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Dr. Daniel Norden ist verzaubert von der jungen Ärztin Dr. Fee Cornelius. Fee und Daniel heiraten. Er hat eine Praxis in München eingerichtet, Fee hilft ihm. Beide sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt; zunächst Daniel jun., bald darauf sein Bruder Felix. Nach den beiden Jungen, die Fee ganz schön in Atem halten, wird Anne Katrin geboren, die ganz besonders an dem geliebten Papi hängt und von allen nur Anneka genannt wird. Weiterhin bleibt die Familie für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. Das Meer rauschte, und klatschend schlugen die Wellen an den feinen Sandstrand von Ameland. Esther schmeckte den salzigen Wind auf den Lippen, die Sonne versank glutrot im schäumenden Wasser und tauchte die kleine, zufällig zusammengemischte Gruppe von Reitern, die mit ihren Pferden am Strand entlangritt, in ein unwirkliches Licht. Vor Übermut drückte Esther die Schenkel fest an den Bauch ihres Pferdes. Das Tier verstand das Zeichen sofort und preschte nach vorne. »Nicht so schnell«, riefen ihr die anderen Reiter nach, aber die junge Frau hörte nicht mehr. Sie war gefangen im Rausch der Schnelligkeit, trunken von der Schönheit der Landschaft. Tausende von Wassertropfen stieben unter den fliegenden Hufen, Sand spritzte nach allen Seiten. Esther warf glücklich den Kopf in den Nacken. Ihre langen Haare flogen wie ein dunkler Schleier hinter ihr. Plötzlich donnerte ein mächtiger Wellenschlag, heftiger als die vorherigen, in ihre Ohren. Das Pferd machte einen erschrockenen Satz nach vorn. Entsetzt ließ Esther die Zügel fallen, ihre Hände suchten Halt in der feuchten Mähne, aber obwohl die rauhen Haare scharf in ihre Finger schnitten, rutschte sie ab. Mit einem gellenden Schrei stürzte sie vom Pferderücken und blieb regungslos im Sand liegen. »Um Gottes willen!« Die Reiter, die das Geschehen mit einer bösen Vorahnung beobachtet hatten, stießen Rufe des Schreckens aus, andere waren stumm vor Entsetzen. Ivo Nister, ein junger Mann mit athletischer Figur, faßte sich als erster wieder. Vorsichtig, weit genug entfernt vom unberechenbaren Wasser, trieb er sein Pferd über die Sanddünen. Als er auf der Höhe des Strandes angekommen war, an dem Esther immer noch lag, zügelte er es und sprang behende von seinem Rücken. Mit angstvoll klopfendem Herzen und beherrschter Miene kniete er neben dem Mädchen nieder.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Das Meer rauschte, und klatschend schlugen die Wellen an den feinen Sandstrand von Ameland. Esther schmeckte den salzigen Wind auf den Lippen, die Sonne versank glutrot im schäumenden Wasser und tauchte die kleine, zufällig zusammengemischte Gruppe von Reitern, die mit ihren Pferden am Strand entlangritt, in ein unwirkliches Licht. Vor Übermut drückte Esther die Schenkel fest an den Bauch ihres Pferdes. Das Tier verstand das Zeichen sofort und preschte nach vorne.
»Nicht so schnell«, riefen ihr die anderen Reiter nach, aber die junge Frau hörte nicht mehr. Sie war gefangen im Rausch der Schnelligkeit, trunken von der Schönheit der Landschaft. Tausende von Wassertropfen stieben unter den fliegenden Hufen, Sand spritzte nach allen Seiten. Esther warf glücklich den Kopf in den Nacken. Ihre langen Haare flogen wie ein dunkler Schleier hinter ihr. Plötzlich donnerte ein mächtiger Wellenschlag, heftiger als die vorherigen, in ihre Ohren. Das Pferd machte einen erschrockenen Satz nach vorn. Entsetzt ließ Esther die Zügel fallen, ihre Hände suchten Halt in der feuchten Mähne, aber obwohl die rauhen Haare scharf in ihre Finger schnitten, rutschte sie ab. Mit einem gellenden Schrei stürzte sie vom Pferderücken und blieb regungslos im Sand liegen.
»Um Gottes willen!« Die Reiter, die das Geschehen mit einer bösen Vorahnung beobachtet hatten, stießen Rufe des Schreckens aus, andere waren stumm vor Entsetzen. Ivo Nister, ein junger Mann mit athletischer Figur, faßte sich als erster wieder. Vorsichtig, weit genug entfernt vom unberechenbaren Wasser, trieb er sein Pferd über die Sanddünen. Als er auf der Höhe des Strandes angekommen war, an dem Esther immer noch lag, zügelte er es und sprang behende von seinem Rücken. Mit angstvoll klopfendem Herzen und beherrschter Miene kniete er neben dem Mädchen nieder. Die langen Haare bedeckten ihr Gesicht, und vorsichtig strich er die feuchten Strähnen beiseite.
»Hallo, können Sie mich hören?« Überall war Sand, in ihren Augen und in den Ohren. Die feinen Körner schlüpften in jede Öffnung und mischten sich am Mund mit Blut. Noch während Ivo in seinen Taschen nach etwas suchte, womit er sie notdürftig abwischen konnte, regte sich Esther. Die anderen Reiter hatten die beiden inzwischen erreicht und scharten sich auf ihren Pferden um sie.
»Oh, mein Schädel!« stöhnte sie, öffnete die Augen und spuckte den Sand aus.
»Haben Sie Schmerzen? Können Sie die Beine bewegen?« fragte Ivo besorgt. Er wagte es nicht, sie anzufassen, um nichts falsch zu machen. Prüfend zog Esther zuerst ein Bein an, dann das andere, dann schüttelte sie vorsichtig den Kopf.
»Scheint alles noch zu funktionieren. Aber die Birne brummt mir gehörig. Als hätte ich drei Nächte durchgefeiert.« Ganz vorsichtig richtete sie den Oberkörper auf und drückte den Rücken durch.
Ivo lachte erleichtert auf. »Wenn Sie schon wieder Witze machen können, scheint es nicht so schlimm zu sein. Trotzdem bringe ich Sie vorsichtshalber zurück in den Club. Sie sollten sich auf jeden Fall in der Krankenstation melden.«
»Quatsch mit Soße«, widersprach Esther, während sie sich den Sand aus dem Gesicht wischte und sich mit den Fingern durch die Haare fuhr. »Ekliges Zeug, ich fühle mich wie frisch paniert.«
»Ehrlich gesagt sehen Sie auch so aus. Was ist mit Ihrem Mund? Der blutet immer noch.«
Vorsichtig fuhr Esther mit der Zunge über die Zahnreihe, dann über die Innenseite der Lippe.
»Draufgebissen, nichts weiter. Das wird schon wieder. Und so eine dicke Lippe macht doch erotisch, oder nicht?« Sie blitzte ihn mit ihren braunen Augen herausfordernd an, und Ivo errötete irritiert. Er betrachtete sie verdutzt. Diese Frau brachte ihn mit ihrer frechen Art zum Schweigen. Das war ihm, dem Fitneßmanager aus München, der besonders im Umgang mit Menschen geschult war, noch nie passiert.
»Sind Sie immer so hart im Nehmen?« fand er endlich seine Sprache wieder, während er ihr aufhalf. Einer der anderen Reiter hatte inzwischen Esthers Pferd, das seelenruhig am Ende des Strandes am wilden Hafer knabberte, wieder eingefangen und führte es zu den beiden. Esther betrachtete es skeptisch.
»Mit dir bin ich beleidigt«, erklärte sie und versetzte dem Tier einen sanften Stoß, ohne auf Ivos Frage zu achten. »Du darfst mich heute nicht mehr tragen, du Zicke.« Die Stute hob schnuppernd die Nüstern und knabberte an Esthers Ärmel. »Nein, keine Chance, da hilft auch kein Betteln.« Dann wandte sich Esther an Ivo. »Ich reite mit Ihnen zurück«, erklärte sie entschieden. Ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch und Ivo gab sich schulterzuckend geschlagen.
»Ganz wie Sie wollen, Prinzessin.« Er konnte sich Unangenehmeres vorstellen, und als sie hinter ihm saß und sich vertrauensvoll an ihn drückte, durchrieselte ihn ein warmer Schauer.
»Prinzessin? Sehr schön, das können Sie öfter sagen«, grinste Esther frech. »Zum Dank für Ihre Hilfe dürfen Sie mich heute abend im Club zum Essen einladen. Sagen wir um acht Uhr.«
»Einverstanden.« Ivo zog die Zügel an und sein Pferd folgte langsam dem Troß, der vor ihnen gemächlich durch die Dünenlandschaft dem Club entgegenstrebte. Dort, wo ihn Esthers warmer Körper berührte, brannte seine Haut wie Feuer. Natürlich wollte er sie wiedersehen. Das war keine Frage.
*
Aus dem Rendezvous am Abend wurde nichts. Noch während des Ritts zurück wurde es Esther schwindlig, und die Kopfschmerzen wurden schlimmer. Der Arzt des friesischen Clubs diagnostizierte eine schwere Gehirnerschütterung.
»Das haben Sie nun davon, daß Sie ohne Kappe ausgeritten sind«, brummte er unwillig, während er Esther ein Medikament gegen die Kopfschmerzen gab.
»Das macht mehr Spaß«, gab die unwillig zurück.
»Und, hat sich der Spaß gelohnt?«
»Es geht Sie zwar nichts an, aber ja, er hat sich gelohnt«, erklärte Esther schnippisch. »Und die Medikamente können Sie sich sparen. Die nehme ich sowieso nicht.«
»Ich frage mich, warum Sie dann gekommen sind.« Dr. Pekelharing schüttelte unwillig den Kopf. »Wenn Sie ohnehin alles besser wissen...«
»Wenn Sie’s genau wissen wollen, mein charmanter Begleiter wollte, daß ich zu Ihnen komme.« Trotzig warf Esther den Kopf in den Nacken und unterdrückte ein Stöhnen. Die Schmerzen hämmerten in ihrer Schläfe, ein ohrenbetäubendes Dröhnen machte ihr zu schaffen. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen und marschierte aufrecht aus der kleinen Praxis des Ferienclubs. Ivo wartete auf sie. Er hatte es sich auf einem Stuhl bequem gemacht und sprang auf, als sie durch die Tür ins Freie trat.
»Und, wie geht’s meiner Prinzessin?«
»Gehirnerschütterung und mörderische Kopfschmerzen. Aus Ihrer Einladung wird wohl nichts.«
»Schade, ich hatte mich schon so gefreut.«
»Tja, Ihr Problem. Dann müssen Sie sich eben noch etwas gedulden.« Ohne sich nach ihm umzudrehen, ging Esther durch die Anlage, die in einem idyllischen Laubwäldchen lag, voraus zu ihrem kleinen, romantischen Klinkerhaus. Ivo zögerte einen Augenblick, dann folgte er ihr. Diese Frau gab ihm ein Rätsel nach dem anderen auf. Im einen Moment freundlich und schmeichelnd, war sie im nächsten Augenblick kalt und unnahbar. Welches Geheimnis verbarg sich dahinter? Oder war es nur eine besondere Masche, die Männer auf sich aufmerksam zu machen?
»Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als Ihnen gute Besserung zu wünschen, nicht wahr?« Sie waren vor dem schmucken Häuschen angelangt, das wie alle anderen auch, wie eine Handvoll roter Bauklötzchen mit Kinderhand zwischen die Stämme der Bäume geworfen schien. »Darf ich Sie morgen besuchen?«
»Wenn Sie unbedingt wollen.« Esther warf ihm einen herausfordernden Blick zu. »Wenn ich es mir recht überlege, will ich es aber nicht«, erklärte sie dann. »Sie haben sich noch nicht einmal vorgestellt. Männer mit schlechten Manieren kann ich nicht leiden.«
»Moment«, wehrte sich Ivo, halb amüsiert, halb beleidigt. »Hätte ich mich mit einem Handkuß vorstellen sollen, als Sie am Strand lagen?«
»Warum nicht? Wäre mal was anderes gewesen. Ich heiße übrigens Esther, Esther Krauss.«
»Esther, der Stern«, wiederholte Ivo mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Da wäre mir für Sie auch was Besseres eingefallen.« Er wollte ihr beweisen, daß er ebenso austeilen konnte wie sie. Aber das schien Esther nicht zu rühren.
»Haben Sie auch einen Namen, einen Wohnort, einen Beruf?«
»Natürlich, Ivo Nister.« Er zögerte einen Augenblick. Wenn sich die schöne Esther mit Rätseln umgab, konnte auch er geheimnisvoll sein. »Ich komme aus München und beschäftige mich mit Astronomie, Sternkunde.«
»Sehr witzig«, gab Esther ungerührt zurück. Plötzlich hatten ihre Augen das geheimnisvolle Funkeln verloren. Sie schien mit einem Mal zu Tode erschöpft. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um, schloß die Tür zu ihrem Haus auf und warf sie heftig hinter sich zu. Ivo schien sie völlig vergessen zu haben. Völlig verwirrt machte er sich nach einer Weile ebenfalls auf den Weg zu seinem Bungalow. Er wußte nicht, was er von ihr halten sollte. Er wußte nicht, ob er sie wiedersehen wollte. Und er wußte gleichzeitig, daß er keine Chance hatte. Er war ihr hoffnungslos ausgeliefert.
Als Esther am nächsten Morgen erwachte, lauschte sie mit geschlossenen Augen auf die Geräusche, die um ihre Ohren säuselten. Das Murmeln des Meeres vermischte sich mit den aufdringlichen Schreien der Möwen, ein leiser Wind strich durch die Blätter des Wäldchens. Sie wollte sich genüßlich strecken, als ihr ein stechender Schmerz in den Rücken fuhr und sie an den Reitunfall des vergangenen Tages erinnerte. Vorsichtig blinzelte sie in das sonnendurchflutete Zimmer, doch wider Erwarten tat ihr der Kopf nicht weh. Esther seufzte, öffnete die Augen ganz, ließ den Blick durch das hübsche Zimmer schweifen, von der blau-weiß karierten Bettwäsche des schlichten Holzbettes über die Dielen des Bodens, der mit weißen Webteppichen belegt war, bis hin zu den weißgelackten Holzmöbeln. Durch einen Spalt in den blaugemusterten Gardinen
fiel ein kecker Sonnenstrahl mitten auf den Tisch, auf dem ein bunter Blumenstrauß thronte. Der schlichte Raum strahlte eine unglaubliche Ruhe und Behaglichkeit aus, Esther fühlte, wie sie das bekannte Gefühl der Euphorie durchströmte. Wahrlich, es war eine fantastische Idee gewesen, sich von zu Hause hierher zu flüchten, zu vergessen und ganz von vorne zu beginnen. Ivo Nister würde ihr dabei helfen, das spürte sie genau. Ivo! Allein der Gedanke an den Mann mit dem blonden, nicht ganz kurz geschnittenem Haar, immer eine freche Strähne in der Stirn, dem Grübchen im Kinn und den unverschämt blauen Augen, versetzte sie augenblicklich in Aufregung. Sie mußte ihn wiedersehen, sofort. Entschieden schlug Esther die Bettdecke zurück und setzte sich vorsichtig auf.
»Na also, keine Kopfschmerzen, die schwere Gehirnerschütterung ist also doch nicht so tragisch, wie mir der Doktor weismachen wollte«, murmelte sie vor sich hin, während sie sich aufrecht auf die Bettkante setzte. Dabei fiel ihr Blick auf die Medikamentenschachtel auf ihrem Nachttisch. Vor Schreck stieß sie die Luft durch die Zähne. So ein Glück, daß Ivo sie nicht ins Haus begleitet hatte. Was hätte es für einen Eindruck hinterlassen, wenn er schon beim ersten Treffen die Psychopharmaka entdeckt hätte? Ärgerlich öffnete Esther die Nachttischschublade, schob die Packung mit einem entschiedenen Handstreich hinein und schloß sie wieder. Nein, sie brauchte keine Medikamente mehr, jetzt, wo sie sich so gut und glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben fühlte. Leichtsinnig vor Vorfreude tappte sie auf bloßen Füßen ins Bad, um sich für den kommenden Tag, den vorletzten ihres Aufenthaltes, zurechtzumachen.
*
Als Esther eine halbe Stunde später aus ihrem kleinen Haus ins Freie trat, summte der Ferienclub schon von hektischer Betriebsamkeit. Familien mit Kindern machten sich, bewaffnet mit Luftmatratzen und Wasserbällen auf ans Meer, um den Tag dort zwischen den Sanddünen zu verbringen. Frischverliebte Pärchen schlenderten Hand in Hand vorbei, und zum ersten Mal seit langem konnte sich Esther wirklich mit ihnen freuen. Strahlend machte sie sich auf den Weg ins Haupthaus des Clubs, wo neben der Rezeption diverse Bars, ein Restaurant und der Speisesaal untergebracht waren. Ein stattliches Buffet wartete dort auf die Langschläfer. Esthers Herz machte einen freudigen Satz, als ihre Blicke forschend durch den großen Saal wanderten und Ivo entdeckten. Auch er hatte sie sofort entdeckt. Bei ihrem Anblick änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Er sprang auf und bahnte sich hastig einen Weg durch die vielen Stühle und Tische.
»Esther, da sind Sie ja endlich. Ich hatte schon Angst, Sie würden gar nicht zum Frühstück kommen.« Er maß sie mit einem besorgten Blick. »Wie fühlen Sie sich?«
»Sieht man das denn nicht?« Sie lachte ihn aus und warf die langen Haare in den Nacken.
»Keine Schmerzen mehr?«
»Der Rücken ein bißchen. Aber den können Sie mir nachher ja massieren. Sonst geht’s mir gut.«
»Faszinierend. Sie sind wirklich eine außergewöhnliche Person«, konnte Ivo mit seiner Bewunderung nicht länger hinter dem Berg halten. »Außergewöhnlich zäh und außergewöhnlich schön.« Langsam wanderte sein Blick an ihr herab, über das schmale, zart gebräunte Gesicht, die runden, beinahe kindlichen Schultern, die zierliche Spaghettiträger eines weißen Baumwollkleides trugen, das sanft ihre schlanke Figur umspielte. Ivo meinte, einen wahrhaftigen Engel vor sich zu haben, doch Esther holte ihn schnell in die Realität zurück.
»Hören Sie schon auf mit diesem Geschwafel«, wies sie ihn barsch zurecht und versuchte damit, ihre eigene Unsicherheit und Nervosität zu überspielen. Ihre Blicke wanderten suchend durch den Saal. »Ich habe Hunger. Wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme, werde ich unausstehlich.«
»Das sind Sie auch so schon. Aber kommen Sie«, Ivo faßte Esther leicht am Arm, »an meinem Tisch ist noch ein zweites Gedeck. Ich würde mich freuen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Natürlich nur, wenn Sie mein ›Geschwafel‹, wie Sie meine nettgemeinten Komplimente nennen, nicht zu sehr stört.«
Esther blitzte ihn übermütig an, während sie sich zu seinem Tisch führen ließ.
»Sie können sich ja zurückhalten und lieber darüber nachdenken, wie wir den Tag verbringen wollen. Auf einen Ausritt habe ich allerdings keine Lust mehr.«
Ivo konnte sein Glück kaum fassen. Esther wollte tatsächlich mit ihm zusammensein. Darauf hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Während sich Esther ihr Frühstück schmecken ließ, eilte er zur Rezeption und kehrte schließlich mit einem Berg Prospekten zurück.
»Hier werden wir sicher fündig. Was meinen Sie?«
Esther warf zuerst einen skeptischen Blick auf die Prospekte, dann auf Ivo.
»Eigentlich wollte ich heute noch was unternehmen. Aber wenn ich das richtig sehe, brauchen Sie mit der Lektüre mindestens bis heute abend.«
»Abwarten. Wetten, daß ich fertig bin, bis Sie zu Ende gefrühstückt haben«, ließ sich Ivo nicht aus der Ruhe bringen. Esther lachte belustigt auf. Dieser Mann gefiel ihr von Minute zu Minute besser.
»Einverstanden. Die Wette gilt.«
*
Der Wind spielte mit Esthers langem Haar, als sie kräftig in die Pedale trat, um Ivo zu überholen. Er hatte an der Rezeption Fahrräder gemietet und war zurückgekehrt, als Esther gerade den letzten Schluck Kaffee getrunken hatte.
»Wer hat die Wette denn nun gewonnen?« rief sie ihm zu, und der Fahrtwind riß ihr das Lachen aus dem Mund.
»Ganz egal, Hauptsache, es macht Spaß! Gefällt es dir?« Ganz selbstverständlich waren sie inzwischen zum freundschaftlichen »Du« übergegangen. Die Antwort blieb sie ihm schuldig. Sie radelte wie wild an der Uferstraße entlang, daß Ivo Mühe hatte, ihr zu, folgen. »Hey, nicht so schnell. Wir machen doch kein Wettrennen!«
