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Im luxuriösen Wohnsitz der Rockstar-Tochter Mia Shortcut auf Ibiza ereignet sich ein rätselhafter Mord. Als die Ermittlungen sich festfahren und Mia in Verdacht gerät, an einem Komplott beteiligt zu sein, engagiert die Prominente einen Späthippie namens Ibiza-Jacques. Der ehemalige Steuerfahnder gilt als Geheimtipp mit exquisiter Spürnase. Sein eigenwilliges Auftreten stellt Mia auf eine harte Probe. Aber auch der Hippie-Detektiv wird bis an seine Grenzen gefordert, denn hinter dem Mord verbirgt sich ein düsteres Geheimnis.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kurzbeschreibung
Im luxuriösen Wohnsitz der Rockstar-Tochter Mia Shortcut auf Ibiza ereignet sich ein rätselhafter Mord. Als die Ermittlungen sich festfahren und Mia in Verdacht gerät, an einem Komplott beteiligt zu sein, engagiert die Prominente einen Späthippie namens Ibiza-Jacques. Der ehemalige Steuerfahnder gilt als Geheimtipp mit exquisiter Spürnase. Sein eigenwilliges Auftreten stellt Mia auf eine harte Probe. Aber auch der Hippie-Detektiv wird bis an seine Grenzen gefordert, denn hinter dem Mord verbirgt sich ein düsteres Geheimnis.
Thomas Fitzner
Ibiza-Jacques und der Tote im Kräutergarten
Kriminalroman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2018 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2018 by Thomas Fitzner
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur Ashera.
Lektorat: Raiko Oldenettel.
Korrektorat: Anika Beer.
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-194-2
www.facebook.com/EdelElements/
www.edelelements.de/
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
Quellenhinweise
Für Andrea
„Amb bon temps, tothom és bon mariner“
(Bei gutem Wetter ist jeder ein guter Seemann)
Balearisches Sprichwort
Es war einer dieser Tage, an dem sogar die Leuchtreklamen farblos schienen. Ein grauer Regen reinigte die Luft über Zürich und spülte dabei wie eine übereifrige Putzfrau auch das in die Abflüsse, was den Bewohnern nützlich war. Zum Beispiel Lebensfreude. Das Grau schien sich bis ins Innere des Café Kullmann fortzupflanzen, wo der Beamte Jakob Reinhauser vor einer Tasse Kaffee saß und sich fragte, ob er denn recht gehört hatte, und wenn ja, ob er das soeben Gehörte auch richtig verstand. Ihm gegenüber saß Urs Wallig, der vierschrötige Bundesrat aus dem Aargau, und beobachtete aufmerksam das Mienenspiel des jungen Steuerfahnders. Dieser wurde von Kennern der Szene seit einiger Zeit nur noch „der brillante, junge Steuerfahnder“ genannt.
Aber das half in diesem Augenblick wenig. Er, der Brillante, konzentrierte sich in diesem Moment vor allem darauf, keine Reaktion zu zeigen. Was ihn einige Mühe kostete.
Im Hintergrund seiner Gedanken fragte sich der Steuerbeamte, ob Wallig ihm tatsächlich zu verstehen gegeben hatte, er möge die Umsatzsteuerprüfung Braun lieber zu den Akten legen. Und hatte Wallig wirklich gemeint, dass von der Befolgung dieses Ratschlags möglicherweise die berufliche Zukunft des „brillanten, jungen Steuerfahnders“ abhing?
„Wir haben in der ESTV noch andere Jobs, für die Ihr Profil perfekt wäre“, sagte Wallig nun. „Zum Beispiel in der Lehrmittelabteilung.“
Reinhauser ergriff seinen Kaffeelöffel und rührte um, rührte um, rührte um, eine Ewigkeit lang. Draußen rauschte eine Straßenbahn wie ein Schiff durch den Regen. Der „brillante, junge Steuerfahnder“ rief sich in Erinnerung, dass Wallig keine realen und direkten Befugnisse in der ESTV, der Eidgenössischen Steuerverwaltung, hatte, und dass der bloße Versuch, auf die Sache Braun Einfluss nehmen zu wollen, einen Skandal auslösen konnte. Wenn er es recht bedachte, war Wallig in einer Harakiri-Mission unterwegs.
Aber irgendetwas an dem Bild, das sich Reinhauser bot, stimmte nicht. Wallig war als vorsichtig, als konservativ bekannt, als einer, der um sein Image besorgt war. Doch besorgt schien der Bundesrat in diesem Augenblick nicht im Geringsten. Jakob Reinhauser hatte es trotz seiner Jugend schon oft mit Menschen zu tun gehabt, die ihm gegenüber ein hohes Risiko eingegangen waren. Gestandene Unternehmer, abgebrühte Geschäftsleute, gerissene Hasardeure. Und der Steuerfahnder von der ASU, der gefürchteten, aber auch respektierten Abteilung für Strafsachen und Untersuchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung, meinte mittlerweile an mikroskopischen Signalen in der Körpersprache des anderen zu erkennen, wenn die Sicherheit eine vorgegaukelte war.
Wallig sandte keine derartigen Signale aus. Er saß da wie ein Fels und schien bester Laune.
„Sie können natürlich weitermachen“, sagte der Bundesrat und spreizte die Hände beidseits einer Tasse heißer Ovomaltine und eines Tellers voller Zimt-Offleten. „Damit wir uns richtig verstehen: Ich fordere Sie nicht auf, die Sache Braun zu den Akten zu legen.“
Aha, dachte Reinhauser.
„Ich biete nur als guter Schweizer Bürger meine Hilfe an. Es wäre eine Schande, wenn die Ressourcen der Eidgenössischen Steuerverwaltung auf einen Fall verschwendet würden, der sich am Ende in Luft auflöst. Ein Ausgang, der vorhersehbar ist.“ Die gespreizten Hände vollführten eine explosionsartige Geste. Dann senkte Wallig den Kopf und auch die Stimme. „Das ist eine vertrauliche Information. Jedes Wort ein Korn Gold. Ich will keine Gegenleistung. Ich will nur das Beste. Für unser Land. Für unsere Verwaltung. Und natürlich auch für Sie.“
Reinhauser zog instinktiv seine Linke zurück, weil er den Eindruck gewonnen hatte, Wallig wolle sie tätscheln. Der Bundesrat durchschaute den jungen Beamten und lächelte. Da war ein Hauch von Geringschätzigkeit in diesem Lächeln. Es sagte: Du hast keine Chance, Bürschchen.
Etwas in Reinhauser revoltierte. Was sollte das eigentlich? Sie waren in der Schweiz!
Mit trockener Kehle fragte er dann: „Warum haben Sie mir das über die Lehrmittel-Abteilung erzählt?“
„Guter Mann!“, sagte Wallig, und das Doppelkinn des gut genährten Politikers akzentuierte sein Kopfschütteln in einer Art, die Reinhauser unter anderen Bedingungen als komisch empfunden hätte. „Guter Mann! Wo landen Steuerfahnder, die zu oft danebenhauen? Das entscheide nicht ich, da wird Ihr Vorgesetzter seine Schlussfolgerungen ziehen. Und überhaupt: Was ist so schlecht an der Lehrmittel-Abteilung!? Kein Glanz und keine Glorie, das stimmt wohl, aber die Leute dort sind doch auch glücklich. Weniger Druck, weniger Stress, alles hat seine Vor- und Nachteile.“ Walligs Augenbrauen gingen in die Höhe. „Alles kommt darauf an, wofür man geboren ist. Diesen Jagdinstinkt, den Sie ja zweifelsohne besitzen, können Sie auch in der Freizeit ausleben. Oder wie sehen Sie das?“
„Ähnlich“, erwiderte Reinhauser. Zu rasch, wie er selbst empfand.
„Sehen Sie meine Information als Geschenk.“ Wallig begann seine Offleten zu verzehren, ein Zeichen, dass er das Gespräch für beendet ansah. Ab jetzt war alles, was sie sagten, nur noch Konversation. „Ich habe Einblick. Und Sie haben Glück. Echtes Glück. Nutzen Sie es!“
Der Kaffee wurde kalt. Reinhauser saß noch gut eine halbe Stunde, als ihm gegenüber der Stuhl schon leer war.
Wofür war er geboren? Eine gute Frage. Eine sehr gute Frage. Es war der Moment, da er beschloss, genau darüber ernsthaft nachzudenken. Sein Blick schweifte nach draußen. Regenschirme. Rinnsale. Hastende Menschen.
Jakob Reinhauser gähnte in die Morgenstille hinein und wartete darauf, dass Landvogt Gessler endlich krähte. Landvogt Gessler – so hieß der Hahn in Jakobs Gehege, ein Tyrann, der nicht nur den Hühnern, sondern allen Bewohnern auf den Wecker ging auf dieser Finca, deren Schild an der Einfahrt „Can Jacques“ verkündete. Geschah ihm recht, dem blöden Vogel, dass er nun den Namen des von jedem aufrechten Eidgenossen gehassten Landvogtes trug, der Wilhelm Tell dazu gezwungen hatte, seinem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen.
Jakob sog die Luft ein. Es war der 1. Februar und im ganzen Haus roch es nach Feuchtigkeit. Niemand hatte ihn damals, in der Schweiz, davor gewarnt, dass es in einem Haus auf einer Mittelmeerinsel so feucht sein konnte. Dass es sogar regnete, manchmal tagelang. Ja mehr noch: Im Winterhalbjahr konnte es auf der „Sonneninsel Ibiza“ ungemütlich kalt werden, zumindest in der Nacht. Temperaturen zwar, über die ein Schweizer nur müde lächeln konnte, wenn man alleine das Thermometer betrachtete, selten weniger als neun oder zehn Grad. Aber die Feuchte war es, die diese Kälte in den Körper kriechen und nach rheumatischen oder mentalen Schwachpunkten Ausschau halten ließ.
Dabei hoffte Jakob eigentlich auf Regen, der Garten brauchte ihn dringend, und die Zisterne sowieso. Spaniens Problem, hatte er einmal gelesen, war der unregelmäßige Regen und dass sich das Land auf diesen Umstand nicht ausreichend eingestellt hatte. Die Verwaltung des kostbaren Rohstoffes Wasser löste es lieber mit Entsalzungsanlagen und dem Anzapfen von Grundwasserreserven. Die gigantischen Zisternen der alten Stadthäuser, in denen früher das Regenwasser gesammelt worden war, dienten heute als Tiefgaragen. Dabei lag genau darin die Lösung: Speichern für die langen Wochen ohne Niederschläge.
Angestrengt lauschte Jakob durch das stets offene winzige Fenster seines Schlafzimmers in die Nacht hinein und vernahm so etwas wie ein Getröpfel. War das der Morgentau, der von den Blättern perlte, oder endlich der ersehnte Regen?
Wenn es denn Niederschlag war, dann hoffentlich mehr als ein paar Tropfen, denn Timna und Selina würden ihn schon beim geringsten Anschein von Regen aus dem Bett zerren und zwingen, sie zur Haltestelle des Schulbusses zu fahren. Wenn das sein musste, dann wenigstens im Tausch gegen einen schönen Niederschlag.
Die beiden älteren Töchter besuchten das „Instituto“, die weiterführende Schule. Der Unterricht begann früh und Jacques würde Tanit wieder allein im Haus lassen müssen, um die beiden Señoritas zur Haltestelle zu fahren. Ein Problem. Normalerweise schlief die Kleine wie ein Felsbrocken, aber wehe, Papa entfernte sich fünfzehn Minuten vom Haus. Tanit musste eine Art Alarmanlage eingebaut haben, die losschrillte, sobald sie in Can Jacques alleine war. Unheimlich, dieser sechste Sinn von Kindern.
Es wäre nicht nur angenehm, sondern auch praktisch, jemanden zu haben, mit dem man das gemeinsam schaukeln könnte. Für einen Moment schlich sich der Name Asu in seine Gedanken. Doch weil Jakob wusste, was dieser Name mit seiner Stimmung anrichten würde, drückte er ihn weg. Für die Erinnerung an Asu, Taufnahme Asunción, Mutter von Selina, Timna und Tanit, war der monatliche Besuch an jenem Strand gedacht, an dem er seinerzeit die Asche ins Meer gestreut hatte.
Ah – es ging los: Landvogt Gessler teilte der Familie mit, dass seiner Meinung nach in diesem Moment der Morgen anbrach, obwohl es noch stockfinster war. Der Hahn würde sich etwa zehn Minuten lang die Seele aus dem Leib krähen und dann konnte Jakob weiterschlafen.
Wie so oft, wenn er gerade rechtzeitig für die Morgen-Performance des Landvogts aufwachte, erinnerte er sich an jenen Morgen im Café Kullmann in Zürich, an dem er darüber nachzudenken begann, wo tatsächlich sein Platz gewesen war. Und er entsann sich, wie damals die Gedanken zu seinem Bruder Orell gewandert waren, der ihm so viel über Ibiza erzählt hatte, und danach zum alten VW-Bus des Bruders, der im Garten hinter dem Elternhaus gestanden hatte und eigentlich nur hätte überholt werden müssen. Eine Gedankenkette, die ihrerseits zu einer Kette von Aktionen und einer Verkettung von Ereignissen geführt und sein Leben auf den Kopf gestellt hatte.
Jakob lag also wieder wach, wie jeden Morgen. Und für kurze Zeit war er wieder ein braver Schweizer Bürger, ein Beamter, der nachzählte, wie viel „Stutz“ er noch hatte, um den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, welche Arbeiten heute wieder auf seiner Finca anstanden, welche Probleme zu lösen waren und wie er es anstellen wollte, Selinas Klassenreise zu bezahlen, und ob er das überhaupt wollte. Er durchlebte seinen „Schweizer Moment“. Genau davor war er damals geflohen. Vor dem Druck. Dem Zwang. Den täglich selben Sorgen ums Materielle. Dem Zählen von Geld, das man hatte oder das eben fehlte.
Aber dieser Moment dauerte nur, solange Landvogt Gessler seine dissonante Morgensinfonie intonierte. Dann schlummerte Jakob Reinhauser ein. Wenn er später erwachte, um den Tag in Angriff zu nehmen, war er Ibiza-Jacques. Und dem war vollkommen egal, dass ihm nur noch vierzehn Tage blieben, um die zweihundert Euro für Selinas Klassenreise aufzutreiben. Selina würde es verstehen, oder zumindest keinen großen Aufstand machen, weil sie es gewohnt war. Die älteste Tochter von Ibiza-Jacques war stramm antimaterialistisch erzogen, und sie tat zumindest so, als sei diese Erziehung erfolgreich gewesen.
Nur – irgendwie wurde er für das alles doch zur Kasse gebeten. Zum Beispiel, wenn Selinas Hand ihn wachrüttelte und die Sechzehnjährige auf Spanisch sagte: „Papa, steh auf, es regnet, du musst uns zur Haltestelle fahren!“
Jakob, der nun Jacques war, fluchte leise und dachte: Seine künftige bessere Hälfte müsste Frühaufsteherin sein, um diesen Teil des Familienprogramms zu übernehmen; das stand im Anforderungsprofil ganz oben.
„Es gibt da eine Erfindung“, sagte er, während er sich eine zerschlissene Arbeitshose anzog und nach Hemd und Jacke suchte. „Benannt nach einem genialen Schweizer Tüftler namens Julius Regenschirm.“
Selina blickte resignierend Richtung Decke, während Timna noch die Reste ihres Müslis löffelte, das Jacques am Abend vorher zubereitet hatte. Ihr Gesichtsausdruck sagte: Immer derselbe blöde Witz. „Ja, Papa. Schon gut, Papa.“
„Nein, ehrlich, Mädchen, muss ich jetzt Benzin verbrennen, nur damit ihr keinen Regentropfen abkriegt?“
Selina, die das schwarze Haar und die braunen Augen ihrer Mutter geerbt hatte, sah ihn streng an und holte ihr Killer-Argument aus dem Köcher: „DU hast diesen Ort zum Leben ausgesucht, nicht wir. Das Haus musste ja unbedingt drei Kilometer von der Straße entfernt sein. Dann nimm jetzt die Konsequenzen auf dich. Komm, wir sind spät dran, wir versäumen den Bus!“
Es waren natürlich keine drei Kilometer, aber in einem hatte Selina recht: Das verfallene Haus mit dem weitläufigen, damals vollkommen verwilderten Gelände, hatte Asu und ihm nicht nur deshalb so gut gefallen, weil es für wenig Geld zu haben gewesen war, sondern auch, weil es „weit weg von der Zivilisation“ lag – zwei Umstände, die natürlich miteinander verknüpft waren. In diesem entlegenen Winkel, meinten sie damals, konnten sie eine eigene Welt nach ökologischen Grundsätzen schaffen, ein kleines Utopia jenseits der Hektik des modernen Lebens.
Missmutig stieg Jacques in seinen VW-Bus, in dem Selina und Timna bereits auf den Vordersitzen Platz genommen hatten. Er dachte kurz an sein Projekt, den Motor auf Biogas umzustellen und das Vehikel quasi mit dem Kot von Landvogt Gessler und dessen Harem zu betreiben. Oder, als Alternative, einen Elektromotor einzubauen und einige Solarpanelen als private Tankstelle in das Weideland neben dem Haus zu pflanzen. Damit könnte er sein ökologisches Gewissen beruhigen. Aber für dieses Projekt fehlte ihm, wie für vieles andere, „die Stutz“. Vielleicht war es wieder einmal so weit und er musste nach Arbeit des alten Musters Ausschau halten. Einem Nachbarn die Steuererklärung machen. Oder herausfinden, wer dem guten Mann regelmäßig die Mandelbäume leerpflückte.
Und hoffen, dass es niemand aus seinem Bekanntenkreis war ...
So begann also heute, achtzehn Jahre nach ihrer Gründung, ein Tag in jener besseren Welt namens Can Jacques, deren Motto „giftfrei, stressfrei und gewaltfrei“ lautete. Mit dem Verbrennen von Benzin, damit zwei junge Damen nicht durch den Regen zum Schulbus marschieren mussten, mit Sorgen wegen Geld, das ihm fehlte, und mit Mordgedanken gegen Landvogt Gessler.
Dafür würden heute alle bezahlen, die mit ihm zu tun bekamen und nicht Selina, Timna oder Tanit hießen.
„En martes, ni te cases ni te embarques.“
(Heirate nie und besteige nie ein Schiff an einem Dienstag)
Spanisches Sprichwort
Es war ein regnerischer Dienstag, und damit begann das Problem: Schnecken. Wann immer es über Nacht regnete oder die Feuchtigkeit der Februarnächte den Garten von Can Raoul mit Tau überzog, krochen sie aus ihren Verstecken. Einmal mehr wurde klar, dass diesen Blattsalatkillern nur mit schmutzigen Tricks beizukommen war. Es sei denn, man konnte es sich leisten, und dafür musste man über ein großzügiges Zeit- oder Geldbudget verfügen, zwei Anforderungen, die generell nur von Aussteigern (Zeit) oder Millionären (Geld) erfüllt wurden.
Wie jeden Morgen bestieg der Hilfsgärtner Arnau Vives vor Sonnenaufgang sein Moped und trat den Weg zur Luxusvilla der Rockstar-Tochter Mia Shortcut an, um rechtzeitig zur Schneckeninvasion einzutreffen und das nötige Massaker im umweltfreundlichen Stil vorzunehmen: per Hand.
Heute war er früher als gewohnt angekommen. Arnau liebte es, seine Arbeit in gemächlichem Tempo zu verrichten. Lieber fügte er vor und nach seinen vertraglich festgelegten sechs Stunden eine Viertelstunde an, oder auch eine halbe, als den strafenden Blick der Französin zu riskieren, die es irgendwie verstand, ihre Untergebenen anzubrüllen, ohne dabei laut zu werden. Mit Anaïs Bonnay war nicht zu spaßen. Arnau navigierte daher lieber auf der sicheren Seite. Fünfzehn zusätzliche Minuten, um sicherzustellen, dass die Französin keine Schnecke in den Salatbeeten oder zwischen den Kräutern fand.
Arnau gelangte zum Wachhäuschen, wo die beiden Diensthabenden kurz aufblickten und grüßten. Lautlos rollte das elektrische Tor zur Seite und gab den Weg frei. Um keinen Lärm zu machen, schob Arnau das Moped den ganzen Weg bis zum Hauptgebäude und stellte es hinter einer Mauer auf dem abgeschirmten Parkplatz für das Dienstpersonal ab. Dann ging er direkt zum Kräutergarten, schaltete dessen matte Beleuchtung ein und begann, was er die „Schneckenpatrouille“ nannte.
Seit mehreren Monaten versuchte Arnau, sich den Blick der Französin anzutrainieren. Nicht den strafenden, dafür fehlte ihm neben dem Charakter auch die Position, er war der kleine Angestellte, sie die rechte Hand der Hausherrin. Nein, den suchenden Blick wollte er lernen, diesen Scan-Blick, der binnen Sekunden alles offenbarte, was nicht perfekt erledigt war. Und möglicherweise war der junge Ibizenker drauf und dran, das Geheimnis des Anaïs-Blicks zu ergründen, denn schon auf den ersten Metern, im Halbdunkel eines herandämmernden Morgens voller Regenwolken und einem Getröpfel, das immer intensiver wurde, nahm er etwas wahr, das nicht in den Garten passte: Zwei Schuhe lugten aus den Büschen hervor.
Kurz erwog Arnau die Möglichkeit, dass vielleicht eine Fiesta oder eine „Performance“ stattgefunden hatte, die von der Terrasse in den Garten übergeschwappt war. Can Raoul wurde von merkwürdigen Menschen bewohnt und auch besucht, da lagen schon mal merkwürdige Dinge herum. In seinem Arbeitsvertrag waren drei Seiten den Bestimmungen darüber gewidmet, was er wem alles nicht erzählen durfte, und was ihm blühte, wenn er es doch tat. Selbst ihm, einem schlicht veranlagten Gemüt, erschien es kurios, wie streng alles geregelt war im Haus einer Frau, deren Vater Millionen verdient hatte mit Liedern wie „Do what you want“.
Nein, „Tu was du willst“ war definitiv nicht die Devise in Can Raoul. Dafür sorgte schon die bildschöne Französin, deren Lächeln ihm manchmal einen kalten Schauer den Rücken herunterjagte.
Und der Garten war Off-Limits. Daran hielt sich sogar Mias Papa, vollkommen unabhängig davon, dass alles, was sich seine Tochter kaufen konnte, mit Alben wie „Tender Rebellion“ bezahlt wurde. Wenn es um den Gemüse- und Kräutergarten ging, wurde Mia Shortcut zur Spießerin und Sean Shortcut zum braven Bürger.
Deshalb meinte Arnau, dass die Schuhe vielleicht die Reste des Atrezzo einer außer Kontrolle geratenen spontanen Show darstellten und als solche übers Geländer der Terrasse in den tiefer gelegenen Garten geflogen waren. Beinahe war der Hilfsgärtner stolz darauf, wie schnell er diese Fremdkörper entdeckt hatte, und er näherte sich heiteren Mutes der Stelle, als das Rätsel plötzlich eine neue Dimension annahm.
Arnaus Rechte begann nach etwas zu suchen, um sich festzuhalten.
Wie er nun erkannte, waren die Schuhe, die Fremdkörper, mit einem fremden Körper verbunden, der leblos zwischen den Kamille- und Dillpflanzen und einer Trockensteinmauer lag. Der Kopf ruhte in einem dunklen Etwas, von dem der Hilfsgärtner wusste, dass es kein frisch aufgetragener Kompost war, denn er, Arnau, trug den Kompost auf, und genau das hatte er hier schon seit Längerem nicht getan.
Damit konnte das Dunkle, das sich auch über den angrenzenden Steinweg erstreckte, nur eine Blutlache sein.
Wie angefroren blieb Arnau stehen. Mit einem Mal war die Umgebung voller Geräusche, die er ansonsten ausgeblendet hätte. Der Hilfsgärtner tat sein Bestes, nicht in Panik auszubrechen, und überlegte sich nun jeden Schritt genau, während er das Umfeld des Hauses nach Signalen der Bedrohung absuchte. Hatte sich beim Haus nicht gerade etwas bewegt, dort, zwischen dem Granatapfelbaum und der Bougainvillea? Arnau zwang sich zur Ruhe. Wahrscheinlich, sagte er sich, waren das nur seine überreizten Sinne. Wenn da wirklich jemand wäre ... er sah lieber nicht hin.
Im Bemühen, die Kontrolle zu bewahren, bewegte er sich nur langsam und fühlte sich beinahe gelähmt, wie in diesen Träumen, in denen man laufen will und nicht von der Stelle kommt. Sein Instinkt riet ihm, sich möglichst weit von dem Toten zu entfernen. Somit war es praktisch, dass das Steinhäuschen der Wachleute fast einen halben Kilometer entfernt lag, am Eingang zu diesem riesigen Anwesen namens Can Raoul. Als er dort endlich ankam, war es beinahe schon hell. Arnau – noch immer im Zeitlupen-Modus – schaute den beiden Wachleuten eine Weile von draußen zu, wie sie gelangweilt fernsahen, bis einer von ihnen den Kopf wandte und am Gesichtsausdruck des Hilfsgärtners erkannte, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste.
Von da an beschleunigte der Tag.
Anaïs Bonnay, die leise Frau mit den schreienden Augen, würde ihn später fragen, warum er nicht Alarm geschlagen habe. Genau dafür habe man doch überall, sogar im Kräutergarten, die „Panik-Buttons“ installiert. Dicke rote Knöpfe, mit denen man binnen Sekunden das Sicherheitspersonal mobilisieren und zu einem präzisen Bereich des Anwesens lenken konnte. In einer seltenen Anwandlung von Eloquenz würde Arnau erwidern, dass Panik zu genau jener Art von Zustand führte, in dem man „Panik-Buttons“ nicht mehr wahrnahm.
Bis zum Eintreffen der Polizei wurde Arnau in der Werkstatt festgesetzt und bewacht, als wäre er der Hauptverdächtige. Schlagartig wimmelte es auf dem Anwesen von privaten Sicherheitsleuten, und mit einiger Verzögerung dann auch von Polizisten. Später kamen noch zwei Männer im Sakko und mit Aktentaschen und Sonnenbrillen hinzu, offensichtlich Anwälte, die sofort einen unsichtbaren Schutzwall zwischen der Polizei und der Hausherrin aufbauten. Das allgemeine Personal blieb klar außerhalb dieser virtuellen Schutzzone. Im Gegenteil, Arnau hatte den Eindruck, dass er, der Hilfsgärtner, Susanna, die Köchin, und Maribel, das Hausmädchen, der Polizei quasi zum Fraß hingeworfen wurden, um die Hausherrin vor dem Zugriff der Gesetzeshüter zu schützen.
Stunden vergingen, bis er endlich vernommen wurde. Die Fragen erschienen dem Hilfsgärtner derart idiotisch, dass er eine Weile den Verdacht hegte, die Polizei wolle ihn der Einfachheit halber und aus purer Bequemlichkeit direkt als Mörder mitnehmen. Akte geschlossen, zurück ins Büro, am Abend ist Fußball im Fernsehen. Den Schatten, den er sich wahrscheinlich eingebildet hatte, erwähnte er nicht. Etwas sagte ihm, dass die Polizei dies nur als plumpen Versuch interpretieren würde, sich selbst zu entlasten, indem er den Verdacht auf ein formloses und daher unbeschreibbares Wesen lenkte.
Man zwang ihn sogar, sich das Gesicht des Toten anzusehen, bevor man diesen in einer langen grauen Limousine wegbrachte, ein junger Mann mit einem „Giri-Gesicht“, Ausländer aus dem Norden, zumindest dem Anschein nach. Wobei die Blässe wohl auch dem Umstand zuschulden war, dass der Mann tot war, wie Arnau anmerkte, um etwas Nützliches zu den Ermittlungen beizutragen. Die Bemerkung war kein großer Publikumserfolg.
Mia Shortcut, die Königin dieses kleinen Reiches an der Nordwestküste Ibizas, bekam Arnau nur einmal kurz zu sehen, als Silhouette, die Hände an den Kopf gelegt, in einer Geste der Erschütterung oder Ratlosigkeit. Mit der Ruhe in Can Raoul war es vorbei. Bloß die Französin bewahrte genau das, nämlich Ruhe, und sah ihn nur einmal an. Es war der berüchtigte Anaïs-Blick, der sagte: Was hast du nun wieder verbockt?
Als Arnau am Abend endlich nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau Neus: “Ich habe keine Ahnung, ob sie mich heute rausgeschmissen haben. Was würdest du tun?”
Neus dachte nach. Dann erwiderte sie mit dem markant bodenständigen Hausverstand der balearischen Frauen: “Morgen rufst du an und fragst.”
Can Jacques, „das Haus von Jacques“, war ein kleiner Gebäudekomplex wie alle traditionellen ibizenkischen Häuser: organisch gewachsen, Zimmer um Zimmer, Anbau um Anbau, mit Kalk geweißelt und der Inbegriff mediterraner Wohnkultur. So perfekt war dieses Konzept entwickelt worden, dass ein katalanischer Avantgarde-Architekt Anfang des 20. Jahrhunderts buchstäblich unter Schock von einer Reise nach Ibiza zurückkehrte, dieser damals so vergessenen, urtümlichen, ja rückständigen Insel. Mit seinen Kollegen hatte er jahrelang über den Aufbruch zu einem revolutionären modernen Wohnbau diskutiert, doch musste er ihnen mitteilen: Leute, das revolutionäre moderne Wohnhaus, wie wir es erdenken wollen, ist bereits erfunden, und zwar von den rückständigen Bauern auf Ibiza.
Als Jacques von seinem Taxidienst zur Bushaltestelle zurückkehrte, saß Tanit im geometrischen Mittelpunkt des Wohnzimmers auf dem Boden und machte das traurigste Gesicht, zu dem sie fähig war. Er dachte noch: welch erstaunlicher Instinkt! Das Wohnzimmer war bestimmt das Zentrum des Gebäudes, und die Neunjährige saß im Mittelpunkt des Zentrums wie auf einer Bühne, alle mentalen Scheinwerfer auf sie gerichtet, und zeigte deutlich, was sie davon hielt, dass ihr Vater sie in dem Anwesen alleine gelassen hatte.
„Trainierst du für die Bezirksmeisterschaft im Traurigschauen?“, raunte er der Kleinen zu. „Jetzt mal ehrlich: Ein klein wenig Schauspielerei ist doch dabei, du! Hm?“ Zärtlich stupste er sie an. „Hmmmm?“
Aber obwohl Tanit – auch sie schwarzhaarig wie ihre Mutter Asu – gelegentlich verräterische Seitenblicke warf, um zu prüfen, ob Papi ihr nun endlich die gediegene Aufmerksamkeit widmete und angemessen zerknirscht war, wurde Jacques natürlich weich. Sie war ein so hübsches Kind, und wer kann so viel hübsche Traurigkeit sehen, ohne zu zerfließen? Er setzte sich zu ihr, umarmte sie und begann sie zu wiegen. „Ta-niiiiit, Ta-niiiit, ist ja gut, meine Kleine. Papi war mal wieder grausam zu dir. Dummer Papi, jetzt darfst du ihn zur Strafe hauen. Los, fest!“
Ein paar Backpfeifen auf Papis Wangen und Tanit lachte wieder. Das entsprach zwar nicht den erzieherischen Prinzipien der Gewaltlosigkeit, doch wenn es darum ging, einen Strom von Kindertränen einzudämmen, waren alle Mittel erlaubt.
Jacques holte das Müsli aus dem gasbetriebenen Kühlschrank, damit auch Tanit ihren Schweizer Moment erlebte. Er küsste sie auf die Stirn und sagte: „Papi geht kurz die Tiere füttern, ja?“
Die Kleine nickte und begann zu löffeln.
Jacques nahm den Kübel mit den Küchenabfällen vom Vortag und trat hinaus in den Patio, über dem an einem Metallgestänge die nackten Rebstöcke verliefen. Im Spätsommer hingen hier die Trauben vom Himmel und sorgten für jene Paradiesmomente, die alle Opfer rechtfertigten.
Es tröpfelte wieder. Jacques zog sich die Kapuze seiner Regenjacke über den Kopf und schlüpfte in die Gartenklopper. Mit den klobigen, offenen Schuhen stapfte er zuerst zu den Beeten mit dem Wintergemüse, um die Schnecken einzusammeln, die sich mal wieder über den Blattsalat hermachten. Leckerbissen für den Landvogt und seinen Harem. Die Nacktschnecken kamen in einen gesonderten Behälter, sie waren der Snack für die Gänse. Hinter der Gartenhütte marschierte er dann vorbei an einigen Orangen- und Zitronenbäumen zum Johannisbrotbaum, um ein paar Schoten für Francisco José zu pflücken.
Francisco José war trotz gelegentlicher Temperamentausbrüche und der Konkurrenz einiger gleichermaßen charakterstarken Ziegen der populärste Bewohner von Can Jacques. Selina hatte den Esel auf diesen Namen getauft, um ihren Vater zu ärgern. Mit teuflischer Präzision bearbeitete das Mädchen die Schwachstellen in Jacques‘ Lebensgebäude. Sie wusste, dass unter der Oberfläche des Ibiza-Spät-Hippies noch immer ein stolzer Eidgenosse schlummerte. Als sie in der Schule über den Habsburger-Kaiser Franz Josef – auf Spanisch Francisco José – erfuhr, erinnerte sie sich der gelegentlichen Lektionen ihres Vaters über die Schweiz, von Käsekunde über Skifahren bis zur Geschichte der Eidgenossenschaft. Dabei kamen die Habsburger, „diese Unterdrücker“, naturgemäß nicht gut davon. Kurze Absprache mit ihren beiden Komplizinnen Timna und Tanit, und der Name des Esels war beschlossen. Dass es sich eigentlich um eine Eselin handelte, konnte das Tier nicht retten – sein Name war Francisco José.
Den Landvogt Gessler sparte sich Jacques für den letzten Teil seiner Morgenrunde auf. Der Hahn war ein Tyrann. Wer in das großzügig angelegte Gehege eindrang, tat gut daran, den genau dafür neben der Tür aufgehängten Prügel an sich zu nehmen. Der Landvogt trug wohl die Gene eines Kampfhahns in sich. Jede Bedrohung seines territorialen Monopols versetzte das Tier in hochaggressive Stimmung. Jacques bewaffnete sich und trat ein. Landvogt Gessler stand auf dem Hühnerhäuschen und überblickte die Lage. Blöd war er nicht, darum wartete er mit seinem Angriff, bis sich Jacques auf der Suche nach Eiern hinunterbeugte. Der Hahn attackierte direkt die vier Buchstaben des Hausherrn. „Blödes Viech!“, schrie Jacques und schwang den Prügel, während ein Dutzend Hühner mit aufgeregtem Gackern in Deckung ging.
Jacques verließ das Gehege und pflückte eine Handvoll Klee, den er über den Maschendrahtzaun warf. Keine Eier, dafür ein schmerzender Hintern – der Tagesanbruch war ein umfassender Fehlschlag. Jacques sah sich als prügelschwingenden, fluchenden Haciendero und damit weit vom Ideal des innerlich ausgeglichenen Weisen entfernt, der mit seiner Umwelt in Frieden und Harmonie lebte.
Auf dem Weg zurück zum Haus stoppte er kurz bei der alten Eiche. In einem Spalt auf einer Höhe, die für seine Töchter nicht sichtbar und auch nicht erreichbar war, hielt er dort in einer Plastikhülle ein paar Gramm Marihuana versteckt. Damit drehte er sich zu besonderen Momenten – und wenn er absolut sicher war, dass die Kleinen ihn nicht ertappen konnten – einen Joint. Heute hätte er eine Portion Gras nötig, fand er, entschied jedoch dagegen. Tanit erwartete ihn. Zudem hatte er sich seit Asus Tod geschworen, dieses Zeug von seinen Töchtern fernzuhalten, solange sie minderjährig waren. Man musste damit umgehen können, um nicht in einen Teufelskreis zu geraten. Das war Asus Verhängnis gewesen. Sie hatte damit nicht umgehen können.
Jacques marschierte weiter. Er nahm sich vor, den Rest des Tages zu einem Triumphzug seiner Ideale zu gestalten. Und erinnerte sich gerade rechtzeitig, dass er nun vor der Wahl stand, mit Tanit den Feldweg bis zur Straße und dann noch bis zum Dorf zu gehen, mehr als drei Kilometer insgesamt, oder aber seine Tochter im VW-Bus hinzubringen.
Widerwillig blickte er auf die Uhr. Wenn sie zu Fuß gehen wollten, mussten sie jetzt aufbrechen. „Papi“, unterbrach Tanit den Gedankengang ihres Vaters. „Für Handarbeiten muss heute jeder zwei große Plastikflaschen mitbringen.“
„Tanit“, sagte Papi und atmete tief durch, um die mühsam errungene innere Ruhe zu bewahren. „Warum hast du mir das nicht gestern schon gesagt? Du weißt doch, dass wir in unserem Haus nur sehr wenig Plastik haben, weil im Plastik oft giftige Stoffe stecken und Plastik die Meere verseucht und ...“
„Habe ich dir gesagt, aber du hörst ja nie zu.“
„Tatsächlich?“
Tanit nickte. „Du hast das Foto angeschaut.“
„Welches?“
„Das von Orell.“
Tja. Möglicherweise hatte sie recht. Wenn er „das Foto“ anschaute, war er in der Regel nicht ansprechbar. Das Foto seines Bruders Orell Reinhauser. Oder war das wieder einer dieser Tricks von Tanit, um ihr eigenes Vergessen zu vertuschen? Sie wusste genau, dass sich seine Gedanken verloren, wenn er Orells Foto betrachtete. Ein winziges Foto, das zwischen Schnappschüssen der Familie und abgerissenen Zetteln mit Notizen wie „Korb mit Orangen für Luisa!!!“ an einer Korkplatte in der Küche befestigt war. In letzter Zeit hatte sie in solchen Situationen verdächtig oft behauptet, er habe „das Foto angeschaut“ und ihr deshalb nicht zugehört, als sie etwas „ganz Wichtiges und Dringendes“ mitteilte.
Jacques seufzte. „Dann müssen wir auf dem Weg jemanden fragen, ob er ein paar Plastikflaschen für uns übrig hat.“
„Habe ich schon gemacht.“ Tanit hielt ein Smartphone in die Höhe. „Stanley hat welche und kann sie mir borgen.“
Jacques‘ Augen verengten sich zu Schlitzen. „Was zum Teufel machst du mit dem Telefon deiner Schwester?“
„Hat sie mir für heute geborgt, weil du nicht zugehört hast. Damit ich die Plastikflaschen organisiere.“
„Und du kannst damit umgehen?“
„Besser als du.“
Jacques sank in sich zusammen. Klar war sie darin besser, er hatte kein Smartphone, er hatte gar kein Handy, er wollte sich diesen Teil seines Utopias bewahren. Ein wenig gehörte es auch zur Imagepflege. Die Leute fanden es „sowas von cool“, wenn er fallen ließ, dass er kein Handy hatte. „Na gut. Aber du weißt ja, wo Stanley wohnt.“
Tanit sah ihrem Vater unbewegt in die Augen und sagte: „Zum Glück haben wir ein Auto.“
Die Rettung der Welt durch integral-ökologische Lebensweise musste auf einen späteren Moment des Tages verschoben werden. Jacques gab Tanit mit dem Kopf ein Zeichen und dachte nur: Elektromotor. Der VW-Bus brauchte einen Elektromotor. Und eine Sonnentankstelle. Und dafür brauchte er „Stutz“.
„Was ist jetzt wieder?“, fragte Tanit, als sie es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich machte. „Warum machst du dauernd ‚hach‘?“
Jacques drehte den Zündschlüssel um und erwiderte in das Knattern des startenden Motors hinein: „Weil die Welt so unrund ist.“
„Da kann ich doch nichts dafür.“
„Hast ja recht. Komm, setz dich auf den Kindersitz, sonst krieg ich eine Strafe aufgebrummt und die Welt wird noch mal ein Stückchen unrunder.“
„Okeeeee.“
„Com més bona sa roba, més s’hi veuen ses taques“
(Je besser die Kleidung, umso deutlicher sieht man die Flecken)
Balearisches Sprichwort
Das Café „Mamacita“ lag in einer Seitenstraße des Passeig de Vara de Rey, der Mini-Prachtallee von Ibiza-Stadt. Der Besitzer war Isidoro, ein rückkonvertierter, argentinischer Uralt-Hippie, der Jacques in den ersten Jahren auf der Insel oft geholfen hatte. Wann immer der Schweizer in die Inselhauptstadt kam, legte er einen Kaffee-Stopp in Isidoros „Mamacita“ ein, obwohl das Lokal mit Dunkelholz ausgekleidet, bis ins letzte Detail geordnet und somit ein sehr bürgerlich wirkendes Etablissement war. Die einem Alt-Hippie zustehende Originalität war unscheinbar, doch vorhanden. Neben hervorragendem Blue-Mountain-Kaffee bot Isidoro einen Haufen alter Tageszeitungen, die für zeitlich abgekoppelte News-Konsumenten bereitlagen.
Jacques liebte es, über Dinge zu erfahren, wenn sie längst vorbei waren. Zu den Irrtümern der modernen Gesellschaft gehörte es seiner Ansicht nach, dass Menschen, die in keiner Weise darauf vorbereitet waren und auch keinerlei berufliche Verpflichtung dazu hatten, tagtäglich mit dem Schrecklichsten konfrontiert wurden, was auf dem gesamten Planeten geschah. Auf den inneren Frieden und den Optimismus einer Durchschnittsperson konnte das nur fatale Auswirkungen haben. Daher legte er Wert darauf, das Nachrichten-Gift in homöopathischen Dosen einzunehmen. Und in Momenten, die er wählte, nicht die Welt.
Über den Mordfall im Haus von Mia Shortcut hatte er schon in der Dorfbar gelesen. Geschichten wie diese kamen auf Ibiza immer wieder mal vor, allerdings eher im Sommer, wenn der wilde Teil der Insel in den Vordergrund trat und die andere Realität, in der Jacques zu Hause war, von den Horden aus dem Norden überdröhnt wurde. Gut, dass es für das ausgeflippte Ibiza klar ausgewiesene Zonen gab.
Dass sich Jacques nun für den Toten im Kräutergarten der Rockstar-Tochter interessierte, war auf einen Anruf der Detektiv-Agentur Garau zurückzuführen. Ein gewisser Pau Alcásser hatte sich als „temporärer Leiter“ des Ibiza-Büros dieser spanienweit agierenden Firma vorgestellt und mitgeteilt, man würde gerne „in Sachen eines Mordes“ mit ihm sprechen, ob er mal vorbeikommen könne.
Garau war eine der besten Detektivagenturen Spaniens. Doch in dieser Liga hatte Jacques noch nie gespielt. Seit er vor etlichen Jahren dem Drängen eines Freundes nachgegeben und einen verzwickten Diebstahlsfall gelöst hatte, war der Spät-Hippie zum Spezialisten für „die Klärung merkwürdiger Angelegenheiten“ avanciert und genoss auf der Insel den Ruf eines Geheimtipps. Der Spürsinn, den er als Steuerfahnder in der Schweiz entwickelt hatte und den er hier, in seinem neuen Leben, eigentlich anderen Themen hatte widmen wollen, war noch immer wach und rief nach Beschäftigung. Auch ergab sich daraus für Jacques eine zwar unregelmäßige, doch willkommene Einkommensquelle. Mit dem Verkauf von Granatapfelgelee und hausgebrautem Johannisbrotbier auf den Bio-Märkten der Insel war die Familie nur schwer zu ernähren.
Wenn nun Alcásser von „einem Mord“ sprach, konnte er im Grunde nur diesen einen Mord meinen, der auf dem Anwesen der Rockstar-Tochter entdeckt worden war, und zwar in Gestalt einer Leiche namens Jonathan Waldrum. Im Vorjahr hatte es auf Ibiza gezählte zwei Morde gegeben, und im laufenden Jahr nur diesen einen.
Mit Mord freilich hatte Jacques in seiner Rolle als Freizeit-Detektiv noch nie zu tun gehabt. Interessiert durchkämmte er die alten Zeitungen und fand unter anderem einen langen Artikel in der Insel-Tageszeitung Diario de Ibiza, in dem Mia Shortcut aus Anlass der Affäre porträtiert wurde. Öko-Freak und Adlib-Designerin, lebte zurückgezogen auf ihrem Anwesen Can Raoul, so benannt nach dem berühmten Künstler, Schriftsteller und Dadaisten Raoul Hausmann, der in den 30er Jahren „mit seiner Frau und seiner Geliebten“ mitten im ländlichsten Milieu der Insel seine Verrücktheiten ausgelebt hatte, bis hin zu Performances in der Dorfschenke, vor den Augen von Bauern, die das Spektakel und seinen Urheber für geisteskrank befunden hatten, während sie ahnungslos zu Zeitzeugen der europäischen Avantgardekultur geworden waren.
Die kolportierten Details des Mordfalls waren spärlich. Der Tote war ein bekanntes Mitglied der ibizenkischen Szene gewesen und offenbar ein regelmäßiger Gast in Can Raoul. Was er mitten im Winter, in der Tote-Hosen-Zeit, auf Ibiza zu suchen gehabt hatte, war einer der Gegenstände der Ermittlungen. Typen wie Jonathan Waldrum feierten die kalte Jahreszeit an Orten wie Aspen, Gstaad oder auf Safari in Südafrika. Erst wenn es warm wurde, legten sie sich ihre Adlib-Uniform an und stürzten sich an Schauplätzen wie Ibiza ins Party-Getümmel.
„Sie wollten mich sehen.“
Jacques wartete geduldig, bis der elegant gekleidete Mittvierziger einen ebenso abschätzenden wie abschätzigen Blick von oben nach unten und wieder zurück über die Figur seines Besuchers hatte schweifen lassen. Dann bot der Elegante seine Hand zum Gruß an.
Jacques fragte: „Sind Sie ...?“
„Ja, der bin ich. Und Sie können nur Herr Reinhauser sein.“
Jacques packte Pau Alcássers Hand und schüttelte sie seitwärts statt vertikal. „Die meisten nennen mich Ibiza-Jacques.“
„Was für ein klingender Nom de Guerre. Man hat Sie übrigens falsch informiert“, sagte er und entwand seine Hand Jacques‘ festem Griff. „Ich wollte Sie nicht sehen. Vielmehr wurde ich angewiesen, Sie zu kontaktieren. Davon habe ich meinem Auftraggeber zwar abgeraten, aber er hat darauf bestanden.“
„Ich habe das Gefühl, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Stört es Sie, wenn ich rauche?“
„Ja.“
„Dachte ich mir. Sie sehen viel zu gesund aus für jemanden, den das nicht stört.“
Alcásser atmete tief ein, deutete auf einen Stuhl und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
„Das ist ein sehr elegantes Büro“, sagte Jacques, während er sich umständlich auf dem Stuhl niederließ. „Hier wird nie eine blonde Sexbombe mit einem aussichtslosen Fall zur Tür hereinkommen. Dafür müsste alles etwas schäbiger und origineller sein, und Sie müssten eine Spur besoffener und ungekämmter dreinschauen. Wie in den Filmen.“
„Ich weiß nicht, welche Filme Sie sehen ...“
„Biene Maja, hauptsächlich.“
Alcásser seufzte und legte die Hände zusammen. „Wollen wir die Besprechung in professioneller Weise abwickeln?“
Jacques zuckte die Achseln. „Ich wollte nur höflich sein. Im Integrationskurs habe ich gelernt, dass in Spanien jeder Geschäftstermin mit ein paar Minuten Smalltalk beginnt.“ Er grinste und fletschte die Zähne. „Wie geht es Ihren Kindern?“
Alcásser ignorierte die Frage. Er legte vor Jacques eine dünne, nicht sehr ansehnliche Kartonmappe auf den Tisch und zischte: „Mia Shortcut.“
Jacques vollführte eine kreisende Bewegung mit seinem Zeigefinger. „Die Tochter von diesem ...“
„Rockstar. Sean Shortcut. Sie haben von ihrem Fall gehört?“ Alcásser hob Kopf und Augenbrauen. „Haben Sie irgendetwas darüber gelesen oder muss ich Ihnen die Geschichte von Anfang bis Ende erzählen?“
Jacques mimte Erstaunen: „Sie wollen mir sagen, dass Sie nichts Besseres zu bieten haben als die Geschichten, die wir Normalsterblichen in den Zeitungen lesen? Der Kanzlei Garau hätte ich mehr zugetraut. Aber bevor wir ans Eingemachte gehen, würde ich es für nützlich und auch für ein Zeichen grundsätzlicher Höflichkeit erachten, wenn Sie mir darlegen, was ich hier eigentlich mache. Und zwar in simplen Worten, die auch ein bekiffter Idiot wie ich begreift. Nach Maßgabe dessen, was ich höre, werde ich Ihnen dann sagen, ob mich der Fall Mia Shortcut interessiert.“ Jacques blinzelte eine Weile und fügte dann hinzu: „Über das hinaus, was wir Normalsterblichen so in den Zeitungen lesen.“
Alcássers Knöchel wurden weiß, doch er hatte sich im Griff. „Na gut“, knirschte er. „Meine Auftraggeber haben mich gebeten, Sie ausfindig zu machen. Offenbar erachtet es irgendjemand für sinnvoll, Ihnen die Bearbeitung des Falles anzuvertrauen.“
„Die komplette Bearbeitung?“
Der Detektiv der Kanzlei Garau nickte, ohne sein Gegenüber anzublicken. „Im Wesentlichen ja. Den wichtigsten Teil.“
„Nicht als freiberuflicher Assistent, als Informant oder Suchmaschine?“
Alcásser blickte aus dem Fenster. „Nein.“
Während Jacques versuchte, die Tragweite des Gehörten zu verdauen, ohne vom Stuhl zu kippen, ließ Alcásser mit seinem Mienenspiel keinen Interpretationsspielraum darüber, wie unangenehm ihm dieser Termin war, wie sehr er Typen wie Ibiza-Jacques geringschätzte und vor allem, für welch schrecklichen Irrtum er die Entscheidung seiner Auftraggeber hielt, diesen Fall jemandem wie Ibiza-Jacques anzuvertrauen. Nein, nicht jemandem wie ihm. Ausgerechnet ihm, dem zugereisten Amateur, dessen Name in Ibiza wie der eines Wunderheilers von Ohr zu Ohr geflüstert wurde. Ja, es war die Empörung des gelernten Arztes über die Konkurrenz durch einen Dilettanten, der das kulturlose Volk mit Hokuspokus übers Ohr haute.
„Zu welchen Bedingungen?“, fragte Jacques mit trockener Kehle.
„Das ist Verhandlungssache.“
Kurz kroch Jakob Reinhauser aus seinem Loch, der Schweizer mit der Liebe zu ausgewogenen Haushaltsplänen und millimetergenau abgestimmten Familienbudgets, der sich maßlos freute, dass er Selina die Abschlussreise bezahlen konnte, und vielleicht sogar Geld übrig blieb, um endlich die Sonnen-Tankanlage bauen zu können, dank welcher er in naher Zukunft mit seinem VW-Bus über die Insel surren, nicht knattern würde.
„Mit wem verhandle ich die Sache?“
Alcássers Miene blieb unbewegt. „Zunächst einmal mit mir.“
Jacques dachte eine Weile nach, während er sein Gegenüber studierte. Als er auch nur begann, sich eine Zusammenarbeit mit Alcásser vorzustellen, übernahm jäh sein Hippie-Instinkt die Kontrolle über das Geschehen, ein geballter Widerwillen dagegen, sich mit Typen wie Pau Alcásser arrangieren zu müssen. Genau dazu hatte er keine Lust mehr, und dass er dieser Lust nachgeben konnte, genau darin bestand seine Lebensqualität und sein Vorteil gegenüber allen, die zwar jeden Monat regelmäßig Geld aufs Konto bekamen, aber sich dafür den Magen von Erniedrigungen, Erpressungen und Gemeinheiten zerfressen ließen.
Deshalb fühlte sich Jacques in diesem Moment, da er aufstand und die Arme ausbreitete, sehr zufrieden. „Mein lieber Pau, heute ist Ihr Glückstag. Ich lehne den Auftrag ab. Grüße an Ihre Kinder.“
Alcásser blickte erschrocken auf. „Moment mal, so können Sie mir nicht ...“
„Ist doch für alle besser. Sie meinen ja selbst, dass dieser Fall nicht in meine Hände gehört. Oder habe ich Ihre subtilen Andeutungen missverstanden?“
„Nein“, gab Alcásser widerwillig zu. „Aber meine Auftraggeber sind anderer Meinung.“
Jacques verstand. Nun würde der smarte Profi schlecht dastehen. Er hatte mit seiner Abschätzigkeit zu dick aufgetragen, weil er nie mit der Möglichkeit gerechnet hatte, dass ein notorisch klammer Herumsteher wie Ibiza-Jacques einen Fall wie diesen ausschlagen würde.
„So ein Dilemma aber auch“, sagte Jacques und wandte sich zum Gehen. „Dann bis zum nächsten Mal!“
„Warten Sie einen Moment!“, rief Alcásser, und es klang nun wie ein Flehen. „Ich bitte Sie – lassen Sie uns gemeinsam einen Anruf tätigen und dann entscheiden Sie. Einverstanden?“
Jacques blies geräuschvoll Luft aus. „Na gut, dann will ich mal nicht so sein.“
„Bitte setzen Sie sich!“ Alcásser deutete auf den Stuhl und wirkte nun einen Tick freundlicher. Auf seiner Stirn waren Schweißperlen zu erkennen. Er stellte das Konferenztelefon an und Jacques hörte, wie der Garau-Detektiv mit der Sekretärin der Firmenzentrale in Palma de Mallorca auf Katalanisch besprach, ob der Grund des Anrufs dringend genug war, um die Chefin aus einer Besprechung zu holen. Es war.
„Alcásser?“, erklang eine weibliche Stimme.
„Ja, ich bin‘s. Sitze hier mit Herrn Jakob Reinhauser ...“
„Ibiza-Jacques“, sagte die Frau. „Es ist mir ein Vergnügen, endlich einmal mit einer Legende der Branche sprechen zu können. Ich bin Maribel Garau, mir gehört dieser Laden. Wie geht es so?“
„Relativ ausgezeichnet“, erwiderte Jacques. Die überbordende Freundlichkeit von Maribel Garau machte ihn misstrauisch. Legende der Branche – so dick hätte sie nicht auftragen müssen. Die Balearen-Bewohner waren für ihre Reserviertheit bekannt. Vor Insulanern, die von Beginn weg sehr freundlich waren und sich in Lobeshymnen ergingen, wurde ausdrücklich gewarnt.
Er bemühte sich um einen neutralen Tonfall. „Auch ich bin auf einmal erfreut, mit der Kanzlei Garau einen kollegialen Austausch zu zelebrieren.“
„Aber es gibt ein Problem, sonst würdet ihr beiden mich nicht anrufen. Was hat Alcásser dir angeboten?“
Jacques registrierte, dass Maribel Garau gleich zu Beginn der Konversation das vertraulichere „du“ eingeführt hatte, was in diesem Kulturkreis zwei Interpretationen zuließ: Sie hielt ihn für gesellschaftlich niedriger angesiedelt oder war informell wie die meisten Spanier. Er beschloss das zu testen, indem er bei der Sie-Form blieb. „So weit sind wir nicht gekommen, darum hat er Sie angerufen.“
„Ich verstehe“, sagte Garau. „Das ist wohl nicht so gut gelaufen zwischen Ihnen beiden. Herr Ibiza-Jacques, wenn ich Sie so nennen darf ...“
Gut, dachte Jacques. Zurück zum „Sie“, das hieß, sie respektierte ihn.
„Ich erkläre Ihnen kurz die Situation“, fuhr Garau fort. „Der Rechtsanwalt der Familie Shortcut sieht angesichts der aktuellen Beweislage die Gefahr, dass Frau Shortcut aufgrund von Indizien des Mordes angeklagt wird. Unser Eindruck ist der, dass die Verhältnisse im Umfeld der jungen Frau zu dieser Situation beigetragen haben. Nun sind diese Verhältnisse für einen Außenstehenden sehr schwierig zu durchschauen. Die Leute in Can Raoul sind ein ziemlich merkwürdiger Haufen, das typische Umfeld eines Superstars im Musikgewerbe. Deshalb ist der Gedanke aufgekommen, dass wir am ehesten Aussicht auf Erfolg haben, wenn wir eine ... darf ich offen sein? ... eine gleichermaßen unorthodoxe Persönlichkeit auf den Fall ansetzen. Karten auf den Tisch: Wir haben mit unseren Leuten auf Granit gebissen und kommen einfach nicht weiter.“
„Verstehe ich Sie richtig?“, erwiderte Jacques. „Der Patient ist dem Tode geweiht, und weil es ohnehin nichts schaden kann, probieren Sie es nun mit alternativer Medizin?“
„Herr Ibiza-Jacques, Sie wollen mich nicht dazu drängen, Ihnen jede Qualifizierung abzusprechen?“
Jacques musste grinsen.
„Wir haben die Hoffnung, dass Sie ...“, fuhr Garau fort. „Nun ja.“
Alcásser half aus: „Dass Sie sich besser mit diesen Verrückten verstehen.“
„Alcásser, ich bitte dich!“, flehte Garau.
„Er hat das sehr treffend formuliert“, gab sich Jacques großmütig. „Weiß denn Fräulein Shortcut von dieser Idee?“
„Ich meine, die Idee kommt von ihr“, sagte Garau. „Stimmt‘s, Alcásser?“
„Stimmt.“
„Na gut.“ Jacques erhob sich und sagte zu Alcásser: „Dann fahren Sie mich morgen zum Haus der jungen Dame, und wenn ich mit ihr klarkomme, nehme ich den Fall an. Zu meinen Bedingungen.“
Alcásser und Garau blieben kurz stumm, bis die Kanzlei-Chefin mit einer Spur Resignation in der Stimme sagte: „Dann fahr ihn eben hin.“
Alcássers Blick wurde scharf. „Ich hoffe nur, dass die Veranstaltung nicht alleine deshalb stattfindet, weil Herr Ibiza-Jacques die Tochter des berühmten Sean Shortcut kennenlernen will.“
Bevor der Angesprochene etwas äußern konnte, sprang Garau in die Bresche: „Jacques ist Profi. Wenn wir ihm nicht trauen, macht es auch keinen Sinn, ihm den Fall anzubieten.“
Dazu hätte Alcásser gerne etwas gesagt, aber er behielt es für sich. Er wollte nicht der Schuldige sein, wenn Jacques absagte. Er würde nur intern klarstellen, was er von der Idee hielt, denn das konnte nur in die Hosen gehen, und er wollte von dieser Verantwortung klar entbunden sein.
Als das Telefongespräch beendet und das Arrangement für den folgenden Tag organisiert war, zwang sich Alcásser zu einem Lächeln. „Ist das nun der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?“
„Absolut“, antwortete Jacques. „Sie und ich, wir müssen mal in der Nacht der Sommersonnenwende gemeinsam textilfrei auf der Spitze der Insel Es Vedrà meditieren. Sie werden sehen, wie unsere Beziehung dadurch eine völlig neue Dimension erhält. Abgemacht?“
Alcásser hob mahnend den Kopf. „Vergessen Sie das Dossier nicht.“
„Ah, die Mappe mit den Zeitungsausschnitten.“
„Unsere Investigationsergebnisse. Wenn Ihnen etwas fehlt, schicke ich Ihnen das per E-Mail nach.“
„Und wenn das, was mir fehlt, ein Internetanschluss ist?“
„Dann machen wir das eben mit Trommelsignalen. Herr Reinhauser, Verzeihung, Herr Ibiza-Jacques, einen schönen Tag noch und bis morgen achtzehn Uhr auf Ihrer Finca!“
Doch Jacques machte keine Anstalten, das Büro zu verlassen. „Moment“, sagte er und kramte in seiner Ledertasche. Er holte ein kleines Etui hervor, klappte es auf und hielt Alcàsser ein Schwarzweiß-Foto vor die Nase. „Kennen Sie diesen Mann?“
Reflexartig schüttelte Alcásser den Kopf, mehr aus Verblüffung denn als Antwort. Dann sah er sich das Foto noch einmal genauer an. „Wer ist das?“
„Orell Reinhauser.“
Alcássers Stirn runzelte sich. „Verwandt?“
„Mein Bruder. Jemals von ihm gehört?“
Alcásser ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann blickte er Jacques prüfend an und fragte: „Was ist mit ihm?“
Jacques zuckte die Achseln und erwiderte mit einer Geste, als habe die Sache keine große Bedeutung: „Ich würde gerne wissen, wo er ist. Hat eine zeitlang auf Ibiza gelebt.“
Der Detektiv schürzte den Mund und ließ die Zunge umherwandern, ein Signal, dass er nachdachte. Abrupt sagte er schließlich: „Keine Ahnung. Also dann bis morgen.“
If you’re going to San Francisco,
be sure to wear a flower in your hair.
(Wenn du nach San Francisco gehst, dann steck dir unbedingt eine Blume ins Haar)
Scott McKenzie in “San Francisco”
Eine granatrote mallorquinische Folklore-Pluderhose, Souvenir eines Besuchs auf der Nachbarinsel vor eineinhalb Jahrzehnten. Eine rosarote Socke links, eine hellblaue rechts. Graue Leder-Stiefeletten mit aufgeklebten Mini-Mandalas, die sich zur Hälfte schon wieder abgeschält hatten. Ein gelbes Hemd mit einem roten Blumenmuster. Darüber ein braunes Fransengilet. Des Weiteren hatte Jacques einen giftgrünen Schal ausgewählt sowie einen wirklich schicken Steampunk-Zylinder, das Geschenk seiner Töchter zum 53. Geburtstag. Die Frage war nun, was er darüber anlegen würde.
Jacques legte Wert auf Selbstverwirklichung durch Kleidung, denn der Herdendrang in der Mode war seinem Verständnis nach ein erster und entscheidender Schritt der Unterwerfung des wahren Selbst gegenüber dem Diktat der Konsumgesellschaft. Wenn er gelegentlich zu hören bekam, dass seine Kleiderkombinationen als aggressiver Akt gegen das ästhetische Empfinden aufgefasst wurden, fühlte er sich in der Meinung bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Bedächtig legte er eine Lederjacke an. Und nahm einen Schatten wahr, der nicht hierher gehörte. Jacques wirbelte herum.
Es war Selina.
Sie stand neben dem Kleiderschrank und legte den Kopf schräg, wie sie es immer tat, wenn ihr eine Frage auf der Zunge lag, von der sie genau wusste, dass sie ihrem Vater unangenehm war. Oder wenn sie ihn „erwischt“ hatte. Wie jetzt, da er mit einer abgewetzten Lederjacke vor dem Spiegel stand und angestrengt hineinstarrte.
Mit einem Seufzer ließ Jacques die Arme fallen. „Irgendwann krieg ich einen Herzschlag“, sagte er. „Warum kannst du nicht wie ein normaler Mensch ins Zimmer kommen und musst dich immer anschleichen wie ein Gespenst? Wie lange bis du denn schon hier?“
„Gerade erst gekommen.“ Selina verzog ihre Lippen kurz zu einem Lächeln, das so etwas wie ihr Gruß war.
„Ich glaube dir kein Wort.“ Er zog die Lederjacke aus und warf sie aufs Bett. Dort lagen zwei weitere Kleidungsstücke: eine mit alten Stickern übersäte, ausgefranste und an mehreren Stellen eingerissene Jeansjacke sowie eine Art Pullover mit Reißverschluss, dunkelblau und auf bourgeoise Weise makellos, ja sogar sauber, aber so retro, dass es nach derzeitigem Stand der Mode wehtat.
