Deine fremde Tochter - Thomas Fitzner - E-Book
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Deine fremde Tochter E-Book

Thomas Fitzner

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Beschreibung

Das mysteriöse Verschwinden einer Millionärstochter und ein Netz aus Lügen
Ein fesselnder Kriminalroman, der in die dunklen Abgründe Marokkos entführt

Eine junge Norwegerin verschwindet unter rätselhaften Umständen und wird nach erfolglosen Ermittlungen für tot erklärt. Zuvor hatten die schwerreichen Eltern eine enorm hohe Lebensversicherung auf ihre Tochter abgeschlossen. Deswegen wird Detektivin Rita Kleefman auf den Fall angesetzt. Ihre Nachforschungen führen sie nach Marokko, wo das Mädchen zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Dort stößt sie auf Ungereimtheiten in den offiziellen Berichten und wird mit den Abgründen eines Familiendramas konfrontiert. Inmitten eines Geflechts aus Lügen und Intrigen, wird Rita klar, dass ihr der Fall selbst zum Verhängnis werden könnte …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Deine fremde Tochter

Erste Leser:innenstimmen
„Unerwartet spannend und mitreißend, ich musste den Krimi in einer Nacht durchlesen!“
„Tolles Setting, Marokko zeigt sich von seiner schönsten und schlimmsten Seite.“
„Der Schreibstil des Autors war angenehm leicht und flüssig.“
„Rita ist eine Protagonistin, in die man sich super hineinversetzen kann.“
„Ein Krimi vom Feinsten – klare Leseempfehlung!“

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses E-Book

Eine junge Norwegerin verschwindet unter rätselhaften Umständen und wird nach erfolglosen Ermittlungen für tot erklärt. Zuvor hatten die schwerreichen Eltern eine enorm hohe Lebensversicherung auf ihre Tochter abgeschlossen. Deswegen wird Detektivin Rita Kleefman auf den Fall angesetzt. Ihre Nachforschungen führen sie nach Marokko, wo das Mädchen zum letzten Mal lebend gesehen wurde. Dort stößt sie auf Ungereimtheiten in den offiziellen Berichten und wird mit den Abgründen eines Familiendramas konfrontiert. Inmitten eines Geflechts aus Lügen und Intrigen wird Rita klar, dass ihr der Fall selbst zum Verhängnis werden könnte …

Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Deine fremde Tochter

Impressum

Überarbeitete Neuausgabe Juni 2023

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98778-526-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-847-6

Copyright © 2019, dp Verlag, ein Imprint der DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2019 bei dp Verlag, ein Imprint der DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Deine fremde Tochter (ISBN: 978-3-96087-810-0).

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © majcot, © photosketch, © underworld1 Lektorat: Birgit Förster

E-Book-Version 16.04.2025, 00:49:16.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Deine fremde Tochter

Für Agata Nalborczyk

Die Wahrheit zu wissen und davon zu sprechen ist gut. Aber besser ist, sie zu wissen und über Palmen zu sprechen. (Arabisches Sprichwort)

Vorwort des Autors

Die Schauplätze dieser Geschichte habe ich aus zwei Perspektiven erlebt: Als Rucksacktourist in Marokko, danach als UN-Offizier in der Westsahara. Da ich Französisch, Spanisch und etwas Arabisch spreche, fand ich schnell Zugang zu den Menschen. Die Idee zum Roman entstand in Essaouira. Dort führte ich lange Gespräche mit Jugendlichen, die ihre einzige Zukunftsperspektive darin sahen, das Herz einer westlichen Touristin zu erobern.

Nicht die Kluft zwischen Nord und Süd ist die Kulisse. Vielmehr bilden die Abgründe beider Sphären eine gemeinsame Landschaft. Rassismus ist mir ebenso zuwider wie linke oder rechte Welterklärungsmärchen. Die Welt ist komplexer und interessanter.

Willkommen in der Welt von Deine fremde Tochter.

Palma de Mallorca, Juni 2023

1.

„Wir haben Fortschritte gemacht“, sagte Doktor Peer und mimte Anerkennung.

Rita Kleefman antwortete nicht. Eine Woche hatte sie gebraucht, um zu begreifen, dass ein Kurhotel nichts für sie war. Dabei erfüllte sie alle Voraussetzungen. Seit sie im Nahen Osten einen Versicherungsbetrug aufgeklärt und dabei gewaltbereite Versicherungsbetrüger verärgert hatte, zog sie ein Bein nach, mal auffälliger, mal weniger, jedenfalls war sie die perfekte Kurbedürftige. Auch wenn sie in den Spiegel blickte, sah sie Probleme, die nach einer Therapie schrien, doch für die gab es keine Kur.

„Wenn man Ihre Krankheitsgeschichte berücksichtigt, ist es ein Wunder, dass Sie überhaupt noch gehen können“, sagte Doktor Peer, den die meisten Patientinnen mit „lieber Doktor Peer“ ansprachen. Rita hingegen sagte nur „Doktor“. Die Illusion, er könne eine Sekunde mehr in sie investieren, als es seine Vertragspflicht verlangte, war schon am ersten Tag verflogen. Und Rita legte Wert auf Symmetrie in den Beziehungen.

„Übrig geblieben ist nur eine Steifheit im Hüft- und Kniegelenk.“

Rita nickte und mimte ihrerseits Interesse an dem, was der „Doktor“ sagte. „Nur.“

„Die Sie aber geschickt kompensieren.“

Ja, dachte Rita. Ich gehe einfach so selten wie möglich. Wenn das keine geschickte Kompensation eines doppelten Gelenksproblems war.

„Daran müssen wir arbeiten“, sagte Doktor Peer und erhob sich. Die Sprechstunde war beendet.

Rita fühlte sich einmal mehr überwältigt von den Banalitäten, die der Kurarzt auf sie abgeladen hatte. Sie arbeitete sich aus dem Sessel hoch und lächelte. „Herzlichen Dank, Doktor. Ich spüre es, mit Ihrer kompetenten Hilfe werde ich in zwei Wochen zur Gazelle.“

Doktor Peer starrte sie an. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, ob Rita kokett wurde oder ihn gerade verarschte.

Manchmal zeigte der Kuraufenthalt Wirkung, und Rita fühlte sich besser. Dies war so ein Augenblick. Später kam ihr der absurde Gedanke, in der Hölle wäre ein Tor aufgegangen, als sie das Wort Gazelle aussprach. Wie anders war zu erklären, dass sie zwei Wochen später tatsächlich zur Gazelle wurde?

„Ich hätte es beinah vergessen“, sagte Doktor Peer mechanisch, während er sich verärgert abwandte. „Ihre Firma bittet um Rückruf.“

Genau damit begann es.

Ein Autobus, fünf Passagiere, eine Fernstraße an endlosen Waldrändern entlang, Tankstellen mit Blockhütten voller Souvenirs und Sandwiches. Eigentlich stünde mir ein Mietwagen zu, dachte Rita Kleefman. Oder ein Flugticket. Doch sie brauchte Zeit, um das Geschehen der letzten Tage in der Reihenfolge seiner Verwunderlichkeit zu ordnen. Die Reise mit dem Überlandbus gab ihr diese Zeit. Vorgestern das Kurhotel in Valkenburg aan de Geul, wo Deutsche und Holländer in trügerischer Harmonie ihre Körper- und Seelenwunden leckten, heute Norwegen, ein friedliches Dahinbrummen Richtung Trondheim, einem Kunden entgegen, einem verzweifelten Elternpaar, Tochter spurlos verschwunden, Tochter hoch versichert, ein Fall für die Versicherung. Kein typischer Fall, aber auch kein wirklich verwunderlicher. Nicht, wenn man die Begleitumstände dieser Reise zum Maßstab nahm.

Der Anruf, der Rita aus ihrem Einzelzimmer im Kurhotel nach Norwegen katapultiert hatte, war nicht von Anna Loeken gekommen.

Das war verwunderlich.

Anna Loeken, die Leiterin des Büros für Auslandsermittlungen von Safee Securities, die Vorgesetzte und alte Vertraute, war über Nacht von ihrem Chefsessel auf die Straße befördert worden.

Rita, die abgebrühte Ermittlerin, machte eine Entdeckung: Das Büroleben war gefährlicher als Ermittlungen „draußen“. Der kleinste Fehler wurde mit dem Leben bezahlt. Was tat Anna Loeken jetzt? Besäufnis im Lieblingspub, Affären zur Ablenkung, Rückkehr zur Scholle – da waren Kinder zu versorgen, mit Erklärungen zu beruhigen – oder Auflehnung wie im Film: Gefeuerte Ermittlungsleiterin macht sich auf eigene Faust daran, den wahren Schuldigen zu finden?

Die Frage, welchen Fehler Anna begangen hatte, war nebensächlich, wusste Rita. Dazu kannte sie ihre Firma zu gut. Viel bedeutsamer und auch verwunderlicher war der Umstand, dass der Anruf von Hanno de Mey gekommen war. Hanno de Mey, der heimliche Geliebte der ehemaligen Chefin, oder nunmehr womöglich ehemaliger Geliebter der ehemaligen Chefin... wie vergänglich war doch alles: Ein Wimpernschlag und das gesamte Umfeld hat sich neu formiert, faszinierend wie der Kulissenwechsel im Theater, ein Wald verschwindet, ein Wohnzimmer senkt sich herab, keine drei Wortwechsel und das Publikum hat sich an die neuen Konstellationen gewöhnt.

Ob sich Rita an einen Leiter der Abteilung für Auslandsermittlungen gewöhnen konnte, der Hanno de Mey hieß, blieb hingegen fraglich. Das war mehr als ein Kulissenwechsel. Denn es bedeutete, dass der Intimfeind nun an den Hebeln der Macht saß.

Rita bemühte sich, auch das Positive zu sehen. Vielleicht, dachte sie, war Anna Loeken nun endlich von ihrer unverständlichen Liebe geheilt. „Wo ist Anna?“, hatte Rita gefragt, und Hanno hatte beiläufig erwidert: „Weiß ich nicht“, und es hatte geklungen, als ob er diesmal nicht gelogen hätte.

Exgeliebter, entschied Rita, nachdem sie an mehreren Seen vorbei, durch mehrere Wälder hindurch an dieser Frage gekaut hatte. Safee war zu einem Tollhaus geworden, Caligula hatte die Macht an sich gerissen, die Versicherung war drauf und dran, sich ins alte Rom zurückzumodernisieren. Königsmord, Orgien und Harfenspiel vor den brennenden Trümmern der Abteilung. Betrug als Leidenschaftsdelikt. Wie sollte man dagegen ankämpfen?

Der Bus hielt, und ein Norweger stieg zu. Norwegen ist so dünn besiedelt und so ruhig und friedlich, dass es einem Tumult gleichkommt, wenn ein einzelner Norweger in einen Bus steigt. In Indien prügeln sich fünftausend Menschen um fünfhundert Sitzplätze in einem Zug, quellen aus den Fenstern, bevölkern die Waggondächer, verstopfen die Gänge, klammern sich zwischen die Achsen und finden das normal. In Norwegen steigt ein Norweger in einen Bus, zahlt in Ruhe seinen Fahrschein, auch der Busfahrer ist ruhig, ernst, konzentriert, sie raunen einander im lieblichen norwegischen Singsang knappe Sätze zu, die häufig aus einem einzigen Wort bestehen, „Hallo“, „Jo“, „Zwölf“, „Danke“.

Rita nutzte die Busfahrt, um ihre Gedanken zu sortieren, um mit Blick auf mehrere Millionen norwegische Laub- und Nadelbäume Ordnung in ihr Gefühlsleben zu bringen. Die Kollegen würden ihre Spesenrechnung belächeln, und das war ein Grund mehr, auf die Konventionen zu pfeifen. Mietauto, Flugticket, nur weil die Firma ohnehin zahlte? Schwachsinn. Sobald der Mensch aus dem Spielalter heraus ist, bedeutet Autofahren Arbeit. Im Bus konnte sie mit Norwegen auf Tuchfühlung gehen, konnte gefahrlos ihren eigenen Gedanken nachhängen, bevor sie den Eltern einer versicherten, sehr hoch versicherten, und spurlos verschwundenen Tochter vor die Augen trat.

Sechs Norweger, mittlerweile, in einem Bus, Rita saß ganz hinten, sah nur sechs Rücken. Ein Pärchen, ab und zu schwenkten zwei Zöpfe herum, sie sagte etwas, er machte nur „Jo“, die anderen vier schwiegen und wandten nur dann die Köpfe, wenn der Bus stehen blieb und sich das Drama des Zusteigens eines Norwegers ankündigte oder das Spektakel des Aussteigens eines solchen. „Jo“, „Hallo“, „Zwölf“, „Danke“, „Jojo“.

Sie hatten wohl alle etwas in Ordnung zu bringen in ihren Köpfen, diese Passagiere, und nahmen sich Zeit dafür. Alle wirkten konzentriert, gedankenverloren. Vielleicht war dieses Volk deshalb so ausgeglichen. Alle suchten im Fernen Osten nach Techniken zur Förderung des Seelenfriedens, dabei war der norwegische Lebensstil pure Meditation. Angesichts dieser Entdeckung hatte Rita Mühe, sich auf die Verwunderlichkeiten ihres eigenen Daseins zu konzentrieren. Norwegen hypnotisierte sie. Kilometerweise grüner Tann, gelegentlich huschte ein Auto vorbei, links und rechts erhoben sich Hügel und Berge, und alle zwei- oder dreitausend Kilometer stand ein Holzhaus auf einer Wiese, alle zehntausend Kilometer spazierte ein Kind mit leuchtfarbenem Schulranzen am Straßenrand, alle hunderttausend Kilometer passierten sie so etwas wie eine Siedlung und alle drei, vier Lichtjahre so etwas wie eine Stadt mit zwölf, dreizehn Fußgängern darin, während das Ziel, die Großstadt Trondheim, in einem anderen Sonnensystem lag, ganz am Ende dieser tannenbestandenen, dramatisch friedlichen Galaxis namens Norwegen.

Gauklia hieß der Planet der Gundersons. Wieder staunte Rita. Es gab also Millionäre in Norwegen. Trotz des Ölreichtums waren sie jedoch keine Ölscheichs wie in anderen, trockeneren Ländern, wo sich der öffentliche Reichtum ganz unkompliziert in privaten verwandelte, sondern Unternehmer, Firmengründer, Firmensammler, und Leif Gunderson war einer von ihnen. „Du brauchst keine Details“, hatte de Mey ihr gesagt. „Du hörst ihnen einfach zu, dann kommst du zurück nach Amsterdam und kriegst die Akte.“ Rita hatte um ein „Briefing“ gefleht, sie wollte wenigstens wissen, a) wer die Leute sind und b) ein paar Details des Vertrags. Und de Mey hatte geantwortet: „A) Millionäre, b) Millionen, das sind alle Details, die du im Moment brauchst. Lass sie einfach reden. Sie sind verzweifelt und brauchen jemanden, der ihnen zuhört.“

Die seelsorgerische Komponente ihres Berufs. Versicherungsdetektivin und Landpfarrerin Rita Kleefman auf dem Weg zu einem verzweifelten Millionär. Die Spezialistin für anderer Menschen Probleme, die ihre eigenen unerledigten Schwierigkeiten mit sich herumschleppte wie dieses Bein, das sie seit ihrem größten Ermittlungserfolg nachzog.

Der Privatsekretär der Gundersons wunderte sich am Telefon über Ritas späte Ankunft, immerhin sei dies ein dringlicher Fall – dringlich also, dachte Rita, ein erstes, aufschlussreiches Detail. Danke, Hanno, für das exzellente Briefing, ich werde aussehen wie ein Idiot –, und die wertvolle Zeit mit einer Busreise zu verplempern sei nicht opportun, wozu gäbe es heutzutage Flugzeuge. Das war verwunderlich, denn wenn sie, die Versicherungsdetektivin, eingeschaltet wurde, bedeutete dies, dass die Suche nach dem Mädchen erfolglos geblieben war und sie, die Detektivin, nun lediglich zu untersuchen hatte, ob irgendein Grund bestand, die Versicherungssumme nicht auszubezahlen. Warum es dabei auf Tage oder Stunden ankam, konnte Rita sich nicht anders erklären als mit der empirisch erwiesenen Ungeduld von Millionären, die daran gewöhnt waren, dass für sie alles schnell erledigt wurde.

Ohne Rita nach eventuellen persönlichen Dispositionen zu fragen, kündigte der Privatsekretär der Gundersons an, dass morgen früh um 7 Uhr 30 ein dunkelblauer Audi vor der Hoteltür warten würde. „Bitte seien Sie pünktlich.“

Rita hängte grußlos auf und säuselte: „Du mich auch.“ Dann bat sie die Rezeption des Hotels in Trondheim um einen Weckruf, stellte zur Sicherheit auch ihren Reisewecker und legte sich ins Bett, ohne einen Spaziergang durch die verregnete Stadt unternommen zu haben, ohne Abendessen, ohne sich mit diesem unbekannten Territorium wirklich angefreundet zu haben und im Bewusstsein, dass ihre Spesenrechnung wieder ein Stück seltsamer wurde. Kein Abendessen in einem guten Restaurant? Gute Frau, Norwegen, Lachs, Wein, stinkteuer, und die Firma zahlt!

Präzise um sechs Uhr läutete das Telefon und eine weibliche Stimme, die klang wie frisch gebumst unter einem norwegischen Wasserfall, jodelte „Morn, Morn“ in den verregneten Tagesanbruch hinein und setzte die besten Wünsche für den Tagesverlauf hinzu.

Der Frühstücksraum bot Berge von Eierspeisen und Milchprodukten und Blick auf den Nidelva-Fluss, den der sanfte Regen mit einem Punktmuster überzog. Das ganze Hotel schien bereits versammelt, als Rita eintrat, fünf Minuten nach sieben, ihr blieben knappe 25 Minuten für einen Kaffee und ein winziges Glas Hotel-Orangensaft, der schmeckte, als sei er von spanischen Obsträubern gepresst und auf Schmugglerpfaden nach Norwegen gebracht worden. Die Gäste tuschelten wie bei einer Leichenaufbahrung, nur die Frühstückskellnerin strahlte, als machte das Leben in Trondheim einen Riesenspaß. Und obwohl Rita wiederholt die Uhrzeit kontrollierte – als einziger Schmuck im Frühstücksraum hing eine rechteckige Uhr, Modernität der Siebzigerjahre, und so riesig, als würden täglich Hotelgäste von Millionärssekretären zu Pünktlichkeit ermahnt –, verbummelte sie das Frühstück. Der Magen, ums Abendessen betrogen, forderte seine Rechte, und mitten in einem dicken Marmeladebrot erkannte Rita, dass es 7 Uhr 32 war.

Der dunkelblaue Audi wartete draußen im Regen, Warnblinker eingeschaltet, ein Chauffeur ohne Uniform am Steuer, runder Kerl mit schwarzem Haar und einer runden Glatze wie ein Heliport auf dem Schädel. Er sah auf die Uhr und musterte den Eingang mit einer Andeutung von Ungeduld in den Mundwinkeln. Er stieg nicht aus, er eilte nicht mit aufgespanntem Regenschirm zum Vordach, um die Detektivin – eben nur eine Detektivin, eine Dienstleisterin – durch den Regen zur Limousine zu geleiten, sondern blickte erneut auf seine Uhr, als ob er sich fragte, ob sie falsch ging, denn es konnte wohl kaum sein, dass ein von Gunderson Gerufener dermaßen verspätet aufkreuzte.

Ritas „Guten Morgen“ löste ein beidseitiges Mundwinkelzucken aus, was sie als Erwiderung ihres Grußes interpretierte. Der Audi brummte nobel, und die wimmernden Scheibenwischer waren der fröhlichste Aspekt der Fahrt durch Trondheim.

„Wie war der Flug?“, bellte der Chauffeur mit überraschend lauter Stimme, als sie nach zehn Minuten bei einer Ampel hielten. Er hatte ihr das späte Erscheinen vergeben. Er sprach mit ihr.

„Ich bin mit dem Bus gekommen“, erwiderte Rita und bereitete sich auf einen abfälligen Kommentar vor.

Doch da kam nur ein „Ah“. Weiter ging es ohne Konversation, durch die Außenbezirke von Trondheim, auf eine Überlandstraße, ein, zwei, drei Abzweigungen, Rita fühlte sich verloren.

„Meine Frau“, bellte der Chauffeur nach weiteren zehn Minuten und machte eine kreisförmige Geste mit seiner Rechten.

„Ja?“, fragte Rita.

„Besuch in Amsterdam“, schrie der Mann in überflüssiger Lautstärke, als sei er normalerweise mit Fahrzeugen unterwegs, die weit mehr Lärm machten als eine Audi-Limousine, möglicherweise mit Traktoren oder Rasenmähern. Er winkte mit der Rechten nach rückwärts. „Tulpen. Haus von Anne Frank. T-Shirts für meine Söhne. Kanäle. Tolle Stadt.“

Rita zuckte die Achseln und lehnte sich wieder zurück, allein gelassen mit der Frage, warum sie das Anne-Frank-Haus nie besucht hatte und ob sie Schuldgefühle entwickeln sollte, weil sie ihr Nazi-Hasser-Diplom noch nicht abgeholt, sondern ihre dahingehenden Gefühle ausschließlich privat betrieben hatte.

Im Verlauf der Fahrt, die rund eine Stunde dauerte, bellte der Mann noch dreimal fragmentarische Konversation à la Trondheim, abgehackte, nordische Geschwätzigkeit, doch Rita versank nahezu ungestört in der Umgebung. Es ging einen Fjord entlang, der um die halbe Welt zu führen schien, die Häuser wurden seltener, dann waren sie in einem Waldgebiet, schließlich endete der Asphalt, und der Audi bretterte über einen sorgsam mit einem Kieselkleid aufgedonnerten Güterweg tiefer in die Wildnis hinein, kilometerweit, bis sich der Wald öffnete und den Blick auf eine Wasserfläche freigab, eingerahmt von kilometerhohen Felsufern, eine Landzunge, ein paar Bäume darauf, eine riesige Villa aus Stein und Holz, davor parkten ein Luxus-Geländewagen, ein schmutziger Land Rover, ein quietschgelber Kleinwagen, ein Minibus und nun auch der Audi, weit weg von der eleganten Auffahrt zum eleganten Eingang.

Der Regen hatte nachgelassen. Der Chauffeur stellte den Motor ab und sagte: „Gauklia“, als erklärte das alles. Dienstboteneingang, dachte Rita, als der Mann sie vom Parkplatz zu einem Anbau führte. Kein Vordach.

Sie traten durch einen Gang ein, in dem Kisten herumstanden, leere Flaschen, ein paar volle Plastiksäcke, wahrscheinlich Müll, betriebiges Ambiente wie im Servicetrakt eines Hotels. Der Chauffeur führte sie in einen Raum mit ein paar Stoffsesseln, von einem kleinen Regal auf Kopfhöhe drohten Bildbände über Norwegen, ansonsten waren die Wände mit Familienfotos der Gundersons tapeziert, er ein blonder, hagerer Nordmann mit Polarforscherblick, sie eine blonde, hagere Fliegengewichtwalküre mit Ich-bin-Millionärsgattin-Gesicht, die Augen meist hinter riesigen Sonnenbrillen verborgen. Szenen aus einem Millionärsleben: die Gundersons beim Segeln, die Gundersons in Disney World, die Gundersons mit dem Privatflugzeug, die Gundersons beim Motorbootfahren, beim Angeln in Fjorden, beim Bummel durch unzählige Städte, an der Kapitänstafel eines Kreuzfahrers, bei der Königsaudienz in Oslo, Schnappschüsse aus dem Alltag. Rita fühlte sich wie ein Eindringling, ungebührlich nahe an den kleinen Geheimnissen dieser Familie, die aus winzigen Gesten, den Mienen ihrer Gesichter, der Häufigkeit bestimmter Abbildungen sprachen.

Die verschwundene Tochter war bald entdeckt, ein blondes, hübsches Mädchen, das widerwillig für die Kamera posierte, während hinter dem immer selben, widerborstigen Gesicht, der immer selben, sich vom hageren Mädchen zur hübschen Frau formenden Figur die ganze Welt vorüberzog, als seien die Bilder gestellt, in Wahrheit in einem Trondheimer Studio angefertigt, mit großen Tourismuspostern von China, USA, Israel, Chile als Hintergrund.

Rita hatte Zeit, das indiskrete Familienalbum zu studieren, denn die Gundersons ließen sie warten. Nach einer halben Stunde – auch den Sohn hatte sie identifiziert, ein Siegfried mit blondem Wuschelhaar, gut aussehend, mit einem breiten Grinsen stets wie ertappt in die Kamera blickend – machte die Neugier verhaltenem Ärger Platz. Weit davon entfernt, Vorzugsbehandlung zu erwarten, wäre sie doch gerne mit ein wenig Gastfreundlichkeit in Berührung gekommen.

Rita setzte sich und starrte die Gunderson-Collage aus der Ferne an, versuchte, aus der Anordnung der Fotos ein Muster zu lesen, ein Gefühl für das Leben dieser Familie zu entwickeln. Wer wo hing, war nie ganz Zufall. Hier das flotte Leben des Ehepaars Gunderson. Dort der verschmitzte Sohn. Da eine Zone mit viel Tochter. Eine Segler- und Anglerecke. Sohn und Tochter waren nur als Kinder gemeinsam abgebildet, ihre Wege hatten sich offenbar bald getrennt. Rita begann das Wer-mit-wem zu analysieren und machte eine weitere erstaunliche Entdeckung. Sie erhob sich und betrachtete eine Reihe von Fotos aus der Nähe. Dann setzte sie sich wieder und schüttelte den Kopf. Man muss nur lange genug hinsehen, dann beginnen Fotos zu sprechen, eine Geschichte zu erzählen. Hier, entdeckte Rita, erzählten alle Fotos, so unterschiedlich sie auch waren, immer dieselbe Geschichte über die Personen, die abgebildet waren.

Ein Mann trat ein, um die fünfzig, graues Haar, Buchhaltergesicht, also nicht Gunderson. „Mein Name ist Bugge“, sagte der Mann und streckte die Hand aus. Rita erkannte die Stimme: der Privatsekretär. „Verzeihen Sie, dass wir Sie warten ließen. Frau Gunderson hatte eine unerwartete Angelegenheit zu erledigen.“

Nach einer präzise dosierten Pause schüttelte Rita dem Privatsekretär die Hand, sagte nichts, blickte ihn nur aufmerksam an und unterdrückte ein Lächeln, das ihr die Gewohnheit auf die Lippen zwingen wollte. Zu viele Menschen blickten auch noch freundlich drein, wenn man sie misshandelte. Nicht sie. Nicht mehr.

„Es wird noch ein paar Minuten dauern“, sagte Bugge. „Hatten Sie eine angenehme Reise?“

Rita, erstaunt, dass der Bus diesmal keine Erwähnung fand, nickte. „Durchaus.“

Bugge versuchte sich in höflicher Konversation. „Das Anwesen heisst Gauklia“, erklärte er. „Das heißt ‚Eulenwald‘. Weil es eine Menge Eulen hier gibt.“

Rita blickte ihn unbewegt an und sagte: „Das ist ja hochinteressant.“

Bugge räusperte sich. Rita kam zu dem Schluss, dass er ihre Verärgerung wahrgenommen hatte.

„Frau Gunderson ist es sehr wichtig, Sie persönlich kennenzulernen“, sagte der Sekretär, wohl um das Selbstwertgefühl der Besucherin zu heben. „Die Affäre hat sie sehr mitgenommen.“

„Und Herr Gunderson?“

Bugge machte eine hilflose Handbewegung. „Es ist furchtbar. Der Mann ist nicht mehr er selbst. Seit das Mädchen verschwunden ist... aber ich denke, das sollten Sie von Frau Gunderson erfahren.“

„Sie führt jetzt die Geschäfte?“

„Die Reederei, ja. Die anderen...“, er vollführte mit beiden Händen einen Tanz, als ob Geschäfte überall in der Luft herumschwirrten, „Beteiligungen, internationale Gesellschaften und auch die Medienfirmen, das macht ein Aufsichtsrat.“

„Und Herr Gunderson?“

„Entsetzlich. Schrecklich. Aber das soll Ihnen Frau...“

„Schon gut.“

Bugge erhob sich. „Möchten Sie ein Glas Milch?“

„Nein danke.“

„Vielleicht einen Tee?“

„Nein.“

Rita hustete in das beklommene Schweigen hinein.

Der Sekretär verharrte, sein Hinterteil über dem Sessel schwebend, die Hände dienstbeflissen Richtung Ausgang gestreckt. „Eine heiße Schokolade?“

Rita winkte ab und verschränkte die Arme. Der Sekretär setzte sich wieder.

Ein elektrisches Lärmgerät schnarrte. Bugge federte aus seinem Stuhl und hatte es sehr eilig, Rita durch einen weiteren Gang und ein Fernsehzimmer mit einer Wand aus mehreren Tausend akribisch geordneten Videokassetten Richtung Audienz zu scheuchen.

„Frau Gunderson ist sehr beschäftigt“, versicherte Bugge, öffnete eine weitere massive Holztür und winkte Rita hindurch wie ein Verkehrspolizist. „Der Frühstückssalon, bitte schön.“

2.

Verzehrte ein Mitglied der Familie Gunderson ein Frühstücksbrot, so geschah dies mit Panoramablick auf den Fjord. Riesige Fenster holten die grandiose Landschaft in den Frühstückssalon, während ebenso riesige, mehrfach gefaltete Holzläden mit eingebauten kleineren Fenstern, die ihrerseits von kleinen Läden verschlossen waren, an die Dunkelheit und Kälte des nordischen Winters erinnerten, wenn sich Gauklia wie eine Festung abriegelte, um dem Frost, dem Wind, der langen norwegischen Nacht zu trotzen.

Mit wenigen Änderungen konnte der Frühstückssalon einem Hotel mittlerer Größe als Restaurant dienen. Man musste nur die unzähligen Sofas, Sitzgruppen, Bücherregale und Schränke rausschmeißen und durch zwei Dutzend Tische, hundert Stühle und einen Flambierwagen ersetzen.

Gefrühstückt wurde erhöht, auf einer Art Galerie, wo sich ein Holztisch erstreckte, auf dem drei Paare Walzer tanzen konnten, ohne einander in die Quere zu kommen. In der Mitte dieses Mega-Tisches heischte eine blumenlose Vase nach Aufmerksamkeit, mit krampfhafter Eleganz, wie ein Athlet mit verrenktem Rücken, der Ausschau nach einem Arzt hält. Am wichtigeren Ende des Tisches, klar ausgewiesen durch eine Wand voller Hirschgeweihe und ausgestopfter Raubvögel, stand fern und verloren das Frühstücksgedeck der Millionärin Gunderson, eine Ansammlung silberblitzender Filigrankuppeln, -teller und -schüsseln, die wie das Modell einer Märchenstadt wirkte. Inmitten dieser von Ordnung und Gediegenheit geprägten Umgebung lagen die Reste eines Frühstücks. Niemand hatte abgeräumt. Die Millionärin hatte ihr Frühstück gerade erst beendet. Offenbar war also dieses Frühstück die „unerwartete Angelegenheit“ gewesen, mit der Frau Gunderson an diesem Morgen konfrontiert gewesen war. Ein kulinarischer Hinterhalt, ein unerwartetes Frühstücksei, begleitet von einem überraschenden Kaffee, dazu ein hinterrücks verabreichter Orangensaft.

Rita, von Bugge allein gelassen, hatte Mühe, die Millionärin in der Möbellandschaft unterhalb der Frühstücksgalerie zu orten, denn die Frau saß reglos auf einem der Ledersofas. Nur eine dünne Rauchsäule verriet sie, ausgesandt von einer Zigarette, die von einem aufgestützten Arm spitz in die Höhe stach. Frau Gunderson, Vorname noch immer unbekannt, hatte sich eine neue Frisur zurechtcoiffieren lassen, sie sah den Fotos des Familienalbumzimmers nur entfernt ähnlich, hatte einen ersten Schritt Richtung Löwenmähne getan, nicht ganz passend zum eckigen, strengen Gesicht, das sich nun der Detektivin zuwandte und eine federleicht amüsierte Neugierde ausdrückte: So sieht also eine Versicherungsdetektivin aus, war in ihrer Miene zu lesen. Nun, von irgendetwas muss der Pöbel ja leben.

Die Millionärin Gunderson war eine schöne Frau gewesen und wäre es immer noch, hätten sich zu den steilen Linien im Gesicht ein paar Lachfalten gesellt. Stattdessen ein vertikales Geflecht zwischen Stirn und Mundwinkeln, eingerahmt von dieser blonden Mähne, die eine nirgendwo sonst reflektierte Lebensfreude simulierte. Sie wirkte wie eine Leichenbestatterin mit Clownperücke. Aber man soll nicht ungerecht sein, dachte Rita. Diese Frau durchlebte den Albtraum jeder Mutter, das mochte die vertikalen Falten erklären, den strengen Mund, die offene Überheblichkeit. Arroganz war am Ende Schwäche. Frau Gunderson war schwach und durfte es nicht zeigen, denn der Ehegatte war vor ihr in Ohnmacht gefallen.

„Willkommen in Gauklia“, deklamierte sie mit überraschend tiefer Stimme, deren durchdringend britischer Akzent nach Aufzucht und Hege in imperialen Privatschulen roch. „Sie sind Rita Kleefman.“

Rita nickte und fand das Zusammentreffen mit einem Mal absurd. Weder konnte sie Fragen stellen, ohne ihre profunde Unkenntnis über den Fall zu offenbaren, noch hilfreiche Antworten geben. Sie wusste nicht einmal, ob sie nur hierhergeschickt worden war, um mit dem Kunden Kontakt aufzunehmen, oder ob sie die Ermittlungen führen sollte. Zu spät. Die meditative Busfahrt hatte nichts genutzt.

„Hatten Sie eine gute Reise?“

„Sehr gut, danke.“

„Sie sind mit dem Bus gekommen.“ Gunderson wandte und hob den Kopf in zwei sauber getrennten Bewegungen und fixierte Rita.

Die seufzte innerlich. Es ging wieder los. Der Bus.

„Richtig.“

Die Millionärin Gunderson ließ einen Augenblick verstreichen, musterte Rita noch immer mit erhobenem Kopf und sagte mit einer angesichts ihrer Worte nahezu komischen Ruhe: „Wir sind verzweifelt.“

„Verständlich.“

„Verständlich?“ Gunderson lächelte bitter. „Haben Sie Kinder?“

„Nein, ich habe keine Kinder.“ Ob leider oder Gott sei Dank, das wollte sie im ersten Austausch mit einer Fremden nicht einmal mit dem Tonfall suggerieren.

Gunderson nickte und sagte mit einer mikroskopischen Geste ihrer Zigarettenhand: „Nehmen Sie bitte Platz.“

Rita ließ sich auf einem Ledersofa nieder, dessen Knirschen die heilige Stille brach, und nahm ein Notizbuch aus ihrer Tasche.

„Ich mache mir keine Illusionen über Ihre Art Verständnis“, erklärte die Millionärin. „Eva ist für mich eine geliebte Tochter, für Sie ein Vertrag. Ihr Verschwinden ist für uns eine menschliche Katastrophe, für Sie eine finanzielle. Das Kind ist hoch versichert. Sehr hoch.“

Rita schluckte trocken, einigermaßen sicher, dass sie diese Art von Zurechtweisung nicht verdiente, doch unsicher darüber, was sie dagegen unternehmen wollte. Die Millionärin hatte im Prinzip recht: Für Rita unterschied sich das Verschwinden der Gunderson-Tochter vom Verschwinden Tausender anderer Töchter nur durch den Umstand, dass ein Versicherungsvertrag bestand, der die Detektivin aus ihrem Kuraufenthalt gerissen und direkt in dieses Millionärs-Frühstückszimmer katapultiert hatte. Sie brauchte lediglich die Zeitung aufzuschlagen und konnte täglich saftigere Tragödien zum Beweinen finden, nur hat niemand wirklich genügend Tränen dafür. Die reserviert man sich für persönliche Fälle. Eva Gunderson – ein erstes Detail: Die verschwundene Tochter hieß Eva – war kein persönlicher Fall. Rita hatte nie eine Tochter gehabt und nie eine verloren. Die Millionärsziege hatte recht. Sie hätte sich nur anders ausdrücken können, doch Frau Gunderson wirkte nicht empfänglich für Kritik an ihrer Art, sich auszudrücken. Auch das war verständlich. Sie war Millionärin, und sie war die Mutter eines verschwundenen Mädchens. Das verlieh gewisse Rechte.

„Wir haben selbstverständlich die zuständigen Behörden eingeschaltet, und wir haben selbstverständlich eine private Detektivkanzlei mit Nachforschungen beauftragt“, sagte Gunderson. „Das war Anfang Oktober letzten Jahres, ungefähr einen Monat nach ihrem letzten Lebenszeichen.“

„Einen Monat?“

„Eva befand sich auf einer Weltreise. Ansichtskarten brauchen zuweilen länger. Wir hofften, das Problem sei postalischer Natur, doch nach einem Monat begannen wir uns Sorgen zu machen.“ Gunderson warf Rita einen stahlblauen Blick zu. Mutterliebe in Ritterrüstung. „Wir geben selbstverständlich die Hoffnung nicht auf.“

Die Millionärin machte eine Pause und ließ ihren Blick mechanisch über die Landschaft schweifen, als amortisiere sie zwischendurch die Investition in die großen Fenster.

„Man sagte mir, Sie seien eine gute Detektivin.“

„Ach so? Wer hat das gesagt?“

Frau Gunderson wandte sich wieder Rita zu, die sich bewusst wurde, dass sie verkrampft auf der Sesselkante gesessen hatte, wie auf den Befehl zum Aufspringen wartend. Rita unternahm eine Anstrengung, sich zu entspannen, und lehnte sich zurück. Langsam bekam sie ein Gefühl dafür, woher der Wind wehte und wohin die Reise ging.

„Herr de Mey.“ Die Millionärin dämpfte ihre Zigarette in einem Kristallaschenbecher aus, der so groß war, dass man ihn nach geringfügigem Umschleifen als Linse für ein astronomisches Teleskop hätte verwenden können. „Er war so freundlich, uns die beste Ermittlerin zu empfehlen.“

Rita hob die Augenbrauen. In ihrem Kopf heulten simultan hundert Warnsirenen los. De Meys erster wichtiger Fall als Abteilungsleiter, und er empfahl seine Lieblingsfeindin Rita Kleefman als beste Ermittlerin?

„Wir haben Ihre Ferien unterbrochen, das tut mir leid“, sagte die Millionärin in einem Ton, als wäre es das Letzte, was ihr jemals leidtun würde. „Doch Sie verstehen die Dringlichkeit. Wurden Sie finanziell entschädigt?“

Rita wusste nicht recht, was sie antworten sollte. War tatsächlich Hanno de Mey der neue Abteilungsleiter oder war das Team für Auslandsermittlungen nun in den Händen der Millionärin Gunderson? Und sollte sie die Kundin darauf aufmerksam machen, dass sie nicht einen „Ferienaufenthalt“ abgebrochen hatte, sondern eine Kur, um die Narben zu behandeln, die ein beinahe tödlich verlaufener Ermittlungsjob hinterlassen hatte?

„Machen Sie sich keine Sorgen“, erwiderte Rita. „Administrative Details. Hier bin ich.“

„Sie werden“, sagte die Millionärin und erhob sich, trat an eines der Panoramafenster und musterte die Steilhänge des Fjords, „die Reise meiner Tochter nachvollziehen. Wir werden Ihnen sämtliche Ermittlungsergebnisse der privaten Detektivkanzlei aushändigen. Sie können Spesen machen, so viel Sie wollen. Sie erhalten eine Prämie in Höhe Ihres Jahresgehalts, wenn Sie das Schicksal meiner Tochter aufklären können. Steuerfrei, in einem Kuvert.“ Sie wandte sich kurz um und musterte Rita spöttisch. „Wenn Sie es denn wollen“, setzte Gunderson hinzu wie jemand, der wenig Verständnis für ehrliche Steuerzahler aufbrachte.

Rita antwortete nicht, Gunderson blickte wieder auf den Fjord hinaus. „Sie halten mich wöchentlich über den Fortgang der Ermittlungen auf dem Laufenden. Wichtige Ergebnisse derselben teilen Sie mir umgehend mit.“

Rita gab ihre Entspannungsübung auf. Kurz erwog sie, die Millionärin darüber aufzuklären, dass Kunden in Versicherungsfällen keine Anweisungen zu geben hatten, denn die Versicherung ermittelte eventuell ja auch gegen sie, verzichtete aber darauf. Rita würde schlichtweg tun, was sie für richtig hielt. Die Detektivin beschloss, das Thema zu wechseln.

„Erzählen Sie mir von Eva.“

Frau Gunderson zuckte die Achseln, als hielte sie das Thema für nicht sehr ausgiebig. „Was soll ich Ihnen denn erzählen?“

Deine Theorie, dachte Rita. Ist sie verschwunden oder ist sie ausgebüchst? Ist sie Opfer oder Täter?

„Wusste Eva über die Versicherung Bescheid?“

Frau Gunderson zuckte erneut die Achseln, belustigt fast. „Ist das für Ihre Arbeit von Bedeutung?“

„Ich will lediglich so viel wie möglich über Ihre Tochter wissen. Das hilft beim Ermitteln.“

Der ironische Nachsatz handelte Rita einen langen prüfenden Blick ihres Gegenübers ein. Gunderson beschloss jedoch, darüber hinwegzusehen, und erklärte: „Eva hatte keinen ausgeprägten Sinn für Verantwortung. Sie war unreif.“

War.

„Weshalb sprechen Sie in der Vergangenheit?“

„Sie kann sich geändert haben. Neun Monate. Das ist eine lange Zeit.“

Tochter verschwindet und reift. Eine interessante Theorie.

„Wie alt ist sie?“

„Zwanzig. Im vergangenen November geworden. Steht alles in Ihrem Dossier.“

Rita seufzte innerlich. Danke, Hanno, für das hervorragende Briefing.

„Und wie unreif?“

„Sehr.“

„Ich meine: Wie drückte sich das aus?“

„In allem. In ihren Plänen, ihrem Verhalten, ihren Finanzen. Glauben Sie nicht, wir hätten sie verwöhnt. Sie hatte ihr Taschengeld und gab immer zu viel aus.“

„Schulden?“

„Das weiß ich nicht. Mädchen in ihrem Alter erzählen ihren Eltern nicht alles.“

„Glauben Sie, dass Eva Schulden hatte?“

Gunderson zuckte wieder die Achseln. „Bis jetzt haben sich keine Gläubiger gemeldet. Aber es wäre ohnehin kein Grund, einfach zu verschwinden. Damit löst sie ja die Probleme nicht.“

„Haben Sie sich gut verstanden?“

„Eva und ich? Ja. Ja.“

Das doppelte Ja kreiste in Ritas Kopf, während Gunderson relativierte, mit einer leichten Handbewegung: „Es gibt natürlich immer Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Das werden Sie verstehen. Wie war das zwischen Ihnen und Ihrer Mutter?“

„Genauso“, wich Rita aus.

„Sehen Sie“, sagte Gunderson. „Normal.“

„War sie eine Rebellin?“

„Eine Rebellin gegen die Vernunft, aber auch das ist in diesem Alter bis zu einem gewissen Grad normal.“

„War sie denn nichts Besonderes?“

„Natürlich war sie das.“ Jede Tochter ist besonders, sagte ihr Schweigen.

„In welcher Hinsicht?“

„Eva war besonders naiv. Sie glaubte Männern alles.“

„Hatte sie einen festen Freund?“

„Natürlich nicht. Mädchen wie Eva werfen sich nur problematischen Männern an den Hals. Zuerst erfinden sie den idealen Mann in ihrem Kopf und glauben, der Erstbeste, der Interesse zeigt, ist es schon. Und wenn sich herausstellt, dass er es doch nicht ist, erfinden sie Erklärungen dafür. Schuld hat immer etwas anderes. Also lassen sie sich demütigen, betrügen, lächerlich machen, sie lassen sich schlagen, ausnutzen, alles in der Hoffnung, der erfundene ideale Mann käme doch irgendwann zum Vorschein, man müsse nur Geduld haben und alles ertragen. Es ist wie ein Kreuzzug, wie die Suche nach dem Gral.“ Zug aus der Zigarette, langes Ausblasen. „Der natürlich nicht existiert.“

Gunderson war in Fahrt gekommen, ihr Gesicht hatte Farbe angenommen, der Fjord exisiterte nicht mehr, Eva hatte den Raum betreten, in ihrer ganzen Unvollkommenheit, das zickige Mädchen, das nicht auf den Rat ihrer Mutter hört und Freunde nach eigenem Gutdünken wählt, und nun ist Eva weg, es war ja abzusehen. Und plötzlich war da eine Theorie: die Suche nach dem Gral.

„Sie wissen, was mit den Narren passiert, die nach dem Gral suchen, als sei er etwas Materielles, versteckt in irgendeiner Höhle, die man nur finden muss, und schon ist alles gelöst. Den Gral muss man in sich selbst schaffen. Erst wenn man das verstanden hat, besteht Hoffnung.“

Gunderson ballte die Rechte zur Faust und schlug im Takt ihrer Worte auf die Armlehne des Sofas. „Die Suche nach dem Paradies. Die vollkommene Negation der Realität.“

Rita verstand, dass Gunderson in diesem Augenblick mit Eva sprach, mütterliche Strenge in der Stimme, das entnervte Timbre von Das-hab-ich-dir-schon-tausendmal-gesagt.

„Eine Träumerin?“, unterbrach Rita die Tirade.

Gunderson schien sich wieder daran zu erinnern, dass Rita vor ihr saß, nicht Eva, und ließ eine Freundlichkeit aufblitzen, die nach Komplizenschaft trachtete. „Sie sagen es. Eine Träumerin.“

„Wo ist sie verschwunden?“

Gunderson lächelte. „Im Land der Träume natürlich, was haben Sie erwartet?“

„Amerika? Die Vereinigten Staaten?“

„Unsinn.“ Die Millionärin lächelte geringschätzig, als hätte Rita einen Intelligenztest nicht bestanden. „Amerika ist das Land, das Träume zu einer Handelsware macht. Zu Geld. Amerika ist kein Land der Träume, Amerika ist das Land, in dem die Träume gnadenlos von der Realität getestet werden. Kein Land für Eva.“

„Wo wurde Eva zuletzt gesehen?“ Rita setzte mit weiter Geste ihren Kugelschreiber an, um der Millionärin eine konkrete Information zu entlocken.

„In Marokko.“

Rita klappte reflexhaft ihr Notizbuch zu. Das erste Rätsel des Falles war gelöst. Deshalb also hatte ihr Intimfeind sie als beste Ermittlerin angepriesen. Um sie nach Marokko zu schicken.

Nicht ihr Fall, herzlichen Dank.

„Wir werden wahrscheinlich einen Kollegen entsenden“, sagte sie. „Für solche Länder ist das besser. Einen Mann, meine ich.“

„Herr de Mey will Sie entsenden.“

Herr de Mey will. Herr de Mey überschätzt seine Befugnisse. Herr de Mey ist noch nicht lange im Amt. Auch er ist ein Träumer, Frau Gunderson. Auch er macht Geld damit. „Wir werden das diskutieren.“

„Ich verstehe nicht.“ Gunderson runzelte die Stirn. „Ist Herr de Mey nicht Ihr Vorgesetzter?“

„Oh, sicher“, erwiderte Rita, noch immer verblüfft darüber. „Ja, das ist er.“

„Er hat mir versichert, Sie seien die beste Ermittlerin für diesen Fall. Darum hat er Sie aus dem Urlaub geholt.“

Beim Wort „Urlaub“ zuckte Rita zusammen. Sie begann sich nun ernsthaft zu ärgern. Hanno musste von der Abmachung zwischen ihr und Anna Loeken wissen, aber vielleicht wusste er zu wenig über diesen Fall, wusste nicht, dass es um Marokko ging. Er wusste, dass sie in diesen Ländern nicht mehr arbeitete. Er wusste nicht, warum. Vielleicht sollte sie es ihm erzählen. Vielleicht war genau das Teil seines Spiels: Er setzte Rita mit diesem Auftrag unter Druck, damit sie endlich erzählte.

Mit Mühe fand die Detektivin nach Norwegen, nach Gauklia zurück. Sie zwang sich zur Ruhe. „Schön. Fahren wir fort. Wo in Marokko wurde Eva zum letzten Mal gesehen?“ Beinahe hätte sie hinzugefügt: lebend.

„Rabat, glaube ich.“ Gunderson zündete sich wieder eine Zigarette an. Als hätte sie von dem Gespräch momentan genug, langte sie nach einem elektrischen Schalter auf dem Tischchen neben ihr und drückte dreimal darauf, den Blick herausfordernd auf Rita gerichtet. Keine zehn Sekunden später ging die Tür auf und eine junge Frau mit einem leeren Tablett trat ein. Ohne die Millionärin zu beachten, ging sie zu der kleinen orientalischen Stadt aus silbernen Kuppeln und Tassen und Tellern und räumte ab.

„Wir haben Freunde in Rabat“, erklärte Gunderson. „Eine angesehene Familie. Geschäftspartner. Eva war angewiesen, sich in deren Schutz zu begeben. Marokko ist kein Land, das man als Frau allein bereisen sollte.“

Das Dienstmädchen, den Kopf wie ein Roboter reglos geradeaus gerichtet, nahm das volle Tablett auf und verließ grußlos den Frühstückssalon.

„Meinen Sie nicht auch, das Personal sollte Uniform tragen?“, sagte Gunderson, die Ritas Blick gefolgt war. „Das ist praktisch fürs Personal, die beschmutzen sich ihre Privatkleidung nicht, und unsere Gäste wissen sofort, wer zur Familie gehört und wer nicht. Sie hätten das Dienstmädchen für meine Tochter halten können. Oder meine Tochter, solange sie noch hier war, für ein Dienstmädchen. Uniformen vermeiden peinliche Situationen.“

Gunderson nahm einen Zug aus ihrer Zigarette und ließ Rita für einen Moment mit der Frage allein, warum das Personal in Gauklia keine Uniformen trug.

„Mein Mann“, erläuterte sie schließlich mit einer Geste, als sei das Erklärung genug. Nach einer Pause führte sie aus: „Allergisch gegen Uniformen. Von seinem Vater geerbt. Widerstandskämpfer. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Telavag. Davon gehört? Egal. Ein Massaker. Eines von vielen, mit Glück überlebt, aber seine Freunde haben daran glauben müssen. Alle miteinander. Seither kann er keine Uniformen mehr sehen. Leif musste sich umziehen, sobald er vom Militärdienst nach Hause kam, und mittlerweile kann er Uniformen selbst nicht mehr ausstehen. Ein wenig lächerlich, denn ich frage Sie: Was hat ein adrettes Dienstmädchenkleid mit dem Feldgrau der Deutschen gemein? Oder dem Schwarz der SS?“

„Ich habe mich noch nie mit dieser Frage beschäftigt“, gestand Rita abwesend.

Verstehe, sagte Gundersons Achselzucken. „Mit Leif kann man darüber nicht diskutieren. Und sein Vater? Ein wunderbarer Mensch, bemerkenswert fit für sein Alter, schwimmt in den Fjorden herum, bis ihm Eisschollen den Weg versperren, klettert Berge hoch, läuft Ski, aufgeklärt, flexibel, aber wenn Sie das Thema Uniformen erwähnen, macht er sofort sein Widerstandskämpfergesicht“, sie schob das Kinn vor und entblößte die Zähne, „und Gnade Gott dem Deutschen, der dann in der Nähe ist.“

„In Rabat...“, versuchte Rita anzuknüpfen.

„Dort haben sie Uniformen“, rief Gunderson mit plötzlichem Entzücken in der Stimme aus. „Mein Gott, ist das Personal schick gekleidet. Der Chauffeur weiß wie ein Admiral, der Gärtner beige wie ein Soldat, die Dienstmädchen in Rotweiß wie Stewardessen, einzig die Leibwächter tragen Zivil, aber das...“, sie hob beide Hände mit einer anerkennenden Geste, „... tipptopp, maßgeschneidert. Abdelaziz duldet keine schlecht gekleideten Menschen in seiner Nähe.“

„Hat Abdelaziz Ihre Tochter kennengelernt?“

„Leider, muss ich sagen. Sie ist bestimmt in verschlissenen Jeans aufgetaucht, trotz meiner präzisen Anweisungen. Ich will gar nicht daran denken, welchen Eindruck sie hinterlassen hat. Waren Sie jemals in Rabat? Ein Traum. So etwas von elegant gibt es in Europa nicht mehr. Das Personal aufmerksam, dienstbereit. Bei uns laufen alle mit Revolutionsgesichtern herum und fassen jede Anweisung als Angriff auf ihre Menschenwürde auf. Dienen ist nicht mehr gefragt. Ich diene jeden Tag. Ich arbeite sechzehn Stunden täglich und beschwere mich bei niemandem.“

„Ihre Tochter...“

„Genau dasselbe. Will sich selbstverwirklichen, möglichst rasch, möglichst ohne allzu große Mühe und möglichst auf Kosten anderer. Alles andere interessiert sie nicht.“

„Dieser Abdelaziz...“

„Rahmani. Abdelaziz Rahmani. Eine sehr gute Familie. Beziehungen, so was glauben Sie gar nicht.“

„Er hat sich Ihrer Tochter angenommen?“

„Hat sich verliebt, um genau zu sein. Aber das war typisch Eva. Die glaubt, Marokkaner seien dunkel angemalte Europäer. Dann kommt sie an, mit ihren eng anliegenden Jeans, ihrem blonden Haar, und lächelt von Morgengrauen bis Abendrot, als ob fünfhundert Jahre sozialer Entwicklung mit ein paar erklärenden Worten überbrückbar wären, und zerstört mit ihrem verantwortungslosen Benehmen beinahe das Familienglück eines der angesehensten Männer von Marokko.“ Gunderson hob beide Arme in einer dramatischen Geste der Hilflosigkeit. „Und beschwert sich auch noch!“

Rita blieb der Mund offen stehen.

„Wir mussten uns bei ihm entschuldigen, und ich schwöre Ihnen: Das war nicht einfach. Kein aufgeklärter Europäer versteht das, aber ‚aufgeklärt‘ war schon immer ein Adjektiv, mit dem ich meine Probleme habe. Ein sogenannter aufgeklärter Europäer hätte dreitausend Arbeitsplätze – das sind dreitausend menschliche Existenzen, nur zur Erinnerung – in den Gully gejagt, nur damit sich eine kleine, dumme Europäerin weiterhin aufführen kann, als halte sie alle Marokkaner für Vollidioten.“

„Das hat sie getan?“, fragte Rita leise.

„Ich würde es so sagen“, bekräftigte die Millionärin und setzte ein „Absolut!“ hinzu. „Denken Sie nicht, es sei angenehm, von der eigenen Tochter vor die Wahl gestellt zu werden. Wir standen ja da wie Rabeneltern.“

„Was hätten marokkanische Eltern getan?“

„Die hätten ein so unbedarftes Ding wie Eva Gunderson gar nicht aus dem Haus gelassen. Aber das sind die feinen Unterschiede.“

„Können wir mit Rahmani sprechen?“

„Wer wir?“

„Die ermittelnde Person unserer Versicherung.“

„Verwenden Sie in Ihrer Branche den majestätischen Plural aus strategischen Gründen oder ist das ein Trick, um Ihr Selbstbewusstsein zu stärken?“

Nun wandte sich die Feindseligkeit der Millionärin gegen beide: Eva und Rita. Die Detektivin hatte plötzlich das Gefühl, mit der verschwundenen Tochter auf der Anklagebank zu sitzen. Und mit jedem Wort, das die strenge Mutter der Detektivin entgegenschleuderte, wuchs die Vertrautheit zwischen den beiden Angeklagten.

„Der Mann hat nichts zu verbergen“, beantwortete Gunderson die Frage, als Rita auf ihre Spitze nicht eingegangen war. „Sie werden sich wundern, welchen Stil der hat. Allerdings wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie bei erster Gelegenheit darauf hinweisen würden, dass Sie von der Versicherung geschickt wurden, nicht von uns.“

War das der wahre Grund, warum sich Gunderson solche Hoffnungen auf die Ermittlungen der Versicherung machte? Weil nun endlich Rahmani befragt werden konnte, ohne die Geschäftsbeziehungen zu trüben?

„Keine Sorge, ich werde auf diese Nuance hinweisen.“

„Sie werden selbstredend mit dem gebührenden Takt vorgehen. Abdelaziz Rahmani ist eine Person von Rang und Ansehen, und wer das nicht berücksichtigt, findet sich schneller auf der Straße wieder, als er ‚Kulturschock‘ sagen kann.“

Die Millionärin fixierte Rita mit kalten Augen. „Ich verabscheue Drohungen, doch wenn Sie durch Ihr Verhalten die Beziehungen zwischen Rahmani und meinen Firmen beschädigen, hat Safee eine Schadenersatzklage am Hals, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht. Wenn es um Arbeitsplätze geht, werde ich zur Löwin.“

Irgendwie wirken sie komisch, Millionäre, die die rote Fahne schwenken, dachte Rita und fragte: „Wann haben Sie zum letzten Mal mit Ihrer Tochter gesprochen?“

Die Millionärin lächelte. „In der Nacht vom 29. auf den 30. August 1990, so gegen zwei Uhr morgens.“

„Wo befand sich Eva?“

„In einem Luxushotel in Rabat. Hyatt Regency. Sie hatte gerade Rahmanis Haus verlassen.“

„War sie verstört?“

„Verstört? Ich würde eher sagen hysterisch. Sie vertrat die Ansicht, eine Mutter würde ihre Tochter verteidigen, selbst wenn sie im Unrecht ist.“

„War es dramatisch?“

„Alles ist dramatisch, wenn es nicht nach Evas Vorstellungen läuft. Da brechen pausenlos Welten zusammen.“ Die Millionärin wandte sich wieder dem Fjord-Panorama zu, ihre Stimme wurde leise, brüchig. „Denken Sie nicht, ich fühlte mich nicht schuldig. Ich wusste, dass Eva ein wirklichkeitsfremdes, aufsässiges Mädchen war, aber ich dachte nie, dass sie das Haus unserer guten Freunde noch in derselben Nacht verlassen und alleine durch Marokko reisen würde. Man fragt sich immer, ob man die Situation nicht hätte besser bewältigen können.“

„Haben Sie Abdelaziz gebeten, nach Ihrer Tochter zu suchen?“

Gunderson ließ ein bitteres Auflachen hören. „Nach dieser Geschichte? Eher hätte ich mich vierteilen lassen. Nein. Ich dachte, Eva würde nach ein paar Tagen zur Vernunft kommen und die Rückreise antreten. Eva war noch nie wirklich allein gewesen. In jedem Land, das sie bereist hat, kümmerten sich Freunde unserer Familie um sie. Ich dachte nie, dass sie ausgerechnet in Marokko auf diesen Schutz verzichten würde. Ich unterschätzte ihren Mangel an Reife. In diesem Sinne bekenne ich mich schuldig.“

Sie wandte ihren Blick wieder Rita zu. „Aber das sind persönliche Gefühle, und die sind ausschließlich mein Problem. Für die Versicherung macht das keinen Unterschied. Sollten Sie Eva nicht finden, werden zwei Millionen Dollar Versicherungssumme fällig, egal, ob ich mich persönlich verantwortlich fühle oder nicht.“

Gunderson schickte ihren Worten einen warnenden Blick hinterher, als machte sie Rita persönlich haftbar. In einer Anwandlung von primitivem Trotz, den sie sich bewusst leistete wie andere den Nikotingenuss, zuckte die Detektivin die Achseln. Um die Geste zu überspielen, fragte sie rasch: „Wie wird der Rest der Familie mit Evas Verschwinden fertig?“

„Das ist eine sehr persönliche Frage. Aber sie gibt mir Gelegenheit zu einer notwendigen Klarstellung. Mein Gatte ist aufgrund der Ereignisse nicht mehr in der Lage, seine Verantwortlichkeiten als Familienoberhaupt und Geschäftsmann wahrzunehmen. Evas Bruder studiert in Oslo, und ich bin eisern entschlossen, diese unangenehme Affäre von ihm fernzuhalten, um ihm das Schicksal meines Gatten zu ersparen.“

Erbliche Nervenschwäche unter den männlichen Gundersons? Rita wollte nachstoßen, doch Gunderson hob die Hand. Geduld, sagte ihre Geste. Das Dickste kommt erst.

„Mein Gatte leidet unter einer gravierenden Depression. Ich schließe nicht aus, dass Rob ähnlich heftig reagieren könnte.“

„Und Eva...?“, begann die Detektivin, die eine mögliche Erklärung für die Instabilität der Millionärstochter zu ahnen begann.

„Ist anders“, wischte Gunderson die Theorie vom Tisch, bevor sie noch Gestalt annehmen konnte. „Ganz anders. Wäre sie halb so empfindsam wie Rob, sie hätte sich in Marokko anders verhalten. Sie hätte sich in ihrem ganzen Leben anders verhalten. Empfindsame Menschen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Einen hohen moralischen Anspruch an sich selbst und an andere.“ Gunderson drückte mit viel Kraft ihre Zigarette in dem monströsen Kristallaschenbecher aus. „Nichts, womit Eva gesegnet wäre.“

Aber finden soll ich sie doch?, richtete Rita eine stumme Frage an den Fjord, der sich an ein paar Sonnenstrahlen wärmte. Die Wolkendecke war aufgerissen, ein pulsierendes Stück blauer Himmel tanzte über Gauklia, und die Millionärin griff nach einer neuen Zigarette.

3.

Eva Gunderson war ein bildhübscher Fehlschlag von einem Menschen. Sie stand mit beiden Beinen fest in den Wolken und erwartete ernsthaft, dass sich die Welt ihren Vorstellungen angleichen würde, wenn sie, Eva, nur geduldig war. Aus dem Elternhaus strömte ein nie versiegender Fluss von Taschengeldern, um die Wartezeit zu finanzieren. Die Welt anschauen, meinen die Eltern – sagt Birte Gunderson, die mittlerweile ihren kleinen Vornamen vor Rita ausgebreitet hat wie ein Händler, der einen Bettvorleger als Orientteppich anpreist –, die Welt ansehen würde helfen, und mit der Welt waren zuerst die Fjords und Wälder rund um Trondheim gemeint, dann reichte diese Welt nicht mehr, und mehr Welt wurde Eva eingetrichtert, zunächst in homöopathischen Dosen – ein wenig Oslo, ein bisschen Island, ein Krümchen Dänemark –, dann Welt, sprich: Realität, in immer größeren Mengen, damit sie endlich einen Bezug entwickelt, mit dem Träumen aufhört: Ein Jahr in Frankreich. Ein Jahr in den Vereinigten Staaten. Ein Sommer in Israel. Ein Winter in Österreich. Eine Saison in Großbritannien. Doch – Birte schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, eine seltene plebejische Geste in diesem Patrizier-Frühstückszimmer – alles wird stattdessen nur schlimmer, Träume – sagt Birte – werden Evas Religion, sie geht den Eltern verloren, als schlösse sie sich einer lebensfremden Sekte an, Eva Gunderson, eine wahre Gläubige, die Einzigen, denen sie nicht glaubte, sind die Einzigen, die ihr die Wahrheit sagen: Leif und Birte Gunderson, verzweifelte Eltern, in steter Erwartung schlechter Nachrichten von Eva, die immer schlechter werden und in die schlechteste Nachricht münden, dass es mittlerweile keine Nachrichten mehr gibt.

Das Gespräch mit Birte verlief wie eine Bergwanderung – mal ging es mühsam bergauf, wenn die Millionärin mauerte und jede Frage wie eine unverschämte Verletzung ihrer Intimsphäre behandelte, mal hurtig bergab, wenn Rita keine Fragen mehr zu stellen brauchte, weil Birte dahinsprudelte wie eine Quelle, eine Weisheit nach der anderen ausspuckte, freilich alles sehr subjektiv, sehr persönlich, und die nackte Information musste Rita aus diesem Gesprudel erst herausfiltern, denn Birte präzisierte ihr Bild von Eva, als ob sie sicherstellen wollte, dass Rita nicht auf den kühnen Gedanken kam, ein eigenes, ein anderes zu entwerfen.

Eine Mission zeichnete sich ab, die wesentlich mehr enthielt als das bloße Auffinden der verschwundenen – oder entschwundenen – Tochter. Wenn Rita sie dann gefunden hätte – und Birte ließ keinen Zweifel daran, dass sie etwas sehen wollte, wenn schon kein Geld, und redete dabei den Unterschied zwischen einer Versicherungsdetektivin und einem angeheuerten Privatermittler buchstäblich unter den Boden –, wenn Rita also Eva aufgestöbert hätte, dann wäre eine mütterliche Backpfeife zu verabreichen, in der sich Besorgnis und Wut mit einem Knall vereinten, mütterliche Energie unmittelbar in kinetische umgesetzt würde, die Fortsetzung der Liebe mit anderen Mitteln. „Geben Sie ihr eine Ohrfeige“, befahl Birte Gunderson auf einer der Bergab-Passagen des Gesprächs, wo es besonders hurtig dahinging. „Das Kind hat so viel kaputt gemacht und hat keine Ahnung.“

Die Anweisungen für die Zeit nach der Ohrfeige waren weniger klar. In ein Flugzeug setzen, zurückfliegen – Gundersons Fantasie eilte weit vor Ritas nüchterner Einschätzung der Lage. Falls das Kind noch am Leben war, dachte die Detektivin, war entweder mit einer Lösegeldforderung zu rechnen (unwahrscheinlich, die hätte bereits stattfinden müssen), oder die blonde, hübsche Norwegerin, die unverantwortliche Träumerin, hatte sich heimlich mit einem charmanten Nordafrikaner verheiratet und Rita käme keinen Meter über die Ohrfeige hinaus, zu der sie wahrscheinlich ohnehin keine Lust haben würde oder erst gar keine Gelegenheit.

Oder aber Eva war nicht mehr am Leben und Rita würde sich mit der Suche nach ihrer Leiche begnügen müssen, um den Fall abzuschließen. Dachte Rita, die eine wichtige Passage des Versicherungsvertrags noch nicht kannte.

Und schon ging es wieder bergauf, mühsam, als Rita die Möglichkeit eines freiwilligen Untertauchens andeutete. „Seien Sie nicht naiv“, schnappte die Millionärin, und Rita fühlte sich blitzartig auf eine Stufe gestellt mit der wirklichkeitsfremden, verlorenen Träumerin Eva. „Niemand kann ihr das bieten.“ Mit einer eleganten Handbewegung präsentierte Birte Gunderson das Luxusanwesen und den Fjord, wie ein Immobilienagent, der sein schönstes Stück anpreist.

„Kontobewegungen?“, schob Rita das Thema weiter bergauf.

„Das lesen Sie im Bericht.“

„Enthält der Bericht alle Kontoauszüge?“

„Die relevanten Daten.“

Die würden nur enthüllen, was Birte und ihre Privatschnüffler für relevant hielten, und der Erfolg war bekannt: sechs Monate ergebnisloser Suche. Die Gunderson-Mauer war wieder hochgezogen. Rita suchte geduldig nach Durchgängen.

„Sagen Sie mir, wann die letzte Kontobewegung stattgefunden hat.“

Rita ging es nicht um die Fakten, sie wollte Feeling. Was sagte die Millionärin, wenn es ums „Taschengeld“ ging? Verfügte Eva über unerschöpfliche Vorräte, transferiert auf ein anonymes Konto in der Schweiz oder in Österreich, jeder elterlichen und detektivischen Kontrolle entzogen? Oder wurde das Mädchen kurzgehalten, versuchte die Familie auch hier, die Träumerin mit einer unangenehmen Wahrheit vertraut zu machen? Nämlich dass Geld nicht auf Bäumen wuchs, dass man dafür arbeiten musste, dass Geld immer die Frucht einer Anstrengung war, dass es nicht genügte, Töchterlein zu sein, dass sogar ein Bankräuber mehr Anrecht auf Geld hatte, denn der riskierte wenigstens etwas.

Dann fragte sich Rita, inwieweit diese schmerzhafte Realität dem auf allen Fotos breit grinsenden Sohn und Bruder Rob unter die Studentennase gerieben wurde. Im Familienalbum schien Eva von der sogenannten Realität, oder von irgendeiner der zahlreich zur Verfügung stehenden Realitäten, deutlich tiefer beeindruckt als Rob. Sie wirkte skeptisch, zweifelnd, wie jemand auf der Suche. Er hingegen wirkte wie jemand, der schon mit seiner Geburt in der Realität angekommen war und sich dort sauwohl fühlte.

„Wie war die Reise organisiert?“, versuchte Rita, eine Hintertür zur Wahrheit der Gundersons zu öffnen.

„Organisiert?“, hustete Gunderson abschätzig. „Ein Blick auf die Weltkarte – worauf hätten wir denn Lust? – und los ging die Fahrt. Alles war stets eine Frage ihrer momentanen Wünsche. Der gute Leif musste buchstäblich hinter ihr herorganisieren. Wo bist du, kleine Maus? Brauchst du Geld?“ Birte imitierte das gluckenhafte Benehmen ihres Gatten, sein – das war wohl das Wort – Bemuttern. Rita hatte das Gefühl, auf eine erste, wichtige Wahrheit gestoßen zu sein, und fühlte sich ermuntert, um eine Unterredung mit Herrn Gunderson zu bitten.

„Ausgeschlossen“, erwiderte Birte und ihre Zigarette zeichnete eine quicke Barriere in die Luft. „Leif braucht Ruhe. Er muss auf andere Gedanken kommen. Im Übrigen finden Sie alle relevanten Daten im Bericht.“

„Es könnte ihm doch guttun, jemanden zu sehen, der sich auf die Suche nach seiner Tochter macht“, sagte Rita und verfluchte sich im selben Augenblick für die leichtfertige Zusage zwischen den Zeilen. „Denken Sie nicht?“

„Nein“, blockte die Millionärin und fügte keine Erklärung hinzu. Niemand hatte von ihr Erklärungen zu verlangen, sagten ihr Schweigen und ihr Blick.

„Darf ich ihm wenigstens Guten Tag sagen?“, beharrte Rita. „Ihn kennenlernen. Ohne Fragen.“

Birte zuckte die Achseln. „Ich habe nichts dagegen. Erwähnen Sie mit keinem Wort Eva, denn Leif ist zwar ein gebrochener Mann, aber geistig hellwach. Er glaubt nicht mehr daran, seine Tochter lebend wiederzusehen. Sie werden also Guten Tag sagen und sich einen Eindruck vom Ausmaß der Tragödie machen, für die Eva verantwortlich ist.“

Rita nickte. Die Tochter würde wohl vor ein Gericht gezerrt, sollte sie unvermutet doch noch auftauchen. Klägerin: Birte Gunderson. Schadenersatz für erlittene seelische Qualen würde eingefordert, Millionenhöhe – Millionärsschmerzen waren teuer –, ein Leben lang würde das enterbte Kind Leifs väterliche Depression und Birtes mütterlichen Zorn abarbeiten.

Birte erhob sich und ging voran durch einen Korridor, drückte ihre Zigarette an einem der strategisch positionierten Standaschenbecher aus, Rita folgsam hinterher. Sie gelangten in einen dunklen Bereich des Hauses, und als Birte eine Tür öffnete, ohne anzuklopfen, flutete kein Licht in den Gang, stattdessen erkannte Rita einen kleinen Raum, beinahe ein Kämmerchen, in dessen geschlossenen Vorhängen das Tageslicht stecken blieb. Eine rötliche Dunkelheit offenbarte eine Mischung aus Arbeits- und Wohnzimmer mit einem Schreibtisch, Wänden voller Bücherregalen, einem Aktenschrank, einem klobigen Safe und drei Fauteuils rund um einen winzigen Tisch.

„Leif“, schnitt Birtes Stimme durch die verdunkelte Stille des Raumes, und Rita erkannte eine reglose Gestalt in einem der Fauteuils, beide Arme auf den Armlehnen, der Kopf kerzengerade auf dem Hals, eine Brille lag auf dem winzigen Tisch, kein Buch, keine Zeitschrift, nur das rötliche, baumwollene Halbdunkel, darin, wie Leuchtwürmer verstreut, die roten Stand-by-Lichter elektronischer Apparate. „Leif, wir haben eine Besucherin, sie will dir Guten Tag sagen.“

Rita räusperte sich und sagte beklommen: „Guten Tag, Herr Gunderson.“

„Geben Sie ihm die Hand“, befahl Birte.

Rita näherte sich dem Sessel und streckte ihre Hand aus. Langsam hob sich die Rechte des alten Mannes und schloss sich mit überraschender Kraft um die Hand der Detektivin. Ein schmales Gesicht blickte sie an, nicht unfreundlich, bitter vielleicht, verhärmt wahrscheinlich, das Licht reichte nicht aus, um es wirklich zu erkennen. Sie hörte Leif mit leiser Stimme antworten: „Guten Tag, guten Tag.“ Sein Kopf nickte, zwei Augen waren starr auf sie gerichtet.

Rita wollte ihre Hand zurückziehen, doch der Alte hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Die Detektivin wollte sich Hilfe suchend nach Birte umwenden, da flüsterte der Alte: „Finden Sie meine Tochter. Finden Sie Eva.“

„Frau Kleefman ist in Eile“, detonierte Birtes Stimme wie eine Granate im Raum.

„Finden Sie Eva“, wiederholte der alte Mann und legte nun auch seine Linke auf Ritas Hand. „Sie schaffen das.“

Birte sprach kein Wort, als sie Rita durch den dunklen Gang zurück ins Dämmerlicht führte und von dort an den Ausgang, den Hauptausgang diesmal, quer durch eine Vorhalle mit kristallklaren Fjordgewässern und saftigem Tann in wuchtig gerahmtem Öl, eine Garderobe aus Wurzelholz, ein Spiegel wie in Kasernen, um vor dem Ausgang den richtigen Sitz der Krawatte, die präzise Neigung des Kopfschmuckes, die horizontale Ausrichtung der Orden überprüfen zu können, und Rita erkannte, dass Birte Uniformen nicht nur für nützlich hielt, sondern wahrscheinlich liebte. Abwesend drückte die Millionärin wieder einen Klingelknopf und streckte ohne hinzusehen ihren Arm aus, um Asche von ihrer Zigarette in einen schmiedeeisernen Standaschenbecher flocken zu lassen. Vermutlich hatte Birte einen Lageplan aller Aschenbecher im Kopf und vermochte das Haus mit einer glimmenden Zigarette in absoluter Dunkelheit zu durchschreiten, ohne dass ein einziges Ascheflöckchen den Parkettboden und die wuscheligen Ziegenfellteppiche versengte. Birtes Blick war für die wichtigen Dinge im Leben reserviert, und dieser Blick war nun mit geradezu sanfter Nachdenklichkeit auf Rita gerichtet.

„Wissen Sie, Frau Kleefman“, sagte Birte, „Es kümmert mich ganz offen gestanden – und Sie verzeihen bitte schön den harten Ausdruck – einen Scheißdreck (I give a shit), was Sie persönlich von mir halten. Doch als jemand, der eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen hat, verdienen Sie sich allen Respekt der Welt. Ganz offenbar ist in diesem Haus nicht jeder mit meiner Handhabung dieser Affäre einverstanden, und das schließt Leute ein, die hier nur ihren Job zu erledigen haben, die hier nur ihr Geld verdienen und die Klappe halten sollen. Aber das tun sie natürlich nicht. Das ewige Dilemma mit dem Hauspersonal. Man hat kein Privatleben mehr. Irgendjemand hat gegen meine spezifische Anweisung Leif von Ihrer Ankunft und Ihrer Mission erzählt. Ich hatte meine Gründe, diese Information von ihm fernzuhalten. Ich stehe in täglichem telefonischem Kontakt mit einem der besten Psychiater Oslos, und das Einzige, was ich versuche, ist...“

Birte machte ein verkniffenes Gesicht, Rita wartete mehr neugierig als betroffen auf eine Fortsetzung ihrer Erklärung – oder war es eine Ansprache, eine Rechtfertigung? –, doch als die Detektivin verstand, dass Birte weinte, war der beinahe zärtliche Augenblick schon verstrichen. Die Millionärin hatte weder die Hände vors Gesicht genommen, um ihre Tränen zu verbergen, noch ihren Blick von Rita gewandt. Sie stand da, die Zigarette achtlos in der herabhängenden Rechten, die Linke neben der Sprechanlage an die Wand gestützt, und weinte.

„Manchmal weiß man nicht mehr, was richtig und was falsch ist“, schluchzte sie. „Die Fachleute sagen eines, der Instinkt sagt etwas anderes, dann geben dir Freunde Ratschläge, und am Ende kommt noch das eigene Hauspersonal daher, Idioten, die mit Mühe eine Einkaufsliste lesen können, und geben ungefragt ihren Senf dazu. Man kommt sich vor wie der Hauptdarsteller einer Seifenoper, nur dass die verdammte Show dein eigenes Leben ist, und in der Küche, in den Gängen, im Garten draußen diskutiert das Publikum die Episoden. Es ist so furchtbar.“

Das Drama der Reichen. Hastig wischte sich Birte die Tränen ab, die über ihre Wangen geströmt waren, und wandte sich exakt in dem Moment um, als Bugge in die Vorhalle trat. Ein exaktes Uhrwerk, dieser Landsitz, und die Frau, die den Rhythmus vorgab, hatte nichts Weinerliches mehr an sich, als sie dem Privatsekretär mitteilte, Knut würde Frau Kleefman zurück ins Hotel bringen, mit dem Land Rover, denn sie bräuchte den Audi jetzt selbst, Gunnar solle sich bereit machen.

Mitten in diese Traurigkeit hinein, deren Zeugin Rita wurde, machte Birte Gunderson auf eine Klausel des Versicherungsvertrages aufmerksam, der die Versicherung zu äußerster Diskretion verpflichtete. „Wir wollen nicht zur Zielschreibe von Erpressern und Hochstaplern werden“, erklärte sie. „Das dürfte auch im Sinne Ihrer Ermittlungen sein.“

Zum Abschied entschuldigte sich die Millionärin. Für den verspäteten Empfang, für ihre schlechte Laune, für die Szene mit Leif, für die Szene im Eingang, für gewisse politisch inkorrekte Bemerkungen über das Hauspersonal, für die Unterbrechung des „Urlaubs“, für alle Unannehmlichkeiten, die sie verursacht hatte und die dieser Fall noch verursachen würde, um alles bat die Millionärin um Verzeihung, wenn Rita nur die dumme, kleine Eva auftreiben könnte. Und Rita erwiderte, sie würde ihr Bestes geben, und fragte sich, warum sie schon wieder zusagte, denn im tiefsten Inneren feilte sie seit ihrer Ankunft in Gauklia an einem Mega-Pack von Argumenten, die sie Hanno de Mey zum Auftakt ihres Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisses auf den Schreibtisch knallen wollte und die nur einen Zweck hatten: Rita den Ausflug nach Marokko zu ersparen.

Gauklia verschwand in der Staubwolke des schmutzigen Land Rovers, an dessen Steuer der von Birte als Fahrer eingeteilte Gunnar saß, ein unangemessen fröhlicher Dreißiger, vom Typ her eine sehr norwegische Mischung aus Stadtmensch und Rustico, Brille und Strickpullover, amüsiertes, nahezu intellektuelles Grinsen und klobige Waldschuhe, aus denen waldfarbene Wollsocken quollen. Während der ganzen Fahrt tat er, als könnte er sich nur mit Mühe davon abhalten, alle Geheimnisse der Familie Gunderson zu verraten, doch Rita erkannte bald, dass es nur seine Art war, sich interessant zu machen, vielleicht zu flirten. Als sei die Detektivin ohnehin eine Eingeweihte, stieß er die Namen der Familienmitglieder hervor und schüttelte dazu lachend den Kopf. „Diese Eva!“, rief er aus. „Diese Eva!“ Und nicht einmal Ritas bohrendster Zuhörerblick konnte Gunnar Konkreteres entlocken, nicht bei „Dieser Rob!“, nicht bei „Diese Birte!“, nicht bei „Dieser Leif!“, wo er sich nur das alberne Wortspiel „Such is Leif!“ erlaubte und kilometerweit dazu lachte.