Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Dein Weg, meine Liebe E-Book

Alizée Korte  

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E-Book-Beschreibung Dein Weg, meine Liebe - Alizée Korte

Vika braucht Abstand, viel Abstand. Im zehntausend Kilometer entfernten Japan will sie über ihr Leben nachdenken - unbehelligt von Eltern, Freunden und ihrem Heidelberger Studentenalltag, der nach dem Tod ihrer großen Liebe aus den Fugen geraten ist. Ja, Daniel ist tot. Sein bester Freund hingegen lebt. Welche Rolle Hartmut künftig in Vikas Leben spielen soll, will gut überlegt sein. Im fernen Osten wähnt sie sich vor Einmischung sicher. Dumm nur, dass sie sich dort nicht auskennt. Den Empfehlungen eines ihr unbekannten Karatelehrers folgend, entdeckt sie Japan - und die Vergangenheit eben jenes Etienne Jeancour, einschließlich der Lüge, mit der er vor Jahren mit dem Land und seinen Bewohnern abgeschlossen hat. Für Vika ist klar: dem nur vermeintlich charmanten Halbfranzosen möchte sie nach ihrer Rückkehr nach Heidelberg lieber nicht begegnen. Doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihnen. BLOGSTIMMEN: "Mein Lieblingsbuch für dieses Jahr!" Manzana "Die Geschichte von Etienne und Vika sollte gehört werden. Von allen." Miss Captain Book "Ich habe jetzt schon mehrfach den Vergleich mit Jojo Moyes gelesen und ich muss sagen, dass Leser von Jojo definitiv auch hier auf ihre Kosten kommen werden, denn Alizeé hat eine ebenbürtige Liebesgeschichte erschaffen." Schlunzenbuecher.de "Bereits nach wenigen Seiten war ich verliebt." Janas-Lesehimmel.de "Eine zauberhafte Liebesgeschichte. Tiefgehend und dramatisch." Books - The Essence of Life

Meinungen über das E-Book Dein Weg, meine Liebe - Alizée Korte

E-Book-Leseprobe Dein Weg, meine Liebe - Alizée Korte

Wochen nach dem plötzlichen Tod ihres Freundes Daniel beschließt Vika, nach Japan zu reisen und über ihre Zukunft nachzudenken. Über den Sinn ihres restlichen Lebens, das ohne den Mann stattfinden wird, für den sie bestimmt war. Und der für sie bestimmt war. Durch die Vermittlung von Freunden kommt ein Telefonat mit Etienne zustande, der ihr Stunden vor ihrem Abflug noch mit dringend benötigten Tipps zu Unterkünften und Sehenswürdigkeiten aushilft. So charmant Vika den ihr bis dahin unbekannten Halbfranzosen in dem Gespräch findet, so schockiert ist sie, als sich ihr in Japan sein dunkles Geheimnis offenbart. Etienne dagegen ärgert sich zutiefst, dass eine Wildfremde in einem Kapitel seines Lebens schnüffelt, das er hinter sich lassen will. Als Vika wieder in Deutschland ist, hat sie kein Interesse daran, wieder Kontakt mit Etienne aufzunehmen. Doch drei Dinge ahnt sie nicht: dass auch Daniel ein Geheimnis hütete. Dass Etienne dieses Geheimnis kennt. Und dass man keinen Einfluss darauf hat, für wen man bestimmt ist …

ALIZÉE KORTE, Jahrgang 1971, arbeitete nach ihrem Studium der Philosophie und der Politischen Wissenschaft zunächst als Journalistin, später als Kommunikationsberaterin. Sie ist seit zwanzig Jahren in der Fachwelt rund um Media, Marketing, Werbung und Internet zu Hause, taucht in ihrer Freizeit jedoch gern in die Tiefen selbst ausgedachter Geschichten ab. Sie lebt in Düsseldorf und schreibt, wann immer Familie und Vollzeitjob es zulassen, für alle, die ihre Träume nicht aufgeben. »Dein Weg, meine Liebe« ist ihr erster Roman.

Mehr Informationen unter www.alizeekorte.de und auf Twitter @AlizeeKorte

Für Kira Nefeli und Rolf, denn ohne euch wäre alles nichts.

Inhaltsverzeichnis

Neuanfang

Staus und Behinderungen

Schnecken im Butterbad

Schweißphobie

Karatedo

Blauflossenthunfisch

Down under

TripAdvisor

Special Destiny

Panik

Meoto-Iwa

Verheiratete Felsen

Exzellente Reflexe

»Spasti 2008«

Sex on the Beach

Helikopter inklusive

Stufenlos durch die Nacht

Unfair

Cat Content

Der Kater danach

Karmapunkte

Tate-Tsuki

Taktgefühl

Endorphine

Stay

Gesprächsbedarf

Unerwünschte Einladung

Pläne

Angst

Jahrestag

Anna

Déjà-vu

Mit allen Mitteln

Besuchszeit

Selbstbestimmung

Woraus Hoffnung ist

Klarheit

Pizza auf der Baustelle

Komplettpaket

Anhang

Neuanfang

»Ausgerechnet Japan.«

Wenn das der erste Tag vom Rest ihres Lebens ist, kann Vika ihre Hoffnung gleich beerdigen. Zumindest die Hoffnung, Entscheidungen zu treffen, ohne zuvor alle Pros, Kontras und Alternativen diskutiert zu haben. Mit ihren Eltern. Durch das Telefon hört sie das langgezogene Seufzen ihrer Mutter. »Warum nicht Kühlungsborn? Oder San Gimignano?«

Vika verdreht die Augen, schlägt mit der freien Hand ihren Kragen hoch und schiebt die klammen Finger der anderen samt Handy tiefer in ihren Schal. Nach einigen milden Tagen ist es Mitte Februar noch einmal richtig kalt geworden. Mit Rollsplitt durchsetzter Schnee säumt den Gehweg. In der Luft mischen sich innerstädtische Abgase mit dem süßlichen Geruch der Ölmühle, den der Ostwind von der Friesenheimer Insel herüberweht. Vikas Mutter erzählt von Tante Sigrids Ferienwohnung. Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag könnte Vika dort eine Weile unterschlüpfen und die wunderbare Ostsee genießen. Oder bei den Ressmanns. Deren Tochter studiert Jura und verbringt jede Semesterferien im Ferienhaus ihrer Eltern in der Toskana. Vielleicht würde es Vika in dieser schwierigen Zeit helfen, sich mit einer Altersgenossin anzufreunden, die mit beiden Beinen im Leben steht. »In dieser schwierigen Zeit« umschreibt dann wohl die Phase, in der Vika den Verlust einer Liebe verarbeitet, die größer war als alles zuvor, sogar größer als der Glaube an die Unzerstörbarkeit ihres Willens.

»Mama, die Verbindung …« Ohne weiter darüber nachzudenken, stoppt Vika vor dem nächstbesten Geschäft und öffnet die Ladentür. Wenigstens frieren ihr hier drin nicht die Finger ab. Ein Glockenspiel ertönt. Im selben Moment erscheint eine Frau im Alter ihrer Mutter und wünscht einen guten Tag. Die Regale um sie herum beherbergen Geschirr, Dekorationsartikel und Einrichtungsaccessoires. Vika lässt den Blick schweifen. Einer von Dr. Günthers Tipps zur Trauerbewältigung lautete: Gönnen Sie sich etwas. Die Psychologin mit der roten Lockenpracht wusste, dass Trauernde dazu neigen, sich selbst zu vernachlässigen. Nicht Vika. Sie beherzigt alle Tipps. Das ist sie Daniel schuldig. In den vergangenen Wochen hat sie ihren Haushalt gezielt um Gegenstände erweitert, die sie in eine Zukunft ohne Liebe begleiten sollen. Ein Blumenkasten für ihren Balkon, eine Rührschüssel aus hochwertigem Edelstahl, die Handyhülle mit der aufgedruckten Klaviertastatur, die ihre rot gefrorenen Finger immer noch umklammern.

»Also ich höre dich wunderbar …« Tatsächlich ist die Handyverbindung nach Hamburg besser als je zuvor. Vikas Blick bleibt an einer cremegelben, bauchigen Teekanne hängen, bemalt mit orange- und pinkfarbenen Tulpen. Frühlingsversprechen. Neuanfang. Vika kann den Duft ihres Aromatees riechen, wie er aus der geschwungenen Tülle dieser Kanne aufsteigt.

»Ich dich auch, Mama, ich dich auch.«

»Also bist du jetzt raus aus dem ›ZI‹? Papa und ich sind ja so erleichtert.« Vika rollt die Augen. Als ob Dr. Günther sie gegen ihren Willen im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit behalten würde. Sie war eher beeindruckt gewesen, dass eine junge Frau so schnell und gezielt Hilfe suchte.

»Ich war nie ein Fall für die Geschlossene«, sagt sie und beißt sich auf die Lippe, als sie den Blick der Verkäuferin auffängt, der sie nach Spuren des Wahnsinns scannt.

»In unserem Geschäft ist das Telefonieren nicht erwünscht.«

»Ich hätte gern die Teekanne.«

»Bist du wirklich draußen?«

Vika lässt sich die Teekanne einpacken und zahlt mit Karte, argwöhnisch beobachtet von der Verkäuferin.

»Und diese Reise muss wirklich sein?«, fragt ihre Mutter, kaum dass Vika die Tüte genommen und den Laden verlassen hat.

»Ja, Mama. Ich habe auch schon das Flugticket.« Tatsächlich steckt es in der Innentasche ihrer Winterjacke, und das Wissen, es in knapp fünfzig Stunden zu benutzen, beschleunigt ihren Puls.

»Aber warum Japan? Wir verstehen das einfach nicht.«

Jetzt ist es Vika, die seufzt und ihren Schritt auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle beschleunigt. Ihre Eltern würden es auch nicht besser verstehen, wenn sie ihnen erklärt, dass sie die Entscheidung für Japan rein intuitiv getroffen hat. In der zweiten Nacht nach Daniels Verschwinden, noch bevor der Polizist mit dem kurpfälzischen Dialekt ihr mitteilte, dass die Liebe ihres Lebens mit dem Auto in den Neckar gestürzt und ertrunken war, hatte sie geträumt, mit Daniel am Strand einer einsamen Insel zu sitzen. Ein hölzernes Boot ohne Ruder lag vor ihnen im Sand, dahinter erstreckte sich ein sturmgepeitschtes Meer ohne Farben. Daniel hatte darauf bestanden, dass Vika das Boot bestieg, um zum Festland aufzubrechen. Ohne Worte sprach er zu ihr und ebenso wortlos schleuderte sie ihm ihre Weigerung entgegen. Selbst wenn sie das Boot mit ihrem Willen steuern könnte, wie er behauptete, selbst wenn das Festland Farben hätte, exotisch geschwungene Dächer und rote Torbogen, warum sollte sie sich durch den Sturm aufmachen? Warum ihren Liebsten in einer farblosen Welt zurücklassen? Daniel sah sie nicht an. Er wirkte abwesend, unbeteiligt, als ginge ihre Entscheidung ihn nichts mehr an.

Das Telefon hatte sie geweckt. Der Polizist klang routiniert, wollte wissen, ob Daniel regelmäßig Medikamente genommen habe. Oder Drogen. Vika wusste es nicht. Ihr dämmerte, dass sie nach drei Monaten auf Wolke sieben erschreckend wenig über Daniel wusste. Und dass niemand von ihr wusste. Weder Familie noch Freunde hatten es für nötig erachtet, sie über den Unfall zu informieren. Seit sie nach dem Karaoke in ihre verlassene Wohnung zurückgekehrt war, hatte sie nur dagesessen, Schreckliches geahnt und gewartet. Dass er zurückkam. Dass er sich meldete. Dass jemand sich meldete, um ihr zu sagen, wo Daniel war. Aber da war niemand, der sie anrief. Niemand, den sie hätte anrufen können. Wolke sieben war ein einsamer Ort gewesen. Am Ende war Vika eine Telefonnummer, die man auf einer Plastiktüte im Auto gefunden hatte. Eine Spur, der die Polizei folgte, um jedem Hinweis nachgegangen zu sein, bevor sie menschliches Versagen als Unfallursache notierte. Niemand war dabei, als sich der Moment in Vikas Biografie gravierte. Menschliches Versagen, ja. Ihr Versagen. Im Alter von vierundzwanzig Jahren hatte sie kurz geglaubt, alles zu besitzen, und dann alles verloren. Die Zukunft zerbrach vor ihren Augen wie die Windschutzscheibe eines Audis, der sich beim Sturz in den Neckar mehrfach überschlägt.

Stunden später hatte sie gewusst, dass sie das Meer der Trauer überqueren würde. Nicht weil sie es wollte, sondern weil Daniel es so gewollt hätte. Das rote Tor aus ihrem Traum hatte sie auf einem Foto in dem Reisebüro wiedererkannt, in dem sie schließlich das Flugticket kaufte.

»Es fühlt sich richtig an.«

»Nein, Vika, das tut es nicht. Das Land ist am anderen Ende der Welt. Wir können dich nicht mal eben abholen, wenn du in Schwierigkeiten steckst.«

»Himmel, es wäre nicht das erste Mal, dass ich weit weg bin. Ich habe ein halbes Jahr in Argentinien studiert, du erinnerst dich?«

»Das kann man nicht vergleichen. Du hast gerade erst die Akuttherapie abgeschlossen und bist noch nicht bereit …«

Vika spürt Ungeduld in sich hochsteigen. »Darf ich vielleicht selbst entscheiden, wann ich bereit bin? Es ist mein Leben.« Bevor ihre Mutter mit dem Hinweis aufwarten kann, dass es ihr Geld ist, fügt sie schnell hinzu: »Dr. Günther jedenfalls hat keine Bedenken.« Es widerstrebt ihr, dieses Argument anzuführen, aber ihre Mutter scheint beruhigt und wechselt das Thema.

»Ist das iPad angekommen?«

»Ich war den ganzen Tag unterwegs und bin jetzt auf dem Weg zum Sender. Welches iPad überhaupt?« Sollten ihre Eltern ihr tatsächlich ein Tablet gekauft haben, damit sie ihnen auch vom anderen Ende der Welt regelmäßig Fotos und Nachrichten schicken kann? Die sie davon überzeugen, dass es ihrer Tochter gut geht? Hatte nicht Dr. Günther im Gespräch mit ihren Eltern, das ohne sie stattfand, das Thema Abnabelung zur Sprache gebracht? Ihre Mutter klingt plötzlich beschäftigt.

»Papa lässt ebenfalls grüßen«, spult sie ihre übliche Verabschiedung herunter.

»Ich ruf euch später noch mal an«, verspricht Vika ebenso routiniert.

Die Straßenbahn fährt ein, die beschlagenen Scheiben lassen auf Überfüllung schließen. Im Radio hatten sie von Streik gesprochen, insofern hat Vika noch Glück. Zusammen mit mehreren fülligen Kopftuchträgerinnen, die sie um fast zwei Köpfe überragt, drängt sie sich in die Bahn. An der nächsten Haltestelle steigt niemand aus, trotzdem öffnet sich die Tür. Im Graupelschauer steht eine Rollstuhlfahrerin. Schlecht gelaunt fordert sie den Mann neben Vika auf, Platz zu machen, aber der wirft nur einen kurzen Blick über die Schulter. »Hier ist voll«, bemerkt er achselzuckend. Die Frau draußen schimpft, die Tür schließt, die Bahn fährt ab. Vika greift nach der Haltestange.

Im Foyer des Sendestudios Mannheim-Ludwigshafen meldet sich Vika am Empfang.

»Zu Jazza, bitte.« Die weiche, pseudo-französische Aussprache hat sie sich längst abgewöhnt. Inzwischen sagt sie Tschässa, wie jeder hier. Vika hat Jazza im Herbst letzten Jahres kennengelernt. Eine knappe Woche, bevor sie Daniel begegnete. Schlechtes Timing. Danach hatte sie nur noch Augen, Hirnkapazität und Zeit für ihn gehabt. Jazzas USB-Stick-Visitenkarte schlummerte in der perlenbestickten Handtasche, die sie nicht mehr benutzte, seit sie die Tage mit Daniel im Wald und die Nächte zu Hause verbrachte. Jazzas Vorschlag, ihre, wie sie sagte, endgeile Stimme als Nachwuchsmoderatorin im Internetradio auszuprobieren, geriet in Vergessenheit. Von Wolke sieben aus betrachtet, wirkte ein Nebenjob bei einem Digitalableger der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt so unbedeutend wie die Vorlesungen und Seminare in Philosophie, die immer häufiger ohne sie stattfanden.

»Jazza ist auf Sendung«, sagt die Empfangsdame, »aber du kannst hochgehen. Du weiß ja, worauf du achten musst.«

Vika nickt und wendet sich zum Aufzug. Nach Daniels Tod erst hatte sie sich bei Jazza gemeldet. Genau genommen nach ihrem psychischen Kollaps, der auf Daniels Unfall und die Erkenntnis folgte, dass sie es verbockt hatte. In der Gruppentherapie der durch Tod Geschiedenen hatten sie darüber gesprochen, dass eine regelmäßige Beschäftigung helfen könnte. Sie hatte sich an die junge Frau mit dem strubbeligen, türkis-rot-schwarzen Pferdeschwanz und dem Dutzend Piercings in Nase und Ohrmuscheln erinnert, die ihr auf irgendeiner Party den USB-Stick mit dem aufgedruckten Senderlogo und ihren Kontaktdaten in die Hand gedrückt hatte. Diese Erinnerung erschien ihr plötzlich wie ein Zeichen. Daniel hatte ihre Stimme geliebt und war immer überzeugt davon gewesen, dass Vika eines Tages ihren Lebensunterhalt damit bestreiten würde. Sie hatte nur gelacht. Beim Karaoke stand sie gern auf der Bühne, aber sie konnte sich nicht vorstellen, das Singen und all das laute Marketing, das damit zusammenhing, zu ihrem Job zu machen. Über andere Möglichkeiten, mit der eigenen Stimme Geld zu verdienen, hatte sie bis zu jener Gruppentherapiestunde nie ernsthaft nachgedacht. Aber plötzlich schien die Sache klar: Sie würde den verdammten USB-Stick finden und Jazza M. kontaktieren. Sie war nicht wild darauf gewesen, mit ihrer Stimme Autounfälle zu verursachen, wie Jazza damals im Scherz prophezeit hatte. Aber es fühlte sich so dermaßen heftig nach etwas an, was Daniel gewollt hätte, dass die Entscheidung feststand, kaum war das Wort »USB-Stick« erstmals in ihrem Bewusstsein aufgetaucht.

Sie hatte Jazza persönlich im Sender besucht, eine Geste der Wertschätzung, die für ihr Desinteresse der vergangenen Wochen entschuldigen sollte. Gewohnheitsmäßig hatte sie vor dem Treffen die Firmentoilette aufgesucht. Alle paar Stunden überwältigten sie die Tränen und sollten, so hatte es Dr. Günther ihr dringend angeraten, nicht unterdrückt werden. Um in einem Gespräch über einen potenziellen Job nicht beim ersten Stichwort, das sie an Daniel erinnerte, zu zerfließen, zog Vika es deshalb vor, sich prophylaktisch auszuweinen. Das ging zu dem Zeitpunkt zügig und weitgehend lautlos, aber als Vika danach vor dem Spiegel ihr Gesicht abtupfte, war ausgerechnet Jazza in den Toilettenraum gepoltert. Die bunte Mähne flammte um ihre Schultern und die hochgekrempelten Ärmel ihres Holzfällerhemdes entblößten tätowierte Pokémonkämpfe. Ihre ganze zierliche Gestalt schien pures Energiekonzentrat. Vikas Anblick ließ sie stutzen, dann blitzte in ihren Augen Wiedererkennen auf und im nächsten Moment Missmut.

»Ha. Ich dachte, du bist tot. Hab noch nicht viele getroffen, die sich nicht melden, wenn ich ihnen meine Karte gebe.«

»Tut mir leid. Mein Freund ist gestorben. Laut ›Rhein-Neckar-Zeitung‹ ein tragischer Unfall auf der Bundesstraße zwischen Neckargemünd und Heidelberg. Die Leitplanke war durch einen früheren Lkw-Unfall beschädigt. Er brach durch die provisorische Absperrung und stürzte in den Neckar. Er war der Mann meines Lebens. Naja. Wir haben uns ziemlich abgekapselt von allem. Aber wenn dein Angebot noch steht, würde ich jetzt gern drauf zurückkommen.«

Jazza starrte sie an wie ein nicht eben kleines, exotisches Insekt, unschlüssig, ob sie davonlaufen, es zertreten oder lieber eingehender untersuchen sollte. Der Handtuchspender zog surrend den feuchten Teil des Tuches ein.

»Das überfordert mich gerade etwas«, sagte sie schließlich. »Mein Vater ist gestorben, als ich zwölf war. Krebs. Ich kann damit nicht gut, mit Tod und so.«

Vika zuckte die Achseln. »Geht mir auch so. Aber wie gesagt, eigentlich bin ich wegen der Radiosache hier.«

Seitdem war Vika regelmäßig nach ihrer Therapie ins Funkhaus gekommen, wo Jazza ihr Einblicke in die Arbeit am Mikrofon gegeben hatte. Bald übernahm Vika kleinere Rechercheaufgaben oder half am Schnittpult. Daniel war nie ein Thema. Nur hin und wieder, wenn sie Presseunterlagen sichteten und Jazza sie fragte, ob Vika nicht dieser oder jener Sänger, Schauspieler, Umweltaktivist gefallen würde, erinnerte Vika sie daran, was der Tod der einzig wahren Liebe im Klartext bedeutete: Sie musste den Rest ihres Lebens ohne sie auskommen.

»Und was heißt das für Sex?«, hatte Jazza entsetzt gefragt.

»Nichts.«

Vika grinst in der Erinnerung an diesen Wortwechsel und verlässt den Fahrstuhl. Vor dem Panoramafenster des Studios, über dem die rote Lampe mit dem Schriftzug MIKRO EIN leuchtet, bleibt sie stehen. Jazza sitzt am Tisch hinter der Monitormauer, die schwarzen Kopfhörer über das bunte Haar gestülpt, die Lippen dem Mikrofon zugeneigt wie einem willigen Liebhaber. Wer Jazza zum ersten Mal sieht, ahnt nicht, wie gut sie am Mikro ist. Erst wer die Augen schließt, bekommt eine Vorstellung. Ihre Stimme, die über Lautsprecher in den Vorraum übertragen wird, spricht vom Wetter und leitet elegant zu den Leiden obdachloser Jugendlicher über. Ihr Blick springt zwischen zwei Monitoren, ihre Finger ziehen Regler hoch und lassen die Maus über die blaue, geräuschhemmende Tischunterlage flitzen. Jazza ist so konzentriert, dass sie Vika nicht bemerkt. Im nächsten Moment wird der Beitrag über Resozialisierungsprojekte für obdachlose Minderjährige in Ludwigshafen eingespielt. Kaum erlischt die rote Lampe, blickt sie auf und winkt Vika herein.

»Hey«, grüßt sie. Jazzas Augen leuchten in dem gleichen intensiven Hellblau wie Vikas Smartphone, wenn es eine neue WhatsApp-Nachricht empfängt. Grinsend streckt sie sich Vika zur Begrüßungsumarmung entgegen. »Wir müssen unbedingt was ausprobieren.« Sie deutet auf den Rollhocker neben ihr.

»Ich wollte eigentlich nur kurz mit dir reden.«

»Kannst du gleich. Erst das hier. Und entspann dich. Es ist für einen guten Zweck.«

Zögernd nimmt Vika Platz und zieht die Kopfhörer über, die Jazza ihr reicht. Als sie den Text auf dem Bildschirm überfliegt, den Jazza in ihre Richtung dreht, will sie protestieren, aber ihre Freundin deutet nur auf die digitale Zeitanzeige an der Wand, wo die roten Punkte den Kreis um die vier Digitalziffern bereits fast vervollständigt haben. Aus dem Kopfhörer tönen die Regionalnachrichten. Das Sound-Logo folgt. Das rote Licht über der Tür leuchtet auf. Mit einem wütenden Blick, den Jazza unbeeindruckt von sich abprallen lässt, zieht Vika den schwarzen Teleskoparm des Mikrofons näher zu sich heran.

»Hier nun die aktuellen Informationen zu Staus und Behinderungen. A5 Heidelberg Richtung Karlsruhe. Zwischen Anschlussstelle Bruchsal und Dreieck Karlsruhe zwölf Kilometer stockender Verkehr nach einem Unfall …«

»Was war daran jetzt eigentlich für einen guten Zweck?«, fragt Vika, nachdem sie für das Programm der kommenden Stunde nach Stuttgart übergeben haben. Jazzas Lachen erinnert sie an ihre eigene Unbeschwertheit vor Daniels Tod.

»Dass deine Stimme draußen im Äther gehört wird. Vielleicht sitzt er gerade im Auto, der künftige Mister Right, und denkt sich: ›Hey, die Frau zu dieser Stimme muss ich unbedingt kennenlernen!‹ Wollen wir uns ein Bier holen und warten, bis der erste Hörer anruft?«

»Du hast sie nicht mehr alle.« Vika steht auf. Wäre Jazza nicht Jazza, würde sie sich jetzt ärgern. Aber nach all den befangenen, verkrampften Reaktionen ihres weiteren Umfeldes ist sie Jazza fast schon dankbar für ihre rigorose Betroffenheitsverweigerung. Dafür lohnt es sich sogar, Jazzas Verkupplungsbemühungen zu ertragen. Oder auf die Schippe zu nehmen.

»Er hätte leider Pech, der Mister Right«, bemerkt sie süffisant. »Because he would soon learn that I have left.« Über ihr kleines Wortspiel muss sie selbst lachen, während Jazza plötzlich ernst wird.

»Ach ja? Und was heißt das für das Halbtagspraktikum in der Nachrichtenredaktion, das ich für dich arrangiert habe?«

Vika schluckt. Die große Enthüllung ihrer Zukunftspläne hat sie sich anders vorgestellt. »Ich werde es machen. Ich fange bloß ein paar Wochen später an, weil ich übermorgen nach Japan fliege.«

»Wie bitte?« Jazzas Skepsis tänzelt im Raum wie eine westpazifische Riesenkrabbe. Vika unterdrückt das Bedürfnis, sich in langsamen Rückwärtsschritten zur Tür zu bewegen.

»Ich wollte schon immer mal hin, und jetzt … das Trostgeld meiner Eltern …« Souverän klingt anders. »Ich brauche Abstand, Jazza. Auch von meinen Eltern. Sie sollen nicht denken, dass ich nicht allein zurechtkomme.«

»Wie lange bleibst du?«

»Vier Wochen.«

Jetzt wäre der Zeitpunkt, dass Jazza beeindruckt sein könnte. Nach Japan reist schließlich nicht jeder. Es bedarf Mut und einer gewissen Welterfahrenheit, von der Vika glaubt, dass sie sich diese auf ihren Rucksackreisen durch Europa und während ihres Auslandssemesters in Buenos Aires angeeignet hat. Aber Jazza ist nicht beeindruckt. Mit einem unwilligen Gesichtsausdruck schiebt sie ihre Papiere zusammen und verstaut sie in einer abgegriffenen Kunststoffmappe.

»Was willst du so lange dort machen?«

Darüber nachdenken, ob Liebe tatsächlich den Tod überdauern kann und was Daniel wohl für sie gewollt hätte, hätte er noch die Chance, etwas zu wollen.

»Ich meine, wenn du das mit dem Journalismus weiterverfolgen willst, solltest du diese Reise nutzen. Für ein Rechercheprojekt, irgendeine Form der Berichterstattung. Mach ein Weblog auf, starte einen YouTube-Kanal. Sei kreativ. Überleg dir, was du willst.«

Ich will Daniel zurück. Mein Leben. Meine Liebe. Oder wenigstens die Zeit zurückdrehen, um meine bescheuerte Einwilligung zurückzunehmen.

Aber das kann sie Jazza nicht erzählen. Also seufzt sie nur und sagt: »Okay.«

Endlich breitet sich ein Lächeln auf Jazzas Gesicht aus.

»Cool. Vielleicht steht dir sogar der eine oder andere Samurai für ein Fotoshooting zur Verfügung. Oder für mehr, wer weiß!« Sie fährt sich mit der Zunge über die Lippen und lacht laut und wüst wie eine Naturgewalt, als Vika die Augen verdreht.

»Okay, okay, du fährst allein ans andere Ende der Welt. Schön, dass es mit dir wieder aufwärts geht. Oder fährst du gar nicht allein? Sag jetzt nicht, dass dieser Wie-heißt-er-noch? mitkommt. Der Typ hat einen Schwelbrand in den Synapsen.«

Vikas Schultern versteifen sich. Wie soll sie Jazza erklären, dass Hartmut der Einzige in ihrem Umfeld ist, der Daniel gekannt hat? Dass allein dieses Wissen so gut tut, dass es keine Rolle spielt, dass Daniel Vika zu Lebzeiten nicht mit Hartmut bekannt gemacht und auch nie von ihm erzählt hat? So wie er seinen Eltern nie von Vika erzählt hat. In Hartmuts Auto hatte Daniel den Tod gefunden. Daniels Eltern hatten ihn deshalb von der Beerdigung ausgeschlossen. Vika hatten sie die Auskunft über Zeit und Ort der Beisetzung verweigert, weil sie nicht glauben konnten, dass ihr wunderbarer, hochbegabter Sohn eine derart verantwortungslose Person geliebt hatte. Hartmut hielt Daniel lebendig, indem er seine Erinnerungen an ihn mit Vika teilte. Gewissermaßen hielt er damit auch Vika am Leben.

»Ich habe verstanden, dass du ihn seltsam findest. Ich bin trotzdem froh, dass er sich bei mir gemeldet hat.«

Jazza verzieht das Gesicht, schlüpft in ihre mit einem halben Dutzend Aufnähern verzierte Vintage-Jacke und wickelt sich einen überdimensionierten Wollschal um den Kopf. Sie verabschieden sich an der Haltestelle der Überlandstraßenbahn, mit der Vika nach Heidelberg fährt. Das Gespräch mit Jazza ist nicht ganz so verlaufen wie erhofft, aber wenn sie ihr erst ein Rechercheprojekt aus Fernost vorschlägt, wird ihre Enttäuschung über das verschobene Praktikum sicherlich verfliegen. Eine Weile überlegt sie, was für ein Projekt sie beginnen könnte. Ein Weblog über die Kirschblüte? Eine Top-10-Liste japanischer Sehenswürdigkeiten? Eine Rezensionsreihe der besten Restaurants? Dringender als das Rechercheprojekt dürfte es allerdings sein, einen Schlafplatz für die ersten Nächte zu organisieren. Sie hat gerade noch achtundvierzig Stunden Zeit, um ihre Reise wenigstens in groben Zügen vorzubereiten. Während die Regionalbahn von Mannheim nach Heidelberg zuckelt, erstellt sie gedanklich eine Checkliste, von der sie auf der anschließenden Straßenbahnfahrt nach Rohrbach-Süd und der letzten Wegetappe mit dem Bus durch die Weinberge hinauf zur Hochhaussiedlung auf dem Emmertsgrund sechzehn Unterpunkte wieder streicht, für die sie ohnehin nicht genug Zeit haben wird.

Als Vika endlich den Eingang des fünfzehnstöckigen Wohnblocks erreicht, in dem ihre Eltern vor ihrer Rückkehr aus Argentinien im vergangenen Sommer eine Ein-Zimmer-Wohnung für sie eingerichtet haben, fühlt sie sich so abgeschlagen, als läge der Zwölf-Stunden-Flug nach Tokio bereits hinter ihr. Aus dem Briefkasten fällt ihr die Benachrichtigung entgegen, dass »Aline Scheurer, 5. OG«, ihr Paket angenommen hat. Ach ja, das iPad. Vika seufzt. Aline ist ein weiteres ihrer Ghosting-Opfer. Nach ihrem Einzug hatten sie sich angefreundet, gemeinsames Kochen und Fernsehen inklusive. Kaum war Daniel in ihrem Leben, hatte Vika allenfalls noch kurz gegrüßt. Körperlich war sie anwesend, aber gedanklich und emotional lebte sie im Archipel d’Amour. Nach seinem Tod hatte es noch einmal einen Versuch der Annäherung gegeben. Aline hatte Vika nachts weinen gehört und war eines Tages mit einer Tafel Schokolade bei ihr aufgetaucht. »Männer sind Schweine«, hatte sie gesagt und ihr die Schokolade in die Hand gedrückt. Stumm hatte Vika ihr den Artikel aus dem Lokalteil der »Rhein-Neckar-Zeitung« hingehalten. Sie sah das Blatt in Alines Hand zittern. »Ich bin unfassbar«, stammelte sie in einem hilflosen Versuch der Anteilnahme. Sie schien zu merken, dass etwas mit ihrer Formulierung nicht stimmte, kam aber nicht darauf, was es war. Ihre Augen sahen aus, als würde sich ihr Blau jeden Moment auf Vikas Teppich ergießen. Am Tag danach stand Aline mit Essen vor der Tür, aber die Tatsache, dass Vika nichts anrührte, überforderte sie. Plötzlich brach es aus ihr heraus: Vika sollte froh sein, dass sie nur drei Monate mit Daniel zusammen gewesen war. So sei sein Tod doch viel leichter zu verschmerzen, als wenn sie drei Jahre miteinander verbracht hätten.

Seitdem hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Als sie jetzt vor Alines Wohnungstür steht, atmet Vika tief ein. Von drinnen hört sie den Fernseher. Auf ihr Klingeln antwortet Max mit einem unterdrückten »Wuff!«, dann öffnet Aline.

»Hey. Geht es dir besser?«, fragt sie vorsichtig. Ihr Blick bettelt um ein Ja.

Vika gönnt ihr ein Nicken. »Du hast Post für mich angenommen?«

Max schiebt seine platte Schnauze an Alines Beinen vorbei und begrüßt Vika schnaufend und fiepend, wobei seine vordere Hälfte springt und die hintere wedelt, bis der ganze Mops vor Vikas Füße kullert. Angesichts der ungetrübten Freude ihres Hundes taut Aline langsam auf. Sie lächelt zaghaft.

»Komm rein«, sagt sie und öffnet endlich die Tür ganz. Vom Sofa grüßt ihr tätowierter Olli mit einem knappen Nicken. Wie eigentlich immer sitzt er mit aufgeklapptem Laptop vor dem Fernseher. Vika wagt ein Lächeln, während Max sein Begrüßungsballett fortsetzt und Aline im Schlafzimmer verschwindet, um kurz darauf mit dem Päckchen zurückzukommen.

»Lass mich raten: Um mit dem ganzen Drama der letzten Wochen abzuschließen, hast du dir ordentlich was gegönnt.« Triumphierend schwenkt sie das Päckchen und ignoriert geflissentlich, wie Vika bei dem ganzen Drama zusammenzuckt.

»Ich fliege nach Japan.«

Alines Augen werden fast so rund wie die ihres Mopses.

»Wow! Das ist ja …! Wie aufregend!«

»Was willst du denn da machen?«, fragt Olli, ohne von seinem Laptop aufzusehen. Vika ist überrascht, dass er auch anders als digital kommunizieren kann. Schade nur, dass sie gerade jetzt keinerlei Wert darauf legt.

»Mal sehen. Da wird sich bestimmt was ergeben«, murmelt sie achselzuckend.

Jetzt hebt Olli den Kopf, der zwischen seinen Schultern erstaunlich klein wirkt, und scheint sie plötzlich zum ersten Mal wahrzunehmen.

»So eine Reise unternimmt man nicht, um ›mal zu sehen‹«, belehrt er sie.

»Es gibt Reiseführer und im Internet steht auch allerhand«, wiegelt Vika ab. »Außerdem ist es nicht das erste Mal, dass ich weiter weg verreise.«

Olli schüttelt den Kopf. Mit dem Fernseher im Hintergrund sieht es aus, als würde der obere Teil seines frischen Bürstenhaarschnitts die Farbe verändern. »Japan ist etwas völlig anderes. Da brauchst du Kontakte vor Ort.«

Aline nickt zustimmend, als sei genau dies schon immer ihre Rede gewesen, aber Vika zuckt erneut die Achseln.

»Theoretisch ein hervorragender Ansatz. Aber praktisch habe ich leider keinerlei Anlaufstellen in Japan. Was soll ich tun? Das Flugticket stornieren?« Sie kann nicht verhindern, dass sie patzig klingt. Mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung steht Olli auf und kommt auf sie zu. Er ist größer und deutlich muskulöser, als Vika von jemandem erwartet hat, der bei jeder einzelnen ihrer bisherigen Begegnungen vor dem Computer saß.

»Wirklich, ich meine das ernst«, sagt er. Schneller als sie blinzeln kann, schnappt er Vika das Päckchen aus der Hand, fischt einen Kugelschreiber aus einem Stifthalter im Flur und kritzelt einen Namen auf die Vorderseite des Päckchens. Es folgen zwei Telefonnummern, die er aus seinem Handy abschreibt.

»Ein Kumpel vom Karate. War oft in Japan. Hat auch einige Jahre dort gelebt. Ruf ihn an und frag, was er dir empfehlen kann.«

Er reicht ihr das Päckchen zurück. Aline strahlt, als hätte ihr wunderbarer Freund gerade Katzenbabys aus einem reißenden Fluss gezogen.

»Ich muss rüber«, presst Vika hervor und schlüpft aus der Tür.

»Lass von dir hören!«, ruft Aline ihr nach.

In ihrer Wohnung stellt Vika die Tüte mit der Teekanne auf den Küchentisch, legt das Päckchen daneben und wirft ihre Winterjacke über den Kleiderständer im Flur. Ihre Augen brennen, ihre Sicht verschwimmt. Seit heute Morgen hat sie mit mindestens einem Dutzend Menschen gesprochen, ohne in Tränen auszubrechen oder unverlangte Monologe über Daniel zu halten, die vergeblich die Lücke zu füllen versuchen, die er hinterlassen hat. Sie hat Dinge erledigt, ihre Meinung vertreten und Verkehrsnachrichten gelesen, bei denen sie keine Sekunde lang an Daniel gedacht hat. Jetzt spürt sie den Schmerz erneut aufsteigen. War das der Fortschritt, von dem Dr. Günther gesprochen hatte? Und wenn ja, will sie ihn? Hastig reißt sie sich die Klamotten vom Leib und schafft es gerade so unter die Dusche, bevor die ersten Tränen hervorquellen. Das warme Wasser trägt sie mit sich fort. Vika schließt die Augen und hält ihr Gesicht in den Duschstrahl. Sie hat sich angewöhnt, unter der Dusche zu weinen. Es gibt ihr das Gefühl, der Trauer nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie selbst bestimmt, wann sie die Schleusen öffnet. Ihr Kopfkino zeigt zum x-ten Mal die schönsten Szenen der Romanze »Daniel & Vika« im Zeitraffer.

Sie hatte Daniel Artopé im »O’Reilly’s«, dem Irish Pub auf der Neuenheimer Seite des Neckars, kennengelernt. Vika war mit den drei M’s, ihren Freundinnen Mel, Magda und Marina, zur Karaoke-Nacht gekommen und hatte nach einigen Margaritas bereitwillig ihre Interpretation von »I will survive« und »Hallelujah« zum Besten gegeben. Der Alkohol und der dröhnende Applaus ließen sie schweben. Und dann war plötzlich Daniel an ihrem Tisch aufgetaucht. Das dunkle, in der Mitte gescheitelte Haar schmiegte sich von beiden Seiten an die Bügel seiner runden Brille, zeichnete die kantigen Wangen weich und zog sein schmales Gesicht noch mehr in die Länge. Seine Lippen formten ein Lächeln, das Vika für schüchtern hielt, bis sie in seine Augen sah. Noch nie hatte sie so dunkle Augen gesehen. Pupille und Iris schienen eine Einheit zu bilden. Der Blick kam aus einer Tiefe, die Vika anzog und gleichzeitig schaudern ließ.

»Du bist so schön, dass es schmerzt, dich anzusehen«, sagte er. »Noch mehr allerdings würde es schmerzen, diese Welt zu verlassen, ohne deine Stimme meine Lieder singen zu hören.«

Mel war die erste, die reagierte.

»Das soll wohl ein Witz sein? Frag sie in fünfzig Jahren noch mal. So viel Zeit muss sein.«

Aber Daniel sah nicht aus, als hätte er Mel auch nur gehört. Sein Blick blieb auf Vika gerichtet. Seine schlanke Gestalt trat in den Hintergrund, während sich seine Präsenz vor ihr entrollte wie die Landkarte eines noch unentdeckten Kontinents. Vika spürte, wie ihr Innerstes zu schwingen begann. Wer war er? Plattenproduzent? Talentscout einer zweifelhaften Casting-Show aus der baden-württembergischen Provinz? Einfach nur ein Aufreißer?

»Wenn sie gut sind«, antwortete sie schließlich in dem Versuch, sich einen Fluchtweg offen zu halten, der in Wahrheit gar nicht existierte. Daniel war der Einzige für sie und sie die Einzige für ihn. Sie waren füreinander bestimmt wie die Blume für die Biene, der Stern für die Nacht, die Erdbeere für die Marmelade.

Eine Woche später war er zu ihr gezogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon eine Ahnung davon bekommen, was es hieß, hochbegabt zu sein. Daniel hatte als Dreizehnjähriger nur einige Wochen gebraucht, um Russisch zu erlernen, und wenige Jahre, um die Sprache zu perfektionieren. Er benutzte sie seitdem für seine Mitschriften naturwissenschaftlicher Vorträge. Auch den Text seiner »Hymne an die Fotosynthese« hatte er in russischer Sprache verfasst. Vika war froh, dass Mel nicht dabei war, als Daniel es zum ersten Mal erwähnte. Sie hätte gelacht. Dabei war die Hymne so wenig lächerlich wie alles andere, worauf Daniel sein Hirnschmalz verwendete. Sprachen, Mathematik, verschiedene Naturwissenschaften, all das erschloss sich ihm so bereitwillig, als wäre er bereits in seinen früheren sieben Leben Forscher gewesen und hätte lediglich das Vergessen vergessen. Vika bemühte sich, den Menschen hinter der Begabung zu sehen. Sie hielt seine Hand, als er ihr anvertraute, der Wettbewerbe überdrüssig zu sein. Seit seiner frühesten Kindheit war er von seinen ehrgeizigen Eltern gefördert und gefordert worden. Wozu? In seiner Evolution hatte sich der Mensch seiner Umwelt angepasst. Dass er nun versuchte, die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, konnte nichts anderes bedeuten, als dass die Evolution in eine Sackgasse geraten war. Lebewesen entwickelten Eigenschaften, die sich kurzfristig als günstig erwiesen, mittelfristig aber zum Aussterben führten. In Jahrmillionen war das immer wieder vorgekommen. Jetzt befand sich die Menschheit in dieser Phase. Daniel wollte über diese Theorie nachdenken, sich in die neuesten Erkenntnisse der Archäologie vertiefen, um nachzuspüren, wann genau die Evolution in die Sackgasse abgebogen war, aber seine Eltern waren weniger tolerant als Vikas. Als er aufhörte, Scheine in den sechs Fächern zu machen, für die er eingeschrieben war, strichen sie ihm kurzerhand die monatlichen Finanzmittel. Daniel hatte nicht protestiert. Er hatte lediglich angefangen, seine Studentenbude in der Heidelberger Altstadt tageweise über das Internet an Touristen zu vermieten. In der Zwischenzeit wohnte er in seinem zwanzig Jahre alten Opel, den er Charlie nannte, und duschte im Schwimmbad. Als Vika ihm anbot, bei ihr einzuziehen und seine Mieteinnahmen für ihren Lebensunterhalt zu verwenden, knetete er mit der rechten die Finger seiner linken Hand und blickte lange schweigend durch das Küchenfenster in die Ebene.

»Es gibt da etwas, was du wissen musst«, sagte er schließlich. Vikas Fantasie reichte nicht, um zu antizipieren, was er ihr offenbaren würde. Dass er von unerklärlichen Krämpfen heimgesucht wurde, die für Laien nicht von epileptischen Anfällen zu unterscheiden waren, ihre Ursache jedoch nicht in einer Epilepsie hatten. Sie dauerten wenige Minuten, nach einer Dreiviertelstunde wäre er wieder ansprechbar.

»Bitte versprich mir, dass du keinen Arzt holst, wenn es passiert. Es ist schlimm genug, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Aber die Ratlosigkeit der Mediziner und die Nebenwirkungen von Medikamenten, die nicht helfen, sind noch schlimmer. Die Anfälle werden irgendwann von selbst aufhören, da sind sich alle einig. Es gibt keinen Grund sich zu fürchten. Und bitte sprich mit niemandem darüber. Das Letzte, was ich brauche, sind Spekulationen darüber, ob in meinem Kopf noch alles richtig tickt.«

Sie nickte. Willigte ein. Keine Fragen, keine Zweifel. Nur Vertrauen, dass sich jemand, der so intelligent war wie Daniel, nicht irren konnte. Wie um ihr Versprechen zu besiegeln, hatte er noch am selben Abend einen Anfall bekommen. Vika fing ihn gerade noch rechtzeitig auf, als er vom Küchenstuhl rutschte. Sein warmer Körper zuckte in ihren Armen, als sie mit ihm auf den Teppich sank. Tränen schossen ihr aus den Augen, als sie sich unter ihm hervorschob, ihre Hände hielten seinen Kopf, seinen kostbaren Kopf. Vorsichtig legte sie ihn hin, den Nacken durchgestreckt, und zog seine Arme näher an seinen Körper, damit die zappelnden Hände sich nicht an ihrem Bücherregal verletzten. Seine Muskeln zuckten unkontrolliert, Blut lief aus seinem Mund, in seinen Augen stand die nackte Angst. Vika fühlte die Panik, aber sie erinnerte sich auch an ihr Versprechen und zwang sich zur Ruhe. Nach exakt einer Dreiviertelstunde setzte Daniel sich auf. Benommen fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. Sein Gesicht verzog sich, als er schluckte.

»Du hast dir auf die Zunge gebissen«, flüsterte sie.

»Scheiße«, sagte er, stand auf und ging ins Bad. Mehr hatte er nicht dazu gesagt. Weder nach diesem Anfall noch nach einem der folgenden.

Unter der warmen Dusche tastet Vika mit geschlossenen Augen nach der Shampoo-Flasche und schäumt sich die Haare ein. Sie ist noch nicht bereit, den Film zu stoppen.

Sie erinnert sich an ihre Wanderungen. Die Anfälle kämen nicht, wenn er draußen und in Bewegung war, hatte Daniel gesagt. Sein Körper würde instinktiv spüren, wann ein Anfall ihm zur Lebensgefahr werden könnte. Vika hatte verschwiegen, dass ihr jeder Anfall lebensgefährlich erschien. Sie wollte ihn nicht beunruhigen. Sie wollte es nicht wahrhaben. Sie klammerte sich an die Magie ihrer Gefühle, den Gleichklang ihrer Gedanken und die Bilder ihrer Liebe, die sie gemeinsam schufen. Meist waren das Zärtlichkeiten und Liebesbeteuerungen, sorgfältig inszeniert vor den Panoramen ihrer Stadt, als hätte Vika schon damals geahnt, dass sie eines Tages durch diese Erinnerungen spulen würde wie durch ein Videotagebuch.

Heidelberg, 5. Dezember 2013. Grauer Frost hing seit Tagen zwischen Königstuhl und Heiligenberg im Neckartal fest, die vereisten Dächer der Altstadt schienen die ganze Last des Himmels zu tragen. Vom Balkon auf halber Höhe des Königstuhls grüßte ewig pittoresk die Schlossruine. Weiter unten spannte sich die Alte Brücke über den Fluss, der unter Nebelschwaden dahinkroch.

Vika schmiegte sich fester in Daniels Arme und nahm das Bild der winterlichen Stadt ganz in sich auf. Die Luft war erfüllt von winzigen Schneekristallen. Sie tanzten kreuz und quer und verloren sich in ihrem Atem.

»Und«, flüsterte er, »hat es sich gelohnt, hier hochzukommen?«

Sie nickte. Jedes Bild, das sich identisch in ihrer beider Erinnerungen fügte, war Teil ihrer Liebes-DNA und in Vikas Augen seine Anstrengung wert.

»Es ist wunderschön.« Sie spürte seine Beine hinter ihren und seine Finger an der Stelle, wo ihr unter der Winterjacke das T-Shirt aus der Jeans gerutscht war.

»Du bist wunderschön.« Er fasste eine Haarsträhne, die über ihre rechte Schulter fiel, und zog sie vorsichtig nach links, als öffnete er eine Schleife. Dem sachten Zug folgend drehte Vika sich zu ihm herum.

»Ich liebe dich«, flüsterte er. Ernst blickten seine tiefschwarzen Augen sie an.

»Ich liebe dich auch.« Sie küsste ihn, schlang die Arme mit aller Kraft um seinen Hals und drückte sich so fest an ihn, dass er schwankte. »Du bist mein Leben.«

Sie küssten sich das Lächeln und die Worte von den Lippen. Die Seifenblase, in der sie seit acht Wochen lebten, war groß, intakt und gefüllt mit pulsierender Wärme.

»Sie ist erstaunlich, meine Liebe für dich«, begann er, als sie auf dem Philosophenweg weiter westwärts liefen. »Sie wird immer größer, wird immer mehr zu etwas Eigenem, das ich kaum beeinflusse und noch weniger bestimme.«

»Wie meinst du das?«

»Es ist schwer zu erklären. Meine Liebe für dich fühlt sich größer an als jedes andere Gefühl, zu dem ich jemals fähig war. Sie ist etwas Eigenes geworden, etwas, das in mir, aber auch außerhalb von mir existiert. Etwas, das mich erfüllt und mich umgibt.«

»Ein Lebewesen?«, fragte Vika, den Blick abgewandt, um ihre Ratlosigkeit zu verbergen.

»Kein Lebewesen in herkömmlichem Sinne, aber doch etwas, das in der Lage wäre, auch ohne mich zu existieren.« Er blieb plötzlich stehen und fasste ihre beiden Hände. »Alles, was entsteht, verändert sich. Aber es verschwindet nicht. Wasser kann verdunsten, Feuer erlöschen. Es bleiben Wasserdampf und Wärmeenergie. Nichts geht verloren. Meine Liebe zu dir, sie wird nie verschwinden. Sie wäre immer noch da, selbst wenn ich es nicht mehr wäre.«

Sie drückte seine Hände, als könnte das seinen Redefluss stoppen. Zwischen ihren eigenen spürte sie die beiden schwachen Finger seiner Linken. Sie wollte nicht, dass er fortfuhr, aber er tat es trotzdem.

»Vika, ich würde dich noch über meinen Tod hinaus lieben. Ich möchte, dass du das weißt.«

Sie biss sich auf die Lippe und nickte hektisch.

»Du verstehst mich nicht.« Er klang resigniert.

»Doch. Deine Liebe würde weiterleben. In mir und …«

»Nicht in dir. Du hast deine eigene Liebe. Meine Liebe würde dich wiederfinden.«

Vika konnte seinen Gedanken nicht folgen, schlimmer noch, sie hatte Angst, sich auf sie einzulassen.

»Und wie würde sie aussehen, deine Liebe?«, fragte sie vorsichtig.

»Aussehen? Wie soll Liebe schon aussehen?« Er klang wie ein Nachhilfelehrer, dessen Schülerin schon wieder an den Grundrechenarten scheitert. Dann lächelte er plötzlich. »Meine Liebe würde natürlich anders aussehen als alles, was du je zuvor gesehen hast. Sie hätte Flügel, viele kleine, transparente Flügel.«

Er löste seine Hände aus ihren und machte kleine Propellerbewegungen neben seinen Schultern, was so lustig aussah, dass auch Vika lachen musste.

Sogar jetzt unter der Dusche muss sie lachen. Die Erinnerung an Daniel bringt nicht nur Tränen mit sich. Sie trocknet sich ab, cremt vor dem Spiegel ihr rosiges Gesicht ein und schlingt ein Handtuch um ihre Haare. Anschließend schlüpft sie in ihren Schlafanzug, packt ihre neue Teekanne aus und weiht sie mit einer Grünteemischung ein. Einstimmung auf Japan. Ihr Blick fällt auf das Paket, das immer noch ungeöffnet neben dem Stövchen auf dem Küchentisch liegt, und den Namen, den Olli darauf gekritzelt hat: Etienne Jeancour. Ist das nicht ein Mädchenname? Darunter eine Mobil- und eine Festnetznummer. Es scheint Olli ja mordswichtig zu sein, dass sie seinen Karatekumpel erreicht, bevor sie in das Flugzeug nach Japan steigt. Als ob sie scharf darauf ist, sich das Unverständnis einer weiteren Person zuzuziehen. Noch dazu von einer mit französischem Namen. Widerwillig reißt Vika die Verpackung auf und wirft sie in die Altpapierkiste neben der Spüle. Dann hebt sie den Deckel des mattglänzenden, weißen Kartons, atmet den Duft hochwertiger Konsumelektronik und widmet die nächsten Stunden der Installation verschiedener Apps auf dem jungfräulichen Tablet, darunter eine fotografische Schriftzeichenübersetzung und das U-Bahnnetz von Tokio.

Staus und Behinderungen

Die Luft im Trainingsraum ist schwer von den Körperausdünstungen der Pubertierenden, als Etienne das Pratzentraining beendet und die Gruppe von fünf Mädchen und drei Jungen um sich sammelt.

»Wir haben letzte Stunde darüber gesprochen, dass wir es im Karate einerseits mit Angriffs- und andererseits mit Verteidigungstechniken zu tun haben und dass uns genau diese Unterscheidung nicht wirklich hilft. Wer erinnert sich, warum?«

Sevals Finger geht nach oben, aber Florian ruft bereits in die Gruppe.

»Weil wir alle cool sind und nicht darauf warten wollen, dass uns einer haut, wenn wir auch selbst zuschlagen können.«

»Schon klar, dass ihr lieber austeilen wollt«, amüsiert sich Etienne. »Aber wenn ihr euch Richtung grüner Gürtel bewegen wollt, solltet ihr die Rechnung lieber mit dem Gegner machen. Als wir vorhin die Abwehr geübt haben, habe ich euch gesagt, wir stellen uns vor, dass wir einen bestimmten Angriff vereiteln, indem wir ihn abblocken. Ihr fandet das uncool. Tatsächlich habt ihr recht. Der Begriff Blocken beruht auf einer falschen Übersetzung des Wortes Uke. Die Uke-Techniken werden fälschlicherweise als Block- und Abwehrtechniken übersetzt. Ursprünglich bedeutet Uke, einen Angriff zu empfangen. Der Angriff wird nicht blockiert, er wird umgeleitet. Uke ist nicht passiv. Uke ist so aktiv wie jede Angriffstechnik, denn idealerweise stoppt sie nicht nur den Angriff, sondern beendet den Kampf.«

Sevals muskatbraune Augen glühen in stummer Euphorie, aber als sie merkt, dass es Etienne nicht entgeht, senkt sie den Blick und nestelt an den fest verknoteten Enden ihres Kopftuchs.

»Wir werden noch einmal die bekannten Techniken wiederholen. Seval, du führst sie bitte vor: Soto-Uke, Uchi-Uke, Shut-Uke.«

Seval tritt vor die Gruppe und zeigt die Bewegungsabläufe präzise und fehlerfrei. »Ich möchte, dass ihr euch zu zweit eine dieser Uke-Techniken aussucht und sie in dem Wissen ausführt, dass ihr einen Angriff empfangt. Ihr empfangt ihn, wandelt ihn um und beendet den Kampf. Seid kreativ! Florian, du übst mit Seval. Ich will Ideen sehen, keine Standards. Hinterher zeige ich euch ein Video, wie man aus einer Uke-Technik heraus eine Europameisterschaft gewinnt.«

»Kann ich ihr auch das Kopftuch runterreißen?«, fragt Florian.

»Wenn du glaubst, dass du das schaffst«, antwortet Etienne gelassen. Er hat seinen Laptop noch nicht erreicht, da schlägt Florian schon krachend auf dem Boden auf.

Nach der Trainingsstunde packt Etienne im Büro am anderen Ende des Ganges seine Sachen zusammen. Seval stellt die Plastiktüte mit ihrem pedantisch gefalteten Karate-Gi auf den Boden neben der Tür. Ihre Wangen sind gerötet, ihr Kopftuch ist frisch gebunden.

»Danke«, murmelt sie und will schon verschwinden.

»Und das heutige Alibi?«, fragt Etienne für den Fall, dass einer ihrer Brüder später bei ihm anruft. Seval senkt den Blick, aber er hat den angriffslustigen Funken dennoch bemerkt.

»Ich habe dich zum Arzt begleitet. Zum Urologen.« Es ist nicht das erste Mal, dass ihre Alibis auf seine Kosten gehen, aber heute fragt er sich doch, ob das ihre Retourkutsche für die Kopftuchnummer von eben ist. Ihre Miene bleibt unbeweglich. Als er grinst, bedankt sie sich noch einmal und huscht hinaus.

Kurz darauf verlässt auch Etienne die Karateschule. Als auf der Hälfte der Treppe das Handy in seiner Hosentasche klingelt, ignoriert er es. Er ist nicht lebensmüde. Auch wenn Treppen wie diese inzwischen bezwingbar sind, so erfordern sie doch seine gesamte Konzentration. Auf dem Weg in den Hof klingelt es wieder. Diesmal hebt er ab.

»Nadia? Warte kurz, ich bin auf dem Sprung zur Physio und muss schnell ins Auto.« Er schließt die Fahrertür auf und wirft schwungvoll seine Sporttasche auf den Beifahrersitz. Dabei schafft er es, das Smartphone halb mitzureißen. Es schlittert geradewegs unter das Auto. Merde! Er brüllt Nadia zu, sie solle ihm zwei Minuten geben, hievt sich auf den Fahrersitz und aktiviert die Bluetooth-Verbindung. Die moderne Kommunikationstechnik in einen achtundzwanzig Jahre alten Citroën CX einbauen zu lassen, war ein Luxus, der sich in diesem Moment auszahlt.

»Hörst du mich wieder? Nadia?« Er dreht die Lautstärke der Freisprecheinrichtung hoch.

»Himmel, was machst du?«

»Mir ist gerade das Handy unters Auto gerutscht. Aber dank Bluetooth können wir trotzdem reden. Also, was ist los? Das ist nicht die Zeit zum Telefonieren.« Der Blick auf die Uhr sagt ihm, dass er in einer halben Stunde in Heidelberg sein muss. Vorher sollte er sein Handy wieder aufgesammelt haben.

»Du hast gesagt, ich kann dich immer anrufen, wenn es ein Problem gibt.«

Er zwingt das gestresste Wimmern zurück in seine Kehle. »Was ist passiert?«

»Ich habe Vanilleeis gegessen.« Ihre Stimme zittert. »Erst war es okay. Ich habe versucht, nicht darüber nachzudenken und zu schlucken, solange es kalt war. Als ich fertig war, hat Silvano gesagt, dass er stolz auf mich ist. Weil nämlich …« Er hört sie würgen. »… Vanilleeis mit rohem Ei gemacht wird. Ei, verstehst du?«

Natürlich versteht er. Im Gegensatz zu Silvano, diesem unsensiblen Honk. Ei ist eins dieser Lebensmittel, vor denen sich Nadia am meisten ekelt. Wie auch vor Erdbeeren, Fleisch, Schimmelkäse, Panade, dem Inneren von Tomaten, Gurken, Zucchini, Auberginen und allen Lebensmitteln mit künstlichen Farb- oder Aromastoffen. Sie denkt so lange darüber nach, woran sie Farbe, Konsistenz, Geruch erinnern, bis sie keinen Bissen mehr runterbringt. Als Etienne gerade etwas sagen will, schaltet sich plötzlich der Verkehrsfunk ein. »… zu Staus und Behinderungen. A5 Heidelberg Richtung Karlsruhe …« Hastig drückt er ihn weg.

»Was hast du heute sonst noch gegessen? Etwas von den Sachen, die ich dir geschickt habe?«

»Den Salat mit Croutons. Wie hast du das überhaupt angestellt? Plötzlich hat der Typ vom Gemüseladen geklingelt und mir den fertig zubereiteten Salat in die Hand gedrückt. Ich meine, wie kann das sein? Du bist in Heidelberg, ich in Zürich …«

»Das tut nichts zur Sache. Es ist wichtig, dass du isst.«

»Aber du würdest mich nicht zwingen, Ei zu essen.« Ihre Stimme klingt dünn.

»Natürlich nicht. Ich habe dich nie gezwungen.«

»Nein, ich weiß. Ich möchte es auskotzen, aber es war so furchtbar, den Salat zu essen, und wenn ich kotze, muss ich wieder von vorn anfangen …«

Etienne schaut auf den grauweißen Fleck Vogeldreck auf der Windschutzscheibe. Natürlich knapp oberhalb des Scheibenwischerbereichs. Seit Wochen schon verkrustet die Pampe, dem zwischenzeitlichen Regen zum Trotz. Er vermisst Nadia. »Hör zu, vergiss das Eis. Es war bestimmt industriell gefertigt. Ohne Ei. Eier sind eh viel zu teuer.«

»Aber wenn doch? Und wenn ich jetzt eine Salmonellenvergiftung kriege …«

»Dann kotzt du von selbst, Nadia. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass in dem Eis Ei war, und dass in dem Ei Salmonellen waren, ist noch unwahrscheinlicher.«

»Es ist auch extrem unwahrscheinlich, im Schlaf von einem kanarischen Phönix überrascht zu werden.«

»Ja, ich weiß. Aber wenn es passiert, dann steht man die Folgen durch. Nadia, du bist eine kleine, starke Person. Du musst nicht die gesamte Unbill der Existenz prophylaktisch auskotzen.« Er hört sie leise schniefen. »Bitte iss heute Abend noch etwas.«

»Ich weiß nicht, was. Silvano ist unterwegs. Er isst bei Freunden.«

Etienne fährt sich durch die Haare, flucht innerlich. Was ist das mit Silvano? Warum kümmert er sich nicht? Glaubt er, er hilft ihr, wenn er woanders isst?

»Ich sehe zu, dass ich etwas organisiere.« Eine Weile ist es still in der Leitung. Ihr Atem an seinem Ohr suggeriert eine Nähe, die ihnen beiden nicht mehr gut tut. Der Anblick des Vogeldrecks auf seiner Scheibe bereitet ihm zusätzlich Unbehagen. Er wünscht, er könnte Nadia bitten, ihn wegzuwischen.

»Habibi?« Ihre Stimme ist nur ein Flüstern. Plötzlich taucht ein Mann neben seinem Auto auf. Er schimpft und gestikuliert, ohne dass Etienne versteht, warum.

»Danke«, sagt Nadia, »danke, dass es dir nicht egal ist, wie es mir geht.«

Der Mann schlägt unvermittelt mit der flachen Hand auf Etiennes Motorhaube und zeigt auf das kleine weiße Schild mit dem Rollstuhlsymbol, das den Parkplatz eindeutig ausweist. Etienne antwortet mit einer Geste, aber das scheint den Mann nur noch wütender zu machen. Er zeigt ihm den Vogel und tritt gegen die Stoßstange des Citroën. Entnervt startet Etienne den Motor.

»Es wäre schön, wenn ich bei dir sein könnte«, flüstert Nadia. Etienne spürt, wie es ihm die Brust zusammenzieht.

»Nadia, bitte. Ich muss Schluss machen. Hier läuft ein Typ rum, der demoliert gleich mein Auto, weil ich auf einem Behindertenparkplatz stehe.«

»Vielleicht solltest du aussteigen und ihm eine reinhauen?« Sie kichert unter Schluchzern.

»Ich muss los, Nadia, ich komme sonst zu spät zu Jana, und du weißt, wie sie mich dann quält.« Er legt den Rückwärtsgang ein und schlägt das Lenkrad nach rechts. Ein Blick in den Spiegel, dann setzt er zurück. Im nächsten Moment vernimmt er ein unheilvolles Knirschen unter seinem rechten Vorderrad. Das Display im Armaturenbrett bestätigt, was er sofort befürchtet: Ihre Bluetooth-Verbindung wurde beendet.

Aussteigen, die Trümmer seines Smartphones aus dem Schotter auflesen und wieder einsteigen kosten ihn so viel Zeit, dass er es nicht mehr zur Physiotherapie schafft. Jana nicht einmal absagen zu können, frustriert ihn zusätzlich. Er kann nur hoffen, dass sie ihm verzeiht, wenn er sagt, dass er stattdessen Schwimmen war. Praktischerweise liegt sein Schwimmzeug noch hinten im Auto. Also fährt er nach Heidelberg und versucht nicht darüber nachzudenken, was es bedeutet, kein Notfallhandy dabei zu haben.

Das City-Bad im Darmstädter Hof ist gut besucht, aber nicht überfüllt. Im Schwimmerbecken sind mehrere Bahnen mit orange-weißen Ketten abgetrennt, im offenen Bereich daneben ziehen zwei ältere Damen ihre Bahnen, sorgfältig darauf bedacht, ihre blondierten Dauerwellen trocken zu halten. Etienne grüßt Timo, der heute den Bademeister gibt, und positioniert sich am Beckenrand. Er wartet, bis eine tätowierte Frau mit Kleinkind auf dem Arm Timo nach einer Schwimmhilfe fragt, und lässt sich kopfüber ins Wasser fallen.

Seine Arme stoßen durch die Wasseroberfläche. Ein Heer von Luftblasen wirbelt um ihn herum, prickelt auf seinen Unterarmen, seinem Hals und seinen Schultern und entlässt ihn in die schimmernde Kühle, während die Stimme des Bademeisters nur gedämpft zu ihm dringt. Das Springen vom Beckenrand ist immer noch nicht gestattet. Selbst unter Wasser muss Etienne grinsen. Wer ist hier gesprungen? Mit zwei, drei kräftigen Schwimmzügen taucht er unter den Trennketten hindurch und schwenkt in die äußere Bahn ein. Der frische Luftstrom, der seine Lunge im Moment des Auftauchens füllt, und das perlende Wasser auf seinem Gesicht tun gut. Er krault eine Bahn und taucht unter, um zu wenden. Abwechselnd streckt er die Arme, spürt, wie das Element sich zwischen seinen Fingern hindurchpresst und jenen gleichmäßigen, berechenbaren Widerstand an Handflächen und Unterarmen aufbaut, der ihn schon nach einigen Bahnen so zuverlässig beruhigen wird. Nadias Gesicht taucht vor seinem inneren Auge auf. Seine zimthäutige Puppenfee mit dem sanften Blick. Umgeben von Rosenwasserduft und dem Kling-Klang ihrer Messingarmreifen. Wie soll er ihr Essen organisieren, wenn sein Handy kaputt ist und er nachher zum Training zurück in die Karateschule muss? Er muss eine Lösung finden. Aber nicht jetzt. Er konzentriert sich ganz darauf, seinen Atem mit der Kraft des Elements in Einklang zu bringen. Einatmen und ausholen. Ausatmen und durchziehen. Er hat seinen Rhythmus gefunden. Seine Arme pflügen das Wasser, während der Strom seiner Gedanken immer stiller wird. Etienne schwimmt Bahn um Bahn. Als er die ersten Anzeichen von Erschöpfung spürt, zwingt er sich, die Geschwindigkeit anzuziehen. Zwei Bahnen später empfindet er es als angenehm, wieder in sein normales Tempo zurückzufallen. Der große Zeiger der Uhr am Bademeisterhäuschen zieht seinen Kreis. Für die letzten Bahnen erhöht Etienne noch einmal das Tempo, kämpft sich mit tauben Armen vorwärts. In seinen Ohren rauscht das Wasser, in seinem Körper das Blut. Als er wieder unter den Ketten durchtaucht und wie in Zeitlupe zum Beckenrand gleitet, fühlt er sich herrlich warm und leer.

»Hey«, sagt eine Stimme neben ihm. »Du bist ganz schön schnell.«

Etienne schiebt sich die Schwimmbrille auf den Kopf und blickt direkt in ein Paar eisblauer Augen. Zu ihnen gehören ein vor Verlegenheit leicht rosiges Gesicht und ein dünner, blonder Zopf, der nass über einer blassen Schulter liegt und seine Fortsetzung in der linken Dreiecksspitze eines gletscherweißen Bikinis findet.

»Bist du öfter hier?« Ihre schmalen, fein geschwungenen Lippen entblößen kleine, spitze Zähne. In so ziemlich allen optischen Details ist diese Frau die Antithese zu Nadia. Dort Wüstenkönigin, hier Gletscherprinzessin. Interessant, denkt Etienne, und plötzlich hat er eine Idee.

»Geht so. Nicht um diese Uhrzeit.« Als er lächelt, vertieft sich das Rot ihrer Wangen.

»Du hast echt schöne Augen, weißt du das?«, sagt sie und wird noch eine Spur röter.

»Nein, du bist die Erste, die das sagt.« Er grinst. Ob sie wohl ein Smartphone dabei hat? Mit aufgeladenem Akku? Und genug Vertrauen, um ihn mit einem Restaurant in der Schweiz telefonieren zu lassen? Die vage Hoffnung lässt ihn noch etwas wärmer lächeln.

»Ich heiße übrigens Tanja«, sagt sie. »Wollen wir gleich noch was trinken?«

Ihr Blick steckt in seinem wie der Stöpsel im Abfluss. Jeglicher Gedankenfluss ist zuverlässig blockiert, die Hormone haben übernommen. Todsicher, dass ihr außer seinen Augen und seinem muskulösen Oberkörper nichts an ihm aufgefallen ist. Er hebt die Linke aus dem Wasser und fährt sich durch die Haare. Keine Chance. Tanja kapiert nichts.

»Hast du ein Handy dabei?«

»Hm?« Ihr Näschen kräuselt sich verwundert. »Hier im Wasser nicht. Draußen im Schließfach. Wieso?«

»Okay. Wir gehen was trinken, wenn du mich kurz dein Handy benutzen lässt.« Diesmal gibt er sich etwas mehr Mühe mit seinem Lächeln. Sie kichert.

»Hast du kein eigenes?«

»Doch, aber das habe ich vorhin mit dem Auto überfahren. Dumme Geschichte. Allerdings muss ich dringend einen Anruf erledigen. Wenn ich dafür erst nach Hause fahren muss, schaffen wir es nicht mit dem Kaffee.«

Hinter ihrer glatten, niedlich gewölbten Stirn scheint sie das Risiko abzuwägen, falls er von ihrem Handy australische Verwandtschaft oder islamistische Terroristen anfunkt.

»Okay«, sagt sie schließlich, »einverstanden.«

Sie wendet sich zur Leiter und hüpft nach draußen, während Etienne zu der Stelle schwimmt, wo er sich vorhin ins Wasser fallen ließ. Dieser Teil ist der riskanteste. Wenn es schlecht läuft, kann er die Handybenutzung vergessen. Wenn es gut geht, kratzt Tanja ihm, während er mit ihrem Handy telefoniert, noch den Vogeldreck von der Windschutzscheibe. Er stemmt sich am Beckenrand hoch, zieht sich mit der Eleganz eines bleischwänzigen Walrosses aus dem Wasser und hievt sich in seinen bereitstehenden Rollstuhl. Als er aufsieht, ist die Gletscherprinzessin schockgefroren und starrt ihn an wie ein achtarmiges Seeungeheuer.

»Sorry«, sagt er mit seinem charmantesten Lächeln und einem Augenaufschlag, vom dem Nadia einmal gesagt hat, dass er unter das Betäubungsmittelgesetz fallen sollte. »Normalerweise sage ich den Leuten erst beim zweiten oder dritten Treffen, dass ich nicht laufen kann. Aber ich dachte, bei dir mache ich eine Ausnahme.«

Sie lacht. Bye-bye, Vogeldreck.

Vom Schwimmbad steuert Etienne zielstrebig die nächste Tankstelle an. Während Tanja arbeitet, schlägt er sich über ihr Handy mit einem Restaurant in Zürich herum und versucht den genervten Kellner davon zu überzeugen, ein ganz bestimmtes Gericht in die Fraumünsterstraße 23 zu liefern.

»Sie bekommen meine Kreditkartennummer und bringen im Gegenzug ein Gericht, dessen Zubereitung ich Ihnen erkläre, an die besagte Adresse. Es ist wichtig, dass Sie nur ganz bestimmte Zutaten verwenden. Es sind nicht viele und der Supermarkt ist laut Google Maps gleich bei Ihnen um die Ecke. Sie können von meiner Kreditkarte einziehen, was Sie für angemessen halten. Ich vertraue Ihnen, dass Sie es nicht übertreiben. Es ist wirklich wichtig, dass Sie genau dieses Gericht liefern.«

Draußen bearbeitet Tanja die Windschutzscheibe erst mit Küchenpapier und dann mit dem Abzieher. Die Mobilfunkverbindung transportiert Unwillen von Zürich nach Heidelberg.

»Wänn Si so spezielli Wünsch händ, dänn choched Si doch sälber!«

»Ich bin achthundert Kilometer entfernt.« Auf ein Zeichen von Tanja lässt er die Motorklappe aufspringen. »Hören Sie, ich verstehe Ihre Bedenken. Ich selbst fühle mich unwohl, meine Kreditkartendaten jemandem anzuvertrauen, von dem ich nur die Stimme kenne. Aber Ihre Stimme klingt vertrauenswürdig. Glauben Sie mir, dieses Essen kann Leben retten. Vorausgesetzt, Sie erstellen es haargenau so, wie ich sage, und bringen es in die Fraumünsterstraße 23.«

Er hört keinen Widerspruch, also betet er Zutaten und Zubereitung herunter, ohne unterbrochen zu werden. Tanja hat inzwischen das Scheibenwischwasser aufgefüllt und wieder auf dem Beifahrersitz Platz genommen, wo sie sich während des letzten Teils seiner Ausführungen prächtig amüsiert.

»Wie ist das eigentlich passiert?«, fragt sie, als er ihr das Handy zurückgibt.

»Dass ich Essen nach Zürich liefern lasse? Puh …«

Sie gackert los, als hätte sie zu tief an der Zapfsäule inhaliert.

»Nein! Ich meine, wie es passiert ist, dass du im Rollstuhl unterwegs bist.«

»Ach so.« Er dreht den Schlüssel, wirft einen Blick über die Schulter und in den Rückspiegel und rollt von der Tankstelle. »Da ist ein Pflanzenkübel von einem Balkon gefallen. Terrakotta, mit einer kanarischen Dattelpalme drin. Das Ding ist auf dem Gehweg aufgeschlagen, genauer gesagt auf einem Dackel. Als die Besitzerin, die gerade mit ihm Gassi ging, sah, wie die Zimmerpalme ihren Hund erschlug, bekam sie einen Herzinfarkt und brach tot zusammen. Ein Busfahrer sah die Tragödie, geriet vor Schreck auf die Gegenspur, fuhr gegen einen Baum und hauchte ebenfalls sein Leben aus. Ein entgegenkommender Pkw wiederum wich dem Bus aus, geriet auf den Gehweg und erwischte mich. Das Letzte, was ich sah, bevor ich ohnmächtig wurde, waren die Dackelpfoten, die unter dem Terrakottatopf rausguckten.«

Tanja verdreht die Augen. »Und das soll ich glauben?«

Er zuckt die Achseln. Das anhaltende Interesse seiner Mitmenschen an den Ursachen seiner Behinderung ist ihm lästig. Manche fragen, bevor sie sich auch nur vorgestellt haben, die meisten im Verlauf des ersten Gesprächs, wenige ignorieren seine Fortbewegungsart und schauen betreten, wenn er selbst darauf zu sprechen kommt. Wenn es nach ihm ginge, sollten Behinderte und Nicht-Behinderte in allen Lebensbereichen aufeinandertreffen: in der Schule, an der Uni, im Sport, in der Berufswelt. Dann wäre ein Rollstuhl so besonders wie Schuhgröße 49. Im ersten Moment erstaunlich, aber dann nicht weiter der Rede wert. Solange das nicht der Fall ist, nimmt er sich die Freiheit, wahlweise tragische oder komische Geschichten zu erfinden. Erfreulicherweise fragt Tanja nicht weiter nach.

»Jetzt hab ich dir so viel über mich erzählt«, sagt er, »dass ich kaum noch Zeit für unseren Kaffee habe, weil ich gleich dringend meinen besten Freund verprügeln muss und mich darauf schon den ganzen Tag freue. Aber wenn du mir sagst, wo du hin musst, fahre ich dich, und wir trinken den Kaffee auf dem Weg.«

Bevor sie widersprechen kann, hält er vor der nächsten Bäckerei.

»Hol uns zwei Coffee to go.« Er drückt ihr seinen Geldbeutel in die Hand. »Und wehe, ich kann danach immer noch nicht gehen!«

Eine Stunde später ist Etienne wieder in der Karateschule und bespricht sich mit Toni im Büro. In dem kleinen fensterlosen Raum steht die Luft. Schräg vor dem Schreibtisch liegen zwei aufgeplatzte Schaumstoffschilde, mehrere kaputte Handpratzen und ein Knäuel Trainingsklamotten der Kategorie Lost and Found. Links werden die Schranktüren von mehreren geöffneten Kartons mit Karate-Gis und Gürteln offen gehalten und versperren den Zugang hinter den Schreibtisch. Toni hat es dennoch geschafft, sich auf den Schreibtischstuhl unter dem Regal mit den verstaubten Pokalen und dem verknickten Plakat »Trainieren mit dem Weltmeister« zu zwängen. Er trägt seinen weißen Gi und gleicht mit gerunzelter Stirn Zahlungseingänge auf dem Bildschirm des vorsintflutlich rauschenden Computers mit den auf die Tischplatte geklebten Trainingslisten ab. Etienne lehnt auf die Hinterräder gekippt im Türrahmen und versucht, während er das Gleichgewicht mit den Schultern ausbalanciert, mit Tonis Handy seine eigene Mailbox abzuhören.

»Guten Tag, sind Sie hier der Chef?« Der Mann, der das fragt, trägt Anzug, Laptoptasche und teures Eau de Toilette. Seinen Blick richtet er zielsicher auf Toni.

»Einer der Chefs«, antwortet Etienne und lässt sich nach vorn auf alle vier Räder kippen. »Er versucht bloß gerade, es zu verdrängen.«

»Dann lassen Sie mich durch. Ich muss mit ihm reden.«

Humor ist bei dem Anzugträger definitiv Mangelware. Geld eher nicht. Die Lederschuhe könnten maßgefertigt sein, und was sich da dezent unter der linken Manschette hervorschiebt, schätzt Etienne auf eine fünfstellige Investition. Er manövriert sich rückwärts in die Pappkartons, um dem Besucher Platz zu machen, der geübt über ihn hinwegsieht.

»Buckmeier mein Name. Es geht um meinen Sohn.«

Er streckt Toni die Hand hin, der sich endlich besinnt aufzustehen.

»Wer ist denn ihr Sohn?«

»Jan Buckmeier.«

Vater Buckmeier wirft einen fragenden Blick auf den Besucherstuhl, auf dessen Sitzfläche sich Budo-Zeitschriften und die aktuelle Ausgabe des »Penthouse« stapeln, und fährt sich schließlich mit der Hand über den Haaransatz, was bei den in Gel erstarrten Locken keine Veränderung hervorruft.

»Welcher Trainer?«

»Keiner. Und wenn es nach mir ginge, bliebe es auch dabei.«

Das verspricht ja, interessant zu werden.