Dem Leben dienen - Peter Spönlein - E-Book

Dem Leben dienen E-Book

Peter Spönlein

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Beschreibung

Die globale Lebenskrise unserer Zeit hat alle Lebensbereiche erfasst und markiert einen epochalen Wandel der Menschheitsgeschichte. Es genügt heute nicht mehr, Appelle an die Mächtigen in Politik und Wirtschaft zu richten, um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung anzumahnen. Als arbeitende und konsumierende Mitglieder in der heutigen Wirtschaft und Gesellschaft sind wir selbst betroffen von der Krise und Krankheit unserer Zeit des materialistischen Fortschritts. Die elementare Mystik und Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben", die Albert Schweitzer formuliert und praktisch vorgelebt hat, eröffnet uns eine neue geistige Richtung und praktische Wege, wie wir dem Leben von Mensch und Schöpfung zur Gesundung dienen können. Eine neue, fruchtbare Menschheitskultur wird nur aus diesem allseitigen Dienst am Leben von Mensch und Schöpfung hervorgehen können. Auf diesem Weg wird die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur ihre gegenwärtige Pubertätskrise überwinden und sich zur Vollgestalt menschlicher Reife im Dienst am Leben von Mensch und Schöpfung entwickeln können.

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Peter Spönlein

Dem Leben dienen

Die neue Menschheitskultur

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

 Die Zeichen der Zeit

 Gesund werden

 In Gemeinschaft leben

Teil I

Die Zeichen der Zeit

Krise und Erneuerung

Die heutige Epoche der sogenannten „Globalisierung“

Die „Risikogesellschaft“

Ende und Überwindung der Aufklärung

Menschheit in der Pubertät

Umsturz eines Weltbildes

Verschleppte Pubertät

Die „unsichtbare Hand“ – oder die Ambivalenz der Pubertät

Die neue Frage, die das Leben stellt

Zwei Propheten: Albert Schweitzer und Pierre Teilhard de Chardin

Gott und Mensch als Wille zum Leben und zur Liebe

Philosoph, Theologe, Musiker und Arzt

Erneuerer und Reformator des Christentums im 20. Jh.

Das Geheimnis des Heiligen in der Schöpfung

Die gegenwärtige Aktualität der „Ehrfurcht vor dem Leben“

Das „Gottesreich“ kommt nicht von selbst am „Ende der Zeit“

Der zentrale Inhalt des Christentums ist Mystik und Ethik

Das „Vaterunser“ als christliches Glaubenbekenntnis

Natur und Schöpfung als „göttliches Milieu“

Das Ziel der Evolution ist die Einigung allen Lebens

Der Mensch als Treuhänder der irdischen Schöpfung

Gott als Geheimnis und als „Super-Person“

Das „Gottesreich“ als menschlicher Kulturauftrag

Die Weltfremdheit der Kirchen und der Zivilberuf für den Pfarrer

Teil II

Gesund werden

Was macht uns krank?

Wir sind auf Beziehung und Ganzheit angelegt

Die Beziehung zur Schöpfung

Die menschliche Arbeit

Die Beziehung des Menschen zu sich selbst in der Einheit von Leib, Seele und Geist

Einübung in eine gesunde Lebensweise

Seelische Gesundheit und musische Bildung

Geistige Bildung

Die Beziehung zwischen Ich und Du

Mann und Frau

Entwicklung zu personaler Ganzheit

„Der Eros ist uns heilig“

Mann und Frau als Mitschöpfer Gottes

Wegwerfbeziehungen

Verliebt sein und lieben

Ein neuer Lebensraum für Kinder und Jugendliche

Ganzheitliche Bildung und selbst verwaltete Gemeinwesen

Kinder und Jugendliche

Alte Menschen

Die Beziehung zum Ewigen

Freundschaft mit allem, was lebt

Alles Leben mündet in ein göttliches Geheimnis

Das Erlebnis des Geheimnisvollen

Die größte Revolution

Die elementare Frömmigkeit der Ehrfurcht vor dem Leben

Gott in allem und über allem

Der Gottesdienst der Meditation und Aktion

„Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben“

Naturale und personale Meditation

Teil III

In Gemeinschaft leben

Dem Leben eine Heimat geben

Selbstverantwortliche Gemeinwesen

„Gleichheit ist Glück“

Wortführer und Wegbereiter

Mahatma Gandhi

Martin Buber

Erich Fromm

Ökologen für ein dezentrales Sozialsystem

Das Systembild des Lebens

Ist der Mensch von Natur aus egoistisch?

Gesellschaftsveränderung oder wahre Demokratie?

Astronomen des alten Weltbildes

Politiker

Der „homo oeconomicus“ – eine Karikatur des Menschen

„Kosmopolitische Realpolitik“

Die christliche Alternative

„Menschheit und Mutter Erde“

Ökologismus und Kommunitarismus

Biotechniker

Feministische Bewegung

Gemeinschaft als Lebensform des Friedens

Die wahre Globalisierung

Bildungsstätten

Schloss Tempelhof: Gemeinschaft und Bildungsstätte

„Weil wir es nicht wagen, ist es unerreichbar“

Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Vorwort

Dem Andenken an

Brunhilde Borchers

gewidmet, die das Werden dieses Buches

mit warmherziger Anteilnahme

begleitet hat

Der Rowohlt-Verlag hat mir empfohlen,

mein Buch bei Neobooks ins Internet zu stellen.

Dipl. Theol. Peter Spönlein

Bürgerwehrstraße 1

79183 Waldkirch

07681 490749

Gedicht

Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken

und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen

missbrauchen. Aber bei euch soll es nicht so sein,

sondern wer bei euch groß sein will,

der soll euer Diener sein.

Jesus (Markus, 10.42f)

Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf,

sondern zum Leben!

Dietrich Bonhoeffer

Was ist die Alternative zu Krieg und automatisiertem Leben?

Der Mensch muß die Entfremdung überwinden,

er muß sein Selbstgefühl zurückgewinnen,

er muß zur Liebe fähig werden

und seine Arbeit zu einer sinnvollen,

konkreten Tätigkeit machen.

Erich Fromm

Die Gewaltlosigkeit kann man nicht

auf eine Industriezivilisation gründen,

wohl aber auf selbst verwaltete Dörfer.

Mahatma Gandhi

Nur das Denken, das die Gesinnung der Ehrfurcht

vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig,

den ewigen Frieden heraufzuführen.

Albert Schweitzer

Die globale Lebenskrise unserer Zeit umfaßt weltweit alle Lebensbereiche und markiert einen epochalen Wandel der Menschheitsgeschichte. Es genügt darum nicht, daß wir lediglich Appelle an die Mächtigen in Politik und Wirtschaft richten, um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung anzumahnen. Es wird heute notwendig, die absolute Problemlösungsfähigkeit der Institutionen unserer modernen Zivilisation in Frage zu stellen und konkrete Alternativen zu benennen, die wir aus eigener Initiative selbst verwirklichen können und die der Heilung von Mensch und Schöpfung dienen.

Seit Jahrzehnten wird von weitsichtigen Menschen aus unterschiedlichen geistigen Richtungen eine kopernikanische Wende in Ökonomie und Politik angemahnt. Aber sie findet nicht statt, weil die notwendige Korrektur mit den Machtinteressen von Technologie, Ökonomie und Politik nicht vereinbar ist. Die Macht des Kapitalismus und seiner Finanzmärkte sowie der Klimawandel lassen sich nur im globalen Einverständnis aller Nationen unter Kontrolle bringen. Für die soziale Gerechtigkeit und für den Frieden gilt dasselbe wie für die Ökologie: Derartige Ziele können nicht aus dem Kalkül politischer oder ökonomischer Interessen, sondern nur aus einer ethischen Gesinnung verwirklicht werden.

Aber diese sucht man überall dort vergebens, wo Machtinteressen im Spiele sind. Der christliche Theologe und Tropenarzt Albert Schweitzer (1875 – 1965) beschließt sein Werk Kultur und Ethik (1923) mit den Worten: „Regeln über Friedensschlüsse, mögen sie noch so gut gemeint und noch so gut formuliert sein, vermögen nichts. Nur das Denken, das die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig, den ewigen Frieden heraufzuführen.“ Die Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ enthält die beiden Pole christlicher Spiritualität, die Hingabe an das göttliche Geheimnis allen Lebens und die Liebe zum Nächsten, die Albert Schweitzer auf alle Geschöpfe ausdehnt und die im praktischen Dienst am Leben von Mensch und Schöpfung verwirklicht wird. Ohne die Aktualisierung dieses elementaren religiösen Geistes, so Albert Schweitzer, ist in unserer Zeit kein Frieden möglich, weder im sozialen, noch im politischen Bereich, noch im Verhältnis der Menschen zur Natur.

Aus dieser Aktualisierung der Mystik und Ethik erwächst ein unerschöpfliches Potential für eine aktive und kreative Neugestaltung aller Lebensbereiche zu einer neuen globalen Kultur aus der Spiritualität der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Für diese Erneuerung erlebt der einzelne Mensch, der wach geworden ist für die Geschehnisse unserer Zeit, einen unmittelbaren Gestaltungswillen und eine Verantwortung, die nicht an Politiker delegiert werden kann. Denn die Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ drängt uns bereits jetzt, zu einem Zeitpunkt, da es noch keine politischen Lösungen für die gegenwärtige globale Lebenskrise gibt, uns in den Dienst am Leben von Mensch und Schöpfung zu stellen. Aber welcher praktische Weg der Erneuerung eröffnet sich, und was können wir aus eigener Initiative konkret tun? Das ist die Frage, der ich in diesem Buch nachgehen möchte. Ich sehe vor allem drei Schritte, mit denen wir, Menschen wie du und ich, einen Weg der Erneuerung aus dem Geist der „Ehrfurcht vor dem Leben“ beginnen können:

 Die Zeichen der Zeit

Zunächst geht es darum, die besondere Eigenart der Krise zu erkennen, in der sich die Menschheitsentwicklung gegenwärtig befindet und an der wir als einzelne Menschen mit beteiligt sind. Erst wenn wir verstehen, welcher epochale Wandel sich in unserer Zeit vollziehen will, können wir auch die besondere Aufgabe, Herausforderung und Chance wahrnehmen, die dieser Wandel für die Entwicklung der Menschheit und für uns als einzelne Menschen bedeutet. Daraus lassen sich dann auch die Wesenszüge des neuen Geistes erkennen, von dem eine Erneuerung aller Lebensbereiche ausgehen kann.

 Gesund werden

Unsere gesamte technokratische Zivilisation leidet an einer fortschreitenden Entfremdung vom Leben, von der wir als einzelne Menschen zwangsläufig mit betroffen sind. Der Weg der Heilung besteht darin, den Anschluß ans Leben neu zu finden, indem wir uns bewußt einüben in die vier elementaren Beziehungen menschlichen Lebens: In die Beziehung zur Schöpfung, zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen als Brüder und Schwestern und zum göttlichen Geheimnis allen Lebens. Darin besteht zugleich die Einübung in den neuen Geist der „Ehrfurcht vor dem Leben“, den Albert Schweitzer formuliert hat. Nur die Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ erfüllt den ganzheitlichen, ökumenischen und interreligiösen, den sozialen, ökonomischen und politischen Anspruch, aus dem eine neue menschliche Kultur geboren werden kann.

 In Gemeinschaft leben

Aus dieser Einübung in den neuen Geist einer neuen Epoche kann die Initiative entstehen, neuartige gemeinschaftliche Lebensformen zu bilden, selbst verwaltete Gemeinwesen als Werkstätten, in denen die Kunst des Lebens und des Friedens gelernt werden kann, während heute noch überall auf dieser Erde in Kasernen und auf Schlachtfeldern der Haß, die Feindschaft, das Töten und der Krieg geübt wird. Die tiefe soziale, ökologische, ökonomische und politische Krise der alten Nationalstaaten und die weltweite Flüchtlingsproblematik sind Phänomene eines umfassenden globalen Zerfalls der alten nationalen Völkerschaften und ihrer traditionellen Lebensformen. Nur in kleinen, selbständigen und selbst verwalteten Gemeinwesen wird es möglich sein, daß gleichberechtigte Mitglieder in gemeinsamer Verantwortung alle Bereiche des Lebens, das Arbeiten und Wirtschaften ebenso wie die Erziehung und Bildung und das soziale und kulturelle Lebenaus dem Geist der „Ehrfurcht vor dem Leben“ neu gestalten können. Solche neuen Lebensformen können zur sozialen Grundlage werden für die Entstehung einer neuen Ordnung der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung.

Die Frage nach dem Sinn und der Bedeutung der umfassenden globalen Lebenskrise der Gegenwart und die Frage nach der Aufgabe, die uns darin zukommt, werden wir erst dann recht beantworten können, wenn wir diese Krise als Geburtswehen einer neuen Zeit und einer neuen Menschheitskultur verstehen und durchstehen: Heute ist die Zeit, in der etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues geboren werden will. Durch bloße Reformen am Alten wird es jedoch nicht zum Leben kommen können. Die gegenwärtige globale Lebenskrise hat darum den Sinn, auf allen Gebieten des Lebens unsere persönlichen kreativen, geistigen und ethischen Kräfte, unseren Glauben und unseren Mut herauszufordern, um soweit es uns möglich ist in ersten Schritten die Vision von einer neuen Kultur aus der Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ zu verwirklichen.

Ich würde mich freuen, wenn diese Schrift einen Anstoß geben könnte, um zum Gespräch zu ermuntern über das Neue, das heute und künftig von uns getan werden kann. –

Peter Spönlein

Waldkirch, Juni 2015

Teil I

Die Zeichen der Zeit

Krise und Erneuerung

Im vergangenen Jahrhundert ereigneten sich zwei epochale Entdeckungen, die in ihrer Gegensätzlichkeit sehr genau die geistige Krise unserer modernen Zivilisation kennzeichnen und zugleich ihre Lösung andeuten und einen Weg der Erneuerung eröffnen: Es ist einerseits die Entdeckung der Atomenergie und die Erfindung der Atombombe und andererseits die Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten der Ökologie. Einerseits werden wir mit der Tatsache konfrontiert, daß die technische Autonomie des Menschen und seine Beherrschung der Natur imstande ist und darauf abzielt, alles Leben auf dieser Erde zu vernichten. Andererseits eröffnet die Einsicht in die ökologischen Gesetzmäßigkeiten, Beziehungen und Zusammenhänge in der Natur uns Menschen die reale Möglichkeit, diese Erde in ein Paradies zu verwandeln und eine globale Lebensordnung des Friedens und der Freundschaft zu verwirklichen mit allem, was lebt.

Im Jahr 1972 ist die denkwürdige Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ der Weltöffentlichkeit vorgestellt worden. Das Erscheinen dieser Studie markiert ein entscheidendes Datum in der Geistesentwicklung der Moderne. Zum ersten Mal werden Grenzen des techno-ökonomischen Fortschrittes sichtbar, jenseits derer dieser bisher so stolze Fortschritt in eine Katastrophe globalen Ausmaßes umzukippen droht. Was die Thesen dieser Studie so provokant macht, ist nicht so sehr der Appell an die Betreiber des Fortschrittes, ihre ehrgeizigen Programme herunterzufahren oder gar zu stoppen. Die Provokation und das Ärgernis der Grenzen des Wachstums liegt vielmehr in der Tatsache, daß nun der materialistische Fortschritt, der ja die Natur überwinden, besiegen und beherrschen wollte, offensichtlich eben gerade in dieser Natur einem völlig andersartigen geistigen System begegnet, das nun allen technischen und wirtschaftlichen Berechnungen zuwider läuft, ihnen die Stirn bietet, sie grundsätzlich in Frage stellt und ihnen überlegen ist.

Die Besonderheit des geistigen Systems der Natur besteht gerade darin, daß es das Wachstum der einzelnen Lebewesen durch die allseitige gegenseitige Ergänzung aller Organismen überwindet, und sich auf diesem Wege zu einem hoch komplexen System entwickelt, in dem jedem Organismus und jedem Element gleiche Bedeutung zukommt: Der Regenwurm ist ebenso wichtig wie der Elefant, das Gras genauso wichtig wie die Vögel, und das Wasser ist so wichtig wie die Erde. Durch diese Merkmale der sozialen Gleichheit und der Überwindung des Wachstums durch allseitige Ergänzung erwirbt die Natur die Fähigkeit, allen Lebewesen gerecht zu werden, sich stets zu erneuern und unsterblich zu bleiben.

Im modernen techno-ökonomischen System der Menschheit ist stetiges Wachstum von Wettbewerb, Produktion und Gewinn das oberste Ziel. Allseitige Ergänzung wird auf diesem Wege ausgeschaltet und unmöglich gemacht. Es gibt nur noch Gewinner und Verlierer. Der Arbeitsmarkt und der Verkauf von Gütern schafft nur eine scheinbare soziale Ergänzung; denn es wird nicht produziert, was zum Leben notwendig ist, sondern was sich verkaufen läßt. Sowohl die arbeitenden Menschen als auch der Handel dienen letztlich nicht dem Wohle aller, sondern begünstigen nur die wachsende Bereicherung und Macht der Reichen und den Nebeneffekt, die Natur zu zerstören, von und mit der wir leben. Die weltweite soziale Ungleichheit zwischen arm und reich ist geradezu das auffallendste Merkmal unserer menschlichen Gesellschaft, die in dem Maße ihrem eigenen Untergang zusteuert, wie sie auf ihren tödlichen Prinzipien weiterhin unbeirrt beharrt. Die Menschheit wird heute mit der schwer erträglichen Tatsache konfrontiert, daß das biologische, ökonomische und soziale System der Natur offensichtlich weitaus genialer ist als das menschliche System der modernen Zivilisation. In der Evolution des Lebens herrscht auch, wie wir heute wissen, keineswegs primär und ausschließlich ein „Kampf ums Dasein“, den Charles Darwin (1809-1882) noch als Antriebsenergie in der Entwicklung der Natur angenommen hat und den sich die moderne Zivilisation offenbar zu ihrem Leitmotiv erwählt hat. Joachim Bauer, Professor für Medizin und Psychiatrie in Freiburg, hat dargelegt, daß der Mensch aufgrund seiner genetischen, neurobiologischen und psychischen Konstitution von Natur aus auf Kooperation angelegt ist und eben gerade nicht auf einen „Kampf ums Dasein“.

Durch die Einsichten in die globalen Reaktionen der Natur auf den ehrgeizigen menschlichen Plan unbegrenzten materiellen Fortschrittes ist dieses gesamte Projekt nun innerhalb weniger Jahrzehnte fragwürdig geworden. Wie schwer seinen wirtschaftlichen und politischen Betreibern die Konfrontation mit dieser Tatsache fällt, zeigt die Zähigkeit der Verhandlungen etwa im Prozeß der Weltklima-Konferenzen oder der Hilfe für die armen Länder der Erde. Man kann heute schon sagen: Der ehrgeizige Traum vom endlosen materiellen Fortschritt ist ausgeträumt. Er ist bereits gescheitert durch die globalen Probleme, die er ausgelöst hat: Die noch immer zunehmende Gefährdung des Friedens, die immer schärfere soziale Spaltung der Menschheit in arm und reich und die massive Störung des globalen ökologischen Gleichgewichtes.

Bei uns im Abendland war der christliche Theologe und Tropenarzt Albert Schweitzer (1875-1965) im vergangenen Jahrhundert wohl die durch ihre Glaubwürdigkeit prominenteste Persönlichkeit, welche die umfassende geistige, moralische und existentielle Gefährdung der Menschheit am deutlichsten wahrgenommen und zur Sprache gebracht hat. Für ihn fand diese Gefährdung ihren mächtigsten Ausdruck im militärischen Einsatz der Atomenergie. Albert Schweitzer nahm öffentlich Stellung gegen die Anwendung der Atombombe und gegen die Kernwaffenversuche Den einzig möglichen Ausweg aus der Gefahr sieht er in der Praxis der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Auch wenn ihm die Erkenntnisse über die ökologische Struktur allen Lebens damals noch nicht zugänglich waren, so hat er doch die ganze Spannung der beiden extremen geistigen Pole des 20. Jahrhunderts wahrgenommen und in sich ausgetragen: Auf der einen Seite die reale technische Möglichkeit der Vernichtung allen Lebens auf dieser Erde und auf der anderen Seite der einzig mögliche Ausweg aus dieser Gefahr durch das geistig-ethische Prinzip der Anteilnahme, der Einfühlung in anderes Leben, das Prinzip der Solidarität, der allseitigen Ergänzung und Mitverantwortung und der tätigen Hilfe aus praktizierter Ehrfurcht gegenüber allem Leben: „Die unmittelbarste und umfassendste Tatsache des Bewußtseins lautet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. ... Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. ... Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ „In der Hauptsache gebietet die Ehrfurcht vor dem Leben dasselbe wie der ethische Grundsatz der Liebe. Nur trägt die Ehrfurcht vor dem Leben die Begründung des Gebotes der Liebe in sich und verlangt Mitleid mit aller Kreatur.“ „Dem wahrhaft ethischen Menschen ist alles Leben heilig. Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe, sie ist die als denknotwendig erkannte Ethik Jesu.“

In der „Ehrfurcht vor dem Leben“ aktualisiert Albert Schweitzer den zentralen Inhalt christlicher Spiritualität, die Gottes- und Nächstenliebe, für unsere Zeit. Diese beiden christlichen Gebote waren zwar bereits in den Zehn Geboten des Mose enthalten, wurden aber von Jesus als die beiden höchsten und wichtigsten Gebote in die Mitte menschlichen Lebens gestellt. So wie die christliche Spiritualität die beiden Pole der Mystik und Ethik, der Hingabe an Gott und der tätigen Liebe zum Mitmenschen enthält, so auch die „Ehrfurcht vor dem Leben“. Albert Schweitzer sieht allerdings die Nächstenliebe nicht auf den Menschen beschränkt, sondern weitet sie aus auf alle Geschöpfe dieser Erde, auch auf die Tiere und Pflanzen, mit denen wir Menschen eine große Lebensgemeinschaft bilden. Albert Schweitzer ist zutiefst davon überzeugt, daß eine neue globale Kultur des Friedens und der Gerechtigkeit nur auf dieser geistigen Grundlage der Mystik und Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ verwirklicht werden kann.

Ein nüchterner Blick auf den humanen, sozialen und ökologischen Notstand unserer modernen Zivilisation und auf die politischen Spannungen und Krisen in der Welt läßt begründete Zweifel aufkommen, ob sich der ethische Anspruch der „Ehrfurcht vor dem Leben“ innerhalb der gegebenen Lebensverhältnisse verwirklichen läßt. Außerdem ist die Möglichkeit der Selbstvernichtung der Menschheit bis heute noch nicht aus der Welt geschafft. Wir müssen uns deshalb heute eine entscheidende Frage stellen, – und wenn ich „wir“ sage, so meine ich damit keine anonyme Instanz wie Ökonomie, Politik oder Gesellschaft, sondern ich meine Menschen wie du und ich. Die Frage lautet: Auf welchem Weg können wir die religiöse Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ zum praktischen Anfang einer neuen menschlichen Kultur werden lassen, die künftig allem Leben dieser Erde eine Heimat bieten kann?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, werfen wir zunächst einen Blick auf die Problematik unserer Zeit, um den geistigen und historischen Standort auszumachen, an dem wir heute stehen. Erst von hier aus läßt sich dann die neue Richtung und schließlich auch der Weg erkennen, den wir künftig einschlagen können, um uns auf dieser Erde einer praktischen Lebensform der „Ehrfurcht vor dem Leben“, des Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung schrittweise anzunähern. Die beiden folgenden Abschnitte über die sogenannte „Globalisierung“ und die „Risikogesellschaft“ erheben nicht den Anspruch einer vollständigen Analyse. Sie wollen lediglich einige Fakten in Erinnerung rufen, welche die Tatsache beleuchten, daß die gegenwärtige Entwicklung der Menschheit, die von Vertretern der Wissenschaft, Technologie, Ökonomie und Politik als segensreicher Fortschritt gepriesen wird, in Wirklichkeit hinter ihrer glänzenden Fassade einen rasanten Fortschritt der Not, des Elends, des Zerfalls und der Zerstörung in allen Bereichen des Lebens auf dieser Erde erzeugt.

Die heutige Epoche der sogenannten „Globalisierung“

Wenden wir uns zunächst dem Phänomen der sogenannten „Globalisierung“ zu. Die historischen Wurzeln der Globalisierung reichen zurück bis in die Zeit der Kolonialisierung im 19. Jh. In gewissem Sinne ist das, was wir heute Globalisierung nennen, lediglich eine Weiterentwicklung der Kolonialisierung: Denn selbst wenn die Entwicklungsländer inzwischen politische Unabhängigkeit erreicht haben, so werden sie durch die großen Industrienationen und die Mechanismen des Welthandels doch immer noch ausgebeutet und in ihrer eigenen wirtschaftlichen Selbständigkeit behindert. Gleichzeitig wächst aber auch in den Industrienationen die soziale Not durch eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft zwischen arm und reich.

Die rasante wirtschaftliche Expansion hat seit dem zweiten Weltkrieg dazu geführt, daß die großen Industrienationen ihre Märkte über den ganzen Globus ausgeweitet haben. Immer mehr Firmen gehen dazu über, Teile ihrer Produktion in sogenannte Billiglohnländer zu verlegen, was einen wachsenden Druck auf das Lohnniveau im Mutterland zur Folge hat. Dadurch wird der internationale Wettbewerb gewaltig angeheizt. Dieser verschärfte Wettbewerb hat wiederum zur Folge, daß Unternehmen zunehmend große Zusammenschlüsse bilden, um auf dem Weltmarkt besser bestehen zu können.

Dadurch erhalten derartige Zusammenschlüsse eine enorme Wirtschaftsmacht, die nicht nur den Markt beherrscht, sondern auch zunehmend die Politik und die sozialen Verhältnisse. Verstärkte Rationalisierung und Automatisierung erlauben es, Arbeitsplätze zu streichen, um billiger produzieren zu können. Einen entscheidenden Schub erhielt diese Entwicklung durch die stürmischen Innovationen auf dem Gebiet der Informationstechnologie.

Mit ihrer Hilfe ist es nun möglich geworden, ein internationales Netz von assoziierten Firmen von einem Zentrum aus spielend leicht zu dirigieren. Die großen Firmenzusammenschlüsse wurden schließlich mit ihren Riesengewinnen zu Wertmaßstäben an den Börsen. Der Einzug der Informationstechnologie an den internationalen Börsen und Finanzmärkten hat es ermöglicht, daß nun ein global vernetztes ökonomisches Machtimperium entstanden ist, das in der Lage ist, die ganze Welt zu regieren und in ein einziges globales Dorf zu verwandeln.

Damit einher geht nun auch der Anspruch der Wirtschaft, alle Lebensbereiche dem ökonomischen Prinzip zu unterwerfen und damit das traditionelle Verständnis von Demokratie zu untergraben. In seinem Buch Die Machtwirtschaft schreibt Christian Nürnberger: „Den Sinn allen Wirtschaftens in höheren Dividenden und Aktienkursen aufgehen zu lassen, schon das allein ist inakzeptabel für eine Gesellschaft, die sich laut Verfassung als soziale Demokratie versteht. Vollends unzumutbar für demokratische Gesellschaften ist das Bestreben der Shareholder-value-Verfechter, ihre ökonomische Sichtweise auf andere gesellschaftliche Bereiche auszuweiten und zu verlangen, die Politik, das Bildungswesen, die Wissenschaft, der Sport, die Medien und sogar die Kultur hätten sich um der internationalen Wettbewerbsfähigkeit willen ökonomischen Prinzipien zu unterwerfen. Das wird zwar so von niemandem explizit gesagt, aber die Summe aller vorgetragenen öffentlichen Forderungen aus der Wirtschaft läuft genau auf diesen Ökonomismus hinaus.“

Das bedeutet nun auch, daß gleichzeitig die Menschen als Arbeitende, als Kunden und Konsumenten in eine völlige Abhängigkeit von der Ökonomie geraten und ihre Selbständigkeit und Freiheit verlieren. Denn der Herrschaft des modernen techno-ökonomischen Imperiums kann sich heute niemand mehr entziehen. So hat sich z.B. die Technologie der elektronischen Datenverarbeitung bereits über den ganzen Globus verbreitet. Prompt haben auch die europäischen Regierungschefs auf ihrer Gipfelkonferenz in Lissabon im Jahre 2000 vereinbart, in ihren Nationen die perfekt vernetzte „Informationsgesellschaft“ einzuführen: Jeder Bürger solle künftig durch eine entsprechende Ausbildung Anschluß ans Netz bekommen, und bereits die Kinder sollen in den Schulen mit der neuen Technologie vertraut gemacht werden. Inzwischen muß jeder Bürger um die Sicherheit seiner persönlichen Daten bangen, die in den Institutionen von Ökonomie und Bürokratie gespeichert werden. Gleichzeitig drängt auch die Gen-Technik überall unaufhaltsam auf den Markt. Ethische Bedenken vermögen den Vormarsch dieser Technologie nicht aufzuhalten. Das nüchterne Prinzip der neoliberalen Ökonomie und Technologie heißt: Zuwachs an Gewinn und Macht – um etwas anderes geht es schon längst nicht mehr!

Noch vor etwa vierzig Jahren wurde die zunehmende Automation gepriesen als ein Mittel zur Humanisierung der Arbeit: Eintönige Arbeit werde künftig von elektronischer Technologie übernommen, so hieß es, und die Menschheit gehe einem goldenen Zeitalter, der sogenannten Freizeitgesellschaft, entgegen. Heute ist davon nichts mehr übriggeblieben: Im Jahr 2001 gibt es 34 Millionen Arbeitslose allein in den reichen Nationen und weltweit zwei Milliarden Menschen, deren Einkommen unter zwei Dollar am Tag liegt. Wir haben uns bereits daran gewöhnt, dass unsere ständig wachsende „Volkswirtschaft“ jedes Jahr einige Millionen Menschen in die „Arbeitslosigkeit“ entlässt. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes als Reaktion auf die neue Computertechnologie war bereits seit Jahrzehnten vorauszusehen, aber es wurde nichts unternommen, um diesem sozialen Problem rechtzeitig gegenzusteuern. Bereits 1978 prognostizierte Dieter Balkhausen in seinem Buch Die dritte industrielle Revolution folgende Trends: „Weniger Arbeitsplätze, wo die Mechanik durch Elektronik ersetzt wird. Freisetzungen, wo die Automaten kontrollieren, messen, steuern und Arbeitsvorgänge einsparen. – Die Gesamtzahl der Arbeitsplätze nimmt ab. – Die Zahl der weniger Qualifikationen erforderlichen Jobs nimmt besonders stark ab. – Traditionelle Facharbeiter- und Sachbearbeiterstellen werden ebenfalls weniger. – Vergleichbare Qualifikationen wachsen nur langsam nach. – Die Zahl der Hochqualifizierten steigt; die Anforderungen an die Höchstqualifizierten steigen ständig.“

Führende Wirtschaftskreise gehen bereits heute davon aus, daß noch in diesem Jahrhundert nur noch zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung gebraucht werden, um die Wirtschaft in Gang zu halten. Auf einer internationalen Konferenz von Wirtschaftsführern, die im Jahre 1995 in den USA stattfand, antwortete ein Manager auf die Frage, was aus den übrigen achtzig Prozent werden soll, die keinen Job haben, es sei eben künftig die Frage, „to have lunch or be lunch“ – zu essen zu haben oder gefressen zu werden.

Ganz unabhängig davon, ob diese Perspektive realistisch ist oder nicht, mag diese beiläufige Bemerkung aus dem Munde eines Wirtschaftsstrategen illustrieren, zu welcher zynischen Menschenverachtung die künftige Zivilisation eines global vernetzten Planeten fähig sein wird, die eine einzige Dynamik antreibt: Tote Gewinne an Geld und Macht mit einer toten Technologie zu erzielen. Diese „Nekrophilie“, die „Liebe zum Toten“ im Unterschied zur „Biophilie“, der „Liebe zum Leben“, hat Erich Fromm als das charakteristische Merkmal unserer industriellen Zivilisation bezeichnet.

Gleichzeitig nimmt die Spaltung zwischen Reich und Arm in unserer Gesellschaft immer mehr zu. Die Informationstechnologie spielt bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Der amerikanische Soziologe Manuel Castells spricht von einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft: „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. ... An die Stelle der Ausbeutung der Schwächeren, wie wir sie aus der industriellen Ära kennen, tritt heute eine viel schrecklichere Form der Ausschließung: Menschen, die nicht über die nötige Bildung und Technologie verfügen, werden ignoriert, weil sie weder als Produzenten noch als Konsumenten gebraucht werden, wenn sie nicht mit dem Netz verbunden werden können. Sie fallen in ein schwarzes Loch. ... Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der die Chance, ohne hochgradige Ausbildung ein gutes Leben zu führen, sehr, sehr gering ist.“ In Deutschland ist diese Polarisierung der Gesellschaft bereits in der Form im Gange, daß sich eine Zwei-Drittel-Gesellschaft herausbildet: Ein Drittel der Bevölkerung lebt ständig in der Gefahr, in die Armut abzurutschen, während zwei Drittel im Wohlstand leben, wobei das oberste Drittel ca. 75 Prozent des gesamten privaten Geldvermögens auf sich vereinigt. Im Jahr 2006 sind in Deutschland 10,6 Millionen, im Jahr 2015 12,5 Millionen Menschen, das sind 13, bzw. 15 Prozent der Bevölkerung, unmittelbar von Armut bedroht; d.h. sie müssen monatlich mit 856 Euro und weniger auskommen, was 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens entspricht. Im Jahr 2008 ist jeder vierte Bundesbürger von Armut betroffen oder muß durch staatliche Leistungen vor ihr bewahrt werden. In den USA lebten im Jahr 2000 elf Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Auch auf globaler Ebene klafft die Schere zwischen Reich und Arm immer mehr auseinander. So hat sich z.B. von 1965–1990 der Welthandel verdreifacht, und der Austausch der Dienstleistungen stieg um mehr als das Vierzehnfache, aber das ärmste Fünftel der Weltbevölkerung hat kaum davon profitiert: Sein Anteil am Welthandel beträgt lediglich ein Prozent.

Während im Jahr 1999 der Weltclub der Milliardäre noch 450 Mitglieder zählte, sind es im Jahr 2006 bereits 793. Sie repräsentieren ein Vermögen, das wesentlich größer ist als die Summe der Bruttosozialprodukte aller armen Länder, die 56 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

Wenn Konzernmanager Millionen verdienen und gleichzeitig Tausende von Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden oder Löhne erhalten, von denen sie nicht leben können, dann ist das ein sozialer Skandal. Wir haben keinen Grund, auf unsere freiheitliche Demokratie stolz zu sein, solange die sozialen Verhältnisse sich zunehmend nach rückwärts entwickeln, etwa in die Zeit der ersten industriellen Revolution und des Proletariates oder des Mittelalters, als Könige und Fürsten ihre Untertanen nach Belieben ausgebeutet haben.

Dem Machtimperium der Wirtschaft ist die Entstehung sozialer Probleme völlig gleichgültig geworden, es fühlt sich nicht mehr eingebunden in eine soziale Solidarität. Gleichzeitig verliert die Politik ihre kontrollierende und regulierende Kraft, sie gerät immer mehr in die Abhängigkeit der Wirtschaft. Die Politiker werden zu Marionettenfiguren und Hausmeistern der Wirtschaft, sie fungieren nur noch als Feuerwehr, um die zahllosen Brände und Krisen in allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft einigermaßen unter Kontrolle zu halten, was ihnen aber auf Dauer nicht mehr gelingen kann. Diese Ohnmacht der Politik kann schließlich in der Bevölkerung den Ruf nach dem „starken Mann“ auslösen und die Entstehung totalitärer Regime begünstigen.

Wirtschaftliches Wachstum, der entscheidende Eckpunkt des ganzen Systems neoliberaler Ökonomie, kann nur noch mit dem zunehmenden Risiko eines weltweiten sozialen und ökologischen Notstandes erkauft werden. Das bedeutet aber: Das erklärte Ziel endlosen Wirtschaftswachstums wird zum Feind des Lebens. Es ist mit einer positiven Weiterentwicklung des Lebens von Mensch und Schöpfung nicht mehr zu vereinbaren. Schon heute, nach zweihundert Jahren moderner technischer, industrieller und ökonomischer Entwicklung, kann man sagen, daß dieses System nicht in der Lage ist, auf Dauer zu existieren und die Menschheit in eine bessere Zukunft zu führen. Je offensichtlicher sich diese Perspektive abzeichnet, umso perfekter und gigantischer wird die Organisation und das globale Getriebe der „Megamaschine“, wie Lewis Mumford in seiner Studie über den Mythos der Maschine die moderne Zivilisation des globalen Computerzeitalters nennt. Er kommt zu dem Schluß: „Nur einer Sache können wir gewiß sein: Wenn der Mensch seiner programmierten Selbstvernichtung entkommen soll, dann wird der Gott, der uns schützt, kein ‚deus ex machina’ sein – er wird in der menschlichen Seele auferstehen.“

Bei der globalen Finanzkrise im Herbst 2008 wurden von den Staaten der Welt mehr als 3100 Milliarden Euro an Geldmitteln aus öffentlichen Steuergeldern zur Verfügung gestellt, um das internationale Bankensystem zu retten, das von geldgierigen, verantwortungslosen und kriminellen Managern an den Rand des Ruins gebracht wurde. Zusätzlich wurden weltweit mehr als 1300 Milliarden Euro für Konjunkturprogramme bereitgestellt, um die rückläufige Wirtschaftsentwicklung wieder in Gang zu bringen. Zur gleichen Zeit genehmigen sich Bankmanager millionenschwere Bonuszahlungen trotz der globalen Finanzkrise und wirtschaftlichen Rezession, die sie selbst verursacht haben. Diese Ereignisse dokumentieren den brutalen Egoismus unseres liberal-kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftssystems, das aufgrund seines globalen Machtmonopols das Leben von Mensch und Schöpfung willkürlich beherrscht und bedrückt. Systeme lebensbedrohender Macht haben aber in der Evolutions- und Menschheitsgeschichte auf Dauer keine Überlebenschance: Entweder sie zerstören sich irgendwann gegenseitig oder sie brechen in sich selbst zusammen, weil sie dem Leben nicht zu dienen vermögen. Denn das Lebensprinzip der Evolution beruht nicht auf der Zuspitzung von Machtstrukturen wie etwa in der Monarchie, der Diktatur oder in der kapitalistischen Ökonomie: Es beruht im Gegenteil gerade auf der Verhinderung von Machtkonzentrationen einzelner Species durch eine zunehmende Vielfalt der Arten und Organismen und deren allseitiger und gegenseitiger Ergänzung. Wenn darum als Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise dringend notwendige Maßnahmen zur Lösung der sozialen Probleme in den einzelnen Ländern, zur Rettung des Weltklimas, für die Entwicklungshilfe und für die Hungersnot von nahezu einer Milliarde Menschen auf dieser Erde zurückgestellt werden, dann ist in diesen Mißständen das Menetekel, die tödliche Krankheit und der geistige und ethische Bankrott unserer so maßlosen und arroganten Zivilisation zu sehen: „ Gezählt hat Gott die Tage deiner Herrschaft und macht ihr ein Ende. Gewogen wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden. Geteilt wird dein Reich und anderen gegeben“ (Daniel 5.25-27). Keine äußerlichen Reparaturen, gesetzlichen Reglementierungen und schärferen Kontrollen werden die tödliche Krankheit unserer von der Diktatur kapitalistischer Ökonomie beherrschten Zivilisation beheben und heilen können. Hier gilt dasselbe, was Albert Schweitzer als Bedingung für den Frieden geäußert hat: „Regeln über Friedensschlüsse ... vermögen nichts. Nur das Denken, das die Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig, den ewigen Frieden heraufzuführen.“

Die „Risikogesellschaft“

Je perfekter und gigantischer sich die „Megamaschine“ der Technik und Wirtschaft entwickelt, um so mehr entzieht sie sich menschlicher Kontrolle und um so gefährlicher wird das Risiko für das Leben von Mensch und Schöpfung. „Im Modernisierungsprozeß werden mehr und mehr auch Destruktivkräfte in einem Ausmaß freigesetzt, vor denen das menschliche Fassungsvermögen fassungslos steht“, so der Soziologe Ulrich Beck. Unsere Wohlstandsgesellschaft entwickelt sich mehr und mehr zu einer „Risikogesellschaft“, wir sitzen auf einem „zivilisatorischen Vulkan“. „In der entwickelten Moderne entsteht ein neuartiges Gefährdungsschicksal, das unter dem Vorzeichen der Angst steht und gerade kein traditionelles Relikt, sondern ein Produkt der Moderne ist, und zwar in ihrem höchsten Entwicklungsstand. Kernkraftwerke – Gipfelpunkte menschlicher Produktiv- und Schöpferkräfte – sind seit Tschernobyl auch zu Vorzeichen eines modernen Mittelalters der Gefahr geworden. Sie weisen Bedrohungen zu, die den gleichzeitig auf die Spitze getriebenen Individualismus der Moderne in sein extremstes Gegenteil verkehren. ... Gegen die Bedrohung der äußeren Natur haben wir gelernt, Hütten zu bauen und Erkenntnisse zu sammeln. Den industriellen Bedrohungen der in das Industriesystem hereingeholten Zweitnatur sind wir geradezu schutzlos ausgeliefert. Gefahren werden zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst so streng kontrollierten Schutzzonen.“

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind es nicht mehr die natürlichen Krankheiten und Katastrophen, die uns bedrohen, sondern die Krankheiten und Katastrophen, die wir durch unsere so fortschrittliche zivilisatorische Lebensweise selbst produzieren und auslösen: Die wachsende Zahl der Zivilisationskrankheiten, die nicht abreißende Kette von Lebensmittelskandalen, die BSE-Krise, die unabsehbaren Gefahren der Atomenergie und der Atomwaffen, die Not und das Elend in den armen Ländern der Erde und die wachsende Armut in den reichen Ländern. Die Bedrohung der westlichen Welt durch den Terrorismus ist letztlich nur eine Reaktion auf die Überheblichkeit und die Ungerechtigkeit des reichen Teiles der Welt gegenüber dem armen. Die Gefahr des Terrorismus ist nicht kalkulierbar und letztlich wohl auch nicht mit Gewalt zu besiegen, sondern nur dadurch, daß die Ursachen beseitigt werden, die Terrorismus entstehen lassen: Die Arroganz des westlichen, insbesondere des amerikanischen Imperialismus. Solange dies nicht geschieht, werden Terroristen zu allem bereit sein. In der Zeit des Kalten Krieges zwischen Ost und West konnte die Gefahr eines atomaren Krieges noch durch gegenseitige Abschreckung gebannt werden. Heute ist die Atomgefahr völlig unberechenbar geworden. „Ich behaupte sogar“, so Erhard Eppler in einem Interview, „sie war noch nie größer als heute. Die Geheimdienste aller großen Nationen sind inzwischen zu einem beträchtlichen Teil mit den Gefahren atomaren Terrors beschäftigt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man die ganze Erde mit Atomkraftwerken voll pflastern kann, ohne daß es zu einem atomaren Terrorismus kommt. Und der atomare Terrorismus wäre das Ende unserer Zivilisation.“ Derzeit sind in Europa 200 Atomkraftwerke in Betrieb und weltweit 443 in 31 Ländern.

Die Gefahren für die biologische Umwelt sind unabsehbar geworden. Obwohl die katastrophalen ökologischen, humanen und wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels bekannt sind, ist eine wirksame weltweite Initiative zur Reduzierung der Treibhausgase noch immer nicht in Sicht. Vor fast vierzig Jahren hat der Club of Rome seine berühmte Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht. Er warnte vor den Folgen eines ungezügelten Wirtschaftswachstums und hielt einen „geistigen Wandel kopernikanischen Ausmaßes“ für erforderlich, um die Katastrophen zu vermeiden, die uns bei unveränderter Entwicklung der modernen Industriegesellschaft drohen. Ein zweiter Bericht des Club of Rome über Die neuen Grenzen des Wachstums stellte zwanzig Jahre später (1992) fest, daß die Grenzen bereits überschritten sind. Bis heute sind die Bemühungen des Club of Rome erfolglos geblieben.

Aber die Stimmen der Mahner sind seither nicht verstummt. Die „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“, eine Einrichtung der Vereinten Nationen, veröffentlichte 1987 unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ den sogenannten Brundtland-Bericht, ein Konzept für eine Entwicklung, die die Menschheit vor künftigen Katastrophen bewahren soll und die „den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Ernst-Ulrich von Weizsäcker veröffentlichte 1989 eine umfangreiche Studie mit dem Titel „Erdpolitik.“ Er äußert darin die Befürchtung, daß künftig eine neue Form von Diktatur entstehen kann, die sich genötigt sieht, „die begrenzten Ressourcen zu rationieren, das Wirtschaftsgeschehen im Detail zu lenken und von oben festzulegen, was Bürger um der Umwelt willen tun und lassen müssen.“ Auch Klaus Wiegand, der Initiator der „Stiftung Forum für Verantwortung“ und einer zwölfbändigen Dokumentation zum Thema Nachhaltigkeit (S. Fischer Verlag, Frankfurt, Januar 2007), sieht diese Gefahr, wenn wir nicht die Chance wahrnehmen, „eine gerechtere und lebenswertere Zukunft für uns und die zukünftigen Generationen zu gestalten.“ Ein Haupthindernis, dieses Ziel zu erreichen, sieht er in den „kurzfristigen Zielsetzungen in unserer Wirtschaft wie Gewinnmaximierung und Kapitalakkumulierung.“

Im Juni 2008 stellt die Internationale Energie-Agentur (IEA) fest: „ Trotz der weltweiten Anerkennung des Problems (des Klimawandels) sind die Emissionen (von Treibhausgasen) in den vergangenen Jahren immer schneller angestiegen.“ Die IEA schätzt die notwendigen Investitionen für den Klimaschutz bis 2050 auf 45 Billionen Dollar. Sie empfiehlt, bis zur Mitte des Jahrhunderts weltweit 1300 weitere Atomreaktoren und 710 000 Windkraftanlagen zu bauen. Mit immensen Summen Geldes und einer dreifachen Steigerung lebensfeindlicher Atomtechnik glaubt man, der umfassenden und globalen Lebenskrise Herr werden zu können. Derartige Perspektiven zeigen nur allzu deutlich: Solange die herkömmliche Denk- und Lebensweise und die Ansprüche der modernen Zivilisation aufrecht erhalten bleiben, erweist sich das herkömmliche ökonomische und politische System als hilflos und ohnmächtig gegenüber der Lebenskrise, die es verursacht hat. Abhilfe und Überwindung der Krise ist nur in dem Maße möglich, wie die geistige Basis des alten Systems grundsätzlich in Frage gestellt wird und eine neue, religiös und ethisch motivierte Beziehung zum Leben von Mensch und Schöpfung an dessen Stelle tritt. Und nur auf dieser neuen geistigen Grundlage wird ein völlig neuer menschlicher Lebensstil und neue soziale Lebensformen und Wirtschaftsweisen entstehen können, die geeignet sind, der Wohlfahrt des Lebens von Mensch und Schöpfung zu dienen.