn aus seiner Trance.
»Da starrt mich jemand an.« Alfie zeigte mit dem Finger in die Richtung der Roten Robe, aber da war sie schon wieder verschwunden.
Alfie blickte sich um. Es gab genügend andere Leute, die sich irgendwie kostümiert hatten, lustige Hüte trugen oder bemalte Gesichter zur Schau stellten. Dazu noch die grellen Scheinwerfer … Vielleicht litt er einfach nur ein bisschen unter Verfolgungswahn.
»Vergiss es. War nichts.«
Hayley packte ihn an der Schulter. »Alfie! Dein Rucksack!«
Alfie wirbelte herum, fasste sich auf den Rücken und erwischte nur noch ein Stück vom Riemen. Es sah so aus, als sei er durchgeschnitten worden. Der Rucksack war weg, und mit ihm auch die Schleiertunika und die Sporen!
»Wyvern!«, stieß Alfie hervor.
In heller Panik suchten sie den Boden ab. Alfie stieß alle möglichen Leute zur Seite und kroch auf allen vieren herum, verzweifelt auf der Suche nach seinem Rucksack.
»Wo ist er?«
Die Menschen hörten auf zu tanzen und starrten sie an. Hayley versuchte, Alfie auf die Füße zu zerren.
»Die Leute gucken schon«, zischte sie ihm zu.
Da hörte Alfie ein schrilles, wieherndes Geräusch. Er verzog das Gesicht und hielt sich die Ohren zu. Das was Wyvern. Sie hatte Angst und rief nach ihm. Alfie sprang auf und zog Hayley mit sich durch die Menge.
»Da entlang!«
Das Geschrei in seinem Kopf war ausgesprochen unangenehm, aber Alfie war sich sicher, dass es tatsächlich Wyvern war, die um Hilfe rief, die wollte, dass er nach ihr suchte. Er bemühte sich, alles andere auszublenden – die Musik, das Geschrei der Leute, die er beiseitestieß. Als sie das Gedränge schließlich hinter sich ließen und vor einer langen Reihe Dixi-Klos standen, zerrte Hayley ihn am Arm.
»Wo willst du denn hin, Alfie? Wir müssen doch deinen Rucksack suchen!«
»Ich kann Wyvern hören – frag mich nicht, wie. Sie ruft nach mir. Sie ist ganz in der Nähe.«
Hayley blickte zum dunklen Ende der Wiese. Überall waren Menschen unterwegs – tranken aus ihren Bechern, tanzten in kleinen Grüppchen, aßen oder machten sich auf den Weg zu ihrem Zelt. Plötzlich sah sie einen großen Mann mit langen, strähnigen, blonden Haaren bei der Schlange vor den Klohäuschen herumstehen. Er blickte sich nervös um und hatte etwas unter den Arm geklemmt – Alfies Rucksack!
»DA! STEHENBLEIBEN!«, brüllte Hayley und raste los. Alfie stolperte ihr hinterher.
Der Mann hörte den Schrei und sah Hayley näher kommen. Er drängte sich durch die Schlange und rannte los. Hayley kam auf dem unebenen Boden ins Straucheln, hatte sich aber schnell wieder gefangen und kam dem Dieb in Windeseile näher. Sie war sich sicher, dass sie ihn erwischen konnte. Sie musste ihn nur zu fassen bekommen, bevor er wieder in der Menschenmasse untertauchen konnte. Der Mann hielt Alfies Rucksack fest in den Händen, während er sich an einem Einradfahrer und zwei Stelzenläufern vorbeidrängte. Dann blieb er kurz stehen, drehte sich um und versetzte dem Einradfahrer einen Tritt, so dass er genau gegen die beiden Stelzenläufer kippte. Die drei landeten laut schreiend in einem chaotischen Knäuel auf dem Boden. Bis Alfie und Hayley sich schließlich an dem Durcheinander aus Armen und Beinen und Stelzen vorbeigezwängt hatten, hatte der Dieb einen großen Vorsprung. Gleich würde er die Menge der Zuschauer erreichen. Gleich hatten sie ihn verloren!
Doch als der Kerl sich noch einmal umdrehte und sie frech angrinste, klappte die Tür des letzten Dixi-Klos in der Reihe ruckartig auf und holte ihn unsanft von den Beinen. Hayley war mit ein paar schnellen Schritten neben ihm, kniete sich hin und riss ihm den Rucksack aus den schlaffen Händen. Als Alfie wenige Sekunden später auch zur Stelle war, glaubte er für einen Moment, durch den Türspalt des Klohäuschens ein rotes Stück Stoff gesehen zu haben. Im Inneren ertönte ein leises PLOPP, und dann streifte ihn ein warmer Luftzug.
Hayley stand auf und streckte Alfie den Rucksack entgegen.
»Was würdest du bloß ohne mich machen, Alf, hmm?«
Aber Alfie hatte die Tür des Dixi-Klos geöffnet und starrte wortlos in das leere Innere.
»Wieso ist die denn so plötzlich aufgegangen? Ich glaube, ich habe gesehen, wie …«
»Was soll’s?« Hayley hielt sich die Nase zu. »Mach die Tür zu, bevor ich in Ohnmacht falle.«
Alfie konnte das, was er gerade gesehen hatte, zwar nicht erklären, ohne dass es sich völlig verrückt anhörte, aber er war sich sicher, dass die mysteriöse Rote Robe ihnen gerade geholfen hatte, den Dieb zu stellen. Alfie machte den Rucksack auf und blickte hinein. Tunika und Sporen waren noch da, sicher und unversehrt. Er legte die Fingerspitzen an die Sporen, und Wyverns Schreie wurden leiser, bis sie völlig verklungen waren.
»Geschafft. Ich hab dich wieder, mein Mädchen«, flüsterte Alfie.
Nicht zu fassen, dass er sie um ein Haar verloren hätte, von seiner Rüstung ganz zu schweigen. Für fünf Minuten Spaß hatte er seine tausendjährige Familiengeschichte aufs Spiel gesetzt. Das wäre seinem Vater niemals passiert. Während der Dieb langsam wieder zu Bewusstsein kam und sich stöhnend den Schädel hielt, suchten Alfie und Hayley das Weite.
»Und nun?«, fragte Hayley. »Müssen wir schon wieder nach Hause?«
»Ja«, erwiderte Alfie. »Aber ich glaube, wir machen noch einen kleinen Umweg.«
Auf dem Flug Richtung Westen spürte Alfie, wie Wyvern sich zusehends entspannte. Als sie über den vertrockneten, bräunlichen Wiesen der Hochebene von Salisbury schwebten, hatte sie ihre Angst vollkommen überwunden. Sie hatte ihm verziehen. Sie kreisten noch ein wenig, bis sie sicher waren, dass sonst niemand in der Nähe war, und landeten dann in Sichtweite der umgestürzten Trilith-Steine von Stonehenge. Alfie blieb am Zaun, der rund um die verwüstete Stätte errichtet worden war, stehen, um ein wenig zu verschnaufen. Als der Defender das letzte Mal hier gewesen war, hatte noch sein Vater, König Henry, in der Rüstung gesteckt. Das war an jenem Abend gewesen, als er gegen den Schwarzen Drachen gekämpft und dabei sein Leben gelassen hatte. An genau jenem Abend, als Alfie gespürt hatte, wie die Macht der Nachfolge von seinem Körper Besitz ergriffen und sein Leben für immer verändert hatte.
»Alles in Ordnung, Alf?«, erkundigte sich Hayley.
Alfie holte tief Luft und stützte sich gegen den Zaun.
»Alles gut. Machen wir weiter.«
Er packte den Zaun mit beiden Händen und hob ihn mit Hilfe der Zauberkräfte seiner Rüstung an, so dass Hayley darunter hindurchkriechen konnte.
Eine Stunde später waren sie fast fertig. Alfie hatte jeden einzelnen Stein wieder an seinen ursprünglichen Platz gestellt, und Hayley hatte seine Arbeit mit Hilfe einer Skizze, die sie sich auf ihr Smartphone geladen hatte, genau überprüft.
»Ein bisschen nach links … Ein bisschen nach rechts … So ist es richtig!«, rief sie, nachdem der Defender den letzten Stein wieder dort aufgerichtet hatte, wo er seit Jahrtausenden gestanden hatte.
Alfie legte seine Rüstung ab und setzte sich erschöpft neben Hayley auf den Boden.
»Ich weiß schon, dass sie es so oder so wieder aufgebaut hätten«, sagte er. »Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, als müsste ich das erledigen.«
»Kein Problem«, erwiderte Hayley. »Und weißt du was? Falls das mit dieser Superhelden-Nummer doch nicht so richtig hinhaut, dann hast du, so wie’s aussieht, eine steile Karriere als Maurer vor dir.«
»Herne, verschwinde …«, krächzte Alfie mit geschlossenen Augen.
Sein treuer irischer Wolfshund hatte sich angewöhnt, mitten in der Nacht in sein Bett zu kriechen, und jetzt schnarchte er ihm wieder einmal direkt ins Ohr.
»Herne, ich mein’s ernst. Hau ab!«
Mühsam schlug Alfie ein Auge auf und stellte verdutzt zwei Dinge fest. Erstens: Er war nicht zu Hause, sondern lag mit dem Kopf auf seinem Rucksack mitten in Stonehenge. Und zweitens: Es war nicht Hernes Schädel, der da auf seinem Brustkorb ruhte. Es war Hayleys.
»Ähm … Hayley?« Alfie räusperte sich. »Aufwachen.«
Hayley schlug die Augen auf und blickte Alfie an. Sie lächelte kurz, bis ihr klarwurde, wo sie war. Dann schreckte sie peinlich berührt auf.
»Oh, ’tschuldigung«, stieß sie hervor.
Alfie zuckte so lässig, wie es ihm möglich war, mit den Schultern, lief aber trotzdem knallrot an.
»Mein Nacken ist total verspannt. Du bist ein miserables Kissen«, sagte Hayley, nachdem sie die Fassung wiedererlangt hatte.
»Und du schnarchst noch lauter als Herne«, erwiderte Alfie und streckte sich ausgiebig.
Die Sonne löste den Morgennebel schnell auf. Zum Glück war niemand in der Nähe. Es wäre ziemlich schwierig geworden, den Leuten zu erklären, wieso der junge König mit seiner Freundin hier übernachtet hatte.
»Wie viel Uhr ist es eigentlich?«, wollte Hayley wissen. Irgendwie schaffte sie es, gleichzeitig zu lächeln und zu gähnen.
Alfie sah auf seine Armbanduhr und spürte, wie sein Magen sich zusammenballte. »O nein. Wir müssen los. Sofort. Ich habe einen Termin im Palast!«
Er schlüpfte in seine Rüstung und holte Wyvern aus den Sporen. Dann streckte er die Hand aus und zog Hayley hinter sich auf den Pferderücken.
»Wieso denn so eilig?«, sagte sie. »Ist es was Wichtiges?«
Premierministerin Vanessa Thorn trommelte mit ihren leuchtend roten Fingernägeln auf die kunstvoll verzierte Armlehne und schnalzte so laut mit der Zunge, dass der Diener an der Tür es hören konnte. Sie trug den dunklen Hosenanzug, der ihr Markenzeichen war, und hatte die pechschwarzen Haare zu einem strengen Knoten zusammengebunden. Sie saß im Großen Salon des Buckingham Palace und starrte ein düsteres, vergilbtes Ölgemälde an. Darauf war irgendein König mit einem dreieckigen Hut zu sehen, der vor einem riesigen Heer auf dem Pferd hockte und seinen Truppen die Richtung zeigte, in die sie vorrücken sollten. Er selber würde natürlich niemals kämpfen, dachte Thorn. Ihrer Erfahrung nach hatten Könige gar nicht den Mumm für so etwas. Die eigentliche Arbeit überließen sie lieber ihren armen Untertanen.
Im Gegensatz zu dem jungen König hatte Thorn sich gegen alle Widerstände bis ganz nach oben gekämpft. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt noch ein Teenager gewesen und hatte sie im Schatten eines stillgelegten Stahlwerks in Wales ganz alleine großgezogen. Trotzdem hatte Thorn einen Schulabschluss geschafft, der gut genug war, um bei der Lokalzeitung einen Job zu ergattern. Sie lernte schnell und war bereit, hart zu arbeiten, und so war sie innerhalb von gut zehn Jahren von der Kleinstadtzeitung bis in einen großen Fernsehsender aufgestiegen, wo sie die Hauptnachrichtensendung moderierte. Doch die Illusion der Macht war ihr nicht genug – sie wollte wahre, echte Macht. Darum ging sie in die Politik und sicherte sich mit Hilfe ihres Charmes und ihrer Bekanntheit einen Sitz im Parlament. Ihre harte Kindheit und Jugend hatten sie entschlossen und erfinderisch gemacht – und darüber hinaus auch skrupellos, wie ihre Mitbewerber um das Amt des Parteivorsitzenden schon sehr bald feststellen mussten.
Die Premierministerin warf noch einen Blick auf ihre Armbanduhr und nippte an ihrem Tee. Angewidert verzog sie das Gesicht. Das Gebräu passte genau zu ihrer Stimmung – kalt und bitter. Ihre wöchentliche »Audienz« beim König hätte eigentlich schon vor fünfundzwanzig Minuten beginnen müssen. Wie üblich würde sie den Monarchen über die Vorhaben ihrer Regierung informieren, Interesse für seine blödsinnigen Fragen heucheln und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Es passte ihr überhaupt nicht in den Kram, dass sie einer lächerlichen Tradition so viel von ihrer kostbaren Zeit opfern musste, zumal sie es ja mit einem Kind zu tun hatte. Mit einem nichtsnutzigen, kleinen Lausejungen, der noch kein einziges Mal pünktlich gewesen war. Die Berater der Premierministerin hatten dem neuen König den Spitznamen »Alfred der Verspätete« gegeben.
